Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
2. Hauptteil
2.1. Sprachspiele als Systeme des Wissens
2.1.1. Sprachspiel 6
2.1.2. Die Mathematik als bloßes Sprachspiel 8
2.1.3. Der Zweifel an Sprachspielen als Systeme des Wissens 11
2.2. Wissensaussagen
2.2.1 Wann kann von Wissen gesprochen werden? 13
2.2.2. Der Zweifel an Wissensaussagen 15
2.3. System des Glaubens
2.3.1. Weltbild 18
2.3.2. Was hat unser Weltbild mit einer Mythologie und
einem Flussbett zu tun? 19
2.3.3. Entstehung von Gewissheit
2.3.3.1. Entstehung von Gewissheit durch häufige
Übereinstimmung bzw. Überprüfung 22
2.3.3.2. Entstehung von Gewissheit durch Überzeugung 23
2.3.3.3. Entstehung von Gewissheit durch Abrichtung 24
2.3.4. Der Zweifel am Weltbild 26
2.3.5. Können tatsächlich alle Weltbildsätze in Sprachspiele
überführt werden? 29
2.4. Handeln
2.4.1. Handeln als letzte Instanz unseres Weltbildes und
dessen Sprachspielen 32
2.4.2. Der Zweifel am Handeln 33
2
3. Schluss 34
4. Literaturverzeichnis
4.1. Primärliteratur 36
4.2. Sekundärliteratur 36
4.3. Nachschlagewerke 38
3
1. Einleitung
Die vorliegende Arbeit behandelt den vom späten Wittgenstein aufgeworfenen Themenkomplex des Sprachspiels und die damit verbundene Frage, welche Sätze gewiss sind. Dabei wird der Status von Gewissheit an vier unterschiedlichen Ebenen der menschlichen Realität herausgestellt. Es wird ferner darauf eingegangen, ob bzw. inwieweit Wittgenstein den radikalen Skeptizismus innerhalb dieser vier Ebenen gewähren lässt. Diese Hausarbeit richtet sich nach folgender Skizze:
Diese Zeichnung veranschaulicht einen Teil der menschlichen Realität, welche in Über Gewißheit ausgelesen werden kann. Das Pyramiden-Diagramm ist derart angeordnet, dass die untere Stufe die Grundlage für die nächstobere Stufe symbolisiert. Je weiter man sich von der Spitze entfernt, desto höher ist der Grad der Gewissheit. Außerdem zeigt das Diagramm,
welcher Art der Zweifel bezüglich der vier in der Pyramide aufgezeichneten Stufen ist. Die geologischen Begriffe in Klammern verweisen auf Wittgensteins Fluss-Metapher, die insbesondere in Kapitel 2.3.2. beleuchtet werden. Links neben der Pyramide befindet sich ein nach oben hin transparent werdende Balken. Dieser repräsentiert den Grad der Gewissheit von Weltbildsätzen und bezieht sich auf die Sprachspiele als Systeme des Wissens und auf das System des Glaubens.
Im ersten Kapitel Sprachspiel wird eine kleine Einführung zum Begriff ‚Sprachspiel‘ gegeben. Dabei rücken auch pragmatische Aspekte in den Vordergrund, die Wittgenstein in dieser Deutlichkeit als erster formulierte. Um die Tragweite der Sprachspielkonzeption zu veranschaulichen, wird im nächsten Kapitel selbst die Mathematik als bloßes Sprachspiel ausgewiesen. Wittgenstein lehnt ein in der Welt existierendes apriorisches Prinzip ab und legt dar, dass nicht einmal die Logik einen universellen Charakter besitzt, weil sie lediglich nach unseren Bedürfnissen und Wünschen konzipiert wurde. In Kapitel 2.1.3. wird anhand der Erkenntnis, dass Wissensaussagen prinzipiell in Kontexte eingebunden sind, der radikale Skeptizismus widerlegt. Es wird belegt, dass der cartesianische Zweifel nicht durchführbar ist, weil jeder Zweifel unbezweifelbare Voraussetzungen beinhaltet. Das Kapitel Wann kann von Wissen gesprochen werden? bezieht sich auf die Spitze der Pyramide, den Wissenssätzen. Um das Wissen definitorisch einzurahmen, werden Wissenssätze durch Glaubenssätze kontrastiert. Es werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Satztypen erörtert. Dabei wird geklärt, warum der Zweifel im Bereich des Wissens eine notwendige Bedingung darstellt und in welcher Form Glaubenssätze resistent gegen den Zweifel sind. Auf diese Weise wird auch der Bereich des Glaubens tangiert, welcher ausführlich in den Kapiteln rund um die dritte Pyramidenstufe (System des Glaubens) thematisiert wird. Kapitel 2.3.1. bildet eine Einführung zum Thema ‚Weltbild’ und versucht zu klären, wo dieses in Wittgensteins Konzeption anfängt und aufhört. Im nächsten Kapitel wird ‚unser Weltbild’ mit einer Mythologie identifiziert, weil beide einen stark dogmatischen Charakter besitzen. Außerdem wird Wittgensteins Flussmetapher in Hinblick auf das Pyramidendiagramm gedeutet. Auf welche Weise Sätze das Prädikat ‚gewiss‘ erhalten und womöglich zu einem Teil unseres Weltbildes werden, wird im Kapitel Entstehung von Gewissheit beschrieben.
Im Kapitel Der Zweifel am Weltbild wird die Frage beantwortet, ob und inwieweit Weltbildsätze bezweifelt werden können. Es wird dargelegt, dass diese von einer unterschiedlichen Gewissheit sind und nur schwer - etwa durch Bekehrung - geändert werden
können. Im weiteren Verlauf wird auf Wittgensteins Versuch, den radikalen Skeptizismus direkt zu widerlegen, hingewiesen. Dabei wird gezeigt, ob dieser Versuch erfolgreich ist, indem die gegenwärtige Debatte zu diesem Thema miteinbezogen wird. Das Kapitel 2.3.5. stellt eine Reflexion dar. Es werden drei mögliche Einwände gegen die These diskutiert, alle Weltbildsätze ließen sich in Sprachspiele überführen. Dabei werden zwei gegensätzliche Positionen behandelt. Die eine setzt das Weltbild als relativ und daher als grundsätzlich veränderbar. Die andere bildet die transzendentale, also nichtrelativistische Interpretation, welche das Weltbild im innersten Kern doch für unveränderbar setzt, indem auf Universalien der menschlichen Handlungsweise verwiesen wird. Im Kapitel Handeln als letzte Instanz unseres Weltbildes und dessen Sprachspielen wird auf die unterste Stufe im Pyramidendiagramm eingegangen. Es wird gezeigt, dass unser Weltbild wie auch unser Wissen nicht nur untrennbar mit unserem Handeln verbunden sind, sondern auch dass unser Handeln erst unser Weltbild setzt. Im letzten Kapitel wird der besondere (dogmatische) Status von Handlung erörtert, durch welchen Wittgenstein einen möglichen Irrtum im eigenen Handeln zurückweist. Außerdem wird geklärt, ob diese Zurückweisung gerechtfertigt ist.
2. Hauptteil
2.1. Sprachspiele als Systeme des Wissens
2.1.1. Sprachspiel
Mit dem Begriff ‚Sprachspiel’ setzt sich Wittgenstein konsequent von seiner früheren Ansichtsweise ab, die Sprache ließe sich in äußerster Kristallklarheit darstellen. 1 Ende der 60er Jahre beginnt in der Linguistik eine Abkehr von Ferdinand de Saussures Strukturalismus, welcher die Bedeutung von Zeichen auf der Ebene der Semantik erschöpft sieht. Diese Abkehr hat u.a. Wittgensteins unvollendetes Werk Philosophische Untersuchungen (1953) bewirkt, weshalb er als „Vater der Pragmatik“ 2 bezeichnet wird. Der zentrale Gedanke hierzu ist, dass jede sprachliche Äußerung in einer menschlichen Praxis
1 vgl. Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen in: Tractatus logico-philosophicus, Tagebücher
1914-1916, Philosophische Untersuchungen, Bd. 1, Frankfurt a.M. 2000, §97
2 Greiner, Norbert: Übersetzung und Literaturwissenschaft, in: Grundlagen der Übersetzungsforschung,
Tübingen 2004, S.124
eingebettet ist und das Sprechen Handeln ist, frei nach dem Motto: „Worte sind auch Taten.“ 3 Sprache ist also von den mit ihr verbundenen praktischen Tätigkeiten nicht zu trennen. Wilhelm Beermann fasst den Begriff ‚Sprachspiel‘ in einer kurzen Definition zusammen: „Sprachspiele sind Spiele mit Worten und Sätzen, die einfache Arten der Verwendung der Sprache darstellen.“ 4 Es sollte hierbei allerdings beachtet werden, dass Wittgenstein sich mit dem Begriff des Sprachspiels einerseits auf die Anwendung bestimmter Einzelwörter, anderseits auf den Gebrauch der Sprache im allgemeinen Sinn bezieht. 5 Es existiert keine universelle Relation von Begriffen zu Objekten. Die Bedeutung, also der „Inhalt, der etwas bezeichnet, benennt, einen Sinn hat“ 6 , hängt stets vom Kontext ab und kann sich nur in einem Sprachspiel manifestieren. Deshalb verzerrt eine im Lexikon befindliche Begriffsdefinition die Bedeutung eines Wortes, weil sie nur den einen, semantischen Teil der Dimension der Bedeutung abdeckt. Der Verweis auf den Kontext ist von entscheidender Bedeutung. Der Satz ‚Ich war gestern auf dem Planeten Pluto gewesen‘ ist nach Wittgenstein unsinnig, sofern er isoliert, also ohne jeden Kontext auf einem Blatt Papier geschrieben steht. Wenn jemand auf das Lesen dieses Satzes erwidert, er sei falsch, weil noch kein Mensch je auf dem Planeten Pluto gewesen war und es in absehbarer Zeit auch nicht sein wird, so setzt der Leser diesen Satz in ein Sprachspiel, welches auf wissenschaftlichen, in Sachbüchern nachlesbaren Fakten basiert. Er kann sich gewiss sein, dass er Recht hat und der Satz falsch ist, weil er gute Gründe hierfür angeben kann. Wird ihm allerdings erklärt, dass der Schreiber dieses Satzes seinen Traum beschrieb, so ist dieser Satz im Sprachspiel ‚Traum‘ wahr, sofern man nicht einer Lüge unterliegt. Ob ein Satz wahr oder falsch ist oder ob er überhaupt in diesen Kategorien zu beurteilen ist, hängt vom verwendeten Sprachspiel ab. Jeder Zug im Sprachspiel enthält stets seinen eigenen illokutiven Charakter, über welchen er sich kategorisieren lässt. Deshalb nimmt Sprechen einen Handlungscharakter ein. Handeln bezeichnet „jede zielgerichtete Tätigkeit. H. ist im Unterschied zum passiven, instinktgebundenen Verhalten eine reflektierte, willentl. Tätigkeit, die auf Gestaltung der
3 Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen, §546
4 Beermann, Wilhelm: Die Radikalisierung der Sprachspiel-Philosophie. Wittgensteins These in 'Über
Gewissheit' und ihre aktuelle Bedeutung, Würzburg 1999, S.52
5 vgl. Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen, §7
6 Brockhaus Enzyklopädie in vierundzwanzig Bänden, 19. völlig neu bearbeitete Auflage, hrsg. von F. A.
Brockhaus AG, Mannheim 1986-1996
Wirklichkeit gerichtet ist.“ 7 Die Sprache im Moment des Sprechens bzw. als Realisation der Sprache verändert durch ihre Illokution die Welt. 8
Weiter wird das Sprachspiel als eine feststehende Tatsache betrachtet, welche nicht weiter hinterfragbar und beurteilbar ist. „Du must bedenken, daß das Sprachspiel sozusagen etwas Unvorhersehbares ist. Ich meine: Es ist nicht begründet. Nicht vernünftig (oder unvernünftig). Es steht da - wie unser Leben.“ 9 Es scheint, als ob Wittgenstein mit der Sprachspielkonzeption zumindest einen allgemeinen Begriff, den des Sprachspiels einführt. Dies würde ihm selbst widersprechen, weil er gerade gegen eine Universalisierung ist. Dies werfen ihm einige Philosophen wie Karl-Otto Apel und Vittorio Hösle vor.
„Wittgenstein begreift nicht, daß er für seine Destruktion der Philosophie jenen
Allgemeinheitsanspruch immer schon präsupponiert, den er mit seiner Sprachspieltheorie zerstören
will - sein Sprachspiel […] kann dies nur, weil es sich genau denselben Metastandpunkt anmaßt, den
es der Philosophie vorwirft.“ 10
Diese Kritik ist aber haltlos, weil Wittgenstein Begriffe wie ‚Sprachspiel’ und ‚Weltbild’ nicht metasprachlich verwendet, sondern sie in das System als einen Zug im Sprachspiel integriert. Da die Auseinandersetzung mit dem Begriff des Sprachspiels selbst ein Sprachspiel ist, entfällt die Eigenschaft des Allgemeinen. Genau dieses Unspezifische möchte Wittgenstein erreichen. „Das Sprachspiel hat seinen Ursprung nicht in einer Überlegung. Die Überlegung ist ein Teil des Sprachspiels.“ 11
2.1.2. Die Mathematik als bloßes Sprachspiel
Wittgenstein möchte deutlich machen, dass keine festen und allgemeingültigen Prinzipien in der Welt bestehen, die entdeckt werden könnten, wie er dies in seinem Tractatus versucht hat zu zeigen. „Die Suche nach einem Prinzip der Dinge und die Forderung nach Allgemeingültigkeit oder gar Notwendigkeit unserer philosophischen Erkenntnisse [zieht]
7 ebd.
8 Dennoch gibt es Situationen, in denen dies nicht der Fall ist, wie zum Beispiel bei einem Selbstgespräch oder
einem Ausdruck, welcher durch einen erlittenen Schmerz hervorgerufen ist, wie »Aua!« oder »Zum Teufel
nochmal!«. Leider gibt Wittgenstein über diese Art des Sprechens keine Auskunft.
9 Wittgenstein, Ludwig: Über Gewißheit in: Bemerkungen über die Farben. Über Gewißheit. Zettel. Vermischte
Bemerkungen, hrsg. von Gertrude E. M. Anscombe, Georg Henrik von Wright, Bd. 8, Frankfurt a.M. 2002, §559
10 Hösle, Vittorio: Die Krise der Gegenwart und die Verantwortung der Philosophie. Transzendentalpragmatik,
Letztbegründung, Ethik, 3.Auflage, München 1997, S.87
11 Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen, §391
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Markus Garth, 2010, Der Status der Gewissheit beim späten Wittgenstein, München, GRIN Verlag GmbH
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am Wednesday, February 02, 2011-