Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung. Seite 1
2. Ernährungssituation Großbritanniens und Westdeutschlands 1945 - 1960. Seite 2
2.1 Krise der Nachkriegszeit. Seite 3 - 6
2.2 Konsolidierung vs. „decline“ Seite 6 - 8
2.3 Kochrezepte als Begleitmotiv. Seite 8 - 9
3. Fazit. Seite 9 - 10
4. Literaturverzeichnis. Seite 11 - 12
5. Anhang Seite 13
1. Einleitung
Die Auseinandersetzung mit der menschlichen Ernährung umfasst einen elementaren, wissenschaftlich-interdisziplinären Forschungszweig. Die Antwort auf die Frage, inwieweit ein moderner Staat in der Lage ist, seine Bürger mit Nahrung zu versorgen, gibt Aufschluss über dessen soziale, wirtschaftliche und politische Stabilität. Besonders die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts zeugt von einschneidenden Veränderungen auf diesem Gebiet. Als historisch vergleichende Arbeit bot sich daher die Entwicklung der Ernährungssituation in Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland an. Ziel dieser Hausarbeit kann und wird es aber allein aus logistischen Gründen nicht sein, alle Facetten dieser Thematik zu beleuchten. Die Mehrzahl an wirtschafts- und ernährungswissenschaftlichen Abhandlungen zu diesem Thema setzen hierfür auch ein schier zu großes Fachwissen voraus. Vielmehr soll versucht werden, die Ernährungslage der britischen und westdeutschen Bevölkerung anhand offizieller Berichte und historischer Abhandlungen aufzuzeigen. Besonders hilfreich für die Darstellung der Entwicklung der deutschen Nachkriegssituation war die Publikation „Im Schatten des Hungers“, verfasst von Justus ROHRBACH im Auftrag des damaligen Direktors für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Hans SCHLANGE-SCHÖNINGEN. Umfangreiche Daten und In-formationen zur britischen Lebensmittelversorgung lieferte Ina ZWEINIGER-BARGIE- LOWSKA mitihrer Arbeit über „Rationing, Austerity and the Conservative Party Recovery after 1945“. Die Wiedergabe und Auswertung aller relevanter Statistiken würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprengen und zudem die Lesbarkeit erheblich erschweren. Es sollen daher ebenfalls zwei Kochbücher aus deutscher und britischer Feder als sozial- bzw. kulturgeschichtliche Quellen dienen. Aus ihnen soll hervorgehen, inwiefern Ernährungsengpässe bestanden und welche Spuren jene bis in die Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs hinterlassen haben. Die Quellenerschließung erwies sich hier speziell auf britischem Gebiet als schwierig. Eine einwöchige Studienreise nach Oxford erwies sich für die Quellenerschließung jedoch als äußerst fruchtbar. Hier war es mir möglich, neben den Bodleian Libraries der Universität Oxford auch die Sektion für Ernährungswissenschaften der Brookes-University Libraries zu nutzen. Besonderer Dank gilt hierbei Herrn Esteban Cichello Hübner, Professor an der Universität Oxford für Moderne Fremdsprachen, welcher mir bei der Quellenrecherche zur Seite stand und viele, Richtung weisende Impulse gab.
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2. Die Ernährungssituation Großbritanniens und Westdeutschlands 1945 - 1960 Die Entwicklung der Ernährungssituation in Großbritannien und Westdeutschland muss aus historischer, politischer, wirtschaftlicher, geographischer und ernährungswissenschaftlicher Perspektive betrachtet werden. Die Geschichtswissenschaft bietet hierbei das Grundgerüst, welches die übrigen Aspekte zu verknüpfen vermag. Aus politischer Sicht ist für Westdeutschland signifikant, dass die Planung und Durchführung des Ernährungswesens bis zur Gründung der Bundesrepublik den alliierten Besatzungsmächten USA, Großbritannien und Frankreich vorbehalten war. Die auswärtige Politik und Wirtschaft Westdeutschlands litt dabei unter industriellen Restriktionen, welche zwar auf die Rüstungsindustrie zielten, jedoch auch indirekt die Lebensmittelherstellung trafen. 1 In Großbritannien bedeutete zeitgleich der überraschende Regierungswechsel von der Conservative zur Labour Party 1945 tiefgreifende politische Kursänderungen und langfristig eine „nachhinkende Rationalisierung der britischen Wirtschaft“, was die Ernährungsversorgung mit einbezog. 2 Großbritannien war in geographischer, West-deutschland in politischer Hinsicht von der Außenwirtschaft isoliert, was beide Länder verstärkt vom amerikanischen European Recovery Program (ERP) und einhergehenden Importen abhängig machte. 3 Hierbei stellte sich heraus, dass Westdeutschland von diesen „Hilfen zur Selbsthilfe“ besonders profitierte. 4 Dies war einer der Aspekte, welcher Westdeutschland ermöglichte, die Lebensmittelversorgung schneller zu sichern und die Rationierung bereits Ende April 1950 einzustellen. 5 Großbritannien hingegen beendete erst im Juli 1954 die staatliche Ernährungskontrolle. 6 Wichtige Aspekte und Stationen bis zu diesem Zeitpunkt, sowie charakteristische Spuren jener Zeit sollen im Folgenden gegenübergestellt sein.
1 Vgl. VOGEL, Walter, Westdeutschland 1945-1950, Der Aufbau von Verfassungs- und Verwaltungseinrichtungen über den Ländern der drei westlichen Besatzungszonen, Teil I, (Schriften des Bundesarchivs, Bd. 2), Koblenz 1956, S. 257.
2 Vgl. MERGEL, Thomas, Großbritannien seit 1945, (UTB 2656, Europäische Zeitgeschichte, Band 1), Göttingen 2005, S. 63; vgl. auch: DENTON, Geoffrey, FORSYTH, Murray, MACLENNAN, Malcolm, Economic Planning and Policies in Britain, France and Germany, London 1968, S. 108f.
3 Vgl. Ebd. S. 351; vgl. auch: RINGE, Astrid, Konkurrenten in Europa, Großbritannien und die Bundesrepublik Deutschland, Deutsch-britische Wirtschaftsbeziehungen 1949-1957, (Studien zur modernen Geschichte, Bd. 48), Stuttgart 1996, S. 18f.
4 ABELSHAUSER, Werner, Hilfe und Selbsthilfe, Zur Funktion des Marshallplans beim westdeutschen Wiederaufbau, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (VfZ) 37 (1989), S. 88.
5 ROHRBACH, Justus, Im Schatten des Hungers, Dokumentarisches zur Ernährungspolitik und Ernährungswirtschaft in den Jahren 1945-1949, hg. v. Hans SCHLANGE-SCHÖNINGEN, Hamburg -Berlin 1955, S. 291.
6 Vgl. ZWEINIGER-BARGIELOWSKA, Ina, Rationing, Austerity and the Conservative Party Recovery after 1945, in: The Historical Journal (Hist. J.) 37 (1994), S. 194.
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2.1 Krise der Nachkriegszeit
Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges war die Ernährungssituation besonders auf deutscher Seite desolat. Dies ist auf Faktoren wie Kriegsschäden, Verwaltungsschwierigkeiten und Witterungsverhältnisse zurückzuführen, welche ungünstig zusammenwirkten. Nicht zuletzt wurden ernährungstechnische Missstände anhand eines Berichtes des ehemaligen US-Präsidenten Herbert Hoover evident. Dieser recherchierte, im Auftrag des damaligen US-Präsidenten Harry S. Truman, den Bedarf an Lebensmitteln und landwirtschaftlichen Lieferungen innerhalb der neu zusammengefassten britisch-amerikanischen Bizone. Neben der Schilderung der ungenügenden Wohn- und Arbeitsverhältnisse, bemerkt Hoover auch die Kohlenknappheit, die besonders im Winter 1947 für Verelendung gesorgt hatte. 7 Die, um 25 Prozent geringere, landwirtschaftliche Fläche reichte nicht aus, um die Gesamtbevölkerung von 41.685.000 Menschen zu versorgen. 8 Die Grundration von 1550 Kalorien lag 450 Kalorien unter dem damals empfohlenen Minimum; Kinder wiesen bereits Hungerödeme (offensichtliche Zeichen von Mangelernährung) auf. 9 Grund für diese Situation in Deutschland waren nicht zuletzt kurzsichtige Restriktionen gegenüber der deutschen Industrie, welche den Zweck verfolgten, eine Wiederaufrüstung Deutschlands nachhaltig zu verhindern. 10 Die moderne Landwirtschaft des 20. Jahrhunderts war jedoch auf ebenjene Industrie, insbesondere auf die Kohleproduktion, angewiesen:
„Vor dem Zweiten Weltkrieg hatten in Deutschland 38% der Bevölkerung von dem durch Kunstdüngeranwendung erzielten Mehrerträgen gelebt. (...) Kunstdüngergewinnung war abhängig von Kohleerzeugung, dem Hauptenergieträger. Weniger Kohle, das bedeutete weniger Stickstoffdünger, weniger Getreide, weniger Arbeitskraft, weniger Kohle - ein Teufelskreis.“ 11
7 HOOVER, Herbert, Report on German Agriculture and Food Requirements, in: Ders., An American Epic, The Guns Cease Killing and the Saving of Life from Famine Begins 1939-1963, Volume IV, Chicago 1964, S. 230-232.
8 Die genannten 25 Prozent waren zu diesem Zeitpunkt Bestandteil der Sowjetischen Besatzungszone. Ebd., S. 231f.
9 Ebd., S.234.; Hoovers Angaben in Kalorien entsprechen der europäischen Nährwertangabe für Kilokalorien (kcal). Jene sind im amerikanischen Raum gleichsetzend verwendbar. Vgl. HARGROVE. James L., History of the Calorie in Nutrition, in: J. Nutr. 136 (2006), S. 2957; Im Vergleich zur heutigen Auffassung des Europäischen Verbandes der Lebensmittelindustrie (CIAA), beträgt der durchschnittliche Richtwert für die Tageszufuhr (GDA) 2000 kcal für Frauen bzw. 2500 kcal für Männer. Vgl. Abb. 1 im Anhang.
10 ROTHENBERGER, Karl-Heinz, Die Hungerjahre nach dem Zweiten Weltkrieg, Ernährungs- und Landwirtschaft in Rheinland-Pfalz 1945-1950, (Veröffentlichungen der Kommission des Landtages für die Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz, Bd. 3), Boppard am Rhein 1980, S. 108.
11 Ebd., S.109.
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Arbeit zitieren:
Alexander Tutt, 2010, Ernährungssituation Großbritanniens und der Bundesrepublik von der Nachkriegszeit bis in die 1960er Jahre, München, GRIN Verlag GmbH
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