Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Zum Leben und Werk von Paul Fleming 3
3. Analyse zweier Liebesgedichte von Paul Fleming 6
3.1. „Eine hab’ ich mir erwählet “ 6
3.2. „Außerwählte nach der einen “ 8
4. Einordnung der Beispiele in die Liebeslyrik von Paul Fleming 10
5. Heutige Wirkung 15
6. Fazit 16
1. Einleitung 2
1. Einleitung
„Man wird mich nennen hören, …“ 1 , so Fleming in seiner bekannten Grabschrift, die er kurz vor seinem Tod verfasste. Auch wenn man es heute nicht mehr so ausdrücken würde, so hatte er Recht damit, dass auch später noch über ihn und seine Dichtung gesprochen wird, denn trotz seines kurzen Lebens von nur 31 Jahren hat er ein beeindruckendes, äußerst vielfältiges Werk hinterlassen.
Fleming schrieb unter anderem zahlreiche Casuallyrik für spezielle Anlässe, wie zum Beispiel
Geburts- oder Namenstage, Begräbnisse oder auch Hochzeiten 2 . Diese weitgehend als Auftragswerk entstandene Gelegenheitsdichtung war zur Barockzeit üblich, Opitz meinte jedoch: "Ferner so schaden auch dem gueten nahmen der Poeten nicht wenig die jenigen /
welche mit jhrem vngestümen ersuchen auff alles was sie thun vnd vorhaben verse fodern." 3 , denn "ein Poete kan nicht schreiben wenn er wil / sondern wenn er kan / vnd jhn die regung
des Geistes ... treibet" 4 . Die Zeit des Dreißigjährigen Krieges, in der Fleming lebte, seine Freundschaft mit anderen Studenten, vor allem aber auch seine Russlandreise und besonders
die Beziehungen zu Elsabe und Anna Niehus 5 beschäftigten Fleming und lieferten die nötige „regung des Geistes“ und so unter anderem Stoff für seine Kriegs-, Freundschafts-, Reise-und Liebeslyrik, wobei die Literaturgeschichtsschreibung letztere als das Zentrum seines
poetischen Werkes ansieht 6 . Die „Reflexion über Wesen und Wert menschlicher Liebesbeziehungen“ 7 war für ihn bereits in den Leipziger Studentenjahren bedeutsam geworden, seine deutschsprachige Liebeslyrik erreichte jedoch erst in der Revaler Zeit ihren
Höhepunkt, so Schubert 8 .
In der hier vorliegenden Arbeit möchte ich anhand der Interpretation der beiden Liebesoden
„Eine hab’ ich mir erwählet …“ 9 und „Außerwählte nach der einen …“ 10 Charakteristika der Liebeslyrik Flemings herausarbeiten, die Beispiele in das Gesamtwerk seiner Liebeslyrik 11
1 Sonett II.14 (S. 112), Auch im Folgenden wird bei den jeweiligen Gedichtverweisen jeweils die Bezeichnung entsprechend der Sortierung von Lappenberg angegeben. Zusätzlich ist in Klammern die Seitenzahl des jeweiligen Werkes in: Meid, Volker: Paul Fleming. Deutsche Gedichte. 2000. notiert, in welchem die Werke nicht in dem Maße an die heutige Schreibung angepasst sind wie in der Ausgabe von Lappenberg.
2 Allein in den Poetischen Wäldern finden sich 24 Werke zu Geburts- oder Namenstagen, 14 zu Begräbnissen und 7 zu Hochzeiten vgl. Lappenberg, Johann Martin: Paul Flemings deutsche Gedichte. Erster Band. 1965.
3 Opitz, Martin: Buch von der Deutschen Poeterey: (1624). 2005, S. 18.
4 Ebenda, S. 19.
5 Oder: Niehusen
6 Vgl. Schubert, Dietmar: Paul Fleming monographische Studie. 1985, S. 117.
7 Schubert, Dietmar: „Ein weltlichs Himmelreich, ein sterblichs Paradeis.“ 1985, S. 213f.
8 Vgl. ebenda, S. 214.
9 Ode V.24 (S. 84f) siehe Anm. 1 , von Lappenberg mit dem Titel „Basilene“ versehen.
10 Ode V.37 (S. 101f) siehe Anm. 1 , von Lappenberg mit dem Titel „Anemone“ versehen und datiert auf 1639.
11 Das grundlegende Werk „Paul Flemings Liebeslyrik“ erschien 1932 und stammt von Pyritz, für die Arbeit fand die erweitere Fassung Verwendung: Pyritz, Hans: Paul Flemings Liebeslyrik. 1963.
1. Einleitung / 2. Zum Leben und Werk von Paul Fleming 3
einordnen, deren beeindruckende Diversität ich durch zahlreiche weitere Beispiele aus seinem Werk belegen möchte. Darüber hinaus werde ich darauf eingehen, inwieweit die Liebeslyrik Flemings und insbesondere die beiden Gedichte für Leser auch heute noch von Bedeutung sein sollten oder könnten, frei nach Flemings Ankündigung „Man wird mich nennen hören, …“.
2. Zum Leben und Werk von Paul Fleming 12
Da persönliche Erfahrungen, Eltern, Lehrer und auch Freunde den Menschen prägen und demnach keinen unwesentlichen Einfluss auf das Werk eines Dichters haben, möchte ich zunächst auf Flemings Biographie eingehen und derartige Einflüsse aufzeigen.
Paul Fleming wurde am 5.10.1609 13 in Hartenstein im Erzgebirge geboren, welches damals Residenz der Grafen von Schönburg war. Sein Vater, ein Theologe, war Schulmeister und wurde kurz nach Flemings Geburt zum Hof- und Stadtdiakon von Hartenstein. Flemings Mutter gehörte zur Dienerschaft der Gräfin Katharina von Schönburg, die die Patenschaft für Fleming übernahm. 1615 zog die Familie nach Topfseifersdorf, was ebenfalls zum Schönburgschen Besitz gehörte. Bereits im Jahr darauf starb Flemings Mutter. Sein Vater heiratete noch im selben Jahr neu, um Paul und seiner jüngeren Schwester Sabina die Mutter zu ersetzen.
Im Mai 1618 begann mit dem Prager Fenstersturz der Dreißigjährige Krieg, der über Flemings Lebzeit hinaus andauern sollte und das Leben und Werk Flemings maßgeblich mit beeinflusst hat.
Der junge Fleming besuchte die Lateinschule in Mittweida, wo er erste Erfahrungen in der lateinischen Dichtkunst sammelte. 1622 kam Fleming an die Leipziger Thomasschule. Dort lernte er den Thomaskantor Johann Hermann Schein kennen und wurde durch ihn unter anderem mit vielgestaltigem Liedgut, wie Volksliedern, Gesellschaftsliedern, aber auch Gemeindeliedern, vertraut gemacht, die ihn und seine Poesie beeinflussten, wie auch die
aktuelle Analyse von „Scheins Vorbildwirkung“ von Frey eindrucksvoll zeigt. 14 Musizieren hatte wahrscheinlich schon im elterlichen Pfarrhaus zum Alltag gehört. 15 Im Sommer 1628 wurde sein Vater Schloss- und Ortsgeistlicher in Wechselburg. Zum Wintersemester desselben Jahres nahm Fleming sein Studium an der Artes-Fakultät in Leipzig
12 Falls nicht anders angegeben vgl. Entner, Heinz: Paul Fleming: ein deutscher Dichter im 30jährigen Krieg. 1989.
13 Die Angabe entspricht, wie auch folgende Datumsangaben, dem damals im protestantischen Sachsen gültigen julianischen Kalender (im gregorianischen Kalender entspräche dies dem 15.10.1609).
14 Vgl. Frey, Indra: Paul Flemings deutsche Lyrik der Leipziger Zeit. S. 43-63.
15 Vgl. Schubert, Dietmar: Paul Flemings poetisches Vermächtnis. 1984. S. 11.
2. Zum Leben und Werk von Paul Fleming 4
auf, um die septem artes liberales 16 zu studieren, wie es für Gelehrte dieser Zeit typisch war. Leipzig bot „ausgezeichnete Möglichkeiten für geselliges Musizieren in studentischen und
bürgerlichen Kreisen“ 17 . Hier machte Fleming unter anderem auch Bekanntschaft mit dem aus Schlesien stammenden Medizinstudenten Georg Gloger, der ihn mit der Opitzschen Dichtungsreform bekannt machte und nach dessen Vorbild Fleming ebenfalls Medizin zu studieren begann. Beide verband schon bald eine enge Freundschaft. Mehr und mehr hielt der Krieg in Leipzig Einzug und Fleming wollte im Sommer 1631 mit Gloger aus Leipzig fliehen, doch dieser lehnte ab. Im Oktober des Jahres verlor Fleming den Freund, der vermutlich an einer Virusgrippe starb.
Ende des Jahres 1631 erschien Flemings Werk „Rubella seu Suaviorum liber I“, eine Sammlung lateinischer Liebesgedichte, in der, wie Pyritz feststellt, „motivisch die spätere
Produktion in weiten Gebieten vorgebildet ist“ 18 .
1632 begann die für Flemings weiteres Leben bedeutsame Freundschaft mit dem Lehrer Adam Olearius, dank dessen Fürsprache er 1633 Teil der holsteinischen Gesandtschaft nach Russland und Persien wurde, einem Handelsprojekt des Hamburger Kaufmanns Brüggemann, auf dem Landweg unter Umgehung des Osmanischen Reiches orientalische Luxusgüter nach Europa zu bringen. Olearius sollte der Gesandtschaft als Hofgeograph beiwohnen und die Reisechronik schreiben und er hatte Fleming als Begleiter vorgeschlagen, der für die Reisechronik dichten sollte. Die Reise währte letztlich knapp 6 Jahre und macht daher keinen unwesentlichen Anteil an Flemings Leben aus. Sie „hat ihre Spuren in Flemings Werk
hinterlassen“ 19 , wovon die zahlreichen Reise- 20 und Liebesgedichte zeugen, die während dieser Zeit entstanden sind. Für die Liebeslyrik bedeutsam sind besonders die Aufenthalte in Reval, dem heutigen Tallinn, welches die Gesandtschaft zu Beginn des Jahres 1635 erstmals erreichte. Während ein Teil der Gesandtschaft zurück nach Holstein reiste, blieb Fleming in Reval und lernte dort die Familie des aus Hamburg stammenden, wohlhabenden Kaufmanns Niehus und deren drei Töchter Elisabeth, Elsabe und Anna kennen. Vermutlich im März 1635 begann die Liebesbeziehung zu Elsabe Niehus. Aus Flemings Gedicht „Liefländische
Schneegräfin“ 21 , das im Jahre 1636 entstand, schlussfolgert Entner, dass sich Fleming in Hinsicht auf Elsabe sicher gefühlt haben muss und die beiden heiraten wollten. Allerdings
16 Die sieben freien Künste: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie
17 Vgl. Schubert, Dietmar: Paul Flemings poetisches Vermächtnis. 1984. S. 12.
18 Pyritz, Hans: Paul Flemings Liebeslyrik. 1963, S. 16.
19 Meid, Volker: Das 17. Jahrhundert. In: Geschichte der deutschen Lyrik vom Mittelalter bis zur Gegenwart. 2001. S.91.
20 Vgl. zur Reiselyrik: Schubert, Dietmar: Paul Flemings poetische Chronik seiner Russlandreise. 1990. S. 5-18.
21 Poetische Wälder III.7 siehe Anm. 1 , Fleming beendet das Hochzeitsgedicht mit den Zeilen „Laßt unterdessen euch die Zeit nicht werden lang! Bald solt ihr kommen auch auf meinen Strömlingsfang.“ In: Lappenberg, Johann Martin: Paul Flemings deutsche Gedichte. Erster Band. 1965. S.100.
2. Zum Leben und Werk von Paul Fleming 5
reiste die Gesandtschaft mit Fleming im März des Jahres weiter in Richtung Moskau. Die Liebe auf Distanz hat Fleming beschäftigt und ist mehrfach zum Gegenstand seiner Lyrik
geworden 22 .
Fleming hatte gehofft, die Reise bald abbrechen und zu Elsabe zurückkehren zu können, doch sein Plan scheiterte und er reiste im Sommer 1636 mit der Gesandtschaft auf der Wolga weiter. Im November erlitt die Gesandtschaft Schiffbruch, wobei Fleming vermutlich
Todesängste ausgestanden hat, wie „Hier braust mein naher Tod“ 23 vermuten lässt. 1637 erhielt Fleming die Nachricht von Elsabes Verlobung mit dem ehemaligen Hauslehrer
der Familie Niehus, was ihn tief bewegt hat, wie sich auch in seinem Sonett „An Adelfien“ 24 zeigt. Hier unternimmt das artikulierte Ich 25 zunächst noch den Versuch, andere für die Untreue seiner Geliebten verantwortlich zu machen, resigniert aber schließlich „Hast du mir das getahn / so wird’ ich einer Frauen auff ihren höchsten Eyd nicht so viel künftig trauen.“, heißt es dort (Zeile 12f).
Im April 1639 war Fleming endlich zurück in Reval. Er verliebte sich in Elsabes jüngere Schwester Anna Niehus und warb um sie. Nachdem sie seine Liebe zunächst nicht erwiderte, verlobten sich die beiden im Juli 1639. Kurz darauf reiste die Gesandtschaft jedoch weiter nach Holstein und Fleming war erneut von seiner Geliebten getrennt, was er zum Beispiel in
seiner Ode „An Anemonen Nachdem er von Ihr gereiset war.“ 26 verarbeitet. Im Oktober 1639 immatrikulierte sich Fleming in den Niederlanden an der Universität Leiden, um dort sein Medizinstudium zu beenden. Bereits ein reichliches Vierteljahr später konnte er die Promotion zum Dr. med. abschließen und nun endlich wieder zu Anna Niehus reisen. Er kam in Reval jedoch nicht mehr an, denn auf dem Weg erkrankte Fleming und starb kurz darauf, am 2.4.1640, in Hamburg. Kurz vor seinem Tod verfasste Fleming seine bekannt
gewordene Grabschrift 27 , die von enormem Selbstbewusstsein 28 und trotz des bevorstehenden Todes von Zufriedenheit und Gelassenheit 29 zeugt, einem optimistischen Wesenszug, wie er sich auch in seiner Liebeslyrik findet.
22 z. B. „Schmerz der Trennung“ Ode V.26 siehe Anm. 1 oder „An Basilenen Nach dem Er von Ihr gereiset war“ Ode V.27 (S. 87) siehe Anm. 1
23 Beginn von „In ein Stambuch, zu Niesoway in Schirvan am Kaspischen Strande.“ Sonett III.51 siehe Anm. 1 .
24 Sonett IV.80 (S. 125) siehe Anm. 1
25 „Vom Gebrauch des vorbelasteten und unscharfen Begriffs ‚lyrisches Ich’ sei hier nochmals ausdrücklich abgeraten … Statt dessen bietet sich der Begriff des ‚artikulierten Ich’ an, der von Rainer Nägele eingeführt wurde. In: Burdorf, Dieter: Einführung in die Gedichtanalyse. 1997. S. 194.
26 Ode V.40 (S.105) siehe Anm. 1 , von Lappenberg datiert auf 1639.
27 Sonett II.14 (S.112) siehe Anm. 1
28 So heißt es darin „Kein Landsmann sang mir gleich.“ (Zeile 4).
29 Was besonders durch die Verse „Ich sag‘ Euch gute Nacht / und trette willig ab. Sonst alles ist gethan …“ (Zeile 10f) und „Was bin ich viel besorgt …“ (Zeile 13) zum Ausdruck kommt.
Arbeit zitieren:
Karen Brand, 2010, Diversität der deutschen Liebeslyrik von Paul Fleming, München, GRIN Verlag GmbH
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