Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Hinführung zum Thema 3
2.1 Begriffsanalyse 4
2.1.1 Wahrheitstheorien 5
2.1.2 Wissenschaftskriterien 6
2.2 Popper und der Kritische Rationalismus 7
2.2.1 Induktionsproblem und Falsifikationstheorie 8
2.2.2 Die Offene Gesellschaft 11
3. Didaktische Überlegungen - methodische Umsetzung 12
3.1 Stundenbilder und Lehrziele
3.2 Handouts für die vorgeschlagenen Unterrichtseinheiten
4. Reflexionen 13
4.1 Reflexion der gehaltenen UE zum Thema Wissenschaft und Wahrheit 13
4.2 Reflexion der beobachteten UE zum Thema Künstliche Intelligenz 17
4.3 Allgemeine Reflexion des Seminars und eigener Lernprozess 18
5. Literaturangaben 19
2
1. Einleitung
In der vorliegenden Seminararbeit soll zunächst der wissenschaftliche Hintergrund des Themas Wissenschaft und Wahrheit erläutert werden. Drei Wahrheitstheorien und das wissenschaftliche Konzept von Sir Karl Popper werden in groben Zügen vorgestellt. Anschließend wird das Thema im Rahmen zweier Unterrichtseinheiten (=UE) didaktisch aufbereitet, wovon die erste UE, die im Seminar gehalten wurde, reflektiert werden soll. Danach folgt eine Reflexion einer anderen UE zum Thema Künstliche Intelligenz, die im Seminar beobachtet wurde. Zum Abschluss werden der eigene Lernprozess sowie das Seminar insgesamt reflektiert.
2. Hinführung zum Thema
In den nächsten Abschnitten werden die Begriffe Wahrheit und Wissenschaft erläutert. In Punkt 2.1.1 geht es um Wahrheit und Wahrheitstheorien, während in Punkt 2.1.2 Wissenschaftskriterien angeführt werden. Auch wird die Problematik behandelt, die durch den Zusammenhang beider Begriffe entsteht (das heißt die Frage, ob wir mit Hilfe wissenschaftlicher Tätigkeit Wahrheit finden oder erzeugen können). Schließlich geht es um die Debatte, ob und (wenn ja) wie sehr Wissenschaft(en) heute von der Wirtschaft gelenkt werden und ob im Rahmen dieser wirtschaftlichen Steuerung der Wissenschaft(en) Wahrheitssuche und Wahrheitsfindung auf der Strecke bleiben. Auch wenn wir die Frage, ob Wissenschaft je (eine) Wahrheit findet, mit Popper (wissenschaftstheoretisch) negieren werden, taucht diese Frage in einem neuen (ethischen) Kontext wieder auf. Freilich müssen wir uns fragen, ob der Begriff Wahrheit hier immer noch die gleiche Bedeutung hat, wenn wir fragen, ob Wissenschaften aufgrund wirtschaftlicher, politischer, kultureller oder anderer Einflüsse, gelenkt werden und so überhaupt noch objektiv sein können. Welche Erkenntnisse, welche „Wahrheiten“ findet eine Wissenschaft, die abhängig ist von finanziellen Mitteln eines Unternehmens? Doch bevor ich mich dieser Frage näheren und einen Videoimpuls dazu analysieren werde, sind die Begriffe wahr und Wahrheit in Bezug auf wissenschaftliche Gesetze, Thesen und Theorien zu problematisieren.
3
2.1 Begriffsanalyse
Der Begriff Wahrheit ist ein schwieriger Begriff, da er so vieles und so viel Unterschiedliches bedeuten kann. Im Bereich der Religion und innerhalb der Theologie als Wissenschaft haben wir es mit einem völlig anderen Verständnis von Wahrheit zu tun als in den Erfahrungswissenschaften. Die Formalwissenschaften (z.B. Logik und Mathematik) verwenden den Begriff wieder anders und nicht zuletzt hat auch die Philosophie ihre eigenen zahlreichen Theorien, was Wahrheit meint. 1
Es würde hier am Thema der vorbereiteten UE (in deren Hintergrund vor allem die Wissenschaftstheorie von Popper steht) vorbeiführen, wenn zuerst unterschiedliche Philosophen und deren Wahrheitsverständnis vorgestellt werden, weshalb ich mich im Folgenden darauf beschränken werde, wichtige für Erfahrungswissenschaften geltende Aussagen, drei Wahrheitstheorien und den Kritischen Rationalismus Poppers darzustellen. Wahrheit gilt als „eine Eigenschaft von Aussagen oder Gedanken bezüglich ihrer behaupteten Inhalte.“ 2 Denn „Fakten (Ereignisse) als solche können nicht wahr oder falsch sein, nur Aussagen über sie oder Deutungen von ihnen. Wann eine Aussage als wahr gelten kann, wird von den unterschiedlichen Wahrheitstheorien verschiedenen beantwortet.“ 3 Wahr sind somit nicht wissenschaftliche Fragestellungen, Theorien oder Modelle. Ableitungen, Schlussfolgerungen oder Naturgesetze können nicht wahr oder falsch sein und auch Begriffe und Definitionen sind nicht wahr oder falsch. Nur Aussagen über eine Sachlage können wahr oder falsch sein. Definitionen sind nicht wahr, sondern zweckmäßig. Fragestellungen sind entweder sinnvoll oder nicht, aber nicht wahr oder falsch. Schlussfolgerungen sind entweder gültig oder ungültig und Theorien und Modelle sind entweder angemessen und geeignet oder eben nicht. 4
1 Es kann hier nicht ausführlich darauf eingegangen werden, wie z.B. Badiou Wahrheit versteht, nämlich als Prozesse generiert von Mathematik, Poetik (Kunst), Politik und Liebe. Philosophie erzeugt nach Badiou hingegen keine Wahrheiten, sondern hat zur Aufgabe, die von den vier genannten philosophischen Konditionen (le poème, l’amour, les mathematiques et la politique) generierten Wahrheiten aufzuspüren und zu analysieren. (Vgl. Alain Badiou: Manifeste pour la philosophie. Paris 1989. Und vgl. Alain Badiou: Petit Manuel d’inesthétique. Paris 1998.) oder wie im Vergleich dazu z.B. Habermas Wahrheit als eine Voraussetzung für jeden Diskurs interpretiert. Vgl. Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns. Frankfurt/M. 1981. Oder vgl. Jürgen Habermas: Wahrheit und Rechtfertigung. Philosophische Aufsätze, Frankfurt/M. 1999. Und vgl. Jürgen Habermas: Erläuterungen zur Diskursethik, Frankfurt/M. 1991. Während ich auf Habermas Theorie in Punkt 2.1.1 im Zusammenhang mit Wahrheitstheorien näher eingehen werde, kann ich mit Badiou hier nur ansprechen, wie schwierig, ja wie unmöglich es ist, den Begriff Wahrheit als solchen erklären zu wollen. Begriffe können immer nur im Kontext einer Theorie sinnvoll und umfassend erklärt werden. Im Rahmen des Philosophieunterrichts wird aber oftmals schon viel erreicht worden sein, wenn SchülerInnen sensibel geworden sind dafür, dass ein und derselbe Begriff unzählig viele Bedeutungen annehmen kann.
2 Liessmann, Zenaty, Lacina: Vom Denken. Einführung in die Philosophie, S. 298.
3 Ebd.
4 Vgl. Alois Reutterer, Erkennen und Handeln, S. 46.
4
Wahrheitskriterien sind wiederum Bedingungen, „mit deren Hilfe man feststellen kann, ob eine Aussage wahr oder falsch ist. Die unterschiedlichen Ansätze zu den Wahrheitskriterien ergeben sich meist aus den Wahrheitstheorien.“ 5
2.1.1 Wahrheitstheorien
Im Philosophiebuch der achten Klasse 6 werden drei Wahrheitstheorien 7 genannt: Die Adäquations- oder Korrespondenztheorie, die Kohärenztheorie und die Konsenstheorie. Wenn wir davon ausgehen, dass nur Aussagen in Bezug auf Tatsachen (nicht aber Theorien oder Definitionen) als wahr oder falsch zu bezeichnen sind, dann ist es nahe liegend, Wahrheit als Übereinstimmung von Aussage und Sachverhalt zu bestimmen. Das erinnert an die alt bekannte Formel der adaequatio intellectu et rei, die schon bei Thomas von Aquin zu finden ist. Beim Kirchenlehrer Thomas von Aquin geht es aber nicht um Wahrheit im Sinne einer empirischen Erkenntnis oder einer Wissenschaftstheorie, sondern um Verhältnisse zwischen menschlicher Erkenntnis, das heißt, menschlichem (von Gott geschaffenem) Geist und (göttlicher, von Gott geschaffener) Wirklichkeit. Aufgrund der behaupteten Entsprechung, (dass sowohl Verstand als auch Schöpfung, von Gott geschaffen sind) wird die Möglichkeit wahrer Erkenntnis angenommen. Wer auf diese theologische Prämisse verzichten kann, darf sich mit der Frage auseinandersetzen, wie es die Korrespondenztheorie schafft, Übereinstimmung als Wahrheit zu definieren, ohne zuvor (willkürlich?) ein Kriterium für Wahrheit festzulegen. Wer eine Übereinstimmung auf ihren Wahrheitsgehalt hin prüfen will, muss Wahrheit immer schon als erkennbar voraussetzen, anhand derer die Übereinstimmung als wahr erkannt wird. Damit liegt eigentlich eine zirkuläre Definition vor: Die Wahrheit, welche die Theorie zu definieren vorgibt, ist hier genau genommen immer schon vorausgesetzt.
Diese Probleme, vor die sich Adäquations- oder Korrespondenztheorien gestellt sehen, haben dazu geführt, Wahrheit nicht als Übereinstimmung (von Tatsachen und Aussagen) zu definieren, sondern Wahrheit nur innerhalb einer Theorie, bzw. zwischen Aussagen zu suchen und Aussagen nicht aufgrund von Übereinstimmung, sondern aufgrund fehlender Widersprüche als wahr gelten zu lassen. Sind Aussagen, Theorien oder Modelle in sich schlüssig, in sich kohärent, wird ihnen (bis zum Beweis des Gegenteils, das heißt von
5 Ebd.
6 Vgl. Liessmann, Zenaty, Lacina: Vom Denken. Einführung in die Philosophie, S. 105-107.
7 Vgl. ebd.
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Widersprüchen) Wahrheit zugestanden. Deshalb spricht man in diesem Fall von Kohärenztheorien, wobei nicht vergessen werden darf, dass Kohärenz lediglich ein Kriterium der Verlässlichkeit darstellt, nicht aber ein endgültiger Beweis für Wahrheit sein kann. Weiter gedacht wurde die Kohärenztheorie von Apel und Habermas. Diese Philosophen haben darauf hingewiesen, dass ein Kriterium für Wahrheit nicht allein die Kohärenz (die Übereinstimmung zwischen Aussagen), sondern der Konsens ist (das heißt, die Übereinstimmung und Zustimmung all jener, die über eine Theorie diskutieren). Selbst wenn Wahrheit nicht vollständig erreicht wird, ist das Kriterium Wahrheit als Voraussetzung stets mitgedacht in Apels und Habermas Theorie vom herrschaftsfreien Diskurs (auch weitergeführt in einer Diskursethik). Wahrheit wäre hier nicht definiert als Übereinstimmung zwischen Sprache und Wirklichkeit und auch nicht als Übereinstimmung sprachlicher Konstruktionen, sondern als vorausgesetztes, angestrebtes Ziel für jede Form der Diskussion. Wahrheit ist das, dem alle Diskursteilnehmer als (vorläufiges) Ziel der Kommunikation zustimmen, dem sich alle annähren wollen (selbst wenn man um die Unerreichbarkeit einer letzten oder vollständigen Wahrheit weiß.
Wahrheit findet sich in der Konsenstheorie daher nicht als Produkt der Übereinstimmung, aber als Prämisse einer Zustimmung. Wenn Wahrheit schon nicht theoretisch eindeutig zu bestimmen ist, muss es den Diskursteilnehmern wenigstens überlassen bleiben, durch Vernunft und Kommunikationsfähigkeit und Herrschaftsfreiheit im Diskurs, das ihnen im jeweiligen Diskurs als von allen Akzeptierte, das heißt, eine konsensfähige Wahrheit zu finden.
2.1.2 Wissenschaftskriterien
Welche Form der Wahrheit wird nun bei wissenschaftlichen Arbeiten gesucht? Welche Kriterien muss wissenschaftliches Arbeiten erfüllen, damit es der Wahrheitssuche dient? Innerhalb wissenschaftlichen Arbeitens sind Hypothesen Ausgangspunkt jeder Theorie. Erst wenn eine Hypothese, eine wissenschaftliche Annahme, aufgestellt ist, lassen sich daran Definitionen, Gesetze und in Folge weitere Thesen zu einer Theorie verarbeiten. Theorien sind in der Wissenschaft Modelle, die versuchen, nicht nur einen einzelnen Sachverhalt, sondern gesetzmäßige Zusammenhänge darzustellen.
Damit eine Theorie, das heißt, die systematische Zusammenfassung mehrer Thesen, Definitionen und anderen Erkenntnissen, auch wissenschaftlich relevant bleibt, muss sie eine Vielzahl von Kriterien erfüllen.
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Arbeit zitieren:
Mag. Mag. Mag. Renate Enderlin, 2010, Wissenschaft und Wahrheit, München, GRIN Verlag GmbH
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