Maria Montessori: Pädagogisches Konzept und deren praktische Umsetzung 2
Als Maria 12 Jahre alt war, zog sie mit ihrer Familie nach Rom, um eine bessere Schulausbildung zu erhalten. Maria drängte ihre Eltern, sie auf die technische Schule für Jungs gehen zu lassen, da sie ein großes Interesse für Mathematik hegte und Ingenieur werden wollte. Sie wechselte später aber zunächst auf Biologie und wollte schließlich Medizin studieren. Ein Medizinstudium war jedoch für Frauen verboten. Nach hartem Widerstand wurde sie schließlich als erste Frau zum Medizinstudium zugelassen. 1896 promovierte als erster weiblicher Doktor der Medizin im Alter von nur 26 Jahren. Erst jetzt wurde das Verhältnis zu ihrem Vater wieder besser, der sie nun endlich in ihrer Rolle als selbstbestimmte und selbstbewusste Frau akzeptierte.
Mit Abschluss des Studiums führte Montessori ein von der Öffentlichkeit geprägtes Leben. Unter anderem wurde sie ausgewählt, um als Delegierte an diversen Kongressen für Frauen in Deutschland und London teilzunehmen. Ihre Auftritte wurden von der internationalen Presse mit Interesse verfolgt. „Dieses Detail der Biographie verdient nur deshalb Erwähnung, weil es den Beginn einer lebenslangen Einflußnahme auch auf die politisch Mächtigen markiert.“ 2
Ihre erste Anstellung trat sie in einer Nervenklinik an, wo sie mit geistig zurückgebliebenen arbeitete. Dabei kombinierte sie die physische Behandlung der Kinder mit bestimmten pädagogischen Mitteln. Sie hatte erkannt, dass der psychische Zustand von Kindern immer mit der pädagogischen Behandlung zusammenhängt. 3 Dabei ging es Montessori um eine senso-motorische Schulung, die sie mit Hilfe von unterschiedlichen Übungsmaterialien vornahm.
Nach nur zwei Jahren gab sie ihre Anstellung in der Nervenklinik auf. Diese Entscheidung stieß bei vielen Menschen in ihrem Umfeld auf Fragen und Spekulationen über eine mögliche Schwangerschaft mit einem Arbeitskollegen, die sie geheim halten wollte. Sie entscheidet sich für ein Studium der Anthropologie, Psychologie und Erziehungsphilosophie, welches sie wenig später abschließt.
Am 06.01.1907 eröffnete sie ihr erstes Kinderhaus „Casa die Bambini“. „Mit Casa verbindet sie all das, was wir im Deutschen ausdrücken, wenn wir von unserem Zuhause also einem
2 Hebenstreit, Sigurd, Maria Montessori. Eine Einführung in ihr Leben und Werk, Herder Verlag (Hg.),
Freiburg, 1999, S. 23
3 Standing, Mortimer, Maria Montessori. Leben und Werk, Lit Verlag (Hg.), Münster, 2009, S.26
Maria Montessori: Pädagogisches Konzept und deren praktische Umsetzung 3
Heim sprechen […].“ 4 In dieser Zeit machte sie auch eine der wichtigsten Erfahrungen, die ihre späteren Lehren entscheidend beeinflussen sollte: Die Polarisation der Aufmerksamkeit. Montessori erkannte, dass für Kinder vor allem eine bereits vorbereitete Lernumgebung für Kinder sehr förderlich war. Dazu zählten eine Auswahl senso-motorische Materialien, aus denen die Kinder frei wählen konnten. Jedem Kind wurde ein Höchstmaß an Eigenverantwortung zugesprochen. „Es gilt die Bedingungen einer geeigneten Umgebung herauszufinden, es gilt das notwendige Entwicklungsmaterial zu konzipieren und herzustellen, und es gilt die Aufgabe der Erzieherin im Erziehungsprozeß neu zu bestimmen. Mit dieser Dreiheit von Umgebung, Material und Erzieherin ist die Grundlage für eine neue Pädagogik gegeben, die es in der Öffentlichkeit zu propagieren und auszuweiten gilt.“ 5 Und das Interesse der Bevölkerung an Montessoris neuem pädagogischen Ansatz wuchs und so eröffneten in den darauffolgenden Jahren weitere Kinderhäuser. In ihrem 1909 erschienenen Buch „Il Metodo della Pedagogica Scientifica applicato all´educazione infantile nelle Case die Bambini“ schildert sie ihre gemachten Beobachtungen und geht auf ihre sich daraus ableitenden pädagogischen Methoden ein.
Während des zweiten Weltkrieges wurden viele ihre Einrichtungen geschlossen, besonders in Italien und Deutschland, die die alternative Erziehungsmethode nicht mit ihrem ideologischen Herrschaftsbild in Einklang bringen konnten. In dieser Zeit befand sich Montessori in Indien und trieb ihre Studien weiter voran. Zusätzlich bildete sie Lehrer aus, insgesamt mehr als 1000 in 7 Jahren.
Mit 75 Jahren kehrte sie nach Italien zurück. Sie verstarb schließlich am 06.05.1952 im holländischen Nordwijk aan Zee. 6
4 Hebenstreit, Sigurd, Maria Montessori. Eine Einführung in ihr Leben und Werk, Herder Verlag (Hg.),
Freiburg, 1999, S. 32
5 Hebenstreit, Sigurd, Maria Montessori. Eine Einführung in ihr Leben und Werk, Herder Verlag (Hg.),
Freiburg, 1999, S. 35
6 Frey, Andreas; Heinz, Petra; Krömmelbein, Stefan, Maria Montessori und ihre Pädagogik, Verlag empirische
Pädagogik (Hg.), Landau, 2007, S. 5ff
Maria Montessori: Pädagogisches Konzept und deren praktische Umsetzung 4
3. Das Model Montessori: Pädagogisches Konzept und deren Umsetzung 3.1 Entwicklung 3.1.1 Entwicklungsstufen
Montessori gliedert die Entwicklung eines Kindes in 3 unterschiedliche Phasen. (0-6 Jahre, 6-12 Jahre und 12-18 Jahre).
Phase 1 (0-6 Jahre): Für Montessori ist diese Phase die wichtigste. Das Kind entwickelt in dieser Zeit seine Persönlichkeit und zeigt erste Fähigkeiten auf bestimmten Gebieten. Nach Montessori ist dieser Phase eine zweiten embryonalen Wachstumsphase gleichzusetzen, in der sich geistigen Fertigkeiten entwickeln. Im Gegensatz zu einem Erwachsenen filtert das Kind seine Umwelt nicht, sondern nimmt alle äußeren Einflüsse in sich auf. Diese äußeren Einflüsse tragen entscheidend zur Persönlichkeit des Kindes bei. Pädagogische Erziehung: Kinder sollen lernen, Dinge zu beobachten und Bewegungen nachzuahmen bzw. den Bewegungsradius zu vergrößern. Zudem geht es um die Verbesserung von Sprache. Die Sinne sollten überprüft und geschult werden und das Verständnis für die Umwelt erweitert werden. Dazu empfiehlt sich Sinnesmaterial und Übungen des praktischen Lebens. 7
Phase 2 (6-12 Jahre): Montessori bezeichnet diese Phase der Entwicklung als „Labile Phase“. „In dieser sensiblen Periode ist das Kind weiterhin besonders empfänglich auf äußere Reize und im besonderen Maße dazu fähig sich intensiv mit einer Beschäftigung auseinanderzusetzen und diese konzentriert anzugehen. Voraussetzung hierfür ist, dass sich das Kind für die Tätigkeit begeistern kann. Währenddessen wird es auch nicht von anderen Einflüssen der Umwelt abgelenkt und kann einen Erkenntnisprozess durchlaufen, der schließlich zu einer positiven Beeinflussung der Persönlichkeit des Kindes führt, so Montessori.“ 8 Ziel in dieser Phase ist es also, den Kindern eine Beschäftigung anzubieten, die genau ihren Bedürfnissen entspricht. Die Folge ist ein Höchstmaß an Konzentration und ein daraus resultierender Lernerfolg. Am Ende dieses Entwicklungsprozesses steht zudem eine positive Persönlichkeitsentwicklung.
7 Eckert, Ela; Montessori, Mario; Montessori, Maria, Kosmische Erziehung. Vision und Konkretion,
Klinkhardt Verlag (Hg.), Bad Heilbrunn, 2001
8 Vgl. dazu: http://montessori-material.info/entwicklungsphasen.html (aufgerufen am 28.12.2009, Verfasser:
Frank Hellmann)
Maria Montessori: Pädagogisches Konzept und deren praktische Umsetzung 5
Aus der Tatsache, dass Kinder immer den Drang verspüren, Dinge zu berühren, sie zu riechen oder sie zu schmecken, leitet Montessori den Schluss ab, dass Kinder den Zugang zu Wissen leichter über ihre Sinne finden als über die abstrakte Theorie. Die Begriffe „Greifen“ und „Begreifen“ stehen also im engen Zusammenhang während eines Entwicklungsprozesses. In der Konsequenz entwickelt Montessori Materialien, die sich speziell auf diese Bedürfnisse einstellen, also die Sinne der Kinder stimulieren. So können Kinder Zahlen habtisch wahrnehmen, wenn sie z.B. Perlenreihen (mehr dazu unter Punkt 2.3.1) fühlen. Dadurch bekommen sie im wahrsten Sinne des Wortes ein „Gefühl“ für Mengen, auch wenn sie noch nicht zwischen 100 und 1000 unterscheiden können. Pädagogische Erziehung: Inhalte dieser Phase sind eine ganzheitliche Erzeihung des Kindes, individualisierte Vermittlung von Wissen und die Verknüpfung von theoretischer und praktische Arbeit. Dabei treffen verschiedene Altersgruppen aufeinander, um zusätzlich das Sozialverhalten zu schulen, also das Verantwortung-übernehmen für Jüngere. Die Eigenverantwortlichkeit jedes Kindes geht dabei über die Grenzen der Schule hinaus und sollte sich zu Hause fortsetzen. 9
Phase 3 (12-18 Jahre): In dieser Phase werden Kinder bzw. Jugendlich mit vielen physischen und psychischen Veränderungen konfrontiert. Die Pubertät setzt ein, Hormone und Gefühle führen zu Verunsicherung. Das Streben nach Anerkennung innerhalb der Familie, der Klasse und des Freundeskreises führt zu Problemen. Montessori will diesen Schwierigkeiten entgegen wirken, indem sie das Selbstvertrauen der Jugendlichen stärkt, ihnen das Gefühl von Halt und Schutz gibt. Der Drang nach sozialer Verantwortung, nach wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Anerkennung bestimmt das Leben in dieser Phase und wird deshalb zum zentralen Thema in Montessoris Pädagogik. Pädagogische Erziehung: Das Bedürfnis nach Selbstständigkeit wächst in der dritten Entwicklungsphase. Diesem Drang sollte man als Lehrer/Eltern nachgeben. Das Kind bzw. der Jugendliche muss lernen, sich seiner Rolle in der Gesellschaft bewusst zu werden. Dazu gehört eine Vertiefung der kosmischen Erziehung und erweitertes produktives Arbeiten. Der Schüler kann Erfahrungswerte bei praktisch-orientierten Tätigkeiten sammeln. Dazu
9 Eckert, Ela; Montessori, Mario; Montessori, Maria, Kosmische Erziehung. Vision und Konkretion,
Klinkhardt Verlag (Hg.), Bad Heilbrunn, 2001
Maria Montessori: Pädagogisches Konzept und deren praktische Umsetzung 6
gehören z.B. Erlebnisse auf einem Bauernhof, in einem Geschäft oder einem Dienstleistungsunternehmen. 10
3.1.2 Die sensiblen Phasen
In einer sensiblen Phase sind Kinder besonders aufnahmefähig für gewisse Reize aus der Umwelt. Es ist in dieser Phase in der Lage, gewisse Verhaltensmuster und/oder Fähigkeiten (Erwerb von Bewegungsabläufen, motorischen Fähigkeiten und das Lernen und verfestigen der Sprache) schnell und dauerhaft zu erlernen. „Der holländische Gelehrte de Vries entdeckte die Empfänglichkeitsperioden bei den Tieren, und uns gelang es in unseren Schulen dieselben sensiblen Perioden auch in der Entwicklung der Kinder festzustellen und den Zwecken der Erziehung nutzbar zu machen. Es handelt sich um besondere Empfänglichkeiten, die in der Entwicklung, daß heißt im Kindesalter der Lebewesen auftreten. Sie sind von vorübergehender Dauer und dienen nur dazu, dem Wesen die Erwerbung einer bestimmten Fähigkeit zu ermöglichen. Sobald dies geschehen ist, klingt die betreffende Empfänglichkeit ab.“ 11 Bietet man also einem Kind zum richtigen Zeit den richtigen Impuls, gelangt das Kind zu einer tiefen Konzentration. Ein entscheidender Faktor ist dabei die vorbereitete Umgebung, die das Kind braucht, um effektiv zu lernen. Wenn man den Zeitpunkt einer sensiblen Phase verpasst, werden entsprechende Lerninhalte zu einer späteren Zeit nicht mehr so intensiv und leicht gelernt, sondern immer nur in Verbindung mit mehr Anstrengung und Willen. Es ist nur schwer möglich, anschließend eine Fertigkeit so gut zu erlernen wie man es in der jeweiligen sensiblen Phase hätte tun können.
3.2 Die Polarisation der Aufmerksamkeit
Bei diesem Phänomen konzentriert sich die Aufmerksamkeit eines Kindes intensiv auf einen von ihm gewählten Bereich. Dabei wird die Umwelt außenherum komplett vergessen bzw. ausgeblendet. Diese tiefe Konzentration führt zu erstaunlichen Lernergebnissen, und das, ohne dass Erwachsene regulierend eingreifen müssten. Einfache Beispiele sind Kinder, die mit Legosteinen ein Fahrzeug oder ähnliches bauen. Sie können sich stundenlang in
10 Eckert, Ela; Montessori, Mario; Montessori, Maria, Kosmische Erziehung. Vision und Konkretion,
Klinkhardt Verlag (Hg.), Bad Heilbrunn, 2001
11 Montessori, Maria, Kinder sind anders. DT Verlag (Hg.). München, 1999, S. 47
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Joachim Schwarz, 2010, Maria Montessori: Pädagogisches Konzept und deren praktische Umsetzung, München, GRIN Verlag GmbH
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