„Die Familie wurde als Ort gesehen, wo […] die seelische Mütterlichkeit, noch am ehesten verwirklicht wurde oder zumindest werden könnte; als eine Insel, die als einzige dem Ansturm der Industrialisierung standgehalten hatte, und es galt als besondere Aufgabe der Frau, sie zu schützen gegen ‚die seelenlosen Gewalten der technischen Entwicklung‘, gegen die ‚schauerlich unpersönliche Wirtschaft‘ da draußen.“ 4 Während Heim und Familie von den Männern als Ruhepunkt des Daseins empfunden wurden, war das Leben außerhalb des Hauses ihr Kampfgebiet, in dem sie sich stets zu bewähren hatten. 5 Das Organisationsprinzip der neuen Kleinfamilie, welche die Existenz der einzelnen Familienmitglieder sicherte, lässt sich besonders deutlich an einer Passage aus Friedrich Schillers (1759- 1805) „Lied von der Glocke“ (1799) (freilich in vereinfachter Form) exemplifizieren:
„ […] Der Mann muss hinaus Ins feindliche Leben, Muss wirken und streben Und pflanzen und
schaffen, Erlisten, erraffen, Muss wetten und wagen, Das Glück zu erjagen. […] Und drinnen waltet
Die züchtige Hausfrau, Die Mutter der Kinder, Und herrschet weise Im häuslichen Kreise, Und lehret die Mädchen Und wehret den Knaben […]“ 6
Geradezu programmatisch wurde hier bereits 1799 die patriarchalisch geprägte Organisationsstruktur der bürgerlichen Familie und ihre Geschlechterrollenverteilung innerhalb der Ehe thematisiert. So begriff sich der Hausvater im Wesentlichen als Familienoberhaupt, der die familiäre Harmonie um jeden Preis sichern wollte. Dort, wo er in Erscheinung trat, genoss er absolute Autorität, was bedeutete, dass sich vor allem die weiblichen Familienmitglieder seiner Entscheidungsgewalt 7 unterzuordnen
Vgl. Brueckner, Peter: Zur Sozialpsychologie des Kapitalismus, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main u.a. 1972, S. 14. (Aus der Reihe: Veröffentlichungen des Psychologischen Seminars der TU Hannover).
4 Schenk, Herrad: Die feministische Herausforderung, 150 Jahre Frauenbewegung in Deutschland, Becksche Verlagsbuchhandlung, München 1990, S. 154. (Aus der Reihe: Beck’sche Reihe, Bd. 213).
5 Auf die dabei verwendeten Metaphern hat Eric John Hobsbawm in seiner aufschlussreichen Studie „Die Blütezeit des Kapitals“ (1977) verwiesen: „Bilder des Krieges drängten sich diesen Menschen, sobald sie von ihrem ‚Kampf ums Dasein‘ oder vom ‚Überleben des Tauglichsten‘ sprachen, mit der gleichen Selbstverständlichkeit auf die Lippen wie die Bilder des Friedens bei der Schilderung des Familienlebens: ihr Heim nannten sie einen ‚Hort der Freude‘, einen Ort, wo ‚das Herz sich seines gestillten Verlangens erfreut‘, so wie es sich draußen niemals würde freuen können, weil dort entweder das Verlangen nie so recht gestillt war, oder man andernfalls dergleichen nicht eingestehen konnte.“
Hobsbawn, Eric John: Die Blütezeit des Kapitals. Eine Kulturgeschichte der Jahre 1848- 1875, Kindler Verlag, München 1977, S. 296.
6 Schiller, Friedrich: Das Lied von der Glocke, in: ders.: Gedichte, Dramen I (Bd. 1), erw. Neuausgabe hg. von Albert Meier u.a., Carl Hanser Verlag, München u.a. 2004, S. 432f. (Aus der Reihe: Friedrich Schiller: Sämtliche Werke in 5 Bänden).
7 Was heute mit elterlicher Sorge umschrieben wird, war im 19. Jahrhundert die ‚elterliche‘ bzw. väterliche Gewalt‘. Der aus dem römischen Recht stammende Begriff der väterlichen Gewalt (patria
2
Sicherheit der Familie banden und für jedes Familienmitglied galten. Auf der anderen Seite in diejenigen Tugenden, die sich aus der Stellung der Familienmitglieder zueinander und aus ihrer besonderen Funktion im häuslichen Gefüge ableiteten. Dementsprechend ergaben sich für jedes Familienmitglied andere Pflichten, die jedoch alle auf das Gleiche fokussierten: Die Unterordnung des Einzelnen unter die gesamt familialen Interessen. 15 Besonders Mädchen und Frauen mussten sich innerhalb der Familie strengen Rollenzwängen unterwerfen. Folgendes Zitat exemplifiziert dies:
„Der eigentliche Beruf des Weibes wird zu allen Zeiten das Haus und die Ehe sein. Sie soll Kinder
gebären und erziehen. Ihrer Familie soll sie den lauteren Quell ihrer fühlenden, liebevollen Seele spenden, Zucht und Sitte, […] nähren und pflegen. Nur so wird das Weib segensreich wirken.“ 16
Der Duktus der Passagen ist folgender: Die wahre Bestimmung der Frau liegt darin, passiv zu sein und in der Familie zu verharren, um ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter nachzukommen sowie tradierte Sitten und Bräuche zu pflegen. 17 Innerhalb der Familie war sich die Ehefrau oder Hausmutter der Pflicht der völligen Unterordnung unter den Gatten bewusst und auch die Kinder stellten die prinzipielle
15 Es sei hier nur andeutungsweise darauf verwiesen, dass aus dem Widerspruch zwischen den neuen gesellschaftlichen und sozialen Entwicklungen und dem bis dato obligaten Wertesystem zuweilen durchaus Konfliktsituationen entstanden. So zum Beispiel, wenn Kinder - im schlimmsten Fall Töchter- unerwartet ihr Mitbestimmungsrecht einforderten und sich damit gegen das tradierte Familienmodell wendeten. Kompensiert wurde diese unerwünschte Auflehnung durch eine Verfestigung der patriarchalischen Strukturen und eine verhärtete Erziehung der Kinder, um die Internalisierung der vermittelten Erziehungsinhalte zu gewährleisten.
Vgl. Weber-Kellermann, Ingeborg: Die Familie: Geschichte, Geschichten und Bilder, 1. Auflage, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1976, S. 146ff.
Der Philosoph Max Stirner thematisierte in seinem Werk „Der Einzige und sein Eigentum“ bereits 1844 die problematische Verinnerlichung von rigiden Familien-Strukturen, aufgrund derer Vater und Mutter als drohende Schatten stets präsent blieben und dadurch möglichen Autonomiebestrebungen im Weg standen. Fällt es Menschen „[…] nicht schwer, von den Geboten der Eltern sich zu emanzipieren, […] fährt […] der aufgekündigte Gehorsam […] einem leicht ins Gewissen [und; Einfügung E.Tr.] man vergibt sich umso schwerer eine Versündigung gegen die Vorstellung, welche man von der Familienliebe und der Pietätspflicht gefaßt hat.“
Stirner, Max: Der Einzige und sein Eigentum, mit einem Nachwort hg. von Ahlrich Meyer, Nachdruck der Ausgabe von 1981, Verlag Philipp Reclam junior, Stuttgart 1991, S. 95.
16 Treitschke, Heinrich von: Die Familie (§ 7), in: ders.: Politik Vorlesungen gehalten an der Universität zu Berlin von Heinrich von Treitschke, Bd. 1 (2 Bde.), hg. von Max Cornelicus, Verlag von S. Hirzel, Leipzig 1897, S. 258.
17 Dass sich hinter den Äußerungen der wahren familiären Bestimmung der Frau andere Gründe wie beispielsweise die Angst vor möglicher weiblicher Konkurrenz verbargen, ist unschwer zu erraten: „Die erwerbende Frau ist und bleibt die Konkurrentin des Mannes, und das, was sie erwirbt, wird deshalb immer dazu dienen, den Ausfall im Preise der Arbeit zu ersetzen, den der Mann dadurch erleidet, dass durch die Miterwerbung der Frau der Lohn des Arbeiters gedrückt wird.“ Ebd., a.a.O., S. 207.
4
Arbeit zitieren:
Elena Tresnak, 2009, Rollenverteilung und Machtgefüge in der bürgerlichen Familie um 1900, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Deutsch - Literaturgeschichte, Epochen: neuer Titel erschienen: Rollenverteilung und Machtgefüge in der bürgerlichen Familie um 1900
Elena Tresnak hat einen neuen Text hochgeladen
Arbeitsheft zur Literaturgeschichte. Literatur um 1900
Texte, Übungen
Ulrike Ladnar, Reinhard Lindenhahn
Konfliktszenarien um 1900: politisch - sozial - kulturell
Die österreichisch-ungarische ...
Peter Deutschmann, Volker Munz, Olga Pavlenko
Künstlerische Interventionen v...
Bettina Brand-Claussen, Viola Michely, Philine Claussen, Andrea Engel, Anne Hatzius, Katrin Luchsinger, Thomas Röske
0 Kommentare