Einführung
„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an,
sie zu verändern.“ 1 Dieser bis heute weltbekannte Ausspruch entstammt der Feder des jungen Karl Marx und ist zugleich die elfte und letzte These seines Schriftwerks aus dem Jahre 1845, welches unter dem Titel „Thesen über Feuerbach“ berühmt wurde. Bestehend aus fünfundsechzig Zeilen, gedruckt auf gerade einmal zweieinhalb Seiten, stellt es eines der kleinsten Dokumente unserer abendländischen Philosophiegeschichte dar, jedoch zugleich auch eines der
bedeutendsten und am häufigsten zitierten. 2 Der ursprüngliche Text ist in einem seiner Notizbücher von 1844-1847 unter der Überschrift „1. ad Feuerbach“ enthalten, wurde zu seinen Lebzeiten jedoch nicht veröffentlicht, sondern erst 1888 nach einer redaktionellen Bearbeitung von Friedrich Engels in der Broschüre „Ludwig Feuerbach
und der Ausgang des klassischen deutschen Philosophie“. 3 Neben dem Werk „Die deutsche Ideologie“ von 1845 ist es die erste Formulierung der materialistischen Geschichtsauffassung von Karl Marx. Hauptgegenstand ist die Kritik der materialistischen Lehre Friedrich Feuerbachs auf Grundlage der Dialektik Hegels. So stellt sich fast zwangsläufig die Frage, worin sich der Materialismus von Marx gegenüber den Ansichten Feuerbachs unterscheidet. Außerdem gilt es zu untersuchen worin die ideengeschichtliche Bedeutung der elf Thesen liegt.
Das Theoriekonzept der hegelschen Dialektik
Die wahrscheinlich wichtigste Prägung hinsichtlich der Marx’schen Denkmodelle und Theoriebildungen ist auf Georg Friedrich Wilhelm Hegel zurückzuführen. Marx bediente sich der Methode der Dialektik, benutzte sie jedoch nicht wie sein Vordenker zur Begründung des Idealismus, sondern grenzte sich von diesem ab und entwickelte seinen historischen Materialismus, der sich auf soziale und
gesellschaftliche Entwicklungsprozesse bezog. 4 Hegel nahm eine grundsätzliche Trennung alles bestehenden in These und Antithese vor. Dabei ging er von einem zunehmenden Widerspruch der beiden Seiten aus, welcher nur in einer zwangsläufigen Synthese aufgehoben werden könne. Diese Zusammensetzung der Gegensätze stellt etwas Neues dar und wird als Steigerung des Erkenntnisgewinns
1 http://www.mlwerke.de/me/me03/me03_005.htm.
2 Vgl. Labica, Georges: Karl Marx - Thesen über Feuerbach, S. 5.
3 Vgl. Ebd., S. 5f.
4 Vgl. Theimer, Walter: Geschichte der politischen Ideen, S. 289f.
verstanden. 5 Dialektisch erhebt die Synthese somit das Einzelne auf die Stufe des Allgemeinen, das Konkrete auf die Ebene des Abstrakten und fasst zugleich das Unterschiedliche zu einer Einheit zusammen. Im Kontext der Industrialisierung und der daraus resultierenden Arbeitsteilung ist eine gesellschaftliche Veränderung in doppelter Weise festzustellen. Auf der einen Seite steht die Möglichkeit enorme Mengen an Besitz durch die erhöhte Produktivkraft anzusammeln, auf der anderen Seite führt die berufliche Spezialisierung zur einseitigen Ausbildung vorhandener menschlicher Begabungen. Diese Arbeitsteilung muss nach Ansicht Hegels fast zwangsläufig auf einen Austausch der spezialisierten Güter hinauslaufen, damit jeder einzelne immer mehr Vermögen erhalten kann. Ziel soll hierbei die Befreiung des Menschen von der Arbeit sein, was wiederum eine Fortbildung geistiger Eigenschaften ermöglicht. 6 Hegel sieht in der historischen Erntwicklung von Realität und Geist einen ständigen Wechselprozess, da Denkstrukturen auf die Wirklichkeitsgestaltung Einfluss nehmen und umgekehrt und außerdem einen ständigen Fortschritt, also eine Weiterentwicklung auf eine höhere gesellschaftliche Ebene. Am Ende dieses permanenten Verbesserungsprozesses steht der sogenannte „Weltgeist“, der die Vollendung des menschlichen Geistes, als auch der Geschichte verkörpert. 7
Beschäftigt man sich mit den „Thesen über Feuerbach“ wird sehr schnell deutlich, dass für Marx der Mensch die Funktion des „Weltgeistes“ einnimmt, dass das menschliche Wesen zum Subjekt der Geschichte wird. Die Welt, das Dasein des Menschen ist gespalten, es hat ein „Verdopplungsprozess“ stattgefunden, der nur durch Überwindung der Selbstentfremdung und Praxis aufgehoben werden kann. Hierzu schreibt Marx in seiner dritten These:
„Die materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergißt, daß die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muß. […] Das Zusammenfallen des Ändern[s] der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.“ 8
5 Vgl. Hartmann, Jürgen/ Meyer, Bernd/ Oldopp Birgit: Geschichte der politischen Ideen, S. 167.
6 Vgl. Kernig, Claus Dieter (Hrsg.): Sowjetsystem und demokratische Gesellschaft. Eine vergleichende Enzyklopädie, S. 354f.
7 Vgl. http://www.muenster.org/august/philosophie/projekte/97981222/hegel.htm.
8 http://www.mlwerke.de/me/me03/me03_005.htm.
Geschichte kann somit langfristig als Verwirklichung des Menschen gemäß seiner Wesensbestimmung verstanden werden. Das verlorene Wesen des Menschen muss hierfür wieder gewonnen werden, indem die Entfremdung rückgängig gemacht wird.
Die Fortführung der Religionskritik Feuerbachs
Das Hauptinteresse von Feuerbach als auch von Marx lag in der Emanzipation des Menschen. Beide grenzten sich deshalb sowohl gedanklich vom Deutschen Idealismus, als auch von den damaligen staatlichen Strukturen und der diese Strukturen beeinflussenden Religion ab. Beide stimmen darin überein, dass jede Art von Gottheit bzw. jedes überirische Wesen lediglich den Vorstellungen und Ideen des Menschen entstamme und zur Befreiung des menschlichen Geistes bekämpft und zerstört werden müsse. Denn nur mit einem vernünftigen und freien Verstand
könne der Mensch sich selbst befreien und zu sich wiederfinden. 9 Marx geht jedoch noch einen Schritt weiter, indem er den Vernunftbegriff konkretisiert und Befreiungsmöglichkeiten aufzeigt. So wirft er Feuerbach unter anderem vor, den Religionsbegriff lediglich theoretisch untersucht und als Objekt der Erkenntnis betrachtet, nicht jedoch in seiner sinnlich-menschlichen Tätigkeit verstanden zu haben. Marx geht davon aus, dass die Wirklichkeit und Wahrheit der Welt erst in der
Praxis zum Vorschein kommt. 10 Er versteht Religion als Ausdrucksform einer geschichtlichen Praxis, in der es dem Menschen gelingt sich selbst zu verwirklichen. Jedoch ist die Praxis noch nicht ausgereift, sie ist in sich selbst zerrissen und entfremdet den Menschen von sich selbst. In der vierten These formuliert er es folgendermaßen:
„Aber daß die weltliche Grundlage sich von sich selbst abhebt und sich ein selbständiges Reich in den Wolken fixiert, ist nur aus der Selbstzerrissenheit und Sichselbstwidersprechen dieser weltlichen Grundlage zu erklären.“ 11
Religion ist also nicht unbedingt Ursache dieser menschlichen Entfremdung, sondern vielmehr Ausdruck dieser. Deshalb sollte jede Form von Religionskritik in die Praxis umschlagen und darauf abzielen, die schlechten irdischen Verhältnisse zu verändern.
9 Vgl. Casper, Bernhard: Wesen und Grenzen der Religionskritik. Feuerbach Marx Freud, S. 53.
10 Vgl. Ebd., S. 53.
11 http://www.mlwerke.de/me/me03/me03_005.htm.
Arbeit zitieren:
Alexander Christian Pape, 2010, Untersuchung von Karl Marx "Thesen über Feuerbach", München, GRIN Verlag GmbH
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