Inhaltsverzeichnis
I) Einleitung
II) Entwicklung als Begriff
III) Überblick der Entwicklungsgeschichte
1. Modernisierungstheorien (50ger -60ger Jahre)
1.1 Hauptthesen
1.2 Kritik an Modernisierungstheorien
2. Dependenztheorien (60ger -70ger Jahre)
2.1 Hauptthesen
2.2 Kritik an Dependenztheorien
3. Verlorene Entwicklungsdekade und alternative Entwicklungansätze (80ger -90ger Jahre)
IV) Post-Development Ansätze
1. Hauptthesen der Post-Development Ansätze
1.1 Ablehnung des konventionellen Entwicklungsparadigmas
1.2 Hilfe als Konstrukt
1.3 Alternativen zur Entwicklung
1.4 Neopopulistische und radikaldemokratische Ausrichtung des Post-Development
2. Poststrukturalismus und Post-Development
3. Der Entwicklungsdiskurs
3.1 Die Diskursanalyse nach Foucault
3.2 Entwicklung als Diskurs
4. Latouche: ein philosophischer Post-Development Ansatz
5. Der Mythos der Armut (nach Rahnema Majid)
6. Hunger und Bedürfnisse
7. Hybridisierung und der „homo comunis“
V) Kritik an Post-Development Ansätzen
VI) Resumee
VII) Post-Development im Feld
1. Entwicklungstheorien und Praxis
2. Post-Development in der Praxis
3. Beispiele für Intiativen aus der Bevölkerung
3.1 Indigene Basisgemeinschaften
3.2 Der Aufstand der „Zapatistas“
4. Beispiele Initiativen im Rahmen von Entwicklungshilfeprojekten
4.1 Community projekt Jagna
4.2 Das EGS Netzwerk
VIII) Fazit
I) Einleitung
Kaum eine politische Idee oder ein Ansatz ist von der Bevölkerung so positiv und mit Unterstützung aufgenommen worden wie Entwicklung. Als Präsident Truman seine Antrittsrede im Januar 1949 hielt und den Armen der Welt versprach, ihnen bei der Entwicklung zu Wohlstand zu helfen, wurde dies von der Bevölkerung im Westen sehr positiv aufgenommen. Seitdem ist viel Zeit vergangen, aber auch heute noch löst der Begriff Entwicklung und Entwicklungshilfe bei einem Großteil der Bevölkerung positive Konnotationen aus. „No economic subject more quickly captured the attention of so many as the rescue of the people of the poor countries from their poverty.“ 1 Bei wissenschaftlicher Betrachtung des Sachverhaltes stellt sich dies jedoch als sehr verwunderlich dar, da die Zahl der Armen auf der Welt weder gesunken ist, noch sich eine deutliche Verbesserung durch milliardenschwere Entwicklungshilfe eingestellt hat. Ganz im Gegenteil: Heute leben mehr Menschen unter der Armutsgrenze als je zuvor, obwohl unzählige Entwicklungshilfeinterventionen durchgeführt wurden. Diese erzielten jedoch sehr oft nicht den gewünschten oder erdachten Erfolg. Seit den 80ger Jahren entwickelte sich dann eine breite Gegnerschaft der konventionellen Entwicklungskonzepte im Sinne von Interventionsprojekten zur Förderung von Modernisierung und kapitalistischer Ökonomie des Entwicklungslandes. Aus der Kritik des Entwicklungsgedankens entstand die Post-Development-These, man befinde sich „nach Entwicklung“. Post-Development Ansätze möchten zeigen, wie die dritte Welt seit der Nachkriegszeit systematisch durch den Entwicklungsdiskurs konstruiert wurde. Was kommt nach Entwicklung? Post-Development Vertreter dekonstruieren den Entwicklungsgedanken als Diskurs und möchten darstellen, wie eine Hilfe für die in Armut lebende Bevölkerung auf der Welt nach Entwicklung aussehen soll. Da diesen Thesen eine sehr starke theoretische Fundierung immanent ist, stellt sich die Frage, ob sie auch effizient auf die Praxis übertragen werden können. Dieser Fragestellung möchte ich in dieser Arbeit nachgehen und dabei die Effizienz die Wirkungsweisen des der Post-Development Ansätze erörtern.
II) Entwicklung als Begriff
Der Begriff Entwicklung ist nicht wertneutral oder allgemein vorgegeben, sondern ein normativer Begriff, in den individuelle und kollektive Wertvorstellungen einfließen. Im allgemeinen Sprachgebrauch steht Entwicklung für „einen Prozess, der das Potential einer Sache oder eines Organismus freisetzt, so dass zuletzt die natürliche Endform, Vollständigkeit oder volle Entfaltung erreicht wird.“ 2 In der Biologie wird unter Entwicklung oder Evolution der Prozess verstanden, der das genetische Potential eines Lebewesens freisetzt. Der Begriff Entwicklung ist stark verknüpft mit den Begriffen Wachstum, Evolution, Reife. Seit dem 18.Jahrhunderts wird der Begriff Entwicklung auch zur Beschreibung von Phänomenen sozialen Wandels verwendet. So wurde vom Sozialrat der Vereinten Nationen (ECOSOC) 1962 Entwicklung als „Wachstum plus Wandel“ 3 definiert.Im kolonialen Diskurs, war Entwicklung eine Tätigkeit, die durch die
1 Galbraith, J.K. In: Escobar, A. 1995 S. 46
2 Esteva, G. In: Sachs, W. 1993, S. 92
3 Vgl ECOSOC Economic and Social Council http://www.un.org/en/ecosoc/docs/docs.shtml
Regierung hervorgerufen werden mußte. 4 Der Begriff Entwicklung impliziert immer einen Wandel vom Schlechteren zum Besseren. Im Diskurs der Entwicklung in der dritten Welt bezieht sich der Begriff Entwicklung vor allem auf Wirtschaftswachstum. Als Ziel auf dem Entwicklungsweg steht eine Art Reife, die in den führenden Industrienationen schon verwirklicht ist, und deren Lebens-und Wirtschaftsweise als „schon entwickelt“ angesehen wird. Der Begriff Entwicklung stellt ein machtvolles Bedeutungsfeld dar, mit einem anschließenden großem Einfluss auf Denken und Verhalten. 5
Als Umkehrung des Entwicklungsbegriffs entstand Mitte des 20.Jahrhunderts für all das, „was den Europäern bislang weltweit als unzivilisiert, ungebildet und rückständig gegolten hatte, ein zentraler Begriff: die „Unterentwicklung“ 6 In den 80ger Jahren rückten alternative Konzepte vermehrt ins Blickfeld, dabei besonders der sehr populäre Ansatz der „endogenen Entwicklung“.Dieser Ansatz verlässt eine reine Dichotomie von „entwickelt“ und „unterentwickelt“ und stellt eine Rückbesinnung auf lokale Traditionen in den Mittelpunkt. Laut einiger Post-Development Vertreter sollte der Begriff „Entwicklung nicht auf die Länder des Südens beschränkt bleiben: auch der Norden hätte allen Grund, sich „weiterentzuentwickeln“, im Sinne einer Um-Entwicklung in Richtung nachhaltiger Entwicklung. Insgesamt hat Entwicklung viele, positive als auch negative Auswirkungen: Durch Entwicklung konnte Kindersterblichkeit und der Ausbruch von Seuchen eingedämmt werden. Das Resultat ist eine erhöhtes Bevölkerungswachstum. Durch Entwicklung ist es jedoch möglich geworden, Bevölkerungen zu kontrollieren und begrenzen. 7
III) Überblick der Entwicklungsgeschichte
Um Post-Development zu verstehen, ist es wichtig zuerst Entwicklung zu verstehen. Deshalb möchte ich einen kurzen Überblick über die Geschichte der Entwicklungstheorien geben. Der Beginn der Entwicklungsgeschichte wird meist mit der Antrittsrede des US-Präsidenten Truman am 20.Januar 1949 gesetzt. Er benannte in seiner Antrittsrede alle Gebiete außer Europa und Nordamerika als „unterentwickelte Gebiete“ und versah somit mit einem Schlag mehr als die Hälfte der Menschheit mit der Zuschreibung „unterentwickelt“.Die Unterentwicklung gibt es also erst seit 1949. Auf diese Weise wurde die Welt in zwei Teile geteilt: in „entwickelte“ und „unterentwickelte“ Nationen. Dieser Begriff bedeutete eine lebenslange Unterordnung und Abwertung der Lebensweise für die Menschen in den, als „unterentwickelt“ betitelten Ländern.
1) 50ger-60ger Jahre: Modernisierungstheorien
Unter Modernisierungstheorien werden eine Reihe von theoretischen Entwürfen zum Thema Entwicklung und Strategien zusammengefasst, die seit dem zweiten Weltkrieg die entwicklungspolitische Praxis bestimmen. Darunter befinden sich Ansätze, die sich zu ökonomischen Wachstumstheorien zuordnen lassen
4 Vgl. Escobar, A., 1995, S. 73
5 Esteva, G. In: Sachs, W., 1993, S. 92
6 Sbert, J.M. In: Sachs, W., 1993, S. 126
7 Vgl. Duden, B. In: Sachs, W., 1993, S. 72
als auch Ansätze der klassischen soziologischen Modernisierungstheorien. Die Modernisierungstheorie wird auch als Metatheorie der Entwicklung bezeichnet und gilt als „Mainstream-Entwicklungstheorie.“ 8
1.1 Hauptthesen
Modernisierungstheoretische Ansätze betrachten Entwicklung als einen linearen Prozess der Nachahmung der als „unterentwickelt“ bezeichneten Länder des Entwicklungsprozesses der westlichen Industrieländer. Die westlichen Industrienationen werden dabei als Ideal einer Staats-, Gesellschafts-und Wirtschaftsform gepriesen. Die Entwicklungsländer sollten einen analogen Entwicklungsprozess der Industrieländer durchlaufen und so wie diese, nach einigen Jahren allgemeinen Wohlstand erlangen. Als ideales Gesellschaftsmodell wurde die Demokratie nach amerikanischem Vorbild angesehen, die als Ziel der gesellschaftlich-politischen Entwicklung gesehen wird. Unterentwicklung wird dabei als gesellschaftliches Stadium bei der Überwindung von Tradition zu Moderne verstanden. Entwicklung sollte vor allem Industrialisierung bedeuten, um das Entwicklungsdefizit so schnell wie möglich aufzuholen. Tradition und Moderne werden als unvereinbare Dichotome gesehen, die nicht parallel existieren können: die Tradition sollte zugunsten der Moderne weichen. Ursachen für die Unterentwicklung werden hauptsächlich in endogenen Faktoren der Entwicklungsländer gesehen. Auf ökonomischer Basis wird vor allem die geringe Sparquote genannt, die zu einem Teufelskreis der Armut führt, Kapitalakkumulation verhindert und somit Wirtschaftswachstum hemmt.
Zur Lösung dieses Problems werden großangelegte Industrialisierung und Kapitalimporte empfohlen, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, das als „Zauberwort“ der Entwicklung gilt. Im Laufe des
Industrialisierungsprozesses würde eine gesellschaftliche Weiterentwicklung in Form von Modernisierung ,Wertewandel, Vernachlässigung von Traditionen, Herauslösung aus familiären Strukturen, usw. von selbst, in Analogie zur Phase der Industrialisierung in Europa, erfolgen. Was Karl Polanyi negativ als „Entbettung“ bezeichnet, wird in den Modernisierungstheorien als wünschenswerter Nebeneffekt gesehen. Als messbare Indikatoren für Entwicklung werden im Rahmen der Modernisierungstheorie vor allem wirtschaftlichen Faktoren, wie dem Bruttosozialprodukt, dem Pro-Kopf-Einkommen oder dem Wirtschaftswachstum Aufmerksamkeit geschenkt. Als positive Nebenerscheinungen eines erhöhten Pro-Kopf-Einkommen würden sich andere gesellschaftliche Probleme der Unterentwicklung wie Kindersterblichkeit, Mangelernährung, usw. von selbst lösen. Ein „Trickle-down-effect“ würde nach und nach von den Kapitalinvestitionen zu den bedürftigen Menschen in Form von Arbeitsplätzen und Löhnen durchsickern. Durch einen Modernisierungsprozess, der in einer Take-off-Phase durch Kapitalimporte angekurbelt werden sollte, würden Entwicklungshemmnisse, wie Tradition, soziales Gefüge in vernakulären Gemeinschaften, hohe Geburtenrate etc.zurückgehen.
Die Modernisierungstheorie ist auch heute noch die bedeutenste Mainstream-Entwicklungstheorie. Die Gründe für ihre durchwegs hohe Bedeutung in der Entwicklungstheorie sieht Narman in den folgenden Faktoren:
8 Vgl. Kothari, U., Minogue, 2002, S. 7
-Sie bleibt konsistent mit neoklassischen wirtschaftlichen Ideologie von Entwicklung in den USA und Westeuropa.
-Sie ist eine einfache und universale Theorie
-Kurzfristige Verbesserungen können als Erfolg ausgelegt werden und das genügt als positiver Beweis. -Die „Bretton Woods“ sind sehr gut in ihrer Verteidigung. 9
Sobald sich in einer Gesellschaft die Wirtschaft als wichtigste Sphäre behauptet, werden alle anderen Formen sozialen Austauschs der wirtschaftlichen Logik unterworfen, wobei die Unterordnung unter das Wirtschaftssystem immer gewaltsam erfolgen muß. Um die Durchsetzung der Ökonomie zu forcieren, müssen alle anderen Systeme des Austauschs weichen. Auch das Wertesystem muss sich grundlegend ändern. Menschen werden zu Arbeitskräften, Traditionen werden überflüssig und aus Autonomie wird häufig Abhängigkeit. Neoliberalismus kann als eine Reformulierung der Modernisierungstheorie genannt werden, mit einer verschiedenen Rollenverteilung für Staat und Markt. 10
1. 2 Kritik an Modernsisierungstheorien
Unterentwicklung sollte durch technologische Einwirkungen von der Erde verschwinden, aber, stattdessen, wurde sie unendlich multipliziert. 11 Viele, auf modernisierungstheoretischen Ansätzen basierende Entwicklungsinterventionen scheiterten. Der wichtigste Beweis dafür ist die weiter ansteigende Zahl der Armen auf der Welt und die Vergrößerung der Einkommensdifferenz zwischen arm und reich. 12 An modernisierungstheoretischen Ansätzen angelehnte Entwicklungsmaßnahmen stützen sich vor allem auf eine Förderung der Ökonomie und des Wirtschaftswachstums. „Es ist jedoch erwiesen, dass in der Mehrzahl der Entwicklungsländer den Armen weder die Erzeugung von Investions-und Konsumgütern noch die Ausweitung sozialer Dienste geholfen hat.“ 13 Modernisierungstheoretische Ansätze forcieren eine Modernisierung aller Sphären der Gesellschaft ohne Rücksicht auf Verluste, denn Modernisierung wird als einziger Weg oder „einzig gangbare Hauptstraße der Moderne“ 14 wie ironisch von Rahnema genannt, gesehen. Dies ist jedoch nicht für alle Menschen sinnvoll oder realisierbar. Für die Mehrheit der Menschen auf der Welt ist die Befriedigung ihrer Bedürfnisse in Gemeinschaften verankert, und nicht im kapitalistischen Wirtschaftssystem. Werden diese lokalen Strukturen zerstört, fühlen sich die Menschen zunehmend hilflos. Der durch Entwicklung ausgelöste soziale Wandel, hat die Herauslösung der Menschen aus ihren Gemeinschaften zur Folge. Auch wenn diese Gemeinschaften weiterhin oberflächlich bestehen, haben sie nicht mehr die gleiche Bedeutung wie früher. In traditionellen Gemeinschaften fanden die Armen ihr Auskommen, während in der modernen Gesellschaft diese Lebensformen zerstört werden. Häufig wird die traditionelle Armut ersetzt durch eine „moderne Armut“, wie sie heute auch in allen entwickelten Ländern zu finden ist.
9 Vgl. Simon & Narman, In: Kothari, U ; Minogue, M. 2002, S. 8
10 Vgl. Kothari, U., Minogue, M., 2002, S. 7
11 Vgl. Escobar, A. 1995 S. 52
12 Vgl. Kothari, U; Minogue, M., 2002
13 Rahnema, M. In: Sachs. W. 1993 S. 30
14 Vgl. Rahnema, M. In: Sachs, W. 1993 S. 33
2. Dependenztheorien (60ger bis 70ger Jahre)
Die Dependenztheorien entstanden in den 60ger Jahren in Lateinamerika. Das Besondere dieses Ansatzes ist, das er vor allem von Vertretern des globalen Südens stammt. Die Dependenztheorien sehen die Gründe der Unterentwicklung in der Verbindung zwischen Abhängigkeit und interner Ausbeutung und nicht in einem internen Defizit des Landes. Auch die Dependenztheorien kritisieren die Modernisierungstheorie, vertreten aber auch den Gedanken einer „nachholenden Entwicklung“ der Entwicklungsländer.
2. 1 Hauptthesen
Als zentrales und wichtigstes Element der Theorie wird der theorieleitende Begriff der Abhängigkeit gesehen. Abhängigkeit bedeutet, dass eine Gruppe von Staaten einer anderen Gruppe von Staaten in der Weise untergeordnet ist, dass die Produktionsweise der untergeordneten Nation so verändert und reproduziert wird, dass eine erweiterte Produktion und Abhängigkeit erhalten bleibt. 15 Das Verhältnis in der Beziehung Entwicklungsland-Weltmarkt oder Großmacht wird als ungleich und abhängig gesehen und die Beziehung zu den Industrienationen als asymmetrisch interpretiert. Laut Dependenztheorie ist die Asymmetrie ein Hemmnis für die gesunde Entwicklung des Landes.
Armut und Mißstände in dem betreffenden Land werden auf exogene Faktoren zurückgeführt. In Wechselwirkung mit inneren Strukturen des Landes würden sie eine Situation der Unterentwicklung hervorrufen. Unter exogenen Faktoren ist hier vor allem der Einfluss des Kolonialismus in der Geschichte sowie die Einbindung in den Weltmarkt zu unfairen Konditionen zu verstehen. Dependenztheorien sehen Unterentwicklung nicht als historische Phase, sondern als zwei Seiten einer Medaille und damit als zwei gleichzeitige Erscheinungen. Innerhalb der Dependenztheorie kann zwischen einer Reformposition und einer marxistischen Position unterschieden werden. Die Unterschiede belaufen sich hauptsächlich auf die theoretischen Rahmenbedingungen, die einmal der historische Materialismus beziehungsweise eine modifizierte Form der Modernisierungstheorie darstellen. Bei letzterer, liegt die Betonung auf den starken Abhängigkeitsverhältnisse von den Industrienationen des Nordens, die stark als Entwicklungshemmnis gesehen werden. Dependenztheoretische Ansätze in der Tradition des Marxismus sehen die
entwicklungshemmende Kraft vor allem in einer Schwäche oder Nicht- Existenz von national-populistischer Zusammenschlüsse und Bewegungen, die Abhängigkeitsverhältnisse bekämpfen könnten. Die marxistischen Theoretiker sehen eine sozialistischen Revolution als Lösung für das Problem der Unterentwicklung. Laut marxistischer Position, basiert die Abhängigkeit auf einer Über-oder Superausbeutung der Arbeitskräfte durch Unterbezahlung in der untergeordneten Nation. Die Ursache der Über-Ausbeutung wird hauptsächlich im Gegensatz von Peripherie und Zentrum gesehen, wobei die Leistungen von der Peripherie ins Zentrum fließen, vom Zentrum aber nicht ausreichend Kapital zurückfließt. Die Reformposition dagegen setzt auf eine Verbesserung des kapitalistischen Systems. Durch Modernisierung im Sinne von zunehmender Industrialisierung entsteht ein Ungleichgewicht im Verhältnis von Exportrückgang und Importüberschuß,
15 Marini, Ruy, In: Kolland, F., 2003 S. 66
das als „Verelendungswachstum“ bezeichnet wird, woraus ein Abhängigkeitsverhältnis von Importen entsteht. Diese Art der Abhängigkeit führt zu einer Koexistenz kapitalistischer und nicht-kapitalistische Ökonomien, einer strukturellen Heterogenität. Beide ökonomischen Sektoren kolonialisieren sich wechselseitig und generieren eine gesellschaftliche Deformation, die Armut und Unterentwicklung hervorruft. Der Lösungsvorschlag der Dependenztheorie bedeutet „Abkoppelung“ vom Weltmarkt und „autozentrierte Entwicklung.“Die Dependenztheorie ist ein Schritt hin zum Versuch der Diskursbildung laut Post-Development Ansätze, bleibt aber im Diskurs stecken. 16 Das Differenzierungssystem des Entwicklungsdiskurses bleibt weiterhin unangetastet.
2. 2 Kritik an Dependenztheorien
Die Dependenztheorie wurde durch ihre Radikalität marginalisiert und häufig kritisiert, als ein Ansatz, der alle Probleme buchstäblich von sich, ins Ausland verschiebt. Vor allem Christopher Kay 17 erläuterte viele Kritikpunkte der Dependenztheorie. Die Mehrwertproduktion der „Zentren“ würde nicht auf der Ausbeutung der Peripherie zugerechneten Ländern beruhen, sondern vor allem auf deren endogene Entwicklung. Christopher Kay ist gegen die Betrachtung der Unterentwicklung als rein externes Phänomen, denn diese vernachlässigt die Dimension ungleicher Klassen-und Produktionsverhältnisse. Die Rolle des Staates in den Dependenztheorien würde überbetont und die der Zivilgesellschaft und sozialer Bewegungen vernachlässigt. Kein Staat könnte Entwicklung und sozialen Fortschritt garantieren. Die Dependenztheorien würden sich hauptsächlich auf makrosoziologische Sichtweisen beschränken und die gesellschaftliche Mikrostruktur vernachlässigen.
3 ) Verlorene Entwicklungsdekade und alternative Entwicklungsansätze (80ger und 90ger Jahre)
Die 80ger Jahren gelten als das verlorene Jahrzehnt der Entwicklungstheorien. Ab der zweiten Hälfte der 80ger Jahre wird die Krise der Entwicklungstheorien diagnostiziert, hervorgerufen durch ihren mangelnden Erfolg in der Praxis. Entwicklungspolitik und -interventionen sahen sich veränderten Rahmenbedingungen gegenüber und Entwicklung wurde zu einer „überlebten Vorstellung“, 18 deren Fortsetzung in gleicher Manier keinen Sinn mehr ergab.
Die Industrienationen galten nicht mehr als die Idealform einer Gesellschaftsform, diese Vorstellung der Überlegenheit ist angesichts der Umweltproblematik heute nicht mehr vertretbar. Es hat sich des weiteren bewiesen, dass ein Leben ohne Mühsal, trotz jeglichen Komforts in manchen Ländern, nicht möglich ist. Auch auf immaterieller Ebene hatte sich die Entwicklungsideologie überlebt, denn, wie jede Ideologie, hat sie nur Bestand, solange sie Hoffnungen einen Raum bietet. 19 Aus der Krise der Entwicklungstheorien entwickelten sich neue, alternative Paradigmen, es wurden „alternative Entwicklungsansätze“ propagiert, wie
16 Vgl. Ziai, A., 2007, Globale Strukturpolitik S. 44 f
17 Vgl Christopher Kay, 1989: 204ff
18 Sachs, W. 1993 S. 8
19 Vgl. Sachs, W. 1993 S. 8
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Sonja Uhl, 2009, Post Development - Wunschvorstellung oder revolutionierendes Konzept der Entwicklungshilfe? , München, GRIN Verlag GmbH
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