Können Säuglinge zählen? mit dieser Frage beschäftigten meine KommilitonInnen und ich uns im Rahmen des Seminars Mathematischer Erstunterricht gegen Ende des letzten Jahres. Die Sitzung weckte mein Interesse an der Thematik in der Form, dass ich mich dazu entschloss, die zweite Aufgabenstellung für den schriftlichen Leistungsnachweis zu bearbeiten. Im Folgenden werde ich diese Auseinandersetzung darstellen.
1 Einleitung
Stanislas Dehaene zu Beginn des zweiten
Kapitels seines Buches
Der Zahlensinn oder Warum wir rechnen können,
in dem er u. a. dieser Fragestellung intensiv nachgeht (Dehaene 1999, 54).
1
Die diesbezügliche Forschung, die versucht, die numerische Kompetenz von Säuglingen empirisch zu ermitteln, hat sich erst in den letzten 25 Jahren entwickelt. Bis zu dieser Zeit wurde der Diskurs von dem theoretischen Ansatz des Konstruktivismus bestimmt (vgl. ebd.). Der Begründer des Konstruktivismus, Jean Piaget, stützte seine Theorie auf Versuche, die er in den 1930er Jahren mit Kindern durchgeführt hatte, u. a. um Einsicht in die Entwicklung des Zahlbegriffs zu erhalten. Piaget verwendete beispielsweise Eins-zu-Eins-Zuordnungen von Gläsern und Flaschen, Blumen und Vasen, Eiern und Eierbechern, Pfennigen und Dingen sowie spontane Eins-zu-Eins-Zuordnungen zwischen Plättchen. Z. B. wurde Kindern eine Reihe mit sechs kleinen Flaschen gezeigt, woraufhin sie aufgefordert wurden, die gleiche Anzahl Gläser dazuzustellen (vgl. Grevsmühl 1995, 40). Bei einem anderen Versuch wurden eine Reihe mit Eierbechern und eine mit Eiern parallel zueinander
gestellt (siehe Abb. 1). Die dazu gestellte Frage war, ob es mehr Eier oder Eierbecher seien. Danach wurden die Eierbecher so
versetzt aufgestellt, dass ihre Reihe länger wurde als die Reihe der Eier. Daraufhin wurde den Kindern dieselbe Frage noch einmal gestellt. Das Scheitern der Probanden bei dieser Art von Versuchen und viele weitere Ergebnisse und Beobachtungen veranlassten Piaget und seine Anhänger zu der Annahme, das Gehirn sei bei der Geburt ein unbeschriebenes Blatt, dass nichts von der Außenwelt wisse. Erst durch die aktive Auseinandersetzung mit den Dingen, Vorgängen und Regeln der Außenwelt und deren Verinnerlichung würden sich nach und nach mathematische und logische Fähigkeiten beim Kind ausprägen. Dies sei darin begründet, dass der Mensch über seine Gene keine vorgefertigten Ideen über die Außenwelt erhielt. Er müsse sie sich folglich mithilfe seiner Wahrnehmung, Motorik und seines allgemeinen Lernmechanismus in einem fortwährenden Prozess selbst
1 In der vorliegenden Hausarbeit werde ich mich vermehrt auf das o. g. Buch Stanislas Dehaenes beziehen, das somit eine Grundlagenquelle darstellt.
2
erschließen (sensomotorische Aneignung) (vgl. Dehaene 1999, 54f). Dabei unterliegt das Denken in all seinen Inhaltsbereichen altersabhängigen Einschränkungen. Die Regelhaftigkeiten dieser Einschränkungen wurden von Piaget als eine Reihe von aufeinander aufbauenden Stufen des Denkens in seiner Theorie der Piagetschen Stufen zusammengetragen. Das Erreichen der einzelnen Stufen laufe laut Piaget stets gleich ab, wodurch zu frühe Konfrontation von Kindern mit mathematischen Vorgängen für diese schädlich sei (vgl. ebd., 55f und Nieding 2004, 2).
2 Wahrnehmung der Anzahl bei Säuglingen 2
Die Entwicklung des mathematischen Denkens und mathematischer Fähigkeiten und Fertigkeiten junger Kinder bezieht sich u. a. auf den Aufbau eines Zahlbegriffes (vgl. Peter-Koop 2007, o.S.). Auch bei diesem Aspekt ging Piaget davon aus, dass ihn die Kinder über die sensomotorische Wechselwirkung mit der Außenwelt entwickeln würden. Um dazu aber in der Lage zu sein, müsse zuerst ein bestimmtes Denkniveau erreicht und ein ausreichend langer Umgang mit der Umwelt gegeben sein. Dehaene (1999, 55) fasst Piaget diesbezüglich wie folgt zusammen:
Kinder werden ohne vorgefaßte (sic!) Ideen über das Rechnen geboren und erfassen erst nach Jahren aufmerksamer Beobachtung, was eine Anzahl ist. Durch den Umgang mit Dingen finden sie schließlich heraus, daß (sic!) die Anzahl die einzige Eigenschaft ist, die unverändert bleibt, wenn sich die Lage oder das Aussehen der gezählten Dinge
Piaget untermauerte seine Hypothese, dass Kleinkinder nicht rechnen können, mit allerlei Versuchsergebnissen. So diente ihm z. B. der Umstand, dass Kinder mit einem Alter von unter zehn Monaten nicht nach einem Spielzeug greifen, wenn es unter einer Decke versteckt wird, als Beleg für einen Mangel an Objektpermanenz. Laut Piaget glauben die Kinder, dass es das Spielzeug nicht mehr gibt, wenn sie es nicht mehr sehen können (vgl. ebd.). In vielen Ländern der Erde wurden diese Versuche wiederholt, wobei die Ergebnisse Piagets Beobachtungen absicherten. Im letzten Jahrzehnt sind Aspekte des Konstruktivismus Piagets stark in die Kritik geraten, wenn nicht empirisch widerlegt worden. Viele Forscher sind der Meinung, dass selbst für Säuglinge Dinge weiterexistieren, wenn sie aus ihrem Blickfeld verschwunden oder durch andere Gegenstände verdeckt sind. Im Gegensatz zu Piagets von der
Wirklichkeit abstrahierende Vorstellungen oder sogar bereits kognitive Oerter & Montada 2002, 174). So belegte Renée Baillargeon, dass Säuglinge von dreieinhalb Monaten bereits erwarten, dass ein sich bewegender Gegenstand auch dann weiterexistiert, wenn
2 Aufgrund des Mangels an Kontakt und Umgang mit Kindern unter einem Jahr, ist es mir leider kaum möglich, meine Ausführungen mit persönlichen oder aufgeschnappten Beispielen zu untermalen.
3
er für kurze Zeit verdeckt wird. Demgemäß zeigen sich die Säuglinge irritiert, wenn der besagte Gegenstand wider Erwarten nicht mehr erscheint (vgl. Oerter & Montada 2002, 176). Der betreffende Versuchsaufbau war wie folgt: Säuglingen im Alter von dreieinhalb bis fünfeinhalb Monaten wurden Abfolgen von Ereignissen gezeigt. Eine kleine und eine große Karotte ziehen abwechselnd, langsam und gleichmäßig hinter
einem Schirm, der sie temporär verdeckt, vorbei und erscheinen auf der jeweils anderen Seite (siehe Abb. 2). Diese Ereignisse werden so lange wiederholt, bis die Aufmerksamkeit (gemessen über die Dauer der Fixation der Gegenstände) auf einen Durchschnittswert gesunken ist.
In den zwei folgenden Testabfolgen hat der Schirm ein Fenster, das zu hoch lag, um die kleine Karotte dahinter zu sehen und hoch genug, dass die große Karotte beim Durchziehen zu sehen sein musste.
n-
sehen ist) und ein mögliches Ereignis (kleine Karotte, die nicht im Fenster zu sehen ist) gezeigt. Festzustellen war,
Ereignis blickten. Abgesichert wurde der Versuch durch
einen Durchgang, bei dem den Säuglingen am Beginn der Testabfolge gezeigt wurde, dass links und rechts des Fenst
Ereignis möglich gemacht wurde. Daraufhin war keines der Säuglinge bei dem Ereignis mehr irritiert (vgl. ebd.).
Durch ihre Forschung der vergangenen 20 Jahre haben eine Vielzahl von Forschern empirisch bewiesen, dass Dehaene 1999, 57). Das
Konzept und die Durchführung der von Piaget und seinen Kollegen verwendeten Versuche werden dafür verantwortlich gemacht, dass die Probanden dabei versagten bzw. ihre wahren Kompetenzen nicht zeigen konnten/wollten (vgl. ebd). So wurden z. B. einer Versuchsgruppe von Kindern zwischen zwei und vier Jahren zwei Reihen von Murmeln vorgelegt. Eine kürzere Reihe mit sechs Murmeln und eine längere mit nur vier Murmeln (siehe Abb. 3). Bei Piagets Durchführung antworteten die Kinder auf die Frage, welche Reihe mehr Murmeln enthalte, meist falsch, wählten also die längere Reihe. Jaques Mehler und Tom Bever führ-
ten diesen Versuch nach Piaget erneut durch, veränderten aber den Motivati- onsaspekt der Probanden. Die Mengen
Arbeit zitieren:
M.Ed. Georg Rabe, 2008, Mathematischer Erstunterricht: „Können Säuglinge zählen?“, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Pädagogik - Allgemein: Mathematischer Erstunterricht: „Können Säuglinge zählen?“ ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Pädagogik / Erziehungswissenschaften: neuer Titel erschienen: Mathematischer Erstunterricht: „Können Säuglinge zählen?“
Georg Rabe hat einen neuen Text hochgeladen
The Origin of Intelligence in the Child: Jean Piaget: Selected Works
Jean Piaget, Margaret Cook
0 Kommentare