ermöglichen will, indem er von der Befriedigung Ich-bezogener Freuden weggeht und unseren Fokus auf das Glück der Allgemeinheit lenkt. In der Realität ergibt sich daraus jedoch das Problem eines fehlenden, absoluten Maßstabs. Dürfen also diejenigen, die scheinbar die Fähigkeit zur richtigen Unterscheidung von hohen und niederen Freuden besitzen, die Menschen, denen diese Fähigkeit fehlt, im Interesse der Allgemeinheit zu ihrem Glück zwingen? An dieser Stelle muss sich Mill fragen lassen, ob er nicht unter dem Deckmantel der Glücksmaximierung der Gesellschaft, einer „Glücksdiktatur“ Weniger Vorschub leistet.
Zum besseren Verständnis soll zunächst kurz aufgezeigt werden, wie Mill zu einer unterschiedlichen Gewichtung der höheren und niederen Freuden kommt. Anschließend soll näher auf den Mechanismus eingegangen werden, nach dem sich der Entscheidungsprozess zwischen diesen als unterschiedlich erkannten Freuden auf der persönlichen Ebene vollzieht. Zuletzt schließlich erfolgt eine kritische Betrachtung der Art und Weise, wie die höheren Freuden auf gesamtgesellschaftlicher Ebene etabliert werden sollen. Wie im ersten Kapitel ausgeführt, strebt der Philosoph mit seiner Arbeit nichts weniger als eine fundamentale Neugestaltung der Grundlagen der Moral an. 5 Diesem Anspruch will er mit einer Philosophie des größtmöglichen Glücks gerecht werden. Die von seinen ideengeschichtlichen Vorgängern verwendeten Argumente, wie eine größere Dauerhaftigkeit, ein Mehr an Verlässlichkeit, oder Unaufwendigkeit, sind Mill zufolge für eine Verteidigung der Sonderstellung der höheren Freuden, innerhalb dieses Systems, zwar durchaus nützlich, aber letztlich nicht zwingend genug. 6 Er leitet zunächst die Gewichtung der Freuden aus der Überlegung ab, dass es scheinbar solche gibt, die man trotz aller negativen Erfahrungen, die mit diesen verknüpft sein können, nicht gegen ganz offensichtlich niedrigere eintauschen möchte. Quantität schlägt in Qualität um. 7 Weitergehende Anhaltspunkte für das Mill’sche Konzept finden sich in dem Verweis darauf, dass die meisten Menschen ein Leben als Tier sicherlich auch dann ablehnen würden, wenn man ihnen in diesem die Erfüllung sämtlicher tierischer Freuden in vollem Umfang garantieren würde. 8 Dies sei nicht nur unwahrscheinlich, sondern ganz und gar ausgeschlossen, da ja „kein intelligenter Mensch […] ein Narr, kein gebildeter Mensch ein Dummkopf, keiner der feinfühlig und gewissenhaft ist, selbstsüchtig und niederträchtig sein [möchte]. 9 Dieser Auswahlprozess wird anschließend auf der persönlichen Ebene konkretisiert, indem er auf ein Zusammenspiel aus einer Vielzahl
5 vgl.: Mill, S. 7
6 vgl.: Mill, S. 27
7 vgl.: Mill, S. 29
8 ebda.
9 ebda.
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von Gefühlen hinweist, die uns an Stelle der niederen Freuden ganz selbstverständlich den höheren den Vorzug geben lassen. Neben dem Stolz, dem Streben nach Freiheit und Unabhängigkeit, der Liebe zur Macht und zur begeisterten Erregtheit hebt er besonders das Gefühl der Würde hervor, welches dabei zum Tragen kommt. 10 Doch bereits an dieser frühen Stelle seiner Beweisführung zur Verteidigung abgestufter Freuden, ist ein Grundton vernehmbar, der später zu einem zentralen Motiv wird: Das Gefühl der Würde ist nicht allen Menschen in gleichem Maß gegeben. Vielmehr ist es ihnen „[…] im ungefähren Verhältnis zu ihren höheren Anlagen zu eigen[…]“. Wie kann es aber sein, dass sich doch ganz offensichtlich zu höheren Freuden fähige Menschen trotzdem oftmals lieber den niederen hingeben? Zum einen, so Mill, indem sie eine Charakterschwäche aufweisen. Wer den Versuchungen der niederen Freuden nicht widerstehen kann, ist einfach nicht charakterfest genug, oder aber er ist mit zunehmendem Alter träge und egoistisch geworden und gibt sich daher für ihn und die Gesellschaft eigentlich schlechten Freuden hin. 11 Neben einem Mangel an Charakterfestigkeit oder den Tücken des Alters sieht der Philosoph noch eine weitere Ursache für ein derartig unpassendes Verhalten, nämlich eine mangelnde Pflege der Fähigkeit, edlere Gefühle zu empfinden. 12 Schuld daran ist in diesem Fall der Beruf der Betroffenen, in den sie vor allem durch gesellschaftlichen Druck gezwungen werden. 13 Nur eine adäquate Position, so Mill, lässt einem Menschen auch die Zeit und die Gelegenheit, „die höheren Bedürfnisse und geistigen Interessen […] zu pflegen.“ Aus diesem Abriss der Mill’schen Argumentation, warum sich der Mensch im Zweifel immer für die Art von Freuden entscheiden wird, die man gemeinhin als die höheren verstehen kann, wird eine weitere problematische Grundannahme deutlich: Die Voraussetzungen, die ein Mensch erfüllen muss, um tatsächlich eine fundierte Entscheidung über die objektiv für ihn bessere von zwei Freuden treffen zu können, sind sehr hoch. Die oben erwähnten, höheren Anlagen müssen einem gegeben sein, man braucht ein ausreichendes Maß an Charakterstärke, und darf nicht zu alt, bzw. zumindest durch das Alter nicht abgestumpft, träge und egoistisch geworden sein. Und die falsche soziale Stellung, sowie daraus abgeleitet den falschen Beruf sollte man natürlich auch nicht haben.
Auf der Ebene der persönlichen Freuden und damit letztlich des privaten Glücks erscheint dies zunächst wenig problematisch. Wer die entsprechende Unterscheidung zwischen höheren und niederen Freuden nicht treffen kann, dem bleiben ja immer noch die tierischen Freuden.
10 vgl.: Mill, S. 31
11 vgl.: Mill, S. 33
12 vgl.: Mill, S. 32
13 vgl.: Mill, S. 35
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Arbeit zitieren:
Johannes Stockerl, 2010, Über wessen Glück sprechen wir hier eigentlich?, München, GRIN Verlag GmbH
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