Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis III
Tabellenverzeichnis IV
1 Einleitung 1
2 Theorien über die räumliche Verteilung
der Jugendkriminalität 2
2.1 Einordnung der Theorie sozialer Desorganisation unter
den Theorien abweichenden Verhaltens 2
2.2 Sozialökologische Grundlagen der Theorie sozialer Desorganisation 4
2.2.1 Einführung in die Sozialökologie 4
2.2.2 Räumliche Verteilung der Jugendkriminalität in Chicago 5
2.2.3 Sozialökologische Theorien 8
2.3 Theorie sozialer Desorganisation 13
2.3.1 Begrifsdefinition und Begriffsursprung 13
2.3.2 Theorie sozialer Desorganisation als Subkulturtheorie 16
2.3.3 Theorie sozialer Desorganisation als Kontrolltheorie und Hypothesenbildung 22
3 Paneldatenanalyse der Jugendkriminalität in Deutschland 33
3.1 Operationalisierung der Variablen 33
3.1.1 Operationalisierung der abhängigen Variable 33
3.1.2 Operationalisierung der unabhängigen Variablen 40
3.2 Panelmodelle zur Erklärung der Jugendkriminalitätsraten 53
3.2.1 Einführung in die Paneldatenanalyse 53
3.2.2 Between-Effects-Modell 57
3.2.3 Fixed-Effects-Modell 63
3.2.4 Random-Effects-Modell 70
3.2.5 Modellwahl 75
3.3 Soziale Kontrolle als Mediator zwischen sozialer Desorganisation
und der Jugendkriminalität 77
3.3.1 Einführung in die Mediatorenanalyse 77
3.3.2 Operationalisierung der Mediatorvariablen 79
3.3.3 Test auf die Mediationsbeziehung 85
4 Kritik und Ausblick 97
Literaturverzeichnis 100
I
Weblink-Verzeichnis 105
Anhang 106
II
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Verteilung der Jugendkriminalität über die Stadtteile von Chicago
Abb. 2: Pfaddiagramm der Theorie kultureller Übertragung
Abb. 3: Vier-Felder-Diagramm der Arten sozialer Kontrolle
Abb. 4: Pfaddiagramm der Theorie sozialer Desorganisation
Abb. 5: Trichtereffekt fortschreitender Aussortierung von Kriminalität
Abb. 6: Tatverdächtige nach Bundesländern von 2004 bis 2007
Abb. 7: Aufklärungsquoten nach Bundesländern von 2004 bis 2007
Abb. 8: Armutsgefährdungsquoten nach Bundesländern von 2004 bis 2007
Abb. 9: Vergleich alternativer Armutsgefährdungsquoten nach Gebietsständen
Abb. 10: Ausländer nach Bundesländern von 2004 bis 2007
Abb. 11: Bevölkerungsmobilität nach Bundesländern von 2004 bis 2007
Abb. 12: Alleinerziehende nach Bundesländern von 2004 bis 2007
Abb. 13: Urbanisierungsgrad der Bundesländer von 2004 bis 2007
Abb. 14: Beispielgrafiken für individuelle Regressionskonstanten
Abb. 15: Partielle Residuenplots im Between-Effects-Modell
Abb. 16: Pfaddiagramm der Mediationsbeziehungen
Abb. 17: Ehrenamtliches Engagement nach Bundesländern in 2005 und 2007
Abb. 18: Geselligkeit nach Bundesländern in 2005 und 2007
Abb. 19: Beaufsichtigungsstatus nach Bundesländern in 2005 und 2007
Abb. 20: Pfaddiagramm des Causal-Steps-Ansatzes
III
Tabellenverzeichnis
Tab. 1: Beispiel-Haushalt 1 zur Berechnung des Äquivalenzeinkommens 42
Tab. 2: Beispiel-Haushalt 2 zur Berechnung des Äquivalenzeinkommens 43
Tab. 3: Beispiel-Haushalt 3 zur Berechnung des Äquivalenzeinkommens 44
Tab. 4: Regression Specification Error Test im Between-Effects-Modell 59
Tab. 5: Between-Effects-Modell zur Erklärung der Jugendkriminalitätsraten 61
Tab. 6: Lineares Regressionsmodell zur Erklärung der Jugendkriminalitätsraten I 62
Tab. 7: Fixed-Effects-Modell zur Erklärung der Jugendkriminalitätsraten 65
Tab. 8: Lineares Regressionsmodell zur Erklärung der Jugendkriminalitätsraten II 66
Tab. 9: Dummyvariablen-Modell zur Erklärung der Jugendkriminalitätsraten 68
Tab. 10: Areg-Modell zur Erklärung der Jugendkriminalitätsraten 70
Tab. 11: Random-Effects-Modell zur Erklärung der Jugendkriminalitätsraten 73
Tab. 12: Lineares Regressionsmodell zur Erklärung der Jugendkriminalitätsraten III 74
Tab. 13: Hausman-Test über das Vorliegen von Fixed- oder Random-Effects I 76
Tab. 14: Beispiel-Haushalt 1 zur Berechnung des Beaufsichtigungsstatuses 83
Tab. 15: Beispiel-Haushalt 2 zur Berechnung des Beaufsichtigungsstatuses 84
Tab. 16: Beispiel-Haushalt 3 zur Berechnung des Beaufsichtigungsstatuses 84
Tab. 17: Panelmodelle des Causal-Steps-Ansatzes (Schritt 1) 88
Tab. 18: Hausman-Test über das Vorliegen von Fixed- oder Random-Effects II 89
Tab. 19: Panelmodelle des Causal-Steps-Ansatzes (Schritt 2a) 90
Tab. 20: Hausman-Test über das Vorliegen von Fixed- oder Random-Effects III 91
Tab. 21: Panelmodelle des Causal-Steps-Ansatzes (Schritt 2b) 91
Tab. 22: Hausman-Test über das Vorliegen von Fixed- oder Random-Effects IV 92
Tab. 23: Panelmodelle des Causal-Steps-Ansatzes (Schritt 3) 93
Tab. 24: Hausman-Test über das Vorliegen von Fixed- oder Random-Effects V 94
Tab. 25: Varianzinflationsfaktoren des RE-Modells aus Tabelle 23 95
Tab. 26: Varianzinflationsfaktoren des RE-Modells aus Tabelle 11 96
IV
1 Einleitung
„Deutschland ist ein sicheres Land“ (vgl. Süddeutsche Zeitung vom 16. Juni 2009)! Mit diesen Worten stellte der frühere Bundesinnenminister und jetzige Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble die Polizeiliche Kriminalstatistik des Jahres 2008 vor. Wäre Schäuble bei Vorstellung der Polizeilichen Kriminalstatistik des Jahres 2009 im Juni 2010 noch im Amt gewesen, so hätte er möglicherweise gesagt: „Deutschland ist ein noch sichereres Land geworden“! Bereits das sechste Jahr in Folge ist sowohl die Gesamtanzahl der registrierten Straftaten als auch der von Jugendlichen und Heranwachsenden begangene Anteil an diesen Straftaten gesunken. Wahr ist aber auch, dass es nach wie vor große Unterschiede in der Zahl der registrierten Straftaten zwischen den Bundesländern gibt. Wäre Schäuble noch im Amt, so hätte er deshalb möglicherweise auch gesagt: „Deutschland ist ein sicheres Land! Aber manche Bundesländer sind sicherer als andere“!
Es ist Aufgabe der Soziologie Antworten zu finden auf die Frage, warum es so große regionale Unterschiede in den Kriminalitätsraten gibt. In den USA entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Theorierichtung der Kriminalsoziologie, welche versucht, die unterschiedlich hohen Jugendkriminalitätsraten in Stadtteilen von amerikanischen Großstädten zu erklären. Es ist das Ziel dieser Diplomarbeit, zu überprüfen, ob diese fast 100 Jahre alte Theorie auch zur Erklärung der unterschiedlich hohen Jugendkriminalitätsraten der deutschen Bundesländer zu Beginn des 21. Jahrhunderts dienen kann. Diese Theorie galt Mitte des 20. Jahrhunderts als der dominierende Ansatz in der Kriminalsoziologie. In den Folgejahrzehnten galt sie jedoch als überholt und wissenschaftlich verworfen. Erst Ende der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts ist diese Theorie in den USA wiederentdeckt worden. Allerdings war und ist diese Theorie in der deutschen Soziologie noch weitestgehend unbekannt.
Deshalb wird im gesamten Kapitel zwei diese Theorie vorgestellt und aus ihr empirisch zu prüfende Hypothesen abgeleitet.
Im gesamten Kapitel drei wird eine Paneldatenanalyse über die Jugendkriminalität in Deutschland für den Zeitraum von 2004 bis 2007 durchgeführt. Ebenso wie die zugrunde liegende Theorie, so ist auch die Paneldatenanalyse als statistisches Instrument in den Gesellschaftswissenschaften in Deutschland noch weniger stark verbreitet ist als in den USA. Dabei bietet dieses Datenauswertungsverfahren speziell für die Erforschung
der Jugendkriminalität in Deutschland eine Reihe von Vorteilen. Falls es nämlich tat-
1
sächlich sowohl Unterschiede in den Kriminalitätsraten zwischen Bundesländern aber auch zwischen den Jahren - dies ist eine der zentralen Aussagen der Polizeilichen Kriminalstatistik - gibt, so stellt die Paneldatenanalyse die geeignete Form der Datenanalyse dar.
In Kapitel vier werden die zentralen Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst. Darüber hinaus sollen Kritikpunkte und Verbesserungsvorschläge für diesen interessanten, aber auch kritisierbaren Ansatz zur Erklärung der Jugendkriminalität genannt werden.
2 Theorien über die räumliche Verteilung der Jugend- kriminalität
2.1 Einordnung der Theorie sozialer Desorganisation unter
den Theorien abweichenden Verhaltens
Theorien über abweichendes Verhalten entstammen aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und einige existieren bereits seit mehreren Jahrhunderten. Bereits in der Antike entstanden spiritistsiche Ansätze, welche die Ursache für abweichendes Verhalten in dem Einwirken von „bösen“ Mächten und Kräften (z.B. Dämonen, Hexen) aus einer anderen Welt sahen (vgl. Lamnek, 2007, S. 65). In Abgrenzung zu diesen entstanden bereits im 13. Jahrhundert naturalistische Ansätze, welche die Ursache für abweichendes Verhalten in erforschbaren Objekten, Ereignissen und Beziehungen der diesseitigen Welt sahen. Alle im Folgenden genannten Theorien stellen naturalistische Ansätze dar.
Die klassische Schule der Kriminologie entstand zur Zeit der Aufklärung. Der Mensch wird als vernünftiges und verantwortlich handelndes Wesen gesehen, das sich aber dennoch unter bestimmten Umständen und Situationen abweichend verhält. Da sich demnach jeder Mensch abweichend verhalten kann, steht nicht der Täter, sondern die Tat, d.h. die sozialen Umstände und Situationen, in denen ein Mensch sich abweichend verhält, im Fokus der klassischen Schule (vgl. ebd., S. 66). Als klare Abkehr von der klassischen Schule entwickelten sich Ende des 19. JahrhundertS. biologisch-genetische Ansätze des abweichenden VerhaltenS. Vor dem Hintergrund der Entstehung des Sozialdarwinismus und großen Fortschritten in den Naturwissenschaften (v.a. in der Medizin) wurde mit wissenschaftlichen Methoden
2
nach biologisch-genetischen Unterschieden zwischen Kriminellen und Nicht-Kriminellen gesucht. Bestimmte körperliche Merkmale der „geborenen Verbrecher“ (ebd., S. 70) wurden als Ursachen für abweichendes Verhalten gesehen. Soziale Einflüsse (z.B. Sozialisation) wurden vernachlässigt.
Psychologische Theorien abweichenden Verhaltens können nicht trennscharf von Theorien aus anderen Disziplinen (v.a. Sozialpsychologie und Soziologie) unterschieden werden. Charakteristisch für psychologische/psychoanalytische Theorien ist, dass die Ursache für abweichendes Verhalten in Persönlichkeitsstörungen der devianten Person gesehen wird. Diese Persönlichkeitsstörungen haben aber nicht nur endogene Ursachen, sondern sind auch häufig auf die sozialen Bedingungen (v.a. Sozialisationsdefekte) zurückzuführen. Gottfredson und Hirschi negieren deshalb die Existenz rein psychologischer Theorien, da abweichendes Verhalten als soziales Verhalten nur soziologische Ursachen haben könne (vgl. Gottfredson/Hirschi, 1990, S. 70). Unter den soziologischen Theorien abweichenden Verhaltens gibt es eine Vielzahl von unterschiedlichen Richtungen und Schulen. Lamnek schlägt eine grobe Klassifikation nach den beiden Merkmalen „ätiologische“ und „interaktionistische“ Ansätze sowie zwischen mikro- und makrosoziologischen Theorien vor (vgl. Lamnek, 2007, S. 106). Ätiologische Theorien versuchen die Ursachen abweichenden Verhaltens zu erforschen. Abweichendes Verhalten wird als „pathologisch“ gesehen, dass durch Präventions- und Interventionsmaßnahmen verhindert werden müsse. Diese Theorien setzen einen Konsens über Normen und Werte voraus, der von allen Gesellschaftsmitgliedern geteilt wird.
Interaktionistische Theorien negieren die Existenz eines solchen Wertekonsenses und fragen danach, wie Normen im sozialen Prozess entstehen und ein bestimmtes Verhalten erst dadurch als kriminell definiert wird. Diese Ansätze entwickelten sich auf Basis des Symbolischen Interaktionismus, des Labeling Approaches, konflikttheoretischer Ansätze sowie der neomarxistischen Gesellschaftstheorie. Vor allem die letzteren beiden Ansätze sehen in dem Normsetzungsprozess einen komplexen sozialen Vorgang der die ungleichen Macht- und Herrschaftsverhältnisse einer Gesellschaft zementieren soll, indem unterprivilegierte Bevölkerungsgruppen erst als kriminell definiert werden (vgl. ebd., S. 43).
Ätiologische Theorien lassen sich wiederum in mikro- und makrosoziologische Theorien untereilen. Zu den mikrosoziologischen Theorien werden vor allem Theorien aus dem Grenzgebiet zwischen Psychologie und Soziologie, wie die Theorie differenziellen
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Lernens und die (Selbst-)Kontrolltheorie, gezählt. Über die Frage, ob die Theorie sozialer Desorganisation neben der Anomietheorie, der Subkulturtheorie und der Kulturkonflikttheorie zu den makrosoziologischen Theorien abweichenden Verhaltens gezählt werden soll, herrscht wenig Klarheit in der Literatur. Einige Einführungsbücher der Kriminologie zählen sie dazu (Schneider, 1987; Gottfreson/Hirschi, 1990; Burke, 2009); andere jedoch nicht (Lamnek, 2007; Jung, 2005).
Ein Grund für diese Unklarheit ist, dass diese Theorie auf Forschungsergebnissen und Theorien der Sozialökologie aufbaut. Diese ist eine interdisziplinäre Forschungsrichtung zwischen Soziologie, Biologie und Geographie (siehe Kapitel 2.2.1). Andererseits wird der Theorie aber auch eine inhaltliche Nähe zu verschiedenen soziologischen Subkulturtheorien (siehe Kapitel 2.3.2) und einer kollektiven Kontrolltheorie (siehe Kapitel 2.3.3) nachgesagt (vgl. Oberwittler, 2003, S. 139).
In Kapitel 2.2 sollen nun die sozialökologischen Forschungsergebnisse und Theorien dargestellt werden, auf denen die Theorie sozialer Desorganisation basiert.
2.2 Sozialökologische Grundlagen der Theorie sozialer Desorganisation
2.2.1 Einführung in die Sozialökologie
Die Ökologie ist eine Spezialdisziplin der Biologie und untersucht die Interaktionen der lebenden Organismen untereinander sowie deren Anpassungsprozesse an die physische Umwelt (vgl. Häußermann, 2007, S. 610). Zu den lebenden Organismen werden in der Ökologie lediglich die verschiedenen Pflanzen- und Tierarten gezählt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die ökologischen Konzepte auch auf die Erforschung von menschlichen Gemeinschaften übertragen. Zum ersten Anwendungsgebiet wurden die amerikanischen Großstädte, die sich im Laufe der Industrialisierung gebildet hatten. Bei der sozialökologischen Stadtforschung stand die empirische Erforschung und theoretische Erklärung der Stadtstruktur sowie deren Wandel im Zentrum des Interesses. Unter Stadtstruktur versteht man dabei die ungleiche Verteilung der Bevölkerung über die städtischesn Wohngebiete (soziale Segregation) sowie die ungleiche Verteilung von Funktionsräumen wie Industrie-, Gewerbe-, Wohn- und Erholungsgebiete (funktionale Segregation) über das Stadtgebiet (vgl. Häußermann/Siebel, 2004, S. 139).
4
Zum Zentrum der sozialökologischen Forschung entwickelte sich das Department für Soziologie an der Universität Chicago. Die dort entwickelten Theorien und empirischen Studien stellen eine der Hauptströmungen der Stadtsoziologie dar und werden heute als “Chicago-School“ der Stadtsoziologie (vgl. Hillmann, 2007, S. 853) bezeichnet. Ein Grund für die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema „moderne Großstadt“ ist dem Umstand geschuldet, dass diese Städte eine gänzlich neue Siedlungsform darstellen. In den USA waren in früheren Jahrhunderten mehr ländlichere Siedlungsformen sowie Kleinstädte die dominierenden Siedlungsformen gewesen. Die Soziologen der Chicago-School erkannten in der modernen Großstadt aber durchaus eine Reihe von Gefahren, z.B. das vermehrte Auftreten von Kriminalität und abweichendem Verhalten, im Vergleich zu ländlicheren Siedlungsformen (vgl. Häußermann, 2007, S. 601). Im nächsten Kapitel soll deswegen ein Buch zweier Autoren der Chicago-School dargestellt werden, das sich mit der Verteilung der Jugendkriminalität über die Stadt Chicago beschäftigt. Dieses Werk stellt einen Meilenstein in der der Entwicklung der Theorie sozialer Desorganisation dar und gilt als eines der einflussreichsten Werke der Kriminalsoziologie (vgl. Lamnek, 2008, S. 218).
2.2.2 Räumliche Verteilung der Jugendkriminalität in Chicago
Clifford Shaw und Henry McKay untersuchen in dem Buch “Juvenile Delinquency and Urban Areas“ (1969) in drei verschiedenen Zeiträumen die räumliche Verteilung der Jugendkriminalität über die Wohngebiete von Chicago. Die unterschiedlichen Kriminalitätsraten erfassen sie anhand der Wohnorte von Jugendlichen im Alter von zehn bis 16 Jahren, die in einer oder mehreren der folgenden Kriminalitätsstatistiken erfasst wurden (vgl. Shaw/McKay, 1969, S. 47):
• Statistik über tatverdächtigte Jugendliche, die zu einer Anhörung vor dem Jugendgericht erscheinen mussten für die Zeiträume 1900-1906, 1917-1923 und 1927-1933
• Statistiken über Jugendliche, die zu Aufenthalten in Erziehungsanstalten (“correctional schools“) verurteilt wurden für dieselben Zeiträume
• Statistiken über Jugendliche, die von dem für Jugendkriminalität zuständigen Polizeibeamten verwarnt wurden für die Jahre 1926, 1927 und 1931 Shaw und McKay stellen für den Zeitraum von 1927 bis 1933 fest, dass die Wohnorte der in den verschiedenen Kriminalitätsstatistiken registrierten Jugendlichen äußerst
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ungleich über die Stadt verteilt sind. Die Kriminalitätsraten (Anzahl der registrierten Jugendlichen pro 100 jugendliche Bewohner des Wohngebiets) bei allen drei Kriminalitätsstatistiken sind in den zentrumsnahen Wohngebieten, die in unmittelbarer Nachbarschaft zum zentralen Industrie- und Geschäftsbezirk liegen, am Höchsten und in den weit außerhalb am Rand der Stadt Chicago liegenden Vororten am Geringsten. “The areas with the highest rates are located directly south of the central business district, (…), low rates of delinquents will be noted in many of the outlying areas“ (ebd., S. 55). In der folgenden Abbildung 1 sind für alle 140 Wohnblocks von Chicago die Anzahl der Jugendlichen, die zu einer Anhörung vor das Jugendgericht erscheinen mussten, für den Zeitraum von 1927-1933 erfasst. Die Lage des zentralen Industrie- und Geschäftsbezirks ist durch eine eigene Hervorhebung, die nicht im Original zu finden ist, gekennzeichnet. Die verschiedenen Farbtönungen haben folgenden Bedeutung: Ist ein Wohnblock schwarz markiert, so sind in diesem Wohnblock unter 100 wohnhaften Jugendlichen 10 oder mehr in dieser Kriminalstatistik erfasst worden. Weiß bedeutet, dass nur 0 bis 2,5 Jugendliche registriert wurden. Die anderen Graustufen geben mittlere Kriminalitätsraten an. Es gilt, je dunkler ein Wohnblock markiert ist, desto höher ist die Jugendkriminalitätsrate in diesem Wohnblock von Chicago.
weisen also über einen Zeitraum von
Abb. 1: Verteilung der Jugendkriminalität über die Stadtteile von Chicago (Quelle: Shaw/McKay, 1969, S. 54)
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mehr als 30 Jahren die höchsten Jugendkriminalitätsraten unter allen Stadtteilen von Chicago auf.
Neben der Verteilung der Jugendkriminalität untersuchen Shaw und McKay auch die Sozialstrukturen der Wohnbevölkerungen der Chicagoer Stadtteile. Sie können feststellen, dass in den stark von Kriminalität belasteten Wohngebieten der Anteil der von Armut betroffenen Familien bei über 30 %, in den weit außerhalb liegenden Vororten dagegen immer unter 6 % liegt. Ebenso ist in den zentrumsnahen Gebieten die Konzentration von Afroamerikanern und Ausländern so hoch wie sonst nirgendwo. Als weiteres Charakteristikum dieser Wohnblocks erkennen sie die hohe Bevölkerungsfluktuation. Im Laufe der beobachteten Zeiträume sind so viele Bewohner aus diesen Wohngebieten weggezogen und durch neue Bewohner - vor allem neuangekommene Immigranten aus Europa - ersetzt worden wie in sonst keinen anderen Wohngegenden von Chicago (vgl. ebd., S. 27ff.).
Aufgrund der dargestellten empirischen Ergebnisse drängen sich folgende vier Fragen auf:
• Wie kommt es zu einer so starken sozialen und ethnischen Segregation in den Wohngebieten von Chicago? Warum ist zum Beispiel der Armenanteil in manchen Wohnblocks so hoch, während er in anderen verschwindend gering ist?
• Warum konzentrieren sich die sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen gerade in den zentrumsnahen, nahe am zentralen Geschäftsbezirk gelegenen Wohngebieten?
• Warum sind die Jugendkriminalitätsraten in den Wohngebieten mit der besonderen Sozialstruktur (hoher Armen- und Migrantenanteil, hohe Bevölkerungsfluktuation) so hoch?
• Warum sind die Kriminalitätsraten über einen Zeitraum von über 30 Jahren in diesen Wohngebieten so konstant hoch?
Die ersten beiden Fragen können mit Hilfe der sozialökologischen Theorie der Stadtentwicklung beantwortet werden. Die dritte und vierte Frage kann mit der Theorie sozialer Desorganisation beantwortet werden. Diese Theorie baut aber auf die sozialökologische Theorie auf. Im nächsten Kapitel werden deshalb die wichtigsten Inhalte dieser Theorie ausgeführt. Dadurch sollen zum einen die beiden ersten Fragen beantwortet werden und zum anderen soll der Anknüpfungspunkt gezeigt werden, an dem die Theorie sozialer Desorganisation an die sozialökologische Theorie ansetzt.
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2.2.3 Sozialökologische Theorien
In Kapitel 2.2.1 wurde bereits erwähnt, dass sich die Ökologie mit den Beziehungen der lebenden Organismen zu anderen Organismen sowie mit deren Anpassungsprozessen an die unbelebte Natur beschäftigt. Diese Beziehungen und Anpassungsprozesse sollen nun detaillierter dargestellt werden.
Die Beziehungen aller Tiere und Pflanzen untereinander ist von Konkurrenz geprägt. Konkurrenz um knappe, aber lebensnotwendige Ressourcen wie Luft, Licht, Wasser, Nahrung etc.
Die Chancen sich mit den überlebenswichtigen Ressourcen zu versorgen, sind aber ungleich verteilt über die verschiedenen Spezies. Robert E. Park nennt als Beispiel Bäume. Bäume sind durch ihre Höhe und ihrer breiten Baumkronen in der Lage, besonders viel der Ressource Licht für sich zu verschaffen (vgl. Park, 1936, S. 7). Durch die starken Abhängigkeiten der Spezies untereinander, hat die dominante Stellung der Bäume direkte Auswirkungen auf andere Spezies. Die verschiedenen Arten suchen sich ihre Nische in der physischen Umwelt, in der sie bestmöglich an die Umweltbedingungen angepasst sind und dadurch überleben können. So werden niedere Büsche wohl vermehrt auf freiem Feld wachsen, um der Dominanz der Bäume im Wald zu entgehen. Eine solche Verteilung über den Raum wird als Segregation bezeichnet. Ist ein Territorium unter den verschiedenen Spezies segregiert, so befindet sich das Ökosystem in einem Gleichgewichtszustand.
Jedoch ist solch ein ökologisches Gleichgewicht instabil und hängt vor allem von der Populationsgröße ab. “The balance of nature, as plant and animal ecologists have conceived it, seems to be largely a question of number“ (ebd., S. 5). Ein Anstieg der Population durch einen Einfall von fremden Spezies aus anderen Gebieten wird dabei als Invasion bezeichnet. Nachdem das ökologische Gleichgewicht durch eine Invasion gestört wurde, beginnen wieder die ökologischen Anpassungsprozesse, um zu einem neuen, stabileren Gleichgewichtszustand zurückzukehren. Diese zyklische Abfolge von Störungen des Gleichgewichts sowie darauf folgenden Anpassungsprozessen wird als Sukzession bezeichnet (vgl. McKenzie, 1982, S. 33).
Diese grundlegenden Konzepte der Ökologie mit ihren zentralen Begriffen der Konkurrenz, Dominanz, Segregation, Invasion und Sukzession werden von der Sozialökologie auf menschliche Gemeinschaften übertragen und erstmals zur Erforschung der amerikanischen Großstädte zu Beginn des 20. Jahrhunderts angewendet. Jedoch unterscheidet
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sich die Ökologie menschlicher Gemeinschaften in zahlreichen Punkten von der Ökologie in der Tier- und Pflanzenwelt.
Auch menschliche Gemeinschaften sind von einem Konkurrenzkampf um begehrte, aber knappe Ressourcen geprägt. Für die Sozialökologie steht der Konkurrenzkampf um die begehrten Territorien einer Stadt im Mittelpunkt des Interesses. Wie bereits in Kapitel 2.2.1 dargestellt wurde, beschäftigt sich die Sozialökologie neben der sozialen Segregation auch mit der funktionalen Segregation der Stadt. Neben der Wohnbevölkerung nehmen also auch funktionale Einheiten wie Fabriken, Unternehmen etc. in gleicher Weise am Konkurrenzkampf um die begehrten Standorte in der Stadt teil. “The spatial distribution of economic utilities, shops, factories, offices, is the product of the operation of ecological forces quite as much as is the distribution of residence“ (ebd., S. 29). Das Ergebnis dieses Kampfes ist ein (sozial)ökologisches Gleichgewicht, welches durch die soziale und funktionale Segregation in Form einer bestimmten Stadtstruktur sichtbar wird.
Allerdings sind in diesem Kampf andere Dominanzprinzipien relevant als in der Tier-und Pflanzenwelt. Während in der Pflanzenökologie Bäume aufgrund ihrer Höhe und breiten Baumkronen dominant sind, basiert das Dominanzprinzip in menschlichen Gemeinschaften auf ökonomischen Dimensionen (Einkommen, Vermögen, Status etc.). Aus diesem Grund ist es offensichtlich, dass Akteure wie Fabriken, Unternehmen, Banken etc. die dominanten Akteure sind, weil sie über die größten finanziellen Mittel verfügen (vgl. Saunders, 1987, S. 60). Diese Akteure sichern sich die begehrtesten Standorte in der Stadt. Durch die fortschreitende Urbanisierung und den Ausbau von Massentransportmitteln (Metro, Automobil etc.) seit dem 19. Jahrhundert wird das Stadtzentrum zu dem strategisch wichtigsten Standort, weil sich sehr viele Menschen dort im Laufe des Tages aufhalten. Die Bodenpreise im Stadtzentrum steigen aufgrund der vorteilhaften Lage stark an, sodass nur die ökonomisch dominanten Akteure in der Lage sind, sich dort anzusiedeln. Die Folge ist, dass sich in den Stadtzentren der zentrale Industrie- und Geschäftsbezirk ansiedelt mit zahlreichen Fabriken, Einkaufszentren, Bankgebäuden etc.
Die unmittelbar an das Zentrum anschließenden Wohngebiete werden aufgrund ihrer Nähe zum zentralen Geschäftsbezirk äußerst unattraktiv. Ein Grund dafür ist, dass diese Gebiete aufgrund ihrer Nähe zu den zahlreichen Fabriken einer starken Lärm- und Geruchsbelästigung ausgesetzt sind (vgl. Shaw/McKay, 1969, S. 19).
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Ein weiterer Grund wird in dem Modell „Konzentrischer Kreise“ von Ernest Burgess (1982) beschrieben. Mit diesem Modell wird das Wachstum von Großstädten beschrieben. Burgess unterteilt eine Großstadt in fünf konzentrische Kreise. Im Zentrum befindet sich der zentrale Geschäftsbezirk. In den Zonen zwei bis fünf folgen die Wohngebiete der städtischen Bevölkerung (vgl. Burgess, 1982, S. 36). In einer wachsenden Stadt expandieren die einzelnen Zonen in die ihnen außen angrenzenden. Dieser Vorgang wird mit dem ökologischen Begriff der Invasion bezeichnet. Expandiert zum Beispiel der zentrale Geschäftsbezirk in das angrenzende Wohngebiet, so würde dies zu Widerständen von der ansässigen Bevölkerung führen. Durch die dominante Stellung des Geschäftsbezirks müssten aber alle Bewohner das Wohngebiet verlassen. Die Folge ist ein neues ökologisches Gleichgewicht, das mit einem Wandel der Landnutzung einher geht. Die alten, verlassenen Wohnhäuser werden abgerissen und durch neue Industrieanlagen, Geschäfte etc. ersetzt. Das ehemalige Wohngebiet in Zone zwei hat sich zu einem neuen Geschäftsbezirk entwickelt. Diese Prozesse laufen für die anderen Zonen von Wohngebieten identisch ab. Nur kommt es dort nicht zu einem Wandel der Landnutzung, weil in den bestehenden Wohngebieten nur ein Austausch der Wohnbevölkerungen stattfindet. Der komplette Austausch der Wohnbevölkerung oder der Wandel der Landnutzung durch Invasion wird als Sukzession bezeichnet. “The thing that characterizes a succession is a complete change in population type between the first and last stages, or a complete change in use“(McKenzie, 1982, S. 33). Durch die drohende Invasion des Geschäftsbezirks werden Investitionen und Reparaturen an den Wohngebäuden unrentabel, da sie bei erfolgter Sukzession abgerissen und durch Industrieanlagen oder Geschäftshäuser ersetzt würden. “The dwellings in such areas, often already undesirable because of age, are allowed to detoriate when such invasion threatens or actually occurs, as further investment in them is unprofitable“ (Shaw/McKay, 1969, S. 20). Physischer Zerfall, Lärm und Gestank bewirken, dass solche zentrumsnahen Wohngegenden als sehr unbegehrenswert angesehen werden, was zu geringen Miethöhen in diesen Gebieten führt.
Ein Kritikpunkt an der Theorie Konzentrischer Kreise ist allerdings, dass sie wohl nicht auf andere Großstädte übertragbar ist. Sie stellt vielmehr eine detaillierte Einzelfallbeschreibung des Wachstums der Stadt Chicago zu Beginn des 20. Jahrhunderts dar (vgl. Häußermann/Siebel, 2004, S. 122).
Aus den bisherigen Darstellungen der zentralen Konzepte der Sozialökologie sowie dem Modell Konzentrischer Kreise lassen sich nun die ersten beiden Fragen beantworten, die
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in Kapitel 2.2.2 genannt wurden. Der Konkurrenzkampf zwischen ungleich mächtigen Akteuren bewirkt, dass sich im Zentrum der Stadt der zentrale Geschäftsbezirk herausbildet. Die direkt an das Zentrum angrenzenden Wohngebiete sind wegen des Lärms, des Gestanks und der „Invasionsdrohung“ äußerst unattraktiv, weisen aber dafür sehr günstigen Mieten auf. Unterprivilegierte soziale Gruppen wie Arme und Migranten müssen sich aus ökonomischen Zwängen in diesen Wohngegenden niederlassen. Allerdings sind diese Migranten überwiegend noch im Ausland geboren und erst vor kurzer Zeit in der Hoffnung auf ein besseres Leben in die USA immigriert. Die Wohnorte von Migranten, die bereits länger in den USA leben und den sozialen Aufstieg geschafft haben, sind deutlich weiter verstreut über die Stadt (vgl. Shaw/McKay, 1969, S. 37). Die hohe Bevölkerungsfluktuation lässt sich damit erklären, dass Familien, die es sich leisten können, sofort diese unbegehrten Wohngebiete verlassen, um sich in einer begehrteren Gegend niederzulassen.
Die dritte und vierte Frage aus Kapitel 2.2.2 kann mit der sozialökologischen Theorie jedoch nicht beantwortet werden. Dafür ist aber die Theorie sozialer Desorganisation geeignet. Diese Theorie baut allerdings auf den sozialökologischen Theorien auf. Um diesen Anknüpfungspunkt darzustellen, muss auf die besondere Art der Ressourcen eingegangen werden, um die in menschlichen Gemeinschaften konkurriert wird. Während die knappen Ressourcen der Tier- und Pflanzenwelt immer naturgegeben sind, muss in alle Ressourcen menschlicher Gemeinschaften Arbeit investiert werden. Eindeutig ist dies bei materiellen Produkten, die in industrieller oder sonstiger arbeitsteiliger Fertigung produziert werden. Aber auch in den lebensnotwendigen Ressourcen wie Wasser oder Nahrung steckt immer menschliche Arbeit (z.B. Brunnenbau, Landwirtschaft, Viehzucht etc.).
Aus dieser Tatsache ergibt sich, dass sich die Konkurrenz in menschlichen Gemeinschaften eher als „konkurrierende Kooperation“ (vgl. Park, 1936, S. 4) darstellt. Dieser Begriff hat auch unter der Bezeichnung “Co-opetition“ (Brandenburger/Nalebuff, 1996) in die Wirtschaftswissenschaften Einzug gehalten. Danach arbeiten Menschen arbeitsteilig zusammen, wenn es um die Erstellung der begehrten, aber knappen Ressourcen geht. Bei Verteilung der produzierten Ressourcen unter den Menschen herrscht dann aber wieder das Konkurrenz- und Dominanzprinzip.
Obwohl die Menschen untereinander um die Ressourcen konkurrieren, ist ihnen ihre gegenseitige Abhängigkeit bewusst, da diese Ressourcen in einem arbeitsteiligen Prozess erst hergestellt werden müssen. Es entwickeln sich Zusammengehörigkeitsgefühle,
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Normen, Werte, Traditionen und Konsens unter den Menschen. An dieser Stelle ist auch der starke Einfluss von Emile Durkheim auf die Sozialökologie erkennbar. Ähnlichkeiten zum Konzept der „organischen Solidarität“ von Durkheim (1992) sind unverkennbar. Die menschliche Gemeinschaft - und nur die menschliche Gemeinschaft - besteht also aus zwei Ebenen: Einer biotischen, in der Konkurrenz unter den Menschen herrscht, und einer kulturellen, die durch Konsens, Werte und Normen gekennzeichnet ist. “The fact seems to be, that human society, as distinguished from plant and animal society, is organized on two levels, the biotic and the cultural. There is a symbiotic society based on competition and a cultural society based on communication and consensus. As a matter of fact the two societies are merely different aspects of one society…“ (Park, 1936. S. 13). Dies hat zur Folge, dass auch der Konkurrenz in menschlichen Gemeinschaften Grenzen gesetzt sind. Während unter Tieren und Pflanzen der Konkurrenzkampf einem Überlebenskampf gleicht, ist dieser Kampf in menschlichen Gemeinschaften durch Werte, Normen und Traditionen begrenzt. Beispiele dafür sind Institutionen wie der Wohlfahrtsstaat oder zivilgesellschaftliche soziale und karitative Einrichtungen. Deren gemeinsames Merkmal ist es, Menschen, die aus eigener Kraft nicht im Konkurrenzkampf bestehen können, mit den lebensnotwendigen Ressourcen zu versorgen, um so das Überleben aller Menschen zu sichern.
Insgesamt lässt sich sagen, dass sich die Sozialökologie überwiegend mit der biotischen Ebene menschlicher Gemeinschaften beschäftigt. Das lässt sich daran erkennen, dass sich im zentralen Aufsatz von Robert Park über die Grundlagen der Sozialökologie nur folgende zwei Sätze mit der kulturellen Ebene beschäftigen: “Society is everywhere a control organization. Its function is to organize, integrate, and direct the energies resident in the individuals of which it is composed“ (ebd., S. 14). Diese beiden Sätze, auf die Park im folgenden Text nicht weiter eingeht, sind aber sehr wichtig, weil sie den Anknüpfungspunkt der Theorie sozialer Desorganisation an den sozialökologischen Theorien darstellen. Diese Theorie beschäftigt sich nämlich gerade mit den Ursachen und Folgen, falls es einer Gemeinschaft nicht gelingt, die einzelnen Bewohner zu organisieren bzw. zu integrieren. Außerdem ist auch hier bereits von sozialer Kontrolle die Rede. Ein Begriff, der für die Theorie sozialer Desorganisation eine wichtige Rolle spielt.
Abschließend sei noch kurz auf die Begriffe “community“ und “society“ (im Folgenden als „Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“ bezeichnet) eingegangen. In der Sekundärliteratur über die Sozialökologie wird unter Gemeinschaft die biotische und unter Gesell-
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schaft die kulturelle Ebenen menschlicher Gemeinschaften verstanden (vgl. Theodorson, 1982, S. 4).
Diese Unterscheidung ist aber nicht plausibel, weil nur menschliche Gemeinschaften eine kulturelle Ebene haben und deswegen auch nur diese Gesellschaft sein können. Im Originalzitat von Robert Park auf Seite 12 dieser Diplomarbeit ist aber auch von pflanzlichen und tierischen Gesellschaften die Rede. Es gilt also festzuhalten, dass Park keine trennscharfe Unterscheidung dieser beiden Begriffe vornimmt. Für eine detaillierte Darstellung dieser mangelhaften Unterscheidung wird auf Saunders (1987) verwiesen. Der Begriff der Gemeinschaft stellt einen komplexen, vielschichtigen Begriff dar. Bei Betrachtung verschiedener Definitionen von Gemeinschaft (Fuchs-Heinritz, 2007; Reinhold, 2000; Hillmann, 2007) fallen dennoch folgenden Gemeinsamkeiten auf: Unter einer Gemeinschaft wird eine Bevölkerung verstanden, die ein bestimmtes territorial begrenztes Gebiet bewohnt, deren Bewohner zahlreiche ökonomische und soziale Beziehungen untereinander pflegen sowie Zusammengehörigkeitsgefühle und örtliche Traditionen entwickeln.
2.3 Theorie sozialer Desorganisation
2.3.1 Begrifsdefinition und Begriffsursprung
Bevor ich auf die Begriffsdefinition und den Begriffsursprung von sozialer Desorganisation eingehe, erscheint es mir sinnvoll erst einmal den soziologischen Grundbegriff der Organisation zu definieren. Es ist nicht einfach eine Definition für einen so komplexen und in vielen Erscheinungsformen auftretenden Gegenstand wie eine Organisation zu finden. Eine häufig gebrauchte - bewusst abstrakt gehaltene - Definition lautet wie folgt: „Organisationen sind tendenziell auf Dauer angelegte soziale Einheiten mit institutionellen Regelungen, die das Verhalten der Beteiligten steuern, und mit spezifischen Zielen bzw. Aufgaben, die durch die Mitglieder realisiert werden sollen“ (Reinhold, 2000, S. 476). Als Beispiele für soziale Einheiten, die diese Definition erfüllen, können z.B. Familien, Gemeinschaften, Vereine, Nationen, Unternehmen etc. genannt werden. Ohne irgendwelche Vorkenntnisse über den Begriff „soziale Desorganisation“ zu besitzen, lässt sich bereits aus der Bezeichnung soziale Desorganisation - das Präfix „Des“ ist lateinisch-französischen Ursprungs und bedeutet „Ent-„ (vgl. Drosdowski et al.,
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1974, S. 168) - schließen, dass es sich dabei um einen Zustand oder einen Prozess handeln muss, in dem eine soziale Einheit ein oder mehrere Organisationsmerkmale verliert bzw. bereits verloren hat. Wörtlich lässt sich der Begriff mit „Entorganisation“ übersetzen.
Erstmals in der Literatur erwähnt wurde dieser Begriff in dem mehrbändigen Werk “The Polish Peasant in Europe and America: Monograph of an Immigrant Group“ (1958), welches von William Thomas unter Mithilfe von Florian Znaniecki veröffentlicht wurde. Inhalt dieses Werks sind die Lebenslagen und Lebensstile polnischer Kleinbauern am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dieser Zeitraum ist für jene Bevölkerungsgruppe durch einen raschen sozialen Wandel gekennzeichnet. Die beginnende Industrialisierung, die Nationalstaatenbildung sowie die verstärkte Urbanisierung in Polen verändern die Lebensweise der Bevölkerung drastisch. Jedoch führt nicht nur der soziale Wandel in Polen zu einer Veränderung der Lebensumstände. Die vielen polnischen Immigranten, die in diesem Zeitraum aus Polen in die USA (vor allem nach Chicago) eingewandert sind, müssen nun ihr Leben ebenfalls radikal neu gestalten.
In zahlreichen Quellen wie Briefen, Zeitungsartikeln, Autobiographien werden die Folgen dieser Veränderungen der Lebensumstände für die Lebenswelten der polnischen Kleinbauern analysiert. Die Bände 1 und 2 beinhalten die Veränderungen für die traditionellen polnischen Großfamilien. Band 3 ist die Autobiographie eines einzelnen polnischen Immigranten in den USA. Die Bände 4 und 5 tragen die Titel “Disorganization und Reorganization in Poland“ bzw. “Organization und Disorganization in America“. In den Titeln für diese beiden Bände wird erstmals der Begriff Desorganisation verwendet. Zu Beginn von Band 4 geben sie erstmals eine Definition des Begriffs: “We can define the latter [i.e.: social disorganization; Anmerkung des Verfassers] briefly as a decrease of the influence of existing social rules of behavior upon individual members of the group“ (Thomas, 1958, S. 1128). Soziale Desorganisation ist also ein Zustand oder ein Prozess, in dem die sozialen Normen und Werte einer bestimmten sozialen Gruppe nicht mehr für das Verhalten der einzelnen Individuen der Gruppe verpflichtend sind. Vergleicht man diese Definition von sozialer Desorganisation mit der oben gegebenen Definition von Organisationen, so ist in sozial desorganisierten sozialen Einheiten das Organisationsmerkmal der institutionellen Regelungen, die das Verhalten der Beteiligten steuern, nicht mehr erfüllt.
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Am Besten lässt sich dieser Zustand beschreiben durch den regen Briefverkehr zwischen den polnischen Immigranten in den USA und ihren daheimgebliebenen Familienangehörigen, der von den beiden Autoren Thomas und Znaniecki in großer Detailliertheit abgedruckt wurde. In den Briefwechseln zeigt sich, dass die traditionellen Normen und Werte der polnischen Großfamilien wie Religiosität und familiäre Solidarität für die ausgewanderten Polen jegliche Bedeutung verloren haben. Durch die Inklusion in die amerikanische Gesellschaft erhalten alle polnische Immigranten umfassende wirtschaftliche und rechtliche Freiheiten. Das Handeln dieser Generation ist geprägt von Eigenverantwortung, Rationalität und Erfolgsstreben. Die gesamte Lebensführung, egal ob Bildung, Arbeits- und Erwerbsleben oder Familienplanung, ist von ökonomischen Kalkülen geprägt. Weymann (1995) bezeichnet diese Lebensweise als „Ökonomie der Lebenszeit“. Die traditionellen Normen und Werte werden als irrational bzw. unrentabel angesehen. Als ein Beispiel dafür kann ein Brief eines Immigranten an seine daheimgebliebenen Eltern genannt werden. In diesem schreibt er seinen Eltern, dass er ihnen kein Geld zur finanziellen Unterstützung schicken könne, weil sein gesamtes Vermögen bei sehr guten Zinsbedingungen auf der Bank angelegt sei, und er nicht bereit sei, diese lukrative Anlage aufzulösen (vgl. Thomas, 1958, S. 793). Die familiäre Solidarität hat für diesen Immigranten jegliche Bedeutung verloren.
Liest man die Titel der Bände 4 und 5 so lässt sich bereits erahnen, dass es sich bei sozialer Desorganisation um einen systemischen Ungleichgewichtszustand handelt, der aber durch geeignete Korrekturmechanismen beseitigt werden könne. Thomas und Znaniecki nennen zwei solcher Reorganisationsmechanismen: “According to this view, disorganization may be reduced and the integrity of the system restored either by strengthening social controls or by redefining norms so that behavior definded as deviant becomes normatively acceptable” (Thomas, 1920, S. 4). Verlieren die sozialen Normen und Werte für einige Organisationsmitglieder an Bedeutung, so kann entweder durch soziale Kontrolle deren Erfüllung durchgesetzt werden oder es werden die devianten - von denen der sozialen Einheit abweichenden - Normen und Werte als allgemein akzeptiert umdefiniert. Als Beispiel für Letzteres kann wieder ein Briefwechsel herangezogen werden. So rechtfertigt ein Auswanderer sein egoistisches, auf Eigennutz bedachtes, und unsolidarisches Verhalten damit, dass er nun auf keinerlei Wohlwollen anderer Personen (z.B. von seinen Familienangehörigen) mehr angewiesen sei (vgl. Thomas, 1958, S. 720). Sein abweichendes Verhalten ist für ihn nicht mehr abweichend, sondern ethisch richtig und allgemein akzeptiert.
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Neben dieser Reorganisationsmöglichkeit besteht noch die Möglichkeit der Intensivierung sozialer Kontrolle. Trotz aller Individualisierung in den USA pflegen die polnischen Immigranten weiterhin soziale Kontakte. Es entstehen eine Reihe von Selbsthilfegruppen, eigene polnische Kirchengemeinden, Vereine etc. innerhalb der polnischamerikanischen Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft ist eine Mischform zwischen den amerikanischen und polnischen Traditionen. Sie hat die Aufgabe die verlorengegangene Solidarität der polnischen Großfamilien zu ersetzen. Wie die Familie üben auch diese Organisationen eine starke soziale Kontrolle über ihre Mitglieder aus und überwachen die Einhaltung der organisationsspezifischen Normen und Werte. “(…) the Polish-American organization is the only factor which can have some preventive influence by keeping the individual under direct control and upholding certain standards of behavior which he understands and acknowledges” (Thomas, 1958, S. 1477). Meiner Meinung nach sind folgende drei Leistungen des Werks von Thomas und Znaniecki für die Theorie sozialer Desorganisation besonders zu betonen:
• Die Erfindung und Definition des Begriffs „soziale Desorganisation“
• Die Formulierung der beiden Reorganisationsmechanismen; dieser Unterscheidung ist es meiner Meinung nach zu verdanken, dass es heute zwei Lesarten der Theorie sozialer Desorganisation gibt: Eine, die sich auf die Subkulturtheorie bezieht, und eine, die der Kontrolltheorie ähnelt.
• Sie zeigen, dass Institutionen wie Familien und kollektive Organisationen (Vereine, Nachbarschaftsbeziehungen, Kirchen etc.) eine wichtige Rolle spielen bei der Des- und Reorganisation sozialer Einheiten.
2.3.2 Theorie sozialer Desorganisation als Subkulturtheorie
Im Kapitel 2.2.2 wurde dargestellt, dass es große Unterschiede in den Jugendkriminalitätsraten der verschiedenen Stadtteile Chicagos zu Beginn und Mitte des 20. Jahrhunderts gab. Es waren in den untersuchten Kriminalstatistiken, die sich über einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren erstreckten, immer dieselben Wohngebiete, die die höchsten Kriminalitätsraten aufwiesen.
Shaw und McKay sahen die Ursache dafür in den unterschiedlichen Werthaltungen und Organisationsstrukturen, die in den verschiedenen Stadtteilen vorherrschten. Die zeitlich konstant hohen Kriminalitätsraten lassen sich durch die Weitergabe von kriminalitätsfördernden Subkulturen von einer Generation Jugendlicher an die nächste erklären. Die-
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se „Theorie kultureller Übertragung“ verbindet also die Subkulturtheorien mit den Theorien des differentiellen Lernens. Die Theorie kultureller Übertragung hatte großen Einfluss auf verschiedene Denker der beiden Theorierichtungen über das abweichende Verhalten. Zu nennen sind vor allem die starken Einflüsse auf die Anomietheorie Robert Mertons (1995), die Subkulturtheorie von Cohen (1957) sowie die Theorie der differentiellen Gelegenheiten von Cloward (1959).
Shaw und McKay beschreiben den Prozess, in dem sich unterprivilegierte Jugendliche subkulturelle Orientierungen aneignen und an andere Jugendliche weitergeben. Ihre Grundannahme lautet, dass alle Mitglieder einer Gesellschaft dieselben Ziele verfolgen und auch alle die grundlegenden Werte und Normen internalisiert haben. Das ist die Grundvoraussetzung, um überhaupt Mitglied dieser Gesellschaft sein zu können. Es sind vor allem Ziele wie Wohlstand, Macht, Prestige etc., die in der amerikanischen Gesellschaft als besonders erstrebenswert angesehen werden. Gesellschaftsmitglieder aus unteren Schichten sehen sich aber in schlechter Position diese Ziele durch die gesellschaftlich gebilligten Normen und Werte (z.B. Fleiß, Eigenverantwortung, Risikobereitschaft etc.) zu erreichen. “The groups in the areas of lowest economic status find themselves at a disadvantage in the struggle to achieve the goals idealized in our civilization“ (Shaw/McKay, 1969, S. 186). Cohen bezeichnet denselben Sachverhalt als Anpassungsproblem aufgrund eines individuellen Spannungszustands (vgl. Cohen, 1957, S. 106); Merton dagegen als Dissonanz zwischen den kulturell festgelegten Zielen und den legitimen Mitteln der Zielerreichung (vgl. Lamnek, 2007, S. 118). Legitime Mittel sind dabei die - durch das Normensystem - erlaubten Wege der Erreichung dieser Ziele wie Bildung und Arbeit. Der Zugang zu diesen Mitteln ist aber ungleich verteilt über die Gesellschaft. Jugendliche aus unteren Schichten haben seltener Zugang zu guten Bildungsinstitutionen (z.B. durch die hohen Schulgelder, Studiengebühren etc.) als Jugendliche aus der Mittel- und Oberschicht. Dadurch haben diese Jugendliche neben anderen Gründen (z.B. fehlendes Startkapital für eine Existenzgründung, fehlende Netzwerke) auch geringere Chancen durch Arbeit die allgemein geteilten Ziele zu erreichen. Um diesen Dissonanzzustand zu reduzieren, besteht die Möglichkeit, die legitimen Mittel der Zielerreichung abzulehnen und sich alternativen Wegen zu zuwenden. Diese Möglichkeit haben bereits Shaw und McKay einige Jahre früher genannt. “It is understandable, then, that the economic position of persons living in the areas of least opportunity should be translated at times into unconventional conduct, in an effort to recon-
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cile the idealized status and their practical prospects of attaining this status“ (Shaw/McKay, 1969, S. 187).
Cloward (1959) kritisiert aber an Merton, dass nicht nur der Zugang zu den legitimen Mitteln der Zielerreichung, sondern ebenso der Zugang zu den illegitmen Mitteln ungleich verteilt sei.
Damit in einer günstigen Gelegenheit die kriminelle Handlung durchgeführt werden kann, bedarf es neben der Akzeptanz der illegitimen Mitteln also auch die Fähigkeit diese Mittel einsetzen zu können (vgl. Cloward, 1959, S. 168). Als Beispiel kann ein „kompliziertes“ Verbrechen wie Autodiebstahl herangezogen werden. Ein krimineller Jugendliche, der vor allem Gewaltdelikte begangen hat, ist womöglich bereit, dieses Verbrechen zu begehen. Fehlen ihm aber die dazu notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten (z.B. Autotür aufbrechen, Kurzschließen der Elektronik, Umgehen der Wegfahrsperre etc.), so kann diese kriminelle Handlung nicht vollzogen werden. Ein Kfz-Mechaniker besitzt dagegen vermutlich diese Kenntnisse und Fähigkeiten, doch er ist nicht bereit diese kriminelle Handlung zu vollziehen.
An dieser Stelle werden nun die subkulturellen Elemente der Theorie kultureller Übertragung relevant. Eine kriminelle Subkultur beinhaltet nämlich neben dem Wissen um die Durchführung von kriminellen Handlungen auch Normen und Werte, die eine solche Handlung legitimieren und einfordern.
Ein Vorteil der Theorie kultureller Übertragung im Vergleich zu den Subkulturtheorien ist, dass erstere in der Lage ist, die Entstehung von kriminellen Subkulturen zu erklären. In der folgenden Abbildung 2 wird eine schematische Darstellung der Theorie kultureller Übertragung gegeben (die eingefügten Ziffern stellen eigene Hervorhebungen dar und sind nicht im Original enthalten):
Abb. 2: Pfaddiagramm der Theorie kultureller Übertragung (Quelle: Kornhauser, 1978, S. 58)
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Zu Erstens: Ausgangspunkt für die Entstehung einer kriminellen Subkultur ist die These, dass in Gebieten mit geringer Kriminalitätsbelastung das Handeln der Bewohner überwiegend von konformen, einheitlichen Werten geprägt ist. In den stark von Kriminalität belasteten Gebieten stehen dagegen mehrere Werte in Konkurrenz untereinander. “(…) the general proposition that in areas of low rates of delinquents there is more or less uniformity, consistency, and universality of conventional values and attitudes with respect to child, care, conformity to law, and related matters; whereas in the high-rate areas systems of competing and conflicting moral values have developed” (Shaw/McKay, 1969, S. 170). Wie es allerdings zu den Unterschieden in den vorherrschenden Werthaltungen kommt, bleibt unerwähnt. Institutionen wie Vereine, Nachbarschafts- und Freundschaftsnetzwerke sowie Familien stehen dabei für die konformen Werte der Mehrheitsgesellschaft. “(…) the similarity of attitudes and values as to social control is expressed in institutions and voluntary associations designed to perpetuate and protect these values (ebd., S. 171). (…) the family is thought of as representing conventional values and opposed to deviant forms of behaviour” (ebd., S. 183). Aus dem letzten Zitat geht hervor, dass diese Institutionen neben der Sozialisations- auch eine Kontrollfunktion besitzen. Die Jugendlichen werden entweder direkt sozialisiert und kontrolliert, indem sie selber Mitglieder in den Institutionen sind (in der eigenen Familie, in Vereinen etc.) oder indirekt, indem sie von erwachsenen Mitglieder solcher Organisationen zu konformen Verhalten ermahnt werden und die Ausübung dieses Verhaltens von den Erwachsenen auch kontrolliert wird.
Die alternativen (oftmals devianten Werte) werden repräsentiert und symbolisiert durch kriminelle (Erwachsenen-) Gangs, halblegale Unternehmen etc. (vgl. ebd., S. 171). Zu Zweitens: Werden nun die Institutionen der Mehrheitsgesellschaft in den Gebieten mit hoher Kriminalitätsbelastung mit den konkurrierenden Werten konfrontiert, so verlieren diese ihre Funktionen.
Dies wird am Beispiel der Familie demonstriert. Die Familie steht zwar für die konformen Werte und Normen. Wenn aber ein nahes Familienmitglied durch die Existenz von kriminellen Institutionen profitiert - indem es z.B. seinen Lebensunterhalt in solch einer Institution verdient - wird die Familie ihre Ablehnung der kriminellen Werte und Normen aufgeben und damit auch die eigenen Kinder weniger stark kontrollieren und von kriminellem Verhalten abhalten. “Thus, even if a family represents conventional values, some member, relative, or friend may be gaining a livelihood through illegal or quasiillegal institutions- a fact tending to neutralize the family´s opposition to the criminal
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system” (ebd., S. 183). Die Familie ist also nicht mehr in der Lage, die Jugendlichen zu konformen Verhalten zu erziehen, weil für einzelne Familienmitglieder oder nahe Verwandte diese Werte selbst an Bedeutung verloren haben. Es kommt zu einem Kontrollverlust, weil die Familie in Folge dessen auch weniger soziale Kontrolle ausübt, um die Jugendlichen von kriminellem Verhalten abzuhalten.
Diese Erklärung ist aber aus zwei Gründen nicht zufriedenstellend. Zum einen erklären Shaw und McKay nicht, wie es zu einem Kontrollverlust in den anderen beiden Institutionen (Vereine, Nachbarschafts- und Freundschaftsnetzwerke) kommt. Und zum anderen weist diese Erklärung stark tautologische Züge auf. Die Entstehung von Kriminalität wird auf einen Kontrollverlust der Familie zurückgeführt. Dieser Kontrollverlust wird allerdings selbst mit dem Vorhanden sein von kriminellen Organisationen und Orientierungen erklärt.
Die Klammer unterhalb von Punkt 2 in Abbildung 2 wirft die Frage auf, ob kriminelles Verhalten bereits entstehen würde, wenn die Akteure entweder nur einer geringeren sozialen Kontrolle oder nur einem anomischen Zustand ausgesetzt sind. Bei der Theorie kultureller Übertragung müssen beide Faktoren vorliegen. Nur bei Kontrollverlust in einer Gemeinschaft versuchen unterprivilegierte Jugendliche die kulturellen Ziele auf illegitime Art und Weise zu erreichen. Nach Kornhauser gibt es aber immer für den Menschen irgendwelche Ziele und Wünsche, die mit seinen zu Verfügung stehenden Mitteln nicht erreicht werden können (vgl. Kornhauser, 1978, S. 47). Der Mensch unterliegt also immer einem Disonanzzustand. Eine sehr unwahrscheinliche, aber prinzipiell mögliche Situation ist es, dass eine kriminelle Handlung nur aufgrund der individuellen Spannungszustände vollzogen wird, ungeachtet des Ausmaßes sozialer Kontrolle. Die Autorin nennt dafür ein Beispiel: Ein Eskimo hat die Frau seines Nachbarn entführt und vergewaltigt. Die Eskimo-Gemeinschaft verfolgt die beiden und tötet den Entführer. Die Autorin sieht darin ein Beispiel dafür, dass ein Verbrechen auch geschehen kann, wenn die unerfüllten (sexuelle) Wünsche und Ziele zu starke Dissonanz hervorrufen, so dass selbst ein so starkes Ausmaß sozialer Kontrolle den Täter nicht davon abhalten kann (vgl. ebd., S. 49f). Diese Situation stellt allerdings die absolute Ausnahme dar. In der Regel ist es für die Ausübung eines Verbrechens notwendig, dass sowohl ein Dissonanzzustand als auch ein geringeres Ausmaß sozialer Kontrolle vorliegt. Zu Drittens: Die Konkurrenz zwischen verschiedenen Wert- und Normsystemen ist für Shaw und McKay sowohl die Ursache als auch - neben einem geringerem Ausmaß sozialer Kontrolle - ein Bestandteil sozialer Desorganisation.
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Die Jugendliche aus ärmeren Schichten beginnen die legitimen Mittel der Zielerreichung abzulehnen und versuchen stattdessen mit Hilfe illegitimer Mittel die kulturellen Ziele zu erreichen. Die desorganisierte Gemeinschaft ist nicht mehr in der Lage, die Ausübung von kriminellen Handlungen durch intensive soziale Kontrolle zu verhindern. Eine erhöhte Kriminalitätsrate ist die Folge.
Zu Viertens: Wie bereits weiter oben beschrieben, ist aber auch der Zugang zu illegitimen Mitteln beschränkt. So ist ein einzelner Jugendlicher vielleicht gewillt ein bestimmtes Verbrechen zu begehen, ihm fehlen aber die dazu notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten. Eine Lösungsmöglichkeit für dieses Problem ist der Zusammenschluss mit anderen kriminellen Jugendlichen zu Gangs. Durch die häufigen Kontakte untereinander erhalten die Jugendlichen bessere Zugangschancen zu den illegitimen Mitteln. Sie tauschen kriminelle Erfahrungen und Wissen miteinander aus.
Ein weiterer Vorteil einer solchen Gang ist, dass sie Ersatz bieten kann für die verloren gegangene Gemeinschaft. Sie bietet Orientierung für ihre Mitglieder, indem sie mit gruppenspezifischen Werten und Normen sozialisiert werden. Ihnen werden Aufstiegsmöglichkeiten geboten, die sie außerhalb dieser Organisation nicht haben. Unter den Gangmitgliedern herrscht ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl (vgl. Cohen, 1957, S. 107f.). All die Funktionen, welche die konventionellen Institutionen einer Gemeinschaft nicht mehr erfüllen können, werden von den kriminellen Jugendgangs übernommen. Sie entwickeln sich zu „Inseln der Organisation“ in einer desorganisierten Umwelt.
Die Kriminalität wandelt ihr Gesicht. Sie ist nicht mehr die Folge von sozialer Desorganisation. Die kriminellen Subkulturen werden zu einer autonomen Komponente der desorganisierten Gemeinschaft. Kriminelles Verhalten ist konform zu den gangspezifischen Normen und Werten und dient dem Statuserwerbs innerhalb der kriminellen Organisation.
Neben der Entstehung von Subkulturen und deren Inhalten, versucht die Theorie kultureller Übertragung auch zu erklären, wie dieses subkulturelle Wissen, Fähigkeiten sowie Normen und Werte von einer Generation Jugendlicher an die nächste weitergeben wird. In den stark von Kriminalität belasteten Gebieten entstehen zahlreiche kriminelle Jugendgangs, deren Entstehung durch die schwache Gemeinschaft nicht verhindert werden können. Junge Knaben aus diesen Gebieten haben deshalb zahlreiche Kontakte zu diesen Gangs. Die Theorie kultureller Übertragung geht nun davon aus, dass bereits diese Kontakte zwischen den Gangmitgliedern und den - noch unvoreingenommenen -
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Knaben ausreichen, um die subkulturellen Orientierungen auf diese Knaben zu „übertragen“. “This contact means that the traditions of delinquency can be and are transmitted down through successive generations of boys, in much the same way that language and other social forms are transmitted“ (Shaw/McKay, 1969, S. 174). Kritisch an dieser Aussage zu bemerken gibt es, dass der bloße Kontakt zu kriminellen Gangs nicht automatisch auch zu einer Übernahme subkultureller Orientierungen führen muss. Die Knaben können ja auch aus Mangel an Alternativen oder aus Gruppenzwang Kontakte zu den Gangs gehabt haben, ohne dass sie deren Werte und Normen internalisieren müssen.
Die Theorie kultureller Übertragung ist also in der Lage die vierte Frage aus Kapitel 2.2.2 zu beantworten: Die Kriminalitätsraten in den zentrumsnahen Wohngebieten sind über den gesamten Zeitraum so hoch, weil die subkulturellen Orientierungen von einer Generation Jugendlicher auf die nächste weitergegeben werden. Diese Subkulturen sind darüberhinaus auch unabhängig von den Veränderungen der lokalen Gemeinschaft. Auf die dritte Frage aus Kapitel 2.2.2 - der Zusammenhang zwischen den Kriminalitätsraten und der Sozialstruktur - kann die Theorie jedoch keine Antwort geben. Dies kann aber die Theorie sozialer Desorganisation, wenn man sie Kontrolltheorie interpretiert.
2.3.3 Theorie sozialer Desorganisation als Kontrolltheorie und Hypo-
Bevor die Theorie sozialer Desorganisation als Kontrolltheorie dargestellt wird, soll zunächst der Begriff „soziale Kontrolle“ erläutert werden. Als soziale Kontrolle definiert man alle Prozesse, Mechanismen und Strukturen, die abweichendes Verhalten verhindern und wünschenswertes Verhalten ermöglichen (vgl. Hillmann, 2007, S. 454). Diese Definition ist allerdings äußerst abstrakt und all umfassend gehalten. Es scheint deswegen angebracht, diesen komplexen und vielschichtigen Begriff in verschiedene Dimensionen zu unterteilen, um ihn differenzierter darstellen zu können. Peters schlägt eine Unterteilung anhand der beiden Dimensionen „Kontrollmodus“ und „Zeit des Eingriffs“ vor (vgl. Peters, 1995, S. 137). Die Dimension „Kontrollmodus“ hat dabei die beiden Ausprägungen „negativ sanktionierend“ und „bedingungsverändernd“. Beide Modi haben zum Ziel, die Adressaten sozialer Kontrolle zum Zeigen von wünschenswertem Verhalten zu bringen. Die Art und Weise wie sie das erreichen, unter-
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scheidet sich jedoch bei diesen beiden Varianten. Negative Sanktionen erzwingen eine Anpassung an das wünschenswerte Verhalten. Die Person muss von der Richtigkeit des geforderten Verhaltens nicht überzeugt werden. Das gewünschte Verhalten wird allein aufgrund der Angst vor Strafe bei Zuwiderhandlung gezeigt. Bedingungsverändernde Maßnahmen versuchen dagegen die Person von der Richtigkeit des geforderten Verhaltens zu überzeugen. Ziel ist, dass der Adressat sozialer Kontrolle die Normen und Werte, die dem geforderten Verhalten zugrunde liegen, internalisiert und akzeptiert.
Die beiden Ausprägungen dieser Dimension stellen allerdings analytische Idealtypen dar, die in der realen Welt nie anzutreffen sind. Mischformen sind die Regel. So umfasst eine negative Sanktion immer auch eine erzieherische Komponente, während eine erzieherische Maßnahme immer auch Zwangscharakter aufweist. Eine Gefängnisstrafe als ein Beispiel negativer Sanktion umfasst in Westeuropa immer auch resozialisierende Maßnahmen wie Aus- und Weiterbildungsangebote, während die verpflichtende Teilnahme an einem Anti-Aggressionskurs als Beispiel einer bedingungsverändernden Maßnahme bereits als negative Sanktion angesehen werden.
Die zweite Dimension sozialer Kontrolle „Zeit des Eingriffs“ umfasst die Ausprägungen „vorher“ und „nachher“. „Vorher“ stellen dabei Präventivmaßnahmen dar, die abweichendes Verhalten in der Zukunft verhindern sollen. „Nachher“ umfasst alle Reaktionen auf bereits erfolgtes abweichendes Verhalten.
Die zwei Dimensionen sozialer Kontrolle können in ein Vier-Felder-Diagramm dargestellt werden. Es ergeben sich vier verschiedenen Arten sozialer Kontrolle, von denen eine für die Theorie sozialer Desorganisation von herausragender Bedeutung ist:
Abb. 3: Vier-Felder-Diagramm der Arten sozialer Kontrolle (Quelle: Peters, 1995, S. 138)
Im Gegensatz zu Peters denke ich, dass zwei Dimensionen sozialer Kontrolle allerdings nicht ausreichend sind. Die verschiedenen Arten sozialer Kontrolle werden nämlich von verschiedenen Institutionen durchgeführt. Als dritte Dimension sozialer Kontrolle kann
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„Träger der sozialen Kontrolle“ mit den Ausprägungen „formelle“ und „informelle Träger“ genannt werden. Zu den formellen Trägern gehören Institutionen wie die Polizei, die Justiz, das Militär etc. Diese Institutionen sind Träger des staatlichen Gewaltmonopols und haben das Ziel, Kriminalität zu verhindern. Kriminalität umfasst dabei das abweichende Verhalten, welches kodifizierte Gesetze verletzt (vgl. Hillmann, 2007, S. 466). Kriminalität stellt also eine Teilmenge des abweichenden Verhaltens dar. Zu den informellen Trägern sozialer Kontrolle können Familien, Freundschafts- und Nachbarschaftsnetzwerke etc. gezählt werden. Diese Institutionen verfolgen das Ziel, alle Arten abweichenden Verhaltens zu verhindern. Es soll also nicht nur Kriminalität, sondern auch legales, aber sozial missbilligtes Verhalten verhindert werden. Maßnahmen der ersten Kategorie stellen Sanktionsdrohungen dar. Bereits die Androhung von Sanktionen soll vor abweichendem Verhalten abschrecken. Als Beispiel kann die vor wenigen Jahren geführte Diskussion genannt werden, ob eine Erhöhung der Höchststrafe im Jugendstrafrecht von zehn auf 15 Jahren Freiheitsstrafe das Ausmaß an schwerer Jugendkriminalität verringern könnte.
Maßnahmen der zweiten Kategorie stellen alle strafenden Reaktionen auf abweichendes Verhalten dar. Beispiele sind strafrechtliche Sanktionen der Gerichte auf erfolgte Verbrechen, aber auch Sanktionen von Familien für abweichendes Verhalten von Jugendlichen (z.B. Hausarrest).
Maßnahmen der vierten Kategorie umfassen therapierende und resozialisierende Maßnahmen für delinquente Personen. Dem Delinquenten soll nicht nur die Richtigkeit des wünschenswerten Verhaltens, sondern auch Reue für sein abweichendes Verhalten vermittelt werden. Als Beispiel kann das “Bootcamp“ von Lothar Kannenberg für jugendliche Intensivtäter genannt werden (Die Adresse der Homepage befindet sich im Weblink-Verzeichnis).
Maßnahmen der dritten Kategorie sozialer Kontrolle wollen weder sanktionieren noch therapieren. Ihr Ziel ist es, durch soziale und gemeinschaftsbildende Maßnahmen abweichendes Verhalten präventiv zu verhindern. Als Beispiel für eine solche Maßnahme kann das Chicago Area Project (vgl. Shaw/McKay, 1969, S. 321ff.) genannt werden. Shaw und McKay nennen das Projekt als Interventionsmöglichkeit, um die hohe Jugendkriminalität in den desorganisierten Stadtteilen zu verringern. In dem Projekt sollen die Bewohner dieser Stadtteile in Eigenverantwortung - allerdings mit finanzieller und logistischer Unterstützung der Stadt Chicago - soziale und gemeinschaftsbildenden Pro-
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jekte (z.B. Hausaufgabenbetreuung und Sommercamps für Jugendliche, regelmäßige Gemeindeversammlungen etc.) durchführen.
Durch die vorangegangenen Ausführungen ist es nun möglich, die Art sozialer Kontrolle zu benennen, auf die sich die Theorie sozialer Desorganisation als Kontrolltheorie bezieht. Sie entstammt der dritten Kategorie aus Abbildung 3. Die Entstehung von Kriminalität wird durch den Gemeinschaftszerfall und den damit verbundenen Kontrollverlust der Bewohner untereinander bedingt. Als Säulen der zusammenhaltenden Gemeinschaft und informelle Träger der sozialen Kontrolle fungieren dabei die Institutionen Familien, Freundschaftsnetzwerke und kollektive Organisationen. Im Folgenden soll nun die Theorie sozialer Desorganisation als Kontrolltheorie dargestellt und aus ihr Hypothesen abgeleitet werden.
Die „kontrolltheoretische Wende“ in der Theorie sozialer Desorganisation geht auf Kornhauser (1978) zurück. Grund dafür waren die zahlreichen Kritikpunkte an der Theorie kultureller Übertragung, die neben sozialer Kontrolle auch zahlreiche subkulturelle Elemente enthielt. Einige der Kritikpunkte wurden bereits im vorangegangen Kapitel erwähnt:
Die Theorie kultureller Übertragung weist stark tautologische Züge auf. Die Entstehung von Kriminalität wird durch das Vorhandensein von kriminellen Organisationen bzw. durch das Vorhandensein von kriminalitätsfördernden Subkulturen erklärt. Die Theorie nimmt weiterhin an, dass kriminelle Subkulturen dazu dienen, die Ziele auf illegitimen Wegen zu erreichen, weil kein Zugang zu den legitimen Mitteln der Zielerreichung besteht. Subkulturen bilden sich demnach also nur unter Jugendlichen aus ärmeren Schichten. Diese Annahme muss allerdings kritsch betrachtet werden, weil zum Beispiel Cohen (1957) darstellt, wie sich Subkulturen auch unter Jugendlichen der Mittelschicht bilden können.
Die Theorie ignoriert individuelle Handlungs- und Lernentscheidungen der Akteure. Es wird angenommen, dass der bloße Kontakt von Knaben zu kriminellen Jugendlichen bereits ausreicht, um deren Normen und Werte anzunehmen. Die Zusammenhänge zwischen den sozialstrukturellen Merkmalen (Armut, ethnische Heterogenität und Bevölkerungsfluktuation), dem Ausmaß sozialer Kontrolle und der Jugendkriminalität werden in der Theorie kultureller Übertragung nicht begründet. Die Annahme eines Startpunktes (“Initial State“ auf Abbildung 2), an dem eine Gemeinschaft beginnt in den Zustand sozialer Desorganisation zu geraten und dadurch die Entstehung von kriminellen Subkulturen erst ermöglicht wird, ist unplausibel. Eine sol-
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Stefan Hofherr, 2010, Paneldatenanalyse der Jugendkriminalität in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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