Danke …
Ich möchte mich bei all jenen, welche mich bei der Anfertigung dieser Arbeit unterstützt haben, bedanken.
Prof. Michael Brunner hat mich in meiner Anfangsphase tatkräftig unterstützt und mich mit Hinweisen und Ratschlägen auf den schlussendlichen Weg gebracht. Prof. Max Haller hat mich bei der Bearbeitung des Themas betreut und immer wieder mit Hinweisen und Ratschlägen unterstützt. Ganz besonders möchte ich ihm aber dafür danken, dass er mir bei der Erstellung dieser Arbeit einen so großen Entfaltungsspielraum gelassen aber immer darauf geachtet hat, dass ich mich nicht verirre. Ein großer Dank geht auch an die wohlwollenden Förderer dieser Arbeit, … • Naturfreunde • Österreichischer Alpenverein • Deutscher Alpenverein • Nationalpark Hohe Tauern Kärnten • Respekt (Christian Baumgartner) • BMWA • BMLFUW • Fa. Bahlsen • Fa. JuA Frischeis
…, welche mir mit allen möglichen Unterstützungen geholfen haben, dieses arbeitsreiche Projekt zu verwirklichen.
Vielen Dank an die Hüttenwirte und Hallenbetreiber, welche mir die Möglichkeit geboten haben zu erheben und mit immer sehr freundliche Gastgeber und interessante Gesprächspartner waren. Last but not least nun das größte Dankeschön an alle Korrekturleser und ganz speziell an meine Freundin Sandra, die mich in dieser Zeit ertragen hat.
Bergwanderen und Klettern stellen zwei für Österreich typische Sportarten dar. Dennoch gibt es bis heute nur wenige Untersuchungen, welche diese Populationen beschreiben. In dieser Arbeit wurde diesem Umstand Abhilfe geschaffen und Bergwanderer und Kletterer hinsichtlich ihrer Lebensstile und ihrer Lebensqualität untersucht. So wurden Bergwanderer und Kletter zum einen in 9 verschiedene Typen, welche sich über den sozialen Raum aufteilen, unterschieden und entsprechend beschrieben. Zudem anderen wurden sie in leistungs- und genussorientiere Gruppen differenziert und diese auf ihre Positionierung im sozialen Raum hin untersucht. Hinsichtlich der Lebensqualität konnte gezeigt werden, dass Bergwanderer und auch Kletterer eine signifikant höhere Lebensqualität aufweisen als die österreichische Durchschnittsbevölkerung. Hierfür lag eine Vergleichsstichprobe der Statistik Austria von 2006/2007 mit knapp 16.000 Befragten vor. Für die Erhebung der Lebensstile wurde das Konzept von Otte (2004) herangezogen, zur Erhebung der Lebensqualität der WHO-QOL-BREF, ein vielfach bewährtes Instrument der WHO. Im Zuge der quantitativen Erhebung in Kletterhallen und auf Schutzhütte im österreichischen Bundesgebiet konnten 610 auswertbare Fragebögen gewonnen werden.
english
Mountain Hiking and climbing are two very typical Austrian sports. Although, there are still very little surveys regarding to them. This survey accords to this situation, and analyses mountain hikers and climbers in terms of lifestyles and quality of life. On the one hand mountain hikers and climbers have been differentiated into 9 different groups - which together build the social space - and specifically described. On the other hand they where differentiated in groups either they were more orientated in pleasure or performance. Regarding to quality of life it could be shown, that mountain hikers as well as climbers have a significantly higher quality of life than the Austrian population as a whole. For this purpose a survey by Statistik Austria from 2006/2007 with almost 16.000
respondents was available. The inquiry of life-styles was accomplished with an instrument provided by Otte (2004), for the inquiry of the quality of life the WHO-QOL-BREF by the WHO was consulted. During the quantitative survey in climbing halls and refuges in the Austrian territory 610 analyzable questionnaires have been generated.
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis 6
Tabellenverzeichnis. 7
1 Einleitung 7
2 Theorie 9
2.1 Lebensstile, -formen, etc. 9
2.1.1 Warum Lebensstile 9
2.1.2 Methodische und begriffliche Differenzierung von Lebensstilansätzen. 11
2.1.3 Lebensstile, Lebensformen, Lebenslagen, Lebensführung, Lebensweisen, Milieus. 18
2.1.4 Verschiedene Lebensstilansätze 26
2.1.5 Kritik an Lebensstilansätzen. 30
2.1.6 Der Ansatz von Otte 33
2.2 Lebensqualität. 40
2.2.1 Was ist Lebensqualität? 40
2.2.2 Das Konzept der gesundheitsbezogenen Lebensqualität 47
2.2.3 Der WHOQOL-Ansatz der gesundheitsorientierten Lebensqualität 52
2.3 Freizeit und Sport. 58
2.3.1 Bedeutung und Wandel der Freizeit 58
2.3.2 Sport - Abgrenzung und Funktionsspektrum 63
2.4 Berg- und Klettersport 70
2.4.1 Differenzierung der Bergsportarten. 70
2.4.2 Die österreichischen alpinen Vereine 77
2.4.3 Empirische Daten zum Bergsport in Österreich und Deutschland 79
2.5 Fragestellungen und Hypothesen 86
2.5.1 Lebensstile 86
2.5.2 Lebensqualität. 93
3 Methodik. 95
3.1 Untersuchungsdesing. 95
3.2 Untersuchungsinstrumente 96
3.2.1 Hauptinstrumente. 96
3.2.2 Weitere Variablen und Items. 97
3.3 Stichprobenkonstruktion / Abgrenzung der Erhebungsorte 98
3.4 Datenanalyse. 99
3.5 Überblick 101
4 Ergebnisse 102
4.1 Stichprobenbeschreibung 103
4.2 Lebensstile 112
4.2.1 Gütekriterien der Indizes 112
4.2.2 Die Verteilung der Bergwanderer und Kletterer im sozialen Raum 116
4.2.3 Kurze Beschreibung der Lebensstiltypen. 130
4.3 Lebensqualität. 135
4.3.1 Analyse der Lebensqualität und ihrer Subdimensionen 135
4.3.2 Gesundheitsrelevante Verhaltensweisen 141
5 Diskussion 144
5.1 Zusammenfassung der Ergebnisse. 144
5.2 Fazit 147
Literatur 148
Anh änge 153
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 2.2 -Modell des sozialen Raumes nach Ausstattungsniveau und Modernität bzw.
biographischer Perspektive der Lebensführung (Otte, 2004:76)
Abbildung 2.3- Homologe Räume von Lebenslage und Lebensführung (vgl. Otte 2004:100)
Abbildung 2.4 - Handlungsorientierung im Raum der Lebensführung (vgl. Otte 2004:125)
Abbildung 2.5 - Einordnung von Lebensqualitätsinstrumenten (vgl. Güthlin 2006:24)
Abbildung 2.6 - Aufteilung der Gesamtzeit nach Verwendungsarten (vgl. Uttitz 1985:20 in: Prahl
2002:138)
Abbildung 2.7 - Lebenszeitbudget 1900 - 2020 (Zellmann/Opaschowski 2005:20)
Abbildung 2.8 - Abbildung einer Wandertafle sowie der Schwierigkeitsbewertungen im Großteil
Österreichs (Wanderwegekonzept SBG, siehe Fn. 12)
Abbildung 2.9 - Wegeklassifikation in Vorarlberg (siehe Fn. 12)
Abbildung 2.10 - Theoretischen Verteilung von vier Hauptgruppen im sozialen Raum (eigene
Darstellung )
Abbildung 4.3 - Allgemeine und aufgeschlüsselte Verteilung auf die Lebensstilgruppen in , n
(Gesamt)bzw. 441(Wandern) und 160 (Klettern)
Abbildung 4.7 - Häufigkeitsverteilung nach dem Arbeitsindex - Gesamtstichprobe, Wanderer und
Kletterer
Abbildung 4 9 - Lebensqualität total nach Lebensstilgruppen
Tabellenverzeichnis
Tabelle 2.1 - Varianten der Lebensstilanalyse mit ausgewählten Beispielen (Otte 2005:22) 14
Tabelle 2.2 - Lebensstildefinitionen (eigene Zusammenstellung) 19
Tabelle 2.3 -Lebensführungsdefinitionen (eigene Zusammenstellung) 22
Tabelle 2.4 - Indikatoren für die Konstruktion der Typologie (Kurzversion) (vgl. Otte 2004:168) 39
Tabelle 2.5 - Wohlfahrtspositionen (Zapf 1984 in: Noll, 1999:11) 44
Tabelle 2.6 - Four Qualities of life (Veenhoven 2000:6) 46
Tabelle 2.7 - Dimensionen und Kategorien von Profilinstrumenten 51
Tabelle 2.8 - Die Struktur des WHOQOL-BREF (Angermeyer 2000:23) 53
Tabelle 2.9 - Integration des WHOQOL-BREF in das Four Qualities of Life Schema. 54
Tabelle 2.10 - Ausdifferenzierung verschiedener Sportmodelle (Heinemann 2007:57) 64
Tabelle 2.11 - Sportarten in Österreich Zeitreihe n 1700 ab 15 Jahren (Gfk in: Hilscher et al. 2007) 68
Tabelle 2.12 - Sportmotive in Österreich. 68
Tabelle 2.13 - (Berg-)Wandermotive - Zusammenschau aus drei Studien (eigene Darstellung) 84
Tabelle 3.1 - Überblick über die aufgeworfenen Fragestellungen und Hypothesen der Untersuchung. 102
Tabelle 4.1 - Bildungstitel von Bergwanderern und Kletterern (n 610) 104
Tabelle 4.2 - Art der Erwerbstätigkeit bzw. Voll-/Teilzeit - Diplomarbeitsstichprobe vs. Statistik Austria
106
Tabelle 4.3 - Familienstand - Diplomarbeitsstichprobe vs. Statistik Austria 107
Tabelle 4.4 - Gruppengröße von Bergwanderern und Kletteren. 108
Tabelle 4.5 - Zusammenhänge zwischen Variablen der sozialen Lage und Lebensstildimensionen 113
Tabelle 4.6 - Soziodemo. Merkmale und Restaurantausgaben nach Lebensstilgruppen im Vergleich. 115
Tabelle 4.7 - Ergebnisse der Regressionsanalysen zu H7. 123
Tabelle 4.8 - Modellzusammenfassung der Regression. 125
Tabelle 4.9 -Ergebnisse eines independent-sample-t-Tests für gewichtete und ungewichtete Mittelwerte
f ür die Stichproben der Diplomarbeit und der Statistik Austria 136
Tabelle 4 10 - Korrelation von Arbeitsaspekten zu Lebensqualität (nach Pearson) 140
1 Einleitung
Bergwandern und Klettern sind zwei Sportarten, welche gerade in einem Land wie Österreich ausreichend Platz für ein breites Publikum finden. Es überrascht daher, dass es bisher fast keine Untersuchungen des Bergwander- und Klettersports von Seiten der sozialwissenschaftlichen Disziplinen zu finden gibt. Zwar finden sich hier und dort kurze Beschreibungen, lobende Erwähnungen des Breitensports Bergwanderern oder Verweise auf den momentanen Boom des Klettersports, dennoch blieben die Untersuchungen bisher aus, die, die gemacht wurden, werden hier im späteren Verlauf dargestellt. Ziel dieser Arbeit soll es also sein, die Bergwanderer und Kletterer in Österreich genauer zu beschreiben, also einen ersten Schritt hinsichtlich einer umfassenderen Untersuchung von dieser beiden Sportarten und der sie Ausübenden zu machen.
Zu diesem Zweck soll zum einen ein Konzept aus der Lebensstilforschungangewandt werden, welche als Erweiterung bzw. Ergänzung der klassischen Sozialstrukturanalyse anzusehen ist. Da mit den Stichworten Bergwandern und Klettern immer auch Begriffe wie Erholung, Natur, Ausgleich, etc. assoziiert werden, soll neben einem Konzept der Lebensstile auch ein geeignetes Instrument zur Erhebung der Lebensqualität Anwendung finden.
Hinter der Motivation dieser empirischen Arbeit steht ganz klar das Ziel, dass die daraus erzielten Ergebnisse einem praktischen Nutzen zugeführt werden. So soll versucht werden, sich in der Aufarbeitung der Untersuchung auch möglichst an den aktuellen Anforderungen und Bedürfnissen von in diesem Bereich tätigen Organisationen und Vereinen zu orientieren, da gerade sie es sind, welche aus den Ergebnissen einer solchen Arbeit einen praktischen Effekt lukrieren können. Die kann nur über den Kontakt mit den jeweiligen Organisationen sowie einer umfassende Aufarbeitung bisher unternommener Untersuchungen erreicht werden.
Das Konzept der Lebensstile wird gleich zu Beginn von Kap. 2 im Detail erläutert, bevor der in dieser Arbeit verwendete Ansatz vorgestellt wird. Die Verwendung von Lebensstilkonzepten - im nur teilweisen Gegensatz zu herkömmlichen sozialen Schichtungsmodellen - erlaubt eine differenziertere Betrachtung der Untersuchungspopulation, wobei neben der klassischen vertikalen Achse eine zweite, horizontale Achse eingeführt wird. Wenngleich das Konzept der Lebensstile bisher nicht immer
erfolgreich eingesetzt werden konnte und es teils erhebliche und berechtigte Kritik gegeben hat, können mit ihm gerade im Bereich der Freizeit immer wieder interessante Ergebnisse gewonnen werden. Was liegt im Weiteren näher, als im Kontext von Bergwandern und Klettern nach der Lebensqualität zu fragen?Haben Bergwanderer und Kletterer eine höhere Lebensqualität als die österreichische Durchschnittsbevölkerung? Die theoretischen Konzepte der Lebensqualität werden im zweiten Teil von Kap. 2 dargestellt. Das verwendete Instrument zur Messung der Lebensqualität wird im Anschluss daran erläutert. Kap.3 widmet sich sodann der praktischen Übersetzung der vorher besprochenen, also der Operationalisierung, sowie der Darstellung und Abgrenzung der Erhebungsorte. Schließlich werden in Kap. 4 die Ergebnisse dargestellt und in Kap. 5 nochmals prägnant zusammengefasst und kurz diskutiert.
2 Theorie
2.1 Lebensstile, -formen, etc.
Dieses Kapitel behandelt das durchaus komplexe und bisweilen sehr heterogene und unüberschaubare Feld der Lebensstilforschung (vgl. u.a. Hartmann 1999, Enneking 2005:7, Hermann 2004:155). Die folgenden Unterkapitel sollen zum einen das grundlegende Konzept und den Nutzen der Lebensstile anschaulich darstellen (2.1.1). Ferner sollen in einer methodischen und begrifflichen Differenzierung der Raum der möglichen Herangehensweisen übersichtlich dargestellt werden (2.1.2. und 2.1.3.). Natürlich sollen auch wegweisende Standardwerke verschiedener Strömungen in gebotener Kürze vorgestellt werden (2.1.4), nicht zuletzt auch um die Wurzeln dieser Arbeit nicht zu unterschlagen. Abschießend widmet sich (2.1.5.) einer kurzen kritischen Auseinandersetzung.
2.1.1 Warum Lebensstile
Lebensstile sind Konsequenzen der individuellen Reduktion von Komplexität und der damit einhergehenden Ermöglichung der Handlungsfähigkeit. Manche Autoren sehen sie als Gegensatz bzw. Ablöse (z.B. Schulze) des klassischen Schichtkonzeptes, andere (z.B. Otte, Hartmann, Spellerberg) eher als Ergänzung und wieder andere (z.B. Bourdieu) als Ausfluss der dahinterstehenden Schichteinflüsse desselbigen, wobei das dazwischen liegende Kontinuum nuanciert ausgefüllt wird. Lebensstile sind die Reaktion auf ein zunehmendes Wohlstandsniveau und gestiegene Handlungsmöglichkeiten (vgl. u.a. Beck, 1986) unter ausdrücklicher Bezugnahme auf zusätzliche horizontale Differenzierungskriterien. Dieses Argument soll durch ein Zitat von Lüdtke verdeutlicht werden: „Durch einen praktizierten Lebensstil wird die Auswahl der Handlungsalternativen strukturiert und begrenzt, das heißt Handlungs-und Orientierungsfähigkeit überhaupt erst erreicht. Routinen und Gewohnheiten sind für Identitätsausbildung und -sicherung von wesentlicher Bedeutung.“ (Lüdtke 1987 in: Spellerberg 1996:58; vgl. hierzu auch: Lüdtke, 2001:19, Hartmann 1999). Lebensstile sollen, so wie auch zuvor und
noch gegenwärtig Sichtungsmodelle neben der deskriptiven Funktion vorrangig diesem Zweck dienen, Prognosen über Verhaltensweisen von Personen und Personengruppen ermöglichen.
Verhaltensprognosen sind aber nur dann potentiell erfolgreich, wenn sich diese auf zumindest mittelfristig stabile Ausprägungen von erklärenden Merkmalsvariablen bzw. Merkmalsaggregaten (i.e., Schichtzugehörigkeit, Lebensstile) beziehen können. Durch sich verändernde gesellschaftliche Basisstrukturen hat sich die Anzahl und Zusammensetzung dieser Variablen und Aggregate jedoch verändert bzw. pluralisiert, was heißt, dass eine größere Auswahl an Handlungsalternativen als zuvor zur Verfügung steht und somit auch neue Dimensionen zur Erklärung von Verhalten herangezogen werden können. Der folgende Absatz aus Spellerberg (1996:54) soll diese Veränderung nochmal verdeutlichen: „Die Blüte des Lebensstilkonzepts im Westen in den achtziger Jahren hatte eine materielle und kulturelle Basis: ein allgemein höherer Lebensstandard und Steigerung des Massenkonsums, mehr freie Zeit, Ausbau des Wohlfahrtsstaates, Frauenerwerbstätigkeit und veränderte geschlechtsspezifische Rollenbilder, eine relativ frei zu gestaltende Phase der Postadoleszenz sowie erweiterte Kompetenzen durch die Verlängerung der Ausbildung, Wertewandel, Pluralisierung von Haushalts- und Familienformen, eine gesellschaftliche Liberalisierung und damit verbunden weniger verbindliche Normen für die Lebensführung. Dies sind die wesentlichen Faktoren die zu einer ››Öffnung des sozialen Raumes‹‹ (Bourdieu 1987; Vester u.a. 1993) geführt haben.“
Es soll jedoch auf keinen Fall der Eindruck vermittelt werden, dass sozioökonomische und demographische Variablen ihre Erklärungskraft verloren hätten, im Gegenteil sie sind weiterhin ein wichtiger Bestandteil von Lebensstilkonzepten und finden ihre Berücksichtigung im Konzept der sozialen Lage oder den objektiven Lebensbedingungen: „In Lebensstilkonzepten wird allgemein eine typische Vermittlung zwischen sozialer Lage und individuellem Handeln, objektiven Lebensbedingungen und kulturellem Leben gesehen“ (Lüdtke 1987; Müller 1992a in: Spellerberg, 1996:53) Nicht alle Lebensbereiche sind gleichermaßen stilisierungsfähig (ebd:59) bzw. nicht alle gesellschaftlichen Bereiche bieten gleich viel Freiheit zur Stilisierung. So kann der Bereich des Erwerbslebens als weitgehend, wenngleich nicht vollkommen fremdbestimmt angesehen werden, in
welchem demzufolge nur wenig Freiheit zur Stilisierung vorhanden ist. Es verwundert daher nicht, dass Lebensstile und damit auch Lebensstilkonzepte eine Affinität zum Freizeitbereich aufweisen. Der von Spellerberg (1996:59 Fußnote 23) erwähnten „idealtypischen“ (Anm. d. Autors) Unterscheidung Habermas´ in System- und Lebenswelt, also in eine einerseits völlig fremdbestimmte und andererseits völlig spontane Welt kann, so auch die Meinung von Spellerberg, nicht gefolgt werden. Es besteht „lediglich ein unterschiedliches [aber sehr deutliches, Anm. d. A.] Gewicht“ (ebd.) in den beiden Sphären (Erwerbszeit u. Freizeit), dessen stetiger Charakter umso deutlicher wird, desto differenzierter man diese betrachtet. Opaschowski (1993 in: Prahl 2002:330) spricht von einer „Koinzidenz von Lebensstilen und Freizeitstilen“.
Opaschowski (2006:323f.) schreibt hierzu weiter: „In allen Bereichen der Freizeit ist eine bestimmte Lockerung der Affektkontrolle festzustellen (››a controlled de-controlling of restraints on emotions‹‹ Elias 1971:27ff.) - ein gesellschaftlicher und individueller Handlungsspielraum mit deutlich mehr Freiheitsgraden als in allen anderen Lebensbereichen - wenn auch relativ und nicht beliebig, sondern durchaus in sozial kontrollierter Form“. Auch er betont im letzten Teil seines Zitats, dass der Bereich der Freizeit nicht völlig frei von fremdbestimmten Einflüssen ist. Und schließlich schreib hierzu noch Prahl (2002:330): „Stil haben setzt Freiräume voraus, die in der Freizeit eher gegeben sind als im Erwerbsleben.“
2.1.2 Methodische und begriffliche Differenzierung von Lebensstilansätzen
Innerhalb der Lebensstilforschung haben sich einige methodisch-analytische Herangehensweisen und Sichtweisen herausgebildet, welche im Prinzip die klassische sozialwissenschaftliche Theorielandschaft widerspiegeln.
Eine erste grundlegende Unterscheidung ist hinsichtlich der Wahlfreiheit des Individuums zu treffen. Hierbei kann grob zwischen folgenden Ansätzen unterschieden werden: - voluntaristisch vs. strukturdeterministisch (vgl. Otte, 2004:83) bzw.
- kulturalistisch 1 vs. Constraint choice- Ansatz 2 vs. deterministisch 3 (vgl. Spellerberg, 1996:63) - Intentionalität vs. Nichtintentionalität (vgl. Hartmann, 1999:42)
Voluntaristische, kulturalistische oder auch intentionale Ansätze stellen die Wahlfreiheit des Individuums hinsichtlich der Aspekte des Lebensstils in den Vordergrund. Demnach kann jedes Individuum frei von Restriktionen wählen. In solchen Ansätzen wird am weitesten von der klassischen vertikalen Schichtung und Determiniertheit abgegangen. Das klassische Standardwerk solcher Ansätze lieferte Ulrich Beck 1986 mit seiner „Risikogesellschaft“.
Der genannte „Constrained-Choice“- orientierte Ansatz von Lüdtke orientiert sich ebenfalls an individuellen Wahlmöglichkeiten. Der Constrained Choice Ansatz ist eine individualistisch-soziologische Theorie welche eine „beschränkte“ individuelle Wahlfreiheit postuliert. Der Auswahlprozess geschieht dabei in zwei Schritten: „In einem ersten Schritt wird die abstrakte Menge aller denkbaren Handlungsalternativen durch strukturelle Zwänge eingegrenzt […] und damit auf eine Teilmenge ausführbarer Handlungsalternativen reduziert. Im zweiten Schritt wird dann aus dieser Teilmenge eine bestimmte Alternative ausgewählt.“ (Stinchcombe 1968, Elster 1979 in: Franz, 1986:38) Erst wenn Menschen in der Lage sind ihre Lebensweise bewusst zu gestalten, können Lebensstile entstehen. (vgl. Lüdtke 1989 in: Hartmann, 1999:44)
Strukturdeterministische, deterministische oder nichtintentionale Ansätze stellen gewissermaßen den Gegenpol zu den erstgenannten dar. In ihnen sind Lebensstilelemente determiniert, zugewiesen und nicht bewusst ausgewählt. Lebensstile werden als „strukturelle Determinanten“ (ebd:42) wie beispielsweise Einkommen oder Schichtzugehörigkeit verstanden (vgl. ebd:42). „Lebensstile sind kein Indiz für die Freiheit des Menschen, sondern ein Indiz für seine Unfreiheit.“ (ebd:32) Zu dieser Unterscheidung, abgesehen von Lüdtke, soll jedoch in Anlehnung an Otte (vgl. 2004:83f) angemerkt werden, dass sich diese Positionen in der Rezeption oftmals radikaler wiederfinden, als sie von den ursprünglichen Autoren intentioniert waren. Die Lebensführung kann weder als „ein deterministischer Ausfluss der sozialen Lage“ (ebd., vgl. auch Otte 2005:5ff.) noch als „ressourcenfreier,
1 Z.B. Hitzler 1994, Hörnig, Michailow 1990, Honer 1994, Michailow 1994, Richter 1989/1994, Voß 1991
2 Lüdtke
3 Z.B. Bourdieu 1987, Eder 1989, Vester 1993, Müller 1992
autonomer Motor des Handeln“ (ebd., vgl. auch Otte 2005:5ff.) angesehen werden. Dieser Position möchte ich mich anschließen.
Eine zweite wichtige Unterscheidung richtet sich nach der Erklärungsreichweite des gewählten Ansatzes. Hierbei kann wie folgt unterschieden werden:
- allgemeine Sozialstrukturanalyse vs. themenzentrierte Lebensstilanalyse (Otte, 2004:35ff.)
Währende es ein Anliege im Rahmen einer allgemeinen Sozialstrukturanalyse ist, (vgl. ebd:35)
unterscheidet sich eine themenzentrierte Lebensstilanalyse darin, dass diese sich primär auf „einen“ Untersuchungsgegenstand spezialisieren, wie beispielsweise die Untersuchung gesundheitsrelevanter Lebensstile. Hinsichtlich dieser Unterscheidung kann die vorliegende Arbeit weitgehend dem Bereich der allgemeinen Sozialstrukturanalyse zugeordnet werden.
Die folgende Unterscheidung bezieht sich auf die methodische und vorrangig statistische Bildung und Beschreibung von Lebensstilen. - typologisch vs. variablenorientiert (ebd.)
Bei typologischen Verfahren werden Lebensstiltypen bzw. -syndrome meist mehrdimensional operationalisiert, wobei die herangezogenen Indikatoren verschiedener Lebensbereiche (Freizeitverhalten, Geschmack, etc.) verschiedene Dimensionen des Lebensstils (Modernität,
Aktionsradius, etc.) abbilden sollen. Zur Typenbildung selbst werden vorwiegend statistische Verfahren wie Kontingenz- und Clusteranalysen sowie das Verfahren der dimensionalen Operationalisierung verwendet.
Die variablenorientierte Vorgehensweise analysiert Lebensstile in Form „einzelner“ nicht kombinierter Variablen, wie beispielsweise gesundheitsrelevante Lebensstile anhand der Variablen Tabakkonsum oder Aktivsport. (vgl. ebd.)Tabelle 2.1 zeigt Varianten von Lebensstilanalysen. Der in dieser Arbeit verfolgte Ansatz in primär typologisch und im Sinne einer allgemeinen Sozialstrukturanalyse zu verstehen, wenngleich hinsichtlich der Untersuchungsgruppe und der Orientierung an Lebensqualität eine gewisse Themenzentriertheit sicher angenommen werden muss.
Tabelle 2.1 - Varianten der Lebensstilanalyse mit ausgewählten Beispielen (Otte 2005:22)
In diesem Zusammenhang sollen jedoch wesentliche Stärken und Schwächen dieser Vorgehensweise nicht vorenthalten werden (hierzu u.a. Hartmann: Hartmann, 1999:160ff., Otte, 2004:37ff.), wobei der Darstellung von Otte gefolgt werden soll.
Als Vorteile der Verwendung eines typologischen Ansatzes können genannt werden:
Folgende Nachteile müssen jedoch hinsichtlich der Verwendung von Typologien angebracht werden:
Trotz der erwähnten Nachteile soll in dieser Arbeit dem typologischen Ansatz gefolgt werden, nicht zuletzt auch aus den genannten Vorteilen. Darüber hinaus wurde die Zielpopulation bislang noch nicht aus der Perspektive der Lebensführung betrachtet und soll somit einen ersten Überblick zum Ziel haben. Aufgrund der doch großen Verbreitung von typologischen Ansätzen im deutschsprachigen Raum (vgl. Otte, 2004:37) erscheint es hinsichtlich der Kommunizierbarkeit sinnvoll einen diesen Typologien ähnlichen Ansatz zu wählen.
Im Weiteren lassen sich Lebensstiluntersuchungen bezüglich der zugrundliegenden „Untersuchungseinheit“ sowie den verwendeten „Trägergruppen“ unterscheiden. Als
Untersuchungseinheiten werden weitgehende Individuen herangezogen. Eine Ausnahme bildet Lüdtke der Haushalte als Analyseeinheiten betrachtet. (vgl. Lüdtke, 1989:40; Spellerberg 1996:60)
Relevanter erscheint die Unterscheidung der Trägergruppen in: (vgl. Otte, 2004:41f) - Soziale Strukturkategorien vs. Trägergruppen auf der Ebene des Lebensstils Als Trägergruppen können soziale Kollektive von Individuen gleicher bzw. ähnlicher Lebensstile verstanden werden [Anm. d. A.]. Die Frage die sich nun stellt, ist jene der Bestimmung der für die Abgrenzung dieser Kollektive relevanten Dimensionen. Bespiele für die soziale Strukturkategorien sind beispielsweise die sozialen Klassen (Bourdieu), soziale Lagen (Hradil) oder Lebensformen (Zapf). Werden soziale Strukturkategorien als Trägergruppen herangezogen, werden diese in einem ersten Schritt identifiziert und daraufhin als eigenständige, voneinander getrennte Bereiche im sozialen Raum lebensstilanalytisch beschrieben. Werden alsobeispielsweise Lebensformen (Verheiratet, Singlehaushalt, bei Eltern wohnend, etc.) als erklärende Abgrenzungskriterien verwendet, legt man sich dabei auf einen feste theoretische Perspektive fest, aus welcher heraus die unterschiedlichen Lebensstile erklärt werden. Andererseits kann man Trägergruppen auf der Ebene des Lebensstils selbst identifizieren. Bei diesem Vorgehen werden „Individuen ähnlicher Lebensstile auf der Basis von Lebensstilvariablen zu Lebensstiltypen zusammengefasst.“ (ebd.) In diesem Fall die „Analyse struktureller Einflusse auf den Lebensstil ergebnisoffener“. (Hradil 1999:41 in: ebd.) In diesem Fall sollte natürlich größte Sorgfalt auf die Auswahl der „Lebensstildimensionen und -variablen“ (ebd.) gelegt werden, da sie wesentlich die inhaltliche Bedeutung der Lebensstiltypen festlegt (s.a. allgemeine Sozialstrukturanalyse vs.
themenzentrierte Lebensstilanalyse, weiter oben) In dieser Arbeit wird die Strukturierung anhand von Lebensstiltypen vorgenommen. Soziale Strukturkategorien würden den vertretenen subjektiven Charakter der Lebensstilwahl zu sehr untergraben, wenngleich eine diesbezügliche Begrenztheit nicht in Frage gestellt wird.
Spellerberg (1996:75ff) trifft eine weiter Unterscheidung: - einstellungsorientiert vs. verhaltensorientiert
In einer Metaanalyse von 15 Lebensstilstudien (ebd:76) hinsichtlich der in ihnen verwendeten Dimensionen kommt sie zum Schluss, dass diese jeweils auf eine der angeführten Dimensionen ein deutlich stärkeres Gewicht legen.
In einer bereits als Standard der Lebensstilforschung zu betrachtenden Unterscheidung identifiziert Müller (1989:60 in: Spellerberg 1996:78, vgl. Enneking 2005:22)) vier Ebenen der Lebensstile:
In einer inhaltlich gleichen Herangehensweise (vgl. Spellerberg, 1996:60, Enneking 2005:23f.) unterscheidet Lüdtke (1994:316) in einer nicht minder verbreiteten Konzeption zwischen
Wenngleich nach der Metaanalyse von Spellerberg beide Autoren ihr Augenmerk im wesentlichen auf eine verhaltensorientierte Analyse legen, weisen ihre theoretischen Konzeptionen doch einen integrativen verhaltens- und wertorientieren Charakter auf. In die vorliegende Untersuchung sollen unter dem Überbegriff der Lebensführung beide Element gleichwertig einfließen, jenes der Wertorientierungen als auch jenes des „manifesten Lebensstils“ (Otte, 2004:90, 93), also der Performanz oder des expressiven Verhaltens. Schließlich lassen sich Lebensstilstudien in - quantitative vs. qualitative Untersuchungen
unterscheiden. Quantitative Untersuchungen werden häufig bei größeren Stichproben verwendet und weisen oftmals einen deskriptiven bzw. evaluativen Charakter auf. Aufgrund der geschlossenen Art der Befragung (Fragebogen) und den Begrenzungen bezüglich des Umfangs solcher Instrumente können immer nur vorbestimmte Variablen erhoben werden. Diesbezüglich weisen qualitative Untersuchungen einen wesentlichen Vorteil auf, da diese in der Wahl ihrer Fragen prinzipiell offener sind (spontane Operationalisierung, Nachfragen, etc.). Qualitative Untersuchungen haben meist eine explorative Zielsetzung und führen zu einer detailierten (-eren) Beschreibung der Untersuchungspersonen. Durch den damit verbundenen höheren Erhebungs- und Auswertungsaufwand sind qualitative Untersuchungen generell hinsichtlich der Anzahl der zu untersuchenden Personen begrenzt, weshalb meist auch keine repräsentativen Aussagen gemacht werden können. Diese Erhebung dieser Studie soll quantitativ erfolgen. Da jedoch erwartet wird, dass sich im Rahmen der Erhebung teils sehr informative
Gespräche mit Untersuchungspersonen ergeben werden, sollen diese qualitativen Aspekte vor Ort kurz notiert werden und in die späteren Datenauswertungen und Schlussfolgerungen mit einfließen.
2.1.3 Lebensstile, Lebensformen, Lebenslagen, Lebensführung, Lebensweisen, Milieus
Die nachfolgenden Begriffe finden sich in der Literatur in vielen unterschiedlichen Definitionen wieder. Lebensstil, Lebensführung oder Lebensweise stehen je nach Autor für teils sehr abweichende Inhalte. (vgl. Hartmann, 1999:16) Begriffliche Konstruktionen wie „Lebensführungsweise“ tragen zudem nicht zur Schaffung von „klaren Verhältnissen“ (Anm. d. A.) bei, sondern erhöhten, so Hartmann (vgl. ebd., Fußnote 2) nur den Grad der Verwirrung. Aus diesem Grund erscheint es sinnvoll für jeden der folgenden Begriffe prominente Definitionen anzuführen und zu versuchen, grobe Gemeinsamkeiten und Gegensätze aufzuzeigen. Die zentralen Begriffe in der wissenschaftlichen Diskussion sind sicher der Lebensstil- und der Lebensführungsbegriff, daher wird diesem im Folgenden der breiteste Raum gewidmet. 4
Lebensstile 5
Die umfangreichste und wohl auch kontroverseste Sammlung von Definition ließe sich sicher für den Begriff des Lebensstils zusammenstellen. Dies liegt sicherlich auch daran, dass Lebensstile als weit über den wissenschaftlichen Sprachgebrauch hinaus als fest und zugleich diffus in der alltäglichen Sprache verwurzelt angesehen werden können [Ann. d. A.]. Im der folgenden Tabelle (2.2) sind daher nur durchwegs gängige, wissenschaftliche Definitionen namhafter Autoren angeführt, doch kommt man auch „nur“ mit diesen zu recht heterogenen Auslegungen. Zum Zweck der Übersichtlichkeit und Hervorhebung wurden konstitutive Elemente der jeweiligen Definition fett markiert.
4 „Gelegentlich stößt man weiterhin auf die Begriffe "Lebenskunst", "Lebensart", "Lebenspraxis" oder gar
"Lebensvollzug" [Herv. i. O.], deren Bedeutung aber ja nach Verwendungsweise eher dem Lebensstil oder der
Lebensführung zugeordnet werden kann.“ (Hartmann, 1999:16, Fußnote 2)
5 Für eine kurze begrifflichen Entstehungsgeschichte siehe u.a. Enneking/Franz, 2005:4, Hartmann, 1999:15ff.
Das wohl hervorstechendste Merkmal in den obigen Definitionen ist jenes der Abgrenzung, Unterscheidung, Integration, kurz der Zugehörigkeit bzw. Nicht-Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen. Es verwundert daher nicht, dass Elemente des Ausdrucks (Selbstpräsentation, Ausdruck selbst, Praktiken, expressiv, Praxis, usw.) beinahe eben so oft erwähnt werden. Weiter kommen auch Anmerkungen zum Freiheitsgrad der Lebensstile (Ressourcen und Restriktionen, usw.) immer wieder, jedoch in unterschiedlicher Intensität, zum Ausdruck. Der Lebensstil wird auch immer wieder (Müller, Lüdtke) als Muster der Lebensführung bezeichnet und diese beiden Begriffe (Lebensstile und Lebensführung) somit auch aktiv in Verbindung gebracht. Die Dimension der Werte findet sich, wie vielleicht anders vermutet, fast nicht wieder, obwohl sie zur Dimensionierung des sozialen Raumes immer wieder Verwendung findet, oftmals jedoch als passive, also nicht zur Bildung der eigentlichen Lebensstilattribute verwendete Variable. Eine grundlegende Analyse des Stils findet sich bei Hartmann (1999:15ff). Er versucht sich dem Begriff des Lebensstils (und auch der Lebensführung) über allgemein Stildefinitionen anzunähern. Er tut dies aus der Überzeugung heraus, dass eine „pauschale begriffliche Trennung“ (vgl. ebd.) der beiden Begriffe nicht sinnvoll ist. Er unterscheidet dabei folgende drei (Lebens-)Stildefinitionen: • Ausdrucksdefinition • Formdefinition • Identifizierbarkeitsdefinition
Die Ausdrucksdefinition beschreibt Stil als Ausdruck von Sinn oder Bedeutungsinhalten. Dabei würde nicht einfach irgendetwas ausdrückt, sondern eine Mengen von Gefühlen und Erfahrungen repräsentiert. Eine Definition entlang affektiver und emotionaler Expressionen führt aber unter anderem zu der Kritik, dass Stil etwa einer bewussten Planung vorenthalten bleibt. (vgl. ebd:20f) In der Formdefinition wird Stil als Form ausgedrückt. Form wird dabei von Inhalt unterschieden und Fragen wie, gibt es Dinge gleicher Form unterschiedlichen Inhalts und Dinge gleichen Inhalts unterschiedlicher Form aufgeworfen. (vgl. ebd:23ff)Um Hartmanns etwas abstrakte Darstellung auf einen simplifizierten Nenner herunter zu brechen, beschreibt Form die Art und Weise des Umgangs mit materiellen oder kulturellen Gütern, also Inhalten. Ein Beispiel hierfür wäre die Tischmanieren, der unterschiedlichen Gebrauch von Messer und Gabel, Körperhaltung etc.
Schließlich kann die Identifizierbarkeit als zentrales Merkmal des Stils angeführt werden. Eine solche Definition steht in engem Zusammenhang mit den Begriffen „Symbol“ und „Signal“ (vgl. ebd:27ff., Herv. i. O.)„Dinge und Personen sind an gewissen Aspekten "symbolisch" [Herv. i. O.] erkennbar, Akteure übermitteln Signale, und zwar um sich zu identifizieren oder um sich identifizierbar zu machen. Als Qualitätskriterium führt Hartmann schließlich an, dass eine „sinnvolle Stildefinition“ (ebd:31) zumindest einer dieser drei Komponenten enthalten sollte. Wie er jedoch anmerkt, wird von den meisten Autoren jedoch eine Kombination aller drei Definitionselemente verwendet, was sich auch in den obigen Definitionen bestätigt findet.
Zusammenfassend kann gesagt werden, auch wenn dies keinen allgemeinen Konsens widerspiegelt, da es diesen auch schlichtweg nicht zu geben scheint 6 (vgl. auch Schäfers 2001:204), dass sich in Lebensstilen in erster Linie unter gegebenen Restriktionen und mit gegebenen Ressourcen mögliche sichtbare Verhaltensweisen wiederfinden, welche die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen signalisieren und sich gegenüber anderen abgrenzen, der Lebensstil also einen „manifesten“ (Otte 2004:90) Charakter aufweist.
6 So kommt Spellerberg (1996:77) nach der Auswertung ihrer Metaanalyse zu dem Schluss, dass sich die
Lebensstilforschung grob in die Richtungen einer bedürfnis-werttheoretischen (Werte, Einstellungen und
Lebenspläne) und eine mit Fokus auf sichtbare Verhaltensweisen und expressive Stilisierung unterscheiden lässt.
Lebensführung
Bei dem folgenden Versuch der Abgrenzung und Erläuterung soll der obigen Vorgehensweise gefolgt werden. Nachfolgend werden also in Tab.2.3 eine Reihe von gängigen Lebensführungsdefinitionen angeführt.
Tabelle 2.3 -Lebensführungsdefinitionen (eigene Zusammenstellung)
In den Bestimmungen der Lebensführung finden sich nun die normativen Vorstellungen und Wertehaltungen wieder. Im Gegensatz zu den manifesten Lebensstilen, scheint es sich hierbei also um einen primär „latenten“ (Otte, 2004:90) Bereich zu handeln. Wenngleich analytisch, so sind die beiden Begriffe jedoch inhaltlich nur Schwerpunktmäßig, nicht jedoch völlig voneinander zu trennen. Aussagen wie Lebensstile seinen Muster der Lebensführung (Müller) oder die Lebensführung sein integraler Bestandteil des Lebensstils (Spellerberg) sowie immer wieder auftauchende Element der jeweils anderen Schwerpunktsetzung sollten dies verdeutlichen.
Lebensstile werden definitorisch also tendenziell mit beobachtbarem Verhalten in Verbindung gebracht, Lebensführung stärker mit latenten Normen und Werten. Festzuhalten bleibt jedoch, dass beide Elemente in den meisten Untersuchungen Einzug finden und die begriffliche Verwendung der, wenngleich immer wohl begründeten Willkür beziehungsweise dem „Stil“ des jeweiligen Autors, der jeweiligen Autorin anheim fällt. So kommt Hartmann (vgl. 1999:46f.) zu dem Fazit, dass eine Abgrenzung der Begriffe zu Unschärfen und Widersprüchen führt und verwendet folglich nurmehr den Begriff des Lebensstils. Spellerberg (vgl. 1996:62) findet in der Lebensführung ebenfalls die Werthaltungen wieder und Verhalten eher bei den Lebensstilen. Sie sieht Lebensführung als integralen Bestandteil des Lebensstils und verwendet in ihrer Untersuchung den Lebensstilbegriff. Otte (vgl. 2004:90) verwendet hingegen die Lebensführung als Oberbegriff und räumt darin den beiden Subdimensionen der faktischen Handlungsstrategien und expressiven Handlungsmuster auf der einen, sowie den mentalen Orientierungen auf der andern Seite, den gleichen Raum ein. Wie man sieht, handelt es sich hierbei weitgehend um Begrifflichkeiten verschiedener Form, gleichen Inhalts.
In dieser Arbeit können die Begriffen Lebensführung und Lebensstil synonym verwendet werden. Die Präferenz des Autors liegt auf dem Begriff des Lebensstils, da dieser einen breiteren Platz im öffentlichen Sprachgebrauch einzunehmen scheint und daher für breitere Gruppen schneller und griffiger zuzuordnen ist. Dieser Untersuchung liegt der Ansatz von Otte (2004) zugrunde, in welchem jedoch der Begriff der Lebensführung verwendet wird. Inhalt beider Begriffe sind jedoch dieDimensionen der Wertorientierungen und des manifesten Lebensstils, also des beobachtbaren Verhaltens (Abb. 2.1).
Die durchgezogenen Linien stellen hierbei die vorrangige Kausalrichtung dar. Als dominant wird die Verbindung (1) erachtet. Otte (2004:92) bezeichnet diese als „typisch, dominante Kausalrichtung“. Die Lebensführung bildet sich üblicherweise unter den gegebenen Ressourcen und Restriktionen der sozialen Lage heraus und aufgrund der Lebensführung werden spezifische Entscheidungen getroffen. Otte definiert die soziale Lage wie folgt:
„Unter der sozialen Lage wird die objektive Position eines Akteurs im Gefüge der sozialen Ungleichheit verstanden. Mit einer solchen Position gehen die Verfügbarkeit verschiedener Ressourcen und die Begrenztheit des Handelns durch bestehende Restriktioneneinher. Darunter fallen "vertikale“ Stratifizierungskriterien wie Beruf, Einkommen und Bildung [sozioökonomische Merkmale, Ann. d. A.], aber auch "askriptive" Ungleichheitsmerkmale wie die Position in der historischen und biographischen Zeit (Kohortenzugehörigkeit und Lebensalter), das Geschlecht, die ethnische Herkunft und Merkmale des "Körperkapitals" [soziodemographische Merkmale, Ann. d. A.].“ (Otte, 2004:89) Die soziale Lage hat jedoch auch direkten Einfluss auf spezifische Entscheidungen (2), nämlich dann, wenn beispielsweise für gewisse Entscheidungen das ökonomische Kapital fehlt. Ein gehobener Lebensstil alleine hilft hierbei nicht. Mit den gestrichelten Linien (3) werden Feedback-Effekte angedeutet, also dass es auch prinzipiell möglich ist, über spezifische Einstellungen und die Lebensführung dem Wunsch der Veränderung der sozialen Lage nachzukommen. Eine weiteres
erwähnenswertes Detail, welches Otte aus pragmatischen Gründen nicht zu Darstellung gebracht hat, dass hier aber darstellt werden soll, ist die prinzipielle Vorgelagertheit der Wertorientierungen (4). Das heißt, dass „ […] Lebenspläne und Orientierungen das Verhalten in den verschiedenen Lebensbereichen steuern und Sinnstrukturen offenbaren“. (Spellerberg, 1996:62, vgl. auch Otte, 2004:93, 58) Otte [ebd:93] hingegen betont die jeweilige Funktion der beiden Subdimensionen: „Die Wertorientierungen umfassen Reflexionen und Strategien der Lebensführung und damit ein motivationales Element, das die bereichsspezifischen Einstellungen und Verhaltensweisen eines Akteurs mental anleiten kann. Der manifeste Lebensstil ist dagegen eine sichtbare, symbolische Äußerung der Lebensführung, die die kognitive Koorientierung zwischen Akteuren in sozialen Interaktionen ermöglicht [Herv. i. O.].“ Otte (ebd:92) begreift das in Abbildung 2.1. dargestellte Modell als Variante eines„Struktur-Praxis-Habitus-Schemas“
Lebensform
„Mit Lebensform sind entsprechend die Kombinationen aus Haushaltsform und Formen der Teilhabe am Erwerbsleben gemeint.“ (vgl. Zapf u.a. 1987:30 in: Spellerberg, 1996:62). Eine Pluralisierung der Lebensformen ist tatsächlich zu beobachten, jedoch, schreibt Otte (vlg. 2004:33) ist die subjektiv wahrgenommene Vielfalt, da vermittels massenmedialer Porträtierung eine Allgegenwart relativ seltener Lebensformen suggeriert wird, wahrscheinlich noch höher. Soziale Lage und die Lebensform repräsentieren somit die klassischen sozioökonomischen und soziodemographischen Elemente der Sozialstrukturanalyse.
Milieu
Als (soziale) Milieus können soziale Räume bezeichnet werden. „Soziale Milieus sind Lebensstilgemeinschaften oder -kollektive. In ihnen erkennen sich Mensch wieder, in ihnen teilen sie mit anderen die Vorlieben und Abneigungen in der Lebensführung, ihre Sicht der Dinge und ihre Kommunikationsgewohnheiten, bis hin zu den Tageszeitungen, die gelesen und den Serien im TV, die bevorzugt oder abgelehnt werden.“ (Amann in: Sablik/Wehle 2001:54)
„S[oziale] M[ilieus, Ann. d. A.] sind das Gruppen von Personen, die ähnliche Lebensziele und Lebensstile aufweisen (S. Hradil) bzw. die sich durch gruppenspezifische Existenzformen und erhöhte Binnenkommunikation voneinander abheben (G. Schulze).“ (Schäfers, 2001:232)
Milieus liefern sozusagen ihren eigenen Beitrag zur Unübersichtlichkeit in der Lebensstilforschung, als in Konsumsoziologie, Marketingforschung, Wahlforschung, Freizeitforschung usw. zum Teil sehr verschiedene Typologien generiert werden. (vgl. Schäfers, 2001:234)
Lebensweise
Der Begriff der Lebensweise kommt in der gegenwärtigen wissenschaftlichen Analyse eher nicht mehr zur Anwendung, da er als „Bezeichnung insbesondere von Soziologen in der ehem. DDR für den gegebenen Stand der Bedürfnis- und Bewusstseinsentwicklung, der Denk- und Verhaltensweisen. […]“ (Fuchs-Heinritz, 1995:394) verwendet wurde. Im allgemeinen Sprachgebrauch hat er jedoch nach wie vor seinen Platz [Anm. d. A.].
2.1.4 Verschiedene Lebensstilansätze
Bourdieu
Mit den „feinen Unterschieden“ legte Bourdieu 1987 nicht nur eine empirisch-theoretische Abhandlung über den Zusammenhang von sozialer Stellung, Kultur und Herrschaft vor, sondern eines der erfolgreichsten soziologischen Werke überhaupt. (vgl. Spellerberg, 1996:63 und Fußnote 25). Für Hartmann (1999:90) ist erder[Herv. i. O.]klassische Autor der Lebensstilforschung.Bourdieus Vorstellung von der Gesellschaft spannt den „Raum der sozialen Positionen“ entlang von drei Dimensionen. Die vertikale Achse, als die Klassen, bestimmen das ökonomisch, das kulturelle und das soziale Kapital. Die horizontale Achse unterscheidet die Klassen nach ihrer Kapitalstruktur, primär am Verhältnis von kulturellem und ökonomischem Kapital, in Klassenfraktionen. Entlang einer dritten Dimension, der Laufbahnachse, bringt Bourdieu ein zeitliches Element ein, die historische bzw. biographische Zeit. (vgl. u.a. Otte, 2004:59; Hartmann, 1999:90ff., Enneking, 2005:14f.; Spellerberg, 1996:63ff.) Dieser soziale
Raum steht in einer Homologie zum Raum der Lebensstile, wobei der Habitus sozusagen zwischen diesen beiden Räumen vermittelt. (Struktur-Habitus-Praxis-Schema, siehe Lebensführung, oben) Dem Habitus kommt zum einen eine kognitive Funktion zu, insofern er „der symbolischen Klassifizierung anderer Akteure“ (Otte, 2004:87) dient. Zum anderen ist er als „System der Erzeugungsschemata von klassifizierbaren Praktiken und Werken“ (Bourdieu, 1982 in: ebd.) für das individuelle Handeln richtungsweisend. Der Habitus manifestiert sich also in den Lebensstilen. Lebensstile ordnet Bourdieu anhand folgender Dimensionen bzw. Orientierungen (vgl. ebd:59):
• Einer Dimension des individuellen Ausstattungsniveaus mit lebensstilrelevanten Kapitalsorten • Einer Dimension entlang einer ökonomischen versus einer kulturellen Handlungsorientierung • Einer Dimension entlang einer modernen, aufstrebenden versus einer traditionellen Grundorientierung.
Konkret verwendete Bourdieu für die Differenzierung im sozialen Raum primär Berufsgruppen und Ausbildungsjahre und zur Erfassung des Lebensstils Items zu Einrichtungspräferenzen, Interaktionspartnern, Radiosendungen sowie Kino- und Fernsehfilmen. (vgl. u.a. Hermann, 2004:158). Natürlich musste sich der strukturalistische Ansatz von Bourdieu auch Kritik gefallen lassen, von der hier nur exemplarisch einige wiedergegeben werden sollen. So wird aufgebracht, dass Bourdieu das soziale Kapital zwar als bedeutend ausweise, dieses jedoch theoretisch und empirisch vernachlässige. (vgl. Otte, 20004:59). Bourdieus Ansatz scheint zudem zu deterministisch angelegt, da er „Lebensstile als überwiegend unreflektiert, restriktions- und ressourcengeneriert ansieht“ (ebd.) wenngleich ein motivationales Element in den symbolischen Klassenkämpfen zu sehen ist, die dem Erhalt des sozialen Status dienen und die Entwertung von sozialen Positionen zu verhindern suchen. (vgl. ebd.) Des Weiteren kam es immer wieder zu Kritik an der Generalisierbarkeit des Kapitalbegriffs sowie an der an der Verwendung von Berufen als Indikatoren für die Kapitalausstattung. (vgl. Müller 1986 in: Enneking, 2005:15).
Schulze
Der Ausgangspunkt von Schulzes Überlegungen ist die These einer Entkoppelung von Sozialstruktur und Lebensweise. Der Titel seines Hauptwerkes „Die Erlebnisgesellschaft“ (1992) deutet diesen Wandel auch
an. Mit dem steigenden Wohlstand sei es seit Mitte der achtziger Jahre zu einem „Wandel der Lebensauffassung von einer außen- zu einer innengeleiteten Orientierung“ bzw. „von einer ökonomischen zu einer "psycho-physischen Semantik" [Herv. i. O.]“ (Spellerberg, 1996:70) gekommen. Dieser zeichnet sich durch Wahlmöglichkeiten und eine Ästhetisierung des Alltags aus, resultiere aber auch in zunehmender Desorientierung, Unsicherheit und Enttäuschung. Immer wieder betont Schulze dabei die Unabhängigkeit von sozialer Lage und Milieuzugehörigkeit. (vgl. ebd.) Schulze nimmt somit eine diametrale Position zu Bourdieus strukturalistischen Ansatz ein, er verfolgt einen „extrem individuen-und kulturbezogenen“ (ebd.) Ansatz. Zentral für Schulzes sind sogenannte kognitive Schemata oder „zentrale Schemata der Alltagsästhetik“ (Hartmann, 1999:113). Diese führten zu Verhaltensweisen oder Milieus (vgl. Spellerberg, 1996:72), diese wiederum zu Lebensstilen. (vgl. Enneking, 2005:17) . Für Deutschland identifiziert Schulze drei alltagsästhetische Schemata anhand von Fernseh- und Musikpräferenzen, Freizeitaktivitäten, Lesegewohnheiten, Kleidungs- und Wohnstilen (vgl. u.a. Hartmann, 1999:113; Spellerberg, 1996:72; Enneking, 2005:17; Otte, 2004:47; Hermann; 2004:159): • Trivialschema (Heimatfilm, deutscher Schlager, Heimatroman, Gemütlichkeit usw.) • Spannungsschema (Krimiserien, Rock und Pop, Disko, Action, Anti-Konventionell usw.) • Hochkulturschema (klassische Musik und Literatur, Dokus, Museum, Kontemplation usw.)
Diese Schemata bilden den Ausgangpunkt zur Entstehung der Milieus. Diese setzen sich nach Schulze aus den Dimensionen Stil, Alter und Bildung zusammen. Operational werden die Milieus jedoch nur über Alter und Bildung operationalisiert. (hierzu Otte, 2004:47 bzw. Abbildung 2.2 auf S.48). Die vertikale Achse reicht hier von der Hauptschule bis zu Abitur/Universität, die horizontale Achse differenziert dichotom an einer 40 Jahre Trennlinie. Schulze kommt so zu fünf Milieus (vgl. wie Schemata): • Niveaumilieu (hohe Bildung, >40) • Integrationsmilieu (mittlere Bildung, >40) • Harmoniemilieu (niedrige Bildung, >40) • Selbstverwirklichungsmilieu (hohe bis mittlere Bildung, <40) • Unterhaltungsmilieu (mittlere bis niedrige Bildung, <40)
Diese werden dann mittels der Stilitems detailierter beschrieben. Jedes dieser Milieus zeichnet sich zudem durch die Dominanz eines Schemas aus.
Die Studie von Schulze belegt einerseits einen engen Zusammenhang zwischen Schulbildung, Alter und Lebensstilen. (vgl. Hermann, 2004:161. Andererseits man Schulzes Typologie nicht als Lebensstiltypologie ansehen, da „die Typenbildung nicht auf der Grundlage subjektiver Merkmale stattfindet.“ (Otte, 2004:48) Fundamentale Kritik an Schulzes Ansatz (vgl. Spellerberg, 1996:73) findet sich hinsichtlich seiner gänzlichen Ausblendung von Fragen nach dem Zusammenhang von sozialer Ungleichheit und seinen Milieus, sozialer Schließung oder auch Verlierern des Modernisierungsprozesses. Speziell wird von Spellerberg (vgl. ebd.) der ideologische Beigeschmack der kulturtypischen Konstante der "Erlebnisorientierung" [Herv. i. O.] bemängel, da es hierbei zu einer Verschleierung sozialer Ungleichheiten und Restriktionen käme und die völlige Unabhängigkeit der Orientierungswahl dargestellt werde.
Lüdtke
Ein weiterer Klassiker der Lebensstilforschung ist Hartmut Lüdtke (Expressive Ungleichheit, 1989). Er nimmt quasi eine Mittelposition zwischen den strukturalistischen bzw. voluntaristischen Ansätzen Bourdieus und Schulzes ein. Lüdtkes theoretisches Modell geht von einem „Constraint-Choice“-Ansatz aus, der wiederum auf dem Rational-Choice-Ansatz fußt. Lüdtke sieht Individuen als rational handelnde Akteure, welche bei gegebener beschränkter Ressourcenausstattung ihren Nutzen maximieren wollen und dabei versuchen einen Gleichgewichtszustand bzw. Stabilität zu erreichen bzw. zu erhalten. (vgl. Otte, 2004:84f., Enneking, 2005:16). Diese Abstimmung von Umwelt und individuellem Lebensstil nennt Lüdtke „Synomorphie“. (vgl. Hartmann, 1999:108 Fußnote 41; Lüdtke 1994 in: Enneking, 2005:16) Lebensstile dienen prinzipiell drei Funktionen (vgl. Otte, 2004:85):
• der Erleichterung der Orientierung im Alltag durch die Herausbildung von Routinen („Habits“) [Herv. i. O]
• dem Aufbau einer subjektiven Identität durch sinnhafte „Logiken“ der Lebensführung („Frames“) [Herv. i. O.]
• der Demonstration von Zugehörigkeit und Abgrenzung in sozialen Interaktionen
Operationalisiert werden die Lebensstiltypen bei Lüdtke entlang von vier Dimensionen (vgl. Enneking, 2005:16, siehe auch 2.1.2 oben): • sozioökonomische Situation • Kompetenz (Bildungstitel und Fähigkeiten) • Performanz (Summe der lebensstilrelevanten Praktiken) • Motivation (Bedürfnisse und Ziele)
Die sozioökonomische Position sowie die Kompetenz entsprechen dabei in etwa den drei Kapitaltypen Bourdieus, Lüdtke nennt sie Ressourcen, sie entsprechen der sozialen Lage. (vgl. ebd.; Otte, 2004:85) Die Herausbildung von Lebensstile erfolgt weiter kognitiv und motivational. (vgl. Otte, 2004:85). Im Rahmen von symbolischen Interaktionen im Alltag bilden sich Routinen und eine Stilidentität sukzessive und eher „unbewusst“ [Herv. i. O.] heraus (kognitiv). Jedoch manifestieren sich Lebensstile auch über „Strategien der Lebensführung“ (Lüdtke 1995 in: ebd.), also bewussten Handlungen (motivational). Primäres Identifikationsmerkmal soll nach Lüdtke die Performanzebene sein und erst anschließend sollen die anderen Elemente beschreibend hinzugezogen werden. (vgl. Enneking, 2005:16) Die stärkste Kritik kam an Lüdtkes empirischem Vorgehen auf. So kam es zu mehreren Erhebungen, in welchen Lüdtke jedoch immer wieder zu verschiedenen Typen kam. (vgl. Hartmann, 1999:108; Enneking, 2005:16) Theoretisch bietet Lüdtke zwar einen „überkomplexen“ (Otte, 2004:85) Ansatz, empirisch arbeitet er jedoch nur mit einem geringen Teil dieser Typen und lässt andere im Dunkel. (ebd.)
2.1.5 Kritik an Lebensstilansätzen
Eine gewisse Pluralität der Lebensstilansäte wurde bereits weiter oben angesprochen. Bis heute wurde in diesem Forschungsgebiet einiges an Pionierarbeit geleistet, nur mangelte es an der Koordination und Abstimmung der verschiedenen Untersuchungen. Otte (2004:42ff.) identifiziert nach Durchsicht der gängigen Ansätze der Lebensstilforschung vier Hauptprobleme:
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Wilhelm Geiger, 2009, Lebensstile und Lebensqualität von Bergwanderern und Kletterern in Österreich, München, GRIN Verlag GmbH
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