Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitende Gedanken zur religiösen Thematik 2
2. Verkörperungen des Christentums 3
2.1Fortunato, der Retter 3
2.2Bianka, der Inbegriff der Mutter Gottes 5
3. Verkörperungen des Heidentums 6
3.1Donati, der teuflische Vermittler 6
3.2Venus, die heidnische Verführerin 8
4. Raumkonzeption 12
4.1Paradiesgarten 12
4.2Venusgarten 14
5. Florios Prozess des Erwachsenwerdens 16
6. Bewertung des Schlussszene 19
Siglenverzeichnis
20
Literaturverzeichnis
20
1. Einleitende Gedanken zur religiösen Thematik
Eichendorffs Novelle Das Marmorbild entstand vermutlich zwischen dem Sommer 1816 und dem Frühjahr 1817 und erschien in Foqués Frauentaschenbuch für das Jahr 1819. 1 Auf die Entstehungsgeschichte wird hier nicht weiter eingegangen, doch es sei darauf hingewiesen, dass die Venus-Thematik, die Eichendorff in diesem Werk verarbeitet, in der Romantik ein zentrales Motiv war. 2
Kurz gefasst handelt die Novelle von dem jungen Dichter Florio, der sich am Scheideweg seines Lebens für eine von zwei antagonistischen Lebensweisen entscheiden muss: Wollust und Heidentum oder Frömmigkeit und Christentum. Als Begleiter auf seinem Weg fungieren Fortunato und Bianka als Vertreter des Christentums und gegensätzlich dazu Donati und Venus als Vertreter des Heidentums. „Eichendorff zufolge war das antike Weltgefühl geprägt durch eine Bejahung und Verherrlichung des Sinnlichen.“ 3 Diese irdischen Gelüste werden in der Figur der Venus verkörpert, die versucht, Florio auf die dunkle Seite zu locken. Wenn dieser sich zwischen den beiden Seiten entscheiden muss, „so geht es nicht nur um den Gegensatz von Gesittung und Ausschweifung, sondern auch um den übergreifenden Kontrast von Christen- und Heidentum.“ 4 Es ist ein „Kampf der Mächte des Lichtes und der Finsternis um die menschliche Seele, welche sich schließlich dem Guten zuwendet“ 5 .
Gegenstand dieser Arbeit ist zum Ersten eine Analyse der beiden Seiten, für die Florio sich entscheiden kann. Dies geschieht anhand von Darstellungen und Analysen der verschiedenen Charaktere, die maßgeblich an Florios Entwicklung beteiligt sind. Zum Zweiten werden in vergleichender und interpretierender Weise die beiden Welten des Christen- und Heidentums gegenübergestellt, indem auf Raumkonzeption und verschiedene Motive eingegangen wird. Im dritten Teil rückt der Protagonist selbst in den Mittelpunkt, wobei hier sein Weg des Erwachsenwerdens und der Erkenntnis zentrales Thema ist. Zum Schluss dieser Arbeit wird das Ende der Novelle in kritischer Weise betrachtet.
2. Verkörperung des Christentums 2.1 Fortunato, der Retter
Die erste Figur, durch die im Marmorbild das Christentum verkörpert wird, ist der Sänger Fortunato. Sein Name kommt von lat. fortuna und bedeutet ‘der Glückliche‘. Eine mögliche Folgerung, aus christlicher Sicht, wäre auch, dass der Name Fortunato von Venantius Fortunatus abgeleitet ist. Dieser war ein spätantiker Dichter, der seine Ausbildung in Ravenna genoss und um ca. 600 n. Chr. zum Bischof von Poitiers ernannt wurde. 6
Gleich zu Beginn der Novelle, als Fortunato auf Florio trifft, wird sein Gottesglaube sichtbar, indem er sagt: „Jeder lobt Gott auf seine Weise“ (M 31). Er ist, im Gegensatz zu Florio, derjenige, der einen klaren Blick für die Welt besitzt, der eine gewisse Reife bereits erlangt hat und der irdische Gelüste von wahren Tugenden unterscheiden kann. Daher ist der christliche Sänger auch in der Lage, den unwissenden und unreifen Florio vor den verlockenden Klängen des zauberischen Spielmannes zu warnen.
Die erste prägnante Szene ist Fortunatos erstes Lied, das er mit „frommklaren Augen“ (M 36) der Gesellschaft vorträgt. Das Lied ist geteilt in zweimal zehn Strophen zu jeweils vier Versen, wobei die beiden Teile im Gegensatz zueinander stehen, was bereits dadurch gekennzeichnet ist, dass sich ab der Hälfte „Weise und Ton [ändern]“ (M 38). Im ersten Teil sind die Strophen den heidnischen Göttern Bacchus und Venus gewidmet, die als göttlich und froh charakterisiert werden. Der zweite Teil beschäftigt sich schließlich mit dem christlichen Gott, dem „Jüngling vom Himmel“ und endet mit den beiden Versen „Der Himmel ist offen,/ Nimm, Vater, mich auf!“ (M 40) Dass im ersten Teil die heidnische Götterwelt von Fortunato beschönigt wird, wirkt auf den ersten Blick befremdlich, da er doch eigentlich der christlichen Religion zugetan ist. Vergleicht man jedoch die erste Strophe dieses Liedes mit der Anfangsszene, als Florio auf Fortunato trifft, so drängt sich der Verdacht auf, dass der Sänger nicht von sich selbst, sondern von Florio spricht. 7 Mit diesem Lied stellt er Florio indirekt vor die Wahl: widmet dieser sich den heidnischen Göttern oder dem christlichen Gott. Da der Gesang mit
der Hinwendung zum Christentum endet, bekommt der Leser zum einen den Eindruck, als hätte diese Religion schon im Vorfeld die heidnische Götterwelt verdrängt und zum zweiten, als würde er bereits erahnen, für welche Religion sich Florio am Schluss entscheiden wird. „Durch […] Lieder […] weist sich Fortunato als frommer Poet aus, als Künder Gottes“ 8 . Doch zunächst zeigt Fortunatos sangesvolle Belehrung über Heidentum und Christentum auf den jungen Dichter keine Wirkung; er verfällt der antiken Götterwelt, was in Punkt 3 noch näher erläutert wird.
In mehreren weiteren Szenen versucht Fortunato Florio auf den rechten Weg zurück zu holen, „er ist immer zur Hand, wenn Florio in Gefahr kommt“ 9 . Sei es in spottender Art und Weise, nachdem Florio der Venus zum ersten Mal begegnet ist oder indem er ihm, nach einem Treffen mit Donati, „wie ein Bote des Friedens“ (M 55) erscheint. Auch beschert er ihm ein Wiedersehen mit Bianka auf einem Maskenball, doch Florio befindet sich bereits im Bann der Venus und verschmäht die Liebe des Mädchens.
Im Höhepunkt der Novelle „ruft Fortunato dem Freund das Ausmaß der Gefahr ins Bewußtsein[!]“ 10 , indem er ein „altes frommes Lied“ (M 70) singt. „Es ist der Dichter Fortunato, der Florio vor dem Selbstverlust an die Vorspiegelungen seiner übermäßigen Phantasie bewahrt.“ 11 Letztendlich schafft er es somit doch, Florio aus dem dämonischen Schloss der Venus heraus zu führen und ihn so vor einer Sünde zu bewahren 12 .
2.2 Bianka, der Inbegriff der Mutter Gottes
Das Mädchen Bianka ist der zweite Charakter, der das Christentum verkörpert. Bereits ihr Name, von ital. bianca ‘die Helle‘ deutet den Gegensatz zur dunklen und dämonischen Mythologie an.
Zum ersten Mal taucht sie in einem Kreis „sittige[r] Frauen“ (M 33) auf, während sie mit anderen Mädchen Ball spielt. Das Attribut ‚sittig‘ wirkt bereits hier als starker Kontrast zur späteren Konkurrentin und Gegenspielerin Venus. Als der Ball, wie vom Schicksal geführt, vor Florios Füße rollt, tritt sie ihm verneigend und errötend entgegen. Am selben Abend noch wird sie von Florio geküsst und scheint recht verliebt in ihn zu sein, denn sie „[ließ] es willig geschehen“ (M 36).
Das nächste Mal begegnet Florio ihr auf einem Maskenball, bei dem sie „in griechischem Gewande leicht geschürzt, die schönen Haare in künstliche Kränze geflochten“ (M 57) auf ihn zukommt. T. Sauter Bailliet hält diese griechische Verkleidung und schon den Maskenball an sich in einer so christlichen Gesellschaft für widersprüchlich, denn mit Masken assoziiert man für gewöhnlich Täuschung und Scheinwelt. 13 Doch vielleicht wollte Eichendorff damit nur andeuten, dass Florio, obwohl er sich gerade im Umfeld der ‚wahren Religion‘ befindet, dennoch nicht in Sicherheit ist, sondern in höchster Gefahr schwebt.
Als Zeichen ihrer tiefen Zuneigung schenkt Bianka Florio eine Rose, doch sie merkt recht schnell, dass nicht sie es ist, in die sich Florio verliebt hat. Als er ihr berichtet, dass er Lucca verlassen wird „zerpflückt [sie] die trügerischen Blumen, die sie bis jetzt wie einen Brautkranz aufbewahrt“ und „weinte aus Herzensgrunde“(M 66).
Erst als Florio durch Fortunato vor der heidnischen Göttin gerettet wird, gewinnt Bianka für ihren Geliebten wieder an Bedeutung. Verkleidet als „zierliche[r] Knabe“ (M 81), also vollkommen entsexualisiert, entdeckt Florio seine wahre Liebe für das Mädchen. Die ganze Erzählung über ist Bianka stets - im Gegensatz zu Fortunato - passiv und mischt sich nie direkt in Florios Leben ein. Und selbst am Ende, als er sich schließlich für sie entscheidet, reitet sie „in freudiger Demut, als verdiene sie solche Gnade nicht, mit niedergeschlagenen Augen, schweigend
Arbeit zitieren:
Stefanie Pokorny, 2009, Christentum vs. Heidentum in Eichendorffs "Das Marmorbild", München, GRIN Verlag GmbH
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