INHALTSVERZEICHNIS
1. EINFÜHRUNG INS THEMA 2
2. ARBEIT IM WANDEL - DEM ZEITRATGEBER AUF DER SPUR 4
2.1. DIE ZEIT DER STEMPELUHR IST ABGELAUFEN 4
2.2. VON DER ENTGRENZUNG ZUR ERSCHÖPFUNG 5
3. GOUVERNEMENTALITÄT UND DER AUFSTIEG DES SELBST-UNTERNEHMERS 6
4. DER ZEITRATGEBER - WIE FUNKTIONIERT ER, WAS WILL ER? 9
4.1. ZEITRATGEBER ÄLTERER HERKUNFT 10
4.2. DER NEUE ZEITRATGEBER 11
4.3. FUNKTION UND WIRKUNG NEUER ZEITRATGEBER 12
4.3.1. DAS ICH ALS ANDOCKSTELLE 13
4.3.2. ENTSCHEIDUNGSHILFEN 14
4.3.3. PAKT MIT DER WISSENSCHAFT, FLIRT MIT DER RELIGION 15
5. SCHLÜSSE 17
LITERATURVERZEICHNIS 19
1. EINFÜHRUNG INS THEMA
Auch wenn niemand gerne zugibt, Rat und Unterstützung von wildfremden Menschen zum Beispiel in Sexfragen, im Gewinnen von Selbstvertrauen oder beim Verlieren von Körpergewicht zu benötigen - die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Das Internet-Versandhaus amazon.de rechnet gut 138’000 Titel in ihrem Buchsortiment der Kategorie Ratgeber zu. Diese beeindruckende Zahl hat vor allem damit zu tun, dass sich das Ratgeben in alle Lebensbereiche hinein und damit auch auf die gesamte Sachliteratur ausdehnen lässt. Zwar war bereits ab Ende des 18. Jahrhunderts eine stattliche Anzahl bürgerlicher Anstands- und Manierbücher im Umlauf (Maasen 2004: 224), dennoch hat erst in jüngster Zeit eine eigentliche Kolonialisierung des Alltags durch Ratgeber stattgefunden. Die moderne Gesellschaft stellt eine Vielzahl von Anforderungen an ihre Mitglieder. Gleichzeitig hat der Staat damit aufgehört, sich an Stelle der Bürgerinnen und Bürger darum zu sorgen, dass diese den Anforderungen auch gerecht werden. Stattdessen ist er dazu übergegangen, die Verantwortung auf jeden Einzelnen zu übertragen. Der Bandbreite an Zonen der Intervention ist dabei keine Grenze gesetzt: Vom Haarausfall bis zur Geldanlage, von Schüchternheit über die Arbeitssucht bis hin zur erfolgreichen Vermarktung von Wildbret für Jäger gibt es nichts, was sich nicht durch gezielte Anleitungen (zur Selbst-Therapie) lösen, vermehren, vermindern, verbessern liesse.
Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf das Phänomen der Zeitratgeber. Auch wenn diese nur einen kleinen Ausschnitt aus der Wirklichkeit wiedergeben, so zeigt doch diese Form des Ratgebens exemplarisch auf, wie hier das Individuum mittels diversifizierten „Techniken der Selbst- und Handlungskontrolle“ (ebd: 229) zur Konstruktion eines, wie vom Soziologen Ulrich Bröckling eindrücklich beschriebenen, „unternehmerischen Selbst“ angeleitet wird.
Wo ist das Problem? Ist es denn nicht wünschenswert, durch ein gezieltes Management seines Alltags mehr Zeit für sich, für die Familie, für die Erholung und damit weniger Stress im Beruf zu haben, wie das die Ratgeberautoren versprechen? Was ist dagegen einzuwenden, wenn einem dank der erlangten Zeitsouveränität „Selbstverwirklichung und Persönlichkeitsentfaltung nach eigenen Bedürfnissen oder Zielvorstellungen“ (Seiwert 2000: 86) ermöglicht wird? Bevor wir uns dieser verfänglichen Frage nähern, müssen wir uns die ambivalente Natur von Ratgebern vergegenwärtigen. Maasen rückt den Ratgeber als „Vehikel der Selbstführung und der Fremdführung“ (Maasen 2004:
2
234) in den Blick. Dieses spricht das Individuum als Entscheider an, „der zwischen Alternativen wählen oder tragfähige Kompromisse bilden muss“ (ebd: 232), wobei es „wollende, wählende, entscheidende Selbste gewissermassen in einer Doppelbewegung von Individualisierung und Normalisierung“ erzeugt (ebd: 233). „Doch wie lernt man zu wollen und zu wählen? Da hilft wohl nur eine Entscheidung zur Paradoxie: Ich muss das Wollen wollen und das Wählen wählen. Invisibilisiert wird dieser Schritt durch das Zauberwort Selbstmanagement, die aktuelle Formel für Selbstdisziplin“ (ebd.: 212). Bei der Herstellung dieses Paradox spielt der Ratgeber eine vorbildliche Rolle. Sein Appell an das Selbst, an sich zu arbeiten und seine Arbeitshaltung zu verbessern, findet in zahlreichen Techniken (meist schriftlich fixiert in Form von Tagebüchern, Vereinbarungen mit sich selbst, To-do-Listen) Niederschlag. Das Erreichen eines wünschbaren Zustands wird so mit einer „Multiplizierung von Verantwortlichkeiten“ (Opitz 2004: 126) gekoppelt, was laut Opitz einem zentralen Kernstück der Gouvernementalität entspricht, dessen ultimatives Ziel wiederum der Selbsttechniker als Unternehmer seiner Arbeitskraft ist (ebd: 144).
In dieser Arbeit versuche ich, diesen Aspekt von einer politisch-ökonomischen Perspektive heraus zu beleuchten. Ausgehend von der Beobachtung, dass in der von neoliberalen Prämissen dominierten Arbeitswelt die Entgrenzung von Arbeit und damit die physische wie psychische Belastung der Arbeitnehmenden einen Höhepunkt erreicht haben, versuche ich zu zeigen, dass die boomende Zeitratgeberliteratur in dieser Krisensituation nicht einfach eine willkommene (Über-)Lebenshilfe bietet, sondern nachgerade als eine Art Programm zur Aufrechterhaltung, ja Steigerung dieser Weise der Bewirtschaftung von Humankapital angelegt ist. Damit dies nicht bloss eine Unterstellung bleibt, ist es nötig, die Wirkungsweise des Zeitratgebers zu untersuchen. Ich werde mich dabei auf den von Foucault geprägten Begriff der Gouvernementalität beziehen und den Ratgeber als ein Konstrukt aus Mikro-Techniken beschreiben, die dazu imstande sind, das Individuum aus der Distanz „gleichermassen in der Tiefe, in der Feinheit und im Detail zu führen“ (Foucault 2000: 63).
3
2. ARBEIT IM WANDEL - DEM ZEITRATGEBER AUF DER SPUR
Dieses Kapitel gibt einen groben Überblick über die Neuordnung, die im Zuge der Neoliberalisierung für die Arbeitspolitik in Unternehmen vorgenommen worden ist. Dabei lässt sich nüchtern feststellen, dass die „klassischen“ Arbeitsverhältnisse in bürokratisch organisierten Betrieben (sprich: 8-Stunden-Tag, 5-Tage-Woche, fix eingeplante Pausen, klare Trennung von Privat und Büro etc.) fortlaufend erodieren oder, im Falle grosser, global tätiger Unternehmen schon länger nicht mehr vorhanden sind. Neue Arbeitsmodelle, die sich durch eine zunehmende Entgrenzung auszeichnen, also durch eine besondere Betonung von Flexibilität und einer verstärkten Selbstkontrolle, bürden dem Arbeitnehmer ein bis anhin nicht gekanntes Mass an Verantwortung auf. Die Folge: Ausfälle aufgrund psychischer Probleme am Arbeitsplatz nehmen zu. Erscheinungen wie die immer noch anwachsende Zeitratgeberliteratur sind ein Symptom dieser Entwicklung.
2.1. DIE ZEIT DER STEMPELUHR IST ABGELAUFEN
Das allmähliche Verschwinden der Stechuhr und weiterer Arbeitszeitmessgeräte ist ein Indiz dafür, dass sich in der Beziehung der Arbeitenden zu ihrer Arbeit etwas Wesentliches verändert hat. Hat die Stech- oder Stempeluhr die Angestellten noch dazu angehalten, ihren Arbeitstag innerhalb der arbeitsrechtlichen Dimensionen einzurichten, locken neue Modelle mit mehr Freiheit und Flexibilität. Vertrauensarbeitszeit heisst das Zauberwort. „Plakative Formeln, wie z.B. ‚Gruppenarbeit’, ‚Mitarbeiter als Unternehmer’, ‚Empowerment’, geben einen groben Eindruck von solchen Veränderungen: Mehr oder minder grossen Gruppen von Beschäftigten wird in oft erstaunlichem Masse und in zum Teil ganz neuen Formen erweiterte Eigenverantwortung abverlangt“ (Voss/Pongratz 2002: 127). Voss und Pongratz sichten hier das Entstehen einer neuen Haltung des Selbst zu seiner Arbeit: ihr Arbeitskraftunternehmer ist gekennzeichnet durch eine erweiterte Selbst-Kontrolle, durch einen Zwang zur forcierten Ökonomisierung seiner Arbeitsfähigkeiten sowie eine entsprechende Verbetrieblichung der alltäglichen Lebensführung (ebd: 128). Unter dem Stichwort Flexibilisierung werden zunehmend neue, im Endeffekt rein ergebnisorientierte Arbeitsmodelle in Betrieben implantiert, die den Angestellten ein
4
erhöhtes Mass an Selbstorganisiation auferlegen. Dazu gehört auch die Förderung der Heim- und Mobilarbeit, womit die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben zusehends durchlässig werden. „Zielsetzung der neuen Formen der Arbeitsorganisation ist damit ein grundlegend erweiterter und letztlich sogar nahezu ‚totaler’ Zugriff auf die gesamte Person gegenüber der bisher allenfalls partiell möglichen Verfügung über ihr Arbeitskraftpotential“ (Kleemann et al. 2003: 72). All dies kennzeichnet eine Entwicklung, die unter dem Begriff „Subjektivierung von Arbeit“ Eingang in die arbeitssoziologische Debatte gefunden hat.
Entgrenzungsphänomene dieser Art sind vor dem Hintergrund der neoliberalen Revolution in der Ökonomie ab den 1970er Jahren zu sehen, die das Ende von Taylors kontrollorientierter, den Arbeitnehmer eng an den Betrieb schmiedende Arbeitsphilosophie einläutete. Diese erwies sich „zunehmend als unzureichend, um die angestrebten weiteren Produktivitätssteigerungen zu erreichen. Denn weitere Kontrollverschärfungen erzeugen in immer mehr Bereichen überproportional steigende Kosten, begrenzen die Leistungsbereitschaft und behindern vor allem die Nutzung der zunehmend wichtiger werdenden Fähigkeiten von Arbeitenden, schnell und kreativ auf komplexe Anforderungen zu reagieren“ (Voss/Pongratz 2002: 136). Was folgt daraus? Wie lässt sich ein derart umfangreiches Kontrollsystem nutzbringend und gleichwohl wirkungsvoll ersetzen? Die Antwort liegt in der Internalisierung jener Mechanismen, die zuvor auf die Arbeitenden angewendet und diese diszipliniert hatten. Damit sind wir bereits beim entscheidenen Wirkungsmechanismus der Gouvernementalität angelangt, der weiter unten beschrieben wird, und als deren Teileffekt wir auch die Zeitratgeberliteratur anzusehen haben.
2.2. VON DER ENTGRENZUNG ZUR ERSCHÖPFUNG
Gemäss der 4. europäischen Erhebung über die Arbeitsbedingungen (2005) empfindet jeder dritte Berufstätige in der Schweiz, dass seine Gesundheit durch die Arbeit beeinträchtigt wird. Psychische Belastungen nehmen dabei einen herausragenden Stellenwert ein: Stress, Erschöpfungszustände, Schlaflosigkeit oder Kopfschmerzen sind häufige Begleiter am Arbeitsplatz - und darüber hinaus. Auch der Spitzenreiter Rückenschmerz (bei 18 Prozent der Befragten) lässt sich nicht alleine auf ergonomische
5
Arbeit zitieren:
Markus Kocher, 2009, Dort, wo der Staat nicht hinkommt, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Soziologie: neuer Titel erschienen: Dort, wo der Staat nicht hinkommt
Markus Kocher hat einen neuen Text hochgeladen
Uwe Becker, Andrea D. Bührmann, Vinayak Chaturvedi, Klaus Dörre, Joachim Hirsch, Max Koch, Hans-Günter Thien
Neoliberalismus und die Krise des Sozialen
Das Beispiel Österreich
Andrea Grisold, Wolfgang Maderthaner, Otto Penz
Gouvernementalität der Gegenwart
Studien zur Ökonomisierung des...
Ulrich Bröckling, Susanne Krasmann, Thomas Lemke
Points of Arrival: Travels in Time, Space, and Self / Zielpunkte: Unte...
Marion Gymnich, Ansgar Nünning, Vera Nünning
Geschichte der Gouvernementalität Bde.1/2
Sicherheit, Territorium, Bevöl...
Michel Foucault, Claudia Brede-Konersmann, Jürgen Schröder
Die Regierung des Selbst und der anderen
Vorlesung am Collège de France...
Michel Foucault, Alessandro Fontana, Frédéric Gros, Jürgen Schröder
0 Kommentare