Einleitung 3
1. Kleist und seine Zeit 4
2. Gliederung der Novelle 5
3. Anmerkungen zur Talidylle 6
4. Ein auktorialer Erzähler? 7
5. Figurenbestand und Redesituationen 7
6. Erwähnenswertes zu den Figuren 9
7. Aufnahme in die Menschenfamilie und falsche Schlußfolgerung 10
8. Das Paradoxe von Rettung und Vernichtung 11
9. Einstellung des Talerlebnisses zur christlichen Paradiesvorstellung 13
10. Analogie zur Französischen Revolution 14
11. Nachwort 17
12. Literaturverzeichnis 18
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Einleitung
Diese Arbeit setzt sich mit dem mittleren Abschnitt der Novelle „Das Erdbeben in Chili“ von Heinrich von Kleist auseinander. Diesen Abschnitt benenne ich „die Talidylle“ aus Gründen, die an geeigneter Ort und Stelle ausführlich erläutert werden.
Dabei soll u. a. untersucht werden, ob der Ablauf der Geschehnisse im mittleren Teil eindeutig und der Ausgang der Geschichte zu erwarten waren. Dabei wird die Erzählstruktur auch unter die Lupe genommen.
Im Mittelpunkt des ersten Kapitels werden Kleists Leben und Werk sowie die wichtigsten Umwälzungen in seiner Epoche stehen. Hier finden auch die Beweggründe Berücksichtigung, die Kleist dazu brachten, eine solche Erzählung wie „Das Erdbeben in Chili“ zu schreiben.
Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit der Gliederung von „Das Erdbeben in Chili“ und geht auf das ein, was im Rahmen des Verständnisses des Mittelteils relevant ist. Das dritte Kapitel beleuchtet die Einteilung der Handlung im mittleren Teil sowie die Funktion dieses Abschnittes in der Novelle.
Im vierten Kapitel wird sowohl auf die Erzählsituation, als auch auf den Erzählstil eingegangen.
Das fünfte Kapitel behandelt den Figurenbestand und die Redesituationen im Mittelteil.
Im sechsten Kapitel werden die wichtigsten Figuren in Tal analysiert. Das siebte Kapitel beginnt mit der gütigen Aufnahme der Liebenden von der Familie Don Fernandos. Darüber hinaus werden auch die Umstände dargestellt, unter denen das Paar zu einer falschen Interpretation des Geschehens kommt. Das achte Kapitel behandelt sowohl gegensätzliche Symbole, als auch andere Methoden, die der Autor benutzt, damit sich der Leser der Ungewissheit des Zustandes bewußt wird.
Das neunte Kapitel beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit der Zustand in Tal eine Ähnlichkeit mit der christlichen Paradiesvorstellung hat. Das zehnte Kapitel behandelt die Bezüge der Handlungen in Tal zur Französischen Revolution.
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1. Kleist und seine Zeit
Die Erzählung „Das Erdbeben in Chili“ wurde 1807 zum ersten Mal in Cottas „Morgenblatt für gebildete Stände“ veröffentlicht. Ihr ursprünglicher Titel lautete „Jeronimo und Josephe“. Ihr Autor Heinrich v. Kleist wurde am 18. 10. 1777 in Frankfurt an der Oder geboren und beging am 21.11.1811 Selbstmord am Wannsee, Berlin.
Kleist war ein Liberaler, der eine von Staats- und Regierungsinteressen unabhängige politische Position vertrat und in seiner Zeitung ebenso Gegner wie Verteidiger der Stein - Hardenbergschen Reformen zu Wort kommen ließ.
In seinem Werk äußert sich ein leidenschaftlicher Drang zum Unbedingten, der aber nicht mehr von dem letztlich harmonisch und rational begründeten Weltbild der Weimarer Klassik getragen ist, sondern sich gegenüber den Wirren der trügerischen Welt nur auf die Intensität des sich schmerzhaft klärenden eigenen Gefühls beruft und schließlich in der Idee einer gerechten Obrigkeit eine mit der Wirklichkeit versöhnende Lösung des tragischen Zwiespalts findet.
Die Zeit brachte viel Energie auf für die Bildung eines tugendhaften Bürgersubjekts für eine schöne, neue, egalitäre Welt. Es war das Zeitalter Rousseaus und der Französischen Revolution.
Rousseau behauptete, die natürlichen Eigenschaften des Menschen, Gefühl und Gemüt haben sich durch die übermäßige Bevorzugung des Verstandes zurückgebildet. Der Mensch müsse wieder werden, wie er gewesen sei, zurückkehren zum Naturzustand.
Kleists Auffassungen waren vom aufklärerischen Denken geprägt. Er und seine Generation wurden in ihre Denkweise von den Theorien Rousseaus und Herders beeinflußt, die von Goethe in die Praxis umgesetzt wurden. Diese eröffneten eine ganz neue Dimension der Erkenntnis. Kern der Neuentdeckung war die Auffassung der Natur als ein lebendiger Organismus, als ein Spiel dynamischer Kräfte, in deren Widerstreiten die Entwicklung und der Fortschritt basieren. Nicht nur die Ideen Rousseaus sind von dieser Zeit nennenswert. Um die Fürstenhöfe oder Mäzenatentümer bildete sich Ende des 18. Jahrhunderts die Klassik aus. Es gehörte damals zum Begriff, daß sich Gehalt und Gestalt am Beispiel der antiken Dichter entfalten, daß Maß und Form vor Neuheit und Kraft gehen. Es war die Zeit der Freundschaft und Zusammenarbeit Goethes und Schillers in Weimar. Zu dieser Zeit entwickelte sich auch die Romantik. Ihre jungen Dichter rieben sich an den Spätaufklärern und bald auch an den Klassikern bis zur Feindseligkeit. Die Romantiker entwickelten ein kompliziertes und universales naturmagisches Gedankengebäude, daß sich an der Philosophie Kants orientierte. Kennzeichen der Romantik waren Spracheinfachheit und Volksnähe, Ideen von Volksgröße und nationaler Einheit.
Kleists Ziel war es, größter Dichter seiner Nation zu werden. Seine Schriften ließen sich weder dem Weimarer Klassizismus noch der Berliner Romantik zuordnen. Sein
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häufigstes Thema war der Trotz gegenüber sozialen Ächtungen und Regelungen in Geschlechtsfragen, einschließlich der Überschreitungen von Rassen- und Klassengrenzen.
Daß sich Kleist mit dem Thema des Erdbebens beschäftigt, hängt zum Teil mit dem Lissaboner Erdbeben vom 1.12.1755 zusammen, dessen Auswirkungen mit denen der Französischen Revolution vergleichbar sind. Er steht mit dieser Erzählung in der Tradition der philosophischen Auseinandersetzung um das Theodizeeproblem, die sich u. a. anläßlich des katastrophalen Erdbebens von Lissabon 1755, das in der Geschichte des 18. Jahrhunderts ein Weltereignis darstellte, neu entspann. Die rationalistische Diskussion der Frage nach dem Dasein und Wesen Gottes, und des Verhältnisses zwischen der seit Leibniz eingeführten Kategorie des natürlichen und moralischen Übels wurde vor allem zwischen Rousseau und Voltaire geführt. Kleist ist jedoch weit davon entfernt, eine Lösung anzubieten und steht damit nicht in der Tradition der „contes moreaux“ bzw. „contes philosophiques“ im Frankreich des
18. Jahrhunderts.
Er nannte seine Erzählung nicht Novelle, weil dieser Name in Deutschland erst in der Jahrhundertwende aufkam. Er wurde motiviert für das Schreiben durch Kants 1756 erschienene „Geschichte der Naturbeschreibung der merkwürdigsten Vorfälle des Erdbebens“.
2. Gliederung der Novelle
„Das Erdbeben in Chili“ ist gegliedert in mehreren einander überlagernden Geschichten: eine physikalische Geschichte von den zerstörerischen Folgen der Spannungen im Erdinnern, eine anekdotisch - private vom Glück und Unglück zweier Liebender, eine politische von der Erschütterung gesellschaftlicher Ordnungen und eine metaphysische Geschichte von göttlicher Gnade und Vergeltung.
Ort des Vorfalls ist Santiago, die Hauptstadt des Königreichs Chile während dem Erdbeben vom Jahre 1647. Die Mitteilung des Geschehens erfolgt 1807 in Tübingen. Die Erzählung ist in drei deutlich voneinander abgesetzten Teile gegliedert. Sie spiegelt das triadische Modell wieder, das Kleist und den Zeitgenossen vertraut war. Durch die Anziehungskraft seiner Bilder sowie durch verschiedene erzähltechnische Mittel vermittelt der Text den Eindruck von Glaubhaftigkeit des Wunschbildes, suggeriert aber gleichzeitig, daß es als illusionär zu bewerten ist. Die Naturkatastrophe und das wüste Gemetzel sind als die einrahmenden Seitenflügel, und die idyllische Szene in Tal als Mittelbild empfunden worden. Dieser Gliederung steht Kleists eigene Gliederung entgegen. Auch er gliedert die Erzählung in drei Teile, aber nicht nach dem Geschehen, sondern zeitlich. Ohne jegliche Abschnittseinteilung eilt die Geschichte weiter, und der erste Teil schließt neben dem verwüstenden Erdbeben das Wiederfinden und das Glück der beiden Liebenden ein. Es ist die „schönste Nacht, voll wundermilden Duftes, so
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silberglänzend und still“ und „die Nachtigall flötet in Wipfel ihr wollüstiges Lied“. Diese Welt, entgegengesetzt zu dem Bild der Zerstörung, bezeichnet Conrady „einen märchenhaften Raum des Heilen“. Der zweite Teil beginnt: „Als sie erwachten, stand die Sonne schon hoch am Himmel“, und nun werden die beiden mit viel Güte und Freundlichkeit in die Gesellschaft Don Fernandos aufgenommen. Der dritte Absatz setzt dann mit „Inzwischen war der Nachmittag herangekommen...“ ein, und obwohl Vorahnung und Beklemmung deutlich werden, fühlen Jeronimo und Josephe sich doch zunächst noch geborgen im Kreise ihrer neuen Freunde. Die klare Einteilung von Naturkatastrophe - Idyll an der Talquelle - menschliche Katastrophe entspricht also nicht Kleists eigenen, gewiß nicht mit Willkür gesetzten Einschnitten. Den Ausgangspunkt der Geschichte können wir als „Liebe eines Hofmeisters zu einer reichen Tochter“ bezeichnen, wobei zu bemerken ist, daß die Rollen und Positionen in der Gesellschaft, nicht aber die Individuen an sich wichtig sind. Der Abschnitt wird durch zwei Höhepunkte überschattet. Erstens: die Naturgewalt vernichtet Chile und errettet zwei Liebende. Zweitens: die Liebenden kommen um durch Lynchjustiz.
3. Anmerkungen zur Talidylle
In diesem zweiten Teil der Erzählung formulieren die Liebenden unter einem „Granatapfelbaum“ sitzend, ein narratives Programm, das sie am Ende des Abschnitts, unter „den schattigen Lauben des Granatwaldes“ wandelnd, zugunsten eines anderen aufgeben.
Das, was sich hier ereignet, artikuliert sich über fünf Phasen: a. Aufnahme in der Familie Don Fernandos; b. Schwierigkeiten in der Interpretation dieses Geschehens; c. weitere Integration der Familien, die in der verzeihenden Geste Donna Elviras gegenüber Josephe kulminiert; d. endgültige Reinterpretation der Lage; e. Reformulierung des Programms: statt zu fliehen, werden die beiden nun um Vergebung bitten.
In dem Abschnitt der Talidylle wird seitens des Autors der paradiesische Zustand der Überlebenden des Erdbebens der Richterrolle und dem religiösen Fanatismus der Massen im vorherigen sowie im nachfolgenden Abschnitt gegenübergestellt. Die Hauptfiguren in dieser Szene und in der gesamten Geschichte sind Jeronimo und Josephe, wobei man sagen muß, daß Jeronimo sowohl im Tal als auch in der Dominikanerkirche stark im Schatten Don Fernandos steht, der seine bisherige Position übernimmt. Außer dem schon besagten Don Fernando treten auf Philipp, Jeronimos und Josephes Sohn, Donna Elvire, Don Fernandos Gemahlin, Don Pedro, sein Schwiegervater, sowie Donna Elisabeth. Die übrigen Figuren, auch Überlebende des Erdbebens, werden nicht näher ausgestattet.
Die Unschuld und Heiligkeit der Liebe von Josephe und Jeronimo bildlich zu vereindringlichen, ist die zentrale Funktion der lieblichen Ruheszene in Mittelpunkt der schreckensgespenstischen Novelle: eine Sphäre der Ruhe, Schönheit und reinen Liebe, der „Seligkeit als ob es das Tal von Eden gewesen wäre“.
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Arbeit zitieren:
Visar Nonaj, 2000, Die Talidylle in Kleists "Erdbeben in Chili", München, GRIN Verlag GmbH
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