Ein solches Konstrukt 3 von Identität ist aber keinesfalls ein vollständig, sondern allenfalls ein begrenzt autonomer Prozess. Veranschaulichen lässt sich das mit dem Begriff der „balancierten Identität“ von Krappmann. „Balancierte Identität“ 4 bedeutet die kompetente Passung zwischen eigenen Erwartungen und den Forderungen der Umwelt. Begrenzt autonom bedeutet dabei, dass Identität weder allein durch das Individuum definiert, noch allein durch die Ansprüche einer (materiellen, sozialen, kulturellen) Außenwelt oktroyiert wird, sie entsteht vielmehr an deren Schnittstelle. Auch Helsper spricht von der Entzauberung des Mythos eines völlig autonomen „Selbstes“. Mead macht sehr deutlich, dass ein Individuum nur mittels anderer ein Selbst entfalten kann: Das Individuum geht nur als ein Objekt in seine Erfahrungen ein. Es kann Objekt seiner selbst werden, indem es die Haltungen „signifikanter Anderer“ ihm selbst gegenüber einnimmt. Wenn dieses Bewusstsein ersteinmal entstanden ist, dann kann es soziale Prozesse mitgestalten. Das tut es selbst, doch es ist nie völlig unabhängig (also autonom) von der Außenwelt und den anderen.
Einige Voraussetzungen, die das Individuum Idealerweise „mitbringen“ sollte - um die (oben erwähnte) Balance zu halten und damit zu einer gelingenden Identität beizutragen - sind (lt. Straus/Höfer) ein positives Selbstgefühl und ein hochentwickelter sence of coherence, denn nur so sind Individuen fähig mit auftretenden Ambivalenzen (und Ambiguitäten) umzugehen.
Auch Keupp ist bemüht Ressourcen und Kompetenzen für das Individuum aufzuzeigen. Er behandelt dies unter der Frage, was denn gelingende Identität sei. Materielle Ressourcen beispielsweise sind unabdingbare Rahmenbedingung, genauso wie soziale Integration und Anerkennung das sind. In Kombination werden sie noch wichtiger, denn Untersuchungen zeigen einen Zusammenhang zwischen dem Mangel von sozialen und ökonomischen Ressourcen. Eine Aufzählung der von Keupp beschriebenen Kompetenzen ist sehr umfangreich. Voran geht diesen die Notwendigkeit Ambiguitätstoleranz zu entwickeln. Sie ausgebildet zu haben, heißt sich von der Diffusität und Vagheit der Welt nicht entmutigen zu lassen. Möglich kann dies werden, wenn jeder einzelne einsieht, dass Ungewissheiten des sich inkompetent, fehlerhaft, unwissend und uninformiert Fühlens, nicht aus persönlichem Unvermögen, sondern aus der „objektiven Ambiguität der Welt resultieren“ (S.280f.) Unterstützen - so die These von Straus/Höfer - können dabei vor allem kleine soziale Netzwerke (Vereine, AGs ...) Mit der Ambiguitätstoleranz eng verbunden ist ein durch die
3 Ein Modell, dass Identität nicht als Konstrukt, sondern als Kern bzw. als immer vorhandene Substanz versteht, ist wohl nur als körperlich angelegtes Selbstgefühl vorstellbar (Straub, Krappmann u.a.)
4 Krappmann listete diejenigen Kompetenzen auf, welche er für die Bildung und Wahrung „balancierter Identität“ für wesentlich hält: „Empathie, Rollendistanz, Ambiguitätstoleranz, Identitätspräsentation und das diese Fähigkeiten tragende Sprachvermögen“ (in: Krappmann, Soziologische Dimensionen, S.210)
vorhandene Pluralisierung nötig gewordene ständig neue Aushandlung von Regeln, Normen, Zielen und Wegen. Voraussetzung hierfür ist ein - wie Keupp es nennt - geschärfter Möglichkeitssinn, also die Fähigkeit entscheiden zu können, welches Wissen in welcher Situation in welchem Maße wichtig ist. Eine Reihe der von Keupp aufgeführten Schlüsselkompetenzen, wie z. B. der Identitätskompetenz 5 laufen vor allem darauf hinaus, Individuen nahezulegen ihre Wahrnehmungsfähigkeit zu schärfen. Äußerungen, wie „In Deutschland gibt es kein Recht auf Faulheit“ oder Forderungen wie „Zurückdrängung des Sozialmissbrauches“ kritisch zu betrachten, wäre ein Beispiel für Gerechtigkeitskompetenz. Gelingende Identität kann also heißen, die gerade aufgeführten Kompetenzen zu besitzen. Handlungsfähig zu sein, frei von destruktiven Leiden zu sein, das inner Maß (Herder) zu finden, eine Balance zwischen Identitätsdifferenz und Starrheit (Errikson) zu erreichen - auch das sind Beschreibungen gelingender Identität. Doch Bilden, Erikson, Krappmann, Straus/Höfer und Keupp vertreten alle zumindest die Auffassung, dass gelingende Identität vor allem eins heißt: Eine Passung zwischen innen und außen, eine Passung auch zwischen all den oft widerstreitenden Anteilen einer komplexen Welt zu erreichen. Passung heißt dabei nicht Vollendung oder Perfektion, es schließt im Gegenteil ganz sicher auch Scheitern 6 mit ein.
Meine bisherigen Ausführungen eines theoret. Identitätsbegriffs waren auf personaler bzw. biographischer Identität beschränkt. Identität ist als theoretische Kategorie in allen Ansätzen (vom Pragmatismus, über den symbolischen Interaktionismus, bis hin zur Psychoanalyse u.a.) ein formaltheoretischer Begriff, d.h. es geht nicht um qualitative Bestimmungsmerkmale (d.i. eine inhaltliche Füllung) der Identität konkreter Menschen. Daraus folgt, dass es auch die Möglichkeit gäbe, Identiät qualitativ zu bestimmen, darauf will ich hier jedoch nicht eingehen. Vielmehr interessiert, ob man den Begriff der Identität auch auf „Kollektive“ übertragen kann? Straub beantwortet diese Frage folgendermaßen. Es gibt kein kollektives Subjekt bzw. eine Gruppenseele. Während im Falle personaler Identität aufgrund der Körperlichkeit klar ist, um wenn es sich (im Sinne der numerischen Identifizierbarkeit) handelt, so ist dies beim Kollektiv keineswegs so. Hier müsste man erst die Frage nach „der Konstitution des betreffenden Kollektives“ (Straub, S.98) selbst stellen, d.h. welche Personen werden von wem und wie unter einen „Hut gesteckt“. Durch die Anfügung von „kollektiv“ suggeriert man Einheit und Existenz von etwas, das es vielleicht so gar nicht gibt. Daher
5 Des weiteren benennt er: die technische und ökologische, die historische Kompetenz, die Gerechtigkeitskompetenz und die Zivilgesellschaftliche Kompetenz.
6 Das meint Keupp (S. 275) sowie der von ihm zitierte W. Schmidt in seinem Buch Philosophie der Lebenskunst.
Arbeit zitieren:
Ronny Teschner, 2001, Identität in der Moderne, München, GRIN Verlag GmbH
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