Inhalt
Einleitung 1 4
Die Verwandlung der Welt 2 5
2.1 Vorboten des Fortschritts 5
2.2 Die Erleuchtung der Gottlosen 7
2.3 Die Vermessung der Welt 9
2.3.1 Eine Klasse für sich 9
2.3.2 Farben und Formen 11
2.3.3 Exterminate all the brutes 13
2.3.4 Lebende Exponate’ 16
Ein Bericht für eine Akademie 3 19
3.1 Identitäten 19
3.1.1 Affen in Prag 19
3.1.2 Der rote Peter 21
3.1.3 Der Affe in uns 22
3.1.4 Vernichtung der eigenen Natur 27
3.2 Gefangen in Freiheit 29
3.2.1 Eine Jagdexpedition der Firma Hagenbeck 29
3.2.2 Menschenfreiheit 31
Schluss 4 34
Bibliographie 5 35
Abbildungen 6 39
Hinweise :
Aus Gründen der Übersichtlichkeit erfolgt der bibliographische Nachweis von Zitaten
aus dem Primärtext direkt hinter dem jeweiligen Zitat in runden Klammern.
Quellennachweise aus der Sekundärliteratur erfolgen in den Fußnoten am Ende
der jeweiligen Seite.
Internetquellen werden in der Bibliographie gesondert aufgeführt
1 Busch, Wilhelm: Sämtliche Werke. Hrsg. von Otto Nöldeke. Bd. 6: Hernach. München: Braun & Schneider 1943. S. 259.
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1 Einleitung
„Was ist der Affe für den Menschen?“ 2 fragt Zarathustra. „Ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham.“ 3 Im Falle des Schimpansen Rotpeter ist er beides. Normalerweise erfreut er sein Publikum auf der Bühne des Varietés, doch plötzlich gibt man ihm die Möglichkeit sein wahres Können zu beweisen. Er soll berichten. Wie wurde der Affe zum Menschen? Darauf weiß er keine Antwort, doch er kann erklären, wie der Mensch zum Affen wurde.
Als Franz Kafka im April 1917 seine Erzählung Ein Bericht für eine Akademie schreibt, tobt gerade der Erste Weltkrieg. Der ‚Übermensch’ war dabei sich selbst zu vernichten. Jahrzehnte zuvor feierte man noch den Sieg der Wissenschaft über die Religion und den eigenen Aufstieg zum Gott. Alles war jetzt möglich - auch das Schlimmste. Mit Hilfe ‚wissenschaftlicher’ Theorien legitimierte man die ‚Verdrängung’ fremder Völker. Die Barmherzigkeit hatte man abgelegt, denn für den Übermenschen ist „Mitleid die letzte Sünde“ 4 . Ein Opfer dieser Ausbreitung ist Rotpeter, ein Affe aus Afrika. Er ist die Personifizierung des ‚Schwarzen Mannes’, der die scheinbar zivilisierte Menschheit anklagt und ihr das eigene „Affentum“ (322) vor Augen hält.
Es soll im Folgenden geklärt werden, wie es von dem Ideal der Aufklärung - der Freiheit und Gleichheit der Menschen - zur Ausrottung ganzer Völker kommen konnte. Dazu bedarf es eines knappen historischen Überblickes, der diesen Sinneswandel versucht zu ergründen. Diesem folgt der Bericht Rotpeters, der den Eurozentrismus jener Zeit umkehrt und eine vergessene Perspektive auf den Kolonialismus eröffnet: den Blick der Anderen.
2 Nietzsche, Friedrich: Ausgewählte Werke. Menschliches - Allzumenschliches. Also sprach Zarathustra. Jenseits von Gut und Böse. Köln: Parkland 1999. S. 427.
3 Ebd.
4 Borges, Jorge Luis: Das Aleph. FaM: Büchergilde Gutenberg 2007. S. 91.
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2 »Die Verwandlung der Welt«
2.1 Vorboten des Fortschritts
Als der Schiffsarzt Lemuel Gulliver nach dem Untergang seines Schiffes auf der Insel Liliput erwacht, ist er fest am Boden angebunden; nicht in der Lage sich loszureißen. Den riesigen Europäer so festzuzurren, schafften ausgerechnet kleine Zwerge, die Liliputaner. 5 Leider fiel der reale ‚First Contact’ nicht derart lehrreich für den selbstbewussten Abendländer aus, wie es Swift in seinem 1726 erschienenen Roman beschreibt.
Als Christoph Kolumbus mit seinen drei Schiffen die ‚Neue Welt’ entdeckte, war man hellwach. Finanziert durch die spanische Krone galt es neben der Inbesitznahme der Länder, vor allem auch den christlichen Glauben zu verbreiten. So trägt er am 16. Oktober 1492 in sein Bordbuch Folgendes ein:
Was nun die Religion anbelangt, so dünkt es mich, dass sie [die Indianer] gar keine eigene Religion besitzen, und da es wohlmeinende Leute sind, so dürfte es nicht zu schwierig sein aus ihnen Christen zu machen. 6
Natürlich ging es vorderrangig um die Ausbeutung der Länder. Gold war die erste Sache, auf die man sich nach der Landung auf die Suche machte. 7 Eine Ausrottung der Eingeborenen gehörte nicht zu den Zielen. Dies wäre auch nicht mit dem christlichen Glauben vereinbar gewesen. Schließlich sind, laut Bibel, vor Gott alle Menschen gleich. 8 Kolumbus findet sogar außerordentlich positive Beschreibungen für die Fremden. Sie seien „sehr gut gewachsen“, hätten einen „schön geformten Körper und gewinnende Gesichtszüge“, schreibt er im Bordbuch. 9 Von einem rassischen Überlegenheitsgefühl kann also noch keine Rede sein; zumal es den Rassebegriff zu jener Zeit auch noch nicht gab. „Das Konzept des dominanten, weißen Mannes ist bis dahin nicht existent, denn nicht die Hautfarbe, sondern das Christentum galt als differentia specifica bei der Begegnung mit Fremden.“ 10 Allerdings finden sich in Kolumbus’ Aufzeichnungen durchaus die Vorboten für eine zukünftige
5 Vgl. Swift, Jonathan: Gulliver’s Travels and Other Writings. New York: Bantam 2005 (= Bantam Classic). S. 45.
6 Kolumbus, Christoph: Bordbuch. Aufzeichnungen seiner ersten Entdeckungsfahrt nach Amerika 1492-93. München: Diederichs 2006. S. 53.
7 Vgl. ebd. S. 52.
8 Vgl. Römer 2,11.
9 Kolumbus 2006: 39.
10 Dittrich, Eckhard Joachim: Das Weltbild des Rassismus. FaM: Cooperative 1991 (= Migration und Kultur). S. 92.
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Rassenideologie. „Keiner von ihnen [den Indianern] hat eine dunkle Hautfarbe, vielmehr gleicht sie jener der Bewohner der Kanarischen Inseln [...]“, attestiert der Genueser. War es demnach das Glück der Eingeborenen nicht schwarz gewesen zu sein? Es scheint so, denn ein Viertel Jahrhundert später ereignete sich etwas Merkwürdiges.
Im Jahre 1517 bewies der Padre Bartolomé de las Casas großes Erbarmen mit den Indios, die sich in den Marterhöllen der Goldgruben auf den Antillen abquälten; er schlug dem Kaiser Karl V. vor, Neger einzuführen, die sich in den Marterhöllen der Goldgruben auf den Antillen abquälen sollten. 11
Tatsächlich beruft Karl V. „1550 eine Kommission nach Valladolid ein, die sich mit der Frage nach dem Menschsein der Indianer beschäftigen soll.“ 12 Das Gericht kam aber zu keinem übereinstimmenden Urteil. 13 Doch bereits vorher war ein Verschleppen schwarzer Sklaven in die zwei Amerikas mehr als notwendig geworden, denn die indigene Bevölkerung war bereits beträchtlich dezimiert worden. Nicht etwa durch Kriege, sondern durch die Krankheiten, die die Europäer eingeschleppt hatten. 14 Dieses Manko besaßen die afrikanischen Sklaven nicht. Aufgrund des „Jahrtausende langen Kontaktes [hatten sie] eine Abwehr entwickelt.“ 15 Hinzukam ein weiterer Zufall: Die nautischen Bedingungen des Atlantiks begünstigten, dass die Schwarzafrikaner in den Fokus gerieten:
Die Kreisbewegung der Passatwinde und Meeresströmungen im Atlantik nördlich des Äquators folgt dem Uhrzeigersinn und zwang die Segelschiffe geradezu, sich auf dem Weg nach Amerika zunächst dem afrikanischen Kontinent anzunähern (siehe Abb. 1). 16
Neben diesen Zufälligkeiten wurde allerdings auch ganz bewusst die Fremdheit der Afrikaner als Argument genutzt. 17 Dieses Unterscheidungsmerkmal war ein wichtiger Eckpfeiler für spätere Unterteilungen der Menschen. 18 Doch bis dahin ‚genossen‘ noch alle Menschen den Schutz Gottes. So wurden beispielsweise 1559 „klassifizierende Werke, die die Menschheit
11 Borges, Jorge Luis: Werke in 20 Bänden. Hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold. Bd. 3: Niedertracht und Ewigkeit. Erzählungen und Essays 1935-1936. FaM: Fischer 1991. S. 17.
12 Dittrich 1991: 90f.
13 Vgl. Lindqvist, Sven: Durch das Herz der Finsternis. Ein Afrika-Reisender auf den Spuren des europäischen Völkermords. Zürich: Unionsverlag 2002 (= Unionsverlag Taschenbuch 227). S. 166.
14 Vgl. Meissner, Jochen, Ulrich Mücke u. Klaus Weber: Schwarzes Amerika. Eine Geschichte der Sklaverei. Bonn: bpb 2008 (= bpb Schriftenreihe 756). S. 17.
15 Ebd. S. 32. Bereits die „Griechen kannten Schwarzafrikaner, welche sie ,Äthiopier’ nannten; doch diese galten in keiner Beziehung als minderwertig, im Gegenteil. Homer rühmt die ,edlen Äthiopier’ [...].“ (Flaig, Egon: Weltgeschichte der Sklaverei. München: Beck 2009 (= beck'sche reihe). S. 125)
16 Meissner 2008: 32.
17 Vgl. ebd. S 31.
18 Vgl. Schubert, Michael: Der schwarze Fremde. Das Bild des Schwarzafrikaners in der parlamentarischen und publizistischen Kolonialdiskussion in Deutschland von den 1870er bis in die 1930er Jahre. Stuttgart: Franz Steiner 2003 (= Beiträge zur Kolonial- und Überseegeschichte 86). S. 46.
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nach äußeren Gesichtspunkten unterschieden, von Papst Paul IV. auf den Index gesetzt.“ 19 Gut zwei Jahrhunderte später machte das British Empire den vielleicht entscheidenden Vorstoß. 1772 erklärte der Mansfield-Entscheid alle afrikanischen Sklaven auf britischem Boden für frei. 20 Sicherlich war damit die Sklaverei noch nicht beendet, doch es überrascht wie es trotz der zahlreichen Kämpfe gegen die Leibeigenschaft, dennoch im 19./20. Jahrhundert zu einer Legitimation der Ausrottung der vermeintlich Minderwertigen kam.
2.2 Die Erleuchtung der Gottlosen
Der vermeintliche Schutz der Kirche wurde im Zuge der Aufklärung und des Humanismus langsam aufgelöst. Durch die Säkularisierung verschwand der gesamte Plan für die Menschheit. Die Schöpfung als Anfang und das Jüngste Gericht als Ende entfielen fortan. 21 Der Mensch hatte plötzlich die Geschicke der Welt in seinen Händen. Er bediente sich ab sofort seines eigenen Verstandes und befreite sich aus der Jahrhunderte währenden Unmündigkeit, wie Kant es formulierte. 22 Damit war jeder Mensch frei, wie es auch Artikel eins der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, die 1789 in Frankreich verkündet wurden, garantierte: „Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es.“ 23 Darüber hinaus konnte jeder Mensch durch Erziehung die Zivilisationsleiter emporklettern. Die Formung des ,ganzen Menschen’ wurde zur ‚Kulturmission’. 24 Doch war dem Afrikaner ein Erklimmen der Kulturleiter überhaupt möglich? Die meisten Aufklärer waren Verfechter der Monogenese, d.h. sie vertraten die Auffassung, dass sämtliche Menschen von einem einzigen Paar abstammen. 25 Überraschenderweise war es dann ausgerechnet Kant, der den Rassebegriff 1785 in den deutschen Sprachraum einführte. In seiner Schrift Von den verschiedenen Racen der Menschen legt er ein viergliedriges
19 Schubert 2003: 50.
20 Vgl. Bitterli, Urs: Die ‚Wilden’ und die ‚Zivilisierten’. Grundzüge einer Geistes- und Kulturgeschichte der europäisch-überseeischen Begegnung. 2. Aufl. München: Beck 1991. S. 183.
21 Vgl. Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. 3. Aufl. München: Piper 1993 (= Serie Piper 1032). S. 337.
22 Vgl. Kant, Immanuel: Zum ewigen Frieden und andere Schriften. FaM: Fischer 2008. S. 25.
23 Der Brockhaus multimedial 2007: „Alle Menschen sind von Geburt aus gleich“. Mannheim: Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG 2007.
24 Vgl. Schubert 2003: 50.
25 Vgl. Geulen, Christian: Geschichte des Rassismus. München: Beck (= C.H. Beck Wissen). S. 52.
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anthropologisches Modell vor. 26 Einige Jahrzehnte später schrieb Hegel im Zusatz zu § 393 in Die Philosophie des Geistes, dass aus der „Abstammung [...] kein Grund für die Berechtigung oder Nichtberechtigung der Menschen zur Freiheit und zur Herrschaft geschöpft werden [kann].“ 27 Anhänger der Polygenese, die sich aus ihrer separaten Abstammung eine geistige Überlegenheit ableiteten, verurteilt er. 28 Doch bereits wenige Absätze später heißt es plötzlich:
Nachdem wir so die Unterschiede der Weltteile als nicht zufällige, sondern notwendige zu erweisen versucht haben, wollen wir die mit jenen Unterschieden zusammenhängenden Rassenverschiedenheiten des Menschengeschlechts in physischer und geistiger Beziehung bestimmen. 29 Darauf folgt ein seitenlanger Vergleich der Rassen, der die Kaukasische 30 , zu der der Europäer zählt, an die Spitze setzt. 31 Dem ‚Negervolk’ als ‚Kindernation’ fehle es dagegen an jeglicher Kultur. 32 Damit ist für Hegel auch die Leibeigenschaft gerechtfertigt, denn die „Grundlage der Sklaverei überhaupt [ist], daß der Mensch das Bewußtsein seiner Freiheit noch nicht hat und somit zu einer Sache, zu einem Wertlosen herabsinkt.“ 33 „Dieser Zustand ist keiner Entwicklung und Bildung fähig, und wie wir sie [die Afrikaner] heute sehen, so sind sie immer gewesen.“ 34
26 Vgl. Husmann-Kastein, Jana: Schwarz-Weiß. Farb- und Geschlechtssymbolik in den Anfängen der Rassenkonstruktionen. In: Weiß-Weißsein-Whiteness. Kritische Studien zu Gender und Rassismus. 2. Aufl. Hrsg. von Martina Tißberger, Gabriele Dietze u.a. FaM: Lang 2009. S. 54.
27 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Werke. Bd. 10: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse. 1830. Dritter Teil: Die Philosophie des Geistes. Mit den mündlichen Zusätzen. 2. Aufl. FaM: Suhrkamp 1992 (= Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft 610). S. 57.
28 Vgl. ebd.
29 Ebd. S. 58.
30 Der Begriff ‚Kaukasier’ geht auf den Naturwissenschaftler Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840) zurück. Er unterteilte die Menschheit in fünf Rassen, ohne jedoch eine Hierarchie festzulegen. Noch heute wird ‚Caucasian’ in den USA gleichbedeutend für ‚Weißer’ benutzt. Der Legende nach sollen aus dem Gebiet des Kaukasus die schönsten Menschen kommen. (Vgl. Schubert 2003: 52f. bzw. Osterhammel, Jürgen: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. Bonn: bpb 2010 (= bpb Schriftenreihe 1044). S. 1218.)
31 Vgl. Hegel 1992: 58-63.
32 Vgl. ebd. S. 60.
33 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Werke. Bd. 12: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte. 2. Aufl. FaM: Suhrkamp 1989 (= Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft 612). S. 125.
34 Ebd. S. 128.
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2.3 »Die Vermessung der Welt«
2.3.1 Eine Klasse für sich
Nachdem durch die Aufklärung die christlichen Ordnung langsam auseinanderbrach, bedurfte es einer neuen Gliederung der Welt. Diese braucht der ‚Kulturmensch’, da sie ihm einen Schutz gegen die chaotische Natur bietet. 35 Das 19. Jahrhundert, als Jahrhundert der Naturwissenschaft, schafft diese Ordnung. Es ist die große Epoche der Nationalstaaten, der Neueinteilung der Welt. Der gesamte Erdball wurde vermessen 36 , Volkszählungen wurden durchgeführt, 1875 führte man das metrische System ein, neun Jahre später einigte man sich auf die Weltzeit und unterteilte den Planeten in 24 Zeitzonen. 37 „Überall wurde die Uhr zur Waffe der Modernisierung.“ 38 Während in den Zeitaltern vorher die Arbeit unregelmäßig und ungleichmäßig ablief, führte die ‚Chronometrisierung‘ zu einem erhöhten Gehorsam und einer gesteigerten Disziplinierung der Menschen. 39
Diese Disziplinierung der Menschen zu „gelehrigen Körper[n]“ 40 ist eine Entwicklung, die bereits im 17. Jahrhundert einsetzte, doch im 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte. 41 Man beachte Foucaults Wortwahl: „Die Disziplin fabriziert [...] unterworfene und geübte Körper [...].“ 42 Wichtig für die Einhaltung der Disziplin ist die räumliche Abtrennung innerhalb der Einrichtungen (z.B. in Internaten, Kasernen und Fabriken). 43 Derartige Manufakturen entstanden zuhauf in den Städten, in die die Menschen vermehrt zogen. Innerhalb dieser Gebäude wurde der Produktionsprozess fein säuberlich zergliedert. „Jedem Individuum seinen Platz und jeden Platz ein Individuum.“ 44 „Parzellierung“ 45 nennt Foucault
35 Vgl. Freud, Sigmund: Das Unbehagen in der Kultur. Und andere kulturtheoretische Schriften. 8. Aufl. FaM: Fischer 2003. S. 55f.
36 Ein Rätsel bleibt, warum gerade der Europäer eine solche Neugier, die Welt zu entdecken und zu erforschen, aufwies. Andere Kulturen hatten diesen Drang nicht. Ein Beispiel: „Der japanische Staat schreckte die Bewohner des Archipels mit strengen Strafandrohungen davon ab, das Inselreich zu verlassen.“ (Osterhammel 2010: 1159f.)
37 Vgl. Osterhammel 2010: 53, 57, 119.
38 Ebd. S. 123.
39 Vgl. Ebd. 123, 121.
40 Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. FaM: Suhrkamp 2008 (= Suhrkamp Taschenbuch 2271). S. 173.
41 Vgl. ebd.
42 Ebd. S. 177.
43 Vgl. ebd. S. 181.
44 Ebd. S. 183.
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das. Die Leistungsgesellschaft war geboren und mit ihr die Entfremdung der Menschen von ihrer Arbeit. Dies führte unweigerlich zu einem Identitätsverlust, den die Gründung von Nationalstaaten, aber auch das Aufkommen von Rassetheorien, entgegenwirkten. 46
Das Entfallen der Schöpfungslehre und die damit sich eröffnende Frage nach der Herkunft des Homo sapiens war eines der ersten ‚Welträtsel’, die es zu lösen galt.
1735 veröffentlichte der schwedische Naturforscher [Carl von] Linné sein Systema Naturae, eine grundlegende Arbeit für die moderne Biologie. Darin ordnete er alle Bestandteile der Natur zu einer einzigen kontinuierlichen Daseinskette, an deren Spitze der Mensch, genauer gesagt der Europäer, stand. 47
Am Ende der menschlichen ‚Daseinskette’ stand aus Sicht der Europäer natürlich der Schwarzafrikaner. Linné gliederte die Menschen in vier verschiedene Spezies. Der ‚Neger’ zeichnete sich dabei durch seine Faulheit 48 , Nachlässigkeit und Bösartigkeit aus. 49 Er stellt, wie Hegel sagte, den „natürlichen Menschen in seiner ganzen Wildheit und Unbändigkeit dar.“ 50
Dies galt es nun genauer zu untersuchen. Bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstanden erste Vorreiter dessen, was man später ‚Anthropologie’ bzw. in Deutschland ‚Völkerkunde’ nennen sollte. 51 Man vermaß Schädel und Knochen, untersuchte Haut und Haare. 52
45 Foucault 2008: 183.
46 Dass sich im 19. Jahrhundert eine Leistungsgesellschaft entwickelte, war kein Zufall. Durch die Säkularisierung verschwand das mütterliche Prinzip der bedingungslosen Liebe der Kirche. An seine Stelle trat im Jahrhundert der Wissenschaft das väterliche Prinzip, welches seine Liebe von der Arbeitsleistung abhängig machte. (Vgl. Fromm, Erich: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. 13. Aufl. München: dtv 1983. S. 139-141.)
47 Wolter, Stefanie: Die Vermarktung des Fremden. Exotismus und die Anfänge des Massenkonsums. FaM: Campus 2005. S. 15.
48 Die Arbeitsunwilligkeit des ‚Negers’ war sicherlich ein Faktor für die Verachtung desselbigen durch die Europäer. Denn während der zivilisierte Abendländer durch seine Kultur und sein Leistungsprinzip jedes Mitglied der Gemeinschaft notwendigerweise zur Arbeit zwingt, lebt der ‚Neger’ im Einklang mit der Natur - ganz ohne einen solchen Arbeitszwang. Dieses ‚Kultur-Über-Ich’ der Gemeinschaft findet man heute noch, wenn auch in abgeschwächter Form, im verbalen Umgang mit Arbeitslosen. (Vgl. Freud 2003: 66, 104).
49 Vgl. Dittrich 1991: 98.
Ein weiterer Grund für die Geringschätzung von afrikanischen Kulturen war deren Schriftlosigkeit. Es waren mündliche Kulturen, die dadurch - aus Sicht der Europäer - auch nicht über eine reichhaltige Geschichte verfügten, sondern lediglich über Mythen und Legenden ohne faktischen Wert. (Vgl. Speitkamp, Winfried: Kleine Geschichte Afrikas. Bonn: bpb 2009 (= bpb Schriftenreihe 774). S. 17.)
50 Hegel 1989: 122.
51 Mosse, George L.: Die Geschichte des Rassismus in Europa. FaM: Fischer 1993. S. 29 bzw. Osterhammel 2010: 1162.
52 Vgl. Schwarz, Werner Michael: Anthropologische Spektakel. Zur Schaustellung ‚exotischer’ Menschen. Wien 1870-1910. Wien: Turia + Kant 2001. S. 61.
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2.3.2 Farben und Formen
Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, die ganze Welt. Auf der Erde war es noch wüst und unheimlich; es war finster, [...]. Da befahl Gott: „Licht soll aufstrahlen!“, und es wurde hell. Gott hatte Freude an dem Licht; denn es war gut. 53
So steht es am Anfang des Alten Testamentes. Erst durch das Licht konnte Leben entstehen. 54 Schwarz dagegen ist das Fehlen von Licht. Schwarz ist der Tod, das Nichts. In der schwarzen Finsternis wartet das Unheimliche und das ‚Herz der Finsternis’ ist für die Europäer das Innere Afrikas. 55 Diese der europäischen Kultur eigenen Traditionen waren es, die die Herabstufung des ‚Schwarzen Mannes’ geradezu zwingend hervorriefen. Neben der negativ konnotierten Farbe der Haut, löste die generelle Andersartigkeit schon Abscheu aus. Das Fremde galt Vielen als hässlich. 56 Die eigene Schönheit dagegen war ein weiteres Indiz für die eigene Überlegenheit. 57 Von diesen Äußerlichkeiten 58 zog man anschließend eine direkte Verbindung zu den inneren Werten der fremden ‚Rasse’. 59 Houston Stewart Chamberlain (1855-1927) prägte dazu später den Begriff der ‚Rassenseele’. 60 Natürlich versuchte man diese Annahmen auch ‚wissenschaftlich’ zu begründen. Den Anfang machte die Physiognomik (Gesichtsdeutung). Einer ihrer Vertreter war der holländische Anatom und Maler Peter Camper (1722-1789), der beim europäischen Gesicht
53 Genesis 1, 1-4.
54 Eine ähnliche Metaphorik findet man auch in der Aufklärung: Mit ‚The Enlightenment’ bezeichnet man jene Epoche im Englischen.
55 „Das Wort ‚Europa’ übrigens geht zurück auf ein Wort im Jüdischen, das nichts anderes meint als ‚Dunkelheit’.“ (Lindqvist 2002: 26)
Marlow, der Erzähler in Joseph Conrads Herz der Finsternis, durchleuchtet jene Strahlkraft der angeblich herausragenden europäischen Kultur auf ihre Gültigkeit, indem er mit einem kleinen Schritt zurück in der Weltgeschichte zeigt, wie jung die eigene Erleuchtung doch ist: „I was thinking of very old times, when the Romans first came here [to England], nineteen hundred years ago - the other day. [...] [D]arkness was here yesterday.“ (Conrad, Joseph: Heart of Darkness. 4. Aufl. New York: Norton 2006 (= A Norton Critical Edition). S. 5f.)
56 Unter dem Stichwort ‚Negro’ findet man in der amerikanischen Ausgabe der Encyclopaedia Britannica aus dem Jahr 1798 u. a. „Häßlichkeit“ als markantes Charakteristikum für die ‚schwarze Rasse’ (Eco, Umberto: Die Geschichte der Hässlichkeit. München: Hanser 2007. S. 196).
57 Wolter 2005: 17.
58 Oswald Spengler schreibt: „Was ein Mensch von Rasse ist, wissen wir alle auf den ersten Blick.“ (Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte. 8. Aufl. München: dtv 1986. S. 703.)
59 Einer der Gegner solcher Schlussfolgerungen war Johann Gottfried Herder. Er erkannte früh, dass die Hautfarbe eine Anpassung des Körpers an das Klima war. „Weder das Blut, noch das Gehirn, noch der Same der Neger ist schwarz [...].“ (Herder, Johann Gottfried: Werke. Hrsg. von Wolfgang Pross. Bd. III/1: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. München: Hanser 2002. S. 209.)
60 Vgl. Schubert 2003: 63.
12
einen ‚Gesichtswinkel’ von achtzig Grad diagnostizierte. Der Kopf eines Afrikaners wies dagegen nur siebzig Grad auf. Der Europäer kam damit dem antiken griechischen Ideal von einhundert Grad näher und galt somit als schöner. 61 Rückschlüsse von der Schädelform auf den Charakter unternahm dann Franz Joseph Gall (1758-1828). Das Gehirn mit seinen einzelnen Arealen, so Gall, nimmt je nach Charakter eine bestimmte Form an. 62 Gemäß seiner Schädellehre (Phrenologie) hätten „Kriminelle [...] gewöhnlich ein Hirn, das unten und an den Seiten ausladend war, wo, nach Gall, die niederen Impulse und Neigungen placiert waren.“ 63 Gall wehrte sich allerdings gegen eine Übertragung bestimmter Schädelformen auf einzelne Nationen. Dennoch wurden seine Erkenntnisse für eben jene rassistischen Klassifizierungen missbraucht. 64 Cesare Lombroso (1836-1909), der Begründer der Kriminalanthropologie, schreibt beispielsweise in Die Ursachen und Bekämpfung des Verbrechens: „Viele der Eigenschaften, welche die Wilden und die Farbigen darbieten, finden sich sehr oft bei den geborenen Verbrechern [...].“ 65
„Von da ist es nur ein kleiner Schritt zu dem Vorurteil ‚Wer häßlich ist, ist von Natur aus schlecht’“ 66 , wie Eco konstatiert. Dadurch ergab sich eine unmittelbare Bedrohung für den ‚weißen’ Europäer, der sich der „fortwährende[n] Bedrohung der eigenen Errungenschaften bewusst [war].“ 67 Es machte sich ein Unbehagen unter den Zivilisierten breit. Jederzeit musste mit einem Einfall der Barbaren gerechnet werden. Vereinzelt konnte man bereits frühzeitig erste Anzeichen der drohenden ‚Katastrophe’ ausmachen: „Während des 18. Jahrhunderts stieg die Zahl der Schwarzen in London. In Angst vor Mischehen und Gewalt spiegelte sich die Phantasie über die Schwarzen in Afrika oder in Westindien wider." 68 Noch fehlte es allerdings an einer Legitimation das ‚Schlechte’ zu vernichten, doch diese sollte sich bald ergeben.
61 Vgl. Schubert 2003: 54.
62 Vgl. Mosse 1993: 51.
63 Ebd. S. 52.
64 Ebd.
65 Eco 2007: 260.
66 Ebd. S. 261.
67 Osterhammel 2010: 1172.
68 Mosse 1993: 39.
13
2.3.3 »Exterminate all the brutes!«
Nachdem die Frau des Bischofs von Worcester im Jahre 1860 von Charles Darwins Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl und der darin beschriebenen Evolutionstheorie erfuhr, soll sie gesagt haben: „Descended from the apes! My dear, let us hope it is not true, but if it is, let us pray that it will not become generally known.“ 69 Dieser Wunsch ging nicht in Erfüllung. Nachdem der Engländer im Jahr 1859 sein Hauptwerk veröffentlichte, übertrug er in Die Abstammung des Menschen (1874) seine Theorie auch auf den Homo sapiens. Dieser war „denselben allgemeinen Schlußfolgerungen unterworfen [...] wie jedes andere Lebewesen.“ 70 Die ‚natürliche Selektion’ führte dabei zum ‚Überleben der Passendsten’ (survival of the fittest). 71 Die Menschen standen demnach in direkter Konkurrenz zueinander - oder wie Hobbes es zwei Jahrhunderte früher formulierte - im „Krieg aller gegen alle“ 72 , denn die Ressourcen der Erde waren begrenzt. Verschärfend hinzukam, dass die Weltbevölkerung stetig zunahm. Der ‚Kampf ums Dasein’ (struggle for life) schien zu eskalieren. Diese Angst fand weitere Nahrung in der Malthus’schen Bevölkerungstheorie, wonach die Bevölkerungszahlen immer stärker anstiegen, als die Mittel um sie zu vorsorgen. 73
Obwohl Charles Darwin zwar ein Anhänger der Monogenese war, boten seine Feststellungen eine Grundlage für den Umgang mit ‚anderen Rassen’. 74 Denn seine Entdeckungen machte eins endgültig offensichtlich, im Kampf der Arten werden einige überleben und andere aussterben. 75 Könnte demnach auch Europa wieder im Dunkeln versinken wie einst das Weltreich Rom? Könnte das Abendland untergehen? Diese Befürchtung schien ihre Berechtigung zu haben, denn man beobachtete gleichfalls ein
69 Darwin, Charles: Die Abstammung des Menschen. 5. Aufl. Stuttgart: Kröner 2002 (= Kröners Taschenausgabe 28). S. XVII.
70 Ebd. S. 1.
71 Vgl. ebd. S. 72.
72 Hobbes, Thomas: Leviathan. Stuttgart: Reclam 2002 (= Universal-Bibliothek 8348). S. 115.
73 Vgl. Schubert 2003: 59f.
74 Vgl. Darwin 2002: 228f, 265.
75 Georges Cuvier, ein französischer Naturforscher, schockierte bereits Ende des 18. Jahrhunderts während einer Vorlesung seine Zuhörer damit, dass im Laufe der Erdgeschichte bereits mehrere Arten, u. a. das Mammut, ausgestorben seien. Damit war klar, dass die Schöpfung kein vollendetes, unveränderliches Konstrukt ist. (Vgl. Lindqvist 2002: 144f.)
14
Ansteigen der Bevölkerungen ‚minderwertiger Rassen’, die sich wie ‚Unkraut’ vermehrten. 76 Zusätzlich machte man mehrere Schwächen innerhalb der eigenen Zivilisation aus, die dem anstürmenden Barbarentum wohlmöglich nichts entgegenzusetzen hätte. Denn während unter den ‚Wilden’ die „Schwachen bald eliminiert“ werden, tun „[w]ir zivilisierten Menschen [...] alles mögliche [dagegen], um diese Ausscheidung zu verhindern.“ 77 Dieses soziale Mitleid führe unweigerlich „zur Degeneration einer domestizierten Rasse“ 78 , so Darwin. 79
Noch vor Darwin prägte sein Landsmann Herbert Spencer 1852 die Formel ‚survival of the fittest’. 80 Er übertrug das Entwicklungsprinzip der Evolution auf die Entwicklung der Gesellschaft, welche am besten gedeihe, wenn sich die Starken gegen die Schwachen durchsetzen. 81 Eine Unterstützung der Hilfsbedürftigen hielt er für eine Verschwendung von Ressourcen. 82 Darüber hinaus begrüßte er den Imperialismus als Retter der Zivilisation, da dieser den Planeten von den niederen Rassen gesäubert habe bzw. immer noch säubert. 83 Dafür war Darwins Evolutionstheorie natürlich eine hervorragende Begründung, denn wenn der Mensch Bestandteil des Tierreichs und damit ebenfalls der natürlichen Selektion unterworfen ist, dann ist die Auslöschung anderer Rassen als ein völlig üblicher Vorgang im Lauf der Dinge anzusehen. Dieser Schritt war notwendig, wollte der Mensch weiter die Entwicklungsleiter erklimmen - auf dem Weg zum ‚Übermenschen’. Auch Darwin äußerte jene Hoffnung am Ende seines Buches Die Abstammung des Menschen. 84 Dass er einen solchen Optimismus innehatte, war vermutlich auch seiner Zeit und der damaligen Fortschrittsideologie geschuldet. Hannah Arendt meint, wäre jene Epoche weniger progressiv
76 Schwarz 2001: 23.
77 Darwin 2002: 171.
78 Ebd. S. 172.
79 Dieser Verdacht fand u. a. Bestätigung im schlechten Gesundheitszustand der europäischen Bevölkerung, der aber weniger ein Zeichen von Schwäche war, als die Folge der enormen Belastungen für die Menschen im Zeitalter der Industrialisierung. (Vgl. Osterhammel 2010: 264).
80 Vgl. Bunzel, Wolfgang: Einführung in die Literatur des Naturalismus. Darmstadt: WBG 2008 (= Einführungen Germanistik). S. 24.
81 Vgl. Brock, Ditmar, Matthias Junge u. Uwe Krähnke: Soziologische Theorien von Auguste Comte bis Talcott Parsons. Einführung. 2. Aufl. München: Oldenbourg 2007 (= Lehr- und Handbücher der Kultur- und Sozialwissenschaften). S. 79, 93.
82 Vgl. ebd. S. 94.
83 Vgl. Lindqvist 2002: 28.
84 Vgl. Darwin 2002: 274.
Auch Ernst Haeckel, der Darwins Lehren in Deutschland populär machte, ging von einem Verdrängen der anderen ‚Rassen’ durch die Europäer aus. (Vgl. Haeckel, Ernst: Die Welträtsel. Gemeinverständliche Studien über monistische Philosophie. 11. Aufl. Stuttgart: Kröner 1984 (= Kröners Taschenausgabe 1). S. IX)
15
gewesen, hätte sich „vermutlich die Theorie de Maistres und Schellings durchgesetzt, derzufolge wilde Stämme und barbarische Völker nicht der Beginn, sondern der Überrest großer Zivilisationen sind.“ 85 Doch soviel Anerkennung fremder Völker war den Europäern damals nicht zuzutrauen. Für sie waren die ‚Schwarzen’ geschichts-, kultur- und gottlose Kreaturen, die eine menschliche Behandlung nicht verdienten; schließlich hatten, so ein Vorurteil Hegels, jene Menschen auch keine Abscheu ihre eigenen Artgenossen zu meucheln, um anschließend deren Fleisch zu verspeisen. 86
Man erkennt, Darwins Erkenntnisse waren in vielerlei Hinsicht bahnbrechend. Aufbauend auf seine Arbeit fassten andere ‚Wissenschaftler’ Fuß. Zum Beispiel Robert Knox: sein Buch The Races of Man: A Fragment (1850) gilt als „Geburtsstunde des [modernen] Rassismus“. 87 Doch erst durch Darwins Evolutionstheorie erlebte es seinen Durchbruch. 88 Ein weiterer Vertreter war Francis Galton (1822-1911), Darwins Cousin. Er ist der Vater der Eugenik und sprach sich, wie Spencer, ebenfalls für die Ausmerzung der Schwachen aus. 89 Auch Darwin war überzeugt, dass die ‚rassischen’ Merkmale (moralische und intellektuelle Qualitäten 90 ) erblich waren. 91 Das vererbte Merkmal ‚Rasse’ wurde eines der Determinanten, die den Menschen ausmachten. 92 Somit war eine mögliche Zivilisierung des ‚Negers’, wie man sie in der Aufklärung noch für möglich hielt, jetzt ausgeschlossen. 93 Eine Mischung des Erbguts würde zwangsläufig zur Degeneration führen. 94
85 Arendt 1993: 270.
86 Vgl. Hegel 1989: 124.
Schon Montaigne wirft im 16. Jahrhundert in seinem Essay Von den Menschenfressern allerdings die Frage auf, welches Schicksal wohl schlimmer wäre, einen Menschen „tot zu fressen“ oder nach stundenlanger Marter - wie es in Europa üblich war - „lebendig zu fressen“ (Montaigne, Michel de: Essais. FaM: Insel 1999 (= Insel Taschenbuch 220). S. 93).
87 Lindqvist 2002: 183.
88 Vgl. ebd. S. 189.
89 Vgl. Conrad 2006: 224f.
90 In Die Abstammung des Menschen zitiert Darwin die Ergebnisse einer Studie, wonach der Europäer die größte Schädelkapazität aufweist. Für ihn war ein größeres Gehirn gleichbedeutend mit höheren intellektuellen Fähigkeiten (Vgl. Darwin 2002: 63f.).
91 Vgl. Darwin 2002: XXIX.
92 Hippolyte Taine (1828-1893) deklarierte ‚race’, ‚milieu’ und ‚moment’ als die drei Faktoren, die einen Menschen prägten. Der Germanist Wilhelm Scherer (1841-1886) übertrug diese Merkmale ins Deutsche. Er nannte sie: ‚Ererbtes’, ‚Erlerntes’ und ‚Erlebtes’. (Vgl. Bunzel 2008: 22f.)
93 Vgl. Schubert 2003: 64.
94 Friedrich Nietzsche teilt diese widersinnige Befürchtung. In Jenseits von Gut und Böse (1886) schreibt er: „Der Mensch aus einem Auflösungs-Zeitalter, welches die Rassen durcheinanderwirft, der als Solcher die Erbschaft einer vielfältigen Herkunft im Leibe hat, das heißt gegensätzliche und oft nicht einmal nur
16
Wie sich jene ‚wissenschaftlichen’ Theorien in den weiteren Jahrzehnten auswuchsen, istgerade den Deutschen - bekannt. Letztlich bleibt die Frage offen, ob sich Charles Darwin der Konsequenz seiner Erkenntnisse nicht bewusst war. Sven Lindqvist bejaht dies. Darwin konnte während seiner Reisen den ‚Überlebenskampf’ selbst beobachten. Er sah wie „die Männer von General Rosas Truppen die Indianer der Pampa abschlachteten“ 95 . „Trotzdem glaubte er, daß sich die Gattung Mensch dadurch weiterentwickeln und ‚veredeln’ würde.“ 96 Sie tat es, aber nicht die Entwicklungsleiter hinauf, sondern hinab.
2.3.4 Lebende ‚Exponate’
Obgleich das ‚Fremde’ häufig Ängste wachruft, fasziniert es auch gleichsam. Seit jeher war man an dem ‚Anderen’ - und zumindest aus der eigenen (eurozentrischen) Perspektive gesehen - am abscheulich Hässlichen interessiert. Bereits „Amerigo Vespucci (1451-1512) verschleppte im Laufe seiner vier Amerikareisen über 200 Menschen nach Europa, die in Spanien auf Jahrmärkten ausgestellt wurden“ 97 .
Der Zuschauer der Moderne jedoch musste sich zunächst mit Tieren begnügen. 1844 eröffnete der Zoologische Garten in Berlin. Es folgten Frankfurt am Main (1858), Dresden (1861) und Hamburg (1863). 98 Hier fand man die ‚wilde’ Natur gezähmt und übersichtlich gegliedert vor. 99 Da diese Zoologischen Gärten „[m]eist private Gründungen in Form von Aktiengesellschaften [waren], mussten sie ohne staatliche Zuwendungen für die kostspieligen
gegensätzliche Triebe und Wertmaße, welche miteinander kämpfen und sich selten Ruhe geben, - ein solcher Mensch der späten Kulturen und der gebrochnen Lichter wird durchschnittlich ein schwächerer Mensch sein [...].“ (Nietzsche 1999: 919.)
95 Lindqvist 2002: 198.
96 Ebd.
„Natürlich waren die wissenschaftlichen Rassisten von den besten altruistischen Intentionen geleitet. So glaubte Francis Galton durch künstliche Zucht die Probleme der Sozialpolitik zu lösen, wenn man Verbrechen, Armut, Dummheit oder Begabung auf Erbfaktoren zurückzuführen hat.“ (Wägenbaur, Thomas: Europäische Literatur gegen Rassismus (Kafka und Poe). In: Suchbild Europa. Künstlerische Konzepte der Moderne. Hrsg. von Jürgen Wertheimer. Amsterdam: Rodopi 1995 (= Internationale Forschungen zur Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft 12). S. 186.)
97 Dreesbach, Anne: Gezähmte Wilde. Die Zurschaustellung ,exotischer’ Menschen in Deutschland 1870-1940. FaM: Campus 2005. S. 18.
98 Wolter 2005: 109.
99 Ebd.
17
Anlagen, die Anschaffung von Tieren sowie ihre Haltung selbst aufkommen“. 100 Man musste sich also neue Attraktionen für das zu unterhaltende Massenpublikum der wachsenden Großstädte überlegen. Da die Tiertransporte in der Regel von Einheimischen aus den Fanggebieten begleitet wurden, begann man diese im Zoo auszustellen. 101 Bisher kannte die Bevölkerung fremde Kulturen nur durch deren Artefakte, die z.B. in Museen oder auf den Weltausstellungen, präsentiert wurden. 102 Nun konnte man lebendige ‚Objekte’ bestaunen. Diese wohnten vorwiegend in den Behausungen, die tagsüber die Kulissen darstellten. 103 In ihren ‚Modelldörfern’ stellten sie dann den stereotypischen Alltag eines ‚Wilden’, z.B. Kriegstänze, Verfolgungsjagden, dar. 104 Der Reiz solcher exotischen Veranstaltungen war groß 105 und die Veranstalter verdienten an den Sehnsüchten der Städter gutes Geld. Gleichzeitig verstanden die Völkerschauen sich als Ort der Bildung. Es gab häufig im Begleitprogramm Vorträge zu den einzelnen Gruppen zu hören 106 und selbst nach deren Ableben waren sie von großem Interesse. Anthropologen rissen sich um die Leichen, die sie für ihre Studien sezierten, vermaßen und zuletzt präparierten. 107 Der Normalfall war allerdings, dass die Ausgestellten für ihre Dienste einige Geschenke bekamen und nach dem Ende der Tournee wieder in ihre Heimat zurückkehren durften. 108 „Nicht selten gestaltete sich jedoch gerade die Rückkehr in die alten Lebensbedingungen schwierig. Oft kamen Teilnehmer krank zurück und infizierten die Menschen in ihrer Heimat mit europäischen Krankheiten.“ 109
Völkerschauen hatten letztlich neben dem kommerziellen Aspekt vor allem die Aufgabe, die Überlegenheit des ‚weißen Mannes’ zu demonstrieren. Nach dem Fin de Siècle lief das neue
100 Dreesbach 2005: 81.
101 Ebd. S. 44, 57.
102 Vgl. Schwarz 2001: 71.
103 Vgl. Dreesbach 2005: 70.
104 Vgl. Wolter 2005: 82 bzw. Dreesbach 2005: 162, 165.
105 Besonders die Damen waren von den ‚wilden’ Männern angetan. Im Jahre „1899 beschäftigte die intendierte Heirat zwischen einem Angestellten der Savage South Africa Show, dem ‚Prinzen’ Peter Lobengula, und einer Engländerin, Florence ,Kitty’ Jewell, die englische Presse über Wochen“ (Wolter 2005: 130).
106 Vgl. Dürbeck, Gabriele: Samoa als inszeniertes Paradies. Völkerausstellungen um 1900 und die Tradition der populären Südseeliteratur. In: Die Schau des Fremden. Ausstellungskonzepte zwischen Kunst, Kommerz und Wissenschaft. Hrsg. von Cordula Grewe. Stuttgart: Franz Steiner 2006 (= Transatlantische Historische Studien 26). S. 90.
107 Vgl. Schwarz 2001: 114f. bzw. Dreesbach 2005: 280.
108 Vgl. Dreesbach 2005: 77.
109 Ebd.
18
Massenmedium Film den Völkerschauen allerdings langsam den Rang ab. 110 Der „Aufstieg des Kinos [war] nicht verwunderlich, weil es diese Faszination am anderen Leben perfektionierte und endgültig davor schützte, beim Beobachten auch selbst Gegenstand der Beobachtung zu [werden]“ 111 . Die Nazis hatten später auch kein Interesse, die Völkerschauen wiederzubeleben. Sie verboten sogar das Auftreten von ‚Schwarzen’ im Jahr 1940. 112
110 Vgl. ebd. S. 314f.
111 Schwarz 2001: 16.
112 Vgl. Dreesbach 2005: 313.
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3 Ein Bericht für eine Akademie
3.1 Identitäten
3.1.1 Affen in Prag
Bereits 1908 betrat ein Affe namens ‚Konsul Peter’ die Bühne des Théâtre Variété in Prag. 113 Im Prager Tagblatt vom 18. September feiert man „dieses originelle Tier, das mit der Gestalt und dem häßlichen Gesicht des Schimpansen das Gehaben eines zivilisierten Menschen“ 114 nachäfft.
An der Hand seines - man zögert das Wort „Besitzers“ auszusprechen, denn man sträubt sich dagegen, auch Affen als Sklaven anzusehen - erscheint ein kleiner, etwas greisenhaft aussehender Gentleman in Frack und Zylinder, der einige wesentliche Funktionen des Menschen auf menschliche Art ausübt. 115
Zu diesen Funktionen gehört auch das Schreiben. Neun Jahre später erscheint in der gleichen Zeitung, die Kafka vermutlich auch abonniert hatte 116 , sogar ein Auszug aus dem Tagebuch des Affen. Darin finden sich einige Elemente, die später in Ein Bericht für eine Akademie (BfA) Niederschlag finden. Auch Peter wurde von Menschen gefangen genommen und in einen Käfig gesteckt. Nachdem er per Schiff nach Europa gebracht wurde, wird er Künstler im Zirkus; sieht allerdings schnell ein, dass die Welt des Urwalds sein wahres Zuhause ist. Sehnsüchtig wünscht er sich die Rückkehr. 117 Im Unterschied zu Kafkas Rotpeter hatte Konsul Peter jedoch schon vor seinem Eintritt in die Menschenwelt ein Bewusstsein: „Als ich noch daheim war, weit über dem großen Wasser, in dem Urwald, da war ich noch ein junges unerfahrenes Aeffchen und wollte gern ein großer Künstler werden.“ 118 In den fingierten Tagebuchaufzeichnungen des Variété-Stars spiegelt sich die typisch eurozentrische Perspektive jener Zeit wieder. Es hat den Anschein, dass man dem Affen mit
113 Konsul Peter. In: Prager Tagblatt 257 (1908). S. 5.
http://anno.onb.ac.at/cgi- content/anno?apm=0&aid=ptb&datum=19080917&seite=5&zoom=0 (23.6.2010).
114 Théâtre Variété. In: Prager Tagblatt 258 (1908). S. 7.
http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?apm=0&aid=ptb&datum=19080918&seite=7&zoom=0 (23.6.2010).
115 Konsul Peter 1908: 5.
116 Vgl. Bauer-Wabnegg, Walter: Monster und Maschinen, Artisten und Technik in Franz Kafkas Werk. In: Franz Kafka. Schriftverkehr. Hrsg. von Wolf Kittler u. Gerhard Neumann. Freiburg im Breisgau: Rombach 1990 (= Rombach Wissenschaft, Reihe Litterae). S. 358.
117 Vgl. Consul, der viel Bewunderte. Aus dem Tagebuche eines Künstlers. In: Prager Tageblatt. Wochenbeilage „Onkel Franz. Illustrierte Jugend-Zeitung“ 12 (1917). S. 90f.
http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?apm=0&aid=ptb&datum=19170401&seite=14&zoom=0 (23.6.2010).
118 Ebd. S. 90.
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der Gefangennahme einen Gefallen getan hat, schließlich war es sein großer Wunsch Künstler zu werden. Wie es sein kann, ein Künstler in Europa zu sein, erzählte ihm der alte Orang-Utan, der früher in einem goldenen Käfig hauste. Seine Erlebnisse berichtete er den anderen Affen, nachdem er geflohen und in die Heimat zurückgekehrt war. 119 Schon Kolumbus schilderte die Bestechung der Eingeborenen, die „alles mit Freude und Genugtuung annahmen, als wären es lauter Dinge [u. a. Glasperlen und Bänder] von großem Werte“ 120 . Diesen aufschlussreichen Bericht Peters hat Kafka mit hoher Wahrscheinlichkeit gelesen. Laut Bauer-Wabnegg entstand BfA „knapp eine Woche nach dem Erscheinen des Artikels über den Affen“ 121 . Wie Peter wählte auch Kafka die Ich-Form für seinen Bericht, auch wenn zwei weitere Varianten existieren. In der zweiten Fassung erwartet einer „der zehntausend Windhunde“ (324), wie Rotpeter Journalisten zu nennen pflegt, sehnsüchtig sein Interview mit dem Staraffen. Dass diese Variante schließlich verworfen wurde, mag auch als Kritik am Menschen verstanden werden, der in dieser einen der Hauptcharaktere ausmacht und die Fragen stellt, also das Gespräch führt. Dieses Prozedere hätte dem allgemeinen Eurozentrismus entsprochen. Dies bricht Kafka jedoch mit einem - aus europäischer Perspektive gesehenen - Paradox geschickt auf. „[E]s [ist] nicht der Eindringling in die fremde Kultur, der den Bericht abgibt, sondern Rotpeter selbst, also der eigentlich von den Ethnologen zu Beobachtende.“ 122 Kafka erweist sich einmal mehr als „Virtuose des Perspektivismus“ 123 . Der menschliche Erzähler wird aus dem Bericht getilgt. Im Mittelpunkt steht das Opfer des europäischen Expansionswahns, welches seine Sicht unvermittelt den „Hohen Herren“ (322) sowie den weiteren Lesern schildern kann. Rotpeter hat durch die Form des selbstverfassten Bericht die Möglichkeit, ungleich mehr seiner tatsächlichen Identität preiszugeben, als das „dressierte[...] Affentier Peter“ (324) mit seinem von einem menschlichen „Windhund[...]“ (324) verfassten Tagebuch. 124 Diese Innenperspektive ermöglicht ein Kennenlernen des Anderen fernab der gängigen Stereotype.
119 Vgl. Consul, der viel Bewunderte. Aus dem Tagebuche eines Künstlers 1917: 90.
120 Kolumbus 2006: 51.
121 Bauer-Wabnegg 1990: 360.
122 Jagow, Bettina von: Der Landarzt-Band. In: Kafka-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Hrsg. von Bettina von Jagow u. Oliver Jahraus. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2008. S. 511.
123 Oschmann, Dirk: Skeptische Anthropologie. Kafka und Nietzsche. In: Friedrich Nietzsche und die Literatur der klassischen Moderne. Hrsg. von Thorsten Valk. Berlin: De Gruyter 2009 (= Klassik und Moderne 1). S. 145.
124 Vgl. Consul, der viel Bewunderte. Aus dem Tagebuche eines Künstlers 1917: 89f.
21
3.1.2 Der rote Peter
Rotpeter, der für seine Fänger nur einer von vielen Affen eines „Rudels“ (323) war, kämpft für die Akzeptanz seiner Einzigartigkeit. Die Anerkennung der Menschen bekommt er zwar, jedoch nur in Bezug auf seine Leistungen und Darbietungen auf und neben der Bühne des Variétés. Sein eigentliches Wesen findet dagegen wenig Beachtung. Vermutlich wird auch die Akademie seinen Bericht eher „als Kuriosum zur Kenntnis nehmen“ 125 , anstatt ihr Handeln selbstkritisch zu hinterfragen.
Ähnlich oberflächlich erfolgte die Taufe des Affen. Der erste Schuss, der ihn bei seiner Gefangennahme traf, durchbohrte seine Wange. Er hinterließ eine Spur, die für immer ein Bestandteil seines Ichs ausmachen würde - seinen Namen.
[E]ine große ausrasierte Narbe, die mir den widerlichen, ganz und gar unzutreffenden, förmlich von einem Affen erfundenen Namen Rotpeter eingetragen hat, so als unterschiede ich mich von dem unlängst krepierten, hie und da bekannten, dressierten Affentier Peter nur durch den roten Fleck auf der Wange. Dies nebenbei. (323f.)
Der bissige Ton, den Rotpeter hier anschlägt, ist berechtigt. Er verweist auf die nichtssagende Kategorisierung der Menschen nach deren äußerlichem Erscheinungsbild. So wie man den gefangenen Affen ‚R o t peter’ nannte, bezeichnete man die Indianer Amerikas als ‚R o t häute’, Asiaten als ‚Gelbe’ und Afrikaner als ‚Schwarze’. Das zweite Element ‚Peter’ beinhaltet ebenfalls keinen individuellen Charakter, der die Besonderheit des Affen widerspiegelt. Er wurde einfach vom bereits in Europa lebenden Konsul Peter übernommen ohne die Unterschiede zwischen Beiden zu markieren. Die Differenzierung erfolgt lediglich oberflächlich. 126 Ähnlich verlief auch der „soziale Tod“ 127 der Sklaven, die man an ihren „neuen Einsatzort[en] auf neue Namen taufte, [was] [...] den Raub ihrer Identität und ihrer eigenen Geschichte [vervollständigte]“ 128 . Hier wie da sieht der Europäer das Fremde also nur aus seiner eigenen Perspektive. Der Eintritt seiner Kultur - also die Schüsse auf den Affen - 125 Gerigk,Horst-Jürgen: Der Mensch als Affe in der deutschen, französischen, russischen, englischen und amerikanischen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts. Hürtgenwald: Guido Pressler Verlag 1989. S. 56.
126 Rajec sieht darüber hinaus eine große Ähnlichkeit zum ‚Schwarzer Peter’-Kartenspiel. Auch hier ist die Farbe das entscheidende Kennzeichen. Wer sie am Ende sein Eigen nennt, hat verloren. (Vgl. Rajec, Elizabeth M.: Namen und ihre Bedeutungen im Werke Franz Kafkas. Ein interpretatorischer Versuch. Bern: Lang 1977 (= Deutsche Literatur und Germanistik 186). S. 96. Tatsächlich findet man durchaus Beispiele, die das rassistische Element jener Karte offenbaren (siehe Abb. 2).
127 Meissner 2008: 10.
128 Ebd.
22
bilden den scheinbaren Ausgangspunkt für die Identitätsbildung des Gefangenen. Die eigene Vergangenheit des Getroffenen findet dagegen keine Beachtung. Zusätzlich schmerzt es den Affen seelisch, der doch so geschwind durch die Entwicklung zum Menschen raste und durch seinen Namen nicht nur an den schmerzhaften „First-Contact“ 129 erinnert wird, sondern eben auch an sein überwundenes „Affentum“ (322). „Sein Affesein [...] stellt dieser Name wieder her.“ 130
3.1.3 Der Affe in uns
Es ist nicht gesichert, ob Franz Kafka Darwin gelesen hat; aber mit Sicherheit nahm er Kenntnis von der populären Evolutionstheorie. Ohne sie, die die Abstammung des Menschen von einer „weniger hoch organisierten Form“ 131 postulierte, wäre BfA nicht denkbar. Erst die Evolution erlaubt es Rotpeter (fast) Mensch zu werden. Doch auch schon vor Darwin wurde der Figur des Affen eine große Ähnlichkeit zum Menschen attestiert. Seine Intelligenz, Sozialverhalten, Anatomie aber auch seine teils impulsiven Gefühlsregungen sind gemeinsame Nenner. 132
Diese offensichtliche Verwandtschaft, die Darwin wissenschaftlich belegte, wird im Zuge des Kolonialismus ausgeblendet. Der ‚äffische Neger’ gilt als eigenständige Rasse, die nicht zivilisiert werden kann. Seine ‚Verdrängung’ wird im ‚Kampf ums Dasein’ billigend in Kauf genommen. Auch die „Hohen Herren von der Akademie“ (322), die eigentlich über die notwendige Bildung verfügen müssten, sind sich ihres „äffische[n] Vorleben[s]“ (322) nicht bewusst. 133 Rotpeter weist sie darauf ironisch hin, wenn er sagt: „Ihr Affentum, meine Herren,
129 Jagow 2008: 511.
130 Bauer-Wabnegg 1990: 362.
131 Darwin 2002: 262.
Charles Darwin selbst schrieb dazu: „Ich für meinen Teil möchte lieber von jenem heroischen kleinen Affen abstammen [...] als von einem Wilden, der sich an den Qualen seiner Feinde weidet, blutige Opfer darbringt, ohne Gewissensregung seine Kinder tötet, sein Weib als Sklavin behandelt, keinen Anstand kennt und von dem gräßlichsten Aberglauben gejagt wird.“ (Darwin 2002: 273f.)
132 Zerling, Clemens: Lexikon der Tiersymbolik. Mythologie - Religion - Psychologie. München: Kösel 2003. S. 30f.
133 Die „Hohen Herren“ (322) sehen ihren Ursprung an einem ganz anderen Punkt in der Historie verortet, im antiken Griechenland. Anhand griechischer Ideale wurden nicht nur Schädelformen bewertet, sondern die gesamte abendländische Kultur gemessen. Es überrascht daher nicht, dass „der Name akademeia auf jene Schule zurückgeht, die Platon zur Verbreitung seiner Lehre auf dem Hain des attischen Helden Akademos
23
soferne Sie etwas Derartiges hinter sich haben, kann ihnen nicht ferner sein als mir das meine“ (323). Dass eine Zivilisierung, wie sie die Aufklärung noch für realisierbar hielt, möglich ist, beweist Rotpeter durch seine eigene Weiterentwicklung. Die Erleuchtungsmetapher der Aufklärung (‚enlightenment’) findet sich auch im Text wieder: „Dieses Eindringen der Wissensstrahlen von allen Seiten ins erwachende Hirn“ (332). Er hat demnach die Entwicklungsstufe eines Affen bereits längst überwunden und das in gerade einmal fünf Jahren (vgl. 322). Der Affe ist zum Menschen geworden und durchlief dazu die Evolution in einem Bruchteil der Zeit, die der Europäer für seine Zivilisierung benötigte. Mit seinem Bericht „formuliert er zugleich mit feiner Ironie eine Warnung gegen die Selbstgefälligkeit und Selbstgerechtigkeit seiner Mitmenschen, die ihren Status als selbstverständlich betrachten, vergessend, dass er das fragile Ende eines langen und opferreichen historischen und politischen Prozesses darstellt“ 134 . Insofern ist der Affe Rotpeter bzw. der Afrikaner im Allgemeinen im Vergleich zum Abendländer vermutlich der bessere Mensch - mitunter sogar der ‚Übermensch’ 135 ; schließlich verfügt er bereits nach fünf Jahren über die „Durchschnittsbildung eines Europäers“ (332). Gerigk spricht Rotpeter sogar eine höheren Grad an Bewusstsein zu, denn im Gegensatz zum Menschen erkennt er seine Abstammung an. 136 Dieser versteht seinen kulturellen Fortschritt als herausragende Leistung seines eigenen Geistes, dabei waren diese Weiterentwicklungen Ereignisse, die durch die genetische Programmierung seines Erbguts sowieso unausweichlich eingetreten wären. 137 Der Mensch hat demnach alles der Natur zu verdanken oder wie Sigmund Freud es ausdrückte: „[D]ie Triebe [...] [sind] die eigentlichen Motoren der Fortschritte.“ 138 Der Mensch ist also nur ein „gelehriger Affe“ 139 . Diesem Affen muss sich der Mensch Rotpeter unterwerfen. Dazu ahmt er nach, „was gar keine Nachahmung
gründete [...]" (Friedrich, Lars: Die Topophobie der Handschrift. Zu Franz Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“. In: ZfdPh 126 (2007). Sonderheft: Texte, Tiere, Spuren. Hrsg. von Norbert Otto Eke u. Eva Geulen. S. 195.). In dieser „Akademie“ (322) thronen die „Hohen Herren“ (322).
134 Psarros, Nikos: Rotpeters Verwandlung - Eine philosophische Fiktion. In: Philosophisches Jahrbuch 109 (2002). S. 322.
135 Damit entspricht der Affe Rotpeter nicht mehr dem klassischen Affenbild in der Literatur als „imago hominis“ (Gerigk 1989: 11), sondern einem höheren Wesen. Ein weiteres Argument für seine Einzigartigkeit.
136 Vgl. Gerigk 1989: 54.
137 Vgl. ebd.
138 Freud, Sigmund: Das Ich und das Es. Metapsychologische Schriften. FaM: Fischer 2009. S. 84.
139 Gerigk 1989: 56.
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verdient“ 140 . Letztlich ist BfA eine „Depotenzierung des Menschen als vermeintliche[...] Krone der Schöpfung“ 141 . Die „Zivilisation [ist] [...] tierischer als das Tier geworden“ 142 . Nicht erst im Weltkrieg 143 (1917 nannte man ihn noch nicht den ‚Ersten’) zeigte sich die „perverse Hybris“ 144 der Kulturmenschen. Bereits im „Scramble for Africa“ 145 wurde offenkundig, woraus sich die Überlegenheit der ‚Weißen’ speiste: Waffen. Winston Churchill, der um die Jahrhundertwende als Kriegsberichterstatter in Afrika weilte 146 , beschreibt in seinem Buch The River War (1899) deutlich, wie einfach es war, die Feinde aus sicherer Entfernung zu töten: „Sie bildeten eine dichte Gruppe und standen in einer Entfernung von zweieinhalb Kilometern [...]. Die Reichweite unserer Schußwaffen war bekannt, es war schlicht eine Frage der Technik.“ 147 Wie möglich eine derart rapide Degeneration des Kulturmenschen ist, zeigt sich in der dritten Textversion von BfA. Hier schreibt Rotpeters erster Lehrer, der Mitglied der Akademie ist, seinem ehemaligen Schüler einen Brief (vgl. 337). Darin beklagt er sich über die Offenheit des Affen, der die Akademie in seinem Bericht über die Einweisung des Lehrers ins Sanatorium in Kenntnis setzte. Dass hinter der Fassade des ‚Dr. Jekyll’ auch ein bösartiger ‚Mr. Hyde’ - also seine Affennatur - schlummert, die während des aufreibenden Unterrichtens von Rotpeter zum Vorschein kam, hätte er gerne verschwiegen gewusst (vgl. 337). Dieses „Unterirdische und Verborgene hat er [Rotpeter] so völlig aus sich entfernt“ 148 . Damit ist Rotpeter gleichsam frei von „geheimen
140 Gerigk 1989: 59.
141 Oschmann 2009: 134.
142 Koch, Hans-Gerd: Ein Bericht für eine Akademie. In: Interpretationen. Franz Kafka. Romane und Erzählungen. Hrsg. von Michael Müller. 2. Aufl. Stuttgart: Reclam 2003 (= Universal-Bibliothek 17521). S. 179.
143 Der Begriff ‚We l t krieg’ ist ein gutes Beispiel für die Überheblichkeit des europäischen Denkens. Obwohl er in großen Teilen nur auf europäischem Gebiet ausgetragen wurde, verstand man in als Krieg, der die gesamte Welt erfasste.
144 Hiebel, Hans Helmut: Franz Kafka - Form und Bedeutung. Würzburg: Königshausen & Neumann 1999. S. 75.
145 Arendt 1993: 217.
146 Vgl. Lindqvist 2002: 88.
147 Lindqvist 2002: 101f.
In Churchills Memoiren wird deutlich, dass für die Europäer der Kampf in Afrika ein bedeutendes ‚inneres Erlebnis’ war; ein ‚Spielplatz’, um ihren Zerstörungstrieb auszuleben: „Eine Schlacht wie die von Omdurman wird man nie wieder erleben. Sie bedeutete das letzte Glied in der langen Reihe jener Kampfschauspiele, die mit ihrer farbenprächtigen und erhabenen Großartigkeit so viel dazu beigetragen haben, dem Krieg einen glanzvollen Zauber zu verleihen.“ (Lindqvist 2002: 88)
148 Sokel, Walter H.: Franz Kafka. Tragik und Ironie. Zur Struktur seiner Kunst. FaM: Fischer 1983 (= Fischer Taschenbücher 1790). S. 380.
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Ressentiments“ 149 , die die Xenophobie der ‚Weißen’ nähren.
Diesen Herrenmenschen sollte Rotpeter nun einen Bericht einreichen. 150 Der Definition nach entspräche ein solcher Bericht einer „kurze[n], sachlich-nüchterne[n], folgerichtige[n] Darstellung eines Handlungsablaufs ohne ausschmückende Abschweifungen und deutende Reflexionen“ 151 . Gegen diese formale Vorgabe verstößt der Affe Rotpeter und bricht damit mit dem sachlich-nüchternen Zeitgeist in Europa, wo die Wissenschaft leidenschaftlich versucht, mit Hilfe rationaler Fakten die Überlegenheit der ‚weißen Rasse’ nachzuweisen. 152 Gleich zu Beginn macht er unmissverständlich klar, dass ein Beleuchten des „äffischen Vorleben[s]“ (322) nicht möglich sei. Den Übergang von Natur zu Kultur erlebte Rotpeter nicht, da er ohnmächtig war; somit verbleibt der Prozess der Kulturwerdung weiterhin im Dunkeln. 153 Stattdessen übergibt er der Akademie die Biografie seines bisherigen Lebens. 154 Rotpeter möchte ihnen die Einzigartigkeit seines Selbst präsentieren, während die „Hohe[n] Herren“ (322) nur ein rein wissenschaftliches Interesse an seinem Wesen haben, um ihr eigenes Wesen besser verstehen zu können. Dem ‚Fremden’ und seinem Innersten schenken sie keine Beachtung. 155 Rotpeter liefert ihnen nicht die erwünschte anthropologische Abhandlung, sondern eine Zusammenfassung seiner Beobachtungen, die er „in aller Ruhe“ (328) am Objekt Mensch unternahm. 156 Somit kehrt der Variétékünstler die typische Perspektive des begafften Fremden, wie man sie auch bei den Völkerschauen vorfand, um.
149 Sokel 1983: 380.
150 Äußerst bemerkenswert an diesem Bericht ist nicht nur sein Inhalt, sondern auch seine Form. Geht man davon aus, dass Rotpeter ihn eigenhändig verfasst hat, ist dies als enorme Leistung anzuerkennen; nicht nur, dass er die Affenhand in so kurzer Zeit an das Schreiben gewöhnte, sondern anschließend auch noch im Stile eines Literaten von Weltrang, nämlich Franz Kafka, schrieb.
151 Wilpert, Gero von: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Aufl. Stuttgart: Kröner 2001. S. 79.
152 Vgl. Pakendorf, Gunther: Kafkas Anthropologie. In: Weimarer Beiträge 3 (1995). S. 421.
153 Vgl. Neumann, Gerhard u. Barbara Vinken: Kulturelle Mimikry. Zur Affenfigur bei Flaubert und Kafka. In: ZfdPh 126 (2007). Sonderheft: Texte, Tiere, Spuren. Hrsg. von Norbert Otto Eke u. Eva Geulen. S. 138f.
154 Vgl. Psarros 2002: 307.
155 Diese typische Neugier von Naturwissenschaftlern, denen es häufig an Mitgefühl mangelt, spiegelt sich treffend in einer Verszeile aus William Wordsworths Gedicht The Tables Turned (1798) wider: „We murder to dissect“ (Wordsworth, William: Poetical Works. Oxford: Oxford University Press 1990. S. 377).
156 Vgl. Jagow 2008: 514
Diese „Ruhe“ (328) steht im Kontrast zur gebräuchlichen Vorstellung über den Afrikaners, der den „natürlichen Menschen in seiner ganzen Wildheit und Unbändigkeit dar[stellen soll]“ (vgl. Hegel 1989: 122).
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Während seines Nachahmungsprozesses durchschaute er die menschliche Natur und erkannte ihre wahren Elemente: Gurren, Spucken, Pfeife rauchen und Schnaps trinken (vgl. 327, 329). Sie machen das eigentlich Menschliche aus. Folglich kann BfA ebenfalls als eine generelle Satire auf die Menschheit gelesen werden, denn wenn dies den Unterschied zwischen Homo sapiens und Schimpanse ausmachen soll, hat der Mensch seinen Rang wahrlich nicht verdient. 157 Rotpeter beweist dies u. a., indem er sein Gesicht nach dem Spucken „reinleckt[...], sie ihres [aber] nicht“ (329).
Auch beim Schnapstrinken entpuppt er sich als vernünftigeres Lebewesen. Gerade hier offenbaren die Menschen ihren unterbewussten Drang, einen Ausweg aus der steifen Kultur zurück zur Natur zu finden. 158 Für Rotpeter stellt das keinen Ausweg dar, obwohl „[v]iele Arten von Affen [...] eine starke Vorliebe für [...] Spirituosen [haben]“ 159 . Umso höher ist Rotpeters Abstinenz zu gewichten. Er hat dieses „Affentum“ (322) der Menschen hinter sich gelassen; die menschliche Lebensauffassung „verlockte“ (328) ihn nicht. Er wollte mehr; er wollte kein Tier mehr sein. Als er dann schließlich doch eine Schnapsflasche „wahrhaftig leer trank“ (331), tat er dies nicht, weil er der Verführung erlegen war, sondern weil er so schnell wie möglich in die „Menschengemeinschaft“ (331) eingegliedert werden wollte. Sein Wunsch war es, in die anonyme Menschenmasse zu „verschwinden und in seiner Eigentümlichkeit unsichtbar [zu] werden“ 160 . Das gesellschaftliche Aufnahmeritual des Trinkens war für ihn eine Notwendigkeit, um dieses Ziel zu verwirklichen bzw. zunächst einen „Ausweg“ (331) aus dem Käfig, dessen „Gitterstäbe ins Fleisch“ (325) des Tieres Rotpeter schnitten, zu finden. 161 Kurz darauf stellte sich wieder der „Widerwille gegen die Schnapsflasche“ (331) ein. 162
157 Vgl. Sokel 1983: 388.
158 „Die Leistung der Rauschmittel im Kampf um das Glück und zur Fernhaltung des Elends wird so sehr als Wohltat geschätzt, daß Individuen wie Völker ihnen eine feste Stellung in ihrer Libidoökonomie eingeräumt haben. Man dankt ihnen nicht nur den unmittelbaren Lustgewinn, sondern auch ein heiß ersehntes Stück Unabhängigkeit von der Außenwelt. Man weiß doch, daß man mit Hilfe des ‚Sorgenbrechers’ sich jederzeit dem Druck der Realität entziehen und in einer eigenen Welt mit besseren Empfindungsbedingungen Zuflucht finden kann.“ (Freud 2003: 44f.)
159 Darwin 2002: 6.
160 Oschmann 2009: 140.
161 „Ich wiederhole, es verlockte mich nicht, die Menschen nachzuahmen; ich ahmte nach, weil ich einen Ausweg suchte, aus keinem anderen Grund.“ (331)
162 Darwin skizziert in Die Abstammung des Menschen den Fall eines ähnlich standhaften Affen: „Weiser als viele Menschen, rührte ein amerikanischer Affe, ein Ateles, nach einem Branntweinrausch das infame Getränk nie mehr an“ (Darwin 2002: 7).
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Im Gegensatz zu Rotpeter gelang es vielen autochthonen Völkern, die mit den Europäern in Kontakt kamen, nicht der Verlockung zu widerstehen - was wohl auch ein Ausdruck ihrer Menschlichkeit war. Viele machte der Alkohol gefügig und führte in direkte Abhängigkeiten. Man verlor langsam die Kontrolle über das eigene Land und Leben. Hegel schreibt beispielsweise über die Urvölker Amerikas: „Mit Branntwein und Gewehr bekannt gemacht, sterben diese Wilden aus.“ 163
3.1.4 »Vernichtung der eigenen Natur«
„Exterminate all the brutes!“ 164 , rottet all die Bestien aus, schreibt Mr. Kurtz in einem Report über seinen Aufenthalt im Kongo. Auch außerhalb der Fiktion attestierte man den ‚Wilden’ aufgrund ihrer niedrigen Stellung auf der Entwicklungsleiter eine eindeutigere Nähe zum Tierreich. 165 Kritiker dieser Einordnung (z.B. Herder 166 ) waren rar, die Masse erfreute sich stattdessen an Völkerschauen, die die ‚Fremden’ in Tiergärten direkt neben Elefant, Tiger & Co. zur Schau stellten. 167
Was war der ‚Schwarze’ nun, Mensch oder Tier? Einer ähnlichen Unbestimmtheit der eigenen Identität ist auch Rotpeter ausgesetzt. Zu Hause in Afrika hatte er noch „kaum einen Unterschied zwischen [sich] [...] und den Vögeln gefühlt“ 168 ; lebte im Einklang mit anderen Arten und nun muss er sich im Zuge des menschlichen Ordnungswahns einfügen. Dabei scheitert er letztlich. „[U]nter Affen [ist er] ein Mensch und unter Menschen ein Affe.“ 169 Er ist, wie viele Figuren Kafkas, ein Fremder ohne Wurzeln, egal wo er sich gerade aufhält. 170 Seine Affenidentität kann er mit „Menschenworten“ (325) nicht wiederbeleben. Eine
163 Hegel 1992: 63.
164 Conrad 2006: 50.
165 Vgl. z.B. Lindqvist 2002: 197 oder Schwarz 2001: 135.
166 Vgl. Herder 2002: 231.
167 Vgl. Wolter 2005: 112 bzw. Schwarz 2001: 134.
168 Franz Kafka. Drucke zu Lebzeiten. Apparatband. Hrsg. von Wolf Kittler, Hans-Gerd Koch u. Gerhard Neumann. FaM: Fischer 1996. S. 373.
169 Gerigk 1989: 18.
170 „Seine traurige Wurzel- und Heimatlosigkeit kommt ihm im Geschlechtsleben am schmerzlichsten zu Bewußtsein. [...] Nicht mit einer Menschenfrau, sondern mit einem Tier muß er es sich ‚wohlgehen lassen’.“ (Sokel 1983: 390)
Nur in der Nacht offenbaren sich die animalischen Triebe, die im Dunkeln des Unterbewusstseins ausgeharrt haben. Am Tage „will ich sie [die halbdressierte Schimpansin] nicht sehen“ (333), sagt der Mensch Rotpeter. Zu sehr erinnert ihn der Geschlechtsakt an die eigentlich überwundene „Affennatur“ (331).
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Rückkehr ins „verlorene[...] Paradies“ 171 , sprich zurück nach Afrika, zurück in die Wiege der Menschheit, bleibt Rotpeter verschlossen. Einen Sprung ins „Weltmeer“ (328) hätte er mit seinem Leben bezahlt. Die einzige Alternative, sein Ausweg, ist - getreu der Fortschrittsmaxime Europas - das „Weiterkommen“ (327) auf der Entwicklungsleiter. Rotpeter zeigt sich offen gegenüber dem Menschsein, er ist bereit sich zu assimilieren, wenn er dafür leben darf. 172 Im Gegensatz dazu lassen die Europäer jegliche Offenheit gegenüber den ‚Fremden’ vermissen. In ihren Kolonien passen sie die Umwelt und das Leben der Menschen ihren eigenen Vorstellungen an oder wie Rotpeter es doppeldeutig formulierte: „[E]in gewesener Affe [ist] in die Menschenwelt eingedrungen [...] und [hat] sich dort festgesetzt“ (323).
Bestandteil von Rotpeters ‚Verwandlung’ ist das Erlangen seines Bewusstseins. Mithilfe der „identitätslosen Nachahmung“ 173 der Sprache seiner ‚Herrenmenschen’ kann er nun begrifflich denken. Dies stellt für den Affen einen ungemeinen „Perspektivenzuwachs“ 174 dar, der ihm in freier Wildbahn ‚erspart’ geblieben wäre. Für das ehemalige Tier ist diese „Störung“ 175 , die Erlangung des Bewusstseins, im wahrsten Sinne des Wortes lebensbedrohlich; denn bekanntermaßen sind sich Tiere ihres eigenen Todes nicht bewusst. Somit umgehen sie die vielleicht größte Qual, die das menschliche Leben bietet; nämlich das Wissen um die eigene unausweichliche Ausrottung. 176 Diesen Zustand kann Rotpeter fortan nicht mehr umkehren. Mit der Existenz des Bewusstseins ist ihm - wie auch den Menschen - 171 Sokel1983: 373.
172 Rotpeter hält sich damit an die Spielregeln der Evolution. Nur der, der sich an verändernde Umweltbedingungen anpasst, überlebt letztlich den ‚Kampf ums Dasein’. Die ‚Weißen’ haben sich dagegen über die Naturgesetze hinaus zum schöpferischen Gott erhoben, der die Welt gestaltet, wie sie ihm gefällt.
173 Kilcher, Andreas u. Detlef Kremer: Die Genealogie der Schrift. Eine transtextuelle Lektüre von Kafkas Bericht für eine Akademie. In: Textverkehr. Kafka und die Tradition. Hrsg. von Claudia Liebrand u. Franziska Schößler. Würzburg: Königshausen & Neumann 2004. S. 60.
In der Biologie verwendet man für ‚Nachahmung‘ den Begriff ‚Mimikry’. Dieser bezeichnet allgemein eine Anpassung, die durch Täuschung zum Selbstschutz durchgeführt wird. Speziell in der Biologie beschreibt er die Anpassungsgabe mancher Tiere, die in Gefahrensituationen z.B. die Färbung eines nicht-genießbaren Tieres täuschend echt nachahmen, um nicht gefressen zu werden. (Vgl. Duden. Fremdwörterbuch. 8. Aufl. Mannheim: Dudenverlag 2005. S. 663)
174 Rettinger, Michael L.: Kafkas Berichterstatter. Anthropologische Reflexionen zwischen Irritation und Reaktion, Wirklichkeit und Perspektive. FaM: Lang 2003 (= Trierer Studien zur Literatur 40). S. 30.
175 Ebd. S. 28.
176 „Kafka diagnostiziert ein Dilemma. Dem unbedingten Postulat der Erkenntnis, das ewige Leben zu erreichen, steht das unzulängliche Vermögen des Erkennenden entgegen“ (Rettinger 2003: 55). Die Lösung für das Rätsel des ewigen Lebens besaß ausgerechnet der dumme Affe, weil er eben kein Bewusstsein und damit auch keine Erkenntnis innehatte.
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eine geistige Rückkehr ins paradiesische, unbekümmerte „Affentum“ (322) an seinen „ursprünglichen Platz ‚im Plan der Schöpfung’“ 177 auf ewig versperrt. Das Einbrechen der Evolutionstheorie in die „heilige[...] Natur“ (326) zerbrach deren gleichberechtigte, horizontale Ordnung und verwandelte diese in eine Vertikale, die das Oben und Unten mit höher- und minderwertig gleichsetzte. Es ist der Sündenfall der Moderne. 178
3.2 Gefangen in Freiheit
3.2.1 »Eine Jagdexpedition der Firma Hagenbeck«
Aus dem Paradies gezerrt wurde Rotpeter ausgerechnet von einer der Expeditionstruppen des ‚Tierfreundes’ Carl Hagenbeck (1844-1913). An der „Goldküste“ (323) streckte man Rotpeter nieder. Dies war eine der Küstenregionen, von der eine Vielzahl afrikanischer Sklaven über die ‚middle passage’ in die zwei Amerikas verschleppt wurden. 179 Ähnlich wie die verkauften Menschen fand sich auch Rotpeter auf dem „Zwischendeck“ (324) eines Dampfers wieder. 180 Diese fortschrittlichen Kolosse verkürzten, seit ihrem Durchbruch in den 1860er Jahren, die Transportdauer erheblich und erleichterten somit den Tier- als auch den Menschenhandel. 181 Auf einen solchen Dampfer „erwachte“ (324) Rotpeter. Das Erwachen beschreibt gleichzeitig die ‚Erleuchtung’ seines Geistes. Allerdings befindet er sich noch auf einer Entwicklungsstufe zwischen Affe und Mensch. „Das Ganze [der Käfig] war zu niedrig zum Aufrechtstehen und zu schmal zum Niedersitzen. Ich hockte deshalb mit eingebogenen, ewig zitternden Knien [...] zur Kiste gewendet“ (324f). Der Käfig auf dem Schiff 182 machte eine Weiterentwicklung demnach unmöglich, was Rotpeter dazu zwang einen „Ausweg“ (325) zu suchen. Wie viele Einheimische aus Afrika auch, begann er sich an die neue Welt anzupassen.
177 Rettinger 2003: 21.
178 Vgl. ebd. 51.
179 Vgl. Abb. 3.
180 Wesentlich unbequemer als Rotpeter in seinem Käfig durfte es den Sklaven auf der Überfahrt ergangen sein, wie man bei näherer Betrachtung von Abb. 4 feststellen kann.
181 Vgl. Speitkamp 2009: 198.
182 Wie ein damaliger Transportkäfig für Affen aussah, zeigt Abb. 5.
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Es zeigt sich, dass Rotpeters Schicksal durchaus mit dem der afrikanischen Menschen in Beziehung gesetzt werden kann, schließlich war der große Hamburger Carl Hagenbeck nicht nur der „bedeutendste Tierhändler seiner Zeit“ 183 , sondern auch einer der Ersten, der Völkerschauen organisierte. 184 Die ersten Menschen, die er den Zuschauern präsentierte, waren ‚Lappländer’. Sie begleiteten eine Expedition mit dreißig Renntieren. Über die ‚Lappländer’ schreibt er in seiner Autobiografie Von Tieren und Menschen (1908): „Schön konnte man sie gerade nicht nennen. Die Augen stehen ein wenig schief, die Nase ist klein und platt.“ 185 In den Folgejahren warb Hagenbeck die verschiedensten Ethnien für seine „anthropologisch-zoologischen Ausstellung[en]“ 186 an. 187 Ob die Einheimischen wirklich wussten, worauf sie sich bei ihrer ‚Anwerbung’ einließen, ist fraglich. Kuenheim schildert den Fall von acht Eskimos, die sich auf ihrer Deutschlandtour mit den Pocken infizierten, weil ihr Agent vergaß, sie impfen zu lassen. 188 Neben Pocken kosteten auch Lungenerkrankungen Vielen das Leben. 189
Einem solchen Schicksal wollte der Affe Rotpeter unbedingt aus dem Weg gehen:
Als ich in Hamburg dem ersten Dresseur übergeben wurde, erkannte ich bald die zwei Möglichkeiten, die mir offen standen: Zoologischer Garten oder Varieté. Ich zögerte nicht. Ich sagte mir: setze alle Kraft an, um ins Varieté zu kommen; das ist der Ausweg; Zoologischer Garten ist nur ein neuer Gitterkäfig; kommst du in ihn, bist du verloren. (331)
Von einem „Tierparadies“ 190 , wie Hagenbeck den von ihm errichteten Tierpark in Hamburg-Stellingen nennt, kann also - zumindest aus Sicht eines Affen - nicht die Rede sein. Mit einer ‚Affenfreiheit’ war dies nicht vergleichbar.
183 Bauer-Wabnegg 1990: 352.
184 Vgl. Hagenbeck, Carl: Von Tieren und Menschen. Erlebnisse und Erfahrungen. 2. Aufl. Leipzig: List 1953. S. 47f.
185 Ebd. S. 48.
186 Ebd. S. 49.
187 Abb. 6 zeigt ein Plakat für die Ausstellung von Singhalesen.
188 Vgl. Kuenheim, Haug von: Carl Hagenbeck. Hamburg: Ellert & Richter 2007 (= Hamburger Köpfe). S. 111.
189 Vgl. Dreesbach 2005: 72.
190 Hagenbeck 1953: 211.
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3.2.2 »Menschenfreiheit«
Ausgerechnet ein Affe, der von ‚freien’ Menschen eingefangen wird, durchschaut am Ende die Illusion jenes großen Ideals des Kulturmenschen. Als Rotpeter aufgrund seiner vollzogenen Assimilation endlich seinen Käfig verlassen darf, findet er sich schon im Nächsten wieder. 191 „Ich sage absichtlich nicht Freiheit“ (326), denn die „Menschenfreiheit“ (326) ist eine „Täuschung“ (326).
Die Kritik des menschlichen Freiheitsbegriffs ist das wichtigste Sujet in BfA. Die Frage, die Rotpeter aufwirft, ist, ob die Zivilisierungsmission, die der Abendländer in die weite Welt hinaus verbreitet, wirklich ein Fortschritt für die ‚nicht-missionierten’ Völker darstellt. Die Kultur an sich, so Freud, soll den Menschen u. a. gegen die Willkür der Natur schützen. 192 Anstatt sich demnach einer ständigen Gefahr (‚Fressen und gefressen werden’) auszusetzen, rottet man sich in einer starken Gemeinschaft zusammen. Der Affe Rotpeter wurde exakt aus einer solchen Gemeinschaft herausgerissen, als er in Gesellschaft seines „Rudels zur Tränke lief“ (323). Der Eintritt in die Kultur erfolgte mit der Gewalt zweier Gewehrschüsse. Diese Waffe hat der Kulturmensch - wie gesehen - sich zu Recht erfunden, um sich eben gegen jene „Übermacht der Natur“ 193 zu verteidigen. Das klingt absurd, entsprach aber durchaus dem realen Gebaren der Kolonialisten. Rotpeters Leben gerät erst durch den Auftritt des ‚weißen Mannes’ in Gefahr, einer sichernden Kultur hatte es bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht bedurft. Herausgerissen aus dem Zustand der „Naturvollkommenheit“ 194 , findet Rotpeter in diesem bizarren Konstrukt schließlich Aufnahme. Aus dem ehemaligen „Himmel über der Erde“ (322), der ihm zur Flucht jederzeit offenstand, ist ein „Loch in der Ferne“ (322) geworden. Seine ‚Affenfreiheit’, von der er bis dahin gar keinen Begriff hatte, da ihn für das „affenmäßig Gefühlte“ (325) eben die Worte fehlten und die Freiheitsproblematik auch niemals zur Disposition stand, lernt er erst in Gefangenschaft wertzuschätzen. 195 Auch hier ist die
191 Vgl. Hiebel, Hans Helmut: Die Zeichen des Gesetzes. Recht und Macht bei Franz Kafka. 2. Aufl. München: Fink 1989. S. 127.
„Die Paradoxie des Käfigs, der ‚vielleicht’ einer ist, ‚vielleicht’ keiner ist, wendet sich gegen die Elegie Rousseaus, gegen eine positive Geschichtsphilosophie fortschreitender Negation der Natur [...]“ (vgl. Hiebel 1999: 66).
192 Vgl. Freud 2003: 55f.
193 Ebd. S. 52.
194 Oschmann 2009: 144.
195 Vgl. Rettinger 2003: 35, 59.
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Erkenntnis und das „Eindringen der Wissensstrahlen“ (332) wohl eher schmerzhafter Natur. Im Vergleich zur ‚Affenfreiheit’ ist die menschliche Kultur und ihr Freiheitsbegriff den Affen nur ein „Gelächter“ (326) wert. „Kein Bau würde [diesem] standhalten“ (326). Die erlangte „kulturelle Unabhängigkeit von Natur [schafft] nur neue Abhängigkeiten“ 196 . Statt freier Entfaltung zwingt sie jedes Individuum sich in die bestehende Ordnung einzufügen. 197 Diese Ordnung wiederum besteht aus den immer gleichen Abläufen, die vor dem Chaos, und damit der ‚Wildheit’, schützen sollen. Durch den „Zwang zur Arbeit“ 198 wird der Fortbestand der Kultur gesichert, indem fortwährend neue Artefakte erzeugt werden, die zum Schutz gegen die Natur dienen und damit gleichzeitig den Menschen weiter von seinen eigentlichen Wurzeln entfernen.
Die Produktion der Artefakte ist letzten Endes ein Ergebnis der Triebsublimierung des Menschen, da die Kultur es nicht erlaubt, dass jedes Individuum seine Triebe auslebt. 199 Wie im Falle Rotpeters muss auch der Kulturmensch gezähmt werden, was eine „unabwendbare Notwendigkeit“ 200 im Kulturprozess darstellt. Umgekehrt erzeugt der Triebverzicht innerhalb der Gemeinschaft eine „Feindseligkeit, gegen die alle Kulturen zu kämpfen haben“ 201 . Ein Leben in der Kultur erfordert somit „Disziplinierung, Domestizierung [...] [und] Dressur“ 202 der Mitglieder. Das ‚Über-Ich’ als unsichtbare Autorität lässt überhaupt keine Freiheit zu. Es ist ein illusorischer „Menschena u s w e g “ (332), aber keine Freiheit. Rotpeter durchschaut diese „selbstherrliche Bewegung“ (326), die bloße „Täuschung“ (326) ist. Der Verstand des Affen triumphiert gegen den des verblendeten Menschen, welcher sich lieber in seiner Phantasie die Freiheit erträumt, als sein reales Dilemma einzusehen. 203 Eine fassbare Freiheit bleibt eine Utopie, die nur der Affe bisher erleben durfte. 204 Zwar wurde auch der Mensch in den frühen Stadien seiner Evolution ihr Zeuge, doch zu diesem „Affentum“ (323) hat er in seiner Überheblichkeit die Verbindung gekappt. Damit bleibt die Erfahrung der
196 Hiebel 1999: 33.
197 Vgl. Koch 2003: 187.
198 Freud 2003: 66.
Diesem Arbeitszwang unterliegt ebenso Rotpeter als Darsteller „auf allen großen Varietébühnen“ (323). „Am Abend ist fast immer Vorstellung“ (332), berichtet er. Auch er muss sich also als nützliches Mitglied der Menschengemeinschaft erweisen (vgl. Hiebel 1999: 32).
199 Vgl. Freud 2003: 63, 61.
200 Hiebel 1999: 64.
201 Freud 2003: 63.
202 Oschmann 2009: 144.
203 Kafka 1996: 375.
204 Vgl. Sokel 1983: 376.
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„harmonischen Freiheit des wilden Tieres“ 205 versagt. Vergrämt durch dieses auf ewig ausbleibende unbeschwerte Leben, entwickelte der ‚höher stehende’ Europäer „einen Haß gegen die der Tierheit näher gebliebenen Stufen: woraus die ehemalige Mißachtung des Sklaven, als eines Nicht-Menschen, als einer Sache zu erklären ist“ 206 . Wie eine solche ‚Sache’ wird auch Rotpeter während seiner „vorwärts gepeitschten Entwicklung“ (322) betrachtet. Gewaltsam wird er in die „Menschenwelt“ (322) hineingetrieben wie einst der Mensch selbst. Aus dem ehemaligen „Sturm“ (322), der die Unbändigkeit und Wildheit früherer Tage symbolisiert, wurde ein „Luftzug, der [ihm] [...] die Fersen kühlt“ (322). Rotpeter ermahnt schließlich die „Hohe[n] Herren von der Akademie“ (322), ihr eigenes „Affentum, [...] soferne Sie etwas Derartiges hinter sich haben“ (323) nicht zu leugnen. Denn „[a]n der Ferse [...] kitzelt es jeden, der hier auf Erden geht: den kleinen Schimpansen wie den großen Achilles“ (323). Rotpeter fügt mit seinem aufschlussreichen Bericht die Idee der Gleichheit aller Rassen, die im Laufe des 19. Jahrhunderts zerbrochen wurde, wieder zusammen. Damit demonstriert der Affe wahre Menschlichkeit.
205 Sokel 1983: 383.
206 Nietzsche 1999: 68.
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4 Schluss
Rotpeter ist ein wahrlich erstaunlicher Mensch, wenn man bedenkt, dass er aufgrund der kurzen Zeit, die er zur Menschwerdung benötigt hat, vermutlich schon als Affe in Afrika über ein ungeheures Potential verfügt haben muss. 207 Dieses haben die Europäer schlichtweg nicht sehen wollen, sondern schossen ihn stattdessen einfach ab. Gleiches gilt wohl auch für die Völker, die in Afrika lebten bis die Europäer in ihr Leben eindrangen. Deren vermeintliche kulturelle Überlegenheit speiste sich während der Aneignung des fremden Landes letztlich nur aus der Gewalt und der Technik, die sie umsetzte. 208 Den wahren ‚Übermenschen’ verkörpert dagegen der ehemalige Affe Rotpeter, der in seinem Bericht „[a]lle Kriterien und Leitkonzepte, die der Mensch zur Unterscheidung vom Tier verwendet, wie Sprache, Bildung, Wahrheit, Freiheit und Bewusstsein, [...] gezielt entkräftet“ 209 . Damit fällt der Mensch, der sich in seiner Position an der Spitze der Evolutionsleiter sicher glaubte, zurück auf die Stufe des Affen, während dieser ihn mit einem Satz übersprang. 210
Dank der immer wieder erwachsenden menschlichen Hybris wird diese geistreiche Erzählung Kafkas wohl immer aktuell bleiben. Natürlich bietet Ein Bericht für eine Akademie vor allem eine kritische Perspektive auf das im Schatten des Zweiten Weltkrieges stehende, wenig Beachtung findende Zeitalter des Kolonialismus, welches mit seinen Vorstellungen erst die ‚wissenschaftlichen’ Grundlagen für die spätere ‚legitime‘ Vernichtung der Juden und anderer ‚minderwertiger Rassen’ während der Nazidiktatur legte. Ein umfassenderer Blick ist diesbezüglich nur zu wünschen; doch auch für den heutigen Leser kann der Text Einiges leisten. Er hinterfragt unsere große Idee von Freiheit, unseren Umgang mit ‚Fremdem’, aber auch unsere Selbstherrlichkeit, indem wir versuchen Gott zu spielen. Man denke hierbei nur an die Manipulation des Erbguts um ein perfektes Menschenkind - den ‚Übermenschen’ - zu erschaffen.
207 Vgl. Psarros 2002: 311.
208 Vgl. Hiebel 1999: 63.
209 Oschmann 2009: 141
210 Diesen Verlauf prophezeite schon Nietzsche in Menschliches - Allzumenschliches (1878): „Vielleicht ist das ganze Menschentum nur eine Entwicklungsphase einer bestimmten Tierart von begrenzter Dauer: so daß der Mensch aus dem Affen geworden ist und wieder zum Affen werden wird, während Niemand da ist, der an diesem verwunderlichen Komödien-Ausgang irgendein Interesse nehme.“ (Nietzsche 1999: 229f.)
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Herder, Johann Gottfried: Werke. Hrsg. von Wolfgang Pross. Bd. III/1: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. München: Hanser 2002.
Hiebel, Hans Helmut: Die Zeichen des Gesetzes. Recht und Macht bei Franz Kafka. 2. Aufl. München: Fink 1989.
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Internetquellen
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http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?apm=0&aid=ptb&datum=19170401&seite=13&zoom=0 (23.6.2010), http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?apm=0&aid=ptb&datum=19170401&seite=14&zoom=0 (23.6.2010). Konsul Peter. In: Prager Tagblatt 257 (1908). S. 5.
http://anno.onb.ac.at/cgi- content/anno?apm=0&aid=ptb&datum=19080917&seite=5&zoom=0 (23.6.2010).
Théâtre Variété. In: Prager Tagblatt 258 (1908). S. 7.
http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?apm=0&aid=ptb&datum=19080918&seite=7&zoom=0 (23.6.2010).
39
6 Abbildungen
Abbildung 1: Schifffahrtsrouten, Meeresströmungen und Passatwinde nördlich des Äquators
(Meissner 2008: 31)
41
Abbildung 3: Die wichtigsten afrikanischen Regionen im atlantischen Sklavenhandel
(Meissner 2008: 53)
42
Abbildung 4: Englisches Sklavenschiff 'Brookes', 1789
(Meissner 2008: 71)
43
Abbildung 5: Beförderung gefangener Affen in Transportkisten zur Bahnstation
(Hagenbeck 1953: 51)
44
Abbildung 6: Plakat der Singhalesen-Schau, 1883/84
(Kuenheim 2007: 107)
Arbeit zitieren:
Karsten Tischer, 2010, Kafkas Kolonialismuskritik am Beispiel der Erzählung „Ein Bericht für eine Akademie“, München, GRIN Verlag GmbH
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