Inhaltsverzeichnis
Vorwort 4
I. Das Modell von Binswanger zu Zins, Kredit und Geldmenge 4
II. Zins, Kredit und Geldmenge in der bestehenden Geldsystemtheorie 8
III. Kritik am Modell von Binswanger - Geldentstehung und Preisstabilität 11
IV. Hauptkritikpunkt am Modell von Binswanger - Zinsverwendung 12
V. Abschließende Würdigung des Modellansatzes von Binswanger 15
Literatur 17
3
Vorwort
In modernen Ökonomien herrsche ein Zwang zu Wachstum. Nachhaltiges Wirtschaften, das die Endlichkeit natürlicher Ressourcen einbezieht, sei mit dem bestehenden Geld- und Wirtschaftssystem nicht kompatibel. Diese Thesen vertritt insbesondere Prof. Hans Christoph Binswanger, der auf dem Gebiet nachhaltiger Ökonomik forscht. Im folgenden Essay wird zunächst die von Binswanger in „Vorwärts zur Mäßigung - Perspektiven einer nachhaltigen Wirtschaft“ vertretene These dargelegt, dass die Zinsen, die die Zentralbank erhebt, nur durch Wachstum und weitere Aufnahme von Krediten zu decken seien. In einem weiteren Schritt wird die faktische Arbeitsweise der Europäischen Zentralbank und die allgemeine Theorie des Geldwesens in Zusammenhang mit Geldschöpfung und Leitzins analysiert. Die Ergebnisse aus dieser Analyse werden in Kontext gesetzt mit Binswangers Theorie zum Wachstumszwang und es wird gezeigt, dass der von Binswanger postulierte Effekt auf falschen Schlussfolgerungen zu Zinsgewinnen und dem Zentralbanksystem basiert. Abschließend wird festgehalten, dass ein Zwang zu Wachstum nicht aufgrund des Wirtschaftssystems entsteht, sondern - wenn überhaupt - in der Natur menschlichen Wirtschaftens zu finden ist. Ein Nullwachstum bzw. ein Steady-State ist theoretisch möglich.
I. Das Modell von Binswanger zu Zins, Kredit und Geldmenge
„Die moderne Wirtschaft ist auf Wachstum angelegt. Sie unterliegt einem Wachstumszwang und Wachstumsdrang. Wachstumszwang heißt, dass die Al-
ternative zu Wachstum Schrumpfung ist.“ 1
Mit den Problematiken eines Wachstumszwangs im bestehenden Wirtschaftssystem hat sich Hans Christoph Binswanger schon bei seiner Antrittsvorlesung 1969 an der Hochschule St. Gallen auseinandergesetzt und die maßgeblichen Ursache in Geldschöpfung und Kreditge-
währung gefunden. 2 In „Vorwärts zur Mäßigung - Perspektiven einer nachhaltigen Wirt- schaft“,das 2009 erschienen ist, beschreibt Binswanger den zugrunde liegenden Prozess der Wachstumsspirale auf zweierlei Wegen. Es wird dabei allgemein angenommen, dass es eine Zentralbank, Geschäftsbanken, Unternehmen und Haushalte bzw. Konsumenten gibt. Der
1 Binswanger (2009): S.11.
2 Vgl. ebd.: S.224.
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Bankensektor gewährt den Unternehmen Kredite, damit diese investieren können. Die Unternehmen werden jedoch nur investieren, wenn sie einen Gewinn erwarten können. Dies gilt für alle Unternehmungen gleichermaßen. „Damit die Unternehmungen zusammen im Saldo stets Gewinne erzielen können, müssen daher die Einnahmen aller Unternehmungen zusammen im Saldo stets größer sein als die Ausgaben aller Unternehmungen zusammen. Dies ist offen- sichtlichnicht möglich, wenn das Geld nur im Kreis läuft“. 3 Um den Gewinnerwartungen zu entsprechen, ist es also notwendig, dass neues Geld hinzufließt. Nach Binswanger fließt in der modernen Wirtschaft Geld hinzu durch Kredite der Banken an die Unternehmen. Die Banken gewähren dabei den Unternehmen Kredite, indem sie die Kredite den Unternehmen auf deren Girokonten gutschreiben. Die auf das Girokonto gutgeschriebene Summe wird als Passivposten in der Bilanz der Bank verbucht, da es sich nun um eine Verpflichtung der Bank dem Unternehmen gegenüber handelt, den Kredit in Zentralbankgeld, beispielsweise in Bargeld, auszugeben. Auf der anderen Seite wird der Kredit auch in die Aktivseite der Bankbilanz verbucht, da es sich um eine Forderung der Bank dem Unternehmen gegenüber handelt, den Kredit zurückzuzahlen, zuzüglich anfallender Zinsen. Problematisch ist nach Binswanger das Kreditwesen insbesondere deshalb, weil die Zentralbank auf gleiche Weise arbeitet. Die Zentralbank ist eine Bank der Banken und besitzt das Monopol auf die Herausgabe von Zentralbankgeld. Darunter fällt das Bargeld, das hauptsächlich von Privathaushalten verwendet wird - aber auch Zentralbankkredite an Banken. Fordert eine Bank einen Kredit bei der Zentralbank an, so schreibt die Zentralbank die entsprechende Summe auf das Zentralbankkonto der jeweiligen Bank und im Gegenzug verpflichtet sich die Bank, das geliehene Geld inklusive des Zinses zurückzuzahlen. Die Banken benötigen das Zentralbankgeld, weil sie verpflichtet sind, einen Prozentsatz der selbst herausgegeben Kreditsumme durch Zentralbankgeld zu decken - die sogenannte Mindestreserve. Außerdem halten Banken Zentralbankgeld vor für den Fall, dass Kunden Überweisungen oder Abhebungen zu tätigen wünschen.
Binswanger behauptet jedoch, dass die Zentralbank bei der Herausgabe von Zentralbankgeld keine wirkliche Verpflichtung eingehe. Früher bestand diese Verpflichtung darin, Zentralbankgeld auf Wunsch gegen eine festgesetzte Menge Gold einzutauschen - der sogenannte Goldstandard. In den modernen Ökonomien gebe es keine Begrenzung der Geldmengenexpansion, da keine fixe Golddeckung mehr gegeben sei.
3 Ebd.: S. 18.
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Binswanger erläutert, dass es außerdem den Banken in unbegrenztem Umfang freistehe, Kre-dite von der Zentralbank aufzunehmen. 4 Dies steht jedoch nicht in Übereinstimmung mit der tatsächlichen Arbeitsweise moderner Zentralbanken, worauf in Punkt II des Essays eingegangen wird.
Ein weiterer Grund für die permanente Geldmengenausweitung sei darin zu finden, dass die ausgegebenen Kredite inklusive der zugehörigen Zinsen zurückgezahlt werden müssen. Binswanger fragt woher gesamtwirtschaftlich gesehen das Geld stammen soll, um die Zinsen auf eine ausgegebene fiktive Geldmenge M zu zahlen, wenn sich nur die Geldmenge M in Umlauf befindet? Unproduktivere und erfolglosere Unternehmen und Wirtschaftsakteure könnten bankrottgehen und ihr Geld an erfolgreichere Unternehmen verlieren, womit zumindest diese die ausstehenden Zinsen begleichen könnten. Gesamtwirtschaftlich gesehen würden jedoch nicht alle Kredite und Zinsen gezahlt und die Geldmenge, als auch die Wirtschaft würde aufgrund der Bankrotte schrumpfen. Einziger Ausweg aus der drohenden Schrumpfung ist nach Binswanger eine ständige Ausweitung der Geldmenge. Neues Geld werde wiederum über Kredite in den Kreislauf gebracht. Diese Kredite werden gewährt, um neue Investitionen zu finanzieren, welche die Unternehmen in Erwartung weiterer Gewinne tätigen und immer so weiter. Ein Nullwachstum sei nicht möglich, die einzige Alternative zu Schrumpfung sei Wachstum.
Abb. aus Binswanger (2009): S. 22.
4 Vgl. ebd.: S. 144.
6
„Der Wachstumszwang ergibt sich daraus, dass der notwendige Geldzufluss heute durch zusätzliche Kredite erfolgt, mit welchen zusätzliche Investitionen und damit ein Produktionszuwachs finanziert werden. Damit die zusätzliche Produktion ebenfalls wieder mit Gewinn abgesetzt werden kann und außerdem der Abfluss von Geld durch die Zinszahlungen kompensiert wird, muss wieder ein neuer Geldzufluss durch weitere Kredite und damit weitere Investitionen und damit ein weiterer Produkti-
onszuwachserfolgen und so weiter, in steter Fortsetzung.“ 5
Binswanger stellt fest, dass Investitionskredite Effekte auf das Einkommen als auch auf die Produktion haben, wobei die Einkommenseffekte unmittelbar, die Produktionseffekte erst mit zeitlicher Verzögerung auftreten. Wird ein Kredit zu Investitionszwecken gewährt, so wandelt er sich bei Ausgabe, also bei Investition, in Einkommen der beteiligten Arbeiter und Angestellten um. Das Geld für die Investition ist unmittelbar in Umlauf, und der Einkommenseffekt resultiert sofort. Der Produktionseffekt, also eine ausgeweitete Produktion wird jedoch erst mit Fertigstellung der Investition erreicht.
Die Wachstumsspirale mit induziertem Wachstumszwang durch permanenten Kreditzufluss sieht also folgendermaßen aus:
Abb. aus Binswanger (2009): S. 20.
5 Ebd. S. 145.
7
II. Zins, Kredit und Geldmenge in der bestehenden Geldsystemtheorie
Nachdem Binswangers Modell zum Wachstumszwang erläutert wurde, werde ich nun auf die tatsächliche Weise der Geldschöpfung in modernen Wirtschafts- und Geldsystemen eingehen. In den gegenwärtigen Wirtschaftssystemen besitzt in der Regel eine Zentralbank (auch genannt Notenbank) ein Monopol auf die alleinige Herausgabe gesetzlicher Zahlungsmittel. Das gesetzliche Zahlungsmittel, also Zentralbankgeld, tritt dabei auf in Form von Bargeld oder Guthaben der Banken auf Konten der Zentralbank. Die Zentralbank stellt quasi eine Bank der Banken dar, bei der die Geschäftsbanken ihr Zentralbankgeld hinterlegen. Die Herausgabe von Zentralbankgeld geschieht, indem die Zentralbank gegen das neu herausgegebene Geld Aktiva erwirbt. Die erworbenen Aktiva werden dabei auf der Aktivseite der Zentralbankbilanz verbucht, während das durch den Erwerb in Umlauf gebrachte Geld gleichzeitig eine Forderung gegenüber der Zentralbank darstellt und entsprechend auf der Passivseite verbucht wird. Bei Zentralbankgeldschöpfung kommt es also zu einer Bilanzverlängerung. Beispielsweise angenommen, die Zentralbank erwerbe von einer Bank Wertpapiere im Werte von 2000 Einheiten der eigenen Währung, so würde dieser Erwerb in der Zentralbankbilanz wie folgt verbucht: Zentralbank
Die Zentralbank erwirbt Aktiva mit Forderungen auf sich selbst. Früher bestand diese Forderung darin, auf Verlangen das herausgegebene Geld gegen eine festgelegte Menge Gold oder Silber einzutauschen. „Inzwischen weiß man, dass derartige Regelungen für die Werterhal- tungdes Geldes weder ausreichend noch erforderlich sind. Vielmehr kommt es darauf an, das
Geld - verglichen mit dem vorhandenen Güterangebot - knapp zu halten.“ 6
6 Bundesbank (2010): http://www.bundesbank.de/download/bildung/geld_sec2/geld2_02.pdf
8
Die Bilanz einer Zentralbank sieht zusammengefasst in der Regel folgendermaßen aus:
Refinanzierungskredite
Kredite an Staat
Wertpapiere
sonstige Aktiva
./. sonstige Passiva Vgl. Mussel (2006): S. 46.
Zentralbankgeld kann durch Kauf von Währungsreserven, Wertpapieren oder sonstiger Aktiva geschöpft werden, und kommt durch den Erwerb in den Kreislauf. Neben diesen verschiedenen nicht-kreditären Wegen der Zentralbankgeldschöpfung und - vernichtungverfügt die Zentralbank noch über den Weg der kreditären Zentralbankgeldschöpfung und -vernichtung, durch Kredite der Zentralbank an Banken. Die Banken benötigen die Kredite in der Regel zur Deckung der Mindesteinlage, wenn sie selbst Kredite herausgeben. Die Banken verfügen über einen ähnlichen Mechanismus der Giralgeldschöpfung wie die Zentralbank zur Zentralbankgeldschöpfung. Giralgeld ist das auf einem (Giro-)konto bei einer Bank verbuchte Geld. Die Bilanz einer Bank sieht dabei folgendermaßen aus:
Aktiva Kassenbestand Guthaben bei der Zentralbank Nettoauslandsforderungen Kredite sonstige Aktiva ./. sonstige Passiva Vgl. Mussel (2006): S. 119.
Die Posten auf der Passivseite stellen das Giralgeld dar. Das Giralgeld wird oft auch Buchgeld genannt, da es nur in den ‚Büchern‘ der Bank existiert.
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Möchte beispielsweise ein Kunde Geld im Wert von 300 € abheben, so kommt es zu Giral- geldvernichtung,Aktiv und Passivseite der Bilanz werden verkürzt: Geschäftsbank
Gewährt die Geschäftsbank einen Kredit, beispielsweise in Höhe von 1000 € an ein Unter- nehmen,so steht dieser erst einmal nur in der Büchern der Bank. Die Bank erwirbt Aktiva, indem sie mit Forderungen auf sich selbst bezahlt: Geschäftsbank
Prinzipiell könnte die Geschäftsbank auf diese Weise unendlich Kredite schöpfen - unterläge sie nicht der Restriktion zur Mindestreserve. Die Mindestreservepflicht verpflichtet die Banken einen von der Zentralbank festgelegten Anteil ihres passiv geschaffenen Giralgeldes durch Zentralbankgeld zu decken. Die Mindestreservepflicht begrenzt die Giralgeldgeschöpfung. Die theoretische maximale Menge an Giralgeldschöpfung wird durch folgende Formel beschreiben:
Giralgeld = 1 ∙ Zentralbankgeld; wobei 1 den Giralgeldschöpfungsmultiplikator darstellt und r den Prozentsatz an Mindest-
reservepflicht angibt in Werten bis 1. Durch Bargeldabhebungen kann die Giralgeldschöpfung zusätzlich eingeschränkt werden.
Simpelstes Beispiel für den Unterschied zwischen Giralgeld und Zentralbankgeld wäre das Einzahlen von 1 € auf das Konto einer Bank. Die Bank verleiht den 1 € nun weiter. Es gibt nun immer noch lediglich 1 €, jedoch Guthaben bei der Bank über zusammen 2 €. Bei einer realistischen Mindesteinlage von 2 % dürfte die Bank nur noch 98 Cent weiterleihen. Dabei ist zu beachten, dass die Giralgeldschöpfung bzw. -vernichtung nur innerhalb einer Bank oder eine Bankenverbunds funktioniert. Giralgeld ist im Gegensatz zu Zentralbankgeld kein gesetzliches Zahlungsmittel. Kommt es zu Kontobewegungen zwischen fremden Banken, so
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wird ein Austausch an Zentralbankgeld stattfinden. Wird von Sichtguthaben der Kunden einer Bank zu viel Geld abgehoben oder an fremde Banken überwiesen, so kann sich die Bank Liquidität verschaffen, indem sie auf dem Geldmarkt Zentralbankgeld leiht oder sich dieses über Kredite von der Zentralbank leiht.
Die Zentralbank im Euroraum legt dabei einen Mindestbietungssatz fest, ab dem die Banken Kredite von der Zentralbank ersteigern können. Die Menge des zu versteigernden Geldes wird von der Zentralbank festgelegt. Daneben haben die Banken die Möglichkeit über ständige Fazilitäten Geld bei der Zentralbank verzinst einzulagern oder als Kredit zu erwerben. Der Zinssatz, zu dem Geld über die Inanspruchnahme der ständigen Fazilitäten verliehen wird, liegt über dem Mindestbietungssatz. Über das Instrument der ständigen Fazilität besteht den Banken die Möglichkeit jederzeit Kredite von der Zentralbank zu erhalten, und damit auch gegebenenfalls gegen derer geldpolitischen Willen. Allerdings steht auch dieses Mittel jeder Bank nur in begrenztem Umfang zur Verfügung.
III. Kritik am Modell von Binswanger - Geldentstehung und Preisstabilität
„Das kontinuierliche Wachstum der modernen Wirtschaft gründet [...] auf der unbegrenzten Fähigkeit zur Ausgabe von Banknoten, d.h. Papiergeld, sowie der Möglichkeit der Banken zur Schaffung von Buchgeld, d.h. von Guthaben auf den Girokonten, welche die Nichtbanken bei den Banken unterhalten. Das Buchgeld kann zwar in Papiergeld eingelöst werden, aber das Papiergeld nicht mehr in Gold und Silber. Daraus ergibt sich das Potential zu einer im
Prinzip »unendlichen« Geldschöpfung sozusagen aus dem Nichts.“ 7 Es gibt eine Reihe von Gründen, warum es nicht korrekt ist anzunehmen, in modernen Ökonomien verfüge die Zentralbank über die unbegrenzte Fähigkeit zur Ausgabe von Banknoten. Es ist zwar richtig, dass der Goldstandard in allen Ökonomien abgeschafft wurde, daraus aber zu schließen, dass Geld nun unbegrenzt gedruckt werden könne, ist nicht korrekt aus dem Grund, dass die Zentralbanken gesetzlich an geldpolitische Ziele gebunden sind. Aus der Satzung der Europäischen Zentralbank: „Nach Artikel 105 Absatz 1 dieses Vertrags ist es das
vorrangige Ziel des ESZB, die Preisstabilität zu gewährleisten.“ 8 Auch für den US-Dollar gilt
7 Binswanger (2009): S.139.
8 Europäische Zentralbank (2010): Satzung Europäische Zentralbank,
http://www.ecb.int/ecb/legal/pdf/de_statute_from_c_11520080509de02010328.pdf
11
ähnliches, Federal Reserve Act, Section 2a: “The Board of Governors of the Federal Reserve System and the Federal Open Market Committee shall maintain […] stable prices, and mod-
erate long-term interest rates.” 9 Preisstabilität ist aber nur durch eine Begrenzung der Geldmenge zu erreichen.
Es ist richtig, dass ein theoretisches Potenzial zu unendlicher Geldschöpfung besteht, aber es kommt nicht auf die physische Geldentstehung an, sondern Geld wird erst wirksam, wenn es in Umlauf gebracht wird. Geld kann jedoch letztlich nur in Umlauf gebracht werden, indem die Zentralbank dem Wert des Geldes entsprechende Aktiva erwirbt. Geldschöpfung entsteht also nicht aus dem Nichts, sondern durch Erwerb. Ein exzessiver Erwerb von Aktiva würde in der Tat zu Inflation führen, das Geld entwerten und stünde nicht in Einklang mit dem Ziel der Preisstabilität.
Wird das Ziel der Preisstabilität von einer Zentralbank ernsthaft verfolgt, sollte das Fehlen des Goldstandards nicht automatisch zu Inflation führen.
IV. Hauptkritikpunkt am Modell von Binswanger - Zinsverwendung
Kernthese Binswangers ist jedoch der Wachstumszwang, der sich aus der Problematik verzinster Zentralbankkredite ergibt. Um die Zinsen auf die Kredite finanzieren zu können, müssen Unternehmen weitere Kredite aufnehmen, die sie zu permanentem Investieren und Wachstum zwingen. Von Binswanger nicht thematisiert ist dabei, dass ein Großteil des Zentralbankgeldes in Form von Banknoten in Umlauf ist, welche im Gegensatz zu den Krediten der Zentralbank an Geschäftsbanken jedoch nicht verzinst sind. Innerhalb des Raums der Europäischen Zentralbank macht der Banknotenumlauf knapp die Hälfte des Zentralbankgeldes aus, also der Forderungen gegenüber der Europäischen Zentralbank in Höhe von insgesamt
2.001 Milliarden Euro, Stand vom 30. Juli 2010. 10
Jedoch selbst angenommen, alles Zentralbankgeld sei verzinst, ein Wachstumszwang würde nicht aus dem erhobenen Zins der Zentralbank entstehen. Das liegt letztendlich daran, dass die Zinsgewinne der Zentralbank zum einen der Finanzierung der laufenden Geschäfte der Zent- 9 Vgl.Federal Reserve System (2010): Federal Reserve Act, Section 2a,
http://www.federalreserve.gov/aboutthefed/section2a.htm
10 Vgl. Europäische Zentralbank (2010): Monatsbericht August 2010, Statistik des Euro-Währungsgebiets: S.6.
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ralbank dienen, und darüber hinaus den Staatshaushalten zufließen. 11 Da der Staat selbst als Konsument und Investor auftritt, würden einmalig gezahlte Zinsen nicht zu einer Reduktion der Geldmenge führen, sondern sie blieben in Umlauf.
Die Zinszahlungen auf eine durch Kredite getätigte Investition stammen gesamtwirtschaftlich aus dem Konsum von Haushalten und Staat der durch die Investition produzierten Güter. Die Zinsen kommen aus dem Kreislauf und fließen in den Kreislauf wieder zurück. Lediglich die als Kredit gewährte Geldmenge ist mit Gewährung des Kredits entstanden und verschwindet wieder mit Tilgung. Die Zinsen, die eine Firma über den Weg der Geschäftsbanken letztlich an die Zentralbank zu zahlen hat, werden durch Verkauf von Gütern an Konsumenten und Staat eingenommen - und an diese fließt der Zins auch wieder zurück. Es handelt sich beim Zentralbankzins also letztendlich nur um eine quasi Steuer auf Geschäftsbanken. Binswangers hat in seinem Kreislaufmodell also einen wichtigen Punkt ausgelassen, denn unter der Voraussetzung, dass die Zinsen durch Konsum aus dem Kreislauf kommen und über die Gewinnausschüttung der Zentralbank wieder an den Staat und damit in den Konsum zurückfließen, sieht Binswangers Wachstumsspirale folgendermaßen aus:
Abb. adaptiert, aus Binswanger (2009): S. 20.
Erwirbt ein Unternehmen einen Kredit, so tritt der Einkommenseffekt unmittelbar ein, wir gelangen von U1 zu H2. Nun konsumieren die Haushalte mit einer um den in U1 aufgenom-
11 Vgl.Mussel (2006): S. 98ff.
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menen Kredit erweiterten Geldmenge. Mit dem mehr an Geld nehmen die Unternehmen nun auch mehr ein und ziehen gesamtwirtschaftlich gesehen womöglich auch schon Gewinn aus der Investition bevor diese fertiggestellt wurde. Das ist aber völlig unabhängig davon, dass den Unternehmen nun von H2 ausgehend genug Geld zur Verfügung steht um die Zinsen des in U1 erworbenen Kredits zu finanzieren. Das Resultat wäre keine Schrumpfung der Geldmenge, sondern das Geld fließt durch die Zentralbank unmittelbar zurück an H2. Mit Tilgung des Kredits würde die Geldmenge auf das Niveau von U1 bzw. H1 zurückfallen, was jedoch auch keine Aussage über das reale Produktionsniveau macht.
Es könnte hierbei wichtig sein, festzustellen, dass im Falle steigender Produktion und sinkender Geldmenge eine Zentralbank mit Fokus auf Preisstabilität die Geldmenge ausweiten müsste. Würde die Zentralbank die Geldmenge nicht erweitern, würde dies zu Deflation führen, mit allen negativen Folgen einer Deflation wie beispielsweise einer starken Rückhaltung im Konsum aufgrund der Antizipation fallender Preise. Wegen der Risiken einer Deflation bevorzugen Zentralbanken in der Regel eine geringe Inflation gegenüber völlig stabilem Preisniveau, was einen Sicherheitsabstand gegenüber Deflation ermöglicht. Das bedeutet, dass selbst in einer Steady-State Volkswirtschaft ohne Wachstum eine ständige Ausweitung der Geldmenge notwendig ist. Diese ständige Ausweitung der Geldmenge beinhaltet einen Zwang zum Konsumieren und zum Sparen und Investieren, da ein Horten des Geldes einen Wertverlust durch Inflation erzeugen würde.
Gegenwärtig liegen die Investitionen immer noch über den Abschreibungen, die Weltwirtschaft wächst. Um das Ziel eines nachhaltigen Steady-State ohne Wachstum zu erreichen, könnte die Zentralbank versuchen, das Preisniveau besser zu bestimmen, und die Inflation auf ein Minimum zurückzufahren, was Sparen und daher Investitionen, sowie schnellen Konsum weniger attraktiv machen würde - und damit die Umwelt und die natürlichen Ressourcen schützen würde.
Um jedoch zu Binswangers Wachstumsspirale zurückzukehren, wird nun angenommen, dass gesamtwirtschaftlich die Kredite nicht zurückgezahlt werden, sondern auf dem Niveau von U2 bzw. H2 verharren. In diesem Fall würde es nicht zu einer Schrumpfung kommen, da die Zinszahlungen aus dem Kreislauf kommen und in ihn wieder hineinfließen. Ein Steady-State und ein Nullwachstum ist also trotz des Zentralbankzinses möglich. Binswangers Modell geht letztendlich fälschlicherweise von der Annahme aus, dass Zinsen, die auf Zentralbankkredite gezahlt werden, aus dem Kreislauf der Geldmenge genommen werden.
14
Abb. aus Binswanger (2009): S. 20.
Auch Binswangers Argumentationsversuch, gesamtwirtschaftlich würden Gewinne nur durch ständige Zunahme der Geldmenge möglich sein ist auf ähnliche Weise fehlerbehaftet. Gewinne sind nämlich ebenso Teil des Kreislaufes wie Zinszahlungen. Man kann die Gewinne nämlich als bereits eingepreist betrachten. Gewinne sind letztendlich nichts anderes als Zinszahlungen auf nicht-monetäres Eigentum. Der Eigentümer erhält Gewinnzahlungen aus seiner Unternehmung und konsumiert, investiert oder spart. Auf jeden Fall bleiben auch die Gewinnzahlungen im Kreislauf.
V. Abschließende Würdigung des Modellansatzes von Binswanger
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Binswangers Argumentation für einen Wachstumszwang auf einem fehlgeleiteten Verständnis der Konzepte von Geldkreislauf und Gewinnkreislauf basieren. Ein Schritt in Richtung Nullwachstum im bestehenden System könnte hingegen die Reduktion der Inflation auf minimales Niveau darstellen. Es ist auch bis heute
nicht geklärt, welchen Einfluss Geldpolitik auf das reale Wachstum überhaupt haben kann. 12 Generell einen Wachstumszwang im bestehenden Geldsystem grundverankert zu sehen, scheint mir zu einseitig. Auch völlig ohne Zentralbanksystem würde ein Zins auf Geld bzw.
12 Vgl. Križanac (2010): S. 112.
15
Schuldscheine erhoben. Das Geldmonopol der Zentralbank hat sich erst im Laufe der Geschichte herausgebildet, Zinsen bzw. eine Entschädigung für das Verleihen einer Wertigkeit zu erhalten, ist ein Phänomen, das schon deutlich länger in der Menschheitsgeschichte existiert. Allerdings reduzierte sich die ablehnende Haltung gegenüber dem Zins erst mit Aufkommen der Industrialisierung. Ende des 19. Jahrhunderts rechtfertigte E. v. Böhm Bawerk den Zins damit, dass Wirtschaftssubjekte den Nutzen von Gegenwartsgütern generell höher
einschätzen als den von zukünftigen Gütern. 13
Wenn sich ein Wachstumszwang ausmachen lässt, dann basiert dieser meiner Meinung nach nicht auf einem Wirtschaftssystem, sondern vielmehr auf der Natur menschlichen Wirtschaftens. Einer womöglich unersättlichen Natur, die sich niemals mit dem bestehenden zufrieden gibt. Wenn die gesamte Menschheit stets mehr für sich beansprucht, dann haben wir es nicht mit einem Kreislauf, sondern einer Spirale zu tun. Im Kapitel „Schenja und das Geld - Vom Ende der Genügsamkeit” in „Vorwärts zur Mäßigung - Perspektiven einer nachhaltigen Wirt- schaft“argumentiert Binswanger in diese Richtung. In dieser Hinsicht möchte ich ihm zustimmen.
13 Vgl. Mussel (2006): S. 57.
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Literatur
Binswanger, H. Ch. (2009): Vorwärts zur Mäßigung; Hamburg: Murmann. Binswanger, H. Ch. (2006): Die Wachstumsspirale; Marburg: Metropolis. Europäische Zentralbank (2010): Monatsbericht August 2010.
Ferguson, N. (2009): Der Aufstieg des Geldes. Die Währung der Geschichte; Unter Mitarbeit von Klaus-Dieter Schmidt, 1. Aufl. Berlin: List (List Taschenbuch, 60988).
Križanac, D. (2010): Finanzsysteme und Wirtschaftswachstum; Hamburg: Kovač. Mussel, G. (2006): Grundlagen des Geldwesens; Sternenfels: Wissenschaft & Praxis.
Internetquellen
Deutsche Bundesbank (2010): Lehrmaterialien, Das Bargeld,
http://www.bundesbank.de/download/bildung/geld_sec2/geld2_02.pdf Federal Reserve System (2010): Federal Reserve Act, Section 2a, http://www.federalreserve.gov/aboutthefed/section2a.htm Europäische Zentralbank (2010): Satzung Europäische Zentralbank, http://www.ecb.int/ecb/legal/pdf/de_statute_from_c_11520080509de02010328.pdf
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Arbeit zitieren:
Gregor Geist, 2010, Woraus resultiert der Wachstumszwang?, München, GRIN Verlag GmbH
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