Abstract
„Früh entdecken, effizienter therapieren!“ - Die innere Logik des Früherkennungs-konzeptes ist äußerst öffentlichkeitswirksam und wird von den unterschiedlichsten
medizinischen und gesellschaftlichen Institutionen unterstützt. In dieser Arbeit wer-
den die vorrangig medizin-ethischen und wissenschaftstheoretischen Bedingungen
untersucht, die erfüllt sein müssten, damit sich die Theorie einer Krebsfrüherkennung
zum Wohl des Patienten umsetzen lässt: Wer ist kompetent, den jeweils stochastisch
zu interpretierenden Nutzen und Schaden adäquat gegeneinander abzuwägen? Was
sind angemessene Evaluationsparameter? Gibt es Grenzen der Informationsvermitt-
lung in einer partnerschaftlichen Arzt-Patienten-Beziehung? Vor dem Hintergrund der
früherkennungsspezifischen Relativität von medizinischem Wissen und der unklaren
Nutzenbestimmung stellt sich die Frage, wie verantwortungsvolles ärztliches Handeln
aussehen kann. Der alleinige Hinweis auf die ärztliche Pflicht zur Aufklärung und
Stärkung der Eigenverantwortung von Patienten verliert sich dabei zum Teil in para-
doxen Scheinlösungen. Durch die genannten Probleme in der Krebsfrüherkennung
wird deutlich, dass die Bedingungen für die Möglichkeit von patientenorientierter In-
formationsvermittlung nur schwer erfüllbar sind.
WANN IST KREBS-FRÜHERKENNUNG „GUTE“ MEDIZIN?
INHALTSVERZEICHNIS
1. EINLEITUNG. 9
1.1. Zur Situation der präventiv-prädiktiven Medizin 9
1.2. Zur Methode 12
1.3. Bedingungen für die Möglichkeit von patientenorientierter
Medizin 13
2. EVIDENCE-BASED MEDICINE UND DER WISSENSBEGRIFF IN DER MEDIZIN. 15
2.1. Was bedeutet wissenschaftliche Medizin? 15
2.2. Was bedeutet evidence-based medicine’? 18
2.3. Was sind die Forderungen von evidence-based medicine’ an die
moderne Medizin? 22
2.4. Verantwortung als Konsequenz aus der doppelten Einsicht? 28
2.5. Regeln der Kunst (lege artis) 32
2.6. Zur ärztlichen Haltung 36
3. AUFKLÄRUNG UND VERTRAUEN 37
3.1. Was ist die Idee von Patientenautonomie und Aufklärung? 37
3.2. Die Arzt-Patienten-Beziehung und die Strukturen der
Informationsvermittlung 39
3.3. Patientenkompetenz und Eigenverantwortung 45
3.4. Probleme der Nutzen-Schaden-Abwägung 46
3.5. Gründe für den unmündigen Patienten 48
4. PATIENTEN-MOTIVATION - ZWISCHEN RISIKOWAHRNEHMUNG UND VERTRAUEN 51
4.1. Risikowahrnehmung und Vertrauen 52
4.2. Wissenschaftsprozess und Vertrauen. 57
5. LEBENSQUALITÄT. 60
6. RESÜMEE 64
7. LITERATUR 67
8
1. EINLEITUNG
1.1. Zur Situation der präventiv-prädiktiven Medizin
Prävention ist zu einem Schlagwort in nahezu allen medizinischen Disziplinen geworden. Der Tenor ist allgemein positiv. Die Verstärkung präventiver Maßnahmen ist insbesondere in den Bereichen erforderlich, wo der kurative Ansatz weiterhin mit erheblichen Schwierigkeiten, Unsicherheiten und unerwünschten Nebenwirkungen verbunden ist. Diese Situation trifft insbesondere auf große Teile der Onkologie zu. Hierdurch bündeln sich in dieser Fachdisziplin viele medizinische wie aber auch ethische Probleme und Dilemmata der modernen Medizin. Die Inzidenzien vieler tödlicher Tumore sind deutlich angestiegen und steigen weiter. Einerseits wird das vermehrte Auftreten deutlich auf bestimmte Lebensgewohnheiten in den Industrienationen zurückgeführt (z.B. Rauchen und Bronchialkarzinom), andererseits ist aber auch die an sich kaum zu kritisierende Tatsache der stark gestiegenen Lebenserwartung ein wesentlicher Grund für höhere Inzidenzraten bei Prostata- oder Darmkrebs. Immer mehr Menschen kommen in das Alter, in dem Krebserkrankungen gehäuft auftreten bzw. symptomatisch werden. Die nicht zu verachtenden therapeutischen Erfolge in der medizinischen und chirurgischen Onkologie, aber auch die hoch spezialisierte Diagnostik haben dabei die Mortalitätsraten günstig beeinflusst. Mehr und mehr werden auch psychosoziale Faktoren in der Patientenbetreuung und Therapie berücksichtigt. Trotzdem sieht sich die Onkologie insbesondere bei den Tumoren mit großen Problemen konfrontiert, die lange Zeit symptomfrei bleiben und die bei Eintritt der Symptomatik nur noch schwer oder nicht mehr kurativ zu behandeln sind. Die Idee von Krebsfrüherkennung klingt deshalb äußerst erfolgsversprechend. Je früher der Tumor entdeckt wird, umso besser ist er therapierbar. Diese Theorie entspricht aller Wahrscheinlichkeit nach auch der Realität. Wird die Krebsfrüherkennung aber allein deswegen in die Praxis umgesetzt,
9
damit Tumore wirksamer therapierbar werden, blendet man zunächst das primäre Ziel einer medizinischen Intervention aus. Es geht nicht allein um einen nach medizinisch-physiologischen Kriterien zu bemessenden Therapieerfolg, sondern um die Verbesserung der Situation des Patienten. Moderne Medizin will und sollte patientenorientiert sein, so zumindest wäre das Resultat einer Analyse der gegenwärtigen gesellschaftlichen und standesspezifischen Normvorstellungen in Bezug auf ärztliches Handeln. Moderne Medizin vertritt keinen „therapeutischen Nihilismus“ wie zu Anfang des 19. Jahrhunderts, nach dem nur all das „gute“ Medizin war, was sich hypothetisch-deduktiv aus wissenschaftlichen Theorien ableiten ließ (s.u.). Um also die Frage beantworten zu können, ob die Krebsfrüherkennung „gute“ Medizin ist, bedarf es einer Evaluation nicht nur der nach bestimmten wissenschaftlichen Parametern zu erfassenden Wirksamkeit dieser Methode (efficacy), sondern auch ihrer konkreten an den Patientenbedürfnissen orientierten Wirksamkeit (effectiveness). Dass beides nicht immer zusammenfällt, dürfte einleuchtend sein. Andererseits ist die Relevanz bzw. die Notwendigkeit einer Evaluation der patientenorientierten Wirksamkeit medizinischer Intervention insbesondere im Rahmen der Onkologie deutlich gestiegen. Eine chirurgische oder chemotherapeutische Maximaltherapie kann in aller Regel ihre klinische Wirksamkeit belegen, aber in den letzten 20 Jahren wurde immer mehr Kritik an diesem Konzept „Therapie um jeden Preis“ laut. Die Grundidee der palliativen Medizin oder der Hospizbewegung beispielsweise ist es, die Lebensqualität des Patienten bestmöglich zu gestalten, ohne mit den medizinischen Interventionen einen kurativen Ansatz zu verfolgen. Diese Grundidee ist keineswegs fatalistisch, sondern die Konsequenz aus der Einsicht, dass zum Erreichen bestmöglicher Lebensqualität im Sinne des Patienten nicht immer ein maximaltherapeutisches aber nur wenig
lebensverlängerndes Vorgehen Priorität haben muss. Ist diese Einsicht, die gekoppelt ist an das sicherlich schwierige Bewusstwerden der Endlichkeit des menschlichen Lebens, einmal grundsätzlich akzeptiert, lässt sich aus dieser „palliativen“ Perspektive heraus auch der ein oder andere kurative oder eben auch präventive Ansatz moderner Medizin kritisch hinterfragen. Letztendlich läuft dies auf eine Abwägung von Nutzen und Schaden bzw. Risiken der jeweiligen medizinischen Intervention hinaus. Der Nutzen einer Operation eines fortgeschrittenen Lungentumors mag erwiesen sein. Besteht der Nutzen aber lediglich in einer Lebensverlängerung um im Durchschnitt wenige Wochen und haben die
10
Nebenwirkungen der Operation (Schmerzen, Krankenhausaufenthalt etc.) stark negative Auswirkungen auf die Lebensqualität, wird die Nutzen-Schaden-Abwägung in vielen Fällen gegen eine Operation ausfallen. Letztendlich sollte diese Entscheidung prinzipiell weitgehend in die Autonomie des Patienten fallen. Gerade in diesen Situationen, wo der mögliche Nutzen den möglichen Schaden nicht allzu deutlich überdeckt, bedarf es der individuellen Sichtweise des Patienten 1 . Nicht umsonst hat sich das Prinzip der Patientenautonomie zum medizinethischen Paradigma des 20. Jahrhundert entwickelt. Patientenautonomie und Lebensqualität sind dementsprechend die Begriffe, die man im Auge behalten muss, wenn man sich der Analyse der ethischen Implikationen der Krebsfrüherkennung zuwendet. Wie bereits beschrieben, ist die Logik der präventiven oder prädiktiven Medizin zunächst äußerst einsichtig, man möchte sagen, sie ist „evident“. „Vorsorge hilft“ oder „Länger leben durch Vorsorge“ - nicht nur die allgemeine Öffentlichkeit vernimmt diese unisono vorgetragenen Thesen. Innerhalb der medizinischen Profession, seien es Studenten, Niedergelassene, Klinikärzte oder Lehrstuhlinhaber herrscht im Allgemeinen dieselbe Ansicht. Solange wir noch über keine ausreichenden oder zufrieden stellenden Therapiekonzepte für die großen Volkskrankheiten wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Krebs verfügen, müssen wir auf Vorbeugung (Primärprävention) oder Früherkennung (Sekundärprävention) setzen. Wenn etwas gar nicht erst entstehen kann oder früh erkannt wird, ist dies allemal besser, als zu warten, bis sich das ein oder andere klinische Zeichen oder ein Leidenszustand des Patienten von selbst zeigt. Was dabei inhaltlich an den der Früherkennung immanenten Problemen in die Öffentlichkeit dringt, ist in aller Regel die unzureichende Inanspruchnahme von Vorsorgemaßnahmen durch die Bevölkerung. Insbesondere für die Krebsvorsorge ist diese Situation bekannt. In immer öffentlichkeitswirksameren Projekten, gefördert durch die unterschiedlichsten Institutionen wie Politik, Krankenkassen, Selbsthilfegruppen, Stiftungen oder Privatpersonen, wird für Vorsorgemaßnahmen geworben. Immer wieder hört oder
1 Sicherlich besitzt dieser Abwägungsprozess nicht überall gleiche Relevanz. Eine Therapie mit einem gut wirksamen Antibiotikum bei einer schweren Lungenentzündung wird nur von den Wenigsten als
diskutabel betrachtet.
11
liest man von dem Vorhaben dieser Institutionen, Eigenverantwortlichkeit oder das Krankheitsbewusstsein im Sinne eines jeden wie auch zu Gunsten der Gesellschaft zu fördern.
1.2. Zur Methode
Anhand der Krebsfrüherkennung lassen sich einige spezifische Problemfelder der modernen Medizin besonders gut deutlich machen. Die sich auf die ethischen Implikationen der Krebs-Früherkennung beziehende Analyse behandelt die aufzuzeigenden Problemfelder entsprechend kontextsensitiv, d.h. die ethischen Probleme und Ambivalenzen ergeben sich z.T. direkt aus der besonderen Situation der Krebsfrüherkennung. Andererseits lassen sich aus der hier behandelten Problematik auch einige kontext-übergreifende Ambivalenzen der modernen Medizin ableiten.
Ich verfolge in der medizinethischen Analyse dieser Thematik einen rekonstruktiven Ansatz. Rekonstruktiv meint in diesem Kontext, dass ich rollengebundene, historisch relativ stabile und gesellschaftlich allgemein akzeptierte moralische Überzeugungen aufgreifen, analysieren und plausibel rekonstruieren werde. Im Weiteren werde ich vor diesem Hintergrund auf Widersprüche und Ambivalenzen in der Krebsfrüherkennung hinweisen. Der medizinethische Fokus auf diese Problematik ist dabei deutlich anwendungsbezogen. Vor dem Hintergrund einer bestehenden Problematik, hier am Beispiel der Krebsprävention, stellt sich die normative Frage, was die Medizin oder der Mediziner tun bzw. beachten sollte.
12
1.3. Bedingungen für die Möglichkeit von patientenorientierter Medizin
Es bedarf der Diskussion, ob die an sich evidente Theorie der Prävention in der Praxis überhaupt zum Wohle des Patienten umgesetzt werden kann. Hier wird insbesondere der Umgang mit Wissen und Information in einer partnerschaftlichen Arzt-Patienten-Beziehung fokussiert werden müssen. Meine Arbeit wird sich dabei in den nächsten Kapiteln schwerpunktmäßig mit den hier nur kurz skizzierten Bedingungen beschäftigen, von denen die prinzipielle Möglichkeit und somit zugleich die Chancen und Grenzen einer patientenorientierten Krebsfrüherkennung abhängen. Das Schaubild fasst das Geflecht der einzelnen Bedingungen und Problembereiche überblicksartig zusammen.
So sind zum einen die Strukturen der Aufklärung bzw. Informationsvermittlung und der (Güter-) Abwägung dieser in aller Regel probabilistischen Informationen im medizinischen Kontext zu berücksichtigen. Hierbei handelt es sich um Fragen zu Kompetenzansprüchen sowohl in Bezug auf den Arzt als auch auf den Patienten. Die Kompetenz des Arztes bezieht sich neben grundlegenden arztethischen Prinzipien im Wesentlichen auf den sachgerechten Gewinn, das Verständnis und die adäquate Vermittlung von medizinischem Wissen. Während die Kompetenz des Arztes prinzipiell einer normativen Evaluation und somit einem deutlichen Anspruchsdenken unterliegen sollte, ist die Patientenkompetenz in viel stärkerem Maße als gegeben hinzunehmen und unterliegt somit im Wesentlichen einer deskriptiven Evaluation. In Bezug auf die Informationsvermittlung im Rahmen einer partnerschaftlichen Arzt-Patienten-Beziehung bedeutet dies, dass sich die Güte ärztlicher Aufklärung stets auch an der Patientenkompetenz messen lassen muss. Soviel sei bereits hier vorweggenommen; dass man die „erfolgreiche Umsetzung patientenorientierter Medizin“ nicht vorschnell mit der „Gewährleistung von Patientenautonomie“ gleichsetzen darf. Das medizin-ethische Prinzip der Patientenautonomie sollte zwar in bestimmter Hinsicht auch Ziel ärztlichen Handelns sein. Es ist aber zugleich als Sekundärprinzip Mittel zum Zweck und somit funktional zu verstehen; funktional im Sinne einer wesentlichen Bedingung für die erfolgreiche Umsetzung des Primärprinzips einer patientenorientierten Medizin. Neben dieser Diskussion der Bedingungen für adäquates medizinisches Wissen und patientenorientierter Aufklärung sind zum anderen die Faktoren zu berücksichtigen, welche das Inanspruchnahmeverhalten bzw. die Motivation des Patienten mitbestimmen. Die Risikowahrnehmung und das Vertrauen in die moderne wissenschaftliche Medizin stehen dabei an zentraler Stelle. Als Ausblick auf ein weiteres mit der hier behandelten Thematik eng verzahntes Dilemma moderner Medizin versteht sich das abschließende Kapitel zur Lebensqualität als Paradigma einer Ergebnisevaluation, welche den gesamten Prozesses einer
Krebsfrüherkennung mit einbezieht
14
2. EVIDENCE-BASED MEDICINE UND DER WISSENSBEGRIFF IN DER MEDIZIN
2.1. Was bedeutet wissenschaftliche Medizin?
Das Zusammenkommen von Wissenschaft und Medizin wird allgemein auf das 19. Jahrhundert datiert. Die Lokalisation von Krankheitsursachen in einzelnen Organen (Morgagni), Geweben (Bichat) und Zellen (Virchow) sowie die Fokussierung auf die molekularbiologisch-genetische Ebene in der zweiten Hälfte des 20. Jh. machte die Erforschung der Pathogenese nach wissenschaftlich-systematischer Methode erst möglich. Man erhoffte sich, dass
Tatsächlich ist es so, dass der auf wissenschaftlichen Grundlagen beruhende medizinisch-technische Fortschritt im 20. Jahrhunderts vielen Krankheiten den Schrecken genommen und zu einer deutlichen Verlängerung der durchschnittlichen Lebenserwartung sowie durch Optimierung von Therapiekonzepten zu einer wesentlichen Verbesserung der Lebensqualität geführt hat. Häufige Krankheiten wie Infektionen, Bluthochdruck, Diabetes oder Krebs wurden durch hygienische, pharmakotherapeutische oder chirurgische Maßnahmen immer erfolgreicher therapierbar und z.T. vermeidbar.
2 Toellner 1990, S.10
15
Durch eine systematisch-experimentelle Forschung auf der Grundlage objektiver Kriterien gelang es, Krankheiten besser zu verstehen, ohne am Patienten selbst forschen zu müssen. Diese prinzipielle Unabhängigkeit vom Patienten und die beeindruckenden Erkenntnisse durch die Naturwissenschaften führten anfangs teilweise sogar zu einer ärztlichen Einstellung, welche als therapeutischer Nihilismus bezeichnet wird. Demnach haben die naturwissenschaftliche Erkenntnis über den menschlichen Körper und die hiervon logisch bzw. a priori abzuleitenden Therapieoptionen Vorrang vor einem tatsächlichen bzw. a posteriori Patientennutzen. Die Tatsache, dass naturwissenschaftlich-medizinisches Wissen allein noch nicht zur Einhaltung der ärztlichen Leitideen des Nicht-Schadens (primum nil nocere) und des Wohltuns (bonum facere) im Rahmen einer patientenorientierten Umsetzung reichte, führte später zu der Kritik an einer Anwendung dieses hypothetisch-deduktiven Modells in der praktischen Medizin 3 . Nicht die Frage, was nach dem pathogenetischen Wissensstand helfen kann, sondern die Frage, was nach empirischer Prüfung helfen wird, soll bestimmend sein für die Entscheidung zu einer Therapie- oder Präventionsmaßnahme 4 . In diesem Punkt liegt die Ambivalenz bzw. der Paradigmenwechsel in der Bestimmung des Wissensbegriffs für die Medizin während des 20. Jahrhunderts. Ein, wie sich noch zeigen wird, für die hier behandelte Thematik der Krebsfrüherkennung sehr wesentlicher Punkt. Die naturwissenschaftliche Forschung führt zu naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. In vielen Fällen ließ sich von dieser Erkenntnis ein wirksames und im Sinne des Patienten zweckmäßiges Diagnose-, Therapie- oder Präventionskonzept ableiten. Als Bewertungsmaßstab für den Erfolg bzw. Misserfolg setzte sich aber nicht die wissenschaftlich-theoretische Instanz durch. In einer patientenorientierten Medizin sollte im konsequentialistischen Sinne die Handlungspraxis über die Annahme oder Ablehnung einer medizinischen Intervention entscheiden und nicht die ihr zugrunde liegende mehr oder weniger schlüssige Theorie. Dies ist von der Grundidee her genau das Gegenteil eines therapeutischen Nihilismus. Man könnte hierbei in entsprechender Abgrenzung von einem Begründungs-Nihilismus sprechen. Wenngleich dieser Paradigmenwechsel plausibel klingt, bestehen aber in der
3 Siehe u.a. Wiesing 1995, S. 24
4 Vgl. Bauer 2001a
16
medizinischen Praxis weiterhin kaum reflektierte Schwierigkeiten in seiner Umsetzung.
Dass es überhaupt zu einer solchen Abgrenzung der evaluativ-praktischen von der hypothetisch-theoretischen Bewertungsinstanz kam, hängt zu großen Teilen mit der Schwierigkeit zusammen, die unterschiedlichen soziokulturellen Lebens(qualitäts)- und Krankheitskonzepte, die in eine Bewertung von medizinischer Intervention hineinspielen, nach gesetzmäßigen und objektiven Maßstäben zu erfassen. Diese praktische Bewertungsinstanz bildet die wesentliche Grundlage für die Notwendigkeit einer medizinischen Ethik, deren herausragendes Paradigma das Prinzip der Patientenautonomie geworden ist. Hierdurch ist aber zugleich die prinzipielle Dynamik in den Versuchen der Verifizierung und Falsifizierung des weitgehend probabilistischen medizinischen Wissens, wie auch die Dynamik dieses Wissensbegriffs selbst begründet. Die Abhängigkeit vom Krankheitskonzept des Patienten sowie das jeweils nur probabilistische Wissen um den Erfolg einer medizinischen Intervention verweisen auf die Notwendigkeit einer Berücksichtigung des Einzellfalls und die damit verbundenen Probleme in der Arzt-Patienten-Beziehung.
Es soll allerdings noch mal darauf hingewiesen werden, dass durch diese, die wissenschaftliche Medizin beeinflussenden Faktoren nicht an den deutlichen Erfolgen durch die Wissenschaftlichkeit in der Medizin gerüttelt wird. Der Erfolg einer wissenschaftlichen Medizin war während der letzten hundert Jahre in vielen Fällen evident; eben auch im Sinne einer patientenorientierten Medizin 5 . Problematisch wird die Überzeugungskraft für medizinische Interventionen, die sich von wissenschaftlichen Hypothesen ableiten lassen erst dann, wenn sie eben aufgrund ihrer logischen Evidenz angewandt werden, ohne dass sich in der Praxis der erhoffte Effekt einstellt bzw. in erster Linie nicht intendierte Nebenwirkungen zu
5 So z.B. das pathogenetische Konzept der Bakteriologie und Virologie von Robert Koch, welches deduktiv in äußerst wirksame Konzepte für medizinische Interventionen (Hygiene, Impfung,
Antibiotika) umgesetzt werden konnte.
17
Arbeit zitieren:
Daniel Strech, 2004, Wann ist Krebsfrüherkennung "gute" Medizin?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...): Wann ist Krebsfrüherkennung "gute" Medizin? ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...): neuer Titel erschienen: Wann ist Krebsfrüherkennung "gute" Medizin?
Daniel Strech hat einen neuen Text hochgeladen
Zur Genealogie der Moral
Friedrich Nietzsche, Giorgio Colli, Mazzino Montinari
Ethik und die Möglichkeit einer guten Welt
Eine Kontroverse um die "Konkr...
Andreas Vieth, Christoph Halbig, Angela Kallhoff
Film-Screen Mammography: An Atlas of Instructional Cases
Lawrence W. Bassett, L. Bassett, Bassett
Quality Assurance Programme for Screen-Film Mammography: IAEA Human He...
International Atomic Energy Agency (IAEA
The Ethics of Screening in Health Care and Medicine
Serving Society or Serving the...
Niklas Juth, Christian Munthe
0 Kommentare