Antike Stoffe und ihre Rezeptionen haben bis heute nichts von ihrer Faszination verloren.
Nach wie vor steht der Mensch im Bannkreis der mythologischen, meist in der griechischen
Antike wurzelnden, Überlieferung.
„Mythos“ – ein Wort das heute in vielerlei Zusammenhang gebraucht wird. Es gibt eine
Vielzahl moderner Mythen, die ebenso schnell verschwinden, wie sie die Gesellschaft
beschäftigen. Jede Epoche hatte seine eigenen Mythen – die Suche nach dem heilige Gral im
Mittelalter, die Formel der Alchimisten zur Herstellung von Gold, der Mythos des
sagenhaften Atlantis, der bis heute fortbesteht, universelle, religiöse Mythen wie das „Fatum“,
das Schicksal im Islam. Heutige Mythen lassen sich schwer zusammenfassen – eben weil sie
so schnell wieder in Vergessenheit geraten und jede Generation, jede individuelle
Gruppierung, seine eigenen Mythen hat.
Die Kenntnis der antiken Mythologie trägt wesentlich dazu bei, Eingang zu einer Vielzahl
von moderner Literatur zu finden – auch wenn diese sich nicht sofort ersichtlich mit einem
antiken Topos beschäftigt.
In vielfacher Gestalt haben antike Mythen per se Eingang in die moderne Literatur gefunden,
wurden und werden von modernen Autoren übernommen und in abgewandelter Form in die
moderne Zeit adaptiert. Dabei verliert sich aber nie das antike „Ur“- Thema, es wird in ein
modernes Kleid gesteckt, aber die Fragen nach dem Schicksal, dem Gesetz, der Liebe und
menschlichen Problemen bleiben dieselben wie vor 3000 Jahren, sie sind dem heutigen Leser
- und Zuschauer - so bekannt und vertraut wie dem Damaligen.
Sei es der Zweifel am Rechtsstaat, wie ihn Antigone äußert, oder das Leiden und die Erlösung
durch den Tod, sowie das Verhältnis einer Frau zur Mutter bei Elektra.
Der bekannte Mythos des Ödipus thematisiert die Suche eines Menschen nach seiner
Herkunft, die Geschichte von Medea und Jason – ein Teil der Argonautensage – beschreibt
den Betrug eines Mannes an seiner Frau.
Das Gesetz, seelisches Leiden, Identitätssuche, Betrug – Themen die die Literatur noch heute
beherrschen und die Leser faszinieren. Als Konsens bleibt die Einsicht, dass die Menschen
nur Spielbälle des Schicksals sind – sie können es nicht beeinflussen. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Begriffserklärung Mythos
2. Der Medea Mythos in der Literatur
2.1 Der kolchisch-jolkische und der korinthische Mythos
2.2 Medeas universelle Charakterzüge
3. Heiner Müllers dramatisches Werk
3.1 Schrecken und Katastrophe
3.2 Intertextuelle Elemente
3.3 Geschichte und Mythos
4. Medea in Müllers Werk
4.1 Medeakommentar
4.2 Medeaspiel
5. Verkommenes Ufer, Medeamaterial, Landschaft mit Argonauten
5.1 Medeamaterial, Landschaft mit Argonauten
5.2 Landschaft mit Argonauten
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die Rezeption und Emanzipation der Medea-Figur im dramatischen Werk von Heiner Müller, insbesondere unter Berücksichtigung des Stücks „Verkommenes Ufer, Medeamaterial, Landschaft mit Argonauten“. Ziel ist es, herauszuarbeiten, wie sich Medea von der Beherrschung durch männliche Strukturen befreit und wie Müller den antiken Mythos für zeitgenössische Fragestellungen adaptiert.
- Analyse der Medea-Figur als emanzipatorisches Symbol im Werk Heiner Müllers.
- Untersuchung der Intertextualität und Mythenrezeption bei Heiner Müller.
- Vergleich der verschiedenen Medea-Adaptionen (Medeakommentar, Medeaspiel, Medeamaterial).
- Deutung der Kolonialisierung und Geschichtsauffassung in Müllers Dramatik.
- Diskussion der antiken Vorlagen (Euripides, Seneca) im Kontext moderner Literatur.
Auszug aus dem Buch
3.1. Schrecken und Katastrophe
„Der Schrecken ist die erste Erscheinung des Neuen.“ - „Ich lehne es ab, ein abgearbeitetes Publikum mit Harmonien aufzumöbeln, von denen es nur träumen kann.“ - diese Aussagen Müllers beschreiben die Funktion seiner Dramatik sehr treffend. Ohne Schrecken und Schock „hat noch keine größere Gruppe etwas gelernt“. Und wie sich auch in Müllers Geschichtsverständnis zeigt, ist eben dies seine Intention: Das Publikum soll sich nicht satt und zufrieden zurücklehnen und ein Stück einfach nur konsumieren. Es soll aufgeschreckt, aufgerüttelt werden, über sich selbst reflektieren und schließlich, im besten Fall, etwas lernen.
Gewalt und Schrecken sind für Müller Elemente um beim Publikum Widerstand hervorzurufen.
Dies erreicht er beispielsweise durch einfaches Weglassen von Szenen, was beim Publikum Überraschung, bis hin zum Schock hervorruft. Schmitt betont auch, dass der Zuschauer „durch eine Reihe von nicht zu Ende geführten Handlungen und nur angerissenen Problemen“ förmlich überschüttet wird. Der Zweck dieser Dramenform sei dabei, den Zuschauer zum Nachdenken anzuregen. Müller ist der Ansicht: „Wirkung bedeutet Langzeitwirkung anstelle dieser kurzzeitigen Übereinstimmung, die Erfolg heißt. Wirkung ist es insofern, weil es dann wirklich ins Leben eingreift, weil es die Leute länger beschäftigt.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Begriffserklärung Mythos: Das Kapitel definiert den Mythos-Begriff in der Literaturwissenschaft und diskutiert Müllers Mythenverständnis als kollektive Erfahrung.
2. Der Medea Mythos in der Literatur: Hier werden die verschiedenen Sagenstränge des Medea-Mythos und die Entwicklung ihrer Charakterzüge in der antiken Literatur dargestellt.
3. Heiner Müllers dramatisches Werk: Es werden allgemeine Merkmale von Müllers Theaterästhetik wie Schockwirkung, Intertextualität und Geschichtsverständnis erläutert.
4. Medea in Müllers Werk: Dieses Kapitel analysiert die Vorstufen der Medea-Rezeption in den Stücken „Zement“ und „Medeaspiel“.
5. Verkommenes Ufer, Medeamaterial, Landschaft mit Argonauten: Eine werkimmanente Interpretation des Hauptstücks, wobei die einzelnen Textteile und deren Bezug zu Medea sowie zum Thema der Kolonialisierung untersucht werden.
Schlüsselwörter
Heiner Müller, Medea, Mythos, Emanzipation, Antikrezeption, Euripides, Kolonialisierung, Intertextualität, Geschichtsdrama, Dramatik, Zement, Verkommenes Ufer, Identitätssuche, Geschlechterbeziehung, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Darstellung der Medea-Figur in Heiner Müllers Werk, insbesondere im Hinblick auf emanzipatorische Tendenzen und den Umgang mit dem antiken Mythos.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die literarische Adaption von Mythen, die Befreiung der Frau aus patriarchalen Strukturen sowie die gesellschaftskritische Funktion von Müllers Theater.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, herauszustellen, wie Heiner Müller die Medea-Figur nutzt, um eine Emanzipation von männlicher Beherrschung darzustellen und antike Stoffe für die Gegenwart zu aktualisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär angewandt?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die vor allem auf werkimmanenter Interpretation und dem Vergleich mit antiken Vorlagen (Euripides, Seneca) basiert.
Welche Aspekte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung zu Müllers Ästhetik und Mythos-Verständnis sowie eine detaillierte Interpretation der Stücke „Zement“, „Medeaspiel“ und „Verkommenes Ufer, Medeamaterial, Landschaft mit Argonauten“.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Schlüsselbegriffe sind Medea, Emanzipation, Antikrezeption, Mythos-Adaption, Intertextualität und Kolonialisierung.
Inwiefern spielt der Aspekt der „Kolonialisierung“ in Müllers Stück eine Rolle?
Müller deutet die Argonautenfahrt als frühesten Mythos der Kolonialisierung, wobei Medea als unterdrückte Ausländerin dargestellt wird, die sich durch Rache befreit.
Wie unterscheidet sich Müllers Medea von der klassischen Darstellung bei Euripides?
Während Euripides den Fokus auf die grausame Rache und die Kindstötung legt, betont Müller die Emanzipation Medeas als notwendige Konsequenz ihrer Unterdrückung durch Jason.
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- Nadia Hamdan (Author), 2003, Der emanzipierte Mythos - Medea im Werk Heiner Müllers m. besonderem Augenmerk auf "Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16289