2
1. Einleitung 3
2. Die Gattung Lied im späten 18. und beginnenden 19. Jahrhundert 4
3. Lebenslauf und erste musikalische Einflüsse S.6
4. Die Textvorlage 7
5. Analyse des Liedes „Gretchen am Spinnrade“ 9
6. Fazit 14
7. Literaturverzeichnis 16
8. Anhang 17
1. Einleitung
Die Geburtsstunde des deutschen romantischen Liedes, so findet man in „Die Musik in Geschichte und Gegenwart“, erfolgt nach weitgehend konsentierter Einschätzung im Jahre 1814 mit der Komposition von Gretchen am Spinnrade durch den 17-jährigen Franz Schubert. 1 Ein nach heutigen Maßstäben nicht einmal volljähriger Junge begründet also eine ganze Epoche und lässt eine Gattung aufleben, geradezu reifen, in ihrer Neuartigkeit überhaupt erst entstehen, der bis dahin die Zugehörigkeit zur großen Kunst abgesprochen worden war. 2 Der bedeutende Liedinterpret und Opernsänger Dietrich Fischer- Dieskau notiert für diese Zeit ebenfalls die Entstehung einer besonderen Liedgattung, der des Schubertliedes, würdigt, die „Vereinigung von Poesie und Tönen [ist] noch nie vorher so vollkommen gelungen“. 3 Schubertlied und Romantisches Lied lassen sich dabei scheinbar nicht voneinander trennen, wird der Komponist doch oft als Inbegriff eben jener Epoche verstanden, zu deren Entstehung er beitrug. Der Musikwissenschaftler Thrasybulos Georgiades geht noch einen Schritt weiter, teilt die abendländische Musiktradition ein in die beiden wesentlichen Epochen vor und nach Schubert. 4 Zwar bezieht er damit auch dessen Instrumentalschaffen ein, doch stellt die Liedkunst des Komponisten als seine vollkommenste Stärke heraus. Wie konsistent und sinnvoll sind jedoch diese Einteilungen, wie viel Gehalt darf man den Worten beimessen und wie viel davon ist übertriebene Schwärmerei? Anders formuliert: Welche Bedeutung hat das Lied „Gretchen am Spinnrade“ tatsächlich und aus welchem Grund besitzt es in der Literatur diese herausragende Stellung?
Das zu klären, soll das Ziel dieser Arbeit sein. Dazu ist es notwendig, zuvorderst einen Blick auf die Ausgangslage des Liedes zu werfen und zu beleuchten, welche Entwicklung diese Gattung bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts genommen hat. Im Anschluss soll ein kurzer Überblick über den Lebenslauf des Komponisten Schubert gegeben werden, mögliche Einflüsse herausgearbeitet und das Wirken seiner Lehrer dargestellt werden. Bevor sich dann der Analyse des Liedes gewidmet wird, bietet es sich an, das Verhältnis von Goethe und Schubert zu umreißen und die Textvorlage näher zu beleuchten. Um die oben angeführte Frage zu beantworten, werden abschließend die gewonnenen Erkenntnisse zusammengefasst und die Bedeutung des Werkes auf Schuberts Gesamtschaffen sowie die Entwicklung der Gattung projiziert.
1 Vgl. Jost, Peter: Lied, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, hrsg. von Ludwig Fischer, Sachteil Band 5,
2. Neubearbeitete Ausgabe, Kassel u.a. 1997,Sp.1292.
2 Vgl. Vgl. Vgl. Dittrich, Marie-Agnes (Hrsg.): Harmonik und Sprachvertonung in Schuberts Liedern, Hamburg 1991,S. 38.
3 Fischer-Dieskau, Dietrich (Hrsg.): Schubert und seine Lieder, Stuttgart 1996, S.49.
4 Vgl. Georgiades, Thrasybulos G. (Hrsg.): Schubert: Musik und Lyrik, Göttingen 1967, S. 180ff.
2. Die Gattung Lied im späten 18. und beginnenden 19. Jahrhundert
,,Lied. Mit diesem Namen bezeichnet man überhaupt jedes lyrische Gedicht von mehreren Strophen, welches zum Gesange bestimmt, und mit einer solchen Melodie verbunden ist, die bey jeder Strophe wiederholt wird, und die zugleich die Eigenschaft hat, daß sie von jedem Menschen, der gesunde und nicht ganz unbiegsame Gesangsorgane besitzt, ohne Rücksicht auf künstliche Ausbildung derselben, vorgetragen werden kann." 5
Mit diesen Worten wird in Kochs Lexikon von 1802 die Gattung des Liedes beschrieben. Zwei Aspekte sind sogleich auffällig. Zum einen geht der Autor davon aus, die Melodie müsse in den verschiedenen Strophen eines Liedes stets wiederholt werden, zum anderen für solle sie für jedermann singbar sein. Das Lied als Gattung des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts war geprägt durch Komponisten wie Carl Friedrich Zelter, Johann Friedrich Reichardt und Johann Abraham Peter Schulz, welche der Zweiten Berliner Liederschule zugerechnet werden. 6 Gemeinsam ist Ihnen dabei ein nahezu dogmatisches Verlangen nach Natürlichkeit und Einfachheit, die in der Definition spürbar wird und mit der man sich ablehnend gegenüber anderen Epochen und Formen zeigte, welche nicht diesem Grundsatz untergeordnet waren. 7 Der Anspruch des Einfachen ist dabei eng im politischen Kontext zu sehen und insbesondere mit dem Gedankengebäude der Aufklärung verbunden, in dem es galt, den Menschen aus ihrer geistigen Unmündigkeit einen Ausweg zu weisen. 8 9 Schlichtheit wurde von einem Kennzeichen niedriger Statuszugehörigkeit zum Merkmal des Allgemein- Menschlichen erhoben. 10 Auch und besonders im Wirken der zweiten Berliner Schule wurde darin die Konnotation des Nationalen eingewoben. 11 Prinzipiell lässt sich musikalisch eine Abgrenzung in zwei Richtungen feststellen. Einerseits löste man sich vom Barock und seinen komplex- komplizierten musikalischen und eng gehaltenen Formen, zum anderen erfolgte eine Abschottung gegenüber tonmalerischen Tendenzen. 12 Die Unterscheidung zum Barock bestand zunächst in der Ablehnung kontrapunktischer Abläufe, welche nach Meinung der Liederschule die melodischen Freiheiten einschränkten und für eine unnatürliche Stimmführung sorgten. 13 Desweiteren zeigte sie sich
5 Koch, Heinrich Christoph : Lied, in: Musikalisches Lexikon, Frankfurt (Main) 1802, Reprint Kassel 2001, Sp. 901ff.
6 Vgl. Jost, Peter: Lied, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, hrsg. von Ludwig Fischer, Sachteil Band 5, 2. Neubearbeitete Ausgabe, Kassel u.a. 1997,Sp. 1288.
7 Vgl. Dittrich, Marie-Agnes (Hrsg.): Harmonik und Sprachvertonung in Schuberts Liedern, Hamburg 1991,S. 26 ff.
8 Vgl. Vgl. Dittrich, Marie-Agnes (Hrsg.): Harmonik und Sprachvertonung in Schuberts Liedern, Hamburg 1991,S. 31 f.
9 Vgl. Gartz, Joachim: Die Großen der Philosophie, München 2006, S.57.
10 Vgl. Vgl. Dittrich, Marie-Agnes (Hrsg.): Harmonik und Sprachvertonung in Schuberts Liedern, Hamburg 1991,S. 31 f.
11 Vgl. Jost, Peter: Lied, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, hrsg. von Ludwig Fischer, Sachteil Band 5, 2. Neubearbeitete Ausgabe, Kassel u.a. 1997,Sp. 1288.
12 Vgl. Vgl. Dittrich, Marie-Agnes (Hrsg.): Harmonik und Sprachvertonung in Schuberts Liedern, Hamburg 1991,S. 31.
13 Vgl. Vgl. Dittrich, Marie-Agnes (Hrsg.): Harmonik und Sprachvertonung in Schuberts Liedern, Hamburg 1991,S. 26.
in der Lossagung von Virtuosität. Stattdessen beschwor man das Ideal der Sangbarkeit, dem ein Übermaß an musikalischer Virtuosität nach damaliger Auffassung abträglich wäre, letztlich auf Kosten von Substanz und Rührung ginge. 14
Ebenso wenig ließ das ästhetische Musterbild die Möglichkeit zu, sich musikalischen Textverarbeitungen tonmalerisch zu nähern. Das bot in der Logik der Liederschule vor allem die Gefahr sich in eben diesen Details zu verlieren und so das Gesamtkonzept der Komposition zu verwässern.
15
Ihnen wurde demnach unterstellt, von den wesentlichen Gedanken der Komposition abzulenken.
16
So schlugen auch durchkomponierte Lieder oder Arien im deutschen Raum weitestgehende Ablehnung entgegen, da der einheitliche Charakter der Grundstimmung, welche die Musik übermitteln solle, verloren ginge.
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Stattdessen galt es, einen Zusammenhang zwischen Schlichtheit, Natürlichkeit und Rührung in der Vertonung herzustellen, was zum Ideal dieser Kompositionsart werden sollte. Allzu große Kunstfertigkeit und Virtuosität galt als künstlich.
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Die musikalische Gestaltung des Liedes sollte als Gehäuse dienen, der Text jedoch nicht gestört werden. Deshalb wurde darauf geachtet, den einzelnen Tönen kein übermäßiges Eigengewicht zukommen zu lassen, sondern die Stimmung als wahrgenommenes Gesamtbild musikalisch wiederzugeben. Auch Goethe bestätigte in seinem Briefwechsel mit Zelter diese Auffassung von Musik und formulierte, dass sie in Liedern nicht mehr Auftrag habe, als eine Stütze zu sein, sich insofern durch einen harmonischen, kantablen Satz auszeichnen müsse.
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Dennoch gab es Komponisten, denen diese festen Regeln zu eng, zu unfruchtbar schienen, auch, weil der Zwang nach Einfachheit in anderen musikalischen Gattungen bereits überwunden war.
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Wenngleich auch ein Tonschaffender wie Beethoven mit seinem zyklischen Opus 98 (An die Geliebte) für die Gattung erste Wege in die Epoche der Romantik beschrieb, darf als einer ihrer wichtigsten wohl Johann Rudolf Zumsteeg gelten, welchem insbesondere Verdienste in der Entwicklung der Balladen zugeschrieben werden.
21
Er integrierte typische Stilmittel der Oper in die kleineren Darstellungsformen, besonderer Bedeutung kommt dabei dem Rezitativ zu.
22
Er entwarf in seinem Wirken außerdem ein Gegenkonzept zu der auf wenigen harmonischen Hauptfunktionen begründeten Musik seiner Zeit-
14 Vgl.Vgl. Dittrich, Marie-Agnes (Hrsg.): Harmonik und Sprachvertonung in Schuberts Liedern, Hamburg 1991,S. 26 ff.
15 Vgl. Vgl. Dittrich, Marie-Agnes (Hrsg.): Harmonik und Sprachvertonung in Schuberts Liedern, Hamburg 1991,S. 30.
16 Ebd.
17 Vgl. Ebd.
18 Vgl. Vgl. Dittrich, Marie-Agnes (Hrsg.): Harmonik und Sprachvertonung in Schuberts Liedern, Hamburg 1991,S. 25 ff.
19 Vgl. Vgl. Dittrich, Marie-Agnes (Hrsg.): Harmonik und Sprachvertonung in Schuberts Liedern, Hamburg 1991,S. 36 ff.
20 Vgl. Vgl. Dittrich, Marie-Agnes (Hrsg.): Harmonik und Sprachvertonung in Schuberts Liedern, Hamburg 1991,S. 28.
21 Vgl. Jost, Peter: Lied, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, hrsg. von Ludwig Fischer, Sachteil Band 5, 2. Neubearbeitete Ausgabe, Kassel u.a. 1997,Sp.1292.
22 Vgl. Dittrich, Marie-Agnes (Hrsg.): Harmonik und Sprachvertonung in Schuberts Liedern, Hamburg 1991,S. 43.
Arbeit zitieren:
Sebastian Haupt, 2010, Eine Analyse des Kunstliedes Gretchen am Spinnrade, op. 2 D118 von Franz Schubert, München, GRIN Verlag GmbH
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