Im Folgenden werde ich mich mit zwei Texten, die sozialen Wandel erklären sollen, auseinander setzen. Der erste ist von Geißler, in dem er den sozialen Wandel in Deutschland mit dem Modernisierungskonzept analysiert.
In dieser Ausarbeitung werde ich mich mit der Frage beschäftigen, ob Geißler in seinem Konzept auch die Nachteile der Modernisierungstheorie bzw einer modernen Gesellschaft berücksichtigt, auf die er anfänglich selbst hinweist und ob eine andere Theorie besser zur Erklärung der Wende geeignet ist.
Ich halte diese Fragestellung deshalb für sinnvoll, weil es meiner Meinung nach viel gerechtfertigte Kritik an der Modernisierung gibt und ich denke, wenn Geißler den sozialen Wandel in Deutschland mit dem Konzept der Modernisierung erklärt, ist es wichtig, die Tücken der Theorie zu beachten.
Ich halte es kaum für möglich, den Westen mit seinem Konzept nicht zu idealisieren. Als zweite Theorie habe ich das Prinzip der „Take-Off-Phase“ von Walt W. Rostow gewählt und werde es mit dem von Geißler vergleichen.
Im Folgenden werde ich allerdings erst einmal Geißlers Konzept erläutern und dann kritisieren.
Zuerst beleuchtet er die Wichtigkeit des Modernisierungskonzepts für die Erklärung sozialen Wandels, benennt aber auch direkt die Nachteile.
Er sagt, dass man mit dem Konzept Gefahr läuft, moderne Staaten zu idealisieren, und behauptet, dass er diesen Nachteilen trotzdem Beachtung schenken wird, und die Theorie daher doch auf die Veränderungen nach der Wende anzuwenden ist (Handbuch zur deutschen Einheit 1999: S.681).
Geißlers wichtigste Behauptung ist, dass der Osten im Gegensatz zum Westen in vielen Bereichen rückständig ist. Er bezeichnet die Rückstände im Osten als „Modernisierungsdefizite“ und den Umbruch als „nachholende Modernisierung“. Weiter behauptet er, dass „die treibende Kraft der Modernisierung die Leistungssteigerung einer Sozialstruktur ist“ (ebd., S.681).
Daraufhin nennt er die 10 wichtigsten Defizite, darunter sind das „Ost-West-Wohlstandsgefälle“, also dass der Westen reicher als der Osten ist, sowie die übermäßige Machtkonzentration (durch eine große Machtelite konnten keine Teileliten zustande kommen, die Macht war also auf zu wenige Menschen konzentriert). Außerdem die Verknüpfung des sozialen Aufstiegs an politische Solidarität sowie der rückständige Dienstleistungssektor. Weitere Defizite sind zu wenig Selbstständige auf Grund von politischen Vorgaben und ausgebremste, hochqualifizierte Berufsgruppen. Auch die lockere Arbeitsdisziplin war
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defizitär. Als letztes nennt er die niedrigere Lebenserwartung, den hohen Abwanderungsdruck und die schlechte Chance für Kinder aus unteren Schichten eine Hochschulausbildung zu bekommen (ebd., S. 682-683).
Nach Abschluss der Erläuterung der Defizite legt Geißler dar, inwiefern der Osten trotz allem in manchen Punkten moderner als der Westen war. Als Beispiele nennt er eine höhere Scheidungsrate als im Westen sowie die geringe soziale Ungleichheit zwischen Männern und Frauen, die im Westen viel höher war (ebd., S. 683).
Darauf folgend macht er an einigen Beispielen klar, dass die Wende den Osten weitaus mehr beeinflusst hat als den Westen, wie z.B. durch die Politik, die Ökonomie, das Rechtssystem und vor allem die Ideologie (ebd., S. 684)
Als Nächstes zeigt er an vielen empirischen Daten wie genau sich der Umbruch im Osten entwickelt hat. Ein Beispiel dafür ist, dass der Wohlstand im Osten in Stagnation verfallen war, beispielsweise lagen die Tariflöhne im Osten 1961 40% unter dem Westniveau. Der Osten passte sich aber relativ schnell an den Wohlstand im Westen an, 1998 lagen die Tariflöhne nur noch 10% unter dem Westniveau.
Ein weiteres Exempel ist, dass aus der Elitenstruktur eine Teilelitenstruktur wurde, wodurch eine weitaus größere Bandbreite an Meinungen und Möglichkeiten zulässig wurde. Einige weitere Beispiele sind die Übernahme von wichtigen Posten durch Westdeutsche (wodurch im Osten ein Gefühl der Kolonialisierung entstand) oder die Zunahme sozialer Ungleichheit, denn die Arbeiterschicht war beispielsweise plötzlich viel schlechter gestellt (ebd., S. 685-687).
Dann kommt er zu den Problemgruppen der Modernisierung. Dazu gehörten seiner Meinung nach beispielsweise die Frauen, da es im Osten wieder zu einer größeren sozialen Ungleichheit kam.
Auch von dem Umbruch betroffen waren Un- und Angelernte, Bauern und Erwerbstätige im Alter von 45-55, da sie die Vorzüge der Rente noch nicht genießen konnten, und trotzdem nicht mehr konkurrenzfähig im Kampf um Arbeitsplätze waren (ebd., S. 691-692). Darauf folgend behauptet Geißler, dass es im Osten zu einer Anomie, also zu einer Regel- und Orientierungslosigkeit, kommt, was er damit begründet, dass viele arbeitslos geworden sind und mit der neuen Lage nicht zurecht kommen. Das belegt er mit einer Studie von 1990, die besagt, dass sich zu dem Zeitpunkt nur 11% der Westdeutschen aber 40% der Ostdeutschen nicht mehr in der neuen Situation zurechtfinden (ebd., S. 693).
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In seiner Bilanz sagt er dann noch einmal, dass dieser Umbruch eine „Modernisierung im Zeitraffertempo“ ist und dass der Osten nun die letzten Schritte in Richtung moderne Gesellschaft geht.
An diesem Punkt werde ich zur Kritik von Geißlers Modernisierungskonzept übergehen. Hierbei fällt mir als Erstes auf, dass er zwar die Nachteile kennt, das Konzept aber trotzdem anwendet.
Außerdem nennt er zwar bestimmte Fakten, wie z.B. den Rückgang der Emanzipation im Osten, allerdings habe ich nicht das Gefühl, dass er diese Vorgänge auf irgendeine Art kritisiert.
Genauso verfährt er mit der Tatsache, dass Modernisierung zu Ungleichheit führt, allerdings gab es diese Form von sozialer Ungleichheit im Osten nicht, er sagt dazu aber nur: „Der Hinweis auf die Leistungsproblematik besagt dabei nicht, daß alle neu entstehenden sozialen Ungleichheiten auch wirklich als Leistungsanreize erforderlich sind; [...]“ (ebd., S. 687), was ich als sehr neutral bewerten würde.
Er nimmt dadurch die negativen Eigenschaften der Modernisierung in Kauf, ohne, wie angekündigt, auf diese Nachteile besonders zu achten, womit er im Endeffekt dann doch idealisiert.
Als Nächstes habe ich mich gefragt, ob es überhaupt möglich ist, mit diesem Konzept nicht zu idealisieren, da jemand, der es anwendet, eine moderne Gesellschaft automatisch als etwas Positives empfindet. Durch diese Theorie werden schon bestehende Mustergesellschaften idealisiert und wenn man davon ausgeht, dass sich alle Gesellschaften irgendwann modernisieren, würde das dazu führen, dass es nur noch einen Stereotypen gibt, an den sich alle anpassen.
Dadurch würden ganze Kulturen verloren gehen. Diese mögliche Entwicklung ist definitiv eine Schattenseite der Modernisierung, die Geißler nicht beachtet. Allerdings denke ich, dass es auch in der Hinsicht verschiedene Perspektiven geben kann. Eine ganz andere Perspektive werden wahrscheinlich die Ostdeutschen gehabt haben, womit ich zu meinem nächsten Kritikpunkt komme:
Ich bin der Meinung, dass er sich viel zu sehr auf die Makroebene beschränkt. In seinem Text gibt es nur einen kleinen, relativ nichts sagenden Absatz über demographische Veränderungen. Ich halte ihn deshalb für nichts sagend, weil er die Veränderungen schlicht und einfach durch eine „Schockreaktion“ erklärt (ebd., S. 690). Dabei kann man davon ausgehen, dass dieser Schock auch gerechtfertigt war, denn die ostdeutschen Bürger hatten kein Stimmrecht bei der Frage, ob Ost- und Westdeutschland
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Arbeit zitieren:
Sandra Eichhorn, 2009, Theorien sozialen Wandels, München, GRIN Verlag GmbH
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