1 Einleitung
Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit den realen Ereignissen, denen die das Chanson de Roland sowie das Chanson de Guillaume zugrunde liegen. Es soll anhand unterschiedlichster arabischer und lateinischer Quellenaussagen analysiert werden, auf welchen historischen Ereignissen die beiden Chansons de geste basieren und wie diese in den Werken umgesetzt werden.
Die arabischen und lateinischen Quellen beschreiben, besonders im Rolandslied, teilweise unterschiedliche Seiten ein und derselben Sache, schließen sich jedoch deshalb nicht gegenseitig aus. Die Hausarbeit wird sich vorwiegend nur echten, geschichtlich fundierten Quellen widmen; nicht nachweisbare Vermutungen oder Möglichkeiten über den historischen Verlauf eines Ereignisses werden überwiegend vernachlässigt.
Die Anfertigung einer Hausarbeit zu diesem Thema setzt die Annahme voraus, dass Literatur über ihre ästhetische Funktion hinaus Aufschluss über historische Begebenheiten gibt. Bezüglich dessen ist allerdings zu beachten, dass das vollendete literarische Werk auch immer „als das Ergebnis einer Auswahl und eines Bewusstseinsprozesses des schöpferischen Autors anzusehen ist.“ 1 In diesem Zusammenhang muss man sich bewusst sein, dass ein literarischer Text im Gegensatz zu historiographischen Quellen immer auch einen hohen Grad an Fiktionalität aufweist, der den der Historizität vermutlich weit überschreitet.
2 Vom historischen Ereignis zum Chanson de geste
Die französischen Heldenepen handeln zumeist von den Kriegszügen Karls des Großen und den Helden, die in den blutigen Schlachten ihr Leben ließen, und werden deshalb auch oft als der Karlszyklus bezeichnet. Nun ist es trotz der vielen Ausschmückungen in den Chansons de geste möglich, deren Inhalte relativ genau in das Leben Karls des Großen einzuordnen. So wurden die tapferen Krieger der fränkischen Armee, von denen, die die Schlachten miterlebten, besungen und deren Tapferkeit gehuldigt. Jene „episch-lyrisch getönten Kantilenen“ 2 wurden über Generationen hinweg mündlich überliefert und galten als „Beispiele überwundener Krisensituationen zur Erbauung in Friedenszeiten und zur Stärkung des Kampfeswillens vor den Schlachten“ 2 . Gaston Paris zufolge „geben genau diese Volksgesänge der Franzosen
1 Andreas Bomba: Chansons de geste und französisches Nationalbewusstsein im Mittelalter, hrsg. v. Klaus W.
Hempfer, Stuttgart 1987, S. 54
2 Henning Krauß: Einleitung. In: Altfranzösische Epik, hrg. von Henning Krauß, Darmstadt, 1978, S. 1-12, S. 2
2
das Material für ihr Heldenepos ab“ 3 . Seiner Meinung nach wurden die Volkgesänge im elften Jahrhundert vollständig vom Heldenepos verdrängt, welche von den Jongleurs geschaffen und vor dem einfachen Volk vorgetragen wurden.
Dass die in den Chansons de geste dargestellten Ereignisse nur noch in Bruchteilen den realen Begebenheiten entsprechen, hat zum einen den Grund, dass die künstlerische Freiheit der Schreiber unbeschränkt Ausschmückungen zuließ, zum anderen, dass für die Jongleurs das königliche Geschlecht aus drei Personen bestand: Karl dem Großen selbst, seinem Vater Pippin sowie seinem Sohn Ludwig. Da Ereignisse aus allen drei Generationen in die Heldenepen mit einflossen, kam es oftmals zu gravierenden Abwandlungen und Vermischung von Tatsachen, wobei zum Beispiel die chronologische Abfolge von Ereignissen verändert wurde oder die Orte, an denen die Schlachten stattfanden, sich im Epos räumlich verschoben fanden. So wurden unterschiedlichste Erzählungen mit Details aus anderen Begebenheiten ausgeschmückt.
Auffällig an den Chansons de geste und vor allem auch an den hier behandelten, ist die Zu-ordnung der Feinde zu einem bestimmten Typus und somit die Vereinheitlichung der feindlichen Charaktere. Als einziges Unterscheidungskriterium kannten die Jongleurs die Religion, weshalb die ungläubigen Feinde, besonders nach dem Spanienfeldzug, oft in ihrer Grausamkeit und Hässlichkeit von den christlichen Franken abgegrenzt wurden. Trotz aller Abweichungen stellt Gaston Paris in seinem Aufsatz über den Ursprung des Heldenepos fest, „daß das französische Epos seinem Wesen nach historisch ist, daß die Mythen, die vielleicht in das Epos eingeflossen sind, ihm ursprünglich fremd waren, und daß es alles in allem das getreue Abbild der Art und Weise darstellt, in der das französische Volk einer bestimmten Epoche sich die Geschichte seines Landes vergegenwärtigte.“ 4 Die Tendenz zur Schilderung wunderbarer Ereignisse sei somit erst später, als „das natürliche Ergebnis des von jedem Erzähler verspürten Wunsches nach Ergänzung, Vervollständigung, Ausmalung [...]“ 5 entstanden. Übertreibung macht sprichwörtlich anschaulich und um denjenigen, die bei der Schlacht nicht dabei waren, einen lebhaften Eindruck zu vermitteln, bedarf es wohl einer gewissen Anzahl an Ausschmückungen. Der individuellen Phantasie der späteren Bearbeiter der Chansons waren keine Grenzen gesetzt. Hinzu kommt der uneingeschränkte Glauben der Franken an den allmächtigen Gott und der damit verbundene Glauben an das helfende oder strafende Eingreifen Gottes in Bezug auf menschliche Angelegenheiten.
3 Gaston Paris: Der Ursprung des französischen Heldenepos. In. Altfranzösische Epik, hrsg. von Henning Krauß,
Darmstadt 1978, S. 13- 31, S. 13
4 Gaston Paris: Der Ursprung des französischen Heldenepos. S.16
5 Gaston Paris: Der Ursprung des französischen Heldenepos. S.17
3
Trotz all dieser eingestreuten fiktiven Elemente in den französischen Heldenepen, lässt sich der historische Hintergrund rekonstruieren, wenn man durch die Illusion hindurch auf das eigentliche historische Geschehen zu blicken vermag. Die historische Basis des Chanson de Roland und des Chanson de Guillaume soll im Folgenden aufgezeigt werden.
3 Die historische Grundlage
3.1 Chanson de Roland
Das wohl vorbildlichste und einflussreichste Heldenepos ist das Chanson de Roland. Den Rahmen zu diesem altfranzösischen Chanson de geste bildet der Spanienfeldzug Karls des Großen, worüber es viele Theorien gibt. Um diese Expedition existieren zahlreiche karolingische und arabische Quellen, die einerseits die Wahrnehmung der Franken, andererseits Ansichten der in Spanien lebenden Araber bezüglich der Geschehnisse auf der Iberischen Halbinsel aufzeigen. Die wichtigsten karolingischen Quellen sind wohl die „Annales royales“ und die „Annales Mettenses“, die beide oft erneuert wurden. 829 wurden die Annalen um die Darstellung des erlittenen Leids der fränkischen Nachhut erweitert, die später auch im Rolandslied zu finden ist. Auffällig hierbei ist die Tatsache, dass diese Episode erst nach dem Tod Karls des Großen in die Annalen aufgenommen worden ist. Es existieren noch weitere Annalen zu Karls Erlebnissen in Spanien, die im Großen und Ganzen mit den Annales royales und den Annales Mettenses übereinstimmen. Der einzige wesentliche Unterschied ist der, dass die Annales royales und die Annales Mettenses die Basken als hauptsächliches Kampfziel der Franken sehen, während andere Quellen (die „Annales brèves“) sich auf die Sarazenen als Feinde konzentrieren und die Basken vollständig ignorieren.
Die arabischen Quellen schildern zum Teil andere Geschehnisse als die karolingischen. Grund dafür sind die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Intentionen der Quellenschreiber, die sich aus der Feindschaft zwischen Arabern und Franken ergibt. Die Wahrnehmung von Geschichte bedeutet immer auch subjektive Interpretation und individuelle Selektion, weshalb sich die fränkischen und arabischen Quellen nicht unbedingt ausschließen sondern gegebenenfalls sogar ergänzen. Die arabischen Quellen setzen das Interesse vorrangig auf die Bewegungen der Rebellion in Saragossa gegen Abd ar-Rahman I, während die karolingischen Quellen vor allem die Ankunft Karls des Großen in Spanien betrachten. Nach arabischen Quellen herrscht in Spanien zur Zeit der Ankunft Karls des Großen (778) Abd ar-Rahman I, nachdem die Muslime 60 Jahre zuvor die Iberische Halbinsel erobert haben. Jener gehört den Umayyaden an, einer Dynastie von Kalifen, die um Abd ar-Rahman im
4
Arbeit zitieren:
Susann Schrödter, 2008, Der historische Hintergrund des "Chanson de Roland" und des "Chanson de Guillaume" , München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Romanistik - Französisch - Literatur: Der historische Hintergrund des "Chanson de Roland" und des "Chanson de Guillaume" ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Romanistik - Französisch - Literatur: neuer Titel erschienen: Der historische Hintergrund des "Chanson de Roland" und des "Chanson de Guillaume"
Susann S. hat einen neuen Text hochgeladen
Sixteenth-Century Chanson Volume 27 Chansons Published by Jacques Mode...
Jane A. Bernstein
Les Chansons Libertines de Claude de Chouvigny,: Baron de Blot L'Eglis...
Claude De Chouvigny Baro Blot-L'Eglise
CANTAR DE MIO CID - CHANSON DE
J Horrent
CANTAR DE MIO CID - CHANSON DE
J Horrent
0 Kommentare