Der Ehrbegriff im islamischen und westlichen Kul-turkreis
Der Begriff der „Ehre“ wird im islamischen Kulturkreis völlig anders verstanden als im christlichen. Für mich als Deutsche, die nicht viel Kontakt zu Menschen aus der islamischen Kultur pflegt, ist es schwer, sich in eine Perspektiver hineinzuversetzen, die von der unseren so verschieden ist. Denn die deutschen und die islamischen Familien leben zwar hier gemeinsam, jedoch leider wissen sie immer noch sehr wenig voneinander. Auch wenn man als Deutsche/r mit offenen Augen und Ohren durch die Welt geht, ergibt sich selten ein Kontakt zu Migrantenfamilien, und die Vorstellungen darüber, wie türkische Familien leben und denke, bleibt vage. Indem ich mich mit diesem Thema befasse, möchte ich lernen, mich besser in die andere Sichtweise hineinzudenken und das Gefühl der Fremdheit und Angst ein wenig abzubauen. Hierbei beleuchte ich einerseits das Verständnis des Ehrbegriffs im traditionellen Sinne als auch modernere Sichtweisen von Menschen aus dem gleichen Kulturkreis. Für Letztere standen mir zwei Studentinnen der evangelischen Fachhochschule als Interviewpartnerinnen zur Verfügung. Bezüglich der traditionellen Sichtweise war es, trotz einiger Mühen meinerseits, nicht möglich, Menschen zu finden (ich suchte in erster Linie nach Männern), die mir für ein persönliches Interview zur Verfügung stehen wollten. Deshalb habe ich auf Literaturquellen zurückgegriffen und orientiere mich im Wesentlichen an dem Buch „Eure Ehre-unser Leid“ von Serap Cileli.
Bei dem überwiegenden Teil der Leser dürfte das Wort „Ehre“ sofort Assoziationen zu dem Thema „Ehrenmord“ auslösen. Deshalb ist es mir wichtig daraufhinzuweisen, dass ich in diesem Essay nicht das Thema des „Ehrenmordes“ im speziellen behandeln will, sondern nur herausfinden möchte, wie Menschen des islamischen Kulturkreises bezüglich des allgemeineren Begriffes „Ehre“ denken und fühlen. Darüber hinaus möchte ich an einigen Stellen die in Deutschland gängige Vorstellung zum Thema Ehre der türkischen Wertvorstellung gegenüberstellen. Hierbei wird die türkisch-islamische Seite natürlich den wesentlich größeren Raum einnehmen, da die deutsche Seite dem Leser überwiegend bekannt und vertraut ist. Auch ist es selbstverständlich, dass ein Text wie dieser niemals ein vollständiges Abbild der
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Wirklichkeit gibt, sondern immer nur einen kleinen Ausschnitt aus einem größeren Spektrum der Meinungen und Werte sein kann.
In landläufigem Sinne versteht man in Deutschland unter „Ehre“ ein Verhalten, womit sich jemand die Achtung und den Respekt seiner Mitmenschen verschafft. So werden bestimmte Menschen mit der „Ehrenbürgerschaft“ ausgezeichnet. Hierbei werden sie für ihr Verhalten oder ihr Lebenswerk geehrt, mit dem sie sich in ganz besonderer Weise für Werte der Gesellschaft eingesetzt haben. Meist geht es hier um Werte wie Frieden, Völkerverständigung, soziale Gerechtigkeit, aber auch Kunst und Kultur. So wurde z. B. Wolf Biermann 2007 die Ehrenbürgerwürde verliehen, weil er sich trotz massiver Repressalien seitens der SED-Führung immer wieder für Freiheit und Demokratie einsetzte. Die Bedeutung des Wortes Ehre steht hier in engem Zusammenhang mit dem Begriff „Ruhm“. Durch Ruhm gelangt die Person in das Blickfeld der Öffentlichkeit und wird durch ihre Taten be-rühmt. In jedem Fall ist Ruhm und Ehre etwas, was sich auf das Verhalten eines Individuums bezieht. Ein Einzelner kann sich durch sein Verhalten Ehre erwerben oder verdienen.
Ganz anders verstanden wird dies jedoch im traditionellen türkischen Verständnis. Hier bezieht sich die Ehre nicht auf ein einzelnes Familienmitglied, sondern immer auf die gesamte Familie. Verhält sich ein Familienmitglied „unehrenhaft“, dann ist immer die Ehre der ganzen Familie infrage gestellt. Aber was ist unehrenhaftes Tun und wer verhält sich wann unehrenhaft?
Hier muss man zuerst wissen, dass es innerhalb der Familie eine strenge Hierarchie gibt, an deren erster Stelle der Vater als unangetastetes Oberhaupt steht. Ihm haben sich alle anderen Familienmitglieder unterzuordnen. An zweiter Stelle stehen dann die Söhne oder andere männliche Familienmitglieder. Erst dann kommen Mutter oder Schwiegermutter und am unteren Ende der Ordnung finden sich die Töchter. Ein weiterer wichtiger Aspekt innerhalb der traditionellen türkischen Familie ist der unbedingte Respekt der Kinder vor den Eltern. Diese Tatsache wird durch verschiedene islamische Sittenlehren unterstrichen. Zum Beispiel: „Die sündigen Gläubigen, die als Letzte von der Hölle befreit werden, sind diejenigen, die sich gegen ihre sündigen Eltern empört haben.“ oder: „ Wer seinen Eltern widerspricht, dessen Zunge schneide man ab! Wenn er mit dieser Zunge seine Eltern gekränkt hat, so entferne man
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diese!“ 1 Dieser Gehorsam ist im Islam und in der türkischen Kultur tief verwurzelt und die Kinder benötigen für jedwedes Vorhaben den Segen und die Erlaubnis der Eltern. Im Gegensatz dazu ist in der deutschen Kultur der unbedingte Gehorsam gegenüber den Eltern eher etwas Altmodisches und es wird als normal empfunden, dass Kinder und insbesondere Jugendliche zeitweise gegen ihre Eltern rebellieren. Da man sich im deutschen Kulturkreis bezüglich Kindererziehung weniger an religiösen, sondern eher an pädagogischen Gesichtspunkten orientiert, wird die Rebellion eines Jugendlichen als zur jeweiligen Entwicklungsstufe dazugehörig interpretiert und sogar als wichtiger Baustein innerhalb der Persönlichkeitsreifung gutgeheißen. Die Entwicklung der Individualität hat einen höheren Stellenwert als die Anerkennung von Autorität. Hierbei genießen Mädchen in der Regel die gleichen Freiheiten und Möglichkeiten wie Jungen.
In der türkisch-islamischen Kultur jedoch ist die Rolle eines Mädchens eine ganz andere als die eines Jungen. Türkische Jungen treten möglichst bald in die Fußstapfen des Vaters und üben sich schon früh in der Rolle des Oberhaupts. Das heißt, sie genießen viele Freiheiten und ein höheres Maß an Selbstbestimmung, während Mädchen stark in ihrem Freiraum eingeschränkt werden. Während die Töchter schon früh auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter vorbereitet werden, können die Söhne ihren Hobbys nachgehen. Im Bezug auf die Familienehre gilt es vor allem das Verhalten der Mädchen frühzeitig zu beeinflussen, damit sie lernen, mit ihrem weiblichen Körper schamhaft und bescheiden umzugehen. Hier gibt es genaue Grenzen und Regeln, wie sich eine ehrenhafte Frau oder ein ehrenhaftes Mädchen zu verhalten hat. Dies gilt sowohl für die Kleidung und die Blicke als auch für die Bewegungen des Körpers. Dabei gilt es besonders darauf zu achten, dass keine Stelle des Körpers unbedeckt bleibt. Unter keinen Umständen darf ein Mädchen die sexuelle Erregbarkeit des Mannes in irgendeiner Weise ansprechen. Denn insbesondere von dem ehrenhaften Verhalten des Mädchens hängt die Ehre der ganzen Familie ab.
Cileli stellt hier zu Recht die Frage, ob man die Ehre einer Frau auf ein unbedecktes Stück Haut reduzieren kann, und ob Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit hierfür nichts bedeuten. Cileli ist der Auffassung, dass diese Einstellung in traditionellen muslimischen Kreisen noch erstarkt ist. Sie zitiert in diesem Zusammenhang den obersten Scheich Australiens, Taj el-Din Hamid al-Hilali, der das nicht bedeckte Fleisch als das eigentliche Problem identifiziert. Bei einer Predigt aus dem Jahre 2006 bezog sich der Scheich auf die Opfer von Vergewaltigungen und
1 http://www.hakikatkitabevi.com/deutsch/Sitte14.htm
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Arbeit zitieren:
Sabine Mazouz, 2009, Der Ehrbegriff im islamischen und westlichen Kulturkreis, München, GRIN Verlag GmbH
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