I. Inhaltsverzeichnis
I. Inhaltsverzeichnis
I. Inhaltsverzeichnis I
II. Abbildungsverzeichnis. IV
III. Tabellenverzeichnis V
IV. Anhangsverzeichnis VI
V. Abkürzungsverzeichnis. VII
1. Die Problemstellung. 1
2. Die Einbettung in die Didaktik: Von der Handlungsorientierung zum Konstruktivismus. 6
2.1 Handlungsorientierung 6
2.2 Berufliche Handlungskompetenz. 11
2.3 Konstruktivismus. 15
3. Die Grundlagen der Fallstudie: Von der Begrifflichkeit zum Problem 23
3.1 Der Fall. 23
3.2 Die Studie. 25
3.3 Die vielen Bedeutungen des Begriffs Fallstudie. 25
3.3.1 Fallstudie Empirische Untersuchungsmethode (wissenschaftliche Dimension) 25
3.3.2 Fallstudie Didaktische Methode (praktische Dimension) 26
3.4 Historische Betrachtung der Fallstudie. 29
3.5 Historischer Ursprung der Fallstudiendidaktik 29
3.5.1 BWL und Kasuistik 30
3.5.2 Entscheidungstheorien. 30
3.5.3 Reformpädagogik 31
3.5.4 Situationstheoretischer Ansatz der Didaktik 31
3.5.5 Emanzipatorische Pädagogik. 31
3.6 Varianten der Fallstudie. 32
3.6.1 Case-Study-Method. 33
3.6.2 Case-Problem-Method. 33
3.6.3 Case-Incident-Method 34
3.6.4 Stated-Problem-Method 34
3.6.5 Komplexitätsgrad: „Offene“ und „enge“ Fallstudien 34
3.7 Kriterien für die Fallstudienkonstruktion. 35
3.7.1 Situative Repräsentation. 35
3.7.2 Wissenschaftliche Repräsentation 35
I
I. Inhaltsverzeichnis
3.7.3 Subjektive Bedeutsamkeit 35
3.7.4 Subjektive Adäquanz (Fasslichkeit) 36
3.7.5 Handlungsbezug 36
3.7.6 Anschaulichkeit 36
3.8 Idealtypischer Unterrichtsverlauf der Fallstudie. 39
3.8.1 Konfrontation 39
3.8.2 Information. 40
3.8.3 Exploration 40
3.8.4 Resolution. 40
3.8.5 Disputation 40
3.8.6 Kollation. 40
3.9 Rolle des Lehrenden 42
3.10 Argumente für die Fallstudie 43
3.10.1 Realitätsbezug 43
3.10.2 Entsprechung der Handlungsorientierung 43
3.10.3 Entsprechung des Konstruktivismus 44
3.10.4 Förderung der Handlungskompetenz. 45
3.11 Probleme der Fallstudie 46
3.11.1 Hoher Anspruch an die Lehrenden bei fehlender Erfahrung 46
3.11.2 Materialmängel und mangelnde Materialien 47
3.11.3 Geringe Akzeptanz der Lernenden 47
3.12 Zusammenfassende Betrachtung der Fallstudie. 48
4. Die Untersuchung: Von der Planung über die Durchführung zu den Ergebnissen. 49
4.1 Ziel der Untersuchung 49
4.2 Untersuchungsinstrument: Schriftliche Befragung 51
4.3 Allgemeine Aspekte der Fragebogenkonstruktion. 53
4.4 Datenauswertung 54
4.5 Fragebogen für Lehrende im kaufmännischen Unterricht 55
4.5.1 Auswahl der Schulen. 55
4.5.2 Ablauf vor Ort 56
4.5.3 Berufliche Schule des Kreises Segeberg in Norderstedt (BS Norderstedt) 56
4.5.4 Staatliche Handelsschule mit Wirtschaftsgymnasium Schlankreye (H3) 56
4.5.5 Maßnahmen zur Rücklaufquotenerhöhung. 57
4.5.6 Spezielle Aspekte der Fragebogenkonstruktion des Lehrendenfragebogens. 57
4.6 Ergebnisse des Lehrendenfragebogens 58
4.6.1 Rücklaufquote 58
4.6.2 Allgemeine Daten der Lehrenden. 59
4.6.3 Problembereich: „Hoher Anspruch an die Lehrenden bei fehlender Erfahrung“ 60
4.6.4 Problembereich: „Materialmängel und mangelnde Materialien“ 65
II
I. Inhaltsverzeichnis
4.6.5 Problembereich: „Geringe Akzeptanz der Lernenden“ 67
4.7 Fragebogen für Studierende der Fachrichtung Diplom Handelslehramt. 69
4.7.1 Auswahl der Studierenden. 69
4.7.2 Ablauf vor Ort 69
4.7.3 Maßnahmen zur Rücklaufquotenerhöhung. 69
4.7.4 Spezielle Aspekte der Fragebogenkonstruktion des Studentenfragebogens. 70
4.8 Ergebnisse des Studentenfragebogens 70
4.8.1 Rücklaufquote 70
4.8.2 Allgemeine Daten der Studierenden. 71
4.8.3 Problembereich: „Hoher Anspruch an die Lehrenden bei fehlender Erfahrung“ 72
4.9 Gütekriterien der Befragungen 76
4.9.1 Objektivität. 76
4.9.2 Reliabilität 76
4.9.3 Validität. 76
4.10 Grenzen der Untersuchung 77
5. Die Abschlussbetrachtung: Von der zusammenfassenden Problembereichsanalyse über
Anregungen zur Schlussbemerkung 78
5.1 Analyse: „Hoher Anspruch an die Lehrenden bei fehlender Erfahrung“ 78
5.1.1 Anregungen: „Hoher Anspruch an die Lehrenden bei fehlender Erfahrung“ 80
5.2 Analyse: „Materialmängel und mangelnde Materialien“ 81
5.2.1 Anregungen: „Materialmängel und mangelnde Materialien“ 82
5.3 Analyse: „Geringe Akzeptanz der Lernenden“ 83
5.3.1 Anregungen: „Geringe Akzeptanz der Lernenden“ 83
5.4 Schlussbemerkung 84
VI. Literaturverzeichnis 86
VII. Anhang. 95
III
II. Abbildungsverzeichnis
II. Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Handlungskompetenz: Dimensionen und deren Akzentuierungen
Abb. 2: Fallstudiendidaktik: Historischer Ursprung und Quellen
Abb. 3: Fallstudie: Die vier Hauptvarianten
Abb. 4: Fallstudienarbeit: Idealtypische Verlaufsstruktur
Abb. 5: Phasen: Ablaufdiagramm
Abb. 6: Bezugsquellen der Methodenkenntnisse
Abb. 7: Anwendungshäufigkeit der Verlaufsstruktur nach KAISER
Abb. 8: Zufriedenheit mit der Behandlung von Lehr-Lern-Arrangements.
IV
III. Tabellenverzeichnis
III. Tabellenverzeichnis
Tab. 1: Rücklaufquoten der Lehrerfragebögen ...............................................................59 Tab. 2: Altersstruktur der befragten Lehrkräfte ..............................................................59 Tab. 3: Dienstjahre der befragten Lehrkräfte..................................................................59 Tab. 4: Einschätzung der Methodenkenntnisse von Lehrenden .....................................61 Tab. 5: Zeitbedarf für Fallstudienunterricht....................................................................62 Tab. 6: Berührungspunkte mit der Fallstudie..................................................................64 Tab. 7: Zeitintensive Vorbereitung des Fallstudienunterrichts .......................................65 Tab. 8: Höherer Fallstudieneinsatz bei größerer Anzahl von Unterrichtsmaterialien ....65 Tab. 9: Qualität von Fallstudienentwürfen in wirtschaftspädagogischen Zeitschriften..66 Tab. 10: Bezugsquellen für Fallstudienentwürfe ............................................................67 Tab. 11: Akzeptanz der Schüler und Zeitaufwand..........................................................68 Tab. 12: Erhöhung des Fallstudieneinsatzes durch Stoffreduzierung und Änderung der
Prüfungsanforderung........................................................................................68 Tab. 13: Rücklaufquote der Studentenfragebögen..........................................................70 Tab. 14: Altersstruktur der befragten Studierenden........................................................71 Tab. 15: Semester der befragten Studierenden ...............................................................72 Tab. 16: Einschätzung der Methodenkenntnisse von Studierenden................................72 Tab. 17: Berührungspunkte während des Studiums........................................................73 Tab. 18: Berührungspunkte durch Schule, Ausbildung und Medien ..............................74
V
IV. Anhangsverzeichnis
IV. Anhangsverzeichnis
Anhang 1: Fragebogen an die Lehrenden .......................................................................95 Anhang 2: Ergebnisse des Lehrendenfragebogens .........................................................99 Anhang 3: Fragebogen an die Studierenden .................................................................115 Anhang 4: Ergebnisse des Studierendenfragebogens ...................................................117 Anhang 5: Ergebnisse der Fallstudienzählung („Erziehungswissenschaft und Beruf“)126
Anhang 6: Abschlusserklärung .....................................................................................127
VI
V. Abkürzungsverzeichnis
V. Abkürzungsverzeichnis
Abb. = Abbildung bzw. = beziehungsweise d.h. = das heißt et al. = et alii (und andere) evtl. = eventuell ff. = folgende (Seiten) ggf. = gegebenenfalls Hrsg. = Herausgeber IHK = Industrie- und Handelskammer KMK = Kultusministerkonferenz Tab. = Tabelle u. a. = und andere; unter anderem usw. = und so weiter vgl. = vergleiche z. B. = zum Beispiel
VII
1. Die Problemstellung
„Nicht das Gehirn denkt, sondern der mit Haut und Gliedern erlebende Mensch als Ganzes ist
es, was denkt.“ (Bildhauer, Philosoph und Anthropologe Krückelhaus 1979)
1. Die Problemstellung
Eine lange Zeit fehlten Forschungsergebnisse, die darüber Auskunft geben, in welchem Umfang Fallstudien im Wirtschaftsunterricht eingesetzt werden. PÄTZOLD, KLUSMEYER, WINGELS und LANG erforschten 2003 die „Erfassung und Analyse vorherrschender Lehrmethoden und Unterrichtsstile im berufbezogenen Unterricht in ausgewählten
Berufsfeldern der dualen Ausbildung“ 1 . Dabei stellte sich heraus, dass handlungsorientierte Lehr-Lern-Arrangements 2 , wie die Fallstudie, im Vergleich zum Frontalunterricht eher eine ergänzende Funktion in dem berufsbezogenen kaufmännischen Unterricht einnehmen. Der Frontalunterricht dominiert deutlich 3 . Zudem wird diese Erkenntnis durch die hohe Dominanz des Klassenunterrichts, als die am häufigsten eingesetzte Sozialform und der Tafel, als das am häufigsten eingesetzte Unterrichtsmedium, gestützt (PÄTZOLD et al. 2003, S. 147). Allerdings gelingt es den Lehrenden bei dieser Art des Unterrichts häufig nicht die komplexen und vielgestaltigen Problemzusammenhänge der Wirtschaftspraxis über die Präsentation deskriptiven Wissens zu vermitteln. Insbesondere die Fallstudie stellt eine geeignete Möglichkeit dar, den unzureichenden Praxisbezug der ökonomischen Bildung zu überwinden (WEITZ 2000, S. 3) 4 . Sie ist in besonderer Weise geeignet die komplexe Realität am Fall zu analysieren und erweist sich als außerordentlich bildungswirksam, da sie Lernen mit dem Leben selbst verknüpft und unterrichtlich das aufarbeitet, was unmittelbar gesehen, gehört und erlebt wird (KAISER 2006, S. 247). Die Fallstudie hilft
1 PÄTZOLD, KLUSMEYER, WINGELS und LANG untersuchten im Rahmen des Forschungsauftrages
4/2000 im BLK-Programm „Neue Lernkonzepte in der dualen Berufsausbildung“ die „Erfassung und
Analyse vorherrschender Lehrmethoden und Unterrichtsstile im berufbezogenen Unterricht in ausgewählten
Berufsfeldern der dualen Ausbildung“, um das empirisch-deskriptive Forschungsdefizit der Lehr-
Lernmethodenforschung zu verringern. Eine Kurzfassung der Forschungsergebnisse findet sich unter:
http://www.itb.uni-bremen.de/projekte/blk/texte/Zusammenfassung_FA_4.pdf
2 Im Verlauf dieser Arbeit werden die Begriffe „Unterrichtsmethode“ und „Lehr-Lern-Methode“ (z. B. Frontalunterricht) synonym verwendet. Darüber hinaus erfolgt eine sinngleiche Verwendung der Begriffe
„handlungsorientierte Lehr-Lern-Methode“, „handlungsorientierte Methode“ und „handlungsorientierte Lehr-
Lern-Arrangements“ (z. B. Fallstudien). Zwecks trefflicherer Bezeichnungen sei auf BONZ (1999)
verwiesen.
3 BOHL kommt bei seiner Untersuchung für die Realschulen in Baden-Württemberg zu einem ähnlichen Ergebnis (vgl. BOHL 2000, S. 279)
4 Eine verkürzte Fassung des Werkes von WEITZ („Fallstudienarbeit in der ökonomischen Bildung“) findet sich im Internet unter: http://www.sowi-online.de/methoden/dokumente/weitzfall.htm
1
1. Die Problemstellung
dabei den Lernenden autonome Lernprozesse einzuleiten, die durch selbständiges Problemlösen, Entscheiden und Handeln gekennzeichnet sind. Die Problemlösungs- und Entscheidungskompetenz, die Fähigkeit zu selbständiger Informationsbeschaffung und Situationsanalyse werden als wesentliche Elemente der beruflichen Handlungskompetenz durch die Fallstudie gefördert (PÄTZOLD et al. 2003, S. 46). Zwar eignet sich die Fallstudie, aus der Sicht der Lehrenden, nicht besonders gut, um Begriffswissen zu erarbeiten, aber bei der Förderung des Problembewusstseins und der Wissensanwendung bei den Lernenden nimmt die Fallstudie, nach Angaben der Lehrenden, eine herausragende Position ein (PÄTZOLD et al. 2003, S. 146), die es ermöglicht, „die Einseitigkeit eines traditionellen Fachdisziplinen orientierten Unterrichts in beruflichen Schulen zu überwinden und die Auszubildenden auf
das Handeln im Berufs- und Arbeitsleben vorzubereiten.“ (PÄTZOLD et al. 2003, S. 46) Die Fallstudie kann als „besondere pädagogische Chance“ gesehen werden, da nicht theoretisches Wissen präsentiert wird, um die Praxis zu erklären, sondern durch die Analyse eines praktischen Falles der Anstoß für den Zugriff auf die Theorie gegeben wird (WEITZ 2000, S. 6).
Während meiner Schulzeit, die ich 1998 mit dem Abitur an der Friedrich-List-Schule in Lübeck abgeschlossen habe, wurde ich im Unterricht nicht mit Fallstudien konfrontiert oder ich habe die Bearbeitung nicht bewusst wahrgenommen. Berührungspunkte boten sich lediglich in der Verbindung mit meiner Parallelklasse, die im Leistungskurs Wirt-schaftstheorie und -politik mit Fallstudien gearbeitet hatte. Der Stellenwert und der Umgang mit Fallstudien sind in dieser Klasse so prägnant gewesen, dass sogar bei der schriftlichen Abiturprüfung eine Fallstudienbearbeitung gewählt werden konnte. Während meiner Klasse die Bearbeitung von Fallstudien nicht geläufig gewesen ist, erhöhte sie die Motivation der Parallelklasse. Die Mitschüler, die bereits mit Fallstudien gearbeitet hatten, berichteten, dass der Fallstudienunterricht sehr praxisorientiert und motivationsfördernd sei. Die Gründe, warum die Fallstudie von meinem Lehrer nicht eingesetzt wurde, sind mir nicht bekannt.
Diese persönliche Erfahrung zeigt, dass sich die Arbeit mit Fallstudien, trotz aller damit verbundenen und unbestrittenen Vorteile, bisher nicht auf breiter Front durchgesetzt hat (WEITZ 2000, S. 44). Als einer der Gründe kann die fehlende Erfahrung der Lehrenden mit Fallstudien angesehen werden (WEITZ 2000, S. 47). Die Untersuchung von PÄTZOLD et al. aus dem Jahre 2003 scheint allerdings ein anderes Ergebnis zu vermitteln. Bei der Sichtung der Ergebnisse stellte sich heraus, dass die Fallstudie den Frontalunterricht im kaufmännisch-verwaltenden Bereich am häufigsten ergänzt. Dementsprechend
2
1. Die Problemstellung
gaben 77,4 % der Lehrenden an, die Fallstudie einzusetzen (PÄTZOLD et al. 2003, S. 158). Zudem gaben 13,0 % der Befragten an, dass sie Fallstudien bis zu fünf Stunden pro Woche im Unterricht durchführen würden. Weitere 14,1 % der Lehrkräfte verwendeten die Fallstudie drei- bis viermal im Monat in ihrem Unterricht (PÄTZOLD et al. 2003, S. 142). Aus diesen Werten könnte gefolgert werden, dass die Lehrenden solide Kenntnisse über Fallstudien besitzen. Bei diesen positiven Ergebnissen muss allerdings berücksichtigt werden, dass PÄTZOLD et al. davon ausgehen, dass die Lehrkräfte bei der Beantwortung der Fragen eher an einfache Fälle (z. B. „kleinere“ Rechtsfälle) gedacht haben und weniger 159-160) 5 . Desgleichen beschreibt an komplexe Fallstudien (2003, S.
BRETTSCHNEIDER, dass im Rahmen des Forschungsprojektes „Steinfalke“ 6 , bei dem 26 Lehrer angaben mit Fallstudien zu arbeiten, 16 Befragte für die Durchführung des Fallstudienunterrichts lediglich 30 Minuten benötigten (2000, S. 25-26). Infolge der beiden Ergebnisse drängt sich der Verdacht auf, dass viele Lehrenden nicht zwischen Fallstudien und Fallbeispielen differenzieren können und die Begriffe synonym verwenden. Dies könnte darin begründet liegen, dass die Fallstudie bei vielen Lehrenden nicht Bestandteil der universitären Ausbildung und des Referendariats gewesen ist (WEITZ 2000, S. 47). Es ist davon auszugehen, dass die Einsatzhäufigkeit und die Erfahrungen der Lehrenden mit der Fallstudie geringer ausfallen, als die Zahlen in der Untersuchung von PÄTZOLD et al. vermuten lassen. Als weiterer Grund für die „Nichtanwendung“ der Fallstudie im Unterricht kann zudem das fehlende Angebot an Fallstudienentwürfen, z. B. in gängigen Fachzeitschriften, angesehen werden (WEITZ 2000, S. 44). BRETTSCHNEIDER beschreibt, dass im Rahmen des bereits aufgeführten Forschungsprojektes „Steinfalke“ ca. 1000 Ausgaben von Fachzeitschriften im Hinblick auf Fallstudien gesichtet worden sind, wobei nur wenige Fallstudienentwürfe gefunden werden konnten. Zudem sind die gefundenen Fallstudien in den untersuchten Zeitschriften größtenteils von durchschnittlicher Qualität gewesen (2000, S. 25) 7 . Da die Fallstudie von den Lehrenden zur Bewältigung der Stofffülle als ungeeignet eingeschätzt wird (PÄTZOLD et al. 2003, S.
5 PÄTZOLD et al. verzichteten bei ihrem Fragebogen für die Lehrenden auf eine Erläuterung der einzelnen
Methoden, da sie davon ausgegangen sind, dass durch die Lehrerausbildung ausreichende Kenntnisse über
die einzelnen Methoden und deren Bezeichnungen vorliegen würden (2003, S. 62).
6 Im Rahmen des Forschungsprojekts „Steinfalke“ wurden u. a. in Detmold 60 Lehrerinnen und Lehrer an
kaufmännisch berufsbildenden Schulen zum Einsatz von Fallstudien befragt (vgl. BANSMANN/STÖLTING
1998).
7 Die Untersuchung wurde von SCHÄFERS und PIEPER im Rahmen ihrer Diplomarbeiten durchgeführt. In
ihren Arbeiten sichteten sie alle relevanten wirtschaftspädagogischen Zeitschriften der Jahre 1987 bis 1997
(vgl. SCHÄFERS 1998; PIEPER 1998).
3
1. Die Problemstellung
161) spielt der Zeitmangel, der am häufigsten genannte Grund für den geringen Einsatz von Fallstudien im Unterricht (BRETTSCHNEIDER 2000, S. 26), insbesondere im Hinblick auf den terminlichen Druck einer IHK-Prüfung, eine entscheidende Rolle bezüglich des Fallstudieneinsatzes im Unterricht (LANGE 1997, S. 7) und bei der Akzeptanz der Lernenden (WEITZ 2000, S. 46).
Ziel dieser Arbeit ist es, die vorherrschenden Probleme der Fallstudie auf dem Weg zu einer stärkeren Verbreitung im kaufmännischen Unterricht zu analysieren. Im Rahmen dieser Arbeit werden die Problembereiche der Fallstudie unter folgenden Leitfragen untersucht:
Wie ist das Fallstudienwissen der Lehrenden einzuordnen und welche Rolle nimmt dabei die universitäre Lehrerausbildung ein? Sind fehlende Materialien und Materialmängel Aspekte für eine „Nichtanwendung“ der Fallstudie bei den Lehrenden? Besteht eine geringe Fallstudienakzeptanz bei den Lernenden?
Zur Untersuchung dieser Fragestellungen wurde ein standardisierter Fragenbogen für die Befragung von Lehrenden an Berufsschulen entwickelt, die kaufmännischen Unterricht erteilen. Mittels der Befragung sollen Erkenntnisse über das vorliegende Fallstudienwissen der Lehrenden gesammelt werden und der Frage der synonymen Verwendung von Fallstudien und Fallbeispielen nachgegangen werden. Im Rahmen der Untersuchung wird den Berührungspunkten der Lehrenden bzw. der angehenden Lehrenden mit der Fallstudie während des Studiums eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Bislang existieren keine Forschungsergebnisse, die Auskunft darüber geben, im welchem Umfang die Fallstudie in der Lehrerausbildung behandelt wird (WEITZ 2000, S. 44). Insbesondere die Bedeutung der Lehrerausbildung wird von WEITZ für die Arbeit mit der Fallstudie im Unterricht herausgestellt: „Dabei wird die Arbeit mit Fallstudien zugleich als wichtiges Element der Lehrerausbildung selbst verstanden. Anders ausgedrückt, es ist kaum zu erwarten, dass Lehrer aktive und partizipative Formen
des Lehrens und Lernens im Unterricht Einsetzen, wenn diese in ihrer eigenen Ausbildung keine Rolle
gespielt haben.“ (2000, S. 3)
Um diesen Umstand in die Analyse mit einzubeziehen, werden, ergänzend zu der Befragung der Lehrenden, ebenfalls Studierende an der Universität Hamburg mittels eines standardisierten Fragebogens befragt. Es soll untersucht werden, welchen Stellenwert die Fallstudie in der universitären Ausbildung einnimmt 8 . Das von BERTTSCHNEIDER beschrie-
8Eine explizite Untersuchung über die Behandlung der Fallstudie während der Referendariatsausbildung wäre wünschenswert gewesen, ließ sich allerdings durch die Begrenzungen dieser Arbeit nicht umsetzen.
4
1. Die Problemstellung
bene Problem des Materialmangels soll ebenfalls in dieser Arbeit aufgenommen werden. Zur Analyse wird ein Blick auf vorhandene Bezugsquellen der Lehrenden geworfen, wobei insbesondere wirtschaftspädagogische Zeitschriften betrachtet werden. Um die Quantität der Fallstudienentwürfe eingehend zu bestimmen, wird eine Zählung von Fallstudienentwürfen in der gängigen wirtschaftspädagogischen Zeitschrift „Erziehungswissenschaft und Beruf“ der Jahre 1997 bis 2007 durchgeführt 9 . Die Frage nach der Akzeptanz der Fallstudie bei den Lernenden kann in dieser Arbeit lediglich über die Aussagen der Lehrenden in Bezug auf Stofffülle, Prüfungsanforderung und Zeitaufwand beurteilt werden 10 . Um bereits im Vorfeld der Gefahr entgegenzuwirken, dass die Lehrenden bei der Beantwortung des Fragebogens Fallstudien mit Fallbeispielen, z. B. mit Fällen zur Einführung und Verdeutlichung eines Themas (LANGE S. 8) oder kleinen Rechts- und Rechnungswesenfällen (PÄTZOLD et al. S. 159), vermischen, wie es wahrscheinlich bei den Untersuchungen von PÄTZOLD et al. sowie BANSMANN und STÖLTING geschehen ist, wurde in den Fragebogen eine Definition der Fallstudie 11 integriert.
Im Anschluss an die Problemstellung erfolgt in Kapitel 2 die didaktische Einbettung der Thematik. Infolgedessen wird die Handlungsorientierung betrachte und ein spezieller Blick auf die berufliche Handlungskompetenz geworfen, bevor die Aufmerksamkeit dem Konstruktivismus gewidmet wird. Daraufhin wird in Kapitel 3 die Fallstudie ausführlich beschrieben. Nach der anfänglichen Begriffsklärung und der historischen Betrachtung erfolgt eine Übersicht der Fallstudienvarianten, die Beschreibung der Kriterien für die Fallstudienkonstruktion, eine Betrachtung des idealtypischen Unterrichtsverlaufs und die Darstellung der Lehrendenrolle. Abschließend werden die Argumente für die Fallstudie sowie ihre Probleme aufgezeigt und zusammenfassend betrachtet. Kapitel 4 beschäftigt sich mit der Planung, Durchführung und den Ergebnissen der Untersuchung. Dabei werden die Ziele und das Untersuchungsinstrument erläutert, bevor auf den jeweiligen Ablauf und die Aspekte der Fragebögen eingegangen wird. Nachfolgend werden die Ergebnisse präsentiert und bereits leicht interpretiert. Im Kapitel 5 werden die Ergebnisse in den einzelnen Problembereichen zusammengefasst und Anregungen für Verbesserungen unterbreitet. Abschließend erfolgt die Schlussbemerkung dieser Arbeit.
9 Die Analyse der Qualität von gefundenen Fallstudienentwürfen nach den Konstruktions- und Bewertungskriterien von REETZ (siehe Kapitel 3.7) ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich gewesen.
10 Eine zusätzliche Betrachtung der Akzeptanz der Lehrenden mittels eines Schülerfragebogens hätte den Umfang dieser Arbeit überschritten.
11 Auf den Begriff „Fall“ und die Fallstudiendefinition wird im Kapitel 3 ausführlich eingegangen.
5
2. Die Einbettung in die Didaktik
2. Die Einbettung in die Didaktik: Von der Handlungsorientierung
zum Konstruktivismus
Seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts zählt der Begriff der Handlungsorientierung zu den herausragenden Begriffen in der Literatur zur Didaktik des beruflichen Lernens. (CZYCHOLL/EBNER 2006, S. 44). Bereits in Kapitel 1 hat die Handlungsorientierung Erwähnung gefunden, als von der Fallstudie als handlungsorientiertes Lehr-Lern-Arrangement gesprochen worden ist. Im Folgenden wird die Handlungsorientierung näher betrachtet, wobei explizit auf die berufliche Handlungskompetenz, die in den Titel dieser Arbeit eingeflochten ist, eingegangen wird. Abschließend wird der konstruktivistische Ansatz aufgezeigt, der Verwandtschaftsbezüge zum handlungsorientierten Unterricht aufweist (SCHELTEN 2004, S. 179). Mittlerweile zählt der Konstruktivismus zu einem der maßgeblichen Begriffe in der Literatur zur Didaktik des beruflichen Lernens und wird als die neuste „Theoriefamilie“ in der allgemeinen Didaktik bezeichnet (TERHART 2005, S. 5).
2.1 Handlungsorientierung
Das handlungsorientierte Lernen hat bereits eine lange bildungstheoretische Tradition 12 . Schon von PESTALOZZI (1746-1827) wurde Lernen „mit Kopf, Herz und Hand“ gefordert, was bereits nach Elementen des ganzheitlichen Lernens klingt 13 : „Der Lernprozess soll zu einer Veränderung des gesamten Menschen führen, d. h., es genügt nicht, den kognitiven Bereich (Kopf)
allein anzusprechen. Das Lernangebot hat vielmehr auch den körperlichen (Hand) und den affektiven
Bereich (Herz) anzusprechen.“ (SPETH 1995, S. 487) Ebenso nahm die Reformpädagogik, die insbesondere von KERSCHENSTEINER (1854-1932) und GAUDIK (1860-1923) geprägt wurde, durch ihre Auffassung, dass Lernen an realen Handlungsabläufen am wirksamsten sei, bedeutsame Anliegen des handlungsorientierten Lernens vorweg (ALBERS 2000, S. 243). Schon in GOETHEs großem Entwicklungs- und Bildungsroman „Wilhelm Meister“, an dem er von 1775-1829 arbeitete, beschreibt GOETHE die Verbindung von „Tun und
12 Eine umfassende historische Analyse der Handlungsorientierung ist nicht Bestandteil dieser Arbeit. Ausführungen zur Historie der Handlungsorientierung finden sich u. a. bei CZYCHOLL/EBNER (2006, S.
47 ff.), CZYCHOLL (2006, S. 271) und SCHELTEN (2004 S. 192 ff.).
13 Die Vielfältige Verwendung und Bedeutung des Ganzheitlichkeitsbegriffs wird u. a. bei SPETH (1995, S. 487 ff.) und SEYD (2006 S. 200 ff.) beschrieben.
6
2. Die Einbettung in die Didaktik
Denken“, die entscheidend für die Gestaltung von ganzheitlichen Lernprozessen ist, treffend:
„Denken und Tun, Tun und Denken, das ist die Summe aller Weisheit, von jeher anerkannt, von jeher geübt,
nicht anerkannt von einem jeden: Beides muß wie Aus- und Einatmen sich im Leben ewig fort hin und wieder
bewegen, wie Frage und Antwort sollte eines ohne das andere nicht stattfinden. Wer sich zum Gesetz macht,
was jedem Neugeborenen das Genie des Menschenverstandes heimlich ins Ohr flüstert, das Tun am Denken,
das Denken am Tun zu prüfen, der kann nicht irren, und irrt er, so wird er sich bald auf den rechten Weg
zurückfinden.“ (GOETHE zitiert in KAISER/KAMINSKI 1999, S. 87)
Auf „bildungspolitischer Leitbildebene“ verfestigte sich die Handlungsorientierung in den Ausbildungsordnungen und Rahmenlehrplänen neugeordneter Ausbildungsberufe, erstmals 1987 bei den Elektro- und Metallberufen und 1991 bei den Büroberufen, durch das ausgegebene Richtziel der beruflichen Handlungskompetenz 14 (CZYCHOL/EBNER 2006, S. 45). In dem reformierten Berufsbildungsgesetz von 2005 wurde die Bedeutung dieser Zielsetzung entsprechend der Begriff der „beruflichen Handlungsfähigkeit“ als Leitziel der betrieblichen Ausbildung angegeben (BBIG 2005, § 1, § 38), die durch den Erwerb von Schlüsselqualifikationen 15 erreicht werden soll. Nach SPETH befähigen fach- und berufsspezifische Qualifikationen (= Lernziele) zu Fach- und Methodenkompetenz, die für ihn mit Sachkompetenz gleichzusetzen sind. Erfolgt eine Erweiterung der Sachkompetenz durch fach- und berufsübergreifende Qualifikationen (=Schlüsselqualifikationen), werden sich die Lernenden den ständig verändernden Bedingungen im Berufsleben anpassen können, wodurch laut SPETH berufliche Handlungskompetenz vorliegt (SPETH 1995, S. 166-167).
Daneben hat die Handlungsorientierung auf „didaktisch-curricularer Ebene“ durch die Rahmenvereinbarung der Kultusministerkonferenz (KMK) von 1991 und die darin erhaltene Empfehlung, die Unterrichtsarbeit an einer „Pädagogik der Handlungsorientierung“ auszurichten, ihren Einzug in den Berufsschulen erhalten. Insbesondere ist der Einzug durch die 1996 herausgegebene Handreichung zur Erarbeitung von Rahmenlehrplänen, die ein Ersetzen von Fächern durch Lernfelder für den berufsbezogenen Unterricht an den Be- 14Auf die berufliche Handlungskompetenz, die ebenfalls im Titel dieser Arbeit Ihre Erwähnung findet, wird im Folgenden Kapitel (2.2) explizit eingegangen.
15 In dieser Arbeit wird nicht explizit auf die Schlüsselqualifikationen eingegangen. Diesbezüglich wird auf SEYD (2006, S. 199 ff) und auf einen sehr ausführlichen Artikel von DUBS (2006, S. 191 ff.) verwiesen.
7
2. Die Einbettung in die Didaktik
rufsschulen vorsieht, vollzogen worden (CZYCHOLL 2006, S. 272; CZYCHOL/EBNER 2006, S. 45).
In einer Fülle von Beiträgen ist seither versucht worden, Handlungsorientierung zu definieren, Vorteile des handlungsorientierten Unterrichts zu begründen und seine Merkmale sowie die erforderliche Lernumgebung für die Entfaltung der handlungsorientierten Eigenschaften aufzuzeigen (CZYCHOLL/EBNER 2006, S. 44). Laut KAISER und KAMINSKI darf nicht verschwiegen werden, dass der „inflationäre und undifferenzierte Gebrauch des Begriffs ‚Handlung’ zu vielfältigen Missverständnissen geführt hat.“ Weiter weisen sie darauf hin, dass bisher keine einheitliche Handlungstheorie vorliegt und eine Vielzahl an wissenschaftlichen Begründungen für die handlungstheoretischen Grundannahmen bestehen (1999, S. 87) 16 . Einen gemeinsamen Nenner, hinsichtlich der einzelnen Begründungen für Handlungsorientierung, findet sich in der antidualistischen Auffassung von Denken und Handeln. Das antidualistische Konzept besagt, dass sich Denken, Wissen und Können aus dem praktischen Handeln und Wahrnehmen entwickelt. Außerdem haben sich Denken und Wissen ebenfalls durch praktisches Handeln und Wahrnehmungen zu bewähren (CZYCHOLL 2006, S. 273; REBMANN 1998, S. 135; TRAMM 1991, S. 252). Im Besonderen durch die lerntheoretischen Grundannahmen der Kognitionspsychologie, die eindringlich durch AEBLI 17 geprägt worden sind, wird das antidualistische Konzept begründet. Gemäß AEBLI soll Erziehung dem heranwachsenden Menschen ein „Werkzeug des Handelns“ und „Werkzeug des Denkens“ vermitteln. Wobei die Schule immer ein Ort des „praktischen Tuns“ bzw. des „Wissens um praktisches Tun“ sowie ein Ort des „(Nach)Denkens und der Reflexion“ sein sollte (CZYCHOLL 2006, S. 273). Da Lernen hauptsächliche aus dem Hervorrufen von „Sinnbezügen“ und dem Aufbau von sinnvollen Handlungen und Handlungsstrategien besteht (PÄTZOLD 2006a, S. 185), rücken bei der Handlungsorientierung die konkreten Handlungen der Schüler und Auszubildenden in den Fordergrund der didaktischen Überlegungen des beruflichen Lehrens und Lernens (REBMANN 1998, S. 136). Dabei sollten die Lernenden jeden Schritt „als Beitrag zur Erreichung eines angestrebten Zieles“ erkennen (PÄTZOLD 2006a, S. 185). Folglich
16 Die vielfältige Verwendung und Bedeutung des Handlungsbegriffs bzw. der Handlungsorientierung wird u. a. in SPETH (1995, S. 485 ff.) und SEYD (2006, S. 200 ff.) beschrieben.
17 AEBLIS Arbeiten bauen auf den Grundannahmen seines Lehrers PIAGET auf und sind im Vergleich entscheidender auf lerntheoretische und pädagogische Fragestellungen ausgerichtet. Für eine umfassende
Beschreibung der lerntheoretischen Grundlagen von PIAGET und AEBLI, die im Rahmen dieser Arbeit zu
weit führen würden, ist auf KAISER und KAMINSKI (1999, S. 53 ff.) verwiesen.
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2. Die Einbettung in die Didaktik
wird auf „didaktisch-unterrichtlicher Ebene“ ein Großteil der Theorie durch die Lösung von komplexen (ganzheitlichen) beruflichen Aufgaben erarbeitet (CZYCHOLL 2006, S. 272-273), denn lediglich eine ganzheitliche Betrachtung lässt einen Sinn in den einzelnen Schritten erkennen. Daneben wird den Lernenden die Möglichkeit gegeben, sich mit Problemen und anspruchsvollen Aufgaben auseinanderzusetzen, Lösungen zu entwickeln und diese zu erproben (PÄTZOLD 2006a, S. 185).
Wenn die Lernenden ihre Arbeit von der Planung bis zur Kontrolle selber ausführen, so wird in den Erklärungsmodellen der Handlungsorientierung von vollständiger Handlung gesprochen. Als Konsequenz für (vollständiges) Handeln auf handlungsorientierter Basis ergibt sich für WEITZ:
„Der ganzheitliche Charakter der Handlungszusammenhänge muß gewahrt bleiben. Das gilt sowohl für die
Planung, Ausführung und Bewertung als auch für die Verbindung verschiedener nebengeordneter
Handlungselemente und Lernschritte.“ (2000, S. 11)
Erfolgt für die Lernenden eine handlungsorientierte Gestaltung der Lehr-Lern-Situationen, wird vom handlungsorientierten Unterricht gesprochen. „Handlungsorientierter Unterricht ist ein Konzept von Unterricht und keine Unterrichtsmethode“ (SCHELTEN 2004, S. 179). Laut WEITZ geht es im handlungsorientierten Unterricht:
„[...] nicht nur um bloße Aktivität der Schüler. Vielmehr wird angestrebt, die Bewältigung von
Arbeitsaufgaben im Unterricht so zu gestalten, dass die Trennung zwischen Handeln und Denken, zwischen
Theorie und Praxis verringert wird. Damit soll insbesondere der im traditionellen Unterricht gegebenen
Tendenz entgegengewirkt werden, Lernen lediglich auf eine sprachlich begriffliche Auseinandersetzung mit
Lerninhalten zu reduzieren.“ (2000, S. 11)
Ziel ist die Vermittlung von theoretischen Voraussetzungen des Handelnkönnens in der beruflichen Praxis - die berufliche Handlungskompetenz. Dafür ist in dem Konzept des handlungsorientierten Unterrichts das ganze Methodenrepertoire einsetzbar. (CZYCHOLL 2006, S. 273; SCHELTEN 2004, S. 179). Besonders günstige Voraussetzungen für ein auf Ganzheitlichkeit ausgerichtetes Lernen, und folglich zur Vermittlung der beruflichen Handlungskompetenz, besitzen die handlungsorientierten Methoden 18 . Dazu zählen nach BONZ das Projekt, die Simulation, das Planspiel, das Rollenspiel, die Fallstudie und die Leittextmethode. Als Variationen handlungsorientierter Methoden wird das Szenario, die Zukunftswerkstatt, die System- und Problemanalyse, Geschichtswerkstatt sowie das Konferenz-, Regel- und Wissensspiel bezeichnet. Ferner fallen der fächerübergreifende Unterricht, arbeitsanaloge Lernaufgaben und das experimentierende Lernen bzw. Experimental-
18Eine ausführliche Beschreibung der handlungsorientierten Methoden findet sich unter KAISER/KAMINSKI (1999, S. 127 ff.) und BONZ (1999, S. 109 ff.).
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2. Die Einbettung in die Didaktik
übungen, unter die Variationen der handlungsorientierten Methoden (1999, S. 109 ff.; 2006, S. 335 ff.). Dennoch bedeutet die Anwendung handlungsorientierter Methoden im Unterricht nicht, dass ebenfalls das Prinzip der Handlungsorientierung umgesetzt wird, da es immer auf die konkrete unterrichtliche Gestaltung ankommt (PÄTZOLD et al. 2003, S. 39; SEYD/BRAND 2002, S. 29; WEITZ 2000, S. 12). SEYD und BRAND erläutern die Problematik am Beispiel der Fallstudie:
„Der Einsatz der Fallstudie schafft für sich genommen zwar günstige Voraussetzungen, um die
Handlungskompetenz der Lernenden zu fördern. Aber dies kann im Kontext gelenkten Unterrichts oder
straffer Unterweisung unterlaufen werden. Damit wäre zwar eine zügige Bearbeitung der Fallstudie
gesichert, es würden aber eben jene Möglichkeiten der Erfahrungsgewinnung im Sinne eigenständiger
Bearbeitung verschlossen bleiben, die letztlich berufliche Handlungskompetenz entwickeln helfen.“ (2002, S. 29)
Infolge der in Kapitel 1 erwähnten Befragung von Lernenden und Lehrenden zur Einsatzhäufigkeit von handlungsorientierten Methoden an Berufsschulen, kommen PÄTZOLD et al. zu folgendem Ergebnis:
„Die eher handlungs- und schülerorientierten Lehr-Lern-Arrangements nehmen in ihrer Häufigkeit eine
ergänzende Funktion zum Frontalunterricht ein. Dabei besitzen die Lehrerinnen und Lehrer zum Teil nur
geringe Kenntnisse über diese Methoden.“ (2003, S. 243)
Bezüglich der Wirksamkeit und der Wirkungen des handlungsorientierten Unterrichts besteht weiterhin ein enormer Forschungsbedarf. Diesen zu decken, zählen CZYCHOLL und EBNER zu den künftigen Herausforderungen der „Technik- und Wirtschaftspädagogik“ (2006, S. 53).
Zusammenfassend sind neun Folgerungen für ein handlungsorientiertes Lernkonzept aus der Sicht von KAISER und KAMINSKI aufgeführt (1999, S. 88-89):
1. Handlungsorientierung ist auf die Vermittlung von Handlungskompetenz ausgerichtet.
2. Handlungsorientierter Unterricht soll die Persönlichkeit und Handlungskompetenz fördern. Dies geschieht durch ganzheitliche Lernprozesse in denen Wissen und Handeln so miteinander verknüpft werden, dass Denken und Handeln in komplexen Situationen gefördert werden.
3. Handlungsorientiertes Lernen ist theoretisches Lernen, dass auf Handeln vorbereitet, ein Lernen durch Handeln und eine kritische und interaktive Reflektion über das Handeln. Somit bezieht sich handlungsorientiertes Lernen in dreifacher Weise auf Handlung.
4. Beim handlungsorientiertem Lernen sollen die Schüler befähigt werden, sich selbständig Wissen anzueignen, Probleme zu lösen, neue Situationen zu bewältigen, ihre Lebens- und Umwelt mitzugestalten, lebenslang lernfähig und lernbereit zu bleiben.
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2. Die Einbettung in die Didaktik
5. Zur Realisierung eines handlungsorientierten Lernkonzeptes wird Methodenpluralismus und Pluralität der Lernorte benötigt, damit auf allen Stufen an unterschiedlichen Lern-orten und in verschiedensten Erfahrungszusammenhängen Lernprozesse initiiert werden.
6. Die Frage nach den rechten Zielen, dem verantwortlichen Handeln für die Gesamtgesellschaft des einzelnen und die Umwelt, ist stets mit handlungsorientiertem Unterricht verbunden. Dies beinhaltet die Fähigkeit, moralische Konfliktsituationen zu bewältigen. 7. Beim handlungsorientierten Unterricht werden Lehr- und Lernprozesse initiiert, die konsequent aus der Perspektive des Lernenden rekonstruiert sind. Das lernende Subjekt wird in den Mittelpunkt gestellt.
8. Die Vermittlung von Systematischen Planungs-, Arbeits- und Lerntechniken, die Verwendung von offen gestalteten Medien in Form von Lernmaterialien mit Leitfragen und Arbeitsaufträgen, die für die Selbstorganisation der Lernprozesse bereitgestellt werden, führen dazu, dass beim handlungsorientierten Lernen der Lernprozess zunehmend vom Lernenden autonom gesteuert wird.
9. Die Lehrer ziehen sich beim handlungsorientierten Lernen aus der traditionellen Wissensvermittlerrolle zurück und leiten vorrangig die Schüler an, sich selbständig Wissen anzueignen, Probleme zu lösen und Aufgaben zu bewältigen. Somit schaffen sie Bedingungen, die erst die Selbstorganisation der Lernenden ermöglicht.
2.2 Berufliche Handlungskompetenz
In Verbindung mit dem Konzept der Handlungsorientierung in der Berufsbildung wurde die Begriffsverbindung Handlungskompetenz entwickelt, die heutzutage als Leitziel der Berufsschule bezeichnet wird. Die Handlungskompetenz wird darüber hinaus zur Zielbestimmung für alle Schulformen des beruflichen Schulwesens sowie für die betriebliche Aus- und Weiterbildung herangezogen (BADER/MÜLLER 2002, S. 176). Die Notwendigkeit der Vermittlung von beruflicher Handlungsfähigkeit ist u. a. durch den technologischen Fortschritt immer mehr in den Vordergrund gerückt. In der Arbeitswelt haben Qualifikationen, wie Entscheidungsfähigkeit, Problemlösefähigkeit, Kooperationsfähigkeit, Flexibilität, abstraktes und logisches Denken sowie Systemdenken immer mehr an Bedeutung gewonnen. Die veränderten Qualifikationsanforderungen führten dazu, dass die Vermittlung von Fähigkeiten, die zum eigenständigen Lösen beruflicher Aufgaben beitragen, in den Vordergrund der Berufsausbildung gerückt sind (KAISER/KAMINSKI 1999, S. 29). Neben den Führungskräften werden sich zunehmend auch Sacharbeiter und
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2. Die Einbettung in die Didaktik
Facharbeiter auf die Bearbeitung von komplexer werdenden Vorgängen einstellen müssen. Dabei wird die Kompetenz, als Potential subjektiv-individueller Problembewältigung mit Ungewissen, komplexen und offenen Situationen selbständig bzw. kreativ umzugehen, als entscheidender Faktor gesehen (PÄTZOLD 2006a, S. 175). Dementsprechend soll der Mensch über ein Handlungsrepertoire verfügen, das ihn in die Lage versetzt, die zunehmenden Komplexität und Veränderungen seiner Umwelt zu begreifen und durch kompetentes sowie verantwortungsvolles Handeln zu gestalten. Während der Qualifikationsbegriff eine unmittelbar erforderliche Fähigkeit, Fertigkeit bzw. Kenntnis zur Ausübung einer konkreten Tätigkeit beschreibt, wird der Kompetenzbegriff verwendet: „[...] wenn vorhandene Fähigkeiten und Fertigkeiten genutzt werden, auf vorhandenes Wissen
zurückgegriffen bzw. neues erworben werden kann, zentrale Zusammenhänge im domänenspezifischen
Bereich verstanden werden, angemessene Handlungsentscheidungen getroffen werden, bei der Durchführung
der Handlung auf verfügbare Fertigkeiten und Fähigkeiten zurückgegriffen wird, dieses mit einem Gewinn
an Erfahrungen verbunden ist und aufgrund entsprechender handlungsbegleitender Kognitionen genügend
Motivation zu angemessenem Handeln gegeben ist.“ (PÄTZOLD 2006a, S. 176) Etwas nüchterner wird der Kompetenzbegriff in den Handreichungen der KMK beschrieben, wobei auf die Empfehlungen des Deutschen Bildungsrats Bezug genommen wird: „Kompetenz bezeichnet den Lernerfolg in Bezug auf den einzelnen Lernenden und seine Befähigung zu
eigenverantwortlichem Handeln in beruflichen, gesellschaftlichen und privaten Situationen.“ (KMK 2000 S. 9)
Bei den Elementen der Handlungskompetenz kommt es in der Literatur zu Variationen, die im Folgenden am Beispiel von PÄTZOLD und BADER bzw. MÜLLER aufgezeigt werden 19 :
Fachkompetenz ist einheitlich bei allen Autoren Bestandteil der Handlungskompetenz. Zuweilen wird die Fachkompetenz in der Literatur auch als Sachkompetenz bezeichnet. Aufgrund dessen, dass Wissen um Sachen traditionell in Fächer geordnet wird, ist der Begriff Fachkompetenz für BADER und MÜLLER eingängiger, auch wenn er die Gefahr mit sich bringt, dass Sachverstand durch Fachverstand eingeengt wird (BADER/MÜLLER 2002, S. 177). Die Fachkompetenz beinhaltet neben berufsspezifischen Fertigkeiten, Fähigkeiten und Kenntnissen die Bereitschaft Aufgaben selbständig, fachlich richtig und methodengeleitet zu bearbeiten und Ergebnisse zu beurteilen. Sie schließt logisches, analytisches, abstrahierendes, integrierendes Denken sowie das
19 In dieser Arbeit werden die Dimensionen der Handlungskompetenz von BADER und MÜLLER 2002 zu Grunde gelegt.
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2. Die Einbettung in die Didaktik
Erkennen von System- und Prozesszusammenhängen mit ein (PÄTZOLD 2006a, S.176; BADER/MÜLLER 2002, S. 178).
Human(Selbst)kompetenz kann ebenfalls als Selbstkompetenz oder Personalkompetenz bezeichnet werden. PÄTZOLD spricht beispielsweise von der Personalkompetenz. Sie impliziert Dispositionen eines Menschen, die eigene Persönlichkeit, das eigene Wissen und Können immer wieder zu reflektieren, zu hinterfragen und möglicherweise verändern zu können (2006a S. 176). Dies beinhaltet ebenfalls eigene Begabungen zu entfalten, die Entwicklung von Wertvorstellungen und die selbstbestimmte Bindung an Werte (BADER/MÜLLER 2002, S. 178).
Sozialkompetenz ist vom Deutschen Bildungsrat auch als gesellschaftliche-politische Kompetenz bezeichnet worden. Es ist die Fähigkeit, soziale Beziehungen und Interessenslagen zu erfassen und zu verstehen. Dadurch kann z. B. in Teams unterschiedlicher sozialer Struktur kommunikativ und kooperativ zusammengearbeitet und eine verant-wortungsbewusste Auseinandersetzung und Verständigung gewährleistet werden (PÄTZOLD 2006a, S. 176; BADER/MÜLLER 2002, S. 178).
Aus den erläuterten drei Kompetenzen (Fach-, Human(Selbst)- und Sozialkompetenz) ergeben sich die Dimensionen der Handlungskompetenz nach BADER und MÜLLER. Wobei diese Schwerpunkte der Handlungskompetenz nicht isoliert zu verstehen sind, da sie sich bedingen und eine Vernetzung aufweisen. Laut PÄTZOLD, der die Handlungskompetenz in vier Dimensionen aufteilt, indem er die Methodenkompetenz als eigene Dimension weiter in den Focus rückt, ist eine Aufteilung in Kompetenzbereiche künstlich zu sehen, da auch er die Meinung vertritt, dass sicht die Kompetenzbereiche wechselseitig bedingen und sie miteinander verflochten sind (BADER/MÜLLER 2002, S.177; PÄTZOLD 2006b, S. 74).
Methodenkompetenz erlaubt situations- und fächerübergreifende Aneignung von neuen Fähigkeiten und Kenntnissen. Sie ermöglicht ein planmäßiges Vorgehen bei der Bearbeitung beruflicher Aufgaben, indem gelernte Denkprozesse, Arbeitsverfahren oder Lösungsstrategien selbständig auf Aufgaben und Probleme angewandt werden können (PÄTZOLD 2006b, S. 73; BADER/MÜLLER 2002, S.178).
Lernkompetenz bezeichnet die Fähigkeit Informationen und Zusammenhänge selbständig und gemeinsam zu verstehen. Insbesondere gehört zur Lernkompetenz die Fähig-
13
2. Die Einbettung in die Didaktik
keit, Lerntechniken und Lernstrategien im und über den Berufsbereich hinaus zu entwickeln und zu nutzen.
Kommunikative Kompetenz ist das Verstehen und Gestalten kommunikativer Situationen durch verbale (gesprochen und geschrieben) und formale Sprachen (u. a. Formeln, Grafiken) sowie nonverbale Mittel (Gestik und Mimik) (BADER/MÜLLER 2002, S. 178-179).
Abb. 1: Handlungskompetenz: Dimensionen und deren Akzentuierungen
(BADER/MÜLLER 2002, S. 177)
Gemäß BADER und MÜLLER sind Methodenkompetenz, Lernkompetenz und kommunikative Kompetenz keine unabhängigen Dimensionen der Handlungskompetenz. Allerdings sind sie ein integraler Bestandteil der Fachkompetenz, Human(Selbst)kompetenz und der Sozialkompetenz, die aber ohne eine zielorientierte und inhaltliche Bindung an die drei Dimensionen formal leer bleiben würden und sich nur integriert entfalten können. Es sind sozusagen Akzentuierungen von großer Bedeutung, die für die Entwicklung von Handlungskompetenz eine besondere und wichtige Stellung einnehmen (siehe Abbildung 1). Durch eine irreführende Formulierung in den KMK-Handreichungen, die besagt, dass eine ausgewogene Fach-, Personal- und Sozialkompetenz die Voraussetzung für Methoden- und Lernkompetenz ist, sehen BADER und MÜLLER die Ursache für die Interpretation, dass Methoden- und Lernkompetenz eigenständige Kompetenzdimensionen seien (2002, S.178). Auf die konkreten Ausdifferenzierungen der drei Dimensionen von Handlungskompetenz (Fach-, Human(Selbst)- und Sozialkompetenz) und die Vernetzung mit den drei Akzentuierungen (Methoden-, Lern- und kommunikative Kompetenz) wird im Rahmen
14
2. Die Einbettung in die Didaktik
dieser Arbeit nicht eingegangen. Diesbezüglich sei auf BADER und MÜLLER (2002, S. 179 ff.) verwiesen. Eine interessante Weiterentwicklung des Kompetenzmodells, die kurz wiedergegeben wird, liefert Martina RIEDL (2007), die den Beitrag von BADER und MÜLLER (2002) aufgreift und zu den bestehenden Akzentuierungen die Bewegungskompetenz hinzufügt. Aus ihrer Sicht steht die Bewegung im Sport durch ihre instrumentelle wahrnehmend-erfahrende, soziale und personale Bedeutung in enger Verbindung mit den drei Dimensionen der Handlungskompetenz. Bewegungs- und Körpererfahrungen durch Bewegungen und körperliche Leistungsentwicklung müssen, laut RIEDL, in die Bewegungskomponente mit einbezogen werden, die wiederum einen eigenen Bereich im Kompetenzmodell in Form der Akzentuierung Bewegungskompetenz einnehmen soll (RIEDL 2007, S. 79 ff.). Abschließend ist die Definition der beruflichen Handlungskompetenz im Sinne von BADER und MÜLLER angegeben:
„Handlungskompetenz ist die Fähigkeit und Bereitschaft des Menschen, in beruflichen, privaten und
gesellschaftlichen Situationen sach- und fachgerecht, persönlich durchdacht und in gesellschaftlicher
Verantwortung zu handeln, d.h. anstehende Probleme zielorientiert auf der Basis von Wissen und
Erfahrungen sowie durch eigene Ideen selbständig zu lösen, die gefundenen Lösungen zu bewerten und seine
Handlungsfähigkeit weiterzuentwickeln. Sie ist einerseits (vorläufiges) Ergebnis von Lehr- und
Entwicklungsprozessen des einzelnen Menschen in sozialer Einbindung, andererseits auch Voraussetzung für
die weitere Entwicklung individueller Kompetenz. Entwicklung von Handlungskompetenz ist als ein
lebenslanger Prozess zu begreifen, den Berufsbildung in einer bestimmten Phase zu strukturieren und zu
unterstützen hat.“ (2002, S. 176-177)
2.3 Konstruktivismus
Der Konstruktivismus ist keine völlig neue Theorie, „[...] viele seiner Ideen wurden bereits in der Vergangenheit von Philosophen, Pädagogen und Psychologen wie z.B. Dewey, Piaget und insbesondere
Aebli entwickelt.“ (KAISER/KAMISNKI 1999, S. 67) Folglich hat der lerntheoretische Ansatz von AEBLI, der bereits kurz bei der Handlungsorientierung angeschnitten worden ist, ebenfalls konstruktivistische Züge 20 (KAISER/KAMINSKI 1999, S. 57). Anfang der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts sind die Ansätze des konstruktivistischen Unterrichts aus dem nordamerikanischen Raum in deutschsprachige Publikationen eingeflossen 21 (SCHELTEN 2004, S. 178; TERHART 1999, S. 631). Infolgedessen, dass der Konstruktivismus eine
20 Eine ausführliche Beschreibung der lerntheoretischen Grundannahmen von AEBLI findet sich bei KAISER und KAMINSKI (1999, S. 56 ff.).
21 TERHART liefert diesbezüglich ausführliche deutschsprachige und englische Literaturhinweise inklusive Beschreibungen (1999, S. 631).
15
2. Die Einbettung in die Didaktik
gegenläufige bzw. nicht grundsätzlich ausschließende Beziehung zum Objektivismus einnimmt, wird vorerst der objektivistische Ansatz von Unterricht aufgezeigt, bevor der konstruktivistische Ansatz wiedergegeben wird (SCHELTEN 2004, S. 176). Objektivistischer Ansatz / Unterricht
In der traditionellen Auffassung von Unterricht wird die Meinung vertreten, dass Experten Wissen objektiv festlegen und dies den Lernenden vermitteln. Der Lernende nimmt folglich eine zuhörende und passive Position ein, während der Lehrende eine aktive Position ausübt (KAISER/KAMINSKI 1999, S. 69; BRETTSCHNEIDER 2000, S. 27). Die Anhänger des objektivistischen Unterrichts werden als Objektivisten bzw. Traditionalisten bezeichnet. SCHELTEN sieht beim objektivistischen Ansatz die Gefahr, dass vermitteltes Wissen „träge“ bleibt und nicht aktiv in neuen Problemsituationen eingesetzt werden kann (2004, S. 177). Konstruktivistischer Ansatz / Unterricht
Im konstruktivistischen Unterricht nimmt der Lernende die aktive Position ein, indem er die Wissensbasis zur Lösung von Problemen selber entwickelt. Der Lehrende vermittelt dem Lernenden somit nicht das Wissen zur Problemlösung. Vielmehr nimmt er eine „reaktive Position“ ein, indem er beratend zur Seite steht und die Lernumgebung gestaltet, wodurch er den Lernprozess anregt und unterstützt (KAISER/KAMINSKI 1999, S. 69; BRETTSCHNEIDER 2000, S. 28).
Der Begriff des Konstruktivismus wird ebenso mehrdeutig und vielseitig verwendet wie die Handlungsorientierung (DUBS 1995, S. 893). Seine Ausprägungen reichen u. a. vom radikalen Konstruktivismus über den Konstruktivismus als Paradigma in der Soziologie bis hin zum „neuen“ Konstruktivismus in der Psychologie und Kognitionswissenschaft, der ebenfalls weitere Richtungen nach sich zieht 22 (KAISER/KAMINSKI 1999, S. 67). Der radikale Konstruktivismus wird auch als Gegenstück zum Objektivismus bezeichnet. Dies begründet sich in seiner Auffassung, dass „alles, was Menschen von dieser äußeren Realität wissen können, eine Konstruktion ist.“ (TERHART 1999, S. 632) Infolgedessen gäbe es kein objektives Wissen, was BRETTSCHNEIDER vor dem Hintergrund berufsrelevanter Gesetzestexte als sehr problematisch ansieht (2000, S. 28). Allerdings hat der radikale Konstruktivismus laut KAISER und KAMINSKI so gut wie nie eine eigene Lerntheorie bzw. Unterrichtsphilosophie entworfen (1999, S. 67). Folglich
22 Im Rahmen dieser Arbeit wird nicht ausführlich auf die unterschiedlichen Ausprägungen des Konstruktivismus eingegangen. Diesbezüglich sei auf (MANDL/REINMANN-ROTHMEIER 1999 S. 20 ff.;
TERHART 1999, S. 631-632) verwiesen.
16
2. Die Einbettung in die Didaktik
wird die radikal klingende Theorie des Konstruktivismus bei der Gestaltung von Unterricht durch eine sehr gemäßigte Position des konstruktivistischen Ansatzes vertreten (TERHART 2005, S. 5). Während DUBS und MANDL/REINMANN-ROTHMEIER von einem „gemäßigtem Konstruktivismus“ sprechen (DUBS 1995, S. 894; MANDL/REINMANN-ROTHMEIER 1999, S. 36), bezeichnet SCHELTEN ihn als „moderaten Konstruktivismus“, von dem gesprochen wird, wenn „[...] eine gegenläufige, nicht aber grundsätzlich ausschließende Position zum objektivistischen Unterricht [...]“ eingenommen wird. Diese Position wird vertreten, wenn beim konstruktivistischen Unterricht „kontinuierlich unterstützende Hilfen von Seiten des Lehrers beim selbständigen situiertem Lernen [...]“ angeboten werden (2004, S. 179). MANDL/REINMANN-ROTHMEIER bezeichnen den gemäßigten Konstruktivismus und somit die „nicht grundsätzlich ausschließende Position zum Objektivismus“ von SCHELTEN als eine Verknüpfung der Instruktion 23 mit der Konstruktion (MANDL/REIMANN-ROTHMEIER 1999, S. 34 ff.).
Beim Konstruktivismus „vollziehen sich Lernprozesse in aktiver Auseinadersetzung des Lernenden mit der Umwelt.“ Demzufolge spielt die Gestaltung der Lernumgebung eine entscheidende Rolle. Die Lernumgebung beinhaltet alles, was räumlich, personell und instrumentell für Lernprozesse verfügbar ist und womit Lehrer in Verbindung stehen (z. B. Lernräume, Lernmittel). Sie bestimmt bedeutend die Qualität der Lernprozesse und beeinflusst dadurch die Fülle des selbständig erworbenen Wissens und Fähigkeiten des Lernenden (BRETTSCHNEIDER 2000, S. 27).
Die folgenden drei konstruktivistischen Instruktionsansätze haben eine besondere Bedeutung bei der Gestaltung von Lernprozessen nach gemäßigten konstruktivistischen Überlegungen und dementsprechend für den Erwerb und die Konstruktion von Wissen erlangt 24 (BRETTSCHNEIDER 2000, S. 28; KAISER/KAMINSKI 1999, S. 73):
23 Im Zuge des gegensätzlichen Ansatzes zum Konstruktivismus sprechen MANDL und REINMANN-
ROTHMEIER vom Instruktivismus und nicht vom Objektivismus, wie es bei BRETTSCHNEISCHNEIDER
(1999, S. 27), KAISER/KAMINSKI (1999, S. 69) und SCHELTEN (2004, S. 176 ff.) der Fall ist.
MANDL/REINMANN-ROTHMEIER bezeichnen es als instruktionale Aktivität, wenn der Lehrende eine
aktive Position einnimmt, um Wissensinhalte zu präsentieren und sich der Lernende in einer passiven
Position befindet (MANDL/REINMANN-ROTHMEIER 1999, S. 10). Instruktivismus bedeutet, dass Lehren
und Lernen nach dem Muster des Vermittels und Aufnehmens gestaltet wird (TERHART 1999, S. 637). In
dieser Arbeit wird der Instruktivismus, synonym mit dem Objektivismus, als traditioneller Ansatz der
Wissensvermittlung angesehen, zu dessen Unterrichtsform der Frontalunterricht gezählt wird.
24 Eine ausführliche Beschreibung der Instruktionsansätze findet sich bei MANDL/REIMANN-ROTHMEIER (1999, S. 25 ff.).
17
2. Die Einbettung in die Didaktik
Anchored-Instruction-Ansatz
Der Lernende wird mit einer möglichst authentischen und komplexen Problemsituation konfrontiert, was den Ausgangspunkt des Lernprozesses darstellt. Die Konfrontation erfolgt z. B. per Video, indem alle erforderlichen Informationen zur eigenständigen Lösung enthalten sind (PÄTZOLD 2006a, S. 187; BRETTSCHNEIDER 2000, S. 28; KAISER 1999, S.73). Cognitive-Flexibility-Ansatz
Beim Problemlösen soll der Lernende multiple Perspektiven einnehmen, um flexibel einsetzbares Wissen zu entwickeln (BRETTSCHNEIDER 2000, S. 28; KAISER 1999 S. 73). Cognitive-Apprenticeship-Ansatz
Infolge des Ansatzes wird der Lernende nach anfänglich intensiver Unterstützung durch den Lehrenden schrittweise zu mehr Selbständigkeit und Eigenverantwortung gebracht, indem Hilfestellungen bei der Problemlösung mit zunehmenden Können langsam ausgeblendet werden (PÄTZOLD 2006a S. 187).
Die beschriebenen drei Ansätze besitzen die gemeinsame Grundannahme, dass Lernen durch komplexe Ausgangsprobleme motiviert werden soll und infolgedessen das neue Wissen zugleich angewendet werden kann. Insbesondere der Cognitive-Apprenticeship-Ansatz verweist dabei auf die Unterstützung der Lernenden beim Umgang mit komplexen Lernaufgaben (KAISER 1999, S. 73). Gemäß SCHELTEN zeigen diese drei Zugänge zum Konstruktivismus „[...] Verwandtschaftsbezüge zum handlungsorientierten Unterricht in der beruflichen Bildung, der sich in Deutschland unabhängig und parallel zum nordamerikanischen konstruktivistischen
Unterricht entwickelt hat.“ (2004, S. 179)
Die Aussage von SCHELTEN wird durch die historischen Vorbilder der drei skizzierten konstruktivistischen Instruktionsansätze bestätigt, die u. a. in der Arbeitsschule von KERSCHENSTEINER und im amerikanischen Pragmatismus liegen, der von DEWEY geprägt wurde und auf dessen Projektidee die handlungsorientierte Projektmethode aufgebaut wurde (MANDL/REIMANN-ROTHMEIER 1999, S. 30 ff.). Demzufolge sieht SCHELTEN den handlungsorientierten Unterricht auf der Seite eines moderaten konstruktivistischen Unterrichts (2004 S. 196).
MANDL/REIMANN-ROTHMEIER, die sich selber als Vertreter eines moderaten Konstruktivismus sehen, setzen sich für die Verknüpfung von traditionellen (instruktionalen) Elementen der Wissensvermittlung mit den „aktiv-konstruktiven Lernprozessen“ ein (Ver-
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2. Die Einbettung in die Didaktik
knüpfung von Instruktivismus mit Konstruktivismus), um „den praktischen Erfordernissen des Bildungsalltags zu entsprechen“, die Handlungskompetenz zu fördern und die „Kluft zwischen Wissen und Handeln zu reduzieren“. Lernen ist für sie nach gemäßigter konstruktivistischer Auffassung ein aktiver (aktive Beteiligung des Lernenden führt zum Lernen), selbstgesteuerter (bei jedem Lernen werden vom Lernenden Steuerungs- und Kontrollprozesse übernommen), konstruktiver (kognitive Prozesse finden nur über eigene Erfahrungshintergründe, Wissenshintergründe und Interpretationen statt), situativer (Lernen erfolgt immer in spezifischen Kontexten) und sozialer Prozess (soziale Komponenten werden beim Lernen stets mit eingeschlossen) (1999, S. 35-37). Um diesen Prozessmerkmalen Rechnung zu tragen, haben die Mitarbeiter um MANDL Leitlinien für die Gestaltung konstruktivistischer Lernumgebungen sowie für entsprechende Lernumgebungen, die selbstgesteuertes und kooperatives Lernen fördern, entwickelt. Diese Leitlinien werden in der aktuellen wirtschaftspädagogischen Diskussion über die Gestaltung komplexer (hand-lungsorientierter) Lehr-Lern-Arrangements, zu denen ebenfalls die Fallstudie gezählt wird, zugrunde gelegt (BRETTSCHNEIDER 2000, S. 13). Bei der Gestaltung von Lernumgebungen gibt REETZ zu beachten, dass die Realisierung einer konstruktivistischen Lernumgebung zur Sicherung transferfähigen Wissens nicht alleine von Lehr-Lern-Arrangements, wie z. B. der Fallstudie, abhängig ist. Die Lernumgebung wird ebenfalls durch das „Lernmilieu“, welches von „Schüler-, Lehrerpersönlichkeit“, „Institution“ und „Organisationskultur“ geprägt wird, beeinflusst (1996, S. 185). Die folgenden „Leitlinien zur Gestaltung problemorientierter Lernumgebungen“ beinhalten gemeinsame Merkmale des Anchored-Instruction-Ansatzes, Cognitive-Flexibility-Ansatzes und des Cognitive-Apprenticship-Ansatzes (MANDL/REINMANN-ROTHMEIER 1999, S. 36 ff.):
Leitlinie 1: Situiertheit anhand authentischer Probleme Ausgangspunkt von Lernprozessen sind authentische und komplexe Probleme bzw. Situationen, die durch ihren Realitätsgehalt und der beruflichen Bedeutsamkeit Lernprozesse anregen. Infolge ihres hohen Anwendungsbezugs vermeiden sie einen trägen Wissenserwerb.
- Minimale Realisierung: Neue Wissensinhalte werden an aktuelle Probleme, authentische Fälle oder persönliche Erfahrungen angeknüpft.
- Maximale Realisierung: In authentischen Problemsituationen werden die Lernenden dazu angeregt, das Gelernte in realen Handlungssituationen anzuwenden.
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Arbeit zitieren:
Malte Frenz, 2007, Die Fallstudie zwischen propagierter Effizienz zur Entwicklung beruflicher Handlungskompetenz und schlichter Vernachlässigung im kaufmännischen Unterricht, München, GRIN Verlag GmbH
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