1. Männliche und weibliche Präsentationsformen
Die französische Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts, getragen von den Postulaten Freiheit, Gleichheit sowie Brüderlichkeit, markiert einen der Höhepunkte einer epochemachenden gesamteuropäischen Bewegung: der Aufklärung des Bürgertums. Doch schon bald wurde offensichtlich, „daß das Postulat der Gleichheit aller Menschen, wie es das ‚aufgeklärte’ Denken hervorbrachte, keineswegs selbstverständlich die Maxime einer Gleichheit von Mann und Frau einschloß.“ 1 War der Frau im Rahmen der Frühaufklärung weitestgehend die gleiche Bildungsfähigkeit wie dem Mann zugesprochen worden, wurde sie nun zurück in ihre traditionelle Hausfrauen- und Mutterrolle gedrängt.
Wie Silvia Bovenschen in ihrem Text Die imaginierte Weiblichkeit ausführt, wird diese ungleiche Rollenverteilung in der zeitgenössischen Literatur, deren Träger fast ausschließlich männlichen Geschlechts waren, reflektiert. Dabei zeigt sich ein gravierender „Widerspruch zwischen der realen Situation der Frauen und deren Wahrnehmung.“ 2 Während das weibliche Geschlecht in der realen Kulturgeschichte fast vollständig absent ist, erscheint es innerhalb des literarischen Diskurses in mannigfaltigen Präsentationsformen, welche Bovenschen mit Hilfe ihrer Reduktions-und Ergänzungstheorien zu systematisieren versucht. Der erste Teil von Goethes Fausttragödie, der in der Spätphase der Aufklärung gegen Ende des 18. Jahrhunderts entstand, dokumentiert dieses Missverhältnis auf anschauliche Art und Weise. Aus diesem Grund bietet sich eine literaturwissenschaftliche Analyse der Weiblichkeits- und Männlichkeitskonstruktionen im Faust mit Hilfe von Bovenschens Theorien an. Unter Bezugnahme auf die Konzeption des Protagonisten Faust als Sturm-und-Drang-Figur soll zunächst der Einfluss des Geniekultes auf das Geschlechterverhältnis in der Fausttragödie untersucht werden. Die zwei folgenden Kapitel widmen sich den unterschiedlichen Konnotationen, mit denen Männlichkeit und Weiblichkeit in Goethes Drama behaftet sind. Im Rahmen von Bovenschens Ergänzungstheorie werden hierbei auch Argumentationen Rousseaus einbezogen, da „die Rousseauschen Weiblichkeitseinschätzungen […] einen beträchtlichen Einfluß auf die empfindsamen Frauenimagines hatten, die in Deutschland in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts virulent waren.“ 3 Die anschließende Gegenüberstellung von Fausts und Gretchens
1 Silvia Bovenschen: Die imaginierte Weiblichkeit. Exemplarische Untersuchungen zu kulturgeschichtlichen und literarischen Präsentationsformen des Weiblichen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1979. S. 70.
2 Ebd., S. 23.
3 Ebd., S. 181.
2
Lebensumfeld analysiert, inwiefern die Protagonisten Bewegungsfreiheit zwischen kleiner und großer Welt beziehungsweise Außen- und Binnenort genießen. Auf Grundlage dieser Analyse werden die Konsequenzen für das Geschlechterverhältnis, die sich aus den Normen männlicher und weiblicher Lebenswelten ergeben, in den Fokus der Betrachtungen gerückt. Daran anknüpfend soll mit Rückbezug auf Bovenschens Reduktionstheorien überprüft werden, ob und gegebenenfalls auf welche Rollen das Weibliche im Faust durch männliche Imagination reduziert wird. Abschließend werden alle wesentlichen Ergebnisse der Untersuchung zusammengetragen, um so bewerten zu können, inwieweit die Goethe’schen Männlichkeits- und Weiblichkeitskonstruktionen anhand von Bovenschens Textkritik erklärbar sind.
2. Faust als männliches Genie
Aufgrund der langen Bearbeitungszeit von rund sechzig Jahren wurde kein anderes von Goethes Werken so nachhaltig durch zahlreiche verschiedene literarische Strömungen und Epochen geprägt wie die Faustdichtung. Die Entstehung des sogenannten Urfaust, der die Basis für alle nachfolgenden Bearbeitungen bildet, fällt mit dem Höhepunkt des Sturm und Drang in der Mitte der siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts zusammen. Der Einfluss dieser literarischen Strömung wird besonders in der prometheischen Konzeption des Doktor Faustus deutlich. Getrieben von übermäßigem Wissensdurst und Selbstüberschätzung, beschwört der Gelehrte Faust in der ersten Szene der Tragödie den Erdgeist. 4 Faust, überzeugt davon, ein „Ebenbild der Gottheit“ (GF 24) zu sein, stellt sich selbst auf die gleiche Stufe wie den Erdgeist, der den Gelehrten daraufhin abweist und entschwindet. Sein Größenwahn offenbart Fausts Wesen als Stürmer und Dränger; er ist konzipiert als schöpferisches Genie, welches glaubt, „[d]aß Manneswürde nicht der Götterhöhe weicht.“ (GF 29)
Im Gespräch mit seinem Schüler Wagner wird Fausts Ideal von einem selbstschöpferischen Wissenschaftler deutlich:
Das Pergament, ist das der heil’ge Bronnen,
Woraus ein Trunk den Durst auf ewig stillt? Erquickung hast du nicht gewonnen, Wenn sie dir nicht aus eigner Seele quillt. (GF 25-26)
4 Vgl. Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Der Tragödie erster und zweiter Teil; Urfaust. Hrsg. von Erich Trunz. Sonderausg. München: Beck 1977. S . 22. Im Folgenden werden die Zitate mit der Sigle GF und der Seitenangabe im Text nachgewiesen.
3
In Anlehnung an die Genieästhetik des Sturm und Drang rät Faust Wagner zu eigenen mit Leidenschaft verfolgten Forschungen, statt Wissenserwerb ausschließlich mit den Schriften anderer zu betreiben. Der Gelehrte selbst empfindet seinen Lehralltag als unbefriedigend, sein Studierzimmer erscheint ihm als Kerker, er ist zunehmend geplagt von der „Pein [d]es engen Erdelebens.“ (GF 53) Faust will die Grenzen der traditionellen Wissenschaft notfalls mit Hilfe von Magie überwinden, um zu „erkenne[n], was die Welt [i]m Innersten zusammenhält.“ (GF 20) Fausts empfindsames Wesen und sein instabiler Gemütszustand entsprechen dem Menschenkonzept des Sturm und Drang. „Elemente des traditionell den Frauen zugeschriebenen Sets sensitiver Eigenschaften und Fähigkeiten“ 5 werden aufgewertet, indem sie Faust, einem männlichen Individuum, zugeschrieben werden. Die Übernahme ‚weiblicher’ Kompetenzen hat allerdings keine vollständige Entortung des männlichen Protagonisten zur Folge; die „neuen Gefühle[…]“ (GF 23) sind eher als Supplement zur traditionellen Konstruktion von Männlichkeit zu verstehen. Aktive, dynamische Wesenselemente dominieren nach wie vor Fausts Denken und Handeln. Sein Verlangen nach Tätigkeit und Aktivität, welche konventionell männlich konnotiert sind, kommt besonders deutlich zur Geltung. Hin- und hergerissen zwischen Verzweiflung und Hoffnung greift er nach der Ablehnung durch den Erdgeist zu einer Phiole, gefüllt mit Gift, um zu „neuen Sphären reiner Tätigkeit“ (GF 29) aufzusteigen. Zudem glaubt er seine Manneswürde vor allem „durch Taten“ (GF 29) beweisen zu können. Besonders offensichtlich wird Fausts steter Glaube an die Mannestat bei dem Versuch, das Johannesevangelium ins Deutsche zu übertragen: Er beurteilt „Im Anfang war die Tat!“ (GF 44) als die einzig adäquate Übersetzung für den ersten Satz des Bibeltextes. Faust ist als tatkräftiges, selbstbewusstes und freiheitsliebendes männliches Genie konzipiert; selbst dem Teufel vermag er ohne Scheu Anweisungen zu geben. Dennoch stößt er an die Grenzen seines eigenen Wesens:
Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen; Die eine hält, in derber Liebeslust, Sich an die Welt mit klammernden Organen; Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust Zu den Gefilden hoher Ahnen. (GF 41)
Im Gespräch mit Wagner gibt er die alles durchdringende Ambivalenz seines Verlangens preis. Einerseits strebt er nach irdischem Glück, nach Liebesglück, wie es in
5 Bovenschen: Die imaginierte Weiblichkeit (wie Anm. 1), S. 161.
4
„eines Mädchens Armen“ (GF 53) zu finden ist. Andererseits wird er von seinem unbezähmbarem Wissensdurst und seiner unbändigen Freiheitsliebe immer weiter weg von der irdischen Welt in die Sphäre der schwarzen Magie getrieben. Fausts Beziehung zu Gretchen fällt letztendlich der Zwiespältigkeit seines Wesens zum Opfer; der „Unmensch ohne Zweck und Ruh“ (GF 107) fühlt sich zwar leidenschaftlich zu dem Mädchen hingezogen, kann aber nicht innerhalb der Grenzen ihres kleinbürgerlichen Alltags sesshaft werden.
3. Fausts Sehnsucht nach Natur und Weiblichkeit
Faust selbst leidet unter der Ambivalenz seiner Sehnsüchte; lediglich in der freien Natur kann er sich als vollkommener Mensch fühlen. Im Kern seines ganzen Strebens steht das Verlangen nach der für ihn unerreichbar scheinenden Harmonie mit der Natur, mit den „Quellen alles Lebens.“ (GF 22) Der Naturbegriff, die schöpferische und zerstörerische Gewalt der Natur, ist zentral in Goethes Tragödie, wobei „[d]ie Sehnsucht nach der Versöhnung mit der Natur, nach einem nichtentfremdeten Dasein […] auf das Weibliche projiziert“ 6 wird. Der durch Kultur und Wissenschaft, die traditionell als männliche Domänen gelten, von der Natur entfremdete Faust glaubt durch die Liaison mit Gretchen die „Kraft, sie [die Natur] zu fühlen, zu genießen“ (GF 103) wiedergefunden zu haben. In seiner Imagination verkörpert Margarete die reine Natur. Diese imaginierte Wesenseinheit von Frau und Natur kommt in der Szene Wald und Höhle besonders deutlich zum Vorschein. Unmittelbar nach der Zusammenkunft mit Gretchen findet Faust Ruhe in einem einsamen Wald; mit zweideutigen Attributen wie „tiefe Brust“ (GF 103), „feuchte[r] Busch“ (GF 104) und „sicher[e] Höhle“ (GF 103) beschreibt er die Landschaft. Fausts Monolog ist als Allegorie für sein körperliches Verlangen nach Gretchen zu sehen. Er verdeutlicht, wie die „weibliche ‚Natur’ […] zur Trägerin der ideellen männlichen Harmonie- und Einheitssehnsüchte stilisiert“ 7 wird. Um sich mit der Natur versöhnen zu können, braucht Faust das ‚natürliche’ weibliche Prinzip als Ergänzung.
Bereits kurz nach der Zusammenführung der Liebenden wähnt sich Mephisto am Ziel seiner Bestrebungen, da er glaubt, Fausts Sehnsüchte seien durch die Beziehung zu Gretchen befriedigt und er habe „das Leben gnug geführt.“ (GF 104) Fausts Wissensdurst ist jedoch noch lange nicht saturiert, er strebt stattdessen weiter, die Grenzen der irdischen Welt zu überschreiten, um so zu Harmonie mit der Natur zu
6 Ebd., S. 32.
7 Ebd.
5
Arbeit zitieren:
Maria Melanie Meyer, 2009, Die kleine und die große Welt, München, GRIN Verlag GmbH
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