Inhaltverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Einführung in die Theorie der Postmoderne 4
3. Intertextualität - Einführung in die Debatte 6
3.1. Die Intertextualität im Werk Patrick Süskinds 7
3.1.1. Literarisch-philosophische Vorlagen 8
3.1.2. Historische Vorlagen 10
3.2. Die Funktion der Intertextualität 11
3.2.1. Das Verhältnis des Romans zur Aufklärung 11
3.2.2. Die Rolle von Künstler und Kunst in der Postmoderne 13
4. Fazit 15
5. Bibliographie 17
Anhang :
Intertextuelle Verweise im postmodernen Roman „Das Parfum“ von P. Süskind 19
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1. Einleitung
„Aufklärung und Postmoderne - 200 Jahre nach der französischen Revolution das Ende aller Aufklärung?“ fragte im Jahre 1988 eine Arbeitstagung der Freien Akademie in Wiesbaden. Insgesamt zwölf Sprachwissenschaftler, -philosophen, Soziologen u.a. beschäftigten sich mit dem Ende der Moderne als ein Abgesang auf Vernunft, Subjektivität und Emanzipation als Phänomene der Aufklärung. 1
Seine Antwort auf diese damals noch ungestellte Frage lieferte der Autor Patrick Süskind schon drei Jahre zuvor mit seinem Roman Das Parfum, einem viel gefeierten, mittlerweile in 46 Sprachen übersetzten Bestseller. Seine Gedanken zu Aufklärung und Postmoderne sind allerdings eher zwischen den Zeilen zu suchen, bzw. zwischen den Zitaten. Denn ein Kennzeichnen des aufgrund seines Erfolges durchaus auch als Trivialliteratur bezeichneten Werkes ist die Intertextualität, der Bezug auf andere Werke über Zitate, Anspielungen, Strukturgleichheiten. Welche Funktion trägt nun diese bei Süskind in sehr hohem Maße ausgeprägte Intertextualität? In welchem Verhältnis steht sie zum Zeitalter der so genannten Postmoderne, in welches Das Parfum einzuordnen ist? Und was verrät sie uns über das Verhältnis von Postmoderne und Aufklärung?
Die vorliegende Arbeit möchte am Beispiel von Süskinds Das Parfum Antworten auf diese Fragen finden. Um eine Grundlage für die Analyse des Werkes unter intertextuellen Gesichtspunkten zu schaffen, soll zunächst der Begriff der Postmoderne näher erläutert werden, welcher auf Grund seiner schweren Fassbarkeit auch heute noch viel diskutiert wird. Die sich an diese Diskussion anschließende Intertextualitätsdebatte wird im folgenden Kapitel näher betrachtet, bevor ich zu einer konkreten intertextuellen Analyse des Romans komme. Hier möchte ich sowohl literarisch-philosophische als auch historische Vorlagen Süskinds aufzeigen; zu diesem Zweck habe ich die Forschungsliteratur vor allem von Frizen/Spancken 2 , Freudenthal 3 und Kreuzer 4 untersucht
1 Die vielseitigen Ergebnisse dieser Tagung sind nachzulesen in:
Albertz, Jörg (Hrsg.): Aufklärung und Postmoderne - 200 Jahre nach der französischen Revolution das Ende aller Aufklärung?. Berlin: Freie Akademie 1991.
2 Frizen, Werner; Spancken, Marilies: Patrick Süskind. Das Parfum. München: Oldenbourg 1996.
3 Freudenthal, David: Zeichen der Einsamkeit. Sinnstiftung und Sinnverweigerung im Erzählen von Patrick Süskind. Hamburg: Verlag Dr. Kovac 2005.
4 Kreuzer, Stefanie: Vom genieästhetischen ‚Duften’ und postmodernen ‚Verduften’ der Texte, Figuren und Autoren: Intertextuelle Referenzen in Das Parfum. In: Blödorn, Andreas; Hummel, Christine (Hrsg.):
Psychogramme der Postmoderne. Neue Untersuchungen zum Werk Patrick Süskinds. Trier: WVT 2008.
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und eine Übersicht über alle in diesen Werken genannten intertextuellen Referenzen erstellt.
Das Verhältnis des Romans zur Aufklärung sowie die damit einhergehende Veränderung der Rolle von Künstler und Kunst in der Postmoderne stellen schließlich das Ergebnis meiner Untersuchungen zur Intertextualität in Süskinds Das Parfum dar.
2. Einführung in die Theorie der Postmoderne
Die Debatte über die Postmoderne begann in den 50er und 60er Jahren in den USA und breitete sich durch Philosophen wie Jean-Francois Lyotard 5 und Michel Foucault 6 in den 70er Jahren nach Frankreich aus. In Deutschland fand man schließlich erst in den 80er Jahren Anschluss an diese Debatte.
Bis heute gibt es keine allgemein gültige, anerkannte Definition der Postmoderne; immer noch gilt sie als ein schwer fassbares, teilweise umstrittenes Phänomen. Einige Literaturwissenschaftler bestreiten sogar, dass es in der Moderne je Veränderungen gegeben habe, die die Einführung eines neuen Terminus gerechtfertigt hätten 7 ; wieder andere sprechen schon vom Ende der Postmoderne und einer neu angebrochenen Post-Postmoderne 8 . Trotz aller Diskussionen hat sich der Begriff Postmoderne als eingängiges Schlagwort festgesetzt, welches in erster Linie einen Paradigmenwechsel, d.h. einen Wandel in Denken und Handeln seit der Moderne in unterschiedlichen Bereichen wie Kunst, Literatur oder Architektur bezeichnet. In der Forschung herrscht hierbei Übereinstimmung, dass es nicht die als kulturelle Moderne bezeichneten künstlerischen und literarischen Strömungen des ausgehenden 19. und besonders des 20. Jahrhunderts in Europa sein können, mit denen in der Postmoderne gebrochen werden soll, sondern dass ein Kontrast zur gesamten ‚Neuzeit seit der Renaissance’ 9 hergestellt wird.
5 Lyotard, Jean-François: Das postmoderne Wissen. Ein Bericht. Vollständig überarbeitete Fassung. Graz, Wien: Böhlau 1986.
6 z.B. Foucault, Michel: Archäologie des Wissens. 2. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986.
7 Welsch, Wolfgang: Unsere postmoderne Moderne. 2. Auflage. Weinheim: VCH, Acta Humaniore 1988, S. 12-14.
8 Müller, Hans-Peter: Das stille Ende der Postmoderne. In: Bohrer, Karl-Heinz; Scheel, Kurt (Hrsg.): Merkur. Zeitschrift für europäisches Denken. Juli 1998, Heft 7, S. 975-981.
9 ‚Neuzeit seit der Renaissance: „[…] die mit dem Ende des Mittelalters einsetzende Epochen-Sequenz ‚Moderne’, das heißt: jener Zeitraum, innerhalb dessen sich in der westlichen Kultur das ‚historische Bewusstsein’ ausgebildet hat und dessen temporale Selbstreferenz vom historischen Bewusstsein konstituiert war.“, in:
Gumbrecht, Hans-Ulrich: Postmoderne. In: Müller, Jan-Dirk (Hrsg.): Reallexikon der deutschen
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Dieser Kontrast besteht vor allem durch die postmoderne „[…] Absage an jedwede Totalität. Das Streben nach Ganzheit und Einheit, die Suche nach dem Absoluten und der einen Wahrheit steht im klaren Widerspruch zur postmodernen Konzeption.“ 10 Das Streben nach universeller Wahrheit sowie der Positivismus 11 als das in der Moderne vorherrschende Wirklichkeitskonzept sollen überwunden werden; das Prinzip der totalitären Vernunft in der Gestalt naturwissenschaftlicher Rationalität verliert seine Gültigkeit. Der „moderne“ Versuch, die Welt über eine „aufklärerische“ Herrschaft der Vernunft zu erklären, scheitert aufgrund seiner Einfachheit und angesichts der „rasanten Verkomplizierung des Bildes, das der Mensch von der Welt entwirft.“ 12 . Vielmehr stellt sich die Überzeugung „einer neuen Welt polymorpher Gestalt ein“ 13 , die der Komplexität und rasanten Entwicklung der Menschheit entspricht.
Aufgrund dieser Erkenntnis kommt es zur Entstehung einer neuen Irrationalität, welche vor allem in der Literatur präsent ist. Dem zu Grunde liegt die relativ einfache Schlüsselerfahrung, „daß ein und derselbe Sachverhalt in einer anderen Sichtweise sich völlig anders darstellen kann und daß diese andere Sichtweise doch ihrerseits keineswegs weniger „Licht“ besitzt als die erstere - nur ein anderes.“ 14 Florian Grimm fasst diesen Ansatz mit den folgenden Worten zusammen: „Die Postmoderne ist die Erkenntnis, dass sich beim Versuch, die Wirklichkeit insgesamt zu verstehen, Widersprüche auftun müssen. Und diese Widersprüche beweisen nicht, dass man sich geirrt hat, sondern entsprechen im Gegenteil der Beschaffenheit der Realität.“ 15 Um dieser komplexen, teilweise undurchschaubaren Realität auch in der Literatur gerecht zu werden, beginnen Autoren wie Süskind, „jede eindeutige Referentialisierbarkeit auf eine bestimmte Sicht der Realität“ 16 in ihren Texten zu verweigern, was dazu führt, dass
Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte. 3.Bd. Berlin: de Gruyter 2003, S. 136.
10 Arnold, Katharina: Von Erdäpfeläckerchen und goldenen Flakons. Triviale Elemente in postmoderner Literatur am Beispiel von Robert Schneiders „Schlafes Bruder“ und Patrick Süskinds „Das Parfum“. Marburg: Tectum Verlag 2008, S. 13.
11 Positivismus: seit Mitte des 19. Jahrhunderts; das Ideal der Erkenntnis ist die auf dem Experiment beruhende, in den Naturwissenschaften erstrebte Feststellung von Gesetzmäßigkeiten in mathematischer Form; dieser Typus des Denkens sollte nach Möglichkeit auch in den Geisteswissenschaften verwirklicht werden. Siehe: Rosenberg, Rainer: Positivismus. In: Müller: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, S. 131.
12 Grimm: Florian: Reise in die Vergangenheit, Reise in die Fantasie? Tendenzen des postmodernen Geschichtsromans. Frankfurt a.M.: Internationaler Verlag der Wissenschaften 2008, S.35.
13 Ebd.
14 Welsch, Wolfgang: Unsere postmoderne Moderne, S. 5.
15 Grimm: Reise in die Vergangenheit, S.35.
16 Blödorn, Andreas; Hummel, Christine (Hrsg.): Psychogramme der Postmoderne. Neue Untersuchungen zum Werk Patrick Sükinds. Trier: WVT 2008, S. 5.
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sich auch der Leser „in einer fremden und befremdlichen Textwelt wieder[findet], deren Widersprüche sich nicht ohne Sinnverlust auflösen lassen.“ 17 Dies geschieht durch Strategien, durch die sich die meisten postmodernen Texte auszeichnen; dazu zählen Mehrfachkodierung, eine labyrinthische Erzählweise, Ironie, Autoreflexivität, Intertextualität.
In den folgenden Kapiteln möchte ich mich nun mit der Intertextualität als Element postmodernen Schreibens am Beispiel des Romans Das Parfum näher beschäftigen.
3. Intertextualität - Einführung in die Debatte
Die Theorie der Postmoderne, welche auf dem Gebiet der Kunst die Bedeutungsvielfalt der Realität integrieren will, verlangt, wie in Kapitel 2 beschrieben, nach pluralen, polykodierten Texten. Der französische Philosoph Jaques Derrida forderte gar, dass ein neues Schreiben nötig sei, welches mehrere Sprachen zugleich spricht und mehrere Texte zugleich produziert. 18
Diesem Ruf wird der Begriff der Intertextualität gerecht, welcher auf den Theorien des sowjetischen Literaturwissenschaftlers Michail Bachtin 19 basiert und in den 60er Jahren von Julia Kristeva 20 im Westen verbreitet und weiterentwickelt wurde. In der heutigen Intertextualitätsdebatte müssen zwei Ansätze unterschieden werden: Theoretiker der französischen Gruppe Tel Quel wie Julia Kristeva und Jaques Derrida entwickelten eine allgemeine Texttheorie: „Die von der traditionellen Literaturwissenschaft angenommene Einheit des Textes wird ebenso wie die Instanzen Autor, Subjekt und Werk zugunsten eines textübergreifenden Zusammenhangs, der als Intertext bezeichnet wird, aufgelöst.“ 21 Diese allgemeine Texttheorie verfolgt zugleich literatur- und kulturkritische Ziele: „Literarische Texte gewinnen eine gesellschaftskritische Kraft, weil
17 Ebd. S. 6.
18 Originalzitat : „ Une nouvelle écriture doit en tisser et entrelacer les deux motifs [Anmerk. : les deux formes de déconstruction ]. Ce qui revient à dire qu’il faut parler plusieurs langues et produire plusieurs textes à la foi.“
Derrida, Jacques: Marges de la philosophie. Paris : Les éditions de minuit 1972, S. 163.
19 Laut Bachtin tragen alle Wörter, die wir benutzen, schon Spuren von Intentionen, die andere Sprecher in sie hineingelegt haben. Ein Roman ist demzufolge keine monolithische Einheit, sondern „eine künstlerisch organisierte Redevielfalt, zuweilen Sprachvielfalt und individuelle Stimmenvielfalt.“ Siehe Bachtin, Michail: Die Ästhetik des Wortes. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1979, S. 157.
20 Laut Kristeva ist der Text ein „Mosaik von Zitaten“. Im „Raum eines Textes überlagern sich mehrere Aussagen, die aus anderen Texten stammen und interferieren.“ Siehe Kristeva, Julia: Probleme der Textstrukturation. Köln 1972, S. 245.
21 Kimmich, Dorothee; Renner, Rolf-Günter; Stiegler, Bernd (Hrsg.): Texte zur Literaturtheorie der Gegenwart. Stuttart: Reclam 1996, S. 327.
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Arbeit zitieren:
Elisa Schneider, 2009, ‚Das Ende aller Aufklärung?’ - Das Phänomen der Intertextualität als Spiegel des Verhältnisses von Postmoderne und Aufklärung am Beispiel des Romans "Das Parfum" von Patrick Süskind, München, GRIN Verlag GmbH
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