Inhalt:
Einleitung 3
1. Begriffserklärung Mythos 5
2. Der Medea Mythos in der Literatur 7
2.1 Der kolchisch-jolkische und der korinthische Mythos 8
2.2 Medeas universelle Charakterzüge 10
3. Heiner Müllers dramatisches Werk 12
3.1 Schrecken und Katastrophe 13
3.2 Intertextuelle Elemente 14
3.3 Geschichte und Mythos 14
4. Medea in Müllers Werk 16
4.1 Medeakommentar 16
4.2 Medeaspiel 17
5. Verkommenes Ufer, Medeamaterial,
Landschaft mit Argonauten 18
5.1 Medeamaterial, Landschaft mit Argonauten 21
5.2 Landschaft mit Argonauten 23
Schlussbetrachtung 26
2
Einleitung
Antike Stoffe und ihre Rezeptionen haben bis heute nichts von ihrer Faszination verloren. Nach wie vor steht der Mensch im Bannkreis der mythologischen, meist in der griechischen Antike wurzelnden, Überlieferung.
„Mythos“ - ein Wort das heute in v ielerlei Zusammenhang gebraucht wird. Es gibt eine Vielzahl moderner Mythen, die ebenso schnell verschwinden, wie sie die Gesellschaft beschäftigen. Jede Epoche hatte seine eigenen Mythen - die Suche nach dem heilige Gral im Mittelalter, die Formel der Alchimisten zur Herstellung von Gold, der Mythos des sagenhaften Atlantis, der bis heute fortbesteht, universelle, religiöse Mythen wie das „Fatum“, das Schicksal im Islam. Heutige Mythen lassen sich schwer zusammenfassen - eben weil sie so schnell wieder in Vergessenheit geraten und jede Generation, jede individuelle Gruppierung, seine eigenen Mythen hat.
Die Kenntnis der antiken Mythologie trägt wesentlich dazu bei, Eingang zu einer Vielzahl von moderner Literatur zu finden - auch wenn diese sich nicht sofort ersichtlich mit einem antiken Topos beschäftigt.
In vielfacher Gestalt haben antike Mythen per se Eingang in die moderne Literatur gefunden, wurden und werden von modernen Autoren übernommen und in abgewandelter Form in die moderne Zeit adaptiert. Dabei verliert sich aber nie das antike „Ur“- Thema, es wird in ein modernes Kleid gesteckt, aber die Fragen nach dem Schicksal, dem Gesetz, der Liebe und menschlichen Problemen bleiben dieselben wie vor 3000 Jahren, sie sind dem heutigen Leser
- und Zuschauer - so bekannt und vertraut wie dem Damaligen.
Sei es der Zweifel am Rechtsstaat, wie ihn Antigone äußert, oder das Leiden und die Erlösung durch den Tod, sowie das Verhältnis einer Frau zur Mutter bei Elektra. Der bekannte Mythos des Ödipus thematisiert die Suche eines Menschen nach seiner Herkunft, die Geschichte von Medea und Jason - ein Teil der Argonautensage - beschreibt den Betrug eines Mannes an seiner Frau.
Das Gesetz, seelisches Leiden, Identitätssuche, Betrug - Themen die die Literatur noch heute beherrschen und die Leser faszinieren. Als Konsens bleibt die Einsicht, dass die Menschen nur Spielbälle des Schicksals sind - sie können es nicht beeinflussen.
3
Am Beispiel der Medea - in der Originalfassung von Euripides, der sich eines noch älteren Mythos bediente - lassen sich neben dem Topos des Betruges noch weitere allgemein gültige Motive aufzeigen.
Adaptionen des Mythos von Jason und Medea ziehen sich durch die Jahrhunderte der Literaturgeschichte. Angefangen bei Euripides, über Grillparzer, b is zu Jahnn, Christa Wolff und eben Heiner Müller gibt es zahlreiche Bearbeitungen des Mythos Medea. Sie alle stellen unterschiedliche Attribute Medeas in den Vordergrund. Mal ist sie die mordende Mutter, mal die mythologische Zauberin, die betrogene Frau oder die einsame Fremde. Medea ist im Mythos all dies gleichzeitig.
Erstmals in der Literatur erwähnt wurde die Sage Medeas vom griechischen Epiker Hesiod. Bearbeitungen von Sophokles und Aischylos gelten als verschollen. Erhalten geblieben sind von den antiken Bearbeitungen des Mythos nur die von Euripides und die des Römers Seneca. Euripides ‚Medea’ gilt bis heute als prägend für alle nachfolgenden Bearbeitungen. So beschreibt auch Heiner Müller Euripides, neben Hans Henny Jahn und Seneca, als Hauptquelle für seine Medea Bearbeitung „Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten“ aus dem Jahr 1982.
Müllers ‚Medeamaterial’ ist eine von vielen Adaptionen antiker Stoffe, die er verfasste. Bereits 1965 stellte er mit ‚Philoktet’ sein erstes antikes Stück fertig. Darauf folgt eine Bearbeitung von Herakles, 1966 ‚Ödipus Tyrann’ und 1972 mit ‚Zement’, zwar kein Drama, das per se einen antiken Mythos behandelt, aufgrund des Vergleiches mit dem Medea Mythos jedoch Erwähnung bei den mythischen Stücken findet.
Müller verfasste nicht nur Adaptionen antiker Stoffe, sondern verwendete auch klassische Vorlagen, wie Shakespeare in dem Stück ‚Hamletmaschine’, Grillparzer in ‚Germania 3’, oder Bertold Brecht in ‚Schlacht’, sowie viele weitere Anspielungen und Zitate. Trotzdem sind Müllers Dramen durchaus neu und anders. Müller unterscheidet zwischen dem „Stoff“das sei die Geschichte, „die er freilich nicht selbst erfinden kann“ 1 und der Form. Und eben diese ist das besondere an Müllers Werk, „diese ist seine Leistung und sehr wohl neuartig“ 2 ,
wie Rainer E. Schmitt bemerkt.
Joachim Pfeiffer beschreibt in seiner Abhandlung „Arbeit am Mythos - Ödipus in der deutschsprachigen Literatur“ die Funktion des Mythos für den französischen Soziologen Levi-Strauss: „Ein Mythologem definiert sich durch die Gesamtheit seiner Fassungen, alle
1 Rainer E. Schmitt, „Geschichte und Mythisierung - Zu Heiner Müllers Deutschland Dramatik“, Berlin, 1999, S. 32; künftig zitiert als Schmitt
2 ebd.
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Varianten sind konstitutive Bestandteile des einen Mythologems“. 3 Somit ergebe sich, dass
alle Rezeptionen und Bearbeitungen eines antiken Mythen- Stoffes auf ihre eigene Art an dem Mythos weiterschreiben. Sie stellen schon bekannte Themen heraus, erschaffen aber durch ihre Rezeption wiederum neue - die von wieder anderen Autoren neu bearbeitet werden. Somit schafft auch Müller nicht allein durch die besondere Form seiner antiken Bearbeitungen Neues. Er stellt Themen - und vor allem Bezüge - in den Vordergrund, die vor ihm kein anderer so gesehen hat.
So ist die jüngere deutsche Geschichte ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch Müllers Werk zieht. Das gilt auch für seine Antik -Stücke. So wurde „Ödipus Tyrann“ „plötzlich ein Stück über Chruschtschow, der ja über eine Missernte gestürzt war, den Zusammenbruch seines Landwirtschaftsprogramms“. 4 Auf die Bühne gebracht wurde das Stück schließlich als „eine Afrikanisierung des Ödipus.“ 5
In Euripides Vorlage zum „Medeamaterial“ sieht Müller unter anderem „die Gastarbeiterfrage: „Medea, die Barbarin. [...] Unsere Asylgesetzgebung, die unter anderem die Trennung von Müttern und Kindern [...] ermöglicht, basiert ja auf Mustern der Sklavenhaltergesellschaft, die bei Euripides nachzulesen sind.“ 6
Medea ist in Heiner Müllers Bearbeitung nicht nur die „Asylantin“, „Medeamaterial“ ist die Geschichte der betrogenen, verzweifelten Frau, ein Liebesdrama, das Medeas Verzweiflung und ihren Hass a uf Jason in den Vordergrund stellt. Das in drei Szenen aufgeteilte, als dramatisches Werk jedoch nur im Ansatz erkennbare Stück weist ebenso antike, wie moderne Elemente auf, so dass es eine zeitlose Wirkung erhält.
In dieser Arbeit möchte ich zunächst die Bedeutung des Begriffes „Mythos“ näher erläutern. Gerade in der Literaturwissenschaft ist eine klare Abgrenzung des Mythos Begriffes schwer zu ziehen. Von antiken Mythen-, über historischen-, bis hin zu heutigen - medialen - Mythen wird für ganz unterschiedliche Phänomene derselbe Begriff benutzt. Oft, und in den verschiedensten Zusammenhängen gebraucht, muss hier zunächst herausgestellt werden, wie der Mythos, mit dem sich Müller beschäftigt, definiert, und, daran anschließend, wie der Mythos Medea in der Literatur adaptiert wird. Ein literaturgeschichtlicher Diskurs ist bei einem mythischen Thema unerlässlich, so dass ich die werkimmanente Interpretation, die ich in Teil fünf der Arbeit ausführlich behandeln werde, damit ergänzen werde.
3 http://www.ahg-ahaus.de/fachschaften/tewocht/oedipus/pfeiffer.html
4 Heiner Müller, „Krieg ohne Schlacht“, Köln, 1994, S. 203; künftig zitiert als: Müller, 1994
5 ebd., S. 203
6 ebd., S. 320
5
Teil zwei dieser Arbeit wird sich somit mit den verschiedenen Adaptionen des Medea Mythos befassen, und aufzeigen, welche Mythen miteinander verbunden wurden und Medeas universelle, von nahezu allen Autoren aufgegriffenen, Charakterzüge prägten. Im dritten Teil werde ich z unächst einige Merkmale von Müllers dramatischem Werk aufzeigen. So unterschiedlich seine Stücke auch scheinen, zeigen sich doch in nahezu allen von ihnen ähnliche Merkmale und eine besondere Weise, dem Leser seine Intention nahe zu bringen. In diesem Teil werde ich ebenfalls Müllers Darstellung von Mythen, seinen Mythosbegriff und, damit einhergehend, seine Geschichtsauffassung näher erläutern. Medea spielt in Müllers Werk schon „Verkommenes Ufer“ eine Rolle. Die Stellung Medeas in dem Stück „Verkommenes Ufer“ kann nicht ohne Berücksichtigung der beiden anderen ‚Medea’ - Stücke, ‚Medeakommentar’ und ‚Medeaspiel’, erörtert werden. Davon ausgehend beschäftige ich mich im fünften Teil in einer werkimmanenten Interpretation mit der Bedeutung der Medea Figur in dem Stück „Verkommenes Ufer, Medeamaterial, Landschaft mit Argonauten“, sowie seinen Besonderheiten und Unterschieden zu anderen Medea Adaptionen.
Müller gibt seiner Medea die Züge einer starken Frau, die sich rächt. Seine Medea ist vor allem die emanzipatorische, die sich von der Beherrschung des Mannes befreit. Müller hat dieses Thema in seinem Werk oft aufgegriffen, ganz besonders evident wird dieses aber in seinen Medea Texten. Das Ziel dieser Arbeit ist es somit, herauszustellen, wie sich Müllers Medea von der Beherrschung durch Männer befreit.
1: Begriffserklärung Mythos
Der Begriff des Mythos ist weit gefasst und beinhaltet literarische Elemente in ebensolchem Ausmaß wie historische, künstlerische und philosophische. Somit muss der Gebrauch des Begriffs „Mythos“ in der Literaturwissenschaft zunächst klar definiert werden. Bettina Gruber macht den Vorschlag, für die Definition des Begriffes Mythos „selektiv von den Interessen einer Disziplin“ 7 auszugehen und „den Anspruch einer Totalerfassung“ 8 fallen zu lassen. Somit solle die Literaturwissenschaft klären, was „Mythos“ innerhalb von Dichtung sei.
7 Bettina Gruber, „Mythen in den Dramen Heiner Müllers. Zu ihrem Funktionswandel in den Jahren 1958 bis
1982“, Essen, 1989, S. 7. Künftig zitiert als Gruber
8 ebd.
6
Gruber beschreibt zwei Funktionsweisen des Mythos: Die Generalisierung, „die von individueller Merkmalsfülle abstrahiert“ und die Materialisierung, „die abstrakte Beziehungen in personale umsetzt.“ 9 Die generalisierende Funktion sei ebenso eine Reduktion von Handlungsebenen und historischen Situationen.
Die Materialisierung senkt die generalisierte Handlungsebene wiederum. Die abstrakt gewordene Handlung gewinnt ihre persönliche Komponente durch die Materialisierung wieder.
Die abstrakte Handlung hat die Funktion, den Mythos als generell gültig darzustellen. Dem Handlungsstrang beraubt, ist nur noch der reine Mythos übrig, nichts lenkt davon ab. Durch die persönliche Komponente gewinnt der Mythos wiederum an Individualität, der Rezipient erkennt sich selbst wieder und reflektiert den Mythos. Gruber sieht somit die Mythen als „eine Ebene mittlerer Abstraktheit zwischen einem ideologisch - philosophischen Diskurs und der unmittelbaren Handlungsebene etablieren.“ 10
„Mythos“ bedeutet im Griechischen soviel wie „Rede, Erzählung, Fabel.“ Die Brockhaus Enzyklopädie beschreibt den Mythos Begriff als „die Erzählung von Göttern, Heroen u.a. Gestalten und Geschehnissen aus vorgeschichtlicher Zeit“, sowohl als „die sich daran
aussprechende Weltdeutung eines frühen Bewusstseins.“ Diese Begriffsklärung schließt
somit religiöse Überlieferungen, moralisch geprägte Begebenheiten und Verhaltensregeln, traditionelle Vorstellungen vom Leben und Sein mit ein. Diese Elemente lassen sich in der Vielzahl der antiken Mythen wiederfinden, ist doch in jeder Überlieferung eine Moralische Botschaft zu finden.
Gruber greift auf eine Definition von Kobbe zurück, der feststellt, dass „Mythos innerhalb von Dichtung greifbar im Verhältnis von mythologischem Stoff und poetischem Stoffbezug“ 11 sei. Damit sei Mythos im Sinne der Stoff- und Motivgeschichte als ein spezifisches Motiv der Dichtung bestimmt, das diese der kulturellen Überlieferung entnimmt. Zum Begriff „Mythos“ sagt Heiner Müller: „Mythen sind geronnene kollektive Erfahrungen, zum anderen ein Esperanto, eine internationale Sprache, die nicht mehr nur in Europa verstanden wird.“ 12 Müllers Mythenverständnis steht im engem Zusammenhang mit seinem Geschichtsverständnis, weist jedoch weitere Aspekte auf, eben jene kollektive Erfahrung, die in Müllers Geschichtsauffassung nicht zu finden ist, nicht zu finden sein kann, da Geschichte individuell erlebt wird, sei es von Individuen oder Gesellschaften.
9 ebd., S. 113
10 ebd.
11 ebd., S. 8
12 Heiner Müller, 1994, S. 321
7
Für Müller ist der Mythos weiterhin kein abgeschlossenes Thema. Jede Beschäftigung mit dem Mythos schafft ihn neu, entwickelt ihn weiter. Antike Mythen wurden durch die Jahrtausende von immer neuen Autoren bearbeitet. Jeder von diesen hat einen neuen Aspekt hinzugefügt, die unser heutiges Bild des jeweiligen Mythos mit prägen. Lässt man nun den großen philosophisch - historischen Hintergrund außer acht, denn dessen Bearbeitung wäre eine eigene Arbeit wert, und nimmt sich nur der Mythosbedeutung in der Literaturwissenschaft an, so lässt sich feststellen, dass die Funktion des Mythos in der Literaturwissenschaft nur in Hinblick auf die kulturelle Überlieferung und die Motivgeschichte relevant ist. Müllers Mythenverständnis fügt zudem d ie kollektive Erfahrung dazu, die Mythen zu einem allgemeingültigen Topos machen.
2. Der Medea Mythos in der Literatur
Medea - die Zauberin, betrogene Ehefrau, mordende Mutter, Königsmörderin, Rachegöttin ... so beschreibt sie der Mythos. „Medeas Name g ilt spätestens mit Beginn der griechischen Klassik als Inbegriff der Subversion, der zerstörerischen Leidenschaft, der Femme Fatale, ihre Sage ist gespickt mit Attributen des Grausamen und Schrecklichen“ 13 - so beschreibt sie Christoph Steskal in seiner Arbeit über Jason und Medea. Es sind nicht gerade positive Attribute, die Medea auszeichnen - gerade darum fasziniert ihr Mythos. Aus der griechischen Antike stammen eine Reihe von Frauengestalten, die ebenso Ruhm erlangten wie Medea -Antigone, die für die Gerechtigkeit starb, Elektra, die gedemütigt der Hysterie verfällt, Iphigenie, die als Flüchtling in der Fremde lebte, um nur drei von vielen zu nennen. Doch werden auch diese Frauengestalten bis heute in Literatur und Kunst verarbeitet. Medea ist die Tochter von Aites, König von Kolchis. Sie ist eine Nichte der Kirke, die als Hexe und Zauberin galt, und Enkelin des Sonnengottes Helios. In der Sage gilt Medea als Priesterin und Hexe der Hekate, der Göttin der Unterwelt. In einigen Mythen wird Hekate auch als Mutter Medeas beschrieben, bei Euripides jedoch beschwört Medea Hekate den Argonauten das Tor zum goldenen Vlies zu öffnen. Hekate wird in allen Sagen und Mythen als grausame Hexe, Göttin der Toten, Hexe und Zauberin beschrieben. Dass Medea sie beschwor, und damit Macht über sie ausübte, zeigt ihre noch grausamere Stellung in der Mythologie.
13 Christoph Steskal: „Medea und Jason in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts“, Regensburg, 2001, S.
12; künftig zitiert als Steskal
8
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Nadia Hamdan, 2003, Der emanzipierte Mythos - Medea im Werk Heiner Müllers m. besonderem Augenmerk auf "Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten", Munich, GRIN Publishing GmbH
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