Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung: Das Phänomen Sprache 1
2 Erklärungsansätze zum Erstspracherwerb 2
3 Das menschliche Lexikon 5
3.1 Die Zusammensetzung des Lexikons 6
3.2 Die Organisation des Lexikons 6
4 Der Erwerb von Bedeutungen 9
4.1 Beschreibungsmodelle für die Speicherung von Bedeutungen 9
4.2 Der kindliche Bedeutungserwerb 10
5 Der Erwerb von Wörtern 13
5.1 Der Entwicklungsverlauf des Wortschatzerwerbes 13
5.2 Semantische Kategorien im kindlichen Wortschatz 15
5.3 Grammatische Kategorien im kindlichen Wortschatz 17
6 Der Erwerb von Wortbildungsregeln 18
7 Fazit: Das Phänomen Lexikonerwerb 21
8 Literaturverzeichnis 24
1 Einleitung: Das Phänomen Sprache
Das Geheimnis der Sprache - so lautete unlängst der Titel einer Ausgabe des Magazins Geo Wissen. Im Fokus standen im Allgemeinen die menschliche Sprache, welche bereits im Vorwort der Zeitschrift als „die bedeutendste Errungenschaft der Menschheit“ (Simon 2007: 3) bezeichnet wird, und im Besonderen der Spracherwerb von Kindern. Die menschliche Sprache gilt als das artspezifische Kommunikationsmittel, welches den modernen Menschen von allen anderen Spezies unterscheidet. Sie ist den ‚Tiersprachen’ überlegen, da sie als strukturiertes System von symbolischen Zeichen mit arbiträren, aber konventionell festgelegten Bedeutungen auch in Bezug auf abstrakte Sachverhalte und situationsungebunden verwendet werden kann. Dass die Sprache von herausragender Bedeutung für den Alltag des Menschen ist, zeigt sich auch in der Vielfalt ihrer Funktionen, wobei die Kommunikationsfunktion, welche sich auf den beabsichtigten, partnerorientierten Austausch von Informationen bezieht, die wohl wichtigste Komponente darstellt. Neben weiteren Aspekten wird Sprache außerdem als Denk- und Handlungsinstrument, für die Kontaktaufnahme zu den Mitmenschen und den Ausdruck von Emotionen eingesetzt. Seit jeher sind die Menschen fasziniert von dem Phänomen Sprache gewesen. Diese Faszination mag ihren Ursprung unter anderem in der Tatsache haben, dass beinahe alle Kinder ihre Muttersprache (oder Erstsprache) ungeachtet kultureller, sozialer oder intellektueller Unterschiede scheinbar mühelos erlernen. Dennoch ist der Erstspracherwerb „die komplexeste aller Aufgaben, mit denen das Kind im Laufe seiner Entwicklung konfrontiert wird“ (Dittmann 2006: 9), weil es die verschiedenen Teilkomponenten des Sprachsystems erwerben und miteinander kombinieren lernen muss. In diesem Zusammenhang haben verschiedene Studien gezeigt, dass das Lexikon eine Schlüsselposition einnimmt, da erst „ein gewisser Wortschatz erforderlich [ist], bevor der Grammatikerwerb in Gang kommen kann“ (Szagun 2006: 128).
Aus diesem Grunde verfolgt die vorliegende Arbeit primär die Zielstellung, den Erwerbsprozess des Lexikons im Kleinkindalter zu beschreiben. Um wichtige Hintergrund-informationen für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Thema bereitzustellen, sollen im Vorfeld ausgewählte Erklärungsansätze für den Erstspracherwerb skizziert werden. Bevor der Erwerb des menschlichen Lexikons im frühen Kindesalter näher beschrieben werden soll, wird zunächst auch die Beschaffenheit des menschlichen Lexikons
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kurz erläutert. In den sich anschließenden Kapiteln steht schließlich der kindliche Erwerb von Bedeutungen bzw. Konzepten, Wörtern und Wortbildungsregeln im Fokus. Abschließend sollen die wichtigsten Erkenntnisse der vorliegenden Arbeit zusammengefasst und diskutiert werden, wobei auch aktuelle Forschungsdesiderata aufgezeigt werden sollen.
2 Erklärungsansätze zum Erstspracherwerb
Jedes Sprachsystem besteht aus zwei sich ergänzenden Komponenten: dem Lexikon als Kenntnissystem und der Grammatik als Regelsystem. Folglich ist der Erwerb des Lexikons in einen umfassenderen Prozess, in den Erwerb des gesamten Sprachsystems, eingebettet. Um den Verlauf des (Erst-)Spracherwerbs zu erklären, sind zahlreiche, teilweise gegensätzliche, theoretische Ansätze formuliert worden, von denen die einflussreichsten im Folgenden skizziert werden sollen.
Die Spracherwerbsforschung ist seit ca. 50 Jahren stark von einer theoretischen Kontroverse, welche im Englischen sehr treffend „mit dem begrifflichen Gegensatzpaar nurture vs. nature [Hervorhebung im Original]“ (Bickes/Pauli 2009: 31) beschrieben werden kann, geprägt. Grundsätzlich geht es darum, ob der Spracherwerb auf den genetischen Anlagen eines Menschen oder auf den Einflüssen aus seiner direkten Umwelt basiert. Letztere Annahme ist der Kerngedanke des Behaviorismus, dessen Hauptvertreter Skinner seine Thesen zum Spracherwerb im Jahr 1957 im Werk Verbal Behavior publizierte. Behavioristischen Lern-theorien zufolge kommt der Mensch als ‚leeres Blatt’, zur Welt, welches „erst durch Umwelt und Erfahrung in systematisch analysierbarer Weise ‚beschrieben’ wird“ (Bickes/Pauli 2009: 31). Ähnlich dem Erlernen von Verhaltensweisen, erfolgt der Spracherwerb eines Kleinkindes durch Imitation von in der Umgebung gehörten Lauten bzw. Lautfolgen, was von den Eltern in der Regel durch Lob positiv verstärkt wird. Demzufolge wird der Spracherwerb als Konditionierungsprozess aufgefasst, bei dem mentale Prozesse keine Rolle spielen (vgl. Skinner 1957).
Allerdings sind mit Hilfe behavioristischer Theorien keine kreativen Lernprozesse, wie sie während des Spracherwerbs bei kleinen Kindern gewöhnlich auftreten, erklärbar. Dies hat auch Chomsky, welcher die gegensätzliche Position des Nativismus vertritt, kritisiert. Er wies auf die interessante Tatsache hin, „dass die Stimuli, denen Kinder im Spracherwerb ausgesetzt sind, weder quantitativ noch qualitativ ausreichen, um bestimmte syntaktische Strukturen zu erlernen“ (Bickes/Pauli 2009: 34). Dennoch vermögen es die meisten Kinder relativ schnell, grammatisch korrekte Sätze in ihrer Muttersprache zu bilden. Die Ursache hierfür wird in den
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genetischen Anlagen eines jeden Kindes, genauer in einer Art angeborenem unabhängigen Sprachmodul (language acquisition device - LAD), vermutet. Das LAD ist der Sitz der Universalgrammatik, das heißt, hier sind für alle Sprachen gültige grammatische Regeln gespeichert, auf die das Kind beim Spracherwerb zurückgreift. Chomskys ursprüngliche Theorie von der Universalgrammatik ist später durch die Einführung des Begriffspaars der Prinzipien und der Parameter modifiziert worden:
Im Kern des P&P-Modells steht […] die Annahme einer abstrakten, rein
mentalen grammatischen Struktur, die als angeboren gilt, und die in Form
von Prinzipien die universellen Kategorien und Strukturen aller mensch-
lichen Sprachen charakterisiert. Ferner gibt es strukturelle Optionen
(Parameter), die einzelsprachlichen Ausprägungen der Prinzipien Rechnung
tragen [Hervorhebungen im Original].
(Bickes/Pauli 2009: 36)
Innerhalb dieses Modells wird angenommen, dass sich die Auswahl des richtigen Parameters für die jeweilige zu erlernende Sprache automatisch aus dem umgebungssprachlichen Input des Kindes ergibt. Da sich der nativistische Ansatz vor allem auf das Regelsystem von Sprachen bezieht, erscheint seine Anwendung nur in Bezug auf die Grammatik als Teil des Sprachsystems sinnvoll. In diesem Kontext vermuten einige Linguisten sogar, dass Kinder zunächst einen gewissen Wortschatzumfang erreicht haben müssen, damit Prinzipien und Parameter überhaupt wirksam werden können (vgl. Bickes/Pauli 2009: 37). Zudem werden die Notwendigkeit und das Vorhandensein einer Universalgrammatik in neueren Studien häufig angezweifelt.
Innerhalb der Spracherwerbsforschung sind außerdem kognitivistische Ansätze, welche das sprachliche Fortschreiten eng an die allgemeine kognitive Entwicklung des Kindes knüpfen, einflussreich. So nimmt Piaget, einer der Hauptvertreter des Kognitivismus, in seinem Hauptwerk Sprechen und Denken des Kindes (1983) an, dass der Spracherwerb als ein von der kindlichen Gesamtentwicklung untrennbarer Prozess zu betrachten ist. Für die Beschreibung dieser Entwicklung hat Piaget ein fünfstufiges Modell entworfen, welches den Erwerb des Denkens und Sprechens als gesetzmäßigen Prozess beschreibt, „der von ichbezogenen Verhaltensweisen zu gesellschaftsbezogenen und vom ungelenkten zum zweckgerichteten Handeln verläuft“ (Merten: 1997: 39). Innerhalb dieses Modells gilt der Erwerb des Prinzips der Objektpermanenz oder -konstanz als Meilenstein für die sprachliche Entwicklung, da das Kind nun weiß, dass ein Gegenstand oder eine Person immer noch existiert, auch wenn sie aus dem Sichtfeld temporär verschwindet (vgl. Linke/Nussbaumer/
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Portmann 2004: 381). In diesem Kontext wird die sichtbare sprachliche Entwicklung des Kindes zum Zeichen von allgemeinen kognitiven Reifeprozessen. Im Rahmen interaktionistischer Ansätze wird vor allem die soziale Interaktion als Voraussetzung für den Spracherwerb angesehen. So hat beispielsweise Wygotsy, der als früher Vertreter dieses Forschungsparadigmas angesehen werden kann, das „soziale Umfeld, in dem das Individuum aufwächst“ (Merten 1997: 42), als essentiell für den Spracherwerb beurteilt. Ihm zufolge hat Sprache ferner „eine soziale Herkunft und eine soziale Funktion“ (Merten 1997: 44); in diesem Sinne lernt das Kind zu sprechen, weil es mit seiner Umwelt kommunizieren und interagieren können möchte. Als weiterer Vertreter interaktionistischer Ansätze gilt Bruner, der den Spracherwerb vor allem als „einen Eintritt in einen wechselseitigen sprachlichen Umgang“ (2002: 31) definiert. Im Zuge des Spracherwerbs erkennt das Kind nach und nach wiederkehrende Muster und Strukturen in den Äußerungen seiner Umgebung. In der Folge vermag es „die sprachlichen Regeln seiner Umwelt“ (Nußbeck 2007: 13) zu abstrahieren und selbstständig anzuwenden. Auch für den Anthropologen und Kognitionsforscher Tomasello ist der Spracherwerb eng mit sozialen Interaktionsprozessen verknüpft. Im Laufe des Spracherwerbs erkennt das Kind zunehmend die kommunikativen Absichten seiner Bezugspersonen, wenn es „mit ihnen auf verschiedene Weisen interagiert“ (Tomasello 2006: 126), und lernt seine eigenen Intentionen mit sprachlichen Symbolen auszudrücken.
Im Kontext interaktionistischer Ansätze wird oft auf das Phänomen der sogenannten ‚Motherese’ (auch ‚Mutterisch’ oder Ammensprache) bzw. der kindgerechten Sprache hingewiesen. Unter dieser Begrifflichkeit ist eine angepasste Sprechweise der Mutter bzw. anderer Bezugspersonen gegenüber einem Kleinkind zu verstehen. Man nimmt an, dass die intuitiv gebrauchte ‚Motherese’ dem Kind den Zugang zur Umgebungssprache erleichtern soll. Zu den typischen Merkmalen dieser Sprechweise gehören:
[V]erkürzte Äußerungen mit niedriger Silbenzahl und einfacher Syntax,
deutliches Artikulieren, Wörter aus dem Kindersprachenlexikon, ausge-prägte Intonation mit melodischem Markieren der bedeutungstragenden
Wörter und deutliche prosodische Segmentierung syntaktischer Einheiten.
(Papoušek 1994: 144)
Dabei verändert sich die kindgerechte Sprache mit zunehmendem Alter des Kindes, indem sie unbewusst an den jeweiligen Sprachstand angepasst wird (vgl. Butzkamm/Butzkamm 2004: 96). Umstritten ist, ob sie tatsächlich förderlich und notwendig für den Spracherwerb eines Kindes ist, da es erstens Kulturen gibt, in denen keine Art der kindgerechten Sprache
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gesprochen wird und zweitens negative Auswirkungen des ‚Mutterischen’ nachgewiesen worden sind (vgl. Szagun 2006: 180 und 191).
Beim Vergleich der verschiedenen Erklärungsansätze zeigt sich, dass es sich nicht zwangsläufig um unversöhnliche Widersprüche handeln muss. In diesem Zusammenhang erscheint es plausibel, dass biologische bzw. genetische Voraussetzungen und die soziale Umwelt eines Kindes im Laufe des Spracherwerbs zusammenwirken und sich positiv ergänzen. Ferner lassen sich die skizzierten Theorien mehr oder weniger überzeugend auf verschiedene Teilkomponenten des Sprachsystems beziehen. So scheint es beispielsweise sinnvoll zu sein, den nativistischen Ansatz auf den Erwerb syntaktischer Strukturen zu beziehen, wohingegen „das Morphem- und Wortmaterial einer Sprache […] ganz gewiss nicht angeboren ist“ (Linke/Nussbaumer/Portmann 2004: 109). Hinsichtlich der Wortschatzentwicklung ist ein starker Einfluss sozialer Interaktionsprozesse zu vermuten, wobei einzelne Teilkompetenzen (insbesondere die richtige Aussprache von Wörtern) auch imitativ erworben werden können. Der kognitivistische Ansatz ist hingegen vor allem für den Erwerb von Wortbedeutungen bzw. mentalen Konzepten als relevant zu beurteilen. Eine Kombination verschiedener Theorien scheint also sinnvoll, um den Erst-(Spracherwerb) als Gesamtheit zu erklären.
3 Das menschliche Lexikon
Schätzungen zufolge umfasst der allgemeine deutsche Wortschatz insgesamt ca. 300.000 bis 400.000 Wörter (vgl. Meibauer 2007: 15), wobei der Umfang des Wortschatzes eines individuellen Sprechers erheblich geringer ausfällt. In Abhängigkeit vom jeweiligen Bildungsniveau sind im menschlichen Lexikon „zwischen 50.000 und 250.000 Wörter“ (Meibauer 2007: 15) gespeichert 1 . In diesem Zusammenhang muss zwischen aktivem und passivem Wortschatz differenziert werden, da ein Sprecher erheblich mehr Wörter versteht, als er tatsächlich aktiv verwendet (vgl. Tracy 2008: 33). Bemerkenswert ist die rasante Wortschatzentwicklung im Kindesalter: So verfügen Sechsjährige bereits über einen etwa 14.000 Wörter umfassenden produktiven Wortschatz (vgl. Meibauer 2007: 15), der sich bis zum Erreichen des Erwachsenenalters vervielfacht haben wird. Um den Erwerb des mentalen Lexikons adäquat beschreiben zu können, soll zunächst jedoch theoretisch erklärt werden, wie die dort gespeicherten Informationen beschaffen und miteinander vernetzt sind.
1 Die Schätzungen des individuellen Wortschatzumfanges verschiedener Autoren weichen zum Teil stark
voneinander ab. So geben Römer/Matzke (vgl. 2003: 38) einen Wert von 6.000 bis 10.000 Wörtern an, während
Tracy (vgl. 2008: 33) von 50.000 bis 150.000 Wörtern spricht.
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Arbeit zitieren:
Maria Melanie Meyer, 2010, Das mentale Lexikon im frühen Erstspracherwerb, München, GRIN Verlag GmbH
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