Rituale - transzendentale Mediensysteme Wege in eine umfassende Medientheorie
Christian Rell
Inhaltsverzeichnis
Abk ürzungen. 3
Abbildungen. 4
1 Einleitung 5
2 Begriffsdefinition und Abgrenzung 5
Transzendentale Mediensysteme 5
2.1
Ritualdefinition 6
2.2
Ber ührungspunkte von Ritualen mit anderen Mediensystemen 8
2.3
2.3.1 Transzendentale Mediensysteme: Vergleich von Ritual und Mythos 8
2.3.2 Rituale, Symbole, Sprache und Schrift. 9
2.3.3 Ritual und Massenmedien. 10
3 Funktionen und Aufgaben von Riten im Wandel der Zeit 11
Vom Nutzen der Rituale 11
3.1
3.1.1 Rituale konservieren. 11
3.1.2 Rituale verfolgen biologische Ziele 12
3.1.3 Verdichtung und Vereinfachung - Rituale sind praktisch. 12
3.1.4 Rituale als „Autokommunikation“ 13
3.1.5 Rituale integrieren und isolieren 14
3.2 Aufgaben von Ritualen in der öffentlichen Kommunikation. 14
4 Rituale in unserer Gesellschaft. 15
Moderne Ritualisierungen in öffentlichen Lebensbereichen 15
4.1
Rituale in Gesetz und Politik 16
4.2
4.2.1 Rituale in der politischen Kommunikation. 16
4.2.2 Rituale im Recht und bei Gericht 18
Ritualisierung und neue Medien 20
4.3
Rituelles Handeln in Konsum und Wirtschaft 23
4.4
Entritualisierung 24
4.5
5 Wechselbeziehung von Ritualen und anderen Medien 27
„Ein neues Medium verdrängt kein altes“ 27
5.1
5.2 Verdrängung anderer Kommunikationsformen durch Rituale. 27
Rituale ergänzen und verbessern andere Kommunikationsformen 28
5.3
Rituale werden von anderen Kommunikationsformen verdrängt 29
5.4
6 Fazit 30
Literaturverzeichnis 31
Stichwortregister 37
2
Abkürzungen
bspw. beispielsweise bzw. beziehungsweise f. folgende ff. fortfolgende Herausgeber/Herausgeberin Hrsg. o. ohne S. Seite siehe s. TV Television (Fernsehen) u. a. unter anderem Verfasser/Verfasserin Verf. vgl. vergleiche
3
1 Einleitung
Transzendentale Mediensysteme sind solche Kommunikationsformen, bei denen die Kommunikation mittels einer höheren Ebene zustande kommt. Sie sind bei einer umfassenden Untersuchung der Medientheorie nicht zu vergessen, weil sie in Wechselbeziehungen mit anderen Mediensystemen stehen und ihre Leistung für unsere Gesellschaft häufig unterschätzt wird. Als höchststandardisierte Form transzendentaler Kommunikation sind Rituale anzusehen. Ihre besondere Leistung erbringen sie für die Gesellschaft dadurch, dass sie etwas erreichen, was weder Sprache noch Schrift alleine zu leisten vermögen: den Erhalt von Werten und besonderen Wissens über Generationen hinweg. Ob unter diesem Gesichtspunkt Rituale als Basis- oder Erweiterungsmedien gesehen werden müssen; darüber kann diskutiert werden. Es scheint manchmal fast so als bestünde auch eine moderne Gesellschaft größtenteils aus Wiederholungen.
Nach grundlegenden Definitionen und dem Versuch einer Abgrenzung des Rituals von benachbarten Mediensystemen sollen Funktionen und Aufgaben der Rituale für die gesellschaftliche Kommunikation dargestellt werden. Hiernach wird im Hauptteil dieser Arbeit versucht die Bedeutung und die dabei erkennbaren Veränderungen von Ritualen im Laufe der Zeit in der politischen Kommunikation und anderen wichtigen gesellschaftlichen Bereichen aufzuzeigen. Zuletzt soll beleuchtet werden, wie und warum Rituale an Bedeutung verlieren oder gewinnen, weil sie durch andere Mediensysteme verdrängt oder genutzt werden. Gearbeitet wurde auch mit aktuellen Beispielen, anhand derer gezeigt werden kann, wie Rituale bis heute nicht an Bedeutung verloren haben und sogar neue entstehen.
2 Begriffsdefinition und Abgrenzung
2.1 Transzendentale Mediensysteme
Die Streuung des gegenwärtigen Verständnisses vom Begriff des Mediums oder Mediensystems ist breit. Nach WERNER FAULSTICH begrenzt sich die Mehrheit der Definitionsversuche für den Begriff „Medium“ auf das Verständnis eines materiellen Kanals, wobei das Modell der Nachrichtenübermittlung von SHANNON und WEAVER implizit zugrunde gelegt wird. FAULSTICH bietet eine Definition welche lautet: „Ein „Medium ist ein institutionalisiertes System um einen organisierten Kommunikationskanal von spezifischem Leistungsvermögen mit gesellschaftlicher Dominanz.“ 2 Was sind aber „Kommunikationskanal“ und „Leistungsvermögen“ eines transzendentalen Mediensystems? Transzendental sind solche Sachverhalte, welche die
1 unter: http://www.berlinonline.de, 28.4.03.
2 Faulstich, Werner (Hrsg.), Grundwissen Medien, Wilhelm Fink, München, 2000, S. 27.
5
Grenzen der menschlichen Erkenntnis berühren oder überschreiten. Ein Sachverhalt ist transzendent, wenn er jenseits, und immanent, wenn er diesseits der Grenzen unserer Erkenntnis liegt. Transzendental ist demnach, was die Erkenntnisse und Erfahrungen des Einzelnen übersteigt. Zu solchen transzendenten Bereichen gehört also auch das, was erst durch
ein Kollektiv von Erfahrungen möglich wird: das kollektive Gedächtnis. Der Einzelne kann das Gesamte jedoch nie umfassend begreifen und kennen, somit bleibt es für ihn transzendental. Transzendentale Mediensysteme sind also solche Zusammenhänge zwischen einzelnen Menschen, die geeignet sind, solche kollektiven, geistigen Güter zu erfassen und zu verteilen.
Eine daher im Rahmen dieser Arbeit verwendete Anpassung der Definition von FAULSTICH lautet so: Mediensysteme sind Vermittlungseinrichtungen, die in menschlichen Gemeinschaften entwickelt werden. Sie erfüllen über einen konventionalisierten Code, der sich von dem anderer Mediensysteme unterscheidet, kulturelle, soziale, wirtschaftliche und politische Steuerungs- und Orientierungsaufgaben. Dies geschieht, indem sie Zusammenhänge zwischen einzelnen Menschen(-medien) herstellen und auf erhöhter Ebene eine außerhalb deren existierende Größe schaffen. Hieraus entsteht ein habitueller Gemeinsinn („common sense“). Diese Orientierungsaufgaben sollen unter „4. Rituale in unserer Gesellschaft“ dargestellt werden. Wie diese Vermittlungseinrichtung funktioniert soll im Folgenden erläutert werden.
2.2 Ritualdefinition
Wenn Begriffe wie „Medien“ oder „Kommunikation“ verwendet werden, denken viele sofort an moderne Kommunikationstechnik. Kommunikationsmedien sind jedoch älter als die Schrift oder die Sprache 3 , so auch beim transzendentalen Mediensystem „Ritual“. Es gibt Funde aus der Steinzeit (40.000-5.000 v. Chr.) die bereits als Grabbeigaben gedeutet wurden. 4 In Mesopotamien entstanden 3.000 v. Chr. erste Lehmziegel-Tempel und in Ägypten standen bereits Pyramiden. 5 Wissenschaftler sehen hierin Hinweise auf die Kommunikation mit einer Transzendenz. Hinweise, darauf, ob etwas Rituelles im Glauben an etwas Übersinnliches geschieht fangen jedoch bereits im Moment an in welchem sich in der Menschheit eine Erinnerung bildet die außerhalb eines jeden Körpers liegt 6 - der Entstehung eines „kollektiven Bewusstseins“.
Was ist also nun ein Ritus oder auch ein Ritual? Die Begriffe „Ritual“, „Ritus“ und „Brauch“ verwischen in der Literatur. Die Ritualdefintion in A. VAN GENNEPS "rites de passage" 7 von 1909 untersucht den Gegenstand aus anthropologischer Sicht, und diese Begrifflichkeit wurde
3 vgl. Crowley, David und Heyer, Paul (Hrsg.), Communication in History - Technology, Culture, Society, Longman New York & London, 1991, S. 7.
4 vgl. Marshack, Alexander in: Crowley, David und Heyer (Hrsg.), Paul, Communication in History (1991), S. 11-13.
5 s. von Keudell, Romay, Geschichte zum Nachschlagen, Compact Verlag, 1980, S. 2-3.
6 vgl. Crowley, David und Heyer, Paul (Hrsg.), Communication in History (1991), S. 8.
7 Gennep, Arnold van, Übergangsriten, Campus Verlag, Frankfurt a. Main, 1986, übersetzt aus dem Französischen : Les rites de passage, Édition A. et J. Picard, Paris, 1981.
6
später auch von der Soziologie aufgenommen (z.B. E. GOFFMAN 8 ). Da sich dem Thema neben Anthropologen und Soziologen auch Theologen und Historiker angenommen haben, gibt es keine einheitliche Begriffsdefinition. Aus dieser Schwierigkeit heraus soll im weiteren Verlauf dieser Arbeit nicht zwischen „Ritus“ und „Ritual“ unterschieden werden. Gewählt wurde eine Definition von GREGOR HOFFMANN, welche sich gut in die Publizistik einbetten lässt, weil sie sich nicht ausschließlich auf „Heilige Handlungen“ oder Ähnliches bezieht:
„Rituale sind eingeübte Handlungen, deren wichtigste Merkmale Regelmäßigkeit, ein festgelegter Ablauf und eine ebenfalls festgelegte Bedeutung sind“.
9
Ob das Merkmal der Wiederholung ausreicht, um von einem Ritual zu sprechen, wie einige es tun, ist fraglich. 10 Im Ritual sind die drei Zeithorizonte Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft realisiert 11 (Mythos-Zelebrierung-Erhaltung). Der Ritus hat als Medium im medientheoretischen Sinne darüber hinaus
die Funktionen Werte, Erinnerungen und auch Wissen zu transformieren, transportieren
und nach CAREY über die Zeit hinweg im Kollektiv zu konservieren. 12 Sie tragen damit zur Weiterentwicklung aber auch zur Erhaltung und Kontinuität der Gesellschaft bei.
Dieser Ansatz beschreibt den Genotyp des Rituals. So sichert bspw. das Ritual in Religionen die ständige Wiederaufnahme der Texte. 13 In Ägypten wurden Kenntnisse über die Nachtphasen des Sonnenlaufs in Riten eingelassen. 14 Moderne Konservierungen werden in der weiteren Arbeit aufgezeigt. Eine alternative Ritualdefinition von CROWLEY und HEYER widmet sich eher der performativen Seite des Rituals und beschreibt damit eher dessen Phänotyp, lässt sich jedoch offen, wie genau welche Inhalte kommuniziert werden:
„Ein Ritual im allgemeinsten und grundlegendsten Sinn ist geplante oder improvisierte
Performance, die eine Überleitung des alltäglichen Lebens in einen alternativen Zusammenhang, in dem der Alltag transformiert wird, bewirkt.“ 15
8 z.B. Goffman, Erving, Interaktionsrituale: Über Verhalten in direkter Kommunikation, 2. Aufl., .in: Suhrkamp (Hrsg.), Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt/M., Suhrkamp, 1991, aus dem Amerikanischen: Interaction Ritual, Doubleday, Garden City, NJ, 1967.
9 s. Hoffmann, Gregor in: Fix, Ulla (Hrsg.), Leipziger Arbeiten zur Sprach- und Kommunikationsgeschichte - Ritualität in der Kommunikation der DDR, Peter Lang - Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt/Berlin/Bern, 1998, S. 62
10 s. Günter, Thomas, Medien - Ritual - Religion: zur religiösen Funktion des Fernsehens, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M., 1998, S. 185.
11 s. Hoffmann, Gregor in: Fix, Ulla (Hrsg.), Leipziger Arbeiten zur Sprach- und Kommunikationsgeschichte (1998), S. 64
12 s. Carey, James, A Cultural Approach to Communication, o. Verlag, o. Ort, o. Jahr, S.18: hierzu: „Die rituelle Sichtweise der Kommunikation zielt nicht auf die Verbreitung von Nachrichten im Raum, sondern auf die Erhaltung der Gesellschaft in der Zeit; nicht auf den Akt der Informationsmitteilung, sondern auf die Repräsentation gemeinsamer Überzeugungen“.
13 s. Assmann, Jan, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, C.H. Beck, München, 1992, S. 150.
14 s. Assmann, Jan, Das kulturelle Gedächtnis (1992), S. 171-172.
15 Alexander, Bobby C., Ritual and current studies of ritual: Overview, in: Glazier, Stephen D. (Hrsg.), Anthropology of Religion: A Handbook, Greenwood Press, London,1997, S. 139.
7
Arbeit zitieren:
Christian Rell, 2003, Rituale - transzendentale Mediensysteme zum Aufbau einer umfassenden Medientheorie, München, GRIN Verlag GmbH
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