1. WAS WILL DIESE ARBEIT - EINE EINLEITUNG 3
2. WAS IST EIN „SOMMERHÜGEL“? - DAS MENSCHENBILD A.S. NEILLS 3
2.1 ENTWEDER KEINS ODER 4
2.2 DER MENSCH IST GUT 4
3. SCHLAGWORTE IN DER PÄDAGOGIK NEILLS 5
3.1 FREIHEIT 5
3.2 GLÜCK 6
3.3 DEMOKRATIE UND DIE FREIHEIT DER ANDEREN 7
3.4 VOM KINDE AUS 7
3.5 AUF GANZHEIT AUSGERICHTET 8
4. BIOGRAPHISCHE EINFLÜSSE AUF NEILLS SCHLAGWORTE 8
4.1 GESELLSCHAFTLICHER UND RELIGIÖSER HINTERGRUND 8
4.2 EINFLUSS AUF SEINE BEGRIFFE VON FREIHEIT UND GLÜCK 9
4.2.1 Angst und Züchtigung 10
4.2.2 Sexualtabus und katholische Kirche. 11
4.3 EINFLUSS AUF SEINE VORSTELLUNGEN „VOM KINDE-“ UND AUF GANZHEIT AUS 11
4.4 ZUSAMMENFASSUNG 12
5. DIE ORGANISATION DER SCHULE HINSICHTLICH NEILLS VORSTELLUNGEN 12
5.1 DIE FREIHEIT MAN SELBST UND DAMIT GLÜCKLICH ZU SEIN 13
5.2 DIE FREIHEIT DER ANDEREN UND DEMOKRATISCHE ORGANISATION. 13
6. KRITIK UND MISSVERSTÄNDNISSE UND KRITIK 14
6.1 ZU VIEL FREIHEIT IST NICHT NORMAL 14
6.2 NEILL IST HEDONIST 16
6.3 NEILL IST EIN FEIND DES INTELLEKTS 17
6.4 DIE PERSÖNLICHKEIT NEILLS 18
6.5 „THEORETISCHE DÜRFTIGKEIT“ 19
7. WAS BLEIBT - HEUTIGE BETRACHTUNG SEINER VORSTELLUNGEN 20
7.1 WEG VOM ZWANG 20
7.2 GLÜCK ALS ERINNERUNG UND PRÄGUNG 21
7.3 EMOTIONALITÄT UND WISSEN 21
7.4 DEMOKRATIEFÖRDERNDE ELEMENTE 22
7.5 ZUSAMMENFASSUNG 23
8. LITERATURLISTE 24
2
1. Was will diese Arbeit - eine Einleitung
Alexander S. Neill begründete 1921 in Leiston (nahe London) die „Summerhillschool“. Bekanntheit erlebte diese Schule allerdings erst Ende der 60er Jahre, in welchen betont oppositionale Erziehungsgedanken gesucht wurden. Neills Erziehungsidee berühmte durch sein Werk: „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung“ (deutscher Titel).
Mit „antiautoritär“ wurde und wird noch heute eher ein laissez fairer Erziehungsstil assoziert. Laissez faire bedeutet eigentlich: Gewährenlassen, Nichteinmischung bzw. „lasst sie machen, lasst sie gehen“. Konnotiert ist es jedoch meistens negativ: „lasst sie doch machen, ist mir doch egal.“ - und so wird auch mit dem Begriff der „antiautoritäre Erziehung“ eher Negatives verbunden.
Verwunderlich ist jedoch, dass weder im Originaltitel 1 dieses namhaft gewordenen Werkes, noch in den anderen Werken Neills je der Begriff „antiautoritär“ auftaucht. Neill gebraucht meist Wörter wie „frei“ oder „repressionsarm“ und sagt selbst: „Es ist der Titel des Verlags, nicht der meine. Verschiedene junge Deutsche versuchen, das Buch in ihrem Kampf für Kommunismus oder Sozialdemokratie oder was auch immer zu verwenden. Ich sage Ihnen, daß das Buch nichts mit Politik zu tun hat.“ (NEILL 1982, S. 246). Die deutschen Übersetzer benutzten diesen Begriff, weil sich so Neills populär gewordenes Werk besser verkaufen lies. Dem politischen Kampf und der Rhetorik der sozialistischen Studenten und Schüler war der Begriff „antiautoritär“ ein willkommenes Schlagwort, insbesondere wegen der Vorsilbe „anti“ und so dürfte an der Verbreitung des Wortes „antiautoritär“ das Taschenbuch Neills maßgeblich beteiligt gewesen sein.
Doch was steckt tatsächlich im Erziehungskonzept Neills drin? In dieser Arbeit geht es mir nun um ein genaueres Hinsehen. Ziel dieser Arbeit ist es daher die Erziehungsgedanken bzw. die pädagogischen Schlagworte Neills vorzustellen (Kapitel 2-3), ihre biographischen Ursprünge nachzuzeichnen (Kapitel 4) und ihre schulpädagogische Umsetzung aufzuzeigen (Kapitel 5). Auf dieser Basis gehe ich dann im 6. Kapitel auf die - z.T. sehr polemische - Kritik gegenüber Neills Schlagworten ein, überprüfe diese und werte sie aus. Das letzte Kapitel (7.) versucht schließlich mögliche Verbindungen Neills Erziehungskonzeptes zur heutigen pädagogischen Praxis aufzuspüren. So lässt sich eventuell erkennen, inwiefern die so weit verbreiteten Negativkonnotationen der Erziehungsidee Neills eine Widerspiegelung in der Realität findet.
2. Was ist ein „Sommerhügel“? - Das Menschenbild A.S. Neills
Die Schule Summerhill befindet sich in Leiston, einer kleinen Stadt an der Ostküste Englands nicht weit von London entfernt. Neill gab ihr den Namen. Doch er beschreibt erstaunt, dass auch 45 Jahre nach der Namensgebung ihn nicht ein einziger Besucher nach dem Grund des Namens fragte und das obwohl doch die Umgebung vollkommen flach war. (NEILL 1982, S. 154).
Aber was machte diese Schule für ihn zu einem „Summerhill“? Wenn man sich das Menschenbild Alexander S. Neills ansieht, erahnt man warum die Schule für ihn ein Sommerhügel repräsentiert. Das Menschenbild Neills besteht aus fünf Schlagworten: Freiheit, Glück, Gemeinschaft, „Vom Kinde aus“ und Ganzheitlichkeit, wobei Freiheit und Glück die zwei zentralsten Begriffe sind. Für Glück steht der Sommer und für Freiheit steht der Hügel. So könnte man diese - Summerhill tragenden - Umschreibungen interpretieren. Denn diese geben wieder, wovon Neill ausging: „Es ist besser, frei und zufrieden zu sein und nicht zu wissen, was ein Dezimalbruch ist, als Prüfungen zu bestehen und das Gesicht voller Pickeln zu haben.“ (TP 2 , S. 321).
1 „Summerhill. A Radical Approach to Child Rearing“, übersetzt heißt dies: „Summerhill. Eine extreme Annäherung an die Kinderziehung“ (Es handelt sich herbei um eine eigene Übersetzung).
2 TP steht für Theorie und Praxis ..., s. Literaturliste: Neill, Alexander Sutherland (1999): Theorie und Praxis der Antiautoritären Erziehung. (erstes dt. © 1969), Reinbek.
3
2.1 Entweder keins oder ...
Neill sah sich in seinem Leben oft als der Schüler von Meistern und als Suchender. So verglich er immer wieder die Beobachtungen seiner Erziehung mit der eigenen Sozialisation, mit der praktischen Politik, mit Denkstrukturen der literarischen Avantgarde und - später - mit den Ideen der Psychoanalyse, bevor er sich für Erziehungsmaßnahmen entschied.
Es kam daher bei Neill oft zum Wandel insbesondere in seinen politischen Auffassungen. Nämlich immer dann, wenn Ideologie und Wirklichkeit nicht mehr mit einander übereinstimmten. Er besaß eine gefühlsmäßig getragene Skepsis gegen jede Ideologie und gegen jede Erziehungstheorie, die ein exaktes Menschenbild entworfen hat und eindeutigen Normen bevorzugt (vgl. Karg 1983, S. 228). So kritisierte Neill jede Ideologie gleichermaßen.
Selbst seine eigene betrachtet er sehr kritisch. Obwohl er sie selbst als offen und zwangfrei beschreibt, schellt er sich selbst dafür, dass er damit quasi eine Wahrheitsauffassung vertritt:
„Ich würde sagen, meine eigene Philosophie besteht im großen und ganzen darin, Menschen auf ihre Art leben zu lassen, und das ist es im Grunde, was Summerhill ausmacht. Ich habe immer wieder geschrieben, daß kein Mensch gut und weise genug ist, um anderen sagen zu können, wie sie leben sollen, aber ich weiß natürlich, daß ich, wenn ich eine Schule leite, wo die Kinder Freiheit haben, und dann darüber schreibe, damit selber indirekt versuche, meinen Lesern zu sagen, wie sie leben sollen; mit anderen Worten, ich bin mir bewußt, daß ich ein Schwindler bin.“ (NEILL 1982, S. 245)
Da Neill nicht auf der Suche nach einer umfassenden, alles absichernden Theorie ist, kann er ideologischer Vereinnahmung leichter entgehen, denn er unterstellt dort Ideologieverdacht, wo er durch entsprechende normative Vorgaben gefühlsmäßig Gefahren für einen weit gefassten Freiheitsbegriff erspürt. (Karg 1983, S. 72)
2.2 ... der Mensch ist Gut!
Obwohl Neill sich von jedem absoluten und exakten Menschenbild freizumachen suchte, gab er in einem Punkt nie nach:
Seiner Überzeugung nach war der Mensch gut und nicht böse.
Dieses positive Menschenbild teilt er mit Rousseau, welcher den Menschen ebenfalls als von Natur aus gut verstand. Allerdings wandte er sich gegen die von Rousseau verfochtene Alleinerziehung sowie den steuernden Einfluss des Erziehers. Denn gerade in diesem Punkt war Neill anderer Meinung: „Sich selbst überlassen und unbeeinflusst von Erwachsenen, entwickelt es [das Kind, Anm. R.T.] sich entsprechend seinen Möglichkeiten.“ (TP, S. 22f.).
Dazu war das Kind fähig, weil es laut Neill, von Natur aus verständig und realistisch ist. Diese Auffassung steht der damals üblichen entgegen. Neugeboren galten als schlecht, als in Sünde geboren (born in sin). Aufgabe der Erziehung war es durch Disziplin und Sanktionen, den Kindern diesen „Teufel auszutreiben“. Neill wandte sich daher bittend an die Eltern:
"... ich bitte die Eltern, weiter zu blicken, weit über ihren unmittelbaren Gesichtskreis hinaus. ich bitte sie, eine Zivilisation zu fördern, in der einem bei der Geburt nicht die Sünde aufgeladen wird. Ich bitte sie darum, alles abzuschaffen, was Erlösung nötig macht. Sie sollten dem Kind sagen, dass es gut geboren ist - nicht schlecht. Ich fordere sie auf, ihren Kindern zu sagen, daß diese Welt besser gemacht werden kann und besser gemacht werden muß, daß sie ihre Energie hier und jetzt einsetzen - nicht für ein fiktives ewiges Leben nachher." (TP, S. 228f.).
4
Neill sah in den Umweltbedingungen, in welche die Neugeborenen hineinrutschen, die Ursache dafür, dass sie oft zu „schlechten“ Menschen wurden. Das Individuum muss unter dem Einfluss einer menschenfeindlichen Erziehung versagen, weil es sich gegen institutionalisierte Mächte nicht behaupten darf, konstatiert Neill (NEILL 1982, S. 306). Dieses Hineinrutschen bezeichnet Neill 3 als „born into sin“ und stellt es damit bewusst der gängigen Auffassung entgegen. Auch zu diesen Aussagen kommt er nicht durch theoretische Überlegungen 4 , sondern weil er die unterschiedlichen Erziehungsstile der einzelnen Schulleiter miteinander verglich.
Sein freiheitlich, positives Menschenbild ließ ihn - beeinflusst von Lane - eine Pädagogik vom Kinde aus betreiben, bei welcher die Idee einer freien, also unbeeinflussten Erziehung im Mittelpunkt steht (NEILL 1982, S. 168ff.).
„Meine Botschaft lautete: Vergesst die törichten Schulfächer und richtet den Blick auf das Kind, aber objektiv; versucht nie, es zu formen.“ (Neill, vgl. Karg 1983, S. 38).
3. Schlagworte in der Pädagogik Neills
3.1 Freiheit
Neills Menschenbild zeigt, dass ihm eine freie Erziehung der Kinder enorm wichtig ist. Doch was meint Neill, wenn er von Freiheit spricht?
Eine klare Definition von Freiheit gibt er nicht. Um Freiheit zu beschreiben, benutzt Neill sinnverwandte- und Gegensatzbegriffe, wie Selbstbestimmung, Zwang und Zügellosigkeit. Diese ermöglichen allerdings keine begriffliche Trennschärfe, sondern geben nur eine Orientierung (vgl. Kap. 6.5).
In „Freedom - Not License!“ macht er den Unterschied zwischen Zügellosigkeit und Freiheit an der Freiheit des Anderen fest. Respektiert man die Freiheit des Anderen nicht ist es Zügellosigkeit, andernfalls Freiheit (vgl. Karg 1983, S. 166).
In Summerhill sollten die Kinder die Freiheit haben, sie selbst zu sein, ohne dabei jedoch die Freiheit der Anderen zu beeinträchtigen (bzw. zügellos zu sein). Der Weg dorthin sollte vor allem durch den Verzicht von Disziplinarmaßnahmen, Lenkung, suggestiver Beeinflussung und jedweder ethischen und religiösen Unterweisung geebnet werden (TP, S. 22).
Neill meint, dass die größten Feinde kindlicher Handlungsfreiheit Religionen, sowie jegliche Ideologien sind, welche die selbige vereinnahmen. Denn diese Vereinnahmung führt zu frühen Prägungen und zu Verunsicherung des Individuums über seinen Eigenwert, seine Qualitäten und seine Möglichkeiten. Sind diese erst beeinflusst, ist eine wichtige Voraussetzungen für den Erfolg solcher Ideologien und Religionen gegeben, meint Neill (vgl. TP, S. 105ff., 113ff., 139f. sowie Karg 1983, S. 79f.). Neill resümiert daher:
„Ich weiß, daß der Mensch nicht frei sein wird, solange seine Kindheit, diese lange Zeit der Hilflosigkeit, von Erwachsenen bestimmt wird, die sich die Einstellung der Mehrheit dem Leben gegenüber zu eigen machen.“ (NEILL 1982, S. 263).
3 Neill: „A Dominie's Log“ (eigene Übersetzung: „Das Tagebuch/Protokoll eines Schulmeisters“), vgl. Karg, S. 23, 26.
4 „Ich habe die vergangenen 40 Jahre nicht damit verbracht, Theorien über Kinder niederzuschreiben. Der Großteil dessen, was ich geschrieben habe, beruht auf Erfahrungen mit den Kindern, die bei mir lebten.“ (TP, S. 101).
5
Manipulation und Einflussnahme lehnt er auch auf unterrichtlicher und erziehlicher Ebene ab und stellt sich gegen die damals neuen Therapien der Verhaltensforscher - Watson, Pawlow und Skinner, welche er polemisch als Konditionierer für den eigenen Nutzen bezeichnet (NEILL 1982, S. 233, 267). Sich selbst verpflichtet er, nie Manipulationen von seiner eigenen Person ausgehen zu lassen (TP, S. 238). Einer solch hohen idealen Verpflichtung kann er nicht gerecht werden, räumt er selbstreflektierend ein. 5
Seine Freiheitsforderungen erstrecken sich noch auf einen weiteren Bereich, den der sexuellen Freiheit. Er verurteilte Sexualtabus sowie die Verdammung der Selbstbefriedigung und die damit meist verbundene Prügelstrafe, da er sie für entwicklungshindernd hielt. Diese Forderungen waren zu dieser Zeit etwas Neues und so gab es viele - größtenteils polemische - Kritiker, welche Neill als Hedonisten bezeichneten (vgl. Kap. 6.2).
Ein dritter Gesichtspunkt, den er mit Freiheit verbindet, ist die Frage nach der Fähigkeit zur Selben. Ihm erscheinen viele Menschen für die Freiheit zu unreif. Er räumt ein, dass das Angebot menschlicher Freiheit immer zugleich auch ihre größte Gefährdung bedeutet. Hier nimmt er eine Idee Freuds, in der weiterentwickelten Fassung Fromms explizit auf. Nämlich, dass mit der Freiheit nur etwas anfangen kann, wer sie kennen- und schätzen gelernt hat. (PS 6 , S. 22 sowie Karg 1983, S. 86, Fußnote 198). Die Menschen suchen die Freiheit, und zugleich haben sie Angst vor ihr (NEILL 1982, S. 263).
3.2 Glück
Ich will nicht die Welt verbessern, sondern nur ein paar glückliche Kinder, schrieb Neill in seinem famosen Werk: „Theorie und Praxis der Antiautoritären Erziehung“ (TP, S. 86). Doch auch bei diesem zweiten Grundsatz ist keine klar abgegrenzte Definition davon zu finden, was Neill unter Glück versteht. Es kommt erschwerend hinzu, dass für Neill, Freiheit und Glück einhergehen. Glück ist für ihn das Freisein von Neurosen (PS, S. 102), das Befreitsein von Zwang (TP, S. 274), aber auch eine optimistische Einstellung zum Leben (PS, S. 103). Diese Vielfalt von Anmerkungen zu einem Begriff, lässt eine klare Definition kaum zu. Bemüht man sich Neills Äußerungen zusammenzufassen, gelangt man vielleicht zu dieser nicht ganz vollständigen Formulierung:
Der Mensch ist zwar gesellschaftlichen Zwängen unterworfen, kann sich jedoch davon freimachen, wenn er es gelernt hat, mit seiner Freiheit umzugehen. Dies kann er nur in einer glücklichen Umgebung, vor allem in einer glücklichen Familie. Glücklich sind die Individuen einer Familie, wenn sie sich physisch und psychisch ganz von den gesellschaftlichen Zwängen befreien. Glück könnte somit als Zustand minimalster Unterdrückung definiert werden (vgl. TP, S. 321ff.).
5 „[Ich bin mir bewusst, dass] kein Mensch gut und weise genug ist, um anderen sagen zu können, wie sie leben sollen, aber ich weiß natürlich, daß ich, wenn ich eine Schule leite, wo die Kinder Freiheit haben, und dann darüber schreibe, damit selber indirekt versuche, meinen Lesern zu sagen, wie sie leben sollen; mit anderen Worten, ich bin mir bewußt, daß ich ein Schwindler bin.“ (NEILL 1982, S. 245)
6 PS steht für Prinzip Summerhill, s. Literaturliste: Neill, A. S. (1996, dt.-org.: 1971): Das Prinzip Summerhill : Fragen und Antworten. Reinbek.
6
3.3 Demokratie und die Freiheit der Anderen
Neben der Freiheit des Einzelnen betont Neill, dass diese nicht die Freiheit der Anderen beeinträchtigen darf. Er setzt sich für die Ich-Stärke des Kindes ein, die sich in der Gemeinschaft ausbilden soll, und nicht gegen die Gemeinschaft (vgl. Kap. 4.1).
Regeln sollen nicht vorgegeben, sondern einer sich entwickelnden Debatte geöffnet werden. Karg nennt eine solche Form konventionskommunikative Normenbegründung (Karg 1983, S. 73f.). Laut Karg (ebd.) ergeben sich durch dieses Modell zwei wesentliche Vorteile: 1. Normen werden immer wieder diskutiert, modifiziert und wenn nötig auch aufgehoben. Nämlich immer dann, wenn sie sich nicht mehr bewähren, weil ihre Konsequenzen zu Ungerechtigkeiten führen. (vgl. TP, S. 64)
2. Das Verfahren selbst wird nicht bürokratisiert oder über eine verbindliche methodische Strategie formal der Einflusssphäre der Schüler entzogen, sondern ohne großen Aufwand im Sinne einer praktisch gewordenen Staatsbürgerkunde gelöst (TP, S. 70). Dadurch bleibt sowohl ein unterrichtlicher wie auch psychologischer Anspruch demokratischer Erziehung erhalten. Die Aufgabe des Erziehers ist dabei, mit seiner ganzen Erfahrungsbreite undvielfalt dem Kind zur Verfügung zu stehen. Zudem sollte der Erzieher dem Kind keine Verantwortungen zu übertragen, zu der es nicht geeignet ist, oder ihm Entscheidungen aufbürden, welche es noch nicht treffen kann. Leitend sollte der Common Sense, also der gesunde Menschenverstand sein (TP, S. 156). Was genau darunter zu verstehen ist, lässt Neill allerdings offen. So zeigt sich auch bei seinem 3. Schlagwort wenig Schärfe bei der Begriffsbestimmung.
3.4 Vom Kinde aus
Neill betont immer wieder, dass er einen seiner wesentlichen Erziehungsgrundsätze von Homer Lane hat (NEILL 1982, S. 141, 163, 168ff; TP, S. 127): Auf der Seite des Kindes stehen. 7 Für Neill ist das gleichbedeutend mit Anerkennung, Zuneigung, Freundlichkeit und dem Fehlen jeglicher Erwachsenenautorität.
Auf der Seite des Kindes stehen, heißt für ihn vor allem, die Interessen des Kindes sprechen zu lassen und nicht das Interesse des Kindes für etwas zu wecken: „The interest should come from within the child, and this making things too attractive is wrong.” (Neill: A Dominie Abroad. London. 1923, S.72, zit. n. Kühn, S. 29).
Wenn Erziehende - insbesondere Lehrer - von äußeren Interessen geleitet werden, wie z.B. dem Lehrstoff, der begrenzten Zeit, der Notwendigkeit des Stundenplans, etc., dann bleiben die Interessen der Kinder auf der Strecke. Er forderte daher Kinder in ihrer eigenen Art und ihrem eigenen Tempo gemäß aufwachsen zu lassen (NEILL 1982, S. 160).
Eine solche Auffassung von „Vom Kinde aus“ teilt Neill mit vielen Reformpädagogen seiner Zeit. Hervorstechend ist bei ihm die besondere Betonung auf Gewährung von Langsamkeit und seine Sympathie gegenüber lernschwachen Kindern.
7 Den Ausruf „Vom Kinde aus“ wird historisch Maria Montessorri zugeschrieben. Da aber um die Jahrhundertwende (1900) eine ganze Reformbewegung in Europa auftauchte, ist es nicht verwunderlich, dass viele Pädagogen diese Idee kundtaten.
7
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Ronny Teschner, 2004, Summerhill-Alexander Neills Schlagworte und deren schulpädagogische Umsetzung, München, GRIN Verlag GmbH
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