Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
I. Die Bedeutung der atomisierten Masse in der totalen Herrschaft 4
II. KZ und Gulag - Die Rolle der Lager bei der Verdinglichung der Menschen 6
III. Besser „Herstellen“ als „Handeln“? 8
IV. Sprechen und Handeln - H. Arendts Begriff der Politik 10
V. Freund und Feind - Aspekte Carl Schmitts politischer Theorie 12
VI. Gegner statt Feind? - Bezüge zur aktuellen Politik 14
VII. Fazit 16
Bibliografie 18
Einleitung
„Es gibt in der LTI keinen anderen Übergriff technischer Wörter, der die Tendenz des Mechanisierens und Automatisierens so nackt zutage treten ließe wie dieses ’gleichschalten.’ […] Der immer wiederholte Übergriff, das Ausspinnen des Technischen, das Schwelgen in ihm: Weimar kennt nur das Ankurbeln der Wirtschaft, die LTI fügt nicht nur das Auf-volle-Touren-Kommen hinzu, sondern auch ’die gut eingespielte Lenkung’ - alles dies […] legt Zeugnis ab für die tatsächliche Missachtung der vorgeblicherweise geschätzten und gehegten Persönlichkeit, für den Willen zur Unterdrückung des selbständig denkenden, des freien Menschen.“ 1 Dies gehört zu Victor Klemperers Erfahrungen mit der Sprache des Nationalsozialismus. Er erkennt in ihr die „Verdinglichung“ des Menschen, die dessen bloße Funktion im totalen System in den Vordergrund rückt. Dabei wird dennoch genau differenziert, wer noch Mensch und wer als nicht zugehöriger zur Herrenrasse minderwertig ist und verbal entpersonalisiert werden muss. Mit diesem Phänomen setzte sich auch Hannah Arendt auseinander. Im Wissen, dass Worte Aufschluss über das „Wer-einer-ist“ 2 verschaffen, betrachtete sie neben der Sprache des Nationalsozialismus auch die des Stalinismus. Arendt ging in ihrer Analyse noch weiter als Klemperer und erkannte, dass KZ und Gulag als Idealmodell des totalitären Systems fungieren. Sie sind der Inbegriff der Entmenschlichung und machen aus der Pluralität der Menschen den Menschen. Jener soll zu keinerlei freien Handlungen und Spontaneität fähig sein. Dies setzt Arendt mit der Vernichtung der dem Menschen eigenen Natalität gleich. Eine Massenbewegung gehört zu den sechs Wesenszügen durch die Arendt aber auch Carl Joachim Friedrich totalitäre Regime charakterisierten. 3 Wie kommt es aber zu solch einer „atomisierten Masse“ und warum ist gerade dieser Faktor für die totalitären Systeme so wichtig?
Um dies zu beantworten, möchte ich einige Begrifflichkeiten näher erläutern, die Arendt in ihren Werken verwendet. Dazu gehört die Differenzierung von Mob und Masse im 19. und 20. Jahrhundert. Bei dieser Thematik sind Klassenlosigkeit, Atomisierung, Pluralismus und Natalität entscheidende Termini. Warum aber üben undemokratische Regierungsformen solch einen großen Reiz aus? Hierzu ist auf den immer wiederkehrenden Versuch, Handeln durch Herstellen zu ersetzen, einzugehen.
Als Literatur sind hierbei Arendts Hauptwerke „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ 4 und „Vita activa“ sehr hilfreich. Der Schlussfolgerung, dass totalitäre Regime im Gegensatz zur Tyrannei nicht nur apolitisch, sondern antipolitisch seien 5 , kann man einiges über Hannah Arendts
1 Klemperer, V.: LTI. Notizbuch eines Philologen. Leipzig 7 1982, S. 165ff.
2 Arendt, H.: Vita activa. oder Vom tätigen Leben. München u. Zürich 8 2010, S. 218.
3 Vgl. Friedrich C. J.: Totalitäre Diktatur (unter Mitarbeit von Zbigniew K. Brzezinski). Stuttgart 1957.
4 Arendt, H.: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft, München
u. Zürich 10 2005.
5 Vgl. EU.
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Politikbegriff entnehmen. Mit der Überzeugung, dass der Sinn der Politik in der Freiheit liege, äußerte sie sich konträr zu Carl Schmitt, der heute oft als juristischer „Steigbügelhalter“ der Nationalsozialisten gesehen wird. 6 Bei ihm ist Politik im Wesentlichen durch die Unterscheidung zwischen Freund und Feind gekennzeichnet. Im zweiten Teil der Arbeit möchte ich mich deshalb mit diesen unterschiedlichen Politikbegriffen und Ansichten zum Staat befassen. Letztlich stellt sich die Frage, welche Ansätze einer aktuellen Debatte zuträglich sind. Schließlich ist heutzutage bereits vielfach von einer vorherrschenden „Postdemokratie“ die Rede, in der weitgehend unsichtbare Lobbyisten und Ökonomen als auch populäre Politiker losgelöst von der Volkesmeinung regieren. Dies muss in der Bevölkerung zwangsläufig zu Politikverdrossenheit führen, da der Wähler seine Prämissen nicht richtig vertreten sieht. In einer egoistisch-nutzenorientierten Gesellschaft, in der jeder das Parteiprogramm sucht, dem er uneingeschränkt zustimmen kann, hat dies wiederum eine Schrumpfen der Volksparteien zugunsten kleinerer Klientelparteien zur Folge. 7 Dass der Mensch aktiv handeln sollte und das Denken mit utilitaristisch geprägten Begrifflichkeiten im Bereich der Politik sinnlos sei - und damit schließt sich der Kreisstellte jedoch schon Hannah Arendt fest.
Neben den erwähnten Werken Hannah Arendts habe ich Carl Schmitts „Der Begriff des Politischen“ 8 aber auch Chantal Mouffes zeitgenössisches Buch „Über das Politische“ 9 zu Rate gezogen. Auch zum Kolks Monographie „Hannah Arendt und Carl Schmitt“ 10 half beim Verständnis der Thematik. Diese Arbeit hat den Anspruch, über die Analyse der Praxis der Instrumentalisierung von Menschen während totaler Herrschaft als eine Einführung in die Bedeutung der Dinge in der Politik zu dienen und die Aktualität scheinbar älterer politischer Theorien zum Charakter des Politischen und des Staates zu zeigen.
I. Die Bedeutung der atomisierten Masse in der totalen Herrschaft
Als entscheidenden Faktor totalitärer Herrschaft bewertete Hannah Arendt die Mobilisierung der Massen. Diese müssen allerdings einige Charakteristiken vorweisen, die im Deutschland der Weimarer Republik zu Tage traten. Die Entstehung der Massen ist nach Arendt durch die Zersetzung des alten Klassensystems begründet. Im Grunde sei die Gesellschaft schon immer vermasst gewesen, wurde jedoch durch die Klassengrenzen zusammengehalten. Durch die Differenzierung qua Geburt, Beruf oder politischen Willen habe es traditionelle Interessensgruppen
6 z. B. Helmut Schmidt in: Schmidt, H.: Weggefährten. Erinnerungen und Reflexionen, Berlin 1996, S. 499.
7 Vgl. Ritzi, C./Schaal, G. S.: Politische Führung in der „Postdemokratie“. In: APuZ Beilage zur Wochenzeitung Das
Parlament. Bd. 2-3 (2010), S. 9-15.
8 Schmitt, C.: Der Begriff des Politischen. Berlin 1991.
9 Mouffe, C.: Über das Politische. Wider die kosmopolitische Illusion, übers. von N. Neumeier, Bonn 2010.
10 Kolk, P. z.: Hannah Arendt und Carl Schmitt. Ausnahme und Normalität - Staat und Politik, Frankfurt a. M. 2009.
4
gegeben, die sich im Parteiensystem widerspiegelten. 11 Dabei seien die bürgerlichen Parlamentarier immer davon ausgegangen, dass jeder Mensch sich stillschweigend von einer Partei vertreten fühlt und mit ihr sympathisiert, auch wenn er diese nicht wählt. Dies sei jedoch ein Trugschluss gewesen. Der Krieg und seine Folgen hatten als Gleichmacher fungiert, wodurch die gemeinsamen Klasseninteressen sehr stark eingeschränkt worden waren. Es entstand somit eine atomisierte Masse, was bedeutet, dass die Mitglieder mit ihren persönlichen Interessen außerhalb jeder politischen Repräsentation standen. Diese Masse war nicht homogen organisiert und beruhte nicht auf Verbänden, Vereinen, Gewerkschaften oder eben Parteien. 12 Der sprunghafte Anstieg der Parteigründungen in den 1920ern war gerade deshalb ein Symptom für dieses Phänomen, weil der Versuch der Organisation und Interessensvertretung sichtbar wurde.
Das Bestreben der totalitären Führer musste nun sein, diese Massen aus der Neutralität zu führen und für sich zu instrumentalisieren. Dazu konnte allerdings nicht mehr der Appell an Revolution und Freiheit, die es ja nun innenpolitisch in größerem Maße denn je gab, dienen. Die normalen aus der Klassengesellschaft abgeleiteten Sorgen lenkten die Menschen nicht mehr. Hierin sieht Arendt auch den Unterschied zwischen dem Mob des 19. und der Masse des 20. Jahrhunderts. Zwar ständen beide außerhalb jeder politischer Repräsentation, der Mob habe aber quasi das Ziel gehabt, die Bourgeoisie zu beerben, während die entwurzelte Masse solche Ziele nicht haben konnte. 13 Zur Mobilisierung wurde vielmehr das Mittel der „negativen Solidarität“ genutzt. Da die Arbeitslosen die Schuld an ihrer Situation den regierenden Sozialdemokraten gaben, Inflationsverlierer den Mittelstandsparteien ihre Situation anlasteten und Nationalisten unter dem „Versailler Schanddiktat“ litten, war ihnen allen die Ablehnung des Systems gemein. Ein Gefühl der Selbstlosigkeit, im Sinne von Austauschbarkeit und Wertlosigkeit entstand. 14 Hitler sprach deshalb auch ganz bewusst nicht von einer Partei, sondern der Bewegung. Die NSDAP war nur Mittel, um in einem demokratischen System die Macht zu erlangen, das dann seinerseits abgeschafft wurde. So war die nationalistische Propaganda auch nie ernst gemeint, stand aber zunächst (scheinbar) nicht im Widerspruch zur Rasseideologie und sprach jene an, welche der Masse der Individualisten ein gemeinsames Ziel geben wollten. 15
Da die atomisierte Masse außerhalb des Parteiensystems stand, musste sie nicht durch politische Argumente vom Gegenteil ihrer Meinung überzeugt werden, sondern diese musste einfach indoktriniert werden. Weil die Rasseideologie Meinungsunterschiede als naturgegeben ansah, wurden Gegner aus dem Weg geräumt und terrorisiert. Überzeugen konnte man diese ja überhaupt
11 Vgl. Arendt: EU, S. 679ff..
12 Vgl. Ebd., S. 668.
13 Vgl. Ebd., S. 674.
14 Vgl. Ebd., S. 677.
15 Vgl. Ebd., S. 683.
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Arbeit zitieren:
Martin Gerasch, 2010, Zu politischen Erkenntnissen aus der Erfahrung totalitärer Systeme, München, GRIN Verlag GmbH
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