Peter Moors Fahrt nach Südwest -
Ein komponierter Feldzugsbericht zwischen Wirklichkeit
und Ideologie
Inhaltsverzeichnis
A. Aufbruch in ein fremdes Land - eine Einleitung
1-2
B. Das Werk, seine Botschaft und Wirkungsstrategie
2-32
1. Hintergrund - der Stoff und sein Potential 2
2. Intentionen des Autors 6
3. Möglichkeiten des Autors 8
4. Inhalt, Botschaft und literarische Umsetzung 10-32
4.1 Gewinnen des Lesers 10-15
4.1.1 Identifikation: Ich-Erzähler und Charakter des Protagonisten 10
4.1.2 Erzählstil 11
4.1.3 Abenteuerliches und Episoden für den Leser 12
4.1.4 Zusammenfassung 15
4.2 Komposition - Form und dramaturgischer Aufbau 16
4.3 Wirklichkeiten 18-22
4.3.1 Frenssen und die Wirklichkeit 18
4.3.2 Wirklichkeit in Peter Moor’ 20
4.3.3 Wirkung und Zweck der Wirklichkeit in Peter Moor’ 22
4.4 Wichtige Botschaften, Ideologien und ihre Verbreitung 22-32
4.4.1 Verklärte Wirklichkeit und Romantisierung 22
4.4.2 Kritiklos - Frenssens gehorsamer Soldat 25
4.4.3 Arbeit mit Gegensätzen und der Entwurf eines Feindbildes 27
4.4.4 Sendungsbewusstsein und der Glaube im Dienst der Nation 30
C. Abschluss 32
Bibliographie 33-34
Peter Moors Fahrt nach Südwest - Einkomponierter Feldzugsbericht zwischen Wirklichkeit
und Ideologie
A. Aufbruch in ein fremdes Land - eine Einleitung
„[An] einem Morgen sagte uns ein Matrose, daß wir Swakopmund heute noch erreichen würden. Da standen wir stundenlang vorn an Backbord und sahen hinüber; aber ein Nebel verbarg uns die Küste. Gegen Mittag aber wich der Nebel und wir sahen am Himmelsrand einige große Dampfer liegen, und dahinter einen endlosen Streifen rötlichweißer Sanddüne aus dem Meer herausragen. Auf Meer und Düne brannte grelle Sonne. Wir meinten erst, es wäre eine Barre, die vor dem Land läge, damit die schöne und große Stadt Swakopmund und die Palmen und Löwen nicht nasse Füße bekämen; aber bald, da der Nebel sich vollends verzog, sahen wir in der flimmernden Luft auf dem kahlen Sand weiße Häuser und lange Baracken stehen und einen Leuchtturm. Da standen alle und staunten und sprachen ihre Meinung aus. Viele sahen still und ernst nach dem ungastlichen, öden Lande; andere spotteten und sagten: ‚Eines solchen Landes wegen so weit fahren!’ Wir wurden an diesem Tage nicht ausgebootet. […]
Am andern Morgen in aller Frühe stiegen wir der Reihe nach, den Tornister mit der weißen Schlafdecke auf dem Rücken, das Gewehr über der Schulter, den Patronengurt um den Leib, daran den Wassersack, den braunen Brotbeutel am Riemen, die Feldflasche daran, über die Reeling und kletterten die Strickleiter hinab nach dem sehr großen, flachen Boot, das in den starken Wellen wohl sieben Meter auf und nieder fuhr. Man mußte sehen, daß man zu rechter Zeit, nämlich, wenn das Boot oben auf einer Welle war, die Strickleiter los ließ; aber, obgleich ich es ganz richtig machte, fiel ich doch schwer gegen die Wandung. Als die Boote zwanzig bis dreißig Mann aufgenommen hatten, spannte sich ein kleiner flacher Dampfer davor und schleppte uns dem Lande zu. Je näher wir dem Strande kamen, desto unruhiger wurde das Wasser. […] Das Boot wurde eine Zeitlang in dem Gewirr der kurzen, schweren, sich überschlagenden Wogen hin und her, auf und nieder gestoßen, daß ich dachte, es müßte ineinander fallen. Viele wurden von plötzlicher und heftiger Seekrankheit befallen und lagen totenbleich an den Planken. Aber nach einer Weile waren wir hindurch, und kamen in flaches, ruhiges Wasser und stiegen an Land. Durch den unendlich tiefen und heißen Sand, unter brennender Sonne, ungefähr sechzig Pfund auf den Schultern zogen wir landeinwärts. Wir hatten gedacht, daß ganz Swakopmund am Strand stehen würde, überglücklich, daß endlich Hilfe käme; aber es war kein einziger Mensch da. Wir kamen an einzelnen Häusern vorüber, die da im kahlen Sande standen, aber es zeigte sich kein einziger Mensch, der uns einen freundlichen Gruß bot. Wo wir näher oder ferner im Schatten einer Veranda einen Menschen zu Gesicht bekamen, schien es uns, daß er uns gleichmütig und fast spöttisch zusah. […] rund um uns, soweit wir sehen konnten, war nichts als dürrer, heißer Sand, auf
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den die Sonne mit grellem Flimmern brannte. Die Augen zogen sich zusammen; ein heißes, trockenes Gefühl zog die Kehle herunter. Wir waren ziemlich still.“ 1 Das ist die Ankunft in Swakopmund, dem einzigen Hafen der deutschen Kolonie Südwest-Afrika, wie sie Gustav Frenssen in seinem „Feldzugsbericht“ 2 mit dem Titel „Peter Moors Fahrt nach Südwest“ beschreibt. Wenige Wochen zuvor, im Februar 1904, war der Herero-Aufstand losgebrochen - für die meisten völlig überraschend. Ohne selbst in Südwestafrika gewesen zu sein, macht sich Frenssen ans Werk, befasst sich mit dem Aufstand der Herero und greift mit seiner Erzählung ein bedeutendes Ereignis der damaligen Zeit auf. Er liest Zeitungsartikel und Berichte, befragt Augenzeugen und sichtet ihre Aufzeichnungen und Tagebücher. Seine Erzählung nennt er selbst einen „Feldzugsbericht“ und unterstreicht damit seinen Anspruch auf Authentizität. Dennoch genügt sich Frenssen nicht damit, einen reinen Tatsachenbericht zu schreiben. Seinen Erzählungen liegt stets eine Intention zugrunde. So schreibt er in seiner Autobiographie: „Ich glaube, daß alle meine Erzählungen so entstanden sind, daß irgendein ungerechter Zustand mich quälte […]“ 3 . Frenssen sieht sich selbst als „Weltverbesserer“, getrieben von dem Wunsch, „für die deutsche Seele ein eigenes Haus zu bilden“ 4 . Er verwendet mannigfaltige Techniken und Mittel, um Wirkung bei den Lesern zu erzielen und seine Ansichten und Weltanschauung zu transportieren.
B. Das Werk, seine Botschaft und Wirkungsstrategie
1. Hintergrund - Der Stoff und sein Potential
Während andere Nationen, besonders die Portugiesen, Spanier, Franzosen, Engländer und Holländer bereits seit Ende des Mittelalters, verstärkt aber mit dem Anbruch der Neuzeit, begonnen hatten, koloniale Aktivitäten in großem Maßstab zu entwickeln, waren die deutschen Gebiete untereinander zerstritten und uneins, praktisch auf die Zuschauerrolle beschränkt. Koloniale Unternehmungen wie die der Patrizierfamilie der Welser in Venezuela in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts blieben ebenso Episode wie die von Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg gegen Ende des 17. Jahrhunderts unternommenen Koloniegründungsversuche 5 an der Goldküste Westafrikas 6 . Noch fehlte ein einheitlich organisierter Staat, der genügend wirtschaftliche, politische und militärische Macht in seinen Händen vereinigte, um über die Meere der Welt zu
1 Frenssen, Gustav: Peter Moors Fahrt nach Südwest. Ein Feldzugsbericht, Berlin 1906 (künftig abgekürzt als Frenssen: Peter Moor), S. 32-36.
2 Gustav Frenssen fügt dem eigentlichen Titel gleich bei, als was er seine Erzählung verstanden haben möchte: „Ein Feldzugsbericht von Gustav Frenssen“. Mit der Bezeichnung als Feldzugsbericht erhebt Frenssen Anspruch auf Authentizität.
3 Frenssen, Gustav: Lebensbericht, Berlin 1941 (künftig abgekürzt als Frenssen: Lebensbericht), S. 142.
4 Gustav Frenssen: Möwen und Mäuse, Berlin 1928 (künftig abgekürzt als Frenssen: Möwen und Mäuse), S. 228.
5 Schmidt, Rochus: Deutschlands Kolonien ihre Gestaltung, Entwicklung und Hilfsquellen, Berlin 1898, S. X-XXI gibt einen interessanten Überblick über dieses frühe Kolonialbestreben eines Deutschen Teilstaates von seinen Anfängen im Jahr 1677 über Jahrzehnte voll Mühe, Anstrengung, Krankheit, Verlust und Tod, immer wieder bedrängt durch die Holländer bis zum Scheitern und dem schließlichen Verkauf an die Holländer im Jahr 1720.
6 Die Kolonie lag am Kap der drei Spitzen im heutigen Ghana und damit unweit der späteren deutschen Kolonie Togo.
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segeln und in den Wettlauf der Nationen um die lukrativsten Gebiete einzusteigen. Das änderte sich mit dem Sieg über Frankreich und der Gründung des Deutschen Kaiserreichs im Jahr 1871. Klare Verhältnisse in Europa schufen die Grundlage für eine koloniale Expansion. Zwar hatten sich die einträglichsten Gebiete längst andere Nationen gesichert, aber eine Kolonie konnte nicht nur wirtschaftliches Ausbeutegebiet und Rohstofflieferant sein, sondern zugleich Absatzmarkt und Siedlungsgebiet. Mit dem Beginn kolonialer Expansion konnte das Deutsche Reich nun hoffen, einen wachsenden Teil des Auswandererstroms in die eigenen Kolonien umzuleiten und so der Nation zu erhalten 7 . Kolonien bildeten damit Konzentrationspunkte der Macht außerhalb des Mutterlandes, waren militärische Stützpunkte und zum Teil Tauschobjekte 8 , unterstrichen aber in
jedem Fall den Weltmachtanspruch der jungen deutschen Nation. Deutsche Kaufleute und Handelsgesellschaften hatten damit begonnen, Handelsstützpunkte einzurichten und Verträge mit Eingeborenenhäuptlingen zu schließen. Unter dem Druck von Annexionsbestrebungen anderer europäischer Mächte wandten sie sich schließlich um Schutz an die Handelskammern und die Reichsregierung. Trotz Bismarcks Zurückhaltung und seiner Furcht, durch die kolonialen Bestrebungen in unnötige Konflikte mit anderen europäischen Mächten gezogen zu werden, versagte das Reich seine Protektion nicht und stieg in den „Wettlauf um 9 Afrika“ ein. So entstanden im Jahr 1884 die Schutzgebiete Togo, Kamerun und Südwestafrika. Bald zeigte sich, dass die Handelsgesellschaften nicht in der Lage oder Willens waren, die Kolonien aus eigener Kraft angemessen zu entwickeln und aus den „Schutzgebieten“ wurden de facto Kronkolonien des Deutschen Reichs. Man behielt die Bezeichnung „Schutzgebiete“ bei, die man durchaus als von Sendungsbewusstsein gefärbt betrachten kann. Fleiß und Ordnung, deutsche Tugenden, erschließen im Zusammenspiel mit Wissenschaft und Technik das Land. Das Deutsche Reich als Kulturbringer, einer Kultur und Zivilisation, an der auch der schwarze Untertan teilhaben darf. Streng, aber gerecht. Eine Nation, die sich voll Enthusiasmus und Idealismus ans Werk macht und ihren Beitrag zum Zivilisationsprozess der Welt leisten möchte, will und kann. Das ist das Bild, das das Deutsche Reich von sich und seinen 10 kolonialen Unternehmungen zu zeichnen bemüht war.
7 vgl. Nuhn, Walter: Sturm über Südwest. Der Hereroaufstand von 1904 - Ein düsteres Kapitel der deutschen kolonialen Vergangenheit Namibias, Bonn 1994 (künftig abgekürzt als Nuhn: Sturm über Südwest), S. 33: „Damals geisterte in manchen Köpfen die kühne Idee einer gigantischen Umleitung der deutschen Auswandererströme fort von Amerika und den anderen Emigrationsländern und hin zu den neuen deutschen Schutzgebieten in Afrika, um so dem ‚Aderlaß an deutschem Blut Einhalt zu gebieten’.“
8 Stellvertretend für die Möglichkeiten des Gebietstauschs sei hier nur der Helgoland-Sansibar-Vertrag von 1890 erwähnt, in dem das Deutsche Reich seine Ansprüche auf Sansibar und das Witu-Land gegenüber den Briten aufgab, im Gegenzug von diesen aber die in der Nordsee liegende Insel Helgoland übereignet bekam. Ein Tausch von über 1500 Quadratkilometern Kolonialbesitzes gegen ca. 2 Quadratkilometer Felseninsel vor dem deutschen Festland! Die Insel verfügte vor allem über strategischen Wert, z.B. als Marinestützpunkt.
9 Nach Lenssen, H.E.: Chronik von Deutsch-Südwestafrika. Eine kurzgefaßte Aufzählung geschichtlicher Ereignisse aus der deutschen Kolonialzeit von 1883-1915, Windhoek, 2005 (künftig abgekürzt als Lenssen: Chronik von Deutsch-Südwest), S. 9 bekannte sich das Deutsche Reich am 24. April des Jahres 1884 erstmalig zum Schutz der Niederlassungen in Südwestafrika. 10 vgl. Benninghoff-Lühl, Sibylle: Deutsche Kolonialromane 1884-1914 in ihrem Entstehungs- und Wirkungszusammenhang, Bremen 1983 (künftig abgekürzt als Benninghoff-Lühl: Deutsche Kolonialromane), Kapitel I: Kolonialerziehung des deutschen Volkes, S. 16-52.
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Doch wie bei vergleichbaren Unternehmen in der Geschichte fanden sich auch auf der weißen Weste des Deutschen Reiches bald Flecken in wachsender Anzahl und Größe. Der wachsende Zustrom weißer Siedler führte zu sprunghaft steigenden Problemen, weil mehr Ansiedler mehr Land brauchten, und die Weißen, je größer ihre Zahl wurde, um so mehr die nomadisierenden Herero einengten. Aus Freundlichkeit und Genügsamkeit der ersten Ansiedler erwuchsen durch Zunahme an Zahl und Stärkebewusstsein anmaßende Forderungen und maßloses Verhalten gegenüber den Ureinwohnern.
Wegen der kargen Landschaft brauchte eine Farm riesige Flächen, um rentabel arbeiten zu können 11 . Billiges Land wurde aber bald zu rarem Gut. Dazu trug nicht nur der wachsende Siedlerstrom bei, sondern insbesondere auch die Haltung großer Gesellschaften, die schon früh gewaltige Landflächen billig erworben hatten, in der Hoffnung, diese später Stück für Stück zu besseren Preisen an Siedler weiterverkaufen zu können, mittlerweile aber festgestellt hatten, dass sich mit Schürfrechten und der Ausbeutung für die Industrie viel höhere Renditen verzeichnen ließen und daher das Land nicht mehr zum Verkauf stellten. 12 Neuansiedler konnten sich, verfügten sie über genügend Kapital, im Kronland einkaufen. Die wenigsten aber verfügten über die benötigten Mittel und so blieb als einziger Ausweg, das Land billig von den Herero zu kaufen. Landverkauf war nach tradiertem Hererorecht zwar nicht möglich, aber insbesondere habgierige Häuptlinge setzten sich oft darüber hinweg. 13 In der Praxis waren die neuen Ansiedler zunächst häufig Händler und versuchten, durch Wucherpreise und Schuldenhandel möglichst schnell zum nötigen Kapital für eine Farmgründung zu gelangen. Besonders als die Händler anfingen, Zahlungsrückstände einzelner Schuldner gegen den ganzen Stamm einzuklagen, wuchsen die Spannungen beträchtlich. 14
Versuche der deutschen Kolonialregierung unter Gouverneur Theodor Leutwein, den Spannungen entgegenzuwirken, scheiterten. Leutweins Forderung, den Eingeborenenhandel auf das Prinzip der Barzahlung zu stellen, um eine Überschuldung der Eingeborenen zu verhindern, erreichte, mit Rücksicht auf die Händler, nur einen schlechten Kompromiss, der vorsah, dass Eingeborenen gewährte Kredite binnen Jahresfrist verfallen sollten. Das hatte zur Folge, dass Händler mit rücksichtsloser Härte ihre bereits vergebenen Kredite eintrieben. Das Einrichten von Reservaten sollte die Eingeborenen vor dem Zugriff weißer Siedler schützen und ihnen unverkäufliches Land zur Verfügung stellen, ihnen ein Leben mit einem gewissen Grad an Autonomie ermöglichen. Die Herero aber sahen in den Reservaten, die meist aus recht kargen Gebieten bestanden, das deutsche Vorhaben, ihnen den Rest des Landes abzunehmen. So verschärften die gutgemeinten Ansätze
11 Nuhn: Sturm über Südwest, S. 34: „Um rentabel zu arbeiten, brauchte ein Farmer im Hereroland mindestens eine Fläche von 5000-6000 Hektar (50-60 km 2 ).“ und Rohrbach, Paul: Wie machen wir unsere Kolonien rentabel? Grundzüge eines Wirtschaftsprogramms für Deutschlands afrikanischen Kolonialbesitz, Halle a.S. 1907 (künftig abgekürzt als: Rohrbach: Wie machen wir unsre Kolonien rentabel?), S. 211 rechnet gar mit einer durchschnittlichen Größe von rund 10 000 Hektar: „Die durchschnittliche Größe einer Farm im Hererolande aber darf nicht unter 10000 Hektar veranschlagt werden.“
12 Nuhn: Sturm über Südwest, S. 34.
13 Nuhn: Sturm über Südwest, S. 34-36.
14 Nuhn: Sturm über Südwest, S. 34-35.
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unter Leutwein die Lage zusätzlich. 15 Die Herero standen seit der Rinderpest 1897, die große Teile
ihres Viehbestands vernichtet hatte, den deutschen Farmern aber Dank der Impfungen nur begrenzten Schaden zugefügt hatte, wirtschaftlich am Abgrund und mit dem Rücken zur Wand. Existenz- und Zukunftsängste breiteten sich aus wie ein Buschfeuer, und die Zukunft schien schwarz und aus flüchtiger Asche.
Ende Oktober 1903 brach bei Warmbad im Süden der Kolonie ein Aufstand der Bondeswart-Hottentotten los. Sofort entsandte Leutwein Teile der Schutztruppe, um den Aufstand beizulegen. Wegen ausbleibenden Erfolgs verlegte Leutwein weitere Truppen in den Süden und begab sich Mitte Dezember selbst ins Kampfgebiet. Noch am 30. Dezember brach der erfahrene und energische Afrika-Veteran Hauptmann Franke mit seiner 2. Feldkompanie zur Unterstützung Leutweins auf. Nun befanden sich der größte Teil der Schutztruppe und auch der Gouverneur im Süden, und die Garnisonen im Hereroland waren stark ausgedünnt und die Besatzung auf ein 16 Die Herero nutzten die Gunst der Stunde, und am 12. Januar brach ein Minimum reduziert.
Aufstand los, wie ihn das Schutzgebiet an Einheit und Größe noch nie gesehen hatte. Schon in den ersten Tagen wurde deutlich, dass die Schutztruppe mit dem Ausmaß der Katastrophe überfordert war, und man forderte Truppen aus dem Reich an. Einer der Seesoldaten, die ausziehen, um den deutschen Kolonialbesitz zu verteidigen und den Aufstand niederzuwerfen, ist Peter Moor, der Protagonist in Gustav Frenssens Erzählung „Peter Moors Fahrt nach Südwest“. Das ideologische Potential des Stoffes liegt in der Möglichkeit der Darstellung des Kampfes zwischen Kultur, Zivilisation und Christentum auf der einen, Wildheit, Barbarentum, Unkultiviertheit und Heidentum auf der anderen Seite, sowie der sittlichen, moralischen und letztlich auch militärischen Überlegenheit der Deutschen. Auf allen Gebieten und Ebenen, von Abstraktum des Deutschen Reichs über die Art der Kriegsführung bis hinunter zu den einzelnen Individuen, findet Frenssen Möglichkeiten, sein Weltbild darzustellen. Der Stoff bietet vom rhetorischen Standpunkt außerdem alle Voraussetzungen für Erfolg und Popularität beim Massenpublikum. Neben der Möglichkeit, die Leserschaft durch Abenteuerliches und Exotisches zu erfreuen und zu unterhalten, rhetorisch gesprochen dem delectare, fällt es dem Autor nicht schwer, auf ganz natürliche Weise Belehrungen, docere, über das fremde Land und das Leben dort einfließen zu lassen und den Leser durch Identifikation an den Protagonisten zu fesseln, ihn mit dem jungen Soldaten fühlen und leiden zu lassen, movere. Damit deckt der Stoff die drei Hauptforderungen der Rhetorik sowohl für eine gute Rede, als auch für eine gute Erzählung ab. Docere, delectare und movere, belehren, erfreuen und bewegen, sich gegenseitig ergänzend angewandt, bilden die Grundlage auch für erfolgreiche Literatur 17 , und sie sind reichlich im Stoff für „Peter Moors Fahrt nach Südwest“ enthalten.
15 Nuhn: Sturm über Südwest, S. 40-42. 16 vgl. Lenssen: Chronik von Deutsch-Südwest, S. 92-94.
17 Zur Erläuterung der Wirkungsfunktionen der Rede, siehe Ueding, Gert / Steinbrink, Bernd: Grundriß der Rhetorik, Stuttgart 1994 (künftig abgekürzt als Ueding: Rhetorik), S. 277-282.
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Andreas Wünsch, 2006, Peter Moors Fahrt nach Südwest, München, GRIN Verlag GmbH
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