Humboldt Universität zu Berlin
Seminar für Afrikawissenschaften
Hauptseminar: Afrika und der Black Atlantic
März 2002
Der Black Atlantic in den Romanen von Caryl Phillips
Geschichten über die Afrikanische Diaspora
Irit Eguavoen
Einleitung 2
I. Caryl Phillips – zur Person 4
II. Geschichte und Geschichten in Phillips Romanen
III. Diaspora trifft Afrika 17
IV. Black Atlantic – References & Routes 25
Zusammenfassung 28
Literatur- und Quellenangaben 30
Anhang
1- Gedicht 32
2- Auszüge aus dem Buch „The Atlantic Sound“ und Interviews 33
Einleitung
Je länger ich mich mit dem Konzept von „Black Atlantic“ beschäftige, desto unklarer wird mir, was genau darunter zu verstehen sei, denn meine eigene Vorstellung davon hat sich im Laufe des Hauptseminars gewandelt. Ausgehend von Thesen, die Paul Gilroy zur Debatte um das Verhältnis von Afrika und Afrikanischer Diaspora beigetragen hat, schien der Black Atlantic eine imaginäre Verbindung zwischen dem Kontinent und den Menschen zu sein, die zwar außerhalb Afrikas leben, aber dennoch dort ihre familiären und kulturellen Wurzeln vermuten oder mit Sicherheit zurückverfolgen können. Oft wurde die gemeinsame Hautfarbe als Anhaltspunkt, als offensichtlicher Beweis für diese Verbindung herangezogen, ungeachtet dessen, daß eine dunkle Hautfarbe auch Bewohnern anderer Kontinente zueigen ist, die auf keine historische Verbindung zu Afrika, auf keine Emigrationsgeschichte aus Afrika verweisen können.
Als Beginn dieser imaginären Verbindung zwischen Afrika und seiner Diaspora gilt ein historischer Punkt, genauer eine historische Phase – die Periode des Transatlantischen Sklavenhandels von den 1520ern bis 1860. Auf dieser kollektiven Erfahrung der gewaltsamen Trennung von der ursprünglichen Heimat bauen die Diskurse und Argumentationen derjenigen auf, die sich des Konzeptes des „Black Atlantic“ bedienen. Ist der Black Atlantic also ein Konzept, das besagt, es besteht eine Kategorie von Menschen dunkler Hautfarbe, die auf der ganzen Welt verstreut leben und die trotzdem untereinander und miteinander in familiärer und kultureller Verbindung stehen, weil ihre Vorfahren vor der gewaltsamen Trennung vor einigen hundert Jahren in Afrika zusammengehörten ? Sind diese Menschen tatsächlich, wie es Gilroys Konzept vermuten läßt, Träger einer gemeinsamen Kultur, die nationale Grenzen ignoriert und als Hauptreferenzpunkt Afrika benutzt ? Sind sie Reisende, die ihre Identität aus einem doppelten Bewußtsein ziehen, einerseits als Mitglieder einer nationalen, andererseits als Mitglieder einer Diaspora-Gemeinschaft ? Oder kann ein Konzept Black Atlantic möglicherweise noch etwas anderes beinhalten ?
Ich glaube, es muß noch etwas anderes beinhalten, weil die oben genannte Aussage sich zwar mit wissenschaftlichen Untersuchungen und den Vorstellungen von vielen Diaspora- Afrikanern deckt, aber in den Momenten des Zusammentreffens derjenigen, die dieses Konzept verbindet, nämlich den Afrikanern und den Leuten aus der Diaspora offensichtlich wenige von diesen kulturellen und familiären Verbindungen zum Tragen kommen, sondern im Gegenteil dazu kulturelle und familiäre Brüche1 entstehen oder den Beteiligten bewußt werden. Beispiele dafür lassen sich genug finden – Menschen, die aus der Diaspora nach Afrika reisten, um dort sich selbst zu finden, ihre imaginierte Verbindung zum Kontinent in der Realität nachzuvollziehen oder gar zu beweisen, der Grausamkeiten des Sklavenhandels zu gedenken oder gar nach Hause zurückzukehren.: Henry Louis Gates, Alex Haley, Keith B. Richburg, Ralph J. Bunche, Richard Wright, um nur einige ihrer Namen zu nennen. Auch der schwarze, britische Schriftsteller Caryl Phillips reist nach Afrika, den Ort, mit dem er laut o.g. Konzeptes in einer kulturellen oder familiären Verbindung stehen sollte, denn er ist Kind karibischer Einwanderer und steht damit in der Reihe der Nachkommen von versklavten Afrikanern, die mit Gewalt aus ihrer Heimat verschleppt wurden. Sein persönlicher Umgang mit dem Konzept des Black Atlantic und der Afrikanischen Diaspora ist dennoch ein anderer, vielleicht ist sein Konzept des Black Atlantic auch ein etwas anderes als das oben genannte.
Seine Arbeiten sind aus drei Gründen interessant und aufschlußreich: erstens der Frage wegen, was für ihn den Black Atlantic ausmacht, zweitens , weil er kritische Beobachtungen vom Zusammentreffen der Diaspora-Afrikaner und Afrikanern liefert, ohne direkt beteiligt zu sein und drittens, deshalb, weil er in seinen Romanen, historische und aktuelle Perspektiven des Themas Black Atlantic beleuchtet.
In folgender Arbeit möchte ich dem Leser Caryl Phillips und seine Arbeit vorstellen. Zunächst werde ich auf Lebensdaten und Phillips Suche nach seiner Identität eingehen, um dann im Kapitel „Geschichte und Geschichten“ über seine Romane „Crossing the River“, „Cambridge“ und „The Atlantic Sound“ zu schreiben. Eine zentrale Frage dabei wird sein, wie er mit historischen Fakten umgeht, sie literarisch verarbeitet und worin er seine Aufgabe als Schriftsteller hinsichtlich der Vermittlung von Geschichte sieht. An dieser Stelle bieten sich kurze Vergleiche zu anderen Autorinnen, wie Alice Walker und Tony Morrison an, die teilweise das gleiche Thema (Middle Passage, Sklaverei) in ihren Büchern behandelt haben. Im zweiten Teil der Arbeit, „Diaspora trifft Afrika“ soll es um das Verhältnis von Afrika und der Diaspora gehen, wie Phillips es auf seiner Ghana Reise beobachten konnte. Abschließend werde ich darlegen, wie Phillips das Konzept des Black Atlantic aufgreift und meine eigenen Überlegungen dazu präsentieren. Beide Ansichten werden sich in einem Punkt treffen, den ich in der Überschrift vorwegnehme: „Black Atlantic- References & Routes“.
I. Caryl Phillips – zur Person
[....]
1 „Familiär“ beziehe ich hier nicht nur auf tatsächliche genetische Verwandtschaft, sondern auch auf die Vorstellungen von Zugehörigkeit und menschlicher Nähe.
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Irit Eguavoen, 2002, Der Black Atlantic in den Romanen von Caryl Phillips. Geschichte und Geschichten der Afrikanischen Diaspora, Munich, GRIN Publishing GmbH
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