Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 1
I.1 Die israelitische Religionsgemeinde Stuttgart 1
I.2 Definition der Fragestellung 4
II. Der
6
III.
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IV. Die Dorfjuden 16
V. Die Ostjuden 18
VI. Liberalismus und Orthodoxie 21
VI.1 Liberalismus und Judentum 21
VI.2 Das orthodoxe Judentum 25
VI.3 Deutscher Patriotismus und Zionismus 27
VII. Zusammenfassung 31
VIII. Literatur 34
Unter dem württembergischen König Wilhelm I. wurde am 27. April 1831 durch eine Verordnung die
Oberrat, mit Hauptsitz in Stuttgart geschaffen. Sie unterstand dem Ministerium des Innern und war somit ein Bestandteil des Staatskirchentums.
Die vorherigen Synagogengemeinden in Württemberg wurden mit der Verordnung vom 27. April 1831 zu jüdischen Kirchengemeinden Judentum ungebräuchlich und fremd ist.
Die Gründung der Kirchengemeinde Stuttgart fiel auf den 3. August 1832. Mit Beginn umfasste diese 15 Familien mit insgesamt 124 Seelen. Erster Rabbiner wurde das theologische Mitglied der Israelitischen Oberkirchenbehörde Dr. Joseph Maier, der am 21. November 1834 vom Ministerium des Innern ernannt wurde. 1 Das 19. Jahrhundert war für die Mitglieder der eine
Zeit des rasanten sozialen, wirtschaftlichen und rechtlichen Aufstieges. Noch im 18. Jahrhundert und teilweise ins 19. Jahrhundert hinein lebten die Juden in ganz Württemberg in ärmlichen Verhältnissen und führten ein Leben am Rande der bürgerlichen Gesellschaft. Sie waren durch ihren jüdischen Glauben sozial und wirtschaftlich isoliert. Bildungs-, Ausbildung- und Aufstiegschancen sind ihnen am Rand der Gesellschaft verwehrt geblieben. Rechtlich gesehen waren die württembergischen Juden mit der christlichen Bevölkerung nicht gleichberechtigt. Die württembergischen Juden wurden in ihrem Leben durch besondere Gesetze eingeschränkt und diskriminiert. 2
Ein erster wichtiger Schritt zur rechtlichen Gleichberechtigung war vom 8. Mai 1828, auch chen
Israeliten genießen, so weit nicht das gegenwärtige Gesetz eine Ausnahme begründet, die Rechte der Württembergischen Unterthanen. Sie sind allen bürgerlichen Gesetzten unterworfen und haben alle Pflichten und Leistungen der übrigen Unterthanen zu erfü 3
1 Sauer, Paul; Hosseinzadeh, Sonja: Jüdisches Leben im Wandel der Zeit. 170 Jahre Israelitische Religionsgemeinschaft, 50
Jahre neue Synagoge in Stuttgart, Gerlingen 2002, S.35f; Zelzer, Maria: Weg und Schicksal Stuttgarter Juden, Stuttgart
1964, S.28.
2 Däschler-Seiler, Siegfried: Auf dem Weg in die bürgerliche Gesellschaft. Joseph Maier und die jüdische Volksschule im
Königreich Württemberg, Stuttgart 1997, S.18; Sauer/Hosseinzadeh, S.37.
3 Regierungsblatt für das Königreich Württemberg, Stuttgart 1828, S. 301f.
1
Mit dem Tod von König Wilhelm I., der auch als Protektor der Juden bezeichnet wird, endete aber der Aufstieg der Stuttgarter Juden nicht. Er wurde weitergeführt. Denn König Karl I. war gegenüber den württembergischen Juden gutgesinnt und setzte sich weiterhin für deren Belange ein. Am 23. August 1864 wurde erlassen.
Verhältnissen den gleichen Gesetzten unterworfen, welche für die übrigen Staatsangehörigen maßgeben sind; sie genießen die gleichen Rechte und haben die gleichen Pflichten und Leistungen zu erfüllen. 4 Damit war die Gleichberechtigung der Juden mit der christlichen Bevölkerung rechtlich endgültig vollzogen und es begannen sehr erfolgreiche Jahrzehnte für die Mitglieder der Stuttgart.
Eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für den rasanten sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg muss auch dem ersten Stuttgarter Rabbiner Dr. Joseph Maier zugeschrieben werden. Er bemühte sich stetig, seine Glaubensgenossen aus ihrer miserablen sozialen und wirtschaftlichen Situation zu befreien. Er wollte ihnen die gleichen Bildungschancen ermöglichen, wie sie die christliche Bevölkerung genoss. Sein angestrebtes Ziel war es, die Juden an die bürgerliche Gesellschaft hinzuführen.
Rabbiner Dr. Joseph Maier wird oft als innerjüdischer Reformer bezeichnet. 5 Bei diesen Reformbestrebungen sollten die Juden in Stuttgart und in ganz Württemberg ihrer Religion keineswegs den Rücken zudrehen, sondern lediglich das kleinliche Einhalten von
die substanzlose Befolgung der Zeremonien und die kleinliche Einhaltung talmudischer Vorschriften wird die Sonne aufgehen lassen über den württembergischen Juden, sondern die 6 Dr. Joseph Maier
u. a. die Einführung eines deutschen Spruch- und Gesangbuches, die untypische Verwendung einer Orgel im Gottesdienst 7 - von der Mehrheit der Juden begrüßt und konnten ohne große Hindernisse umgesetzt werden. Unterstützung fand Dr. Maier für seine Reformen bei den in Stuttgart angesehenen jüdischen Familien Kaulla, Pfeiffer und Benedikt, die zum Kreis der einstigen Hoffaktoren gehörten und eine privilegierte gesellschaftliche Stellung inne hatten. 8
4 Regierungsblatt für das Königreich Württemberg, Stuttgart 1864, S. 137f.
5 Sauer/Hosseinzadeh, S.38.
6 Däschler-Seiler, S. 173.
7 Zelzer, S.64f.
8 Sauer/Hosseinzadeh, S.39; Tänzer, Aaron: Die Geschichte der Juden in Württemberg, Frankfurt am Main 1937, S.45.
2
Widerstand gegen die Reformen und den damit verbundenen lockeren Umgang mit dem Judentum. Schnell breitete sich Misstrauen unter den orthodoxen Juden aus, die mit dem liberalen Kurs der Mehrheit ihrer Glaubensgenossen nicht einverstanden waren und dies als religiösen Sittenverfall ansahen.
Die Reformen von Dr. Maier führten aber zum gewünschten Erfolg. Die Stuttgarter Juden öffneten sich nach außen und fanden recht rasch Anschluss an die bürgerliche Gesellschaft.
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In der Zeit der aufkommenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert im Königreich Württemberg erarbeiteten sich die Stuttgarter Juden einen hervorragenden Ruf, als man auf deren Fertigkeiten in der Wirtschaft und im Finanzwesen angewiesen war. Bedeutende Namen waren u.a. der Ehrenbürger Eduard Pfeiffer, die Bankiers Kilian Steiner und Alexander Pflaum. Sie genossen in der bürgerlichen Gesellschaft hohes Ansehen für ihre Engagement. 10
Während die württembergischen Juden auf dem Land ihre alten Traditionen nur ungern aufgaben, schwamm man in Stuttgart mit dem Strom der Zeit. Die jüdischen Einwohner wollte in der Zeit der Industrialisierung an der pulsierenden Königsstadt mitgestalten und am öffentlichen Leben ohne Einschränkungen teilnehmen, was ihnen auch gelang. Mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch der Monarchie in Württemberg, endete auch endgültig das Staatskirchentum. Am 23. Mai 1921 rief die Israelitische Oberkirchenbehörde eine verfassungsgebende Landesversammlung ein. Mit der
die Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg ihre Angelegenheiten nun selbstständig. jüdische
Ab nun gab es die israelitische Religionsgemeinde Stuttgart. 11
In der Epoche der Weimarer Republik war die israelitische Religionsgemeinde Stuttgart zahlenmäßig die größte israelitische Religionsgemeinde im Freien Volksstaat Württemberg. Die Mitgliederzahlen dieser Religionsgemeinde waren im kontinuierlichen Steigen. Um 1900
9 Kaulla, Rudolf: Der Liberalismus und die deutschen Juden. Das Judentum als konservatives Element, München und Leipzig
1928, S.17.
10 Sauer, Paul: Jüdische Industriepioniere und Sozialreformer, in : Beiträge zur Landeskunde Nr. 6 (1989), S. 1-10, S.1-9.
11 Tänzer, S.127-136.
3
lebten in Stuttgart 3015 Juden. Im Jahr 1910 waren es bereits 4291. Und in der Weimarer Republik wurde die Rekordzahl von 4548 jüdischen Einwohnern statistisch ermittelt. 12 Mit der zahlenmäßig größten israelitischen Religionsgemeinde in Württemberg entwickelte sich die Stadt Stuttgart zum religiös-kulturellen Zentrum aller württembergischen Juden heraus. Bereits 1844 war Stuttgart Vorreiter unter den israelitischen Religionsgemeinden Von den Gemeinden [in Württemberg] nimmt Stuttgart sowohl in sittlich-religiöser als auch 13
Das Glück der Stuttgarter Juden endete Ende der 20er Jahre. Mit dem Erstarken der Nationalsozialisten in Stuttgart ab dem Jahr 1928 brach für die jüdischen Einwohner in Stuttgart eine Zeit der Ausgrenzung und Verfolgung an.
Jüdische Geschäfte wurden, wie überall in Deutschland, boykottiert. Die zuvor noch in Stuttgart geschätzten Juden wurden aus dem öffentlichen Leben mehr und mehr verdrängt. Vielen gelang die Flucht in die USA. Andere wiederum, die in Stuttgart verblieben, wurden nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet.
Das Statistische Amt der Stadt Stuttgart schätzte, dass 1946 noch 1176 Juden in Stuttgart lebten. 1952 waren nur noch 512 Juden in Stuttgart ansässig. 14
I.2 Definition der Fragestellung
Diese Arbeit wird sich mit der Frage beschäftigen, ob die Stuttgarter Juden nach ihrem beginnenden wirtschaftlichen und rechtlichen Aufstieg im 19. Jahrhundert in der Epoche der Weimarer Republik in die bürgerliche Gesellschaft endgültig integriert waren oder ob es immer noch Anzeichen dafür gab, dass ein Leben am Rande der bürgerlichen Gesellschaft geführt wurde.
Nach den Schilderungen des vorherigen Kapitels könnte man davon ausgehen, dass die Juden in Stuttgart ihren Platz in der bürgerlichen Gesellschaft nach Jahrzehnten erkämpft und auch letztendlich gefunden haben.
Was verlangt demnach eine Antwort auf diese Frage, die anscheinend bereits beantwortet ist?
Uhlman, dass es starke Unterschiede zwischen den Juden in Stuttgart gab. An der Spitze der sozialen Hierarchie . Dabei
handelte es sich um etwa ein Dutzend alteingesessene Familien, die sich am Anfang des 19.
12 Zelzer, S.500.
13 Rabbinatsbericht aus dem Jahre 1844 von Dr. Joseph Maier. Zitiert bei Zelzer, S.30.
14 ebenda, S.503.
4
Jahrhunderts in Stuttgart ansiedelten und sehr reich waren. Sie nahmen Berufe wie Bankier, Rechtsanwalt oder Richter ein.
Dem folgte die größte Gruppe, deren Mitglieder sehr wohlhabend, teilweise aber auch sehr reich waren. Es handelte sich dabei um jüdische Familien, die seit zwei oder drei Generationen in Stuttgart lebten. Unter ihnen waren viele Geschäftsleute, Ärzte und Rechtsanwälte zu finden.
Dahinter folgten die ärmeren Juden. Darunter vor allem Juden, die vom Land zugewandert waren. Meist Viehhändler und kleinere Kaufleute.
Den sozialen Abschluss machten die Ostjuden, die noch ärmer waren als die Dorfjuden. Ihre Herkunft liegt in Polen und Russland. 15
Nach der Darstellung von Uhlman aus der Zeit der Weimarer Republik haben sich im Lauf des sozialen und wirtschaftlichen Aufstieges der Juden unterschiedliche soziale Schichten innerhalb der israelitischen Religionsgemeinde Stuttgart herausgebildet und etabliert. Zur damaligen Zeit bedeutet es in Stuttgart unter den Juden selbst, dass Jude nicht gleich Jude ist. Die Unterschiede zeigten sich in der Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht, der beruflichen
16
Auffallend bei Uhlmans Schilderung ist vor allem, dass die soziale Kluft zwischen den ersten beiden Schichten und den letzten beiden Schichten stark ausgeprägt ist. Während es scheint, dass zwischen der erste und zweiten, sowie zwischen der dritten und vierten Schicht nur ein leichtes soziales Gefälle besteht.
Dies ruft einen Verdacht hervor. Könnte das große soziale Gefälle ein Indiz dafür sein, dass nur Juden, die der ersten und zweiten Schicht angehörten, die Integration in die bürgerliche Gesellschaft gelungen war. Und könnte es des Weiteren sein, dass die Juden, die der dritten und vierten sozialen Schicht angehörten, den Sprung in die bürgerliche Gesellschaft nicht gefunden haben bzw. sich einer Integration verwehrten und daher noch immer am Gesellschaftsrand lebten.
Mit diesem Verdacht erhält die formulierte Fragestellung ihre Legitimation. Um ein aufschlussreiches Ergebnis zur Integration der Stuttgarter Juden in die bürgerliche Gesellschaft zu erhalten, werden die einzelnen sozialen Schichten im folgenden Teil der Arbeit näher untersucht.
15 Uhlman, Fred: Erinnerungen eines Stuttgarter Juden, Stuttgart 1992, S.183.
16 ebenda, S.182.
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Es ist hier noch darauf hinzuweisen, dass die Ausgrenzung der Juden in Stuttgart ab dem Jahr 1928 kein Bestandteil der Arbeit mehr ist. Damit werden die letzten fünf Jahre der Weimarer Republik (bis 1933) in dieser Arbeit nicht berücksichtigt. Eine Aufnahme diese Punktes würde diese Arbeit ausufern lassen. Es bietet sich daher vielmehr an, eine separate Arbeit über die Ausgrenzung der Juden in Stuttgart ab dem Jahr 1928 zu verfassen.
Den bildeten in Stuttgart eine überschaubare Zahl von jüdischen Familien. Nach Uhlman etwa ein Dutzend an der Zahl. Angesichts von 4548 lebenden Juden im Jahr 1925 17 in Stuttgart machten diese Familien ein Bruchteil der jüdischen Einwohner aus. Diese Familien ließen sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Stuttgart nieder und sahen sich als eine der ersten jüdischen Bürger an.
Einige dieser Familien konnten aber auf viel früher jüdische Vorfahren in Stuttgart zurückblicken. Durch die längere Geschichte, die diese jüdischen Familien vorweisen
versuchten, sich von den übrigen Juden in Stuttgart gesellschaftlich abzugrenzen. Uhlman bringt diese Abgrenzung mit folgenden Worten zum Ausdruck: Sie hielten sich für etwas Besseres, nicht nur weil sie bereits länger in Stuttgart lebten, sondern wegen ihrer höheren kulturellen Bildung. 19
Unter allen Juden in Stuttgart nahm der in sozio-ökonomischer Hinsicht
ebenso exklusiv waren, wie die gute Gesellschaft in Boston. 20
nossen hohen Wohlstand und konnten es sich leisten,
ihre Kinder auf Universitäten zu schicken und ihnen ein kostspieliges Studium zu finanzieren. Sie sammelten Bilder, schickten ihre Kinder auf Universitäten, hatten Geld und verachteten die Leute, die ganz von unten anfangen mussten, um ihr Geld zu verdienen. 21
Der Wohlstand, das hohe Bildungsniveau und das gesellschaftliche Ansehen lassen sich u.a. an der in Stuttgart sehr bekannten Familie Kaulla verdeutlichen.
17 Zelzer, S.500.
18 ebenda, S.92.
19 Uhlman, S.182.
20 ebenda, S.182.
21 ebenda, S.182.
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Bastian Keller, 2010, Die israelitische Religionsgemeinde Stuttgart in der Weimarer Republik, München, GRIN Verlag GmbH
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