5.3 Rückschläge und Höhepunkte S.28
6 Der Deutsch‐Französische Freundschaftsvertrag S.31
7 Fazit S.32
8 Literaturangaben S.35
1. Einleitung
Charles de Gaulle und Konrad Adenauer gelten als Gründungsväter der Aussöhnung zwischen den ehemals „vererbfeindeten“ Nationen Frankreich und Deutschland: am 22.01.1963 unterzeichneten beide den von ihnen entwickelten „Deutsch‐Französischen‐ Freundschaftsvertrag“. Der französische Präsident und der deutsche Bundeskanzler führten im Vorfeld des Vertrages einen regen und überdurchschnittlichen Austausch. Mit keinem anderen internationalen Politiker traten de Gaulle oder Adenauer in diesen Jahren häufiger in Kontakt. Zwischen 1958 und 1963 wechselten sie 40 Briefe und tauschten sich in insgesamt 15 persönlichen Treffen über 100 Gesprächsstunden lang aus. Heute erscheinen die gute Beziehungen zwischen dem deutschen Bundeskanzler und dem französischen Präsidenten, sowie der „Deutsch‐Französische‐ Freundschaftsvertrag“ in Hinsicht auf die europäische Entwicklung als gleichermaßen logisch und wünschenswert. Aber diese Vertiefung des Kontakts, sowie die Kooperation in welt‐ und europapolitischen Fragen, war bei de Gaulles Amtsantritt im Jahre 1958 nicht wirklich absehbar. Beim genauen Blick auf die damaligen innen‐, außen‐ und europapolitischen Verhältnisse, die Stellungen der beiden Politiker zueinander, lassen den Prozess und Inhalt des Vertrages schon weitaus inkontingenter erscheinen. Zudem riefen die Art der Entwicklung und Umsetzung des Vertrages aus vielen unterschiedlichen Lagern Kritiker auf den Plan. Nicht zufällig wurde der Vertrag nachträglich im Bundestag mit einer Präambel versehen, die de Gaulle später zur Formulierung hinrissen, der Vertrag sei tot bevor er in Kraft trete 1 .
1 Weidenfeld, Werner. Der deutsch‐französische Vertrag in europäischer Perspektive. In: Universitas, Nr. 12/1983. S.1297 3
Inwieweit der Grund für den Deutsch‐Französischen‐Freundschaftsvertrag in den Persönlichkeiten Adenauer und de Gaulle zu suchen ist, ist Thema der vorliegenden Arbeit. Als Grundlage dient folgende Annahme: die Persönlichkeiten Adenauer und De Gaulle waren für die Institutionalisierung der Freundschaft zwischen den einst verfeindeten Ländern Frankreich und Deutschland von essentieller Bedeutung. Ihr Einsatz und ihre Verfolgung dieses Ziels - der Deutsch‐Französischen‐Aussöhnung - machten diese vertiefte und vertraglich fixierte Zusammenarbeit erst möglich. Der Prozess und das Ergebnis spiegelten zudem die innen‐ und außenpolitische Situation, sowie die gegenseitige Wertschätzung der Persönlichkeiten füreinander wider.
Dazu werden vorerst unterschiedliche Möglichkeiten der Analyse von Persönlichkeiten in politischen Prozessen verglichen. Auf Grundlage einer ausgewählten Analyse‐Form werden Konrad Adenauer und Charles de Gaulle mittels ihrer Biographien auf grundlegende Ähnlichkeiten und Unterschiede geprüft. Anschließend folgt der politische Vergleich der Politiker: ihre Stellung im politischen System, der allgemeine innen‐ und außenpolitischen Situation, sowie ihre Vorstellungen von Europa. Darauf wird der Verlauf der Beziehung zwischen Adenauer und de Gaulle skizziert, um die Intensivierung des Kontakts, trotz einiger Tiefpunkte, darzulegen. Einzelheiten zu den Vertragsverhandlungen von der Politischen Union und den Fouchet‐Plänen werden nicht behandelt, dagegen jedoch der Deutsch‐Französische‐Freundschaftsvertrag vor dem Hintergrund der Persönlichkeiten. In einem abschließenden Fazit wird die Eingangsfrage nochmals von mehreren Seiten beleuchtet.
Zum Thema der vorliegenden Arbeit existiert eine schwer überschaubare Menge an teilweise auch widersprüchlicher Literatur. Die der Arbeit zugrunde liegenden verwendeten Werke erklären einen in der Arbeit angesetzten Fokus. In erster Linie wurden dabei Fachbücher verwendet von Experten für die Persönlichkeiten Adenauer und de Gaulle wie Ernst Weisenfeld, Prof. Dr. Weidenfeld und Hans‐Peter Schwarz, sowie Personen aus dem näheren Umfeld wie Hermann Kusterer, Jaques Bariety und Annelise Poppinga. Zur zusätzlichen Einschätzung und Analyse des deutsch‐französische Verhältnisses wurden unter anderem Gilbert Ziebura und Ulrich Lappenküper herangezogen.
4
2. Analyse von Persönlichkeiten
Es gibt zahlreiche unterschiedliche Methoden um Persönlichkeiten zu bewerten. Jürgen Hartmann skizziert in „Persönlichkeit und Politik“ eine Entstehungsgeschichte der Persönlichkeitsanalyse, die hier in knapper Form übernommen wird um einen kurzen Überblick zu geben. Ludger Helms beschäftigt sich mit Analysen politischer Führung (political leadership). Darin liegt eine deutliche Schnittmenge zu den von Hartmann aufgeführten Ansätzen, denn Helms betrachtet die Führungsstile auch auf Grundlage der jeweiligen Persönlichkeiten und ihrer institutionellen Umgebung. Aus beiden Ansätzen, der Persönlichkeitsanalyse und der Analyse der unter Mitwirkung der Persönlichkeiten entstandenen Entscheidungen, wird im Anschluss eine eigene Methode zur Bewertung der Persönlichkeiten Adenauer und de Gaulle ausgewählt.
2.1 Verschiedene Ansätze
Hartmann 2 unterteilt in verschiedene Ansätze. Beispielsweise psychoanalytische wie Siegmund Freud oder seinem Schüler Adler, welcher sich in Richtung der heutigen Soziologie orientierte. Adler stellte das Streben nach Sicherheit, Geltung und Macht in den Vordergrund seiner Persönlichkeitsanalyse. Entscheidend für die Persönlichkeit eines Menschen ist seiner Ansicht nach die frühkindliche Entwicklung, auf Grundlage derer Menschen Selbstbewusstsein entwickeln, soziale Fähigkeiten ausbilden und ihre Präferenzen in der eigenen Lebensplanung bezüglich Besitz und Ansehen ordnen. Erik Erikson und auch Erich Fromm erweitern später die auf den Menschen einwirkenden Aspekte um eine gesellschaftliche Komponente. Persönlichkeiten entwickeln sich nach Fromm nicht nur unter Einfluss ihrer Familien, sondern auch ihres jeweiligen Milieus. Aufgrund ähnlicher Lebens‐ und Entwicklungsumstände verfügen Persönlichkeiten auch über einen erkennbaren gesellschaftlichen Charakter, eine gesamtgesellschaftliche Identität. Erik Eriksons Meinung nach sind Persönlichkeiten ein Produkt der somatischen (natürliche Umgebung und biologische Ausstattung), sozialen (Staat und gesellschaftliche Konventionen) und der individuellen Ordnung (Ängste, Hoffnungen, Erwartungen), welche die Beziehung zu den ersten beiden Bereiche koordiniert. Während der Kindheit und Jugend bilden Menschen diese individuelle Ordnung in einem
2 Hartmann, Jürgen. Persönlichkeit und Politik. Wiesbaden: 2007. Verlag für Sozialwissenschaften. S.24‐37 5
Trail‐and‐Error‐Verfahren aus. Eine fundamentale Identitätskrise als Schritt in die Adoleszenz stellt eine Weiche, fortan orientiert sich die Persönlichkeit an gewissen charakterlich festgelegten Vorstellungen und Wünschen, entwickelt sich jedoch noch leicht weiter. Als dritte Gruppe fasst Hartmann die Wahrnehmungsforschung, deren Gegenstand die selektive Aufnahme und Verarbeitung von wahrgenommener Information auf Basis des jeweiligen Charakters einer Persönlichkeit ist. Dieser Charakter beinhaltet verschiedene gesellschaftliche und psychologische Attribute als Ergebnis eigener Erfahrungen, Prägungen oder Veranlagungen, auf Grundlage derer Personen wiederum ihre „eigene persönliche Wirklichkeit“ konstruieren, somit Ereignisse, Personen und Situationen bewerten und sich ihnen gegenüber verhalten: einem persönlichen Schema. Gegenstand der vierten Gruppe „Politische Psychologie“ sind Analysen von Persönlichkeiten in politischen Ämtern von u.a. Lasswell, Schneider oder Greenstein. Letzterer bringt die Komponenten Lebensgeschichte, Charakter, Milieus und Erfahrungen auf die Wirkungskette „Situation + Charakter = Verhalten“. Dabei sind Personen in der Politik jedoch abhängig von verschiedenen Variablen: z.B. dem politischen System, Parteien, Einflussgruppen oder der Öffentlichkeit. Schon Max Weber weist deshalb auf die Bedeutung der Empathie‐Fähigkeit von Politikern hin: sie müssen zuhören, verstehen, sich einfühlen können um Erfolg zu haben. In einem Beurteilungsschema für Politiker teilt James Barber in vier Gruppen: aktiv‐positive, aktiv‐negative, passiv‐positive und passiv‐negative und ordnet den Gruppen amerikanische Präsidenten zu. Grundlage für die Einteilung sind wiederum biographische, körperliche und psychische Eigenheiten der betrachteten Persönlichkeiten.
2.2 Leadership - Ludger Helms
Ludger Helms 3 untergliedert zur Analyse in zwei Hauptkategorien: normative und empirische Ansätze. Erstere befassen sich stark verkürzt mit der Frage des „guten Regierens“, geistesgeschichtlich im Gegensatz zu Nicolo Machiavelli, mit Vertretern wie Thomas von Aquin, John Locke oder Baron de Montesquieu. Zum Inhalt sind beispielsweise Fragen nach der Vorbildfunktion von Politikern und politischen
3 Helms, Ludger. Regierungsorganisation und Politische Führung in Deutschland. Wiesbaden: 2005. Verlag für Sozialwissenschaften. S.32‐47 6
Entscheidungen, sowie dem Begriff des „good government“. Empirische Ansätze stellen die Auswirkungen von Strukturen und Personen als Ursache politischer Entscheidungen ins Zentrum der Analyse. Helms unterscheidet die selbsterklärenden Ansätze personenzentriert, strukturzentriert und interaktionistisch, letztere vereinen die beiden vorigen. Interaktionistische Ansätze machen sich zur Aufgabe, die Interdependenz und Dynamik von personellen und systemischen Einflussfaktoren angemessen in das Ergebnis der Bewertung einfließen zu lassen. „Nach dem diesen Ansätzen zugrundeliegenden Verständnis operieren politische Amtsinhaber zwar innerhalb eines bestimmten (institutionellen, politischen, historischen) Kontextes, der ihre Handlungsmöglichkeiten nachhaltig beeinflusst“ 4 ohne jedoch anderseits davon determiniert zu sein, sondern sich sogar von den Rahmenbedingungen emanzipieren und diese mitunter prägen zu können. Als politische oder systemische Konstanten führt Helms u.a. historisches Erbe, politisch‐kulturelle Grundwerte, parlamentarische Mehrheitsverhältnisse, der institutionellen Beschaffenheit von Ämtern oder „die politische Großwetterlage“ auf. Unter Einfluss dieser Faktoren treffen und koordinieren politische Persönlichkeiten Entscheidungen.
2.3 Ausgewählter Ansatz für die Analyse der Persönlichkeiten
Die oben geschilderten Ansätze haben die Wichtigkeit der Biographie von Personen für ihre Ansichten, Ideen und Lebenskonzeptionen unterstrichen. Der Vergleich von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle wird deshalb vor allem mit Fokus auf die nachstehenden Kategorien erfolgen: Lebensweg und Karriere, kindliche Prägung und gesellschaftliche Sozialisation, Charaktereigenschaften und ethische
Grundeinstellungen, Politisches Handeln, der Einstellung und Beurteilung des jeweils anderen Landes unter Berücksichtigung einer Politischen Visionen. Anschließend werden neben persönlichen, in Anlehnung an den interaktionistischen Ansatz, auch strukturelle Gesichtspunkte berücksichtigt, weshalb in einem zweiten Teil die politische Umgebung, des Handlungsspielraums der beiden Politiker - im knappen Überblick ‐ verglichen werden.
4 Ebd. S.39 7
3. Konrad Adenauer und Charles de Gaulle
Die Biographien von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer weisen schier unendlich viele beachtenswerte Ereignisse und Eigenheiten auf. Für die Analyse der Persönlichkeiten muss sich diese Arbeit fokussieren auf die Kindheit, die frühen Stationen der Karriere, persönliche und familiäre Rückschläge, sowie den Aufstieg bis in die hohe Regierungsverantwortung 5 der beiden Politiker. Zum Schluss des Kapitels werden die zentralen Erkenntnisse nochmals zusammengefasst und gegenübergestellt.
3.1 Konrad Adenauer - Lebensweg und Politische Karriere
Konrad Adenauer wurde am 05. Januar 1876 in Köln als Sohn eines Sekretärs und späteren Kanzleirats am Oberlandesgericht Köln Konrad Adenauer und dessen Ehefrau Helena geboren. Die Lebensumstände der sechsköpfigen Familie Adenauer sind einfach bis dürftig 6 , Konrad teilt sich bis ins siebzehnte Lebensjahr das Bett mit seinem Bruder Hans. Eine wichtige Rolle im Alltag der Familie spielt die Religion, die Tage werden mit einem kollektiven Gebet begonnen und beendet 7 , der Gottesdienst am Sonntag ist eine Pflicht und wird von Konrad Adenauer zeitlebens wahrgenommen. Nach dem Abitur am Apostelgymnasium mit 18 Jahre beginnt Adenauer eine Banklehre, da sein Vater nicht in der Lage ist, ihm wie seinen beiden älteren Brüdern ein Studium zu finanzieren. Ein halbes Jahr später erwirkt der Vater ein Stipendium. Konrad Adenauer studiert anschließend in Freiburg, München und Bonn Jura und schließt frühestmöglich ab, um seinen Eltern nicht weiter auf der Tasche zu liegen. Seine Studienjahre sind geprägt von Sparsamkeit und Fleiß, außerdem der Liebe zur Natur. Adenauer unternimmt viele Wanderungen, auch Reisen ins west‐europäische Ausland: nach Norditalien und in die Schweiz 8 .
Obwohl Adenauer selbst ein ruhiges Leben anstrebt 9 , führt sein Weg nach Tätigkeiten bei der Staatsanwaltschaft Köln und beim Rechtsanwalt Kausen in die Politik: am 10. Mai 1906 wird Adenauer Beigeordneter der Stadt Köln, am 22. Juli 1909 Erster Beigeordneter, somit Stellvertreter des Kölner Oberbürgermeisters. Bereits 1904 ist
5 Da Charles de Gaulle zweimal ins Präsidentenamt gelangt, ist die Analyse seines Lebensweges leicht abgeändert.
6 Prittie, Terence. Konrad Adenauer. Vier Epochen deutscher Geschichte. Stuttgart: 1971. Goverts Verlag. S.17
7 Recker, Marie‐Luise. Konrad Adenauer. Leben und Politik. München: 2010. Verlag Beck. S.11 8 Prittie, Terence. Konrad Adenauer. Stuttgart: 1971. Goverts Verlag. S.22 9 Poppinga, Anneliese. Konrad Adenauer. Bergisch Gladbach: 1987. Gustav Lübbe Verlag. S.12 8
Arbeit zitieren:
Florian Kreier, 2010, Alleingang zu zweit, München, GRIN Verlag GmbH
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