INHALT
1 Einleitung 1
2 Die dichotome Setzung von Mann/Frau analog zu Öffentlich/Privat 1
2.1 Geschlechterdifferenz als soziale und kulturelle Konstruktion 1
2.2 Privatheit und Öffentlichkeit als ein Konzept des 19. Jahrhunderts 1
3 „Materialer Raum“ und „gesellschaftliche Sphäre“ 1
4 Kritik androzentrischer Theorien zu Öffentlichkeit und Privatheit 1
4.1 Kritik androzentrischer Theorien zum Haus 1
4.1.1 Otto Friedrich Bollnow 1
4.1.2 Pierre Bourdieu 1
4.2 Kritik androzentrischer Theorien zur Öffentlichkeit 1
4.2.1 Jürgen Habermas 1
4.2.2 Clifford Geertz 1
5 Theorien zum Raum jenseits der Dichotomien Privat/Öffentlich 1
5.1 „Andere Räume“ 1
5.2 „Praktiken im Raum“ 1
5.3 „Nicht-Orte“ 1
5.4 „Physischer, sozialer und angeeigneter physischer Raum“ 1
5.5 „Gesellschaftliche Produktion des Raumes als Bedingung
sp ätkapitalistischer Umstrukturierung“ 1
2
6 Die Faktoren Raum und Geschlecht in der ethnologischen Feldforschung 1
6.1 Sigrid Westphal-Hellbusch: Transvestiten (1956) 1 6.2 Dorle Dracklé:
„Die Frau gehört ins Haus und der Mann auf die Straße“ (1998) 1
7 Schlussbemerkung und Ideen zu Feldforschung auf der Straße 1
8 Literaturverzeichnis 1
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1 Einleitung
Raum und Geschlecht sind zwei Faktoren, die untrennbar miteinander verbunden scheinen. Ich werde im Folgenden zeigen, dass die Dichotomie öffentlich/privat analog zur binären Struktur des Geschlechterverhältnisses männlich/weiblich ein hierarchisches Konstrukt ist, dem die soziale Realität selten oder gar nicht entspricht. Es wird dabei zu erklären sein, wie dieses hegemoniale Modell trotz vervielfältigter und fragmentierter Lebensweisen im Sinne einer Stabilisierung von Machtstrukturen wirksam ist. Zu diesem Zweck werde ich verschiedene androzentrische Theorien aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen kritisch dahingehend untersuchen, wie sie diese Bipolarität reproduzieren. Anschließend werde ich Theorien vorstellen, die m.E. Material für ein Denken jenseits der Dichotomien Frau/Mann, Privat/Öffentlich bereitstellen. Anhand zweier ethnologischer Studien zeige ich dann, wie die Erkenntnis der Existenz von Lebensweisen jenseits des binären Rahmens methodisch umgesetzt werden kann und schließe mit einem Vorschlag für dementsprechende kulturanthropologische Forschung in der Großstadt.
Entsprechend den sich vervielfältigenden und verkomplizierenden Lebensweisen, ist auch meine Arbeit in Teilen fragmentarisch und bisweilen vielleicht widersprüchlich. Vieles wird lediglich angedacht und ohne die Formulierung künstlicher Zusammenhänge nebeneinandergestellt. Und wenn dennoch sprachlich Überschriften und Überleitungen geschaffen werden, so meine ich zwar, dass sie Sinn machen. Dennoch bzw. gerade deswegen sind sie kritisch zu betrachten.
Vor diesem Hintergrund möchte ich noch kurz auf die Begriffe Feminismus und Postmoderne eingehen, die in der vorliegenden Arbeit, wenn auch nicht immer explizit und intendiert, eine Rolle spielen. Wenn feministisches Arbeiten sich dadurch auszeichnet, dass androzentrische Erklärungsmodelle als unzulässig verallgemeinernd und hegemonial kritisiert und Ansätze jenseits dessen formuliert bzw. aufgegriffen werden, dann ist meine Arbeit als feministisch zu begreifen. Wenn es aber das Merkmal jeglichen wissenschaftlichen Arbeitens - und insbesondere des sog. postmodernen - ist, unzulässig verallgemeinernde und hegemoniale Erklärungsmodelle zu kritisieren und Ansätze jenseits dessen zu formulieren bzw. aufzugreifen, dann kann meine Arbeit als in der Vorgehensweise postmodern und in Thema und Zielrichtung feministisch betrachtet werden.
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Dem wäre entgegenzuhalten, dass das was ich als Prinzip jeglichen bzw. insbesondere des postmodernen wissenschaftlichen Arbeitens formuliert habe, in der feministischen Theoriebildung entwickelt wurde. Dieses Argument führen Frances E. Mascia-Lees u.a. in ihrem Aufsatz über Postmoderne und Feminismus in der Anthropologie aus. Ihrer Ansicht nach ist das, was den „neuen postmodernen Anthropologen neu und aufregend erscheint - daß nämlich Kultur sich aus umstrittenen Bedeutungscodes zusammensetzt, daß Sprache und Politik untrennbar miteinander verbunden sind und daß die Konstruktion des ,Anderen’ Machtbeziehungen mit sich bringt“ 1 eine Erkenntnis, die die feministische Theorie seit Jahrzehnten ausführlich untersucht. So gesehen bezieht sich Feminismus keineswegs nur auf Themenwahl und Zielsetzung, sondern auch und ganz besonders auf das wissenschaftliche Vorgehen. In der postmodernen Verzweiflung darüber, dass Wahrheit niemals vollständig erklärbar ist, sehen die Autorinnen denn auch die Reaktion „des weißen Mannes“ auf den Umstand, dass Frauen und nicht-westliche Völker begonnen haben, für sich selbst zu sprechen und damit seine Definitionsmacht in Frage stellen.
Die Gemeinsamkeiten zwischen Feminismus und dem, was gemeinhin unter dem Begriff Postmoderne zusammengefasst wird, sind allerdings nicht zu übersehen. „Sowohl die postmoderne Anthropologie als auch der Feminismus nehmen eine selbstbewusst reflexive Position gegenüber ihren Forschungsgegenständen ein“ 2 , meinen Mascia-Lees u.a. Der wesentliche Unterschiede sei indes der, dass feministische Forschung, die sich mit der Erfahrung von Frauen auseinandersetzt, immer aus der Position der „Anderen“ heraus auf Machtstrukturen und den Kampf dagegen Bezug nimmt.
So verstanden, muss meine Arbeit in jedem Fall weniger als auf sog. postmoderne Ansätze zurückgreifend - eine inhaltliche Positionierung innerhalb des Begriffs „postmodern“ würde ich ohnehin umgehen wollen - denn als feministisch aufgefasst werden.
1 Mascia-Lees u.a. 1993, 209
2 Mascia-Lees u.a. 1993., 224-225
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2 Die dichotome Setzung von Mann/Frau analog zu Öffentlich/Privat
2.1 Geschlechterdifferenz als soziale und kulturelle Konstruktion
„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“ 3 behauptet Simone de Beauvoir und betont, dass die Gestalt der Frau in der Gesellschaft weder biologisch noch psychisch oder ökonomisch determiniert ist, sondern vielmehr als ein Produkt zivilisatorischer Einflüsse gesehen werden muss.
Darauf aufbauend formuliert Judith Butler ihre Frage nach den in den Geschlechterkategorien implizierten Machtverhältnissen. Sie geht davon aus, dass es kein vorkulturelles, natürliches Geschlecht gibt, sondern dass die Geschlechterdifferenz eine soziale und kulturelle Konstruktion ist, die zur Stabilisierung der Geschlechterhierarchie und der Zwangshetero-sexualität dient. 4 Um die hierarchisch strukturierte Binarität des Geschlechterverhältnisses zu sprengen, schlägt Butler „parodistische Praktiken“ vor, die die Geschlechterkategorien stören und „ihre subversive Resignifizierung und Vervielfältigung“ 5 hervorrufen.
In der aktuellen feministischen Anthropologie wird der radikale Konstruktivismus in Bezug auf den Körper in Frage gestellt. Die Ethnopsychoanalytikerin Maya Nadig plädiert in ihrer Untersuchung zu Geburtsritualen im interkulturellen Vergleich dafür, die Körper und das Biologische in die soziale Analyse zu reintegrieren. Damit müsse nicht zwangsläufig eine Rückkehr zum biologischen Fundamentalismus einhergehen, der die dualistische Aufteilung der Geschlechter legitimiere. Die Berücksichtigung der Tatsache, „dass Menschen ihre Bedeutungskonstruktionen auch aufgrund körperbedingter physischer und psychischer Erfahrungen machen, die lokal und sozial geformt sind“ 6 , fördere vielmehr die Auflösung der binären Geschlechterbilder.
3 De Beauvoir 1992, 334
4 Butler 1991, 8
5 Butler 1991, 12
6 Nadig 1998, 24
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Butler nimmt im Vorwort zur deutschen Ausgabe ihres neuen Buches „Körper von Gewicht“ auf diese Kritik Bezug. Sie betont, dass das Infragestellen des biologischen Körpers nicht unweigerlich dazu führen müsse, dass Frauen ihrem Körpern entfremdet würden. Dieses Infragestellen kann ihrer Ansicht nach durchaus ein „Weg zu einer Rückkehr zum Körper sein [...], dem Körper als einem gelebten Ort der Möglichkeit, dem Körper als einem Ort für eine Reihe sich kulturell erweiternder Möglichkeiten.“ 7
Übertragen auf geschlechtsspezifisch konnotierte und hierarchisierte Räume bedeutet dies für die vorliegende Arbeit, die Polaritäten Öffentlich und Privat analog zur Geschlechterdifferenz als binär konstruiert zu beschreiben und die Brauchbarkeit von Theorien und ethnologischen Feldforschungen zum Raum vor diesem Hintergrund zu untersuchen.
2.2 Privatheit und Öffentlichkeit als ein Konzept des 19. Jahrhunderts
In ihren „Überlegungen zum geschlechtsspezifischen Strukturwandel der Öffentlichkeit“ bietet Karin Hausen verschiedene Ansätze an, der Entstehung des Gegensatzpaares Privatheit und Öffentlichkeit sowie der dementsprechenden geschlechtsspezifischen Rollenverteilung auf die Spur zu kommen.
Hausens erster Ansatz bezieht sich auf das Haus als Ort, auf den das Tätigkeitsfeld der Frau seit dem 18. Jahrhundert ideologisch beschränkt wurde. Sie beschreibt, wie Privatheit und Öffentlichkeit im 19. Jahrhundert aus der Perspektive des bürgerlichen Mannes gedacht wurden. „Für ihn sollte Privatheit nicht nur wie heute ein geschützter Bereich in den eigenen vier Wänden sein, sondern immer auch ein Bereich inklusive fraulicher Beseelung und Belebung.“ 8 Es wurde ideologisch festgelegt, dass die „natürliche Seinsweise“ der Frau als Hausfrau, Gattin und Mutter die Privatheit sei und diese als Gegensatz zur Öffentlichkeit definiert. Gleichzeitig wurde Frauen ein eigenständiger Zugang zu Privatheit und Öffentlichkeit prinzipiell abgesprochen. Die Öffentlichkeit war ihnen ideologisch völlig verwehrt, und Privatheit wurde ihnen nur als Gattinnen zugestanden.
7 Butler 1997, 10-11
8 Hausen 1990, 272
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In ihrem Aufsatz „Öffentlichkeit und Privatheit“ verweist Hausen auf amerikanische Forscherinnen, die als erste die Tauglichkeit der dichotomen Setzung von public und private zur Beschreibung der Geschlechterbeziehung in historischen Gesellschaften anzweifelten. Sie fasst den 1980 erschienenen Aufsatz der Anthropologin Michelle Rosaldo zusammen, der die Gegenüberstellung von öffentlicher und privater Sphäre als ein Konzept des 19. Jahrhunderts bezeichnet, „welches damals ganz offensichtlich dem herrschenden Bedürfnis nach normativer Fixierung des Geschlechterverhältnisses entsprach. [...] Dieses Programm heute unbesehen als konzeptionelles Instrumentarium für ethnologische und historische Forschungen einzusetzen, habe zur Folge, meint Rosaldo, daß die Aufteilung von Gesellschaften in öffentliche und private Sphären immer mehr als überzeitliche Universalie erscheine.“ 9
Daran anschließend formuliert Hausen ihren Vorschlag für zukünftiges wissenschaftliches Arbeiten. Zunächst müsse das public-private-Konzept prinzipiell angezweifelt werden. Es müsse sogar hinterfragt werden, ob es überhaupt jemals, selbst im 19. Jahrhundert, eine dementsprechende gesellschaftliche Wirklichkeit gegeben habe. Auf der Grundlage der so erzielten Forschungsergebnisse werde dann eine Neuformulierung des tradierten Konzeptes notwendig. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die Normen des Frauseins und Mannseins zu keiner Zeit widerspruchsfrei anerkannt waren, fordert Hausen, besondere Aufmerksamkeit auf Grenzübertretungen und -verschiebungen zu richten.
3 „Materialer Raum“ und „gesellschaftliche Sphäre“
Den meisten feministischen Arbeiten zum Raum liegt eine Diskussion der Gegensätzlichkeiten Privat versus Öffentlich zugrunde. Sämtliche Beiträge zur 1. Europäischen Planerinnentagung 1991 in Berlin beschäftigen sich beispielsweise damit. Ziel der von der „Feministischen Organisation von Planerinnen und Architektinnen“ (FOPA) ausgerichteten Tagung war es, im Austausch mit anderen Disziplinen Hilfen im Umgang mit diesen Polaritäten zu erhalten, „die die patriarchal strukturierte Gesellschaft formen und stützen.“ 10
9 Hausen 1989, 23
10 Ahrend/Miseré 1992/93, 13
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Arbeit zitieren:
Ramona Lenz, 1999, Raum und Geschlecht als dichotome Konstruktionen, München, GRIN Verlag GmbH
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