Otto ist wie du und ich: er ist Normalverbraucher. Er ißt und trinkt, wenn er Hunger und Durst hat. Er schläft, wenn er müde ist und er wohnt in einer Wohnung. Er putzt sich die Zähne, nimmt regelmäßig eine Dusche und manchmal auch ein Bad. Gesundheit und körperliche Verfassung sind normal, über außergewöhnliche Leiden und Gebrechen ist nichts bekannt. Otto kleidet sich angemessen, dem Wetter entsprechend. Er verfügt über ein durchschnittliches Einkommen, das er sich mit regelmäßiger Ar-beit verdient und das er vorschriftsmäßig versteuert. Des weiteren hat Otto natürlich ganz gewöhnliche, weil menschliche Bedürfnisse: nach sozialen Kontakten, nach Liebe und Zuneigung, Unterhaltung und Bildung. Otto ist ein freier Mensch - in dem Sinne, daß er tun und lassen kann, was er will und die Unantastbarkeit seiner Würde gesetzlich geschützt ist. Ob er jedoch zufrieden ist mit seinem Leben, ob er Ziele hat oder geheime Wünsche, ist nicht zu ermitteln und soll für die weiteren Ausführungen nicht von Belang sein. Otto lebt in einem Land, das es mit der Zeit zu einigem Wohlstand, wenn nicht gar Reichtum gebracht hat. Er besitzt alles, was er zum Leben braucht und deshalb alles, um seine Bedürfnisse zu befriedigen: Zum Schlafen besitzt hat er eine Decke, um wieder aufzuwachen einen Wecker. Zum Essen setzt er sich an einen Tisch und auf einen Stuhl. Um sich beim Essen die Hände nicht schmutzig zu machen, benutzt er Besteck. Um schmutziges Besteck wieder sauber zu bekommen, hat er ein Waschbecken mit Wasserhahn, Bürste und Schwamm und Spülmittel und Lappen. Zum Abtrocknen nimmt er ein Geschirrtuch oder stellt den Abwasch auf ein Abtropfgestell.
Es sind viele Dinge, die Otto zum Leben braucht, und viele Dinge, die er zum Leben hat. Denn nahezu jede Tätigkeit, die Otto ausführt, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, bedarf ihrerseits vieler Dinge. Über das Ausüben einer Tätigkeit werden die einzelnen Gegenstände im Gebrauch zu einem Sachkomplex verbunden, in dem sie sich gegenseitig zur Bedin-gung werden: Eßtisch und Küchenstuhl, Messer und Gabel, Tasse und Teller bilden eine Vernetzung, die durch die Tätigkeit des Essens geknüpft wird. Der einer bestimmten Tätigkeit zugehörige Sachkomplex kann dabei beliebig weit gefaßt werden. Vielleicht handelt es sich bei dem Essen um ein Sonntagsfrühstück mit Kaffee, Brötchen und Spiegelei. Otto Normalverbraucher wird den Kaffe in einer Kaffeemaschine kochen, die Brötchen mit einem Frühstücksmesser schneiden, das Spiegelei in einer Pfanne auf einem Herd braten und sich zum Essen an einen Tisch setzen. Der mit dem Ausüben einer Tätigkeit sich abzeichnende Sachkomplex erscheint dabei zunächst individuell und abhängig von der jeweiligen Tätigkeit und der Art und Weise, in der sie ausgeführt wird. Die Sach-
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komplexe entstehen dabei unmittelbar im Moment des Ausübens der Tätigkeit. Die Tätigkeit selber ist abhängig von den jeweiligen Lebensgewohnheiten, die Lebensgewohnheiten wiederum sind mitunter abhängig von der Sozialisation.
- tenSozialisationstypus bezeichnend sind.
Daraus ergeben sich Schnittmengen der Dinge des täglichen Gebrauchs, die für einen bestimmten Kulturkreis eine gewisse Allgemeingültigkeit besitzen. Es
Jeder deutsche Bundesbürger verfügt durchschnittlich über etwa 10.000 Gegenstände 1 , die sich zu Sachkomplexen zusammenfassen lassen. Viele der Gegenstände sind Dinge des täglichen Gebrauchs, andere werden selten oder nie benutzt. Die Dinge haben einen nur praktischen oder einen rein ideellen Wert. Der jeweilige Gebrauchswert der Gegenstände erscheint dabei als Interpretationsleistung des Benutzers.
Der Besitz entsteht durch die Bedürftigkeit des Menschen, der Gebrauchswert der Gegenstände dient zur Befriedigung der Bedürfnisse. Die menschlichen Bedürfnisse, die eine Nachfrage an Gütern erzeugen, werden oft gleichzeitig sowohl individuell als auch gesellschaftlich von den Gütern selbst erzeugt. Das Produkt schafft oft erst das Bedürfnis, zu dessen Befriedigung es eigentlich erworben wurde 2 .
Otto Normalverbraucher ist also umgeben von einer ungeheuren Vielzahl an Dingen, die er braucht oder zu brauchen scheint. Wirkliche Notwendigkeit und scheinbarer Bedarf sind dabei schwer voneinander zu trennen. Die Dinge erfüllen ihren Zweck nicht allein in ihrer praktischen Verwendung: Sie sind Zeichen,
- senschaftenwird dabei die Bedeutung des Konsums für den Menschen unterschiedlich interpretiert: als Zeichen gesellschaftlicher Differenzierung, als Ausdruck niemals vollständig zu befriedigender Bedürfnisse oder als System der Kommunikation. Der Umfang des Konsums und damit die Anforderungen an den Konsumenten nehmen dabei beständig zu. Jedes Einzelne der vielen Dinge, die wir besitzen, bedarf einer Vielzahl von persönlichen Leistungen, die erbracht werden müssen. Jedem Kauf geht eine Kaufentscheidung voraus. Die Grundlage, auf der diese Entscheidung getroffen werden muß, hat sich der Konsument
1 Dagmar Steffen (Hg.): Welche Dinge braucht der Mensch, Giessen 1995 2 vgl. Wolfgang Fritz Haug: Kritik der Warenästhetik, Frankfurt a.M. 1971
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mehr oder weniger mühsam zu schaffen. Das Warenangebot ist unübersichtlich und die Fülle der angebotenen Waren kaum zu erfassen. Ist der Kunde zum Besitzer oder Nutzer geworden, muß er sich den Gegenstand aneignen. Vielleicht braucht er zum Verständnis einzelner Funktionen eine Bedienungsanleitung oder muß sich mit den Besonderheiten des Produktes vertraut machen. Jeder neue Gegenstand wird sich dabei in das bereits gegebene Lebensumfeld des Besitzers einfügen lassen und durch die Benutzung im Netz der bereits vorhandenen Dinge seinen Platz erhalten.
Je mehr Dinge Otto besitzt, desto dichter ist das Netz, das sich im Gebrauch der Dinge um ihn knüpft. Im Gebrauch verändert das Produkt den Benutzer, wie sich auch das Produkt durch die Nutzung verändert. Aneignungsprozeß und Überformungsprozeß sind dabei unweigerlich mit der Nutzung verbunden. Aneignung, Überformung. Beide Begriffe bedürfen in ihrer Verwendung einer einleitenden Erläuterung. Der Begriff der Aneignung ist zunächst in zwei wissen-
der Rechtswissenschaft meint der Begriff die Legitimation zum Sachbesitz durch Kauf, Schenkung, Fund oder die Inbesitznahme herrenloser Güter. In der Pädagogik wird Aneignung im Zusammenhang mit dem Lernen verwendet, zum Beispiel von Sprachen oder Texten. Hier ist die psychologische Dimension des Begriffs von Bedeutung: ein Schauspieler, der sich eine Rolle aneignet, lernt nicht allein den Text. Vielmehr macht er sich den Charakter, den er auf der Bühne zu verkörpern hat, zu eigen. Der sich hier vollziehende Prozeß wirkt dabei beidseitig: Im Schauspieler, der den darzustellenden Charakter zu verinnerlichen hat; Im Charakter selbst, der durch die künstlerische Interpretation des Schauspielers seine Prägung erhält. Subjekt und Objekt stehen in einer unmittelbaren Wechselbeziehung zueinander.
Um den Begriff der Aneignung nun zum näheren Verständnis der materiellen
Erweiterung vonnöten. Der Kunstpädagoge Gert Selle hat dazu eine auf den Umgang des Menschen mit den Dingen seines Alltags bezogene Beschreibung formuliert, auf den sich die folgenden Erläuterungen beziehen 3 . Der Aneignungsprozeß beginnt demnach möglicherweise lange bevor sich die eigentliche Aneignung im juristischen oder pädagogischen Sinne vollzogen hat mit dem Ersehnen des Besitzes einer Sache. Das Objekt der Begierde kann zum Beispiel ein Auto sein. Der Mensch also, der sich ein Auto wünscht, macht sich dieses schon zu eigen, indem er den Besitz in seiner Vorstellung zur Realität werden läßt. Der
3 Gert Selle: Siebensachen, Frankfurt a.M./ New York, 1997
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wünschende Mensch bleibt vom Bild dieser Fiktion selbstverständlich nicht un-
sei es, daß er monatlich eine bestimmte Summe seines Verdienstes dafür zur Seite legt. Vielleicht nimmt er einen Kredit auf, um schließlich das Wunschbild gegen die Tatsache des Besitzes einzutauschen. Nun wird er sich zunächst mit den technischen Besonderheiten vertraut machen: er wird lernen, mit dem Auto umzugehen. Womöglich wird er einzelne Funktionen verändern und austauschen. Den Zigarettenanzünder gegen eine Freisprechanlage für das Mobiltelefon, die Speichenfelgen gegen Chromfelgenden, die Modellbezeichnung an der Heckklappe gegen einen Aufkleber des bevorzugten Sportclubs. Otto Normalverbraucher wird seinen Besitz nach seinen als persönlich empfundenen Bedürfnissen überformen.
Der neue Wagen wird vielleicht auch Ottos Lebensgewohnheiten verändern: größere Einkäufe werden Dank des geräumigeren Kofferraums getätigt, Fahrziele werden mit höherer Geschwindigkeit schneller erreicht und das Fahrrad öfter im Schuppen gelassen.
Die Sache verändert den Benutzer, wie auch die Benutzung die Sache verändert. Denn der Gebrauch der Sache wird unweigerlich Spuren hinterlassen. Kratzer an der Stoßstange, Beulen an der Fahrertür, blanke Stellen auf dem Gaspedal. Der glänzende Lack ermattet in Sonne und Regen, und auch die Polster der Ledersitze ergeben sich mit der Zeit der Anatomie des Fahrers. Die Sache beginnt damit, die Gewohnheiten und Eigenschaften des Benutzers zu offenbaren. Materialität und Funktion erzählen eine individuelle und in ihrer massenkulturell bedingten Ähnlichkeit doch unverwechselbare Aneignungsgeschichte. Wie Narben und Muttermale auf dem menschlichen Körper sind Kratzer und Roststellen
Ist das Auto nach jahrelanger Nutzung für den Besitzer unbrauchbar geworden, wird er sich wahrscheinlich seiner Aneignungslegitimation entledigen und es einem neuen Eigentümer oder seinem weiteren Schicksal auf dem Schrottplatz überlassen. Otto wird sich jedoch vielleicht noch viele Jahre später an seinen einstigen Besitz erinnern. Und noch in diesem Erinnern wirkt der Prozeß der Aneignung fort.
Aneignung bezeichnet hier den psychologischen Prozeß der Nutzung im Menschen, Überformung den physischen Prozeß der Abnutzung im Material. Denn „mit der Aneignung einer Sache beginnt deren innere und äußere Überformung nach dem primären Formungsakt der Produktion und dem Eintausch als Ware, die ihr eigenes Gestaltbild mitbringt. Der makellose Zustand des Neuen wird ge-
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stört; die Erscheinungsform des Gegenstandes verändert sich zunächst kaum merklich, später im weiteren Gebrauch immer mehr. Materielle Abnutzung auf der einen und Auffüllung mit Gebrauchsgeschichte auf der Anderen Seite gestalten das Objekt in der Aneignung um. Dabei überformt die Hand des Gebrauchers den Gegenstand noch einmal, fügt ihm Eigenschaften hinzu, vernachlässigt einige, nutzt andere Funktionen und dabei den Körper der Sache ab.“ 4 Der Aneignungsprozess vollzieht sich dabei auf verschiedenen Ebenen: in der Gesellschaft über die gemeinschaftliche Produktion und den Austausch von Gütern, in sozialen Gefügen über differenzierte Gebrauchsweisen und für den Einzelnen über die persönlichen Erfahrungen und die individuelle Aneignungsgeschichte.
Die Gesellschaftliche Aneignung gibt dabei mitunter Aufschluß über die Produktionsgeschichte eines Kulturkreises. In der ethnologischen Forschung über die materielle Kultur wird dabei die Zeugenschaft von Objekten für die Kultur als ganzes untersucht. Der Umgang mit dem in einer bestimmten Kultur verfügbaren Sachbesitz wird analysiert und dabei aufgezeigt, welche Verhaltensweisen eine Gesellschaft hervorbringt und wie die Dinge ihrerseits die Gesellschaft prägen. Der Ethnologe Hans Peter Hahn hat in einem westafrikanischen Dorf verschiedene Strukturen des Sachbesitzes empirisch untersucht. 5 Besondere Bedeutung kommt dabei dem Fahrrad zu, das als der „hellste Stern im Sachuniversum“ der Dorfbewohner bezeichnet werden kann. Der Begriff „Sachuniversum“ bezeichnet die Gesamtheit der Dinge in einem Haushalt, aber auch ihr geordnetes Nebenein-ander. Das Fahrrad wird hier als ein Gegenstand beschrieben, der für die Bewohner des Dorfes eine ungeheure Anziehungskraft besitzt. Viele der Dorfbewohner wenden unverhältnismäßige Sachmittel auf, um in den Besitzt eines Fahrrads zu gelangen. Das Fahrrad ist dabei Gegenstand zahlreicher Überformungen: es wird bemalt, mit zusätzlichen Funktionen ausgestattet, mit viel Aufmerksamkeit
um eines der wenigen globalen Güter in der Dorfgemeinschaft handelt, die über den Import in die Region gelangen.
Die soziale Aneignung von Gütern vollzieht sich in differenzierten Gebrauchsweisen innerhalb gesellschaftlicher Gruppen. So werden in vielen Jugendkulturen die Gegenstände vor allem als Ausdrucksmedium gebraucht; Zum einen, um
4 Selle 1997, S. 129 5 Hans Peter Hahn: Zum Umgang mit Dingen des Alltags und ihre Bedeutungen.
In: König, Gudrun M. (Hg.): Tübinger kulturwissen-schaftliche Gespräche. Wien 2005
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sich innerhalb einer Gesellschaft abzugrenzen, zum anderen, um innerhalb eines sozialen Gefüges eine Zugehörigkeit zu schaffen oder Anerkennung zu gewinnen. So werden beispielsweise Clogs, Latzhosen und das Fahrrad mit einem bestimmten Teil der alternativen Szene assoziiert. 6 Hier kommt eine „Weltanschaulichkeit des Gegenständlichen“ mit ins Spiel: die Verwendung bestimmter Gegenstände gibt Aufschluß über die Prinzipien einer Lebenshaltung. Denn „die Dinge treten nicht einfach ins Bewußtsein, sie stellen es auch aus“. 7 In amerikanischen Großstädten entwickelten sich Ausdrucksformen von Jugendkulturen, die Attribute besser gestellter sozialer Schichten aufgreifen und als Statussymbole aneignen. So werden demonstrativ Kleidungsstücke getragen, die eine Nähe zu exklusiven Sportarten, wie etwa Golf oder Segeln, assoziieren. 8 Der Gebrauchswert der Funktionskleidung wird hier weitgehend durch den Symbolwert ersetzt. Die Gegenstandserfahrung des Einzelnen entwickelt sich in der individuellen Aneignung. Zu den Gegenständen wird eine persönliche Beziehung aufgebaut, es wird etwas mit ihnen verbunden. Der Mensch lernt, mit den Dingen umzugehen und sie ihrem Zweck entsprechend zu benutzen. Der dem Umgang mit den Dingen zu Grunde liegende Lernprozeß spielt sich dabei nicht allein unmittelbar zwischen dem Benutzer und dem Gegenstand ab, sondern ist wiederum immer auch vom sozialen Umfeld abhängig. Die persönlichen Aneignungsgeschichten sind bedingt durch Konventionen und Gebrauchstraditionen, in deren Umgebung
Schon für die frühkindliche Entwicklung ist der Umgang mit den Dingen von Bedeutung. Im Mutterleib gibt es noch keine Gegenstandserfahrung, das unge-
erst im „Bemächtigungsdrang gegenüber den Objekten“ (Sigmund Freud) seinen Ausdruck. Bei Kleinkindern ist oft ein Aneignungsprozeß zu beobachten, der den Gegenstand der Inbesitznahme unersetzbar werden läßt: verliert ein Kleinkind zum Beispiel ein geliebtes Spielzeug, wird es später keinen Ersatz akzeptieren. Ist auch die Mutter noch so bemüht, das verlorene Objekt auszutauschen - das
jedoch, mit den Gegenständen, die er zur Bewältigung des Alltags benötigt, distanzierter umzugehen.
Otto Normalverbraucher ist also im Umgang mit den Dingen geübt: die Handha- 6 vgl. Friedrich W. Heubach: Das bedingte Leben, München 1987 7 Heubach, 1987, S. 134 8 vgl. Naomi Klein: No Logo!, 2002
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bung der Alltagsdinge geschieht wie selbstverständlich und bleibt vom Benutzer beinahe unbemerkt. So sicher, wie ein vorzeitlicher Jäger und Sammler die Ge-
im Dschungel der Alltagsgegenstände zurecht. Durch den ständigen Umgang mit den Dingen ist ihre richtige Handhabung zur Selbstverständlichkeit geworden. Ohne diese Selbstverständlichkeit im Umgang mit den Dingen wäre der moderne Alltag nicht zu bewältigen.
Über die Inbesitznahme eines Gegenstandes wird also der fremde Gegenstand zu etwas Eigenem. Dieses „Eigene“ im Objekt wird im Gebrauchsprozeß in der Abnutzung und schließlich im Verbrauch sichtbar. Der Glanz des Neuen konkurriert dabei mit der Vertrautheit des Abgenutzten. Denn „Sich ein Eigentum am Ding bilden heißt (...) immer auch, es seinem Ende näher bringen“. 9
sichtbar werden, erscheinen in unterschiedlicher Gestalt. Immer jedoch ist es im weitesten Sinne das Tätigwerden des Benutzers, das sich im Gegenstand widerspiegelt.
Die Gebrauchsspur in Form von Kratzern, Dellen, Rissen oder Flecken macht den Umgang des Benutzers mit dem Gegenstand unmittelbar sichtbar. Ein Stuhl wird im Laufe der Zeit die Gebrauchsspuren desjenigen annehmen, von dem er „besessen“ wird. Das Material wird Spuren aufweisen, die etwas von seiner Aneignungsgeschichte preisgeben. Trägt der Benutzer des Möbels (der in diesem Fall im Wortsinn auch gleichzeitig der „Besitzer“ ist) zum Beispiel mit Vorliebe Jeans, werden die am Hosenboden eingelassenen und für dieses Kleidungs-
An den Abnutzungsspuren an der Rückseite eines Feuerzeuges wird man in dem rauchenden Besitzer auch den Biertrinker erkennen, der das Feuerzeug gleichermaßen zum Anzünden der Zigarette und als Flaschenöffner benutzt. Die Art und Weise, in der ein Gegenstand verwendet wird, sagt so auch immer etwas darüber aus, von wem der Gegenstand benutzt wird.
Es lassen sich dabei Materialien unterscheiden, die Gebrauchsspuren zulassen und andere, die Überformungen im Gebrauchsprozeß weitgehend ausschließen. Die Sinnlichkeit eines Materials ist dabei abhängig von der Überformungsfähigkeit. Die sinnliche Qualität eines Gegenstandes ist damit Teil der Gestaltung: „Die Sinne nehmen nicht einfach die Dinge auf, sondern in ihnen auch eine Form
9 Selle, 1997, S. 130
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an: Jedes gegenständliche Design ist immer auch ein Design der Sinnlichkeit“. 10 Friedrich W. Heubach hat die Psychologie des Alltags in den Gegenständen analysiert und die sinnliche Wahrnehmung am Beispiel des Werkstoffes Resopal empirisch untersucht. Resopal ist der Gattungsbegriff für Schichtstoffplatten, die seit den 50er Jahren von der Firma Resopal GmbH unter diesem Markennamen gefertigt werden. Der Werkstoff besteht aus verpreßten Papierbahnen, die mit Melaminharz imprägniert werden und unter Einwirkung von Hitze und hohem Druck zu homogenen Platten verarbeitet werden. Das Material ist Hitzebestän-psychologischen Gegenständlichkeit des Resopalmöbels zeigt, daß das Material
wird. Das Resopal sei aber „nicht gerade schön“, eher kalt, leer, steril, im Vergleich zu Holz irgendwie „tot“. „In diesem regelmäßig angesprochenen Kontrast zum Holz rücken die funktionalen Aspekte und praktischen Vorteile des Resopals zunehmend in den Hintergrund und wird es dann dominant als unecht, langweilig und „unheimlich gradlinig“ charakterisiert; es sei im Grunde abstoßend, da nur praktisch. Während zudem Holz wirklich altern könne, und es in langem Gebrauch auch Spuren annehme und damit etwas von seinem Besitzer bzw. eine gemeinsame Geschichte veranschauliche, sei Resopal an sich zeitlos. Es könne nicht altern, nur unansehnlich werden oder allenfalls kaputtgehen. Ansonsten ginge alles spurlos an ihm vorüber: Einmal drübergewischt und schon sei es wieder, als sei nichts gewesen. Während Holz etwas erzählendes besitze, gebe das Resopal keine Antwort und sei sozusagen erinnerungslos.“ 11 Zudem dulde das Material keine Verunreinigungen: schon leichte Flecken, Krümel oder Staub wirkten störend. Die Möglichkeit zur Reinlichkeit werde so zum materialimmanenten Zwang. Das Material denunziere schon leichte Arbeitsspu- - berkeitund biete zugleich deren bequeme Erfüllung an. Eine Überformung des Gegenstandes durch den Benutzer sei nahezu ausgeschlossen, die Aneignung erfolge ausschließlich über den praktischen Nutzen. Die psychologischen Aspekte der Beziehung zwischen Mensch und Gegenstand sind herabgesetzt, wenn nicht gar ersetzt durch die rationale Anwendung. Die gegenstandlosen sinnlichen Eigenschaften des Möbels stehen hinter dem praktischen Nutzen zurück,
10 Heubach, 1987, S. 126 11 ebenda
9
hat eine Vollkommenheit.“ 12 Um psychologisch trotzdem funktionieren zu können, bedürften derartige Gegenstände wiederum anderer Dinge mit emotionalem Wert, wie etwa Häkeldeckchen, Kerzenständer oder antikes Küchengerät. Auch
gegenseitig bedingen. Der Mensch mache am Resopalmöbel eine „Erfahrung des Spurlosen“, der Gegenstand sei ohne Gesicht und ohne Geschichte. Das Resopalmöbel sei somit an sich kein Ding, sondern ein „Funktional“: „In der abstrakten, eigentlich nur als `Resistenz` faßbaren Materialität des Resopals und in seiner schieren Funktionalität, die das Resopalmöbel auszeichnen, wird dieses zu einem eigentümlich ungegenständlichen Ding und belegt es gewissermaßen die psychologische Existenz von Ùndingen“. 13
- chenbeschaffenheitausgeschlossen: Beim längeren Berühren des Materials bil-persönliche Blöße empfunden werde. Die Berührung des Materials sei dem Benutzer unangenehm.
Das Resopal ist materialisierte Zeitlosigkeit, einer „individuellen Besonderung“ durch Überformung scheint es sich zu verschließen. Das Material wird damit anonym, geschichtslos und reduziert auf seine bloße Funktion. Der Gegenstand bleibt dem Menschen fremd und unzugänglich. Dem Benutzer wird die Möglichkeit genommen, sich selbst am Gegenstand zu erfahren. Jede Handlung geht spurlos am Gegenstand vorüber, das Material gibt auf die Agitation des Subjekts keine Antwort. Im Material verbleiben keine Spuren des Dagewesenseins. Um sich dennoch ein Eigentum am Ding bilden zu können, muß der Mensch im Umgang mit den Gegenständen zu härteren Mitteln greifen: Es bedarf des Mittels der Zerstörung, um sich bemerkbar zu machen. Unverwüstlichkeit provoziert zur Verwüstung, Spurlosigkeit zum Hinterlassen von Spuren. Im Vandalismus kommt diese Provokation zum Ausdruck: sie spiegelt sich wider in den zerkratzten Fensterscheiben der U- Bahn, den bunt bemalten Betonwänden und den mit persönlichen Zeichen versehenen Toilettenwänden. Der Vandalismus erscheint als „Notwehr eines Subjektes gegen eine Gegenständlichkeit, in der sein Anspruch auf anschauliche Selbst- Aneignung so gründlich negiert wird, daß er nurmehr in
12 Jean Baudrillard: Das System der Dinge, Frankfurt a.M./ New York 1991, S.98;
zitiert nach Alex Buck: Dominanz der Oberfläche, Frankfurt a.M. 1998 13 Heubach, 1987
10
ihrer Demolierung erfüllbar ist.“ 14
Ausdruck von eingeforderter Aneignung mittels der Überformung des Materials. In dem der Mensch am Material selbst tätig wird, hinterläßt er unübersehbare Spuren, die gleichzeitig den von ihm überformten Gegenstand als sein individualisiertes Eigentum brandmarken. So tragen besetzte und damit von den Bewohnern selbst angeeignete Häuser fast grundsätzlich die weithin sichtbaren Zeichen
zu einer Maßnahme, die den Prozeß der Aneignung nicht nur begleitet, sondern tatkräftig unterstützt.
Rücksäcke der Marke „Eastpak“ sind dafür seit einigen Jahren ein bemerkenswertes Beispiel. Die Marke hat unter Kindern und Jugendlichen eine derartige Verbreitung gefunden, daß verpersönlichende Überformungen notwendig werden. Die Rucksäcke werden mit persönlichen Zeichen versehen, bemalt und mit Widmungen von Freundinnen oder Freunden ausgezeichnet. Der Hersteller reagierte darauf seinerseits mit limitierten Sondereditionen, die ebendiese Überformungen aufgriffen und in die industrielle Produktion rücküberführten. Dem Wunsch nach individualisierender Überformung wird auch von Seiten des Mobiltelefonherstellers Nokia entsprochen. Aus einem Werbetext: „Wir sorgen dafür, daß ihr persönliches Nokia 2110 anders ist als die anderen. (...) Zusätzlich zu den sechs Gehäusefarben (...) bieten wir 27 interessante Gestaltungsvarianten - für das neue individuelle Gesicht ihres Nokia 2110 (...) Nokia, weil kein Mensch ist wie der andere.“ 15
Gegenstandes scheint der Aneignungsprozeß ein Stück weit vorweggenommen zu sein, so daß eigenständige Überformungen zum Zwecke der Individualisierung unnötig werden. Auch am Beispiel der Stone- Washed- Jeans läßt sich zum Einen eine offensichtliche Wertschätzung des Gebrauchten erkennen, zum Anderen aber auch eine Vorwegnahme von Aneignungsgeschichte. Die Abnutzung ist hier nicht länger Ausdruck eines Gebrauchsprozesses, sondern industriell initiierte Täuschung. Der Überformungsprozeß wird dem Benutzer abgenommen und die Ästhetik der Gebrauchsspur in die Massenfertigung rücküberführt. Das Eigene am Gegenstand ist bloßer Schein. Andererseits ist ein bereits vorüber-formter Gegenstand besser in der Lage, weitere Überformungen anzunehmen. Der Glanz des Neuen wird eingetauscht gegen scheinbare Geschichtlichkeit. Das
14 ebenda, S. 132 15 zitiert nach Buck, 1998, S. 27
11
Ideal des Makellosen wird aufgelöst, die Gebrauchsspur dagegen in den Vorder-grund gerückt. Dem Benutzer wird also das Heft aus der Hand genommen. Der Benutzer scheint den Aneignungsprozeß nicht selbst vollziehen zu brauchen, die Produktion nimmt ihm diese Arbeit ab. Die Hose sieht aus, als besitze sie eine individuelle Aneignungsgeschichte, ist aber dennoch brandneu, wenn sie den Benutzer erreicht.
Allenthalben wird der Glanz des Neuen propagiert: überall dort, wo der potentielle Kunde und Käufer auf industriell gefertigte Produkte stößt, bieten sich ihm diese im glänzenden Gewand des strahlend Ungebrauchten an. Trotz zahlreicher Debatten zur Nachhaltigkeit von Konsumgütern werden die Produkte weitgehend entworfen, als würde sich der Zustand des Makellosen über den Gebrauchsprozeß hinweg erhalten. Überformungen des Gegenstandes sind für die Designpraxis nicht von Bedeutung, die Ästhetik der Abnutzung wird in der Produktgestaltung kaum berücksichtigt. Die planerische Arbeit des Designers scheint vor dem Beginn des Gebrauchsprozesses, also vor dem Erwerb des Dinges durch den späteren Benutzer halt zu machen und im Zustand des Neuen zu verharren. Geradeso, als gebe es keine Überformungen, die ja das Produkt ihrer gestalterischen Arbeit unweigerlich im Gebrauch entscheidend verändern und die ge-
mit der Realisierung des Tauschwertes und dem dahinter zurückstehenden Gebrauchswert zu tun zu haben: „Der Käufer steht auf dem Standpunkt des Bedürfnisses, also auf dem Gebrauchswertstandpunkt: sein Zweck ist der bestimmte Gebrauchswert; sein Mittel, diesen einzutauschen, ist der Tauschwert in Geld-form. Dem Verkäufer ist derselbe Gebrauchswert bloßes Mittel, den Tauschwert seiner Ware zu Geld zu machen, also den in seiner Ware steckenden Tauschwert in der Gestalt des Geldes zu verselbstständigen. Vom Tauschwertstandpunkt aus gilt jede Ware, ihrer besonderen Gestalt ungeachtet, als bloßer Tauschwert, der noch als Geld verwirklicht (realisiert) werden muß und für den die Gebrauchswertgestalt nur Durchgangsstadium und Gefängnis ist. Vom Standpunkt des Gebrauchswertbedürfnisses ist der Zweck der Sache erreicht, wenn die gekaufte Sache brauchbar und genießbar ist. Vom Tauschwertstandpunkt ist der Zweck erfüllt, wenn der Tauschwert in Geldform herausspringt.“ 16 Die Produktgestaltung dient also mehr dem Verkauf, weniger dem Gebrauch. Der potentielle Besitzer einer Sache begegnet dem Gegenstand im Zustand einer überhöhten Neuwertigkeit. Im Umfeld des Verkaufens wird die Ware so hergerichtet, dass sie begehrenswert und kaufenswert erscheint. Dies geschieht in der Regel über die
16 Haug, 1971, S. 15
12
Betonung der Neuheit in vielerlei Hinsicht: Neuheit in der Technik, Neuheit in der Gestaltung, Neuheit im noch nicht gebrauchten, noch nicht überformten. Der
Urzustand. Der Kaufanreiz entsteht über das Propagieren des Neuwertes, die
in der werbetechnischen Darstellung: Selten wird in der Werbung ein Produkt gezeigt, daß in irgendeiner Weise überformt wäre. Zwar stellt die Werbung Situationen des Produktgebrauches vor, der Gegenstand an sich erstrahlt jedoch stets im Lichte des Ungebrauchten. Wird ein Gegenstand beworben, in dem der Gebrauchswert in der Aneignung angepriesen wird, bleibt seine äußerliche Makellosigkeit dennoch unberührt.
Hinweis auf eine individuelle Aneignungserfahrung beworben. Der bezweckte Kaufanreiz wird erzielt über die Erzeugung einer Assoziation mit Abenteuer und Erlebnis, die sich auch in der äußeren Gestalt des Wagens zeigt: die Karosserie ist mit Schlamm beschmutzt. Die Ironie des erzeugten Bildes besteht darin, daß - scheint - als wäre der Fahrer des Wagens geradewegs aus der Fertigungshalle
den Schlamm vermittelt der Wagen den Eindruck des gänzlich ungebrauchten, gerade so, als würden selbst die abenteuerlichsten Spritztouren nicht den geringsten Makel an der Substanz des beworbenen Produktes hinterlassen. Zwar erzählt die Überformung durch den Schlamm eine Geschichte des Gebrauchs, das Propagieren des Neuen wird dabei jedoch nicht in Frage gestellt. Die Über-formung erscheint als Mittel zur Darstellung des Aneignungslosen. Die Geschichte des Gebrauches wird erzählt, ohne daß eine tatsächliche Aneignung stattge-funden hätte. Der Gebrauchswert wird durch den Erlebniswert ersetzt. Die Gegenstände der industriellen Produktgestaltung werden jedoch nicht nur so beworben, als bliebe der Neuwert ewig erhalten - sie werden auch so gestaltet. Aufgabe des Designers müßte es hingegen sein, Aneignungsprozeß und Überformungsmöglichkeiten in Bezug auf die Gegenstände, die er gestaltet, mit zu formen. Nicht in einer Weise, die den Gebrauchsprozeß formal vorwegnimmt und eine Aneignungsgeschichte inszeniert, sondern als gestalterische Arbeit am Prozeß. Nicht das fabrikneue Produkt in ästhetisch vorteilhafter Ladenbeleuchtung sollte Gegenstand und Ziel des Designs sein, sondern eine Warenästhetik, die eine Zeitlichkeit im Ding nicht nur zuläßt, sondern fordert. Baudrillard, J.: Das System der Dinge, Frankfurt a.M./ New York 1991
13
Verwendete Literatur
Hahn, H.P.: Zum Umgang mit Dingen des Alltags und ihre Bedeutungen. In: König, Gudrun M. (Hg.): Tübinger kulturwissenschaftliche Gespräche, Wien 2005
Haug, W.F.,: Kritik der Warenästhetik, Frankfurt a.M. 1971
Heubach, F.W.: Das bedingte Leben, München 1987
Klein, N.: No Logo!, 2002
Selle, G.: Siebensachen, Frankfurt a.M./ New York, 1997
Steffen, D., (Hg.): Welche Dinge braucht der Mensch, Giessen 1995
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Arbeit zitieren:
Christopher Doering, 2005, Otto Normalverbraucher, München, GRIN Verlag GmbH
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