1. Einleitung
Im Laufe der Perserkriege mussten die griechischen Poleis schmerzlich erfahren, wie mächtig und stark das persische Großreich zu Beginn des 5. Jahrhunderts vor Christus war. Freilich wussten die Griechen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie wichtig der Ausgang der Perserkriege für den weiteren Verlauf der europäischen Geschichte werden würde, jedoch erkannten die Poleis, dass sich die Erhaltung der eigenen Freiheit in großer Gefahr befand und im Angesicht der angreifenden Perser eine gewisse Einigung untereinander notwendig war, um dem Feind entgegentreten zu können. Im Zuge dessen verbündeten sich viele griechische Poleis 481 v. Chr. unter der Hegemonie Spartas im Hellenenbund, dessen Erfolg letztendlich die Überlegenheit Europas über das Abendland symbolisieren sollte. 1 Im Folgenden soll näher analysiert werden, in welcher Ausgangslage sich die Poleis im Laufe der Perserkriege befanden und was ihnen angesichts der Präsenz des Feindes im eigenen Land bevorstand. Im Mittelpunkt der Arbeit soll jedoch der Hellenenbund stehen, der zum Instrument für den Sieg über die Perser wurde, und deshalb für die moderne Forschung sehr interessant ist. 2 Es soll dargelegt werden, welche Konsequenzen die Art und Weise der Gründung nach sich zog, wie der Hellenenbund funktionierte und agierte und wie er letztendlich den Ausgang der Perserkriege beeinflusste. Beleuchtet werden soll dabei jedoch auch, was nach Kriegsende mit dem Hellenenbund geschah und warum die Schlacht bei Plataiai dabei einen großen Stellenwert einnimmt. Dazu ist jedoch festzuhalten, dass in der modernen Forschung unterschiedliche Tendenzen zur Dauer des Bundes zu finden sind. In dieser Arbeit soll diese Diskussion jedoch nicht detailliert aufgegriffen werden, sondern der Fokus liegt auf der sich verändernden Stellung Athens.
Die Quellengrundlage für die vorliegende Arbeit liefert der griechische Historiograph Herodot von Halikarnassos mit seinen Historien, die sich explizit mit den Auseinandersetzungen zwischen Griechen und Persern beschäftigen. Auch in der modernen Geschichtsforschung lassen sich einige Werke finden, deren Autoren Ergebnisse über den Hellenenbund präsentieren. Die vorliegende Arbeit bezieht sich vor allem auf die Erläuterungen bei Ernst Baltrusch, P.A. Brunt, Dietmar Kienast und Hans Meyer. Letztlich soll herausgefunden werden, warum der Hellenenbund gegründet wurde, welche Macht er besaß und welche Auswirkungen der Bund auf die weitere Entwicklung der griechischen Poleiswelt hatte.
1 Vgl. Baltrusch, Ernst: Außenpolitik, Bünde und Reichsbildung in der Antike, München 2008, S. 137.
2 Vgl. Brunt, P.A.: The Hellenic League against Persia, in: Historia 2 (1953/1954), S. 135-163, hier: S. 135.
2
2. Ausgangslage
Mit dem Ionischen Aufstand begann 500 v. Chr. in der griechischen Antike ein Jahrzehnte langer Kampf zwischen den Hellenen und den Persern. Diese Auseinandersetzungen werden in der modernen Forschung auf Grund der persischen Angriffe unter den Großkönigen Dareios I. und Xerxes I. auf Griechenland als Perserkriege bezeichnet. Trotz persischer Übermacht gelang es jedoch den griechischen Hopliten, den Feind in der Schlacht bei Marathon 490 v. Chr. zu besiegen. Durch diesen Erfolg konnten die griechischen Poleis neues Selbstvertrauen schöpfen. Die persische Bedrohung bestimmte fortan den politischen Diskurs in Griechenland. 3 Der Historiograph Herodot berichtet in seinen Historien mehrfach von der fortwährend drohenden Gefahr durch die Perser. In seinen Aufzeichnungen wird vor allem deutlich, wie der Großkönig Dareios I. schrittweise vorging. Zuerst wollte er genau informiert werden, was im Nachbarland zu erwarten war:
„So ist es wohl das Beste, wir senden zunächst Kundschafter hin […]. Sie forschen
alles aus und berichten uns, wie die Dinge in Hellas liegen. Dann, wenn ich alles
weiß, mache ich mich auf, sie zu unterwerfen.“ So sprach er, und was er gesagt, das
tat er auch. 4
Daraufhin berichtet Herodot, wie die Perser unter ihrem Oberbefehlshaber Mardonios in Griechenland einfielen und was ihr Ziel war:
Mardonios segelte an der Küste Asiens entlang nach Ionien […]. Dann fuhr er
weiter nach dem Hellespontos. Als dort eine große Menge Schiffe und ein großes
Landheer versammelt waren, setzten die Perser mit Schiffen über den Hellespontos
und zogen durch Europa. Das Ziel des Zuges waren Eretria und Athen. Doch
dienten diese beiden Städte nur zum Vorwand; in Wirklichkeit wollten sie so viele
hellenische Städte wir nur eben möglich unterwerfen. 5
Vor allem der Sieg von Marathon führte den Griechen erneut vor Augen, wie real die persische Macht noch war und dass man den Krieg noch nicht gewonnen hatte: Als die Nachricht von der Schlacht bei Marathon zum König Dareios […] gelangte,
wurde sein Zorn gegen die Athener […] noch weit größer, und er rüstete noch
eifriger zum Kriege gegen Hellas. […] Nun war ganz Asien drei Jahre lang in
Bewegung, und alle Tapferen sammelten und rüsteten sich gegen Hellas. 6
Der neue Großkönig Xerxes I. veranlasste ab 483 v. Chr. systematische Kriegsvorbereitungen, um dem Ziel der Unterwerfung Griechenlands näher zu kommen. Seit der persischen Niederlage waren also mehr als sechs Jahre vergangen und ein erneuter
3 Vgl. Baltrusch: Außenpolitik, S. 46.
4 Herodot: Historien, Deutsche Gesamtausgabe mit Erläuterungen, Stuttgart 1955, 3, 134-135.
5 Hdt. 6, 43-44.
6 Hdt. 7,1.
3
Angriff hatte sich durch den Tod von Dareios I. und diversen Aufständen im eigenen Land verzögert. Die Hellenen befanden sich während dieser Zeit in einer außergewöhnlichen Situation. Ihnen war bewusst, dass die Perser ganz Griechenland unterwerfen wollten und mussten zur eigenen Verteidigung einen funktionierenden Plan erarbeiten. 7 Festzuhalten bleibt, dass es die äußere Bedrohung durch die Perser war, die in den folgenden Jahren den Charakter der zwischenstaatlichen Beziehungen in Griechenland entschieden prägte. 8
3. Gründung des Hellenenbundes
3.1 Initiative Spartas und gemeinsames Ziel der Poleis
Eine relativ lange Zeit musste vergehen, bis den Griechen die persische Bedrohung so real bewusst war, dass aktiv etwas gegen die Gefahr unternommen wurde. 9 Seit dem Sieg von Marathon hatten sich schon einige Städte den Forderungen der Perser unterworfen und brachten dem Feind Erde und Wasser. Dazu schrieb Herodot: Gegen diese Stämme und Städte schlossen die übrigen Hellenen, die den Kampf
mit den Barbaren aufnehmen wollten, einen Vertrag. Dieser Vertrag besagte, dass
jedes hellenische Gemeinwesen, das sich den Persern ohne Kampf und ohne durch
eine Niederlage gezwungen zu sein, ergäbe, als Buße an den Gott in Delphi den
Zehnten zu entrichten habe. Das war der Vertrag, zu dem die Hellenen sich
verpflichteten. 10
Diese Kapitulation einiger Poleis war für Sparta ein Alarmzeichen. Daraufhin ergriff der Stadtstaat die Initiative 11 und lud Abgeordnete der Poleis, auf die es bereits Einfluss ausübte, zu gemeinsamen Beratungen ein. 12 Überdies sollte sich Athen dem Kreis anschließen, obwohl es bisher nicht wie die anderen Poleis in vertraglichen Beziehungen mit Sparta stand. 13 Die Teilnehmer dieser Versammlung waren folglich Sparta, die bisherigen Mitglieder des Peloponnesischen Bundes und weitere Polis, wie zum Beispiel
7 Vgl. Baltrusch, Ernst: Symmachie und Spondai. Untersuchungen zum griechischen Völkerrecht der
archaischen und klassischen Zeit (8.-5. Jahrhundert v.Chr.), Berlin / New York 1994, S. 30.
8 Vgl. Baltrusch: Außenpolitik, S. 46.
9 Vgl. Ebd., S. 46.
10 Hdt. 7, 132.
11 Vgl. Kienast, Dietmar: Der Hellenenbund von 481 v.Chr., in: Chiron 33 (2003), S. 43-77, hier: S. 47. In
seinem Aufsatz betont D. Kienast, dass es die Quellenlage nicht zulässt, eindeutig zu behaupten, dass allein
Sparta die Versammlung einberufen hat, wenngleich auch die Wahrscheinlichkeit dafür sehr hoch ist.
Vgl. Batrusch: Symmachie, S. 31f. E. Baltrusch hebt hervor, dass allein Sparta die für solch einen Schritt
notwendige Stellung unter den Poleis besaß und die Versammlung einberief. Diese überlegene Macht Spartas
hatte allerdings keine völkerrechtliche Bedeutung und zog keine Aufgaben, wie zum Beispiel den Schutz der
anderen Poleis nach sich.
12 Vgl. Brunt: Hellenic, S. 156.
13 Vgl. Baltrusch: Symmachie, S. 33.
4
Athen und Plataiai, die angesichts der drohenden Persergefahr hinzutraten. 14 Nichtsdestotrotz lässt sich der Kreis der Teilnehmer auf Grund der dürftigen Quellenlage nicht exakt rekonstruieren. Die damit in Verbindung gebrachte Schlangensäule, die nach den griechischen Siegen über die Perser als Weihgeschenk in Delphi aufgestellt wurde, enthält zwar die Namen von 31 Bündnisteilnehmern, jedoch stießen auch nach dem ersten Treffen noch weitere Poleis dazu. 15 Damit ist die Liste auf der Säule für das erste Treffen nicht präzise. 16
Ebenso, wie über die Teilnehmer, schweigen die Quellen auch über den genauen Ort der ersten Versammlung vom Herbst 481 v. Chr. Vor allem weil bei Herodot keine näheren Erläuterungen darüber zu finden sind, geht die moderne Forschung größtenteils davon aus, dass man sich in Sparta traf. 17 Einig sind sich die Quellen und die Geschichtsforschung jedoch über das Ziel der Versammlung. Im Zentrum aller Überlegungen stand die Freiheit aller Griechen. Den Stadtstaaten blieben nur zwei Möglichkeiten: sich den Persern unterwerfen oder Widerstand leisten. Hierbei hatten vor allem Athen und Sparta großes Interesse am Zustandekommen eines Bundes und trugen ihre Feindschaft gegen die Perser offen zur Schau. 18 Somit wurde es zum erklärten Ziel der Poleis, eine größtmögliche Koalition gegen die Perser aufzustellen. Ihre Mitglieder verpflichteten sich per Eid nicht nur dazu, die Angriffe des Feindes abzuwehren und sich gemeinsam gegen jegliche Attacken zu verteidigen, sondern auch die Freiheit aller Griechen zu sichern. 19
Alle Teilnehmer schlossen sich nunmehr 481 v. Chr. in einem neuen Bund zusammen. Während dieser in den Quellen keinen einheitlichen Titel hat, wird er in der modernen Forschung Hellenenbund genannt. Zum einen ging es im Bund um die Hellenen, die sich gemeinsam als Allianz gegen die Perser formierten, zum anderen trafen sich die Mitglieder höchstwahrscheinlich im „Hellenion“, einem Tempel des Zeus in Sparta. 20 Bei der Auswahl dieses Versammlungsortes konnte durchaus eine Rückbesinnung der Griechen auf den Trojanischen Krieg stattgefunden haben; damit sollte dieser Ort den Abwehrkampf gegen die Perser als panhellenisches Unternehmen als auch Spartas Führungsanspruch legitimieren. 21 Der Historiker Michael Jung beschreibt dieses
14 Vgl. Günther, Linda-Marie: Griechische Antike, Tübingen / Basel 2008, S. 128.
15 Vgl. Baltrusch: Außenpolitik, S. 47.
16 Vgl. Baltrusch: Symmachie, S. 35.
17 Diese These wird beispielsweise vehement von Ernst Baltrusch vertreten.
18 Vgl. Baltrusch: Symmachie, S. 30f.
19 Vgl. Brunt: Hellenic, S. 155.
20 Vgl. Ebd., S. 156.
21 Vgl. Kienast: Hellenenbund, S. 44.
5
Phänomen sogar als „Fortsetzung und Wiederaufnahme des gemeinsamen Vorgehens griechischer Staaten gegen Troja“ 22 . Er behauptet, dass es hierbei eine unmittelbare Verknüpfung von Mythos und Geschichte gibt und eine Analogie zum mythischen Troja nicht von der Hand zu weisen ist. 23 Alles in allem geht allerdings auch hier die moderne Forschung wieder auseinander. Während Klaus Tausend beispielsweise behauptet, dass der Hellenenbund keine feste Symmachie war, sondern nur ein „Kampfbündnis ohne langfristige politische Zielbildung“ 24 , benutzt Ernst Baltrusch frei die Bezeichnung „Symmachie gegen Perser“ 25 und beschreibt den Hellenenbund als abgeschlossenen Bund ohne speziellen Namen.
Da der neue Bund auf den konkreten Fall der Abwehr der Perser angelegt war, wurde das Kampfbündnis auf unbegrenzte Zeit abgeschlossen. 26 Niemand konnte 481 v. Chr. sagen, wie viele Monate oder Jahre die persische Gefahr anhalten würde. Ergo wurde die Dauer des Hellenenbundes auf Grund der beständigen Gefahr nicht festgelegt, da man sich zum gemeinsamen Freiheitskampf verpflichtet hatte und damit ein konkretes Ziel verfolgte. 27 Der Vertrag zwischen den Poleis trat durch einen Eid in Kraft, der mündlich mit einem Schwur abgeleistet wurde. 28
3.2 Bestimmungen und Maßnahmen
Obwohl von der Gründung des Bundes kein Vertragsformular überliefert wurde 29 , können an Hand der Aussagen bei Herodot einige Informationen über die Vorgehensweise im Hellenenbund abgeleitet werden. Der Historiograph hielt fest: Jetzt versammelten sich alle treu hellenisch gesinnten Städte der Hellenen, hielten
eine Beratung ab und schlossen einen Bund. Vor allen Dingen wurde vereinbart,
dass alle Fehden und Kriege gegeneinander beigelegt werden sollte. Mehrere
solcher Fehden bestanden; am meisten waren die Athener und die Aigineten
miteinander verfeindet. Ferner beschlossen sie, Späher nach Asien zu schicken, um
die Macht des Xerxes auszukundschaften, der, wie sie erfuhren, mit dem Heer in
Sardes weilte. Nach Argos sollten Boten abgehen, um ein Bündnis gegen die Perser
abzuschließen, ebenso nach Sizilien zu Gelon […] und nach Kreta, um Hilfe für
Hellas zu erbitten. Sie wollten versuchen, ganz Hellas zu einigen und zu
22 Jung, Michael: Marathon und Plataiai. Zwei Perserschlachten als „lieux de mémoire“ im antiken
Griechenland, Göttingen 2006, S. 228.
23 Vgl. Ebd., S. 229. Diese Analogie lässt sich später auch stark an Hand von Denkmälern für den Erfolg der
Schlacht nachweisen.
24 Tausend, Klaus: Amphiktyonie und Symmachie, Stuttgart 1992, S. 256.
25 Baltrusch: Symmachie, S. 48.
26 Vgl. Jung: Marathon, S. 280.
27 Vgl. Baltrusch: Symmachie, S. 40.
28 Vgl. Ebd., S. 39.
29 Vgl. Ebd, S. 30.
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Carolin Günther, 2009, Der Hellenenbund und seine Auswirkungen auf die griechische Poliswelt im Laufe der Perserkriege, München, GRIN Verlag GmbH
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