Inhaltsverzeichnis
I) Einleitung
II) Disziplinbegriff bei Foucault
1. Geschichte und Einordnung bei Foucault
1.1 Geschichtliche Hintergründe und Änderungen im Strafvollzug
1.2 Nicht mehr strafen, sondern bessern und heilen
2. Die Technologie der Disziplin als Macht-und Herrschaftsform
2.1 Der „gelehrige“ Körper
2.2 Funktionsweisen der Disziplin
2.2. 1 Die Verteilung der Individuen im Raum
2.2.2 Die Kontrolle der Tätigkeit
2.2.3 Die Organisation von Entwicklungen
2.2.4 Die Zusammensetzung der Kräfte zu einem Apparat
2.3 Die „disziplinierte“Individualität
3. Der Panoptismus und die Entstehung des modernen Gefängnisses
3.1 Weiterführende Disziplinarmaßnahmen: „Die Mittel der guten Abrichtung“
3.2 Panoptikum und Panoptismus
3.3 Das panoptische Prinzip in der Gesellschaft
3.4 Das Gefängnis als Disziplinaranstalt
3.5 Die Entstehung einer modernen Disziplinargesellschaft
4. Kritische Rezeption des Foucaultschen Disziplinbegriffs
4. 1 Foucaults Methode
4.2 Kritik der Disziplinarmacht Foucaults
5. Foucaults „Disziplinarmacht“ und Adornos „instrumentelle Vernunft“
III) Disziplinarmacht im Nationalsozialismus
1. Erziehung und Disziplin im Nationalsozialismus
1.1 Schule
1.2 Hitlerjugend
2. Die Wehrmacht als Disziplinarinstitution
3.Das Konzentrationslager in der Disziplinargesellschaft
3.1 Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum Foucaultschen Gefängnis
3.2 Jenseits von Disziplin: Ein „pervertierter“ Disziplinbegriff
3.3 Funktionsweise des Konzentrationslagers in der NS-Gesellschaft
IV) Die deutsche Gesellschaft in der NS-Zeit als Disziplinargesellschaft im Sinne Foucaults
V) Fazit
VI) Schluss
2
I) Einleitung
Bei Diskursen über Disziplin in Deutschland wird immer wieder auf die Zeit des Nationalsozialismus verwiesen, während dessen Disziplin in vielen gesellschaftlichen Räumen bis zur Perversion gesteigert wurde. Wer heute gar von eiserner Disziplin spricht, steht im Verdacht, mit jener bedingungslosen Unterordnung zu liebäugeln, die von den Nationalsozialisten als Disziplin und typisch deutsche Tugend propagiert wurde. Der Nationalsozialismus als geschichtliches Phänomen soll im Folgenden unter den Begriffen von Disziplin und Disziplinargesellschaft nach Foucault erörtert werden. Unter der „Zeit des Nationalsozialismus“ soll die historische Periode zwischen 1933 und 1945 verstanden werden, wobei sicher auch noch Unterschiede in der Thematik innerhalb des Zeitraums zu verzeichnen sind. Der wahrscheinlich größte Widerspruch des Nationalsozialismus ist die Diskrepanz zwischen Rationalität und der irrationalen, exzessiven Gewalt andererseits. 1 Daraus ergibt sich die Frage, wie Irrationalität und Funktionalität zusammenwirken. Um dieser Frage nachzugehen,ist es notwendig, vorherrschende Machtstrukturen zu untersuchen und sie als Dynamik von Gewaltexzessen sowie den allgemeinen Hang zur Gewaltbereitschaft zu analysieren. Als Motivation kommt nicht nur eine rein Politische in Frage, es müssen dabei auch persönliche Interessen im Spiel gewesen sein. In der Forschung ist klar, dass die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht nur aus einer bestimmten politischen Elite heraus erklärbar sind, die durch geschickte Propaganda und Manipulation das Volk gewinnen konnte. Allein durch Propaganda wäre es eher unwahrscheinlich gewesen, das eine Ideologie in so vehementer Weise in ein soziales Feld eindringen und eine so starke Wirkung auslösen kann. Hinter den Verbrechen des Nationalsozialismus steht kein Sinn oder Logik, sondern eine Dynamik, wie Hannah Arendt es formuliert, die „Banalität des Bösen“. 2 Laut Hannah Arendt ist das Böse nicht erklärbar und in jedem Menschen latent vorhanden. Auch dem Phänomen der Disziplin und der Disziplinargesellschaft liegt keine Logik im allgemeinen Sinne zugrunde, sondern eine tiefer liegenden Dynamik eines Machtgefüges, der Disziplinarmacht. Die Philosophie Foucaults ist noch überraschende wenig zur Analyse der Phänomene des Nationalsozialismus herangezogen worden. Untersucht man den Nationalsozialismus mit dem gesamten Foucaultschen Instrumentarium, wäre er jedoch als Kombination von Disziplinarmacht, Bio-Macht und Souveränitätsmacht zu begreifen. Foucault selbst sagte über den nazistischen Staat: „Der Nazismus ist ein absolut rassistischer Staat, ein absolut möderischer Staat und selbstmöderischer Staat.“ 3 Die Souveränitätsmacht tritt im Recht zu töten des nationalsozialistischen Staates auf, die Macht der Disziplin bei Disziplinierung und Selbstdisziplinierung in vielen gesellschaftlichen Bereichen wie zum Beispiel der Erziehung, die Bio-Macht im Zuge von Bevölkerungspolitik und Eugenik. Die Souveränitätsmacht wurde im Nationalsozialismus auch auf andere Personen im Sinne einer Machtstaffelung auf Untergebene ausgeweitet. Im Folgenden soll die NS-Gesellschaft nur aufgrund des Foucaultschen Disziplinbegriffs bzw. als Disziplinargesellschaft nach Foucault analysiert werden, weil dieser Begriff ein großes Potenzial zur Analyse
1 Vgl. Dürr, Ch. (2004) S. 34
2 Arendt, H., In: Dürr, Ch. (2004)
3 Foucault, M. 1975 In: Schneider, S. 137
3
von Zusammenhängen der einzelnen Disziplinarinstitutionen und ihrem Macht-und Zerstörungspotenzial bieten kann.
Denn, die Aufgabe einer Wissenschaft wie der Soziologie ist es laut Foucault, die tiefere Wahrheit über Psyche und Kultur aufzuspüren. Dabei soll zuerst der Foucaultsche Disziplinbegriff erläutert und dann die deutsche Gesellschaft in der Zeit des Nationalsozialismus als Disziplinargesellschaft analysiert werden. Dabei sollen einige Beispiele zur Verdeutlichung der Machtordnung aufbauend auf Disziplinierung gegeben werden, darunter die Erziehung im Nationalsozialismus, die Wehrmacht und das Konzentrationslager. Der Zugang zur Thematik soll mit Foucault ein Philosophischer sein, der sich auf die theoretische Ressource, den foucaultschen Disziplinbegriff seines Werks „Überwachen und Strafen“ bezieht. Foucaults Philosophie war von Anfang an mit historischen Arbeiten verbunden.
II) Der Disziplinbegriff bei Foucault
Foucault betrachtet den Begriff der Disziplin als Machtform in seiner Art der kritischen Reflexion.Bei Überwachen und Strafen tritt Foucault bereits in seine dritte Schaffensphase und -thematik ein. Die Disziplinarmacht ist das Hauptthema von Foucault Anfang der 70ger Jahre, es geht dabei um konkretere Ordnungen wie in „Die Ordnung der Dinge“ oder „Die Archäologie des Wissens.“. 4 „Überwachen und Strafen“ entstand aus einer praktischen Perspektive: Foucault setzte sich persönlich gegen die damals in Frankreich noch gültige Todesstrafe ein und besuchte Gefängnisse.
Der Foucaultsche Disziplinbegriff ist ein sehr differenziert ausgearbeiteter Begriff von Disziplin, mit dem Foucault eine sogenannte Repressionshypothese ausarbeitet und die These aufstellt, dass die Machtform Disziplin die Individuen, auf die sie einwirkt, erst erschafft. Das Besondere dieser Machtform ist ihr produktiver Charakter. Er analysiert diese Disziplinarmacht unter vielen Aspekten analysiert, unter anderem in ihrer Erscheinungsweise als Gesellschaftsform, der Disziplinargesellschaft. Deshalb möchte ich im Folgenden den Begriff der „Disziplin“ als Machtform von Foucault und dabei die Frage, in wie fern der Nationalsozialismus als Phänomen oder Abart einer modernen Disziplinargesellschaft bezeichnet werden kann, erörtern.
1. Geschichte und Einordnung in Foucaults Werk
Foucault erläutert seinen Begriff der Disziplin im Zusammenhang mit einer Änderung im Strafvollzug Ende des 17. Jahrhunderts in seinem Werk „Überwachen und Strafen“. Den Ausschlag für die Änderung im Strafvollzug gab laut Foucault die Entstehung einer neuen Machtform, der Disziplin, die immer mehr in den Mittelpunkt rückte. Während vorher grausame Marterstrafen die Herrschaft des Souveräns wieder herstellen sollten, betont Foucault die Veränderung des Strafvollzugs, an dessen Ende das moderne Gefängnis als Disziplinarmaßnahme steht. Das Werk „Überwachen und Strafen“ hat jedoch viele Dimensionen: „In
4 Vgl. Schneider, U. J. (2004) S. 119
4
Überwachen und Strafen wird die Genealogie des modernen Individuums als eines fügsamen und stummen Körpers und einer normativen Sozialwissenschaft aufgezeigt.“ 5
Bei „Überwachen und Strafen“ dass zusammen mit „Der Wille vom Wissen“, die dritte Phase der foucaultschen Schaffensperiode darstellt, erläutert Foucault detailliert den Begriff einer neuen Machtform, der Disziplinarmacht. Dabei bezeichnet Foucault selbst „Überwachen und Strafen“ als den Höhepunkt seiner Laufbahn. Das Besondere in Foucaults Gesamtwerk ist die Transformation seines eigenen Wissens und Denkansätze im Laufe seiner Werke. Nacheinander kann man die foucaultschen Schaffensperioden als Wissen, Denken, Macht und Moral bezeichnen, wobei die Phase, in der „Überwachen und Strafen“ entstand, der Macht zugeordnet wird.
„Überwachen und Strafen“ beginnt mit der Schilderung einer grausamen Todesmarter, der öffentlichen Hinrichtung von Francios Damien, der verurteilt wurde, weil er ein (erfolgloses) Attentat auf Ludwig XV. verübt hatte. 6 Er wurde brutal gefoltert und vor einer Menschenmenge gevierteilt. Im Mittelalter und bis Anfang des 18.Jahrhunderts fand die Bestrafung von Gesetzesübertretern öffentlich, vor aller Augen statt. Foucault beschreibt ausgehend von diesen „peinlichen“ Marterstrafen die Veränderungen im Strafvollzug. Die Marterstrafen verschwanden immer mehr von der Bildfläche und wurden als brutale Gewalt gering geschätzt. Die Marterstrafe war ein politisches Ritual, dass eine bestimmte Menge an körperlichen Schmerzen erzeugte und bewusst nicht sofort töten sollte, sie setzte das Strafausmaß mit der Schwere der Tat in Relation. Durch gesetzwidriges Verhalten hatte der Kriminelle die Person des Herrschers und seine absolute Machtposition beleidigt und seine unumschränkte Autorität in Frage gestellt. Durch die Marterstrafe sollte diese beleidigte, absolute Macht des Souveräns wieder hergestellt werden. Die Art der Bestrafung sollte das Verbrechen am Körper des Straftäters wiederholen: "wer die öffentliche Freiheit missbraucht, wird seiner Freiheit beraubt; (..) Erpressung und Wucher werden mit Geldbuße bestraft, Diebstahl mit Einziehung des Vermögens; auf Mord Tod und auf Brandstiftung steht Scheiterhaufen." 7 Im klassischen Zeitalter wurde das Urteil im verborgenen verhängt, während der Strafvollzug vor aller Angesicht durchgeführt wurde. Genau umgekehrt verhält es sich heute: das Urteil wird in der Öffentlichkeit verhängt, während der Vollzug der Strafe unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Die öffentliche Marter von damals sollte der Abschreckung dienen.
Foucaults Werk "Überwachen und Strafen" beschreibt nicht nur die Entstehung des Gefängnisses, sondern das Gefängnis steht bei Foucault sinnbildlich für eine komplexe gesellschaftliche Funktion. Laut Foucault entstand das Gefängnis als Bestrafungsform und Ausdruck der Disziplinargesellschaft der Moderne und Postmoderne. Foucault beschreibt detailliert, was unter Disziplin zu verstehen ist: eine Strategie und Technologie der Macht, die die Basis der bürgerlichen Gesellschaft bildet. Das Gefängnis ist die ausführende Kraft der gesellschaftlich erwünschten Disziplin.
Das Gefängnis operiert weiterhin auf der Basis von wissenschaftlichen Grundlagen im Zuge einer Humanisierung des Strafvollzugs, Psychiater, Psychologen und Pädagogen haben den Gefangenen als ihren Wirtschaftszweig entdeckt, der Häftling wird pathologisiert. Das Buch knüpft so an "Wahnsinn und
5 Vgl Dreyfus, H.L. (1994) S. 173
6 vgl. Fink-Eitel, H. (1989) S.71
7 Foucault, M. (1976) S. 134f.
5
Gesellschaft" mit an, in dem Foucault mittelalterliche Verfahrensweisen mit Leprakranken beschreibt. "Es gehört zu den provokantesten Thesen Foucaults, dass das Gefängnis die Delinquenz, die es zu beseitigen vorgibt, zugleich mit erzeugt. " 8 Laut Foucault ist es das Gefängnis selbst, das zur Schaffung eines kriminellen Milieus beiträgt oder es zumindest keineswegs beseitigt. Die Machtform der Disziplin breitet sich laut Foucault, immer weiter in den Institutionen der Gesellschaft aus, bis sie schließlich die ganze Gesellschaft durchzogen hat. Deshalb ist eine solche Gesellschaft als die Disziplinargesellschaft zu bezeichnen, in der wir heute leben. Foucault untersucht die gesellschaftlichen Machtpraktiken der Disziplinargesellschaft am Beispiel des Gefängnisses. Noch einen weiteren Aspekt beschreibt Foucault in „Überwachen und Strafen“: Das Gefängnis wird zu einer Förderung von Wissen vom Individuum, von seiner Leistungsfähigkeit, die es in der Moderne braucht. Laut Foucault fördert das Gefängnis „klinisches Wissen“, das bedeutet das Wissen um Abweichung, das universalistischen Charakter besitzt. Bei dem Foucaultschen Machtbegriff der Disziplin ist Macht immer mit Wissen verbunden, oder wie Gilles Deleuze es nennt: „Wissen entstehe, laut Foucault, nur da wo die Macht hinleuchte“ 9 und umgekehrt, Macht hat immer Wissen als Folge. Die Isolierung eines Gefangenen, Arbeiters oder Zöglings führt über den Umweg seiner Beobachtung zu mehr Wissen über ihn im Sinne einer Verhaltensstudie. Wissen kann daraufhin wieder Machteffekte, wie zum Beispiel bessere Interventionen, führen und die Produktivität immer weiter steigern.
1.1 Geschichtliche Hintergründe
Anfang des 18. Jahrhunderts kam es zu tiefgreifenden Änderungen im Strafvollzug. Philosophen, Juristen und Humanisten protestierten gegen die unmenschliche Gewalt der grausamen Folter-und Marterstrafen und die Zurschaustellung der gemarterten Körper. Reformer im Zuge der humanistischen Bewegung und Aufklärung verdammten diese Art der Bestrafung, die im Dienste der Menschlichkeit einem gemäßigteren Strafvollzug weichen sollte. Die Grundlagen der Reformbewegungen lagen unter anderem auch im Gesellschaftsvertrag begründet, laut dem die Individuen die Grundlage der Gesellschaft durch einen Vertrag mit dem Souverän bilden. Die Bestrafung wurde zur Angelegenheit der ganzen Gesellschaft, nicht nur des Herrschers. Als Konsequenz hatte die Gesellschaft das Recht, über Strafmaßnahmen ihrer Mitglieder mitzubestimmen. Seit der Moderne richtet sich der Strafvollzug von der ganzen Gesellschaft gegen das gesetztes-übertretende Individuum - der Rechtsbrecher wird zum gemeinsamen Feind und missgebillgten Verräter der Gesellschaft.
Der vormoderne Verbrecher im Mittelalter konnte dagegen durchaus zu beachtlichem Ruhm kommen.Die öffentlichen Hinrichtungen des Mittelalters wurden zusehends von Protesten des Volkes begleitet und erzielten nicht mehr die beabsichtigte, abschreckende Wirkung. Auf den ersten Blick mag die Abschaffung der unvergleichlich grausamen Marter im Strafvollzug als eine Vermenschlichung des Strafvollzugs wirken. Der Wunsch nach menschlicheren Strafen und die Abneigung gegenüber der grausamen Gewaltspektakel
8 Fink-Eitel, H. (1989) S. 77
9 Vgl. Deleuze, G. (1988), eigene Übersetzung
6
bilden nur einen Teil der Gründe für den Wandel im Strafvollzug. Die Veränderungen in der Manier der Bestrafung sind als Effekt tiefgreifender gesamtgesellschaftlicher Transformationsprozesse zu verstehen.
1.2 Nicht mehr Strafen, sondern Bessern und Heilen
Die Forderung der humanistischen Reformer lautete, nicht mehr zu rächen, sondern zu strafen. Der grundlegende Reformgedanke bestand daraus, nicht mehr das Verbrechen an sich zu bestrafen, sondern gegen die Ursache des Verbrechens im Inneren des kriminellen Subjekts vorzugehen. Objektiv der Bestrafung sollte die Wiedereingliederung des Kriminellen in die Gesellschaft darstellen, die Funktion der Sühne und Buße des Verbrechens wurde verdrängt, die Strafe wandeltet sich in eine Umerziehungsmaßnahme. Laut humanistischen Reformgedanken, sollte die Strafe im modernen Strafvollzug so wenig tyrannisch wie möglich sein. Die Strafe richtet sich nun auf die Folgen des Verbrechens."Um nützlich zu sein, muss die Bestrafung auf die Folgen des Verbrechens zielen, d.h. auf die Gesamtheit der möglicherweise nachfolgenden Störungen." 10 Ein Gedanke der Prävention herrscht vor. Die Strafe soll für den, der sie erleidet, minimal sein, und für den, der sie sich vorstellt, maximal. Ein Beispiel dafür wäre eine lebenslange Sklaverei oder Zwangsarbeit, die zudem absolut das Problem der Rückfälligkeit ausschliesst. Zu Beginn der Reformen zeigte sich noch der Gedanke, einen höchstmöglichen Nutzen zum Beispiel durch unbezahlte Zwangsarbeit aus den kriminellen Subjekten zu ziehen. Zusätzlich sollte die Bestrafung den Kriminellen wieder an ein geregeltes Leben und Arbeit gewöhnen. "Gegen eine schlechte Leidenschaft setzt man eine gute Gewohnheit; gegen eine Gewalt eine andere Gewalt; aber hier handelt es sich nicht um die Gewalt der Waffen, sondern um Leidenschaft und Empfindsamkeit." 11 Um auf psychische Vorgänge des Inhaftierten einzuwirken, wird ein medizinischer Bereich mit Fachleuten aus Psychologie, Psychiatrie und Pädagogik angeschlossen. Das Hauptobjektiv der Bestrafung liegt nun darin, eine Verhaltensänderung des Straftäters an Körper und Geist durch die Applikation einer Technologie von Wissen und Macht zu erarbeiten. Die Bestrafung zielt nicht mehr wie bei den Marterstrafen, auf die Verstümmelung des Körpers, sondern auf die Seele des Individuums. "Der Sühne, die dem Körper rasende Schmerzen zufügt, muss eine Strafe folgen, die in der Tiefe auf das Herz, das Denken, den Willen, die Anlagen wirkt." 12 Den Hintergründen der Tat wird immer mehr Relevanz eingeräumt. Bei jeder Gesetzesübertretung wird ein psychischer Defekt, eine Pathologie angenommen. So wird im Strafvollzug vor allem über fehlende Konformität geurteilt. Auf diese Weise verändert sich der Strafvollzug von einer Bestrafung zu einer Einrichtung der Kontrolle und Überwachung der Individuen, mit Intention der Heilung ihres hypothetischen, psychischen Defekts. Des weiteren sollte ein langes Wegsperren der Individuen in Gefängnissen und eine hohe Wahrscheinlichkeit der Verbrechensaufklärung durchaus abschreckend wirken. Aufgrund von stabiler Gesetzgebung und Strafvollzug soll die Öffentlichkeit Gewissheit haben, dass es wenig Hoffnung auf Straflosigkeit gibt. Das Gefängnis erzeugt das Wissen, über den Häftling, dass ihn zum Straftäter macht,
10 Foucault, M. (1976) S. 118
11 Foucault, M. (1976) S. 136
12 Foucault, M. (1976) S. 25
7
selbst und sorgt dafür die Notwendigkeit dieser Besserungsmaßnahme. Die Besserung ist eine Idee, die jedoch erst im Kontext des Gefängnisses hervortritt.
2. Die Technologie der Disziplin als Macht-und Herrschaftsform
Zur treibenden Kraft diesen neuen Typs des Strafvollzugs wurde die Disziplin. Die neue Machtform der Disziplin entstand Anfang des 18. Jahrhunderts aufgrund verschiedener gesellschaftlicher Faktoren und breitete sich immer weiter in der Gesellschaft aus. Ihre Besonderheit ist eine Einflussnahme auf das Individuum, die aus einer Kombination von Macht und Wissen, wie Foucault es nennt, besteht. Diese neue, moderne Machtform kolonialisierte auch den Strafvollzug und löste die Marterstrafen ab. Diese vordergründige Vermenschlichung des Strafvollzugs verbirgt jedoch andere, tückische Aspekte im Hintergrund. "In dem, was historisch als Humanisierung der Strafpraktiken gilt, sieht Foucault weniger eine Milderung der Strafstrenge, als eine Transformation von Machtprozeduren, die ihr Ziel geändert haben." 13 Im 18.Jahrhundert wurde die Disziplin zu einer allgemeinen Macht-und Herrschaftsform, die sich von jeder anderen unterscheidet. Sie unterscheidet sich von anderen Formen der Macht wie der Sklaverei oder dem Domestikentum dadurch, dass sie sehr produktiv wirkt. Die Disziplin verfügt über ein großes, nicht nur negatives, produktives Potenzial der Selbstunterwerfung unter ein Machtregime. Ihre Macht wirkt vor allem auf Körperfunktionen ein und übt Zwang aus. Disziplin wird deshalb von Foucault als eine Mikrophysik der Macht bezeichnet. Früh findet man Disziplin in Kollegs, Klöstern, Schulen oder beim Militär als allgemeingültiges Grund-und Verhaltensprinzip. Von diesen Einrichtungen ausgehend breitete sie sich in der Gesellschaft immer weiter aus und erreichte schnell das Bildungssystem, wirtschaftliche Betriebe und viele andere Gesellschaftsbereiche, ihr perfekter Umsetzungsbereich ist das Militär. Das Besondere des Machtbegriffs der Disziplin bei Foucault ist, dass sie niemand „inne hat“, wie die Macht des Souveräns, sondern sie besteht aus Manövern, Strategien und Taktiken, sowie resultierend daraus aus einem Netz ständiger Beziehungen.
2.1 Der „gelehrige“ Körper
Disziplin nennt man die Methoden der peinlichen Kontrolle der Körpertätigkeiten und die dauerhafte Unterwerfung ihrer Kräfte, um sie gelehrig und nützlich machen. 14 Die Disziplin bewirkt eine gleichzeitige Unterwerfung und Produktivitätssteigerung des Individuums und ist vor allem auf dessen Körper ausgerichtet. Die Disziplin erwirkt die Entstehung von Zwängen, die Verhaltensweisen determinieren. Sie erschafft trainierte und unterwürfige Körper mit äußerst hoher, ökonomischer Effizienz. Dies erfolgt durch das, ihr eigene Herrschaftsverhältnis, dass sehr stark auf Körperfunktionen abzielt, und den Körper zu einer Produktivitätssteigerung antreibt. Das „neue“ an der Wirkungsweise der Disziplin ist der Blick auf das Detail, der Körper soll nicht als Einheit bearbeitet werden, ihre Wirkung entfaltet sich auf
13 Kleiner, M. (1976) S. 95
14 vgl. Foucault, M. (1976) S. 175
8
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Sonja Uhl, 2010, Deutschland im Nationalsozialismus - Eine Disziplinargesellschaft im Sinne des Foucaultschen Disziplinbegriffs?, München, GRIN Verlag GmbH
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