Johann Wolfgang Goethe-Universität
Studiengang Vergleichende Religionswissenschaft und -geschichte
Bedeutung und Zweck von Opfer
Hausarbeit zum Proseminar
"Einführung in die Vergleichende Religionswissenschaft"
Ramona Lenz
Wintersemester 1997/98
"Jede Erklärung des Opfers
ist in der Tat eine
Theorie der Religion
en miniature."1
1. Annäherung an den Opferbegriff 3
2. Das Opfer in den Religionen 5
2.1. Wer opfert? 5
2.1.1. Gemeinschaft 5
2.1.2. König 6
2.1.3. Priester 6
2.1.4. Gottheiten 7
2.2. Was wird geopfert? 8
2.2.1. Tier- und Menschenopfer 8
2.2.2. Unblutige Opfer 10
2.2.3. Ersatzopfer 10
2.2.4. Göttliche Opfer 12
2.3. Wie wird geopfert? 12
2.4. Wann wird geopfert? 13
2.5. Wo wird geopfert? 14
2.6. Wem wird geopfert? 15
2.7. Warum wird geopfert? 16
2.7.1. Gabenopfer 17
2.7.2. Sühneopfer 18
3. Opferkritik 19
4. Theorien vom Ursprung des Opfers 20
4.1. Das Opfer als Wiederholung primordialer Ereignisse in einer Welt göttlicher Wesen 21
4.2. Das Opfer als Angstreaktion 21
4.3. Das Opfer als Ventil für Gewalt 22
4.4. Das Opfer als Reaktion auf Katastrophen in der Bronzezeit 22
5. Schlußbemerkung 23
Literaturverzeichnis 25
1. Annäherung an den Opferbegriff
Es herrscht allgemeine Verwirrung, wenn es um den Begriff des Opfers geht, denn insbesondere im deutschen aber auch in anderen Sprachbereichen sind mehrere Deutungen und Herleitungen denkbar.
Im Deutschen wird das Wort Opfer heute meist in säkularisierter Weise benutzt. Menschen werden Opfer von Verkehrsunfällen, Krankheiten, Kriminalität und anderen "Schicksalsschlägen", deren Sinnhaftigkeit sich, wenn überhaupt, nur schwer erschließt. Das Opfer ist hierbei von passiver Natur.2 Es werden aber auch aktive Opfer verlangt - für den Umweltschutz beispielsweise oder für die "neuen Bundesländer" und den "Wirtschaftsstandort Deutschland". In diesem Zusammenhang beinhaltet der Opferbegriff vor allem Verzicht, und zwar Verzicht zugunsten von etwas vermeintlich Wertvollerem. An diesem Opfer sind die Menschen mehr oder weniger freiwillig und aktiv beteiligt. Es kommt damit der religiösen Opferhandlung näher als die zuerst genannte passive Variante.
Etymologisch wird das deutsche Wort Opfer entweder von lat. offerre (darbringen, schenken) oder lat. operati (ausführen, verrichten) hergeleitet. Die korrekte Ableitung ist unklar. Es besteht von daher die Gefahr, daß dieses oder jenes Lehnwort zugrunde gelegt wird, um diese oder jene Opfertheorie zu untermauern.
Zu einer zusätzlichen Verkomplizierung trägt bei, daß das Wort Opfer im Deutschen eine dreifache Bedeutung hat. Es bezeichnet sowohl die Opferhandlung als auch das Objekt der Opferung sowie die Opfergabe. Im englischen und französischen Sprachbereich gibt es dafür unterschiedliche Bezeichnungen. Opferhandlung heißt engl. und franz. sacrifice (von lat. sacer facere: sakral/heilig machen). Das Objekt der Opferung wird engl. victim und franz. victime genannt und die Opfergabe engl. offering und franz. offrande. Die Tatsache, daß die englischen Begriffe sacrifice und offering teils synonym, teils mit unterschiedlicher Bedeutungverwendet werden, zeigt, daß das Problem der Mehrdeutigkeit nicht nur im Deutschen gegeben ist. Auch im angelsächsischen Sprachraum ist es denkbar, daß je nach Erkenntnisinteresse dieser oder jener Begriff benutzt wird.3
Der Sprachraum, der für die Vergleichende Religionswissenschaft von Bedeutung ist, ist damit aber noch lange nicht abgesteckt. Will mensch etwas erfahren über Opfer in Religionsgemeinschaften außerhalb der oben genannten Sprachräume, so scheint es nahezu unumgänglich, sich mit den entsprechenden Termini zu befassen.
Am Beispiel der Mofu in Kamerun sei verdeutlicht, wie komplex, aber auch erkenntnisreich, eine Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Sprachgebrauch sein kann. Der Begriff Kuley hat dort, abhängig vom Kontext, unterschiedliche Bedeutungen. Es kann damit „Ahnengeist“, „Altar“, „magischer Zauber“ oder „Opferhandlung“ gemeint sein. Aus dieser Bedeutungsvielfalt könnte in einem anderen Rahmen sicher viel Aufschlußreiches über das dortige Opfer gefolgert werden. Jedenfalls wird deutlich, daß hier eine Opfervorstellung zugrunde liegt, die mit unserem
Opferbegriff nicht ausreichend erfaßbar ist.4
Festzuhalten bleibt, daß die Anwendung der uns geläufigen Begrifflichkeiten auf sämtliche Opferformen problematisch ist und leicht den Blick verstellen kann. In dieser Hausarbeit kann dieser Erkenntnis jedoch nur insoweit Rechnung getragen werden, als daß der deutsche Opferbegriff in seiner dreifachen Bedeutung Berücksichtigung findet, wobei Opfer gleichgesetzt wird mit Opferhandlung. Objekt der Opferung (im Sinne von engl. victim) und Opfergabe (im Sinne von engl. offering) werden entsprechend benannt.
2. Das Opfer in den Religionen
2.1. Wer opfert?
[....]
1 The Harper Collins Dictionary of Religion, zit. nach: Heinsohn, Gunnar: Die Erschaffung der Götter. Das Opfer als Ursprung der Religion, Reinbek 1997, S. 16
2 Vgl. Schenk, Richard, in: Schenk, Richard (Hrsg.): Zur Theorie des Opfers. Ein interdisziplinäres Gespräch, Stuttgart-Bad Cannstatt 1995, S. 3
3 Vgl. Drexler, Josef: Die Illusion des Opfers. Ein wissenschaftlicher Überblick über die wichtigsten Opfertheorien ausgehend von deleuzianischen Polyperspektivismusmodell, München 1993, S. 2
4 Vgl. a.a.O., S. 13
Arbeit zitieren:
Ramona Lenz, 1998, Bedeutung und Zweck von Opfer, München, GRIN Verlag GmbH
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