Inhalt
1. Der historische Begriff der Frontier:
die westliche Besiedlungsgrenze und ihre Bedeutung für die amerikanische Identität 2
2. Das Bild der New Frontier des Apollo-Programms 4
3. Der rationale Kontext: Prestige und Kalter Krieg 8
4. Was war Apollo im Rückblick? 15
5. Der Frontier-Mythos heute und ein kurzer Ausblick auf die Zukunft 17
Anhang: die Chronologie der Apollo-Missionen 19
Bibliographie 20
1
Der Begriff der Frontier ist von immenser Bedeutung für die Besiedlungsgeschichte
des nordamerikanischen Kontinents. In den US Census Reports, den alle zehn Jahre
veröffentlichten Berichten der amerikanischen Volkszählungsstelle, wurde sie bis Ende des
19. Jahrhunderts sehr vage umrissen als "the margin of that settlement which has a density
Gründungskolonien durch Großbritannien im Jahre 1783 rückte diese Grenze mit rapider
Geschwindigkeit von Osten nach Westen vor; sie begann im selben Jahr mit der
Erweiterung des Staatsgebietes bis zur östlichen Grenze des Mississippi durch den Vertrag
von Versailles und endete 1890 mit der offiziellen Verlautbarung des Volkszählungsbüros,
das Nationalgebiet sei nun vollständig erschlossen. Natürlich geschah dies nicht
kontinuierlich, sondern war verbunden mit gewaltigen Expansionsschüben, zum Beispiel
durch diverse Gebietskäufe (wie den Louisiana Purchase 1803), Friedensverträge
(Texas 1845). Expeditionen (Lewis und Clark 1803-1806), der Ausbau des transkontinen-
talen Eisenbahnnetzes und diverse Gesetze (wie der Homestead Act 1862, welcher jeder
Familie 160 Morgen Land zuwies) trugen zur raschen Erschließung des Kontinents bei.
Die Definition der Frontier - zwei oder mehr Einwohner pro Quadratmeile - bezog sich
natürlich lediglich auf die weiße Bevölkerung, welche bei ihrem Vorstoß oft Territorien der
dort ansässigen indianischen Ureinwohner besetzte. Der verständliche erbitterte Widerstand
dieser Stämme wurde in oft blutigen Schlachten durchbrochen, zuletzt 1890 beim Massaker
von Wounded Knee, was auch gleichzeitig die "Schließung der (weißen) Besiedlungsrenze"
bedeutete. Somit gibt das Vorrücken der Frontier Aufschluss über die rasche Wanderung
der Siedler, angetrieben durch immer neue Einwandererströme und verstärkt durch den
technologischen Fortschritt des Eisenbahnbaus.
Außer dem rein statistischen Aspekt hat die Frontier noch eine andere Bedeutung,
welche entscheidend zur Entwicklung der amerikanischen Kultur beigetragen hat, nämlich
hat die Frontier eine eher metaphorische Bedeutung als Grenze eines Wissens oder
1
vgl. Frederick Jackson Turner, "The Significance of the Frontier in American History", 1893.
Erfahrungshorizontes. Folglich bedeutet das Treffen auf diese Grenze, sich des eigenen
Standortes im Vergleich mit anderen bewusst zu werden; sei es in intellektuellem, sozialem
oder kulturellem Sinne. An solch eine kulturelle Grenze - für Turner der "meeting point
Westen, als sie mit den fremden Lebensweisen der indianischen Völker konfrontiert wurden.
Die Frontier markierte jedoch nicht nur eine Grenze zwischen verschiedenen Kulturen,
sondern war auch eine Herausforderung für die Siedler, sich auf eine neue, fremdartige
Umgebung einzustellen und diese für sich nutzbar zu machen. Hierin liegt ein wichtiges
Konzept der amerikanischen Kultur: das Manifest Destiny. Es entstand in der Mitte des
neunzehnten Jahrhunderts und beinhaltet den Glauben daran, von Gott dazu bestimmt zu
sich die Erde Untertan zu machen. Diese Vorstellung ist verständlich, wenn man bedenkt,
dass die ersten Einwanderer im siebzehnten Jahrhundert aus religiösen Gründen aus
Europa geflohen waren und im "Land der Verheißung" einen neuen Anfang suchten.
(welche auch die Vertreibung der Indianerstämme legitimierte); jeder Rückschlag eine harte
Prüfung; jeder Erfolg eine Belohnung für die Anstrengungen. Gleichzeitig sorgte die
räumliche Entfernung von den europäischen Einflüssen der Kolonien im Osten für die
Entstehung einer eigenständigen, amerikanischen Kultur, hervorgerufen durch die Konfron-
tation mit der neuen, fremden Umgebung und geprägt durch die Auseinandersetzung mit ihr.
Da der Ausdehnung nach Westen zwangsläufig Grenzen gesetzt waren - keine Land-
masse ist unendlich - musste dieser Traum der immer fortdauernden Expansion am Strand
von Kalifornien enden. Die Ideen von Frontier und Manifest Destiny tauchten danach zwar
weiterhin in der amerikanischen Geschichte auf - sei es als Pionier in verschiedenen
wissenschaftlichen Gebieten oder gemäß der Truman Doktrin als Glaube, zum Beschützer
Ausweitung, eines Strebens nach etwas Greifbarem, nicht mehr gegeben. Der politische
Kolumnist Walter Lippman sah in diesem "Verlust" sogar den Grund für den Konservatismus
und für die Lethargie der 1950er Jahre:
vgl. Frederick Jackson Turner, "The Significance of the Frontier in American History", 1893.
vgl. Genesis 9:7.
"The critical weakness of our society is that for the time being our people do not
have great purpose which they are united in wanting to achieve. The public mood
of the country is defensive, to hold on to and to conserve, not to push forward and
one which has achieved its purposes, and has no further business to transact."
Mit Beginn der sechziger Jahre sollte sich diese Lethargie wandeln. Präsident
Kennedys Ruf zum Aufbruch zu "New Frontiers", zu neuen Grenzen, stand für die Wieder-
aufnahme der Fortschrittsmission der USA. Eine dieser "Grenzen" sollte den alten Traum der
territorialen Expansion wieder aufleben lassen: das Apollo-Programm mit Ziel der
bemannten Mondlandung. Für Wernher von Braun, Leiter der Abteilung für die Entwicklung
der Trägerraketen, hatte Apollo ein ultimatives Format: "Space is the last frontier - and the
Metapher für das Apollo-Programm gehabt hat, welche politischen Zusammenhänge eine
Rolle spielten und was Apollo im Rückblick war.
Bereits während des Präsidentschafts-Wahlkampfes 1960, als noch kein ent-
sprechendes Programm geplant war, beschrieb Kennedy den Weltraum als "our great New
Frontier" . Der präzise Vorschlag mit dem schon historischen Kernsatz erfolgte am 25. Mai
1961 in Form einer siebenundvierzigminütigen Rede vor dem Kongress:
decade is out, of landing a man on the moon and returning him safely to earth."
In seiner Rede betonte Kennedy die Bedeutung eines solchen Programms als
kollektive Aufgabe der Nation, eine führende Rolle bei der Erkundung des Weltalls
einzunehmen, da dies womöglich den Schlüssel für die Zukunft des Menschen auf der Erde
auferlegen. Es gäbe zwar keine Garantie dafür, als erster dieses Ziel zu erreichen, eine
Unterlassung würde aber in jedem Fall eine Niederlage bedeuten. Daher bäte er den
Kongress um die Bewilligung der notwendigen Mittel.
vgl. Otto Binder, Victory in Space, New York, 1962, S. 5.
7
vgl. John N.Wilford,
We reach the Moon,
New York, 1969, S. 28.
ebd., S. 31-35.
Von fast allen Seiten wurde Kennedys Vorschlag begeistert aufgenommen, bot er doch
ein offensichtlich klares Konzept: Der Kongress hatte ein zeitlich und vom gesetzten Ziel her
begrenztes Programm für die finanzielle Kalkulation, die NASA und die beteiligten Wissen-
eine herausragende Leistung im Weltraum, vor allem nach den russischen Erfolgen der
langen Tradition von Entdeckern, angefangen bei den Vikingern, über die Germanen und
Columbus, bis zu Magellan und Cook. Die ersten Pioniere der Raumfahrt, darunter Gargarin
(!) und Shepard, wurden bereits in einem Atemzug mit den Vorkämpfern der Luftfahrt, wie
den Brüdern Wright oder Otto Lilienthal, genannt; der uralte Traum vom Fliegen würde eine
neue Dimension erreichen und ein neues Zeitalter der Entdeckungen einläuten.
Für einige kam der Aufbruch ins All sogar der Klimax einer Kette von großen Revolu-
tionen gleich: Nach dem 13. und 18. Jahrhundert als zwei Zeitaltern der Wissenschaftlichen
Revolutionen, dem 15. Jahrhundert als Zeitalter der Entdeckungen und der Territorialen
Revolution sowie dem 18. Jahrhundert als Zeitalter der Industriellen Revolution sollte nun
das 20. Jahrhundert zu einem Zeitalter der Weltraumrevolution werden und als solches das
Schicksal der Menschheit entscheidend beeinflussen. Jedoch mit einem gravierenden Unter-
schied: Keine der bisherigen Revolutionen hatte einen unmittelbaren Effekt auf die gesamte
Alle großen Revolutionen seien aus einem Missstand heraus entstanden und mit
bedeutenden gesellschaftlichen Veränderungen einher gegangen. So wird unter anderem
das Bild eines sich aus dem dunklen Mittelalter zum Humanismus emporhebenden Europa
zur Zeit von Columbus beschrieben:
"Western Europe was emerging from the...medieval period. To medieval man,
most of the world appeared as Godmade mystery to be regarded with fear and
concern. The earth was flat, somewhere over the ocean was the end....[With] the
rise of humanism,...the world came to be regarded as a reality to be explored
rather than as a mystery to be feared."
vgl. Eugen Sänger, Space Flight Countdown for the Future, New York, 1965, S.7; James Allen, "The historical
ebd. S.16; abgesehen davon, dass dieses Bild nicht nur klischeehaft überzogen, sondern in manchen Punkten sogar schlichtweg falsch ist - zum Beispiel wurde die Erde in mittelalterlichen Karten zwar oft als Scheibe
Arbeit zitieren:
Claudia Zimny, 1994, Die Bedeutung des amerikanischen Frontier–Mythos für das Apollo–Mondlandeprogramm während der Kennedy–Johnson–Ära der "New Frontier" 1961–1969, München, GRIN Verlag GmbH
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