Inhalt
0. Vorwort 1
1. Übersetzung von Lukas 4,1-13 1
2. Textkritik. 2
3. Sprachliche Analyse. 7
3.1. Textabgrenzung. 7
3.2. Kontextbezug. 9
3.3. Aufbau und Gliederung. 10
3.4. Stilistisch-syntaktische Analyse im Kontext des Lukas-Evangeliums 11
3.5. Pragmatische Analyse. 13
4. Synoptischer Vergleich und Literarkritik. 14
4.1. Die Versuchungsnotiz Markus 1,12-13 14
4.1.1. Gemeinsamkeiten und kleinere stilistische Änderungen zwischen Markus-
Matth äus- Lukas 14
4.1.2. Besonderheiten der markinischen Erzählung 15
4.2. Die Versuchungsgeschichte in der Logienquelle Q 16
4.2.1. Gemeinsamkeiten zwischen Lukas 4,1-13 und Matthäus 4,1-11 16
4.2.2. Unterschiede zwischen Lukas 4,1-13 und Matthäus 4,1-11 17
4.2.2.1. Argumente für die Ursprünglichkeit der lukanischen Reihenfolge 21
4.2.2.2. Argumente gegen die Reihenfolge des Lukas 21
5. Formkritik 22
5.1. Klassifizierung des Textes 23
5.1.1. Chrie und Apophthegmata 23
5.1.2. Legende und Mythus 24
5.1.3. Parabel und Haggada 25
5.2. „Sitz im Leben“ 26
6. Traditionskritik 27
6.1. Zwischen asketischem Rückzug und göttlicher Offenbarung - Die Wüste als Ort der
Versuchung………………………………………………………….………………... 27
6.2. Das Fasten Jesu - Rituelle Reinigung oder Sättigung durch den Geist Gottes? 28
6.3. Gehorsamer Gottessohn und toratreuer Israelit 29
6.4. Satan und Teufel - gottgesandter Versucher oder widergöttlicher Antagonist? 31
7. Historische Rückfrage nach Jesus und Überlieferungsgeschichte 33
7.1. Nichtjüdische, innerjüdische und jesuanische Motive und Tendenzen im Vorfeld der
Versuchungsgeschichte………………………………………………………………. 34
7.1.1. Der Hebräerbrief als Indiz einer vorsynoptischen Versuchstradition 34
7.1.2. Die Bewährungsprobe Buddhas 34
7.1.3. Das Testament Hiobs 35
7.1.4. Rabbinische Auslegung des Deuteronomiums 36
7.1.5. Jesuanische Selbstzeugnisse der Versuchungserfahrung 37
7.2. Ermittlung der Trägerkreise und deren Profil 37
8. Kompositions-und Redaktionsgeschichte 38
8.1. Aufriss und Komposition des Evangeliums 38
8.2. Einbettung und Funktion der Versuchungsgeschichte im Lukas-Evangelium 39
8.3. Auswertung der redaktionellen Arbeit im Evangelium 40
8.4. Gesamturteil über den Evangelisten und sein Werk in seiner Zeit 40
9. Theologischer Ertrag 41
10. Literaturverzeichnis 43
10.1. Quellen 43
10.2. Hilfsmittel 43
10.3. Kommentare und Monographien 43
10.4. Aufsätze und Artikel 45
10.5. Onlineressourcen 45
Abkürzungen:
In der nachfolgenden Arbeit werden bestimmte Abkürzungen verwendet, die hier alphabetisch
aufgeführt werden sollen.
Bsp./ bsp. Beispiel
Bsw./ Bsw. beispielsweise
Bzw./bzw. beziehungsweise
Lk Evangelist Lukas
Lukan./lukan lukanisch[e,n,r]
Mt Evangelist Matthäus
Matth./matth. Matthäisch{e,n,r]
Mk Evangelist Markus
Mark./mark. Markinisch{e,n,r]
u.a. unter anderem
V.a./v.a. vor allem
Vgl./vgl. Vergleich
Z.B./ z.B. zum Beispiel
1
0. Vorwort
Die vorliegende Arbeit unternimmt den Versuch aufzuzeigen, dass Jesus Christus in der Versuchungsgeschichte - trotz seiner scheinbaren Passivität und Abhängigkeit von der teuflischen Rede - nicht der unterlegene, sondern der übermächtige Dialogpartner ist, der entsprechend des biblischen Wortes zu leben und das Böse dieser Welt zu bekämpfen versucht. Dieser Versuch, so wie ihn uns der Evangelist Lukas in Lk 4,1-13 schildert, gelingt. Dadurch wird Jesus sowohl zum toratreuen Juden, der die von Israel begangenen Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen will, als auch zum ermahnenden und lehrenden Sohn Gottes stilisiert, der der Nachwelt aufzuzeigen will, wie die Versuchung ursprünglich in die Welt kam und wie sie zu therapieren ist.
1. Übersetzung von Lukas 4, 1-13
1. Jesus aber angefüllt vom Heiligen Geist ging vom Jordan aus und wurde vom Geist in die Wüste geführt
a [und] vierzig Tage versuchte der Teufel ihn. b Und nichts aß er in jenen 2.
Tagen und nachdem sie vollbracht waren, hungerte es ihn. 3. Der Teufel aber sprach zu ihm: Wenn du der Sohn Gottes bist, sprich zu diesem einen Stein, damit er Brot würde. 4. Und von Jesus wurde geantwortet: „Es steht geschrieben, dass nicht von Brot allein lebt der Mensch.“ 5. Und ihn hinaufführend zeigte er ihm alle Königreiche der Welt in einem Augenblick 6. und der Teufel sprach zu ihm: dir werde ich geben alle diese Freiheit und ihre Herrlichkeit, weil sie mir gegeben wurden ist und ich gebe sie, wem ich will. 7. Wenn du mich nun sichtbar anbeten würdest, wird sie ganz dein sein. 8. Und antwortend sprach Jesus zu ihm, dass geschrieben wurde: „Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten.“ 9. Aber er führte ihn nach Jerusalem und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Wenn du der Sohn Gottes bist, wirf dich selbst von hier aus nach unten. 10. Es wurde nämlich geschrieben, „dass er seinen Boten aufträgt über dich zu wachen, 11. und dass sie dich auf Händen tragen werden, sodass du niemals stoßest deinen Fuß gegen den Stein.“ 12. und antwortend sprach Jesus zu ihm,
dass geschrieben steht: „Du wirst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.“ 13. Und der Teufel beendete alle Versuchungen und ging eine Zeit gänzlich von ihm.
2
2. Textkritik
An mehreren Stellen weist der Textabschnitt Lk 4,1-13 alternative Lesarten auf, die im Folgenden betrachtet und analysiert werden sollen. Aus dem Abgleich der zur Verfügung stehenden Variationen soll jene Textgestallt rekonstruiert werden, die mit großer Wahrscheinlichkeit als ursprüngliche Gestalt angenommen werden kann. Ein wesentlicher Untersuchungsaspekt dabei, der nochmals beim Vergleich der Versuchungsgeschichte innerhalb der synoptischen Evangelien relevant werden wird, sei hier bereits vorweg genommen. Es besteht eine enge Verbindung zwischen der Versuchungsgeschichte des Lukas- und der des Matthäus-Evangeliums, wie dies auch aus mehreren kritischen Anmerkungen Barbara Alands hervorgeht. 1 Entsprechende Stellen werden hier bereits Erwähnung finden, jedoch erst im Verlauf der vorliegenden Arbeit intensiver betrachtet.
Bereits in Vers 1 fällt eine Uneinigkeit hinsichtlich der Formulierung ev n th/ | ev rh, mw| („in die Wüste“) auf, welche nach Angabe des textkritischen Apparates von einer synoptischen Parallelstelle - hier explizit von Mk 1,12-13 und dessen Wortwahl eiv j th. n e; rhmon (Vers 12) - beeinflusst wurde. 2 Obwohl sich beide Formulierungen inhaltlich nicht unterscheiden und quantitativ gut bezeugt sind, - so wird die mark. Formulierung von den Codices Alexandrinus (A 02, 5. Jhd. Kategorie I-III) 3 , Coridethianus (Q 038, 9. Jhd. Kategorie II), Zakynthius (X 040, 6. Jhd. Kategorie III) und dem Codex Athous Laurensis (Y 044, 8./9. Jhd. Kategorie II) sowie von den Minuskelfamilien ƒ1 und ƒ13 (Lake-Gruppe und Ferrar-Gruppe), als auch vom belegt - erscheint die favorisierte Formulierung ursprünglicher zu sein. Sie Mehrheitstext
wird u.a. von mehreren Papyri ( 4 , 7 sowie dem Bodner-Papyrus 75 ) bezeugt, die zwischen dem 3.-4. Jahrhundert n. Chr. verortet sind und somit als Evangelienzeugen erster Ordnung verstanden werden können. 4 Außerdem wird die gewählte Lesart von einer Anzahl Codices bezeugt, darunter dem Codex Sinaiticus (ﬡ 01, 4. Jhd. Kategorie I), dem Codex Vaticanus (B 03, um 350, Kategorie I), dem Codex Bezae Cantabrigiensis (D 05, 5. Jhd. Kategorie IV), dem Codex Anglicus (L 020, 8. Jhd. Kategorie V) sowie dem Codex Freerianus (W 032, 4.-5. Jhd. Kategorie III). Auch die Minuskeln 579 (13. Jhd.), 892 (9. Jhd.) sowie 1241 (12. Jhd.) nennen bei Lk 4,1 ev n th/ | ev rh, mw| . Bei der Entscheidung wurde also den älteren Schriften eine höhere Autorität zugeschrieben.
1 Barbara Aland u.a. (Hrsgg.), Novum Testamentum Graece, Stuttgart 27 1993, Seite 163f.
2 Auch das Mt-Evangelium beinhaltet die Formulierung eiv j th. n e; rhmon, erweitert diese jedoch durch u` po tou/
pneu, matoj peirasqh/ nai u` po. tou/ diabo, lou. Diese Erweiterung unterliegt der Tendenz des Autors beim
Abschreiben ihm sinnvoll erscheinende Ergänzungen zu tätigen. Vgl. François Bovon, Das Evangelium nach Lk.
Lk 1,1-9,50, EKK 3/1 (1989), Seite 193.
3 Der Codex Alexandrinus gehört in den Evangelien zur Kategorie III, ansonsten ist seine Qualität der Kategorie
I zuzuordnen. Vgl. Barbara Aland/Kurt Aland, Der Text des Neuen Testaments. Einführung in die
wissenschaftlichen Ausgaben sowie in Theorie und Praxis der modernen Textkritik, Stuttgart 2 1989, Seite 116.
4 Vgl. Ebd., Seite 116f.
3
Diese Vorgehensweise, d.h. den älteren Text zu bevorzugen und den jüngeren zu übergehen, gehört zum Standardrepertoire des Nestle-Alands ebenso wie der quantitative Blick auf die Anzahl der jeweiligen Zeugen. Dies lässt sich an Vers 2 belegen. Dort wird die vom Codex Bezae Cantabrigiensis, von der lateinischen Handschrift e (nicht ständiger Zeuge, 5. Jhd.) sowie vom Sinai-Syrer bezeugte Bezeichnung satana übergangen, um der auch bei Mt zu findenden Formulierung diabo, lou den Vorrang einzuräumen, was außerordentlich gut belegt ist. 5
In Vers 3 der lukan. Versuchungsgeschichte wird die Zeugenschaft der matth. Wortwahl jedoch wieder bezweifelt. Hier wählt der Evangelist Lk die Worte eiv ui` o. j ei= tou/ qeou/ ( eiv pe. tw/ | li, qw| tou, tw| i[ na ge, nhtai a; rtoj. Mt hingegen formuliert diese teuflische Aufforderung mit den Worten eiv ui` o. j ei= tou/ qeou/ ( eiv pe. i[ na oi` li, qoi ou- toi a; rtoi ge, nwntaiÅ 6 Abgesehen von den offensichtlichen Unterschieden - die Konjunktion i[ na ist bei Mt umgestellt, er verwendet die Nomen li, qoj und a; rtoj im Plural (li, qoi/a; rtoi) und gleicht dementsprechend das Verb gi, nomai darauf an (3.Person Plural Aorist ge, nwntai), während Lk dieselben Veränderungen im Singular vornimmt - scheint es auf den ersten Blick keine inhaltlichen Differenzen zwischen den beiden Evangelisten zu geben. Die Ablehnung der matth. Lesart wirft Fragen auf. In Vorausschau auf weitere textkritische Abweichungen kann bereits jetzt die Vermutung angestellt werden, dass die Differenzen zwischen den beiden Evangelisten ihrer jeweiligen Theologien geschuldet sind und es damit schwierig wird die Ursprünglichkeit der Lesart zu verifizieren bzw. zu falsifizieren.
Jesus antwortet auf die erste Versuchung des Teufels mit einem Schriftzitat: er verwirft die Zeichenforderung mit Dtn 8,3, wo es heißt, „der Mensch lebt nicht von Brot allein, sondern von allem, was aus dem Mund des HERRN geht.“ Lk nutzt dieses Schriftwort, lässt dabei jedoch den adversativen Nebensatz aus. Die von ihm favorisierte Kurzlesart ouv k ev pV a; rtw| mo, nw| zh, setai o` a; nqrwpoj bezeugen mehrere ältere Codices (ﬡ 01, B 03, L 020, W 032; Datierung zwischen dem 4.-8. Jahrhundert) sowie die Minuskel 1241, als auch mehrere Handschriften (Sinai-Syrer, die sahidische und die bohairische Überlieferung). Die längere Lesart, die wir u.a. bei Mt finden, wird für die lukan. Erzählung von einer ganzen Fülle von Zeugen belegt. Nicht nur eine Reihe aussagekräftiger Codices (A 02, mit kleineren Abweichungen D 05, Q 038, X 040) und Minuskeln (0102, ƒ1 und ƒ13, 33), sondern auch der Mehrheitstext , alle lateinischen Handschriften, die Peschitta sowie die syrische Übersetzung des Thomas von Harkel aus dem Jahre 616 und mehrere bohairische Handschriften bezeugen die wortgetreue Übernahme des Schriftzitates aus Dtn 8,3. Es wäre an dieser Stelle zu einfach auf die zeitliche Abfassung der favorisierten Zeugen zu
5 101 , Codex B, C, D, L, W, Minuskel 0233,ƒ1, ƒ13, , sämtliche lateinischen Handschriften sowie einige
syrische Überlieferungen bezeugen dies.
6 Bezeugt ist diese Formulierung für Lk ausschließlich im Codex D, der lateinischen Handschrift r 1 (7. Jhd.)
sowie einigen Vulgata-Handschriften.
4
rekurrieren. Dieses Kriterium mag durchaus im ersten Vers zutreffend sein, doch glaube ich, dass an der Stelle Lk 4,4 - an der die theologische Divergenz der beiden Evangelisten Lk und Mt offenkundig zutage tritt - eher die Qualität der gewählten Zeugen von Bedeutung ist. So ist es nachvollziehbar, dass der Codex Sinaiticus sowie der Codex Vaticanus als glaubwürdiger erscheinen. Sie sind zum einen für das Lukas-Evangelium als ständige Zeugen erster Ordnung anzusehen und zum anderen gehören sie zur ersten Bewertungskategorie, während hingegen der alexandrinische Codex für die Evangelien zur dritten Bewertungskategorie gehört. 7
Die bereits angesprochene theologische Differenz zwischen Lk und Mt scheint in den folgenden Versen der Versuchungsgeschichte zu kulminieren. Dies wird zwischen den Versen 5-12 besonders deutlich. Jener Abschnitt erzählt von den beiden nächsten Versuchungen durch den Teufel. In den Versen 5-8 berichtet Lk von der Proskynese, die der Teufel Jesus abverlangt. Die Verse 9-12 berichten anschließend von der zweiten Zeichenforderung in Jerusalem. Beide Male widersteht Jesus den teuflischen Angeboten. Jedoch ist auch eine andere Reihenfolge für die Erzählung des Lk belegt. In der Mehrheit der altlateinischen Handschriften und explizit beim Kirchenvater Ambrosius von Mailand († 397) wird eine Umstellung der Verse bezeugt. Dabei folgen die Verse 5-8 (2. lukan. Versuchung) erst nach den Versen 9-12 (3. lukan. Versuchung). Diese Veränderung kann nicht als ursprünglich angesehen werden, sondern ist vielmehr auf die matth. Reihenfolge der Versuchungen zurückzuführen, welche den altlateinischen Autoren bekannt gewesen sein dürfte. 8 Die tiefgreifende theologische Auseinandersetzung und welche Absichten hinter den Variationen der unterschiedlichen Reihenfolgen stecken, wird im Rahmen des synoptischen Vergleiches gründlicher analysiert werden. Bislang kann die von Lk gewählte Reihenfolge jedoch schon als bewusst redaktionell überarbeitet verstanden werden.
In Vers 5 des lukan. Textes weist der textkritische Apparat ein ganzes Variantenbündel anderer bzw. abgeänderter Lesarten auf. So belegen mehrere Zeugen zwischen dem Personalpronomen auv to. n und dem Aorist von dei, knumi (e; deixen) zwei unterschiedliche Einschübe: (1.) o diaboloj eij oroj uyhlon („der Teufel [führte ihn] auf einen hohen Berg“) und (2.) eij oroj uyhlon („auf einen hohen Berg“). Während die Lesart (1.) von den Codices A, Q, Y, den Minuskeln 0102, mit kleineren Einschränkungen auch von der Ferrar-Gruppe und etlichen Handschriften bezeugt wird, 9 findet sich die Lesart (2.) in der ersten Korrektorengruppe des Codex Sinaiticus (ﬡ 1 ), mit geringfügigen Abweichungen in den Codices D und W sowie in der Minuskelfamilie ƒ1 und in den zwischen dem 11.-13.
7 Vgl. Barbara Aland u.a. (Hrsgg.), Novum Testamentum Graece, Stuttgart 27 1993, Seite 17*/Barbara Aland/
Kurt Aland, Text des NT, Seite 118.
8 Bei Mt erfolgt die Versuchung auf der Tempelzinne bevor der Teufel von Jesus die Anbetung verlangt.
9 Darunter sind die Vulgata-Ausgabe von 1592 (vg cl ), alle zur entsprechenden Stelle zur Verfügung stehenden
syrischen Handschriften, jedoch mit Ausnahme der Peschitta (sy (p) ), die geringfügig abweicht und einigen
Einzelhandschriften bohairischer Überlieferung.
5
Jahrhundert datierten Minuskeln 700 und 2542. Jedoch gibt es keine Handschriften, die für (2.) als ständige Zeugen erster Ordnung auftreten.
Trotz dieser Einschübe und ihrer durchaus beachtlichen Zeugenschaft ist die gewählte Auslassung gerechtfertigt. Denn es treten als Zeugen abermals der Codex *ﬡ und der Codex B auf. 10 Außerdem entspricht diese Auslassung der erwähnten theologischen Tendenz zur Abgrenzung vom Matthäus-Evangelium. Mt nutzt nämlich die erste Alternativlesart in seiner Versuchungsgeschichte. 11
Im restlichen Vers 5 wird diese Abgrenzungstendenz bewusst untermauert. So nutzt Lk als nähere Bestimmung zu ta. j basilei, aj („Königreiche“) die Genitivform von h` oiv koume, nh (th/ j oiv koume, nhj), um die Macht der diesseitigen Welt zu betonen und dementsprechend die Qualität des irdischen Wirkens Jesu zu verdeutlichen. Es sind jedoch noch zwei weitere Lesarten bezeugt, die die angebotenen Königreiche anderweitig bestimmen: (1.) ko, smou und (2.) thj ghj. Mt bezieht die Herrlichkeit auf eine größere Sphäre. Nicht nur der bewohnte und von Menschen verwaltete Erdball, sondern der gesamte wahrnehmbare Kosmos, ja das ganze Universum wird bei ihm zum Gegenstand. Dies macht er deutlich mit dem Singulargenitiv des Nomens o` ko, smoj (ko, smou). Dieselbe Lesart findet sich auch für Lk, jedoch ist dies nur in einem Codex (D 05), einer Minuskel (1241) und wenigen Handschriften belegt. Die Lesart (2.) ta. j basilei, aj thj ghj („die Königreiche des Erdbodens“) findet sich im Codex Freerianus, der Peschitta und dem Sinai-Syrer. Wo die Sphäre der ersten Alternativlesart zu weit gefasst ist, erscheint diese Lesart als zu eng gefasst. Vers 8 der lukan. Erzählung ist äußerst interessant. Hier findet sich abermals ein Variantenbündel bestehend aus drei unterschiedlichen Lesarten. Bei diesen Varianten handelt es sich um Wortumstellungen betreffend der Worte o` VIhsou/ j ei= pen auv tw. Belegt wird diese von Lk genutzte Wortstellung durch mehrere Codices, Minuskeln und etliche altlateinische Handschriften, die bereits als Zeugen auftraten (ﬡ L W X ƒ1. (13) 33. 579. 892. 1241. 2542). Zum ersten Mal treten nun aber auch Lektionare als Zeugen auf, die sich dezidiert an der Leseordnung der byzantinischen Kirche orientieren (l 844 [861/862]. l 2211 [995/996]). 12 Somit haben wir einen glaubwürdigen Beleg dafür, dass die lukan. Wortreihenfolge tradiert und in den praktischen Glaubensvollzug übernommen wurde. Es ist zwar eine hypothetische Annahme, doch bin ich überzeugt, dass wichtige und bedeutsame Texte mit größerer Sorgfalt behandelt und anschließend tradiert werden. Deshalb betrachte ich die genannten Lektionare, v.a. weil sie im orthodoxen Byzanz überliefert wurden, als aussagekräftige Zeugen der ursprünglichen Lesart. Die anderen Varianten, die ich nicht weiter ausführen möchte, da durch sie keinerlei inhaltliche Verschiebung erfolgt und die höchstwahrscheinlich auf
10 Weitere Zeugen sind: L 1241 pc sa mss bo pt .
11 Mt 4,8: Pa, lin paralamba, nei auv to. n o` dia, boloj eiv j o; roj u` yhlo. n li, an kai. dei, knusin auv tw/ | pa, saj ta. j
basilei, aj tou/ ko, smou kai. th. n do, xan auv tw/ n.
12 Vgl. Barbara Aland u.a. (Hrsgg.), Novum Testamentum Graece, Stuttgart 27 1993, Seite 40*.
6
Abschreibfehler zurückgeführt werden müssen, sind nur vereinzelt bezeugt. Somit kann die gewählte Variante als ursprünglich lukan. betrachtet werden. 13 Vor dem konjugierten Verb ge, graptai (3. Person Singular Perfekt Passiv von gra, fw) desselben Verses weist der textkritische Apparat eine Einfügung auf: upage opisw mou satana („Weiche von mir, Teufel!“). 14 Dieser imperative Befehl an den Teufel ist teilweise von der Parallelstelle Mt 4,10 beeinflusst und wird von Lk negiert. Dies belegen ebenfalls die byzantinisch tradierten Lektionaren 844 und 2211. 15
Noch ein letztes Mal werden diese beiden Schriften als Beleg des lukan. textum herangezogen. Für den aus Dtn 6,13; 10,20 stammenden Fundamentalsatz jüdischen Glaubens - ku, rion to. n qeo, n sou proskunh, seij („Gott den HERRN wirst du nicht versuchen“) - führt Aland eine andere Variante an, bei der der Indikativ Futur vor das Akkusativobjekt ku, rion gesetzt ist. Diese Variante wird jedoch nur mutiliert vom Alexandrinus, dem Coridethianus, der Minuskel 0102, dem Mehrheitstext und den lateinischen Handschriften a (4. Jhd.) und r 1 (7. Jhd.) belegt. V.a. der Umstand, dass die als Beleg angeführten Majuskeln einerseits nicht ständige und andererseits unvollständig erhaltene Zeugen sind, lässt mich für die lukan. Lesart votieren. 16
In den letzten Versen besteht weitgehende Einstimmigkeit bezüglich der Ursprünglichkeit des lukan. Textes. Zum Vers 9 sowie zum Vers 11 sind jeweils Auslassungen belegt. Diese können jedoch nur mit Blick auf das Matthäus-Evangelium bewertet werden, was die Entscheidung nicht gerade erleichtert. Für Vers 9 bezeugen der Codex Anglicus sowie der Codex Zakynthius, als auch die aus dem 5. Jahrhundert stammende lateinische Handschrift e die Auslassung des Personalpronomens auv tw/ | und in Vers 11 stehen einige Zeugen Patron für die Auslassung der untergeordneten Konjunktion o[ ti. 17 Auf den ersten Blick scheint es, dass Lk sich in seiner Formulierung stark an Mt orientiert hat. Genau wie dieser leitet er die Rede des Teufels mit auv tw/ | (Mt 4,6/Lk 4,9) und das Schriftzitat Ps 91,11 mit o[ ti (Mt 4,6/Lk 4,10) ein. Unter diesem ersten Eindruck könnte man zum Urteil gelangen, dass das zweite o[ ti (Lk 4,11) eine Dittographie ist, die Lk beim Abschreiben der Worte unterlaufen ist. In diesem Fall müsste man dann den Textzeugen zustimmen, die für die Auslassung im Vers 11 plädieren. Bei genauerem Hinsehen fällt jedoch auf, dass Mt und Lk zwei unterschiedliche Varianten des Ps 91,11 nutzen. Lk erweitert die Aufgabe des Engelsdienstes um einen
13 Die Lesart 4 3 1 2 (auv tw ei= pen o` VIhsou/ j` ) ist mit Einschränkungen bezeugt im Codex Alexandrinus und
Codex Coridethianus sowie in der Minuskel 0102 und dem . Die zweite Alternativlesart 4 1 2 3 (auv tw o`
VIhsou/ j ei= pen) ist belegt im Codex Bezae Cantabrigiensis und im Codex Athous Laurensis sowie in wenigen
Handschriften. Die dritte Alternativlesart ist nur zu finden im Codex Vaticanus und entspricht bis auf die
Auslassung des Artikels der ersten Alternativlesart.
14 Zeugen dieser lukan. Lesevariation sind: A Q Y 0102 ƒ13 it sy h (bo pt ).
15 Weitere Belege für die lukan. Auslassung der Worte sind: ﬡ B DL W X ƒ1 33. 579. 700. 892*. 1241. 2542. pc
lat sy s.p sa bo pt .
16 Zeugen dieser lukan. Lesart sind: ﬡ B D L W X Y ƒ1.13 33. 579. 892. 1241. 1424. 2542. sowie andere
lateinische und einige syrische Handschriften (sy p.h. ).
17 Zeugen dieser Lesart sind: D G (Codex Tischendorfianus 036, 10. Jhd.) D (Codex Sangellensis 037, 9. Jhd.)
it sy s.p sa bo pt . 0102. 700
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Daniel Meyer, 2008, Die Versuchung Jesu, München, GRIN Verlag GmbH
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