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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Entwicklung des deutschen Polenbildes in den letzten Jahrhunderten 4
2.1. Vor dem Novemberaufstand 4
2.2. Im Vormärz 5
2.3. Von der Paulskirche bis 1945 6
2.4. Nach dem Zweiten Weltkrieg 8
3. Stereotyp der langen Dauer „Polnische Wirtschaft“ 12
3.1. Begriffsentstehung 12
3.2. Der Begriff der „polnischen Wirtschaft“ 13
4. Zum aktuellen Polenbild in Deutschland 15
4.1. Zur Darstellung in den deutschen Medien 15
4.2. Empirische Betrachtungen 17
5. Folgen des deutschen Polenbildes für die deutsch-polnischen Beziehungen 21
6. Resümee. 25
7. Literaturverzeichnis 26
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1. Einleitung
Am 28. September 2007 hebt das Landgericht Karlsruhe einen Spruch einer Amtsrichterin auf, die einen ebay-Kunden verurteilt hatte, der ihrer Meinung nach offensichtliches Diebesgut gekauft hatte: „die Ware stammte aus Polen - da müsse man Verdacht schöpfen“ 1 . Dieses Gerichtsverfahren zeigt, wie tief bestimmte Stereotype von
Polen in der deutschen Bevölkerung verwurzelt sind - aber gleichzeitig auch, dass es Bemühungen gibt, diese zu überwinden. In meiner Arbeit möchte ich zeigen, wie diese Stereotype historisch entstanden sind und welchen Einfluss sie heute auf die deutschpolnischen Beziehungen haben.
Das Polenbild in Deutschland ist heterogen: es hat im Laufe der Geschichte nie eine Zeit gegeben, in der alle Deutsche, unabhängig von Stand und Schicht, eine einheitliche Meinung über Polen hatten. Dennoch lassen sich Tendenzen des Polenbildes in Deutschland nachweisen. Daher möchte ich im Kapitel „Die Entwicklung des deutschen Polenbildes in den letzten Jahrhunderten“ zeigen, in welchen historischen Epochen jeweils ein positives oder negatives Polenbild in der deutschen gesellschaftlichen Wahrnehmung dominierte. Das Kapitel gliedert sich entlang der Zäsuren, die in der deutsch-polnischen Geschichte als entscheidend gelten: der polnische
Novemberaufstand von 1830/31, die Polendebatte in der Frankfurter Paulskirche 1848 und das Jahr 1945. Ich beginne mit meinem historischen Überblick in der Zeit der polnischen Teilungen, da die polnische Staatlichkeit in dieser Zeit endete und der in dieser Zeit weit verbreitet Geist der Aufklärung entscheidend war für das Denken in nationalen Kategorien.
Im folgenden Kapitel erläutere ich, ein Stereotyp der langen Dauer, dass der „polnischen Wirtschaft“ näher. Ich gehe dabei von der Konzeption des Stereotyps „polnische Wirtschaft“ von Hubert Orłowski aus. Dieses Kapitel gliedert sich in die Nachzeichnung der Begriffsentstehung und eine weitere Analyse des Ausdrucks „polnischer Wirtschaft“. Vor dem Hintergrund der historischen Polenbilder möchte ich
„EBay-Schnäppchenjäger http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,496462,00.html Schnäppchenjäger“, Spiegel-online vom 28.09.07, beide eingesehen am 28.09.07.
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schließlich das aktuelle Polenbild in Deutschland näher betrachten. Als Quellen verwende ich hier zum einen Artikel in aktuellen Zeitungen, zum anderen empirische Studien. Bei letzteren diente mir hauptsächlich das Werk „Polen und Deutsche. Gegenseitige Wahrnehmungen nach der Osterweiterung der Europäischen Union“ von Mateusz Fałkowski und Agnieszka Popko, die Aufgrund einer Meinungsumfrage in Deutschland und Polen aktuelle empirische Ergebnisse vorstellen.
Abschließend beschäftige ich mich mit den Folgen des deutschen Polenbildes für die deutsch-polnischen Beziehungen. Dabei versuche ich nicht, alle Streitigkeiten und Konflikte der letzten Jahre genau nachzuzeichnen, sondern einen Überblick über die generelle Tendenz zu geben. In diesem Kapitel geht es mir auch nicht darum zu zeigen, wer wie viel „Schuld“ an den gegenwärtigen Divergenzen trägt, sondern darum nachzuvollziehen, wie die deutsche Wahrnehmung Polens die deutsch-polnischen Beziehungen beeinflusst. Ein Ziel dieses Kapitels liegt unter anderen darin zu zeigen, dass die deutsch-polnischen Beziehungen nicht mit den deutsch-französischen Beziehungen vergleichbar sind.
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2. Entwicklung des deutschen Polenbildes in den letzten Jahrhunderten
Gegen Ende der polnischen Adelsrepublik, in der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert setzte in Europa verstärkt der Prozess der Nationenbildungen ein. Durch viele Polen-Reisende aus Westeuropa, die Denkweisen der Aufklärung vertraten, wurde ein negatives Polenbild gezeichnet: von einem rückständigen halbzivilisierten Staat, einer unregierbaren Adelsrepublik, von einer reformbedürftigen, mittelalterlichen Staatsform, die im Gegensatz zur bürgerlichen Rationalität und zur Modernität steht. Aufklärer wie Voltaire und Diderot befürworteten eine Reform der Adelsrepublik zu einem modernen, zentralistischen Staat mit aufgeklärtem Absolutismus. Andere entwarfen wiederum Programme zur Verbesserung der Wirtschaftsstruktur. Westeuropäische Politiker jener Zeit setzen vor allem darauf, das Interesse ihres Landes gegenüber und in Polen zu sichern. All dies erklärt, warum gegen Ende des 18. Jahrhunderts viele Schriften über Polen verfasst wurden. Und so schrieb beispielsweise Jean-Jacques Rousseau über „Polen, dieses entvölkerte, verwüstete, unterdrückte, seinen Angreifern offene Land, dieses Polen zeigt mitten im Unglück und in der Anarchie noch das ganze Feuer der Jugend; es wagt, eine Verfassung und Gesetze zu verlangen, als ob es eben erst geboren wäre. Es liegt in Ketten und erörtert dennoch die Mittel, sich frei zu erhalten.“ 3 Dagegen schrieb Voltaire: „Alle verständigen Leute sind sich darin einig,
dass Polen immer das unglücklichste Land Europas sein wird, solange dort Anarchie herrscht. Ein kleiner Hausgeist hat mir [Voltaire; N. Gatzke] ins Ohr geflüstert, dass Sie
2 Zit. aus: Gerlach, Hellmut von, Wandlungen der deutschen Mentalität seit 1918, in: Die Zeit, 1. Jhg. 1930, in: Fischer, Peter, Die deutsche Publizistik als Faktor der deutsch-polnischen Beziehungen 1919-1939, Wiesbaden 1991, S. 24, zitiert nach: Zimmermann, Hans Dieter (Hrsg.), Mythen und Stereotypen auf beiden Seiten der Oder. Schriftenreihe des Forum Guardini, Bd. 9, Berlin 2000, S. 14.
3 Zit. aus: Rousseau, Jean-Jacques, Betrachtungen über die Regierung Polens und über deren vorgeschlagene Reform, in: Jean-Jacques Rousseau. Sozialphilosophische und Politische Schriften, München 1981, S. 566.
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[Katharina II.; N. Gatzke] […] Polen befrieden werden.“ 4 Aber vor allem in
Deutschland wurde der Untergang der polnischen Adelsrepublik als zwangsläufiger Prozess betrachtet 5 . Beruhend auf einer Unkenntnis der polnischen Kultur 6 wurde die
Zukunft der Polen in den annektierten Gebieten nur in der Assimilation gesehen, wie zum Beispiel in Goethes Essay zur Einführung der deutschen Sprache in Polen 7 deutlich
wird. In dieser Zeit tauchte auch der Begriff „polnische Wirtschaft“ zum ersten Mal auf.
2.2. Im Vormärz
Mit dem Novemberaufstand setzte eine emotionale Neubewertung Polens ein, die Aufbruchstimmung der polnischen Aufständischen erfasste auch beachtliche Teile des deutschen Bürgertums. Letzteres verglich den polnischen Unabhängigkeitskampf mit der Herstellung der Einheit in einem demokratischen Staat in Deutschland. Der deutlichste Ausdruck dessen ist das Hambacher Fest am 27. Mai 1832 „für Eure und unsere Freiheit“. Es herrschte eine regelrechte Polenbegeisterung in Deutschland, die starken Ausdruck in zahllosen Flugschriften, Zeitungsberichten, und -artikeln, Gedichten und Liedern fand. Vor allem in West- und Süddeutschland entstanden Polenhilfsvereine, die Mittel für polnische Flüchtlinge aufbrachten. Diese Stimmung in der deutschen Bevölkerung spiegelte aber nicht nur ein Verständnis für Polen, sondern vor allem auch das eigene unerfüllte Streben des deutschen Liberalismus wieder 8 . Die
Nichtexistenz eines polnischen Staates erleichterte die Zuneigung zu Polen: Da es kein staatliches Gebilde war, sondern ein unscharfes Gebiet „jenseits der Weichsel“, konnte es je nach Bedarf dem östlichen oder westlichen Kulturraum zugeordnet werden. Somit konnte eine Differenz zwischen Slawen und Polen gemacht werden, wobei erstere Barbarei, letztere Zivilisiertheit und Teilnahme am abendländischen Individualismus
4 Schumann, Hans (Hrsg.), Katharina die Grosse / Voltaire. Monsieur - Madame. Der Briefwechsel zwischen der Zarin und dem Philosophen, Zürich 1991, S. 220.
5 Häufig wird in diesem Zusammenhang Schillers Diktum der Weltgeschichte als Weltgericht bemüht.
6 Bspw. urteilt Wilhelm August Schlegel nach dem Kościuszko-Aufstand, die Polen hätten keine bedeutende Literatur hervorgebracht. Vgl. Zimmermann, Hans Dieter (Hrsg.), S. 10f.
7 Vgl. ebd., S. 11.
8 Vgl. Treugutt, Stefan, Die Polen-Begeisterung in der deutschen Literatur nach 1830, in: Jeismann, Karl-Ernst (Hrsg.), Die deutsch-polnischen Beziehungen 1831 - 1848: Vormärz und Völkerfrühling. Schriftenreihe des Georg-Eckert-Instituts für Internationale Schulbuchforschung, Bd. 22/II, Braunschweig 1979, S. 116-125, hier S. 118ff.
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repräsentieren. Damit entstanden zwei gegensätzliche Tendenzen im Bild über Polen, auf der einen Seite wurden den Polen Attribute wie: tapfer, mutig und heldenhaft zugeschrieben, auf der anderen Seite galten sie als disziplinlos, sprunghaft und unberechenbar 9 .
Auf der einen Seite existierte also die Meinung, Polen sei von seiner Wirtschafts- und Sozialverfassung ein rückständiges Land gewesen, das sich nicht politisch und wirtschaftlich selbst effizient organisieren konnte und demnach zwangsläufig seine Staatlichkeit verlieren musste. Mit Goethes Worten: „Die Polen wären doch untergegangen, mussten nach ihrer ganzen verwirrten Sichtweise untergehen“ 10 . Auch
andere „fortschrittliche“ Personen jener Zeit vertreten Vorurteile und Stereotype, so zum Beispiel Heinrich Heine, Karl Marx, Friedrich Engels 11 , Ferdinand Lassalle und Karl Kautsky 12 . Auf der anderen Seite wurden die Polen bewundert für ihre Freiheitsliebe, ihr
Eintreten für die gerechte Sache, ihren Mut, sich auch stärkeren Entgegenzustellen. Teile des deutschen Bürgertums fanden sich auch im Willen der politischen Führer nach fortschrittlichen Veränderungen wieder.
2.3. Von der Paulskirche bis 1945
Das Jahr des Volkerfrühlings 1848 markierte dann mit der Polen-Debatte in der Frankfurter Paulskirche vom 24. bis 27. Juli das Ende der polenfreundlichen Einstellung in Deutschland. Die Mehrheit der Abgeordneten folgte Wilhelm Jordan, der die Solidarität der deutschen Liberalen mit Polen als einen „Polenrausch“, einen „kosmopolitischen Idealismus“ und als „poetische Sentimentalität“ abtat. 13 Anlass der
Debatte waren Auseinandersetzungen um die Provinz Posen. Jordan plädierte für das Recht des Stärkeren und bezeichnete die deutschen Eroberungen in Polen als
9 Vgl. Zimmermann, Hans Dieter (Hrsg.), S.11.
10 Zit. aus: Biedermann, Woldemar Freiherr von (Hrsg.), Goethes Gespräche mit Eckermann, Bd. VII: 1831-1832, Leipzig 1890, S. 128, zitiert nach: Zimmermann, Hans Dieter (Hrsg.), S. 11f.
11 Vgl. Zimmermann, Hans Dieter (Hrsg.), S. 12f., vgl. auch Engels auch bei Orłowski, Hubert, Die Lesbarkeit von Stereotypen. Der deutsche Polendiskurs im Blick historischer Stereotypenforschung und historischer Semantik, Wrocław 2004, S. 153.
12 Vgl. Lawaty, Andreas / Orłowski, Hubert (Hrsg.), Deutsche und Polen. Geschichte, Kultur, Politik, München 2003, S. 275 f. oder Orłowski, Hubert, Die Lesbarkeit…, S. 153.
13 Wilhelm Jordan sagte in seiner Rede: „Die Polen sind noch immer nur ein Adelsvolk, das die weise Sparsamkeit, den anstrengenden Fleiß der Deutschen als Zeichen einer niedrigen Gesinnung, als einen
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Naturnotwendigkeit 14 . Mit Blick auf Deutschlands Zukunft als Großmacht taten in der
Folge Deutsche Liberale und Polenbegeisterte ihre früheren Äußerungen als Jugendsünden ab. Von der noch im März 1848 allseits anerkannten Forderung, dass Polen mit deutscher Hilfe wiederhergestellt werden müsse, war nun keine Rede mehr. Zugleich wird Polen in der Literatur in ein immer schlechteres Licht gerückt: Beispielsweise schreibt Ernst Moritz Arndt 1848: „die Polen und überhaupt der ganze slawische Stamm sind geringhaltiger als die Deutschen“ 15 . In Deutschland in dieser Zeit
besonders hochgeschätzte Eigenschaften wie „Ordnung, Fleiß und Sparsamkeit“ markierten einen Gegenpol zu dem den Polen unterstellten Stereotyp der „polnischen Wirtschaft“. Der Begriff war in dieser Zeit assoziiert mit Faulheit, Anarchie, Rückständigkeit, Korruption, Chaos und Egoismus. Als weiters Stereotyp findet man in den deutschen Quellen dieser Zeit das der schönen, dennoch patriotischen Polin. Als besonders gefährlich wird die Verbreitung der polnischen Sprache für die deutsche nationale Einheit gesehen und Polen wurde für die Zwecke der Realpolitik des Deutschen Kaiserreiches instrumentalisiert.
Die antipolnischen Einstellungen steigerten sich während der Kaiserzeit bis zur Weimarer Republik, als ein unabhängiger polnischer Staat wiedererstand; die bisherigen negativen Stereotype wurden nun um die angebliche Aggressivität und Militanz der Polen ergänzt. Polen wurde als „Saison- und Räuberstaat“ bezeichnet. Vor allem in der Presse steigerte sich die Verachtung bis zu dem Punkt, an dem Polen mit Ungeziefer und Bestien in Verbindung gebracht wurden 16 . Selbst die Wissenschaft spornte zu Gewalt und Hass an 17 . In traumatischen Erfahrungen von Gebietsabtretungen,
Grenzkonflikten und turbulenten Abstimmungskämpfen trat nun der „polnische Reichsfeind“ für die gesamte Nation deutlich sichtbar als außenpolitischer Gegner auf und symbolisierte für Deutsche schon durch seine Existenz den Verlust einer Großmachtstellung in Europa. Wechselweise wurde der Vorwurf einer minderheitenfeindlichen Politik, aggressiver Rüstungsanstrengungen oder territorialer
geschmutzigen Geiz ansieht.“ Nach: Lawaty, Andreas / Orłowski, Hubert (Hrsg.), S. 275.
14 Vgl. Zimmermann, Hans Dieter (Hrsg.), S. 13.
15 Zit. aus: “Polen, ein Spiegel der Warnung für uns“ (1848), nach: Orłowski, Hubert, Die Lesbarkeit…, S. 152.
16 Vgl. Zimmermann, Hans Dieter (Hrsg.), S. 14.
17 Vgl. Piskorski, Jan M., „Erbfeindschaften“. Antipolonismus, Preußen- und Deutschlandhass, deutsche Ostforschung und polnischer Westgedanke, in: Becher, Ursula A.J. / Borodziej, Włodzimierz / Maier, Robert (Hrsg.), Deutschland und Polen im 20. Jahrhundert. Analysen - Quellen - didaktische Hinweise, Bonn 2004, S. 94.
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und wirtschaftlicher Expansionsabsichten erhoben; und die Stereotype von Polen wandelten sich in Deutschland zu Feindbildern 18 .
Zwar hielten sich die Nationalsozialisten in ihrer antipolnischen Propaganda bis Anfang 1939 aus taktischen Gründen zurück, sie knüpften dann aber an die früheren Vorbehalte und Stereotype an, um ein noch brutaleres Vorgehen gegenüber den Polen im Krieg zu rechtfertigen. Der „Bromberger Blutsonntag“ oder der Propagandafilm „Heimkehr“ (1941) wurden instrumentalisiert, um das Stereotyp von Polen als Mörder zu prägen. Was folgte ist bekannt, zwar bescheinigte Hitler den Polen gewissermaßen auch gute Eigenschaften, so zum Beispiel in ihren tapferen Soldaten, aber zugleich bezeichnete er ihre Führung als unfähig und den Deutschen unterlegen 19 . Den Polen war
ein Helotendasein zugedacht, mit dessen Umsetzung durch die Liquidierung der polnischen Intelligenz und der Zerstörung Warschaus begonnen wurde.
2.4. Nach dem Zweiten Weltkrieg
Das Bild der Deutschen von Polen war anfangs nicht durch die deutschen Verbrechen in Polen, sondern eher durch die abgetretenen Gebiete und den Verlust der Heimat von Millionen Deutschen geprägt, welches als extremes Unrecht empfunden wurde. Polen wurde als Vertreiberstaat dargestellt. Die Oder-Neiße-Grenze wurde von der überwiegenden Mehrheit der westdeutschen Bevölkerung als vorläufig und unakzeptabel betrachtet und Polen als Okkupationsmacht gesehen. Den Polen wurde eine geschichtliche Maßlosigkeit unterstellt, sie wurden als expansionssüchtig, landräuberisch und imperialistisch gesehen, als unausgeglichen, hitzig und romantisch wirklichkeitsfern in ihrer Wesensart 20 . Eine Wende brachte im Jahr 1965 die
Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Thema Oder-Neiße-Grenze. Sie stellte die bis dahin geltenden Grundsätze in Frage und versuchte Verständnis für
18 Während bei nationalen Stereotypen positive und negative Werteaspekte diffus miteinander vermischt sind, entfällt bei Feindbildern die Ambivalenz von vornhinein. Feindbilder sind kurzfristig fabrizierte Kunstprodukte und daher auch leichter einem bestimmten Zeitraum zuzuordnen. Vgl. Jaworski, Rudolf, Deutsch-Polnische Feindbilder 1919-1932, in: Hinrichs, Ernst (Hrsg.), Die deutsch-polnischen Beziehungen 1919-1932. Schriftenreihe des Georg-Eckert-Instituts für Internationale
Schulbuchforschung, Bd. 22/VIII, Braunschweig 1985, S. 177 - 183, hier S. 178.
19 Vgl. Zimmermann, Hans Dieter (Hrsg.), S. 15.
20 Vgl. ebd., S. 16.
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die in den früheren deutschen Gebieten lebende polnische Bevölkerung zu wecken. Zu einen langfristigen Bewusstseinswandel verholfen allerdings erst die Briefwechsel der polnischen und deutschen katholischen Bischöfe und die „neue Ostpolitik“ der ab 1969 regierenden sozialliberalen Koalition, seit dem wurde die Aussöhnung mit Polen zu einer Konstante bundesdeutscher Politik. Dennoch stand Polen - abgesehen von den innenpolitischen Krisen ’56, ’68 und ’70/71 - nicht im Interesse der breiten Öffentlichkeit in der Bundesrepublik Deutschland. Dies änderte sich 1980 mit der Solidarność-Bewegung, die erneut das Bild vom polnischen Freiheitshelden reaktivierte und eine neue Begeisterung für Polen hervorrief, die sich beispielsweise in der groß angelegten Polenhilfe in Form von Paketaktionen zeigte 21 .
In der DDR war offiziell Freundschaft mit Polen verordnet. Während sich die Führung der DDR anfangs um das Vertrauen der polnischen Kommunisten bemühte, änderte nach dem „polnischen Oktober“ 1956 die Führung der DDR ihre Einstellung. Die polnischen Kommunisten wurden als ideologisch unzuverlässig betrachtet 22 und es gab
Probleme im persönlichen Verhältnis zwischen Ulbricht und Gomułka. Erst in der Zeit von Honecker und Gierek verbesserten sich die Beziehungen zwischen Polen und der DDR, und 1972 wurde der visafreie Grenzverkehr eingeführt und Millionen Bürger der DDR und Polens überquerten erstmals die Oder-Neiße-Grenze. In der Bevölkerung der DDR rief dies einen Konflikt um die Warenverteilung hervor wegen der Furcht vor dem Ausverkauf von Mangelwaren durch polnische Bürger 23 . Dies ist auch ein gutes Beispiel
dafür, dass zwischenmenschliche Kontakte nicht unbedingt zu einer Verringerung der Vorurteile beitragen müssen. Mit dem Entstehen der Solidarność funktionalisierte die DDR-Führung alte Stereotype über Polen, um ein Überspringen der polnischen Demokratiebewegung auf die DDR zu verhindern, zudem wurde bewusst das Bild der „polnischen Wirtschaft“ reaktiviert 24 . Ende der Achtziger Jahre wurde das negative
21 Vgl. Kosmala, Beate, Polenbilder in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Informationen zur politischen Bildung Nr. 271: Vorurteile - Stereotype -Feindbilder, Bonn 2001, S. 29 - 33, hier S. 29.
22 Ursachen waren die Wiedereinsetzung Gomułkas, die Entstalinisierung Polens, die bestehende Stärke der katholischen Kirche und die gescheiterte Kollektivierung der Landwirtschaft. Vgl. Bingen, Dieter, Deutsch-polnische Beziehungen, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Informationen zur politischen Bildung Nr. 273: Polen, Bonn 2001, S. 56 - 61, hier S. 56.
23 Vgl. Fałkowski, Mateusz / Popko, Agnieszka, Polen und Deutsche. Gegenseitige Wahrnehmungen nach der Osterweiterung der Europäischen Union, Warszawa 2006, S. 11.
24 1981 taucht in der DDR das Schlagwort der „polnischen Wirtschaft“ plötzlich wieder auf. Das im offiziellen Polenbild der DDR verpönte Klischee vom arbeitsunwilligen, faulen Polen, von polnischer Schlamperei und Misswirtschaft wurde in zahlreichen, oft bösartigen Witzen zu neuem Leben erweckt.
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Image dann dadurch verstärkt, dass Polen in der DDR subventionierte Waren, vor allem Lebensmittel, aufkauften um sie in Westberlin weiterzuverkaufen.
Durch die qualitativ veränderten internationalen wie innenpolitischen Rahmenbedingen und den atemberaubenden Prozess der Transformation in Europa wurde Ende der achtziger Jahre ein grundlegender Wandel in den bilateralen Beziehungen möglich. Polen gewann mit der deutschen Vereinigung für die deutsche Politik einen neuen Stellenwert, kein anderer Staat hatte ein solch starkes Eigeninteresse wie Deutschland, Polen in westeuropäische Strukturen einzubinden. Bei den politischen Eliten gehörte eine pro-polnische Einstellung gewissermaßen zur „political correctness“ 25 . Zunächst hatte die Überwindung des Kommunismus in Polen
Eigenschaften der Polen in den Vordergrund gerückt, die kaum mit den gängigen Stereotypen zu vereinbaren waren: hohes Verantwortungsbewusstsein, kreative Phantasie bei der Lösung der Verfassungsprobleme am runden Tisch, Kooperationsbereitschaft etc. Dagegen schien die weitere innenpolitische Entwicklung die alten Vorurteile zu bestätigen: Unfähigkeit der politischen Eliten sich zu einigen, extreme Zersplitterung des Parteiensystems, ständige Regierungskrisen und Wechsel der Regierungschefs. Auch die deutschen Medien zeigten nach 1989 Bilder von Rückständigkeit und Chaos in Polen 26 . Vor der Einführung der Visafreiheit für die
Polen im Jahre 1991 befürchtete ein Teil der ostdeutschen und Berliner Presse einen „Ansturm der Barbaren“ 27 .
Heute gibt es jedoch Ansätze zu einer vorsichtigen Veränderung des Bildes von Polen und den Polen, auch wenn nach wie vor negative Stereotype in den Unterhaltsmedien bedient werden, beispielsweise notorischer Autodiebstahl, antisemitische Katholiken, oder die Sorge vor der „Überflutung“ des Arbeitsmarktes. Adam Soboczynski schreibt in seinem Buch „Polski Tango”, die „Typusbeschreibung, […] der polnischen Putzfrau, stimmt noch. Sie entstammt aus den 80er und 90er Jahren, als die Verniedlichung der Polen heftig um sich griff; als man die Polen als ärmliche und kleinkriminelle,
Die DDR-Führung knüpfte ganz bewusst an Vorurteile gegenüber der polnischen Bevölkerung an, um den Widerstand gegen die kommunistische Herrschaft in Polen zu diskreditieren. Begriffe wie „polnische Wirtschaft“ wurden mehr oder weniger direkt von SED-Funktionären und Intellektuellen als „Erklärung“ für die Vorgänge im Nachbarland verkündet. Vgl. Lawaty, Andreas / Orłowski, Hubert (Hrsg.), S. 276.
25 Vgl. Zimmermann, Hans Dieter (Hrsg.), S. 20.
26 Vgl. Kosmala, Beate, S. 30.
27 Vgl. ebd., S. 30.
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gleichzeitig aber sympathische und harmlose Geschöpfe entdeckte. Dieses Polenbild lebt noch, hat sich aber, aufgrund der Angleichung der Lebensverhältnisse, in letzter Zeit deutlich abgeschwächt.“ 28
28 Zit. aus: Soboczynski, Adam, Polski Tango. Eine Reise durch Deutschland und Polen, Berlin 2006, S. 187ff.
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3. Stereotyp der langen Dauer „Polnische Wirtschaft“
3.1. Begriffsentstehung
1784 verwendete der Gelehrte Georg Forster zum ersten Mal den Begriff „polnische Wirtschaft“. Wahrscheinlich war dieser Begriff vorher schon im deutsch-polnischen Grenzgebiet verbreitet. Anfangs bezog sich der Begriff primär auf unterschiedliche Sozialverfassungen. Der Verelendung großer Teile der polnischen Landbevölkerung bei Zuschaustellung von Prunk und Verschwendungssucht des Hochadels, stand das Bild der zweckrational organisierten preußischen Wirtschaft gegenüber, in die nach 1772 Teile Polens eingegliedert wurden. Man sah sich als Vertreter des Rationalismus gegen „barbarische Frömmigkeit“, Intoleranz und überkommende Wirtschaftsführung und stellte Sparsamkeit, Rechtschaffenheit und „gute Regierung“ gegen Halbrohheit und Schmutz. 29 Der Ausdruck „polnische Wirtschaft“ kennzeichnete ursprünglich einen
unordentlichen, unsauberen Zustand und ineffektives, verschwenderisches Verhalten. Allerdings sind solche Darstellungen auch in französischen oder englischen Reiseberichten dieser Zeit zu finden, dort sind sie aber mit der Zeit in Vergessenheit geraten. 30 In Deutschland löste sich der Begriff von seinen Ursachen 31 und wurde ab
1848 geradezu zu einem Kampfbegriff im sich verschärfenden deutsch-polnischen Nationalitätenkonflikt. In meist diffuser Verwendung wertete er das polnische Volk ab, bis hin zu dem Extrem, dass Polen nicht in Lage seien einen eigenen Staat zu organisieren und aufrechtzuerhalten.
29 Vgl. Bömelburg, Hans-Jürgen, „Polnische Wirtschaft“. Zur internationalen Genese und zur Realitätshaltigkeit der Stereotype der Aufklärung, in: Bömelburg, Hans-Jürgen / Eschment, Beate (Hrsg.), „Der Fremde im Dorf“. Überlegungen zum Eigenen und Fremden in der Geschichte, Lüneburg 1998, S. 231 - 248, hier S. 240.
30 Vgl. Zimmermann, Hans Dieter (Hrsg.), S. 10 oder Bömelburg, Hans-Jürgen, S. 242.
31 Bereits 1897 schreibt der deutsche Militärhistoriker und Publizist Hans Delbrück in seiner „Politischen Korrespondenz“: „Der Ausdruck „polnische Wirtschaft“ passt nicht mehr; der polnische Edelmann wie der polnische Bauer sind solide geworden und sammeln Wohlstand“, Zit. aus: Delbrück, Hans, Russisch-Polen. Eine Reise-Studie. In: Preußische Jahrbücher 98 (1899), S. 121, zitiert nach: Wajda, Kazimierz, Hans Delbrücks Konzept der Polenpolitik und sein Polenbild, in: Hahn, Hans Henning, Stereotyp, Identität und Geschichte. Die Funktion von Stereotypen in gesellschaftlichen Diskursen, Frankfurt am Main 2002, S. 309.
Auch stellt Bömelburg fest, dass sich Getreideerträge in den ehemals polnischen Provinzen nicht markant
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3.2. Der Begriff der „polnischen Wirtschaft“
Den Begriff des „Stereotyps der langen Dauer“ führte Marcin Kula ein und wurde von Hubert Orłowski aufgegriffen: er bezeichnet die Zeit in der sich ein Stereotyp hält, welches dann epochenübergreifend weiter besteht und dauerhafter existiert als die Ursachen, auf die das Stereotyp zurückzuführen ist. Orłowski benutzt bei der Verwendung des Begriffs „Stereotyp“ die klassische Definition von Walter Lippmann, als „eine erkenntnis-ökonomische Abwehreinrichtung gegen die notwendigen Aufwendungen einer umfassenden Detailerfahrung“ 32 , daher wird der „individuellen
Wahrnehmung der Umwelt eine geringere Bedeutung zugemessen als der gesellschaftlichen Überlieferung, der Tradition“ 33 . Er analysiert in seinen Forschungen
zur „polnischen Wirtschaft“ in einer vorher nie da gewesenen Fülle und Breite die deutschen Vorstellungen über seinen östlichen Nachbarn. Der Begriff der „polnischen Wirtschaft“ steht in einem Beziehungssystem zu verwandten Begriffen wie: Unregierbarkeit, Anarchie, Unreinheit, Faulheit, „Besoffenheit“, „Untauglichkeit“ oder „polnischer Reichstag“. Mit dem darin enthaltenden Wort „Wirtschaft“ bündelt der Begriff „polnische Wirtschaft“ verschiedene normative, politische und soziale Bedeutungsebenen. Anderseits umfasst er auch eine Modernität, die dem Begriff eine Vitalität und Durchschlagskraft verleiht. Wirtschaft wird im Sinne von Wirtschaften, Organisieren und Ökonomie verstanden 34 . Der Kern des Stereotyps liegt in der
Verurteilung des unwirksamen Handelns und der Machtlosigkeit, wobei die Eigenschaft der Unordentlichkeit lediglich das unwirksame Handeln fördert. Der Begriff „Polen“ „bezog sich auf das Ende der politischen Biographie des Staates und nicht etwa auf die Fortdauer einer nationalen Gemeinschaft in der Eigenschaft eines historischen Subjekts.“ 35
Diese unterstellte politische Rückständigkeit, die eine Differenz zwischen Polen und der „zivilisierten Welt“ aufzeigt, wird „in direktem Zusammenhang mit der allgemeinen und kulturellen Unzivilisiertheit […], mit einer gewissen naturnahen „Ursprünglichkeit“, die jeden Fortschritt bis heute verhindert hat bzw. ihn als Schein
von den „altpreußischen“ Provinzen unterschieden. Vgl. Bömelburg, Hans-Jürgen, S. 244f.
32 Zit. nach Walter Lippmann in: Lawaty, Andreas / Orłowski, Hubert (Hrsg.), S. 272.
33 Zit. aus: Orłowski, Hubert, Die Lesbarkeit…, S. 14.
34 Vgl. Lawaty, Andreas / Orłowski, Hubert (Hrsg.), S. 269 ff.
35 Zit. aus: ebd., S. 271.
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entlarvt“ 36 gesetzt. Der Begriff ist ein Nebenprodukt der deutschen Aufklärung, in der
das „barbarische“ und „rückständige“ Osteuropa konzeptualisiert wurde als Gegenbild zum „zivilisierten“ und „aufgeklärten“ Westen mit pragmatischen bürgerlichen Tugenden wie Ordnung, Fleiß, Sparsamkeit und Sauberkeit 37 . Im 19. Jahrhundert
wandelte sich dann die Zuordnung dieser bürgerlichen Tugenden zunehmend zu deutschen, nationalen. Der Begriff der „polnischen Wirtschaft“ grenzt sich damit scharf von humanistischen und barocken Stereotypen ab 38 .
Auch heute noch finden sich spuren, sei es in der erwähnten Flüsterpropaganda der DDR der 80er Jahre oder in tief verwurzelten Vorurteilen, dass die Polen „rückständig“, „unmodern“ und „unwirksam“ seien, auch das Gerede von der „polnischen Unordnung“ besteht weiterhin.
So formulierte der polnische Publizist und Historiker Adam Krzeminski im März 2000:
„Erst wenn der in Deutschland übliche Begriff der “polnischen Wirtschaft” nicht mehr für Unordnung und Indolenz, sondern für Flexibilität und Dynamik stehen wird, kann es wirklich zu einem Ausgleich zwischen diesen beiden schwierigen Nachbarn kommen.“ 39
Das Wesen der Stereotype der langen Dauer liegt nicht darin, dass sie lange ununterbrochen funktionieren, sondern dass sie in jedem geeigneten Moment wieder zum Leben gerufen werden können, in dem abwechselnd soziale, politische, geschichtsphilosophische, moralische Facetten des Begriffs auftreten.
36 Zit. aus: Pleitner, Berrit, Die „vernünftige“ Nation. Zur Funktion von Stereotypen über Polen und Franzosen im deutschen nationalen Diskurs 1850 bis 1871, Frankfurt am Main 1999, S. 163.
37 Vgl. Lawaty, Andreas / Orłowski, Hubert (Hrsg.), S. 273.
Stereotype Vorstellungen über andere Nation sind mit dem Selbstbild der urteilenden Nation aufs engste verbunden. Vgl. Orłowski, Hubert, Die Lesbarkeit…, S. 152.
38 Vgl. Bömelburg, Hans-Jürgen, S. 232.
39 Zit. nach: Kosmala, Beate, S. 31.
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4. Zum aktuellen Polenbild in Deutschland
Die Wahrnehmung einer anderen Nation resultiert neben den in einer Gesellschaft existierenden Stereotypen und den direkten Kontakten mit Land und Leuten, aus dem von den Medien vermittelten Bild. Insbesondere die deutschen Medien tragen nicht dazu bei, in ihrer Beschreibung der Polen und der polnischen Politik, abwertende Vorurteile über Polen und die Polen zu reduzieren. Polen wird in Fernsehfilmen als Subzentrum der Kriminalität im postsozialistischen Europa dargestellt. Polen tauchen in erster Linie in der Rolle von Dieben und Prostituierten auf. 41 „Kaum gestohlen, schon in Polen“ reimte die Bild-Zeitung in Zusammenhang mit einem Autodiebstahl 42 . In der deutschen
Presse lassen sich sehr kritische Bewertungen der polnischen Politik finden, wobei man sich nicht nur auf konkrete Einschätzungen bestimmter Ereignisse und Themen beschränkt. Diese Kritik zielt darauf ab, die Unvereinbarkeit der polnischen politischen Kultur mit den in Westeuropa zugeschriebenen Standards zu entlarven. Die Wochenzeitung „Zeit“ prangerte „nationalistische Töne“ in Polen an und stellte dabei fest, dass man es mit einem „besonderen Neo-Sarmatismus und einer barocken Politik der Würde“ zu tun habe: „sehr national, die sich für Konsequenzen nicht interessiert.“ 43
Der „Spiegel“ monierte, dass es Polen lediglich auf die größtmöglichen Geldsummen aus der EU abziele. Und die „Süddeutsche Zeitung“ sprach vom „skandalösen und geringschätzigen Verhältnis Lech Kaczyńskis gegenüber der polnisch-deutschfranzösischen Zusammenarbeit“ 44 . Ähnliche Meldungen in den Medien lassen sich auch
40 Zit. aus: Soboczynski, Adam, S. 9.
41 Vgl. Zimmermann, Hans Dieter (Hrsg.), S. 23.
42 Vgl. Kosmala, Beate, S. 31.
43 Zit. aus: Hofmann, Gunter, Ach, Kaczyński, in: Die Zeit, Nr. 11/2006, 9.3.2006.
44 Zit. aus: „Weimarer Bermuda-Dreieck“, in: Süddeutsche Zeitung, 4.7.2006, nach Fałkowski, Mateusz /
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für dieses Jahr in der Auseinandersetzung um den neuen EU-Vertrag finden. Gleichzeitig symbolisierte Polen in den Augen der deutschen Medien und der deutschen Politik sämtliche Schwierigkeiten im Erweiterungsprozess, beispielsweise wird „der polnische Fliesenleger […] von Franz Müntefering über Angela Merkel bis zu Guido Westerwelle stets dann angeführt, wenn es um Schwarzarbeit, Lohnkonkurrenz oder ähnliche deutsche Arbeitnehmerängste geht.“ 45 Polen ist zum „notorischen Störer“ 46 und „zum Sorgenkind Europas geworden“ 47 . Da überrascht es dann nicht, das ungefähr ein
Drittel der Deutschen sich kritisch über Polens Stellung in der EU äußern, und auf einen proamerikanischen Kurs der polnischen Außenpolitik hinweisen, etwaige engere Kontakte mit der polnischen Seite missbilligen und dagegen eine engere Kooperation mit der Russischen Föderation befürworten 48 . Alle diese Meldungen sprechen nicht nur
für eine Krise aufgrund von Interessenunterschieden, sondern auf eine tief greifend schlechte Wahrnehmung von Polen in Politik und Medien.
Dennoch hat sich die gegenseitige gesellschaftliche Wahrnehmung von Polen und Deutschen in den letzten Jahren verbessert 49 . Die politischen Turbulenzen zeigen damit
weniger Einfluss auf die Bevölkerung. So sind die gesellschaftlichen Meinungen ausgewogener und besonnener 50 . Vor allem die Deutschen, die nach 1989 in Polen
waren, sehen heute Polen und die Polen in einem besseren Bild. Im Gegensatz dazu haben diejenigen Deutschen, die ihr Bild über den östlichen Nachbarn eher aus den Medien haben ein deutlich schlechteres Bild 51 . Mateusz Fałkowski und Agnieszka
Popko weisen damit empirisch nach, das die Medien in Deutschland einen negativen Einfluss auf die Wahrnehmung und das Erscheinungsbild Polens haben 52 . Und dieser
Popko, Agnieszka, S. 7.
45 Zit. aus: Diez, Georg, Debatten-Figuren. Der Dachdecker in Rheinland-Pfalz, die thüringische Friseurin, der polnische Fliesenleger. Wenn Politiker volksnah argumentieren, fallen ihnen immer diese Menschen ein. Wir haben sie besucht, in: Zeitmagazin Leben, Nr. 33/2007, 9.8.2007.
46 Zit. aus: „Ab in die Schmollecke“, in: Der Spiegel, Nr. 3/2004, nach Fałkowski, Mateusz / Popko, Agnieszka, S. 42.
47 Zit. aus: Hofmann, Gunter, Bizarres Theater, in: Die Zeit, Nr. 25/2007, 14.6.2007.
48 Vgl. Fałkowski, Mateusz / Popko, Agnieszka, S. 13 u. 52ff.
49 Vgl. ebd., S. 9. Die Aussagen von Fałkowski, Mateusz / Popko, Agnieszka beruhen auf Meinungsumfragen die in Deutschland vom Emnid-Institut in den Jahren 2000 und 2006 gemacht wurden. Die erste Umfrage vom November 2000 erstreckte sich auf 1000 repräsentative Deutsche, während die im April/Mai 2006 durchgeführte Befragung 1009 Einwohner Deutschlands erfasste. Vgl. ebd., S. 15.
50 Dies überrascht nicht, da knapp die Hälfte aller Deutschen (2006!) nichts über die gegenwärtige Regierung in Warschau zu sagen hatte. Vgl. ebd., S. 34.
51 Vgl. ebd. Diese Personengruppe bringt Polen bspw. häufiger mit Diebstählen und Schwarzarbeit in Verbindung. Vgl. ebd., S. 27.
52 Vor allem das Gefühl, sich von den Polen zu unterscheiden, also die Unähnlichkeit zwischen Deutschen und Polen wird von den Medien beeinflusst. Vgl. ebd., S. 37.
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Einfluss ist nicht klein, da die meisten Deutschen ihr Wissen über Polen vorrangig aus den Medien beziehen 53 .
4.2. Empirische Betrachtungen
„Of Poland most Germans do not have any image. To them, Poland is some unspecific area on the map somewhere between Berlin and Russia. To them, Poles are politically, economically and culturally hardly existent. If Poland appears in the world of these Germans it is the Poles who illegally transfer cars to the east, the Poles who until recently sold low-priced, low-quality goods on the sidewalks on Berlin.“ 54 Obwohl sich
die gesellschaftliche Wahrnehmung von Polen in Deutschland in den letzten Jahren verbessert hat, ist das Erscheinungsbild Polens in der deutschen Gesellschaft weitaus unklarer und negativer als das Erscheinungsbild der Deutschen in Polen. Gerade aber ein Mangel an Interesse kann leicht zur Verfestigung von Stereotypen führen. Während die meisten Polen ein klares Bild von ihrem westlichen Nachbarn besitzen, interessieren sich die meisten Deutschen kaum für Polen 55 . Die negativen Assoziationen überwiegen demnach immer noch 56 , beispielsweise geben Zweidrittel der Deutschen an, dass es
keinen günstigen Einfluss auf ihre auf ihre Kaufentscheidung hat, wenn die Waren in Polen hergestellt sind 57 . Dem gegenüber wird Polen heute weniger rückständig gesehen
als noch vor einigen Jahren, die Deutschen neigen häufiger dazu auch positive Eigenschaften, wie beispielsweise „Fleiß“, den Polen zuzuschreiben 58 .
Die Ursachen für diese Verbesserungen liegen in den häufigeren persönlichen Kontakten mit Polen, dem seit dem EU-Beitritt Polens in Deutschland wahrgenommenen Wirtschaftsaufschwung in Polen und der daraus resultierenden Wahrnehmung Polens als „halbwegs modernes Land“. Erstaunlich ist, dass die
53 Vgl. ebd., S. 19. Lediglich 35 % der Deutschen gaben an, einmal in Polen gewesen zu sein. Vgl. ebd.
54 Zit. aus: Lempp, Albrecht, The stereotypical Pole - stereotyped German view, in: Walas, Teresa (Hrsg.), Stereotypes and nations, Cracow 1995, S. 193.
55 18 % der Deutschen haben überhaupt keine Assoziationen mit Polen. Vgl. Fałkowski, Mateusz / Popko, Agnieszka, S. 24. Jeder zweite Deutsche weiß auf die Frage zum typischen Polen und Erscheinungsbild seines Heimatlandes keine eindeutige Antwort. Vgl. ebd. S. 35.
56 Die negativen Assoziationen machen 4 % aus und die Positiven 30 %. Vgl. ebd., S. 24.
57 Vgl. ebd., S. 67.
58 Vgl. ebd., S. 10.
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Einwohner des deutsch-polnischen Grenzgebiets eine höhere Akzeptanz im Alltag, Beruf und Politik gegenüber ihren Nachbarn haben und Polen weitaus positiver wahrnehmen 59 . Damit scheinen die mentalen Relikte der DDR-Staatspropaganda
überwunden zu sein. Für die Bewohner des Grenzgebiets „ist der Nachbarstaat östlich der Oder vor allem ein Land günstiger Preise, Einkaufs- und Urlaubsmöglichkeiten und schöner Landschaften.“ 60 Weiterhin erstaunt, dass die Ostdeutschen die Polen seltener als Kriminelle, „Arbeitsplatzräuber“ und Schwarzarbeiter sehen 61 . Trotzdem herrschen
in Ostdeutschland immer noch geringere persönliche Sympathien gegenüber den Polen als bei den Westdeutschen vor 62 .
Polen wird in Deutschland immer noch am stärksten mit Religiosität, Kriminalität, Armut und Rückständigkeit assoziiert, obwohl letzteres zunehmend an Bedeutung verliert 63 . Es scheint, als ob die wirtschaftlichen Veränderungen in Polen in letzten Jahren langsam ins Kollektivbewusstsein der Deutschen dringen 64 , dies ist umso
erstaunlicher, da sich die Deutschen nur im geringen Maße darüber im klaren sind, dass in Polen eine Demokratie und Marktwirtschaft existiert 65 . Positive Assoziationen, wie
günstige Preise, Einkaufsmöglichkeiten, rasche Fortentwicklung des Landes, Partner in Europa, schöne Landschaften, Urlaub, Kultur, polnische Küche, Fleiß, gute Arbeitnehmer und Gastfreundlichkeit, sind dagegen seltener 66 . Dagegen nehmen
Assoziationen zur tatsächlichen oder vermeintlichen Präsenz der Polen auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu 67 . Die Mehrheit der deutschen Befragten ist dabei der
Meinung, dass Polen die Arbeiten verrichten, die keine höheren Qualifikationen
59 Vgl. ebd.
60 Zit. aus: ebd., S. 11.
61 Vgl. ebd., S. 27.
62 29 % der Westdeutschen haben Sympathien gegenüber Polen, während es im gesamten Bundesgebiet dies nur 26 % sind. Vgl. ebd., S. 36f. Demgegenüber gaben bei einer Umfrage des INFAS-Institus im Dezember 1995 49 % der Ostdeutschen die Polen als „sympathisch“ an. Vgl. Zimmermann, Hans Dieter (Hrsg.), S. 23. Aber die Umfragen scheinen nicht vergleichbar zu sein. Dies zeigt auch eine Umfrage des Allensbach-Institutes, dass im Dezember 1995 die Befragten drei aus ca. 15 Ländern heraussuchen ließ, die ihnen „besonders sympathisch“ seien. Lediglich 2 % wählten Polen, das damit das Schlusslicht bildete. Vgl. Kosmala, Beate, S. 31.
63 Vgl. Fałkowski, Mateusz / Popko, Agnieszka, S. 23ff. Nur noch 32 % der Deutschen halten die Polen für „rückständig“, im Jahre 2000 waren es noch 44 %. Vgl. ebd., S. 30.
64 36 % der Deutschen stimmen mit einem raschen Wirtschaftswachstum in Polen überein, dies ist ein Anstieg von 16 % gegenüber dem Jahr 2000. Vgl. ebd., S. 32.
65 Vgl. ebd., S. 24. Nur 21 % der Deutschen sind der Meinung, dass die Marktwirtschaft in Polen funktioniert, sowie 20 % sind der Meinung, dass dort eine gute Arbeitsorganisation herrscht. Während bereits 38 % der Deutschen der Meinung sind, „es gibt ein parlamentarisches Regierungssystem, ähnlich wie in anderen Ländern Westeuropas“, Vgl. ebd., S. 33.
66 Vgl. ebd., S. 24f.
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erfordern (71 %), anderseits betont ein Drittel der Befragten, dass die Polen den Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen 68 . Daher ist auch erklärbar, dass „Fleiß“ unter
den positiven Polen zugeschriebenen Eigenschaften den größten Sprung nach vorne gemacht hat 69 . Dennoch nahm die Akzeptanz gegenüber Polen im Alltag, Beruf und Gesellschaft nur geringfügig zu 70 . Fast alle Deutschen akzeptieren Polen als Touristen,
während die Ausübung öffentlicher oder führender Ämter (bspw. als Vorgesetzter oder als Mitglied im Stadtrat) immer noch auf die niedrigste Akzeptanz in Deutschland stößt 71 . Noch im letzten Jahr gaben, trotz aller Diskrepanzen in Politik und Medien, 60
Prozent der Deutschen eine positive Einschätzung der deutsch-polnischen Beziehungen an, gegenüber 57 Prozent im Jahre 2000 72 und 52 Prozent im Dezember 1995 73 . Hier
zeigt sich nur eine langsame, aber dennoch positive Entwicklung. Im Jahre 2006 wiederum sind 28 Prozent aller Deutschen der Meinung, dass Deutschland mehr zum gegenwärtigen Stand der deutsch-polnischen Beziehungen beiträgt als Polen, während 17 Prozent gegenteiliger Meinung sind. Von denjenigen Befragten, die die deutschpolnischen Beziehungen nicht als gut betrachteten, wurde als häufigste Ursache gegensätzliche Interessen von Polen und Deutschland angegeben, erst später folgten „mangelnder Wille der Politiker und ihre Unfähigkeit die Probleme zu lösen“ und „schwierige historische Erfahrungen“ 74 . Obwohl mehr als die Hälfte der Deutschen der
Meinung ist, dass der 2. Weltkrieg zumindest eine geringe Auswirkung auf die Beziehungen der beiden Länder hat, halten 58 Prozent der Deutschen eine Aussöhnung für möglich 75 . Interessant ist, dass 68 Prozent der Deutschen angaben, noch nie etwas vom geplanten Zentrum gegen Vertreibungen gehört zu haben 76 .
In der Gesellschaft sind also durchaus Bemühungen erkennbar gewesen, die gemeinsamen Aufgaben und neuen Herausforderungen zu bewältigen und neue Wege der Partnerschaft aufzeigen. Dies ist ein Indiz dafür, dass beide Seiten doch ein wenig aus der Geschichte gelernt haben. Zu diesen positiven Veränderungen haben in den
67 Vgl. ebd., S. 26.
68 Vgl. ebd., S. 66.
69 38 % der Befragten gegenüber 30% im Jahre 2000 halten Polen für „fleißig“. Vgl. ebd., S. 29.
70 Vgl. ebd., S. 38ff.
71 Vgl. ebd., S. 39.
72 Vgl. ebd., S. 56.
73 Vgl. Zimmermann, Hans Dieter (Hrsg.), S. 23. Leider beziehen sich die Daten von 1995 nur auf die ostdeutsche Bevölkerung.
74 Vgl. Fałkowski, Mateusz / Popko, Agnieszka, S. 56.
75 Vgl. ebd., S. 58f.
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letzten Jahren sicherlich die Intensivierung der persönlichen Kontakte und die Aufnahme Polens in die EU beigetragen. Gerade dadurch überspringt Polen in den Augen vieler Deutscher eine Zivilisationshürde von einer rückständigen in eine moderne Welt. Mit den Jahren könnten sich auch zunehmend die Befürchtungen der deutschen Bevölkerung mit der EU-Osterweiterung zerstreuen und Polens Erscheinungsbild in der deutschen Bevölkerung langfristig weiter verbessern.
Allerdings lassen sich bei der politischen Zusammenarbeit beider Nationen keine positiven Veränderungen in der Wahrnehmung beobachten 77 , was der Realität zu
entsprechen scheint.
76 Vgl. ebd., S. 60f.
77 Vgl. ebd., S. 68.
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5. Folgen des deutschen Polenbildes für die deutsch-polnischen Beziehungen
Polen und Deutschland sind nun schon seit über drei Jahren gemeinsam Mitglieder der Europäischen Union. Gerade durch den Beitritt Polens in die EU wird es positiver wahrgenommen: als ein Land, dass sich den in der westlichen Welt üblichen Standards in Politik und Wirtschaft immer weiter annähert. Die EU-Osterweiterung war dadurch nicht nur gleichbedeutend mit dem Ende einer historischen Epoche der deutschpolnischen Beziehungen, es begünstigte ebenso die Offenlegung von bestehenden Konflikten. „Selbst in Deutschland war bereits kurz vor der Wahl [in Polen 2005; N.
Gatzke] ein politischer Stimmungswandel bemerkbar geworden. Polen tauchte in den Nachrichten wieder auf, als es in den Irak-Krieg zog, während ihn Deutschland verdammte. Polen war gegen die europäische Verfassung, und Erika Steinbach zierte fast jedes polnische Magazin mit ihrem Antlitz.“ 78
Zahlreiche Streitigkeiten dominierten in den letzten Jahren die deutsch-polnischen Beziehungen, seien es transatlantische Fragen (die USA-Bindung Polens, der Irak-Krieg und das geplante Raketenabwehrschild), europäische Fragen (die EU-Verfassung in 2003 und der EU-Reformvertrag in 2007), die Politik gegenüber der Russischen Föderation (im Veto gegen die Neuverhandlung des Freundschaftsvertrages zwischen der EU und der Russischen Föderation, die Ostseepipeline) oder verschiedene Modelle der Geschichtspolitik (die Aktivitäten der deutschen Vertriebenenverbände, wie das Zentrum gegen Vertreibungen oder Klagen auf Rückgabe ehemaligen deutschen Eigentums). Gewöhnlich werden die Meinungsunterschiede mit den unterschiedlichen Interessen Polens und Deutschlands, divergenten Wertvorstellungen oder mit der jeweiligen politischen Kultur erklärt.
Gegenüber den neunziger Jahren, als die Aussöhnung mit Polen und deren Aufnahme in westeuropäische politische und militärische Bündnisse eine politische Selbstverständlichkeit waren, bedeute dies ein erheblicher Umschwung in den deutschpolnischen Beziehungen. „Vergessen war plötzlich die Harmonie der neunziger Jahre, manche nannten diese Phase nun »Versöhnungskitsch«. 79 “ Aber auch in den neunziger
78 Zit. aus: Soboczynski, Adam, S. 88.
79 Zit. aus: Hofmann, Gunter, Polnische Verkrümmung, in: Die Zeit, Nr. 26/2007, 21.6.2007.
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Jahren nahm der Umgang deutscher Politiker mit Polen häufig mehr den Charakter der Geschäftsmäßigkeit an und war nicht mehr - wie in der Vergangenheit - von historischen Belastungen und dem daraus resultierenden persönlichen Engagement geprägt. Alexander Kwaśniewski warnte in dieser Zeit einmal sogar vor Gleichgültigkeit zwischen Deutschen und Polen.
Ein politisches Problem ist das äußere Erscheinungsbild Polens. Die Eliten beider Länder, vor allem Politiker und Journalisten aus Deutschland betonen nach dem EU-Beitritt Polens die Unterschiede weitaus dezidierter. Schon im Juli 2002 formulierte der damalige EU-Erweiterungskommissar Günter Verheugen bei einem Besuch in Warschau in einem Interview mit der katholischen Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny“, „die Polen müssen verstehen, dass ihre nationale Geschichte und Tradition nicht ein Maßstab der Geschichte und der Tradition anderer europäischer Nationen sein können“ 80 . Dies zeigt, dass es üblich ist, die Unwirksamkeit der Polen
und die Gebrechlichkeit ihres Staatswesens zu zeigen, ohne sich wörtlich auf die „polnische Wirtschaft“ zu berufen. Der polnische Ministerpräsident Jarosław Kaczyński konstatierte in einer öffentlichen Rede im August 2006, dass das größte Problem für seine Regierung das schlechte Erscheinungsbild Polens im Ausland sei 81 . Das Problem
des äußeren Erscheinungsbildes, sowie die Einfügung in die Gesamtarchitektur der EU stellen Kommentatoren und Politiker oft in einen Zusammenhang mit den zunehmenden Problemen in den deutsch-polnischen Beziehungen. Der damals zukünftige Bundesaußenminister Steinmeier sagte z.B. nach der Unterzeichnung des Koalitionsvertrages im November 2005 zu den deutsch-polnischen Beziehungen: „Wir sind uns beide sehr bewusst, dass das ein Verhältnis ist, in dem Irritationen bestehen…“ 82 . Dies alles verdeutlicht eindrucksvoll, dass Stereotype in politischen
Kontroversen zwischen Deutschland und Polen ein wichtiger Faktor sind, dabei kann das Potenzial antipolnischer Stereotype in jedem Konflikt oder politischen Krise wieder zum Vorschein kommen. Trägt doch gerade die EU die Gefahr des Ausbrechens des Stereotyps der „polnischen Wirtschaft“ in sich, in dem „Glauben an den (rationalisierten) objektiven Geist der Geschichte, der Realisierung eines (beinahe)
80 Zit. nach: Lawaty, Andreas / Orłowski, Hubert (Hrsg.), S. 278.
81 Vgl. „Drugie expose premiera“, in: Rzeczpospolita, 5.8.2006, nach Fałkowski, Mateusz / Popko, Agnieszka, S. 7.
82 Zit. aus: Werkhäuser, Nina, Kontinuität und neue Akzente in der deutschen Außenpolitik, in: Deutsche Welle (Online), www.dw-world.de, 18.11.2005, Zugriff: 23.08.2007.
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vollkommenen sozialen und wirtschaftlichen Systems möglich macht. Alle, die von der »Norm« abweichen, werden der […] Disziplinierung unterworfen“ 83 , wie die Ereignisse
um den EU-Reformvertrag in diesem Jahr gezeigt haben. Die Debatten und Auseinandersetzungen auf europäischer Ebene haben auch den Polendiskurs radikalisiert, und dies eben auch unter Mithilfe alter bekannter Denkmuster. Die „Zeit“ sah die Ursachen für die polnische „Sturheit“ im Streit um die EU-Verfassung im Dezember 2003 in vermeintlichen „Misserfolgen der Innenpolitik und [in; N. Gatzke] Warschaus miserabler Vorbereitung auf die EU-Mitgliedschaft“, um anschließend das Bild vom „polnischen Reichstag“ aufzuwärmen. Die Wochenzeitung sah Polen „gefangen von einem patriotisch überschäumenden Parlament und der polnischen Geschichte“, die es sich „wieder in Erinnerung rufen [solle, N. Gatzke], bevor sie Europa ein neues Liberum Veto aufdrängen“ 84 .
Im gleichen Artikel wurde festgestellt:
„Der polnische Ministerpräsident kam, sah und siegte - auf die Weise der Vorväter. Die tragische Geschichte seiner Nation seit der ersten Zerstückelung durch die europäischen Mächte hat den Warschauer Eliten einen fortlebenden religiösen Patriotismus eingepflanzt. Diese aus Polens Katakomben des 19. Jahrhunderts geborene Lehre besteht in einer die Kunst des Möglichen - also die Politik - gering schätzenden Passionskultur. Dem Land geht es zu oft um eine rühmenswerte, zu selten um eine rational zu gestaltende Zukunft.“ 85
Bei der ganzen Debatte um EU-Reformen in den letzten Jahren, in denen Polen „regelmäßig“ den „schwarzen Peter“ erhielt, wurde vergessen, dass Polen nicht verantwortlich dafür ist, dass die EU-Verfassung scheiterte. Das haben die Niederlande und Frankreich mit ihren Referenden bewirkt.
Ein Fehler ist es, die deutsch-polnische Zusammenarbeit mit der deutschfranzösischen nach 1945 gleichzusetzen, auch wenn in der deutschen Wahrnehmung Gemeinsamkeiten im historischen, politischen Verhalten von Polen und Franzosen gesehen werden: im schnellen Wechsel zwischen revolutionären Aufbegehren und Unterwürfigkeit, sowie im Stolz auf das eigene Vaterland. Zwischen Deutschen und Polen existieren tiefere kulturelle Gräben als zwischen Deutschen und Franzosen. Aus historischen Gründen ist die Zusammenarbeit mit slawischen Völkern für die Deutschen
83 Zit. nach: Orłowski, Hubert, Die Lesbarkeit…, S. 155.
84 Zit. aus: Schmidt-Häuer, Christian, Der Held der Neinsager, in: Die Zeit, Nr. 52/2003, 17.12.2003.
85 Zit. aus: ebd.
Zum Polenbild in Deutschland Seite 24
immer noch ungewohnter und weniger vorstellbarer als die Durchführung von Projekten mit westeuropäischen Völkern, wie den Franzosen. Auch in den Stereotypen in Deutschland unterscheiden sich Polen von Franzosen. Während Stereotype über Polen fast durchgängig negativ und von Geringschätzung geprägt sind, wird über Franzosen sowohl Gutes als auch Schlechtes gesagt 86 . Daher ist die deutsch-polnische Grenze in kultureller Hinsicht viel stärker spürbar 87 .
Dies sind alles Gründe, warum Polen für Deutschland noch nicht als gleichwertiger politischer Partner in Europa angesehen wird, dem Umgang deutscher Politiker mit der polnischen Politik ist dies eindeutig abzulesen. Politiker in Deutschland haben beispielsweise bei der Auseinandersetzug um die Abstimmungsverhältnisse im EU-Vertrag in diesem Jahr Polen mit „erhobenen Zeigefinger“ ermahnt ihre Politik zu ändern. Es wurde nicht einmal der Schein gewahrt, mit Polen politisch korrekt auf Augenhöhe zu verhandeln. Ein ähnlicher Umgang in Politik und Medien wäre bei einer Interessenkollision mit beispielsweise Frankreich unvorstellbar. Man ist noch nicht bereit Polen die vollen Rechte aus der EU-Mitgliedschaft zu zugestehen. In der aktuellen politischen Hackordnung sitzen Frankreich und Deutschland im Erste-Klasse-Triebwagen, während sich Polen mit der zweiten Klasse zufrieden geben soll.
86 Den Polen wird die „polnische Wirtschaft“ zugeschrieben, den Franzosen dagegen die hohe Bildung und Kultur. Es finden sich allerdings auch Gemeinsamkeiten in den Stereotypen, so dass beide Nationen der Emotion den Vorrang vor der Vernunft geben und ihr Handeln daher außerhalb jeder Kontrollmöglichkeit liegt. Vgl. Pleitner, Berrit, S. 164ff.
87 Vgl. Fałkowski, Mateusz / Popko, Agnieszka, S. 12.
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6. Resümee
Es zeigt sich in den letzten Jahrhunderten, die ich betrachtet habe, eine beachtliche Kontinuität der Wahrnehmung der Deutschen über Polen. Je nach politischem Standpunkt oder Wetterlage wurde Polen einer bedingungslosen Bewunderung oder Ablehnung ausgesetzt. Die beiden Hauptstereotype sind auf der einen Seite das der „polnischen Wirtschaft“ von zivilisatorisch rückständigen, untereinander oft zerstrittenen, disziplinlosen und zu längerfristigen konstruktiven Leistungen kaum im Stande seienden Polen, sowie auf der anderen Seite, dass des tapferen, für hohe Werte wie die eigene und die Freiheit anderer eintretenden Polen. Eine Abkopplung von allgemeinen Stereotypen über Slawen findet bereits mit der Polenbegeisterung in den 1830er Jahren statt, auch wenn sie 1848 wieder ins Gegenteil umschlagen, dafür umso heftiger. Es lassen sich also zwei Begründungsmuster für den „Sonderweg“ des Stereotyps der langen Dauer, einer bald dreihundert Jahre langen „langen Dauer“, „polnische Wirtschaft“ konstatieren: einerseits die Übernahme der aufklärerischen bürgerlichen Tugenden zu Deutschen, anderseits in den Besonderheiten der deutschen und polnischen Nationsbildung. Die Heraushebung der Stereotypen über Polen im Gegensatz zum Slawentum wurde durch die benachbarte Lage Polens begünstigt. Nach dem von gegenseitigem Hass geprägten 20. Jahrhundert bietet sich seit der Solidarność-Euphorie in Deutschland die Möglichkeit einer neuen entkrampfteren Wahrnehmung. Die Mitgliedschaft Polens in der Europäischen Union hat in dieser Beziehung einen Sprung nach vorn gebracht, da Probleme im deutsch-polnischen Verhältnis jetzt benannt und nicht weiter „unter den Teppich gekehrt“ werden. Gerade an Oder und Neiße bietet die Entwicklung - vor allem auch die positive wirtschaftliche Entwicklung Polenserstmals in letzten Jahrhunderten die Chance eines nicht von Feindschaften geprägten Miteinanders. Ansätze zu einer positiven Veränderung des Polenbildes in Deutschland zeichnen sich in der Bevölkerung ab, überraschenderweise auch in den deutschen Grenzgebieten zu Polen. Leider werden diese Entwicklungen durch die Funktionalisierung negativer Stereotypen in Medien und Politik erschwert. Ob sich die Stereotype gänzlich ändern oder ob sich Marcin Kulas Konzept des „Stereotyp der langen Dauer“ in der Zukunft fortsetzen wird, wird die Zeit zeigen müssen.
Zum Polenbild in Deutschland Seite 26
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Zum Polenbild in Deutschland Seite 28
Zimmermann, Hans Dieter (Hrsg.), Mythen und Stereotypen auf beiden Seiten der Oder. Schriftenreihe des Forum Guardini, Bd. 9, Berlin 2000.
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Mag. Niels Gatzke, 2007, Zum Polenbild in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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