Vorwort
Die Bemühungen um die Suche und Verbreitung gesundheitsfördernder Maßnahmen rücken auf dem Gebiet der modernen Gesundheitswissenschaften (New Public Health) zunehmend in den Mittelpunkt des Interesses (Höppner, 2008, S. 4; Haisch, 1999). Vor wenigen Jahrzehnten lag der Schwerpunkt der Gesundheitswissenschaften noch in der Präventionsforschung (ebd; Jahn, 2008). Die Erkenntnisse dieser
Forschungsbemühungen sind heutzutage auf verschiedenen Ebenen in unserem Gesundheitswesen wieder zu finden. Als Beispiele können Disease-Management-Programme (DMP) der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) genannt werden, die im Sinne einer Tertiärprävention bei bestimmten Erkrankungen eine
Krankheitsverschlimmerung vermeiden sollen, um so die Lebensqualität der Patienten zu steigern und die Ausgaben der Kostenträger zu senken. Ein weiteres Beispiel ist der sogenannte Präventionsparagraph §20 SGB V Abs. 1-4, der 2000 vom Gesetzgeber beschlossen wurde (BGBl. I S. 1791). Aufgrund dieses Paragraphen können nun seit 2004 zahlreiche Präventionsprogramme in Kindergärten, Schulen, Praxen, Sportvereinen, Volkshochschulen und Betrieben durchgeführt werden.
Präventionsmaßnahmen sind in der Bevölkerung bekannt und beliebt. Speziell der Fachbereich der Physiotherapie profitiert von den Richtlinien, die der Spitzenverbanden der GKV zum §20 SGB V erstellt hat. Die darin beschriebene Kategorie ‘Bewegungsgewohnheiten´ scheint für die Akteure der Physiotherapie wie auf den Leib geschneidert zu sein. Darunter fallen die verschiedenen (und von den Krankenkassen genehmigte und somit bezahlte) Präventionsprogramme für die Prinzipien: Reduzierung von Bewegungsmangel durch gesundheitssportliche Aktivität und Vorbeugung und Reduzierung spezieller gesundheitlicher Risiken durch geeignete verhaltens-und gesundheitsorientierte Bewegungsprogramme, die von Physiotherapeuten 1 in Kursen angeboten werden. Als bekannteste
physiotherapeutische Präventionsmaßnahme ist hier wohl die Rückenschule zu nennen. Seit 1984 wird diese auf US-amerikanischen und skandinavischen Vorbildern basierende strukturierte Präventionsform in Deutschland angeboten (Krämer et al., 2002). Seitdem haben sich mehrere Untersuchungen mit der Effektivität von Rückenschul-Kursen befasst. Die Ergebnisse sind - so wie leider auch die Kursinhalteheterogen und nur als moderat positiv einzustufen (Vatterott & Schlömer, 2004; Waddell, 2004; Wiese, 2009), u. a. weil die Betroffenen diese Maßnahmen eben nicht
1 Die nachfolgend verwendete männliche Form bezieht selbstverständlich die weibliche Form mit ein. Auf die
Verwendung beider Geschlechtsformen wird lediglich mit Blick auf die bessere Lesbarkeit des Textes verzichtet.
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präventiv anwenden, sondern erst bei schon bestehenden (chronischen) Rückenleiden mit der Maßnahme beginnen (Erhard, 2006). Neben der Rückenschule werden von Physiotherapeuten auch Aquagymnastik, Nordic-Walking, Yoga-, Pilates- und ähnliche Kurse im Rahmen des §20 SGB V angeboten.
Die Erweiterung des Gesundheitsverständnisses um das salutogene Model von Antonovsky lenkte in den 1980er Jahren jedoch die Blickrichtung weg von der Ursachenforschung und den Strategien zur Vermeidung krankheitsauslösender Risikofaktoren (= Prävention), hin zur individuellen Ressourcensteigerung
(= Gesundheitsförderung) (ebd.; Schröder, 2008; Hafen, 2007). Eine Ressource, der momentan in Forscherkreisen viel Beachtung entgegengebracht wird, ist das Kohärenzgefühl (sence of coherence, SOC).
Diese Masterarbeit ist eine Weiterführung meiner Diplomarbeit von 2006, in der chronischer Rückenschmerz und niedrige SOC-Werte signifikant miteinander korrelierten. Ich stellte mir damals bereits die Frage, was wohl bei chronischen Rückenschmerzen geschieht, wenn sich das SOC verbessert? Die positive Beeinflussung des SOC könnte eine sinnvolle primordiale Maßnahme 2 und evtl. Behandlung chronischer Bewegungsapparaterkrankungen darstellen. Die Idee der Stärkung des SOC ist in der Medizin allerdings noch relativ jung, zumal erst adäquate Möglichkeiten dafür identifiziert werden müssen. In den mir bekannten Abhandlungen werden ausschließlich soziologische, psychologische, pädagogische, kognitive und z. T. spirituelle Herangehensweisen der SOC-Förderung versucht und untersucht. Zum Teil können einige Methoden positive Veränderungen vorweisen. Es besteht jedoch die Forderung, dies aus einer breiten interdisziplinären Sicht zu betrachten, wobei die physischen Aspekte explizit erwähnt werden (Faltermaier, 2000, S. 186 & 193). Da meine beruflichen Wurzeln in der Physiotherapie liegen, also einer Disziplin die sich als Körperarbeit mit den Zielen der Schmerzlinderung, Mobilitätssteigerung, Muskulaturkräftigung, Bewegungsentwicklung und -kontrolle versteht (WCPT, 1999), lag es nahe, nach berufstypischen Eigenschaften zur SOC-Steigerung zu forschen. Ziel dieser Masterarbeit soll somit sein, die Schnittstellen der Disziplinen Gesundheitsförderung und Physiotherapie zu untersuchen und weiter zu entwickeln. Den Kernpunkt bilden das von Aaron Antonovsky (1979) beschriebene Kohärenzgefühl und dessen Steigerungsmöglichkeiten, durch motorische Aktivitäten. Zu Beginn beschreibe ich die Grundlagen verschiedener in der Untersuchung vorkommender motorischer Aktivitäten und ihren Stellenwert als gesundheitliche Protektivfaktoren.
2 Primordial = Gesundheitsfördernde Maßnahme im Gesundheitszustand (Primärprävention = Krankheitsverhinderung
bei erkennbaren Risikofaktoren) (Fuchs, 2003, S. 42).
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Im zweiten Abschnitt wird das pathogene Gesundheitsmodell vom salutogenen unterschieden. Dabei erhält das salutogene Gesundheitsmodel eine ausführlichere Erläuterung, mit einer Beschreibung der „natürlichen“ Entwicklung des SOC. Weiterhin werden bekannte oder vermutete SOC-Steigerungsmöglichkeiten angesprochen. Die genaue Fragestellung und die Hypothesen, das Untersuchungsdesign, die Erhebungsinstrumente, die Stichprobe, sowie das methodische Vorgehen folgen im dritten Kapitel.
Anschließend werden die Ergebnisse der Untersuchung dargestellt und im fünften Abschnitt durch die Diskussion der Ergebnisse in Bezug auf die Fragestellung diskutiert. Zuletzt folgen eine Schlussfolgerung und ein Ausblick auf die Bedeutung der Ergebnisse für die Physiotherapie.
Das Glück des Lebens besteht nicht darin, wenig oder keine Schwierigkeiten zu haben,
Josef Galert jr. Masterthesis ASH-Berlin
Steigerung des Kohärenzgefühls durch motorische Aktivitäten
Inhaltsverzeichnis
Abk ürzungsverzeichnis. 8
Abbildungsverzeichnis. 8
Tabellenverzeichnis 8
Einleitung. 10
1 Körperlich-sportliche Aktivität 11
1.1 Körperlich-sportliche Aktivität und Gesundheit 12
1.2 Traditionelle Sportarten 16
1.3 Alternativer Sport bzw. Introspektive-Aktivitäten 17
1.4 Physiotherapie 20
2 Gesundheit und Gesundheitsmodelle. 22
2.1 Pathogenetische Modelle. 22
2.2 Salutogene Gesundheitsmodelle 25
2.2.1 HEDE Kontinuum (health-disease continuum) 25
2.2.2 Kohärenzgefühl 26
2.2.3 Stressoren und Widerstandsressourcen. 28
2.2.4 Kohärenzgefühl und Gesundheit. 29
2.2.5 Entwicklung des Kohärenzgefühls. 31
2.2.6 Kritik am Konstrukt Kohärenzgefühl. 33
2.3. Programmierte Steigerung des SOC 34
2.3.1 SOC-Steigerung durch kognitive Maßnahmen 34
2.3.2 SOC-Steigerung durch physische Maßnahmen 37
3 Fragestellung/Hypothesen. 44
3.1 Methode/Forschungsdesign 44
3.1.1 Ethische und datenrechtliche Aspekte. 45
3.1.2 Stichprobe 45
3.2 Variablen/Erhebungsinstrumente 46
3.3 Gütekriterien. 46
4 Ergebnisse. 48
4.1 Allgemeine Beschreibung der Stichprobe 48
6
Josef Galert jr. Masterthesis ASH-Berlin
Steigerung des Kohärenzgefühls durch motorische Aktivitäten
4.2 Erfassung des Kohärenzgefühls zu t1 t2 49
4.3 Erfassung Aktivitätsniveau. 50
4.4 Korrelation SOC und Aktivitätsniveau 52
4.4.1 Gruppenvergleich - Mittelwerte SOC 55
4.4.2 Aktivitätsart. 55
4.5 Lebenszufriedenheit 56
5 Diskussion 57
5.1 Mögliche Messfehler, Fehlerquellen und statistische Verzerrungen 59
5.2 Zukünftige Forschungsbemühungen. 60
6 Schlussfolgerung. 61
6.1 Salutogenese in der Physiotherapie. 61
Literaturverzeichnis. 65
Anhang I (MET Werte) 76
Anhang IIa (Fragebogen zu t1) 78
Anhang IIb (Fragebogen zu t2) 82
7
Abkürzungsverzeichnis BGBL -Bundesgesetzblatt CAWI -Computer Assisted Web Interviewing DAE -Deutsche Arbeitsgemeinschaft Epidemiologie DGSMP -Deutsche Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention DMP -Disease-Management-Programme EbM -Evidence-based Medicine = Evidenzbasierte Medizin GKV -Gesetzliche Krankenversicherung GMDS -Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie HEDE -health-disease continuum = Gesundheits-Krankheits-Kontinuum HEPA -healt-enhancing physical activitys kcal -Kilokalorie (1 kcal = 4,186 Kilojoule (kJ)) MET -metabolic equivalent = metabolisches Äquivalent SAR -Systemische Anforderungs-Ressourcen Modelle SBG -Sozialgesetzbuch SOC -Sence of Coherence = Kohärenzgefühl TCM -Traditionellen Chinesischen Medizin ZVK -Zentralverband für Krankengymnastik
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Dosis-Wirkungs-Beziehung ................................................................................................................. 15
Abbildung 3: Altersverteilung ................................................................................................................................. 49
Abbildung 4: SOC und Aktivitätsniveau Gesamtgruppe ............................................................................................. 52
Abbildung 5: SOC und Aktivitätsniveau - Gruppe 1................................................................................................... 53
Abbildung 6: SOC und Aktivitätsniveau - Gruppe 2................................................................................................... 54
Abbildung 7: SOC und Aktivitätsniveau - Gruppe 4................................................................................................... 54
Abbildung 8: Korrelationen SOC und Lebenszufriedenheit-Skalen mit Aktivität ........................................................... 56
Abbildung 9: Einfluss traditioneller Aktivitäten ......................................................................................................... 58
Abbildung 10: Negativspirale Schmerz - Emotion - Verhalten.................................................................................... 62
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Stichprobe Gruppenzuordnung (LQ= Lebensqualität, MET= metabolisches Äquivalent) ...........48
Tabelle 2: SOC zu t1 und t2 ................................................................................................................50 Tabelle 3: t-Test SOC t1 + t2 ..............................................................................................................50 Tabelle 4: Aktivitätsniveau - Gruppe 1 .................................................................................................51 Tabelle 5: Aktivitätsniveau - Gruppe 2 .................................................................................................51 Tabelle 6: Korrelation - Gruppe 1 ........................................................................................................53 Tabelle 7: SOC Entwicklung unteres SOC-Terzil ....................................................................................55 Tabelle 8: SOC Entwicklung oberes SOC-Terzil .....................................................................................55 Tabelle 9: Pathogene und salutogene Kommunikation ..........................................................................63
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Zusammenfassung Zielsetzung
Diese Arbeit untersucht die Möglichkeit der Steigerung des Kohärenzgefühls durch motorische Aktivitäten. Dabei werden traditionelle Sportarten und introspektive Aktivitäten, also leistungsfreie, auf Körperwahrnehmung und Achtsamkeit ausgerichtete Aktivitäten, wie z. B. Yoga und Feldenkrais, getrennt voneinander untersucht. Theoretischer Ansatz
Zu Beginn werden die verschiedenen Aktivitätsformen und ihren Besonderheiten vorgestellt sowie das pathogenetische Gesundheitsmodell und das salutogenetische Gesundheitsmodell, mit der Darstellung des Kohärenzgefühls und seiner Entwicklungsmöglichkeiten. Methodik Prospektiv beobachtend wurde eine fragebogengestützte Prä-post-Messung der
Aktivitätsniveaus von 45 Teilnehmern mit deren Kohärenzgefühl in einem Zeitraum von 6-8 Wochen verglichen. Ergebnisse
Es konnte eine signifikante Korrelation des Kohärenzgefühls mit den Aktivitäten in traditionellen Sportarten festgestellt werden. Weiterhin förderten diese sportlichen Aktivitäten die Lebenszufriedenheit und die subjektive Belastbarkeit der Befragten. Schlüsselwörter: Motorische Aktivitäten - introspektive Aktivitäten - Kohärenzgefühl -Belastbarkeitseinschätzung - Physiotherapie
Abstract
Objective
The study analysed the improvement of the Sense of Coherence through physical activities. Therefore traditional sports activities have been compared with introspective activities, such as Yoga and Feldenkrais. Theoretical Approach
The description of the peculiarities of the different activities is followed by a comparison of the pathogenetic and the salutogenetic model of health, with the main focus of the explanation of the sense of coherence. Method
The study design is a pre/post observation of the SOC as well as the activity level of 45 participants during a period of 6-8 weeks. Results
The results show a significant correlation between traditional sports activities and the sense of coherence. Sport activities are furthermore able to increase life satisfaction and the subjective resilience of the analysed participants.
Key-Words: Physical Activities - Introspective Activities - Sense of Coherence - Rating of Resilience - Physiotherapy
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Einleitung
Der Ruf nach evidenzbasierter Medizin (EbM) hallt unvermindert in den Forderungen der politisch und gesundheitswissenschaftlich tätigen Akteure. Auch die Physiotherapie muss sich - besser gesagt ihre Methoden - an wissenschaftlichen Kriterien messen lassen. Ihr primäres Tätigkeitsfeld ist der kurativen Medizin angesiedelt, ihre Grundlagen bezieht sie aus der Medizin und der Sportwissenschaft - genauer der Trainingswissenschaft - ihre Therapiemethoden entstanden traditionell aus Erfahrungswerten. Seit jüngster Vergangenheit, gehören auch beratende und präventive Maßnahmen in das Aufgabengebiet der Physiotherapie. Im Zuge der allgemeinen Forderungen nach EbM und speziell den eigenen Bestrebungen nach einer Akademisierung des Berufsbildes, sind nun alle Physiotherapeuten aufgerufen an diesem Prozess mitzuwirken. In erster Linie wird diese Forderung natürlich an die sich momentan in einem Physiotherapie-Studiengang befindlichen Kollegen gerichtet (Höppner, 2007). Die bereits entstandenen und z. T. veröffentlichten Abschlussarbeiten decken ein weites Gebiet an therapeutischen, methodischen, ethischen, politischen, betriebswirtschaftlichen, pädagogischen u. ä. Fragestellungen ab 3 .
Dieser Beitrag stellt neue Erkenntnisse und Möglichkeiten für die physiotherapeutische Forschung und Praxis in Aussicht und möchte sie verstärkt an der Entwicklung des salutogenetischen Gesundheitsmodells beteiligen. Denn die Suche nach geeigneten Möglichkeiten zur erfolgreichen Behandlung - vor allem - chronischer Erkrankungen des Bewegungsapparates ist eine dringende Aufgabe, um zukünftig erhebliche sozioökonomische Kosten zu vermeiden. Physiotherapeutische Interventionen spielen bei der Linderung dieser Beschwerden jetzt schon eine führende Rolle. Die nur auf biomedizinische Vorgehensweisen basierenden physiotherapeutischen Methoden, scheinen jedoch nicht das adäquate Werkzeug zur Beseitigung chronischer Erkrankungen zu sein (Dölken, 2005, S. 12ff. & S. 47; Disse, 2007, S. 101; Göbel, 2001). Die einen größeren Erfolg versprechenden biopsychosozialen
Behandlungsansätze stellen wiederum nicht das Kernarbeitsgebiet der Physiotherapie dar (Hengeveld, 2004, S. 66f.; Hüter-Becker & Dölken, 2005), vor allem, da die Möglichkeit auf das soziale Umfeld einzuwirken für Physiotherapeuten äußerst begrenzt - wenn überhaupt vorhanden - ist. Im primären Focus physiotherapeutischer
3 Eine Übersicht der Bachelor-Abschlussarbeiten der Fachhochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen in
Physiotherapie von 2009, finden sich unter http://www.hawk-
hhg.de/sozialearbeitundgesundheit/119309.php?jahrsort=2009 [02.10.2009]
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Handlungen steht neben der Schmerzreduktion, die Wiedererlangung, bzw. Verbesserung von physiologischem Bewegungsverhalten (ebd; WCPT, 1999). Dies wird durch passive und aktive Maßnahmen zu erreichen versucht. Die passiven Maßnahmen spielen in dieser Untersuchung keine Rolle (die Erklärung dafür folgt im nächsten Kapitel), für die aktiven Maßnahmen müssen im nächsten Schritt noch verschiedene Faktoren näher betrachtet werden.
1 Körperlich-sportliche Aktivität
Körperliche Aktivität ist nicht immer mit sportlicher Aktivität gleichzusetzen, bzw. ist nicht jede sportliche Aktivität mit einer außerordentlichen körperlichen Aktivität verbunden. Unter sportlicher Aktivität versteht man meist Betätigungen zur körperlichen Ertüchtigung, die vorwiegend in der Freizeit betrieben werden. Eine Definition für Sport zu finden ist nicht leicht. Im Brockhaus steht „Sammelbezeichnung für die an spielerischer Selbstentfaltung sowie am Leistungsstreben ausgerichteten vielgestaltigen Formen körperlicher Betätigung, die sowohl der geistigen und körperlichen Beweglichkeit als auch dem allgemeinen Wohlbefinden dienen soll.“ (Brockhaus, 2000). Nur fehlt z. B. dem Boxen sicherlich das spielerische und dem Schach die körperliche Beweglichkeit (wobei unzweifelhaft Turnierschach auf Großmeisterniveau eine überdurchschnittliche Physis erfordert (Pfleger, 1981; Rost, 1994; Mutschler, 2000)). Einfach zu behaupten, Sport ist Wettkampf mit Regeln, schließt den Hobbywaldläufer aus. Auch für eine Tänzerin die hauptsächlich einen künstlerischen Ausdruck zu vermitteln versucht, sind körperliches Training, Aufwärmen, Dehnen und Verletzungen, keine Fremdwörter. Aber im allgemeinen Sprachgebrauch ist sie dennoch keine Sportlerin. Das Wort „Sport“ kommt aus dem altlateinischen disportare, was übersetzt `ablenken - zerstreuen´ meint, und damit eher einen geistigen als körperlichen Aspekt anspricht. Das letzte Wort in diesen Definitionsversuchen überlasse ich Pierre de Coubertin, dem `Wiederbeleber´ der olympischen Spiele (1894), der darin „... eine Ehe zwischen Muskeln und Geist“ sah. Unter dem Überbegriff körperliche Aktivität versteht Rost (1997, S. 23-24) z. B. „die Summe aller Prozesse, bei denen durch aktive Muskelkontraktionen Bewegungen des menschlichen Körpers hervorgerufen werden bzw. vermehrt Energie umgesetzt wird.“ Dies ist auch in beruflichen Tätigkeiten, wie etwa bei viele Handwerks- und Bau-Berufen der Fall, aber auch bei der Gartenarbeit in der Freizeit oder der intensiven Pflege von Angehörigen. Körperlich-sportliche Aktivitäten lassen sich somit in berufsbezogene-, haushahltsbezogene- und freizeitbezogene körperliche Aktivitäten, sowie in Trainings- und Sporttherapie unterteilen. Zusammenfassend lassen sich alle
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gesundheitsförderlichen körperlichen Aktivitäten (healt-enhancing physical activitys -HEPA), z. B. die Nutzung von Treppen statt des Fahrstuhls oder andere bewusste Einbindungen von mehr Bewegung in den Alltag, als Lebensstilaktivitäten beschreiben (Rütten & Omar, 2003). Rost (1997) unterteilt körperlich-sportliche Aktivitäten weiterhin in unstrukturierte und strukturierte körperliche Aktivitäten und sagt den strukturierten ‘sportlichen´ Aktivitäten eine i. d. R. höhere Intensität mit biologischen Anpassungserscheinungen nach. Diese häufig gesundheitsförderlichen
Anpassungserscheinungen werden im Folgenden, wie auch in Kapitel 2.3.2 näher erwähnt.
Für diese Masterarbeit ist jedoch noch eine weitere Unterteilung der körperlichen Aktivitäten in traditionellen und alternativen Sport notwendig. Die Erläuterungen dazu folgen in den Kapiteln 1.2 und 1.3. Den Abschluss dieser Einleitung zu körperlich-sportlichen Aktivitäten, wird durch eine kurze Einführung in die Physiotherapie gebildet, um am Schluss die Ergebnisse in eine verstehbare Diskussion überzuleiten.
1.1 Körperlich-sportliche Aktivität und Gesundheit
Körperlichen Aktivitäten werden im Allgemeinen verschiedene positive Effekte zugesprochen. Sport als beliebteste Form körperlicher Aktivität ist nicht nur bei Sportmedizinern und Gesundheitswissenschaftlern sondern auch in der breiten Bevölkerung schon seit langem als gesundheitsförderlich bekannt (Schlicht & Brand, 2007, S. 60). Und dennoch gilt Bewegungsmangel und körperliche Inaktivität als das am weitesten verbreitete Gesundheitsrisiko, mit den potenziell höchsten gesundheitsgesellschaftlichen Kosten (Wagner et al., 2006, S. 58). Laut einer Untersuchung von Mensing im Jahr 1999, waren zu dem Zeitpunkt in Deutschland 42,8 % der männlichen Bevölkerung in ihrer Freizeit sportlich nicht aktiv, bei den Frauen waren es sogar 49,5 %. Immerhin betätigten sich durchschnittlich etwa 12 % der Bevölkerung 2-4 Stunden pro Woche sportlich. Die relative Bewegungsabstinenz nimmt dabei, laut dieser Untersuchung, im Alter deutlich zu.
Die gesundheitsprotektive Wirkung von körperlicher Aktivität scheint abhängig von Art und Umfang der Aktivität zu sein. Für die quantitative Charakterisierung von körperlich-sportlichen Aktivitäten müssen die Merkmale Dauer, Frequenz und Intensität berücksichtigt werden. Zusammengefasst entspricht dies auch der Dosis, d. h. der Menge an Aktivität gemessen auf einen bestimmten Zeitraum. So fördern Aktivitäten mit hohen Wiederholungszahlen bei niedriger Intensität die Ausdauerleistung, die nachweißlich das Herz-Kreislauf-System positiv beeinflusst (Rankinen & Bouchard, 2001; Knoll et al., 2006, S. 87f.). Zum Beispiel fand Löllgen (2003) einen linearen
12
Zusammenhang zwischen Ausdaueraktivitäten und kardiovaskulärer Mortalität im Mittel um 39 %.
Gezieltes Krafttraining, d. h. Training mit wenigen Wiederholungen aber hohen bis höchsten Intensitäten, kann die Funktion einzelner Gelenke verbessern (z. B. nach Gelenksoperationen) oder Beschwerden ganzer Gelenksysteme wie der Wirbelsäule bzw. dem Rumpf reduzieren (Schifferdecker-Hoch & Denner, 1999; Seidenspinner, 2005).
Durch Beweglichkeits- und Koordinationstraining, wie sie in der Rehabilitation und Physiotherapie stattfinden, lässt sich das Sturzrisiko erheblich verringern, was vor allem älteren Menschen häufig die Komplikationen durch Knochenbrüche erspart (Latham et al., 2006; Dominok & Engel, 2004).
Weiterhin sind die positiven Auswirkungen von Bewegung auf metabolische und endokrinologische Prozesse im Körper bekannt und weitgehend erforscht (zum Thema Fettstoffwechsel siehe z. B. Halle & Berg, 2002 und zum Bereich Hormone und Sport Strobel, 2002).
Sport hat jedoch nicht nur nachweisliche Vorteile für die physische Gesundheit, es lassen sich auch eindeutige Zusammenhänge zwischen Sport-treiben und spezifischen Parametern psychischer Gesundheit wie Angst, Stimmung, Spannungszustände u. ä. feststellen (Fuchs, 2003, S. 87 f.; Wagner & Brehm, 2006). Als Erklärungsansätze dafür werden z. Z. drei Modelle diskutiert (ebd.), die alle - mit dem Schwerpunkt auf dem salutogenen Modell - auch als Grundlage für diese Masterarbeit dienen. Die salutogene Modellvorstellung orientiert sich dabei an der Bewältigung interner und externer Wahrnehmungen die Beschwerden und Missempfindungen verursachen. Beim Bewältigungs-Ansatz sollen physische Aktivitäten in problembezogene Bewältigungsprozesse (z. B. Angstzustände, Überlastungsempfindungen und
Missbefindenszustände) gezielt einbezogen und organisiert werden und emotionale Überreaktionen reduzieren. So soll die Selbstwirksamkeitserfahrung durch Bewegung dazu führen, dass Stress-Ereignisse besser toleriert und verarbeitet werden können. Im Wohlbefindungs-Ansatz wird das allgemeine Wohlbefinden in die Faktoren psychisches-, physisches- und soziales Wohlbefinden differenziert und auf eine enge Verknüpfung und Beeinflussung untereinander verwiesen. D. h., dass Veränderungen in einem Bereich Auswirkungen auf die anderen Bereiche haben. Letztendlich sind die Trennlinien der drei genannten Erklärungsansätze unscharf und auch von anderen Autoren unter der salutogenen Vorstellung zu verstehen (Faltermeier, 2000, S. 192). Um ein eindrucksvolles Beispiel für die Wechselwirkung von sportlichen Aktivitäten auf die psychische Gesundheit aufzuführen, eignet sich die Untersuchung von Blumenthal
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et al. (1999). Dort erreichten unter Depression leidende Probanden nach einem 16wöchigen Aerobic-Programm, die gleichen guten klinischen Ergebnisse wie die pharmakologisch behandelte Vergleichsgruppe.
Darüber hinaus sind für Bös (1992) die sozialen Auswirkungen des Sports für die Gesundheit ebenso wichtig wie die physiologischen Effekte. Das soziale Wohlbefindenals ein Teil der Gesundheitsdefinition der WHO - wird in diesem Fall eben unabhängig von motorischen Aktivitäten beeinflusst. Hier sind es eher die sozialen Kontakte, das Gruppenerleben, die Vereins- und Duz-Kultur etc., die Einfluss auf das subjektive Wohlbefinden nehmen. Für diese plausible Behauptung liegen jedoch kaum empirische Belege vor (Fuchs, 2003, S. 87).
Dies soll nur ein kleiner Überblick über die unterschiedlichen Auswirkungen von Bewegung für die Gesundheit sein, die ohne weiteres ganze Abschlussarbeiten füllen könnten.
Die allgemeinen physiologisch positiven Aspekte von körperlichen Aktivitäten hängen weniger von der Art der Aktivität ab, als vom Energieverbrauch (Schlicht & Brand, 2007, S. 15 ff.). Für die gesundheitsförderliche Mindestdosis an körperlicher Aktivität existieren in der Fachwelt unterschiedliche Kennwerte. Als Maßeinheit wird die Kilokalorie (kcal) geläufig genutzt und in zusätzlichem Verbrauch zum Grundumsatz in einer Woche angegeben. Die Empfehlungen zum zusätzlich zum Grundumsatz liegenden Energieverbrauch, reichen von 1.000 kcal (Ezzati et al., 2002) bis zu 2.800 kcal (Pate et al., 1995) (was in etwa täglich 45 Minuten flotten Joggen entspricht!). Große Organisationen des Gesundheitswesens (Robert Koch Institut, Center of Disease Control and Prevention, American College of Sports Medicine, U.S. Surgeon General u. a.) unterstützen die sogenannte HEPA-Empfehlung (healtenhancing physical activitys), die von einem praktikablen zusätzlichen Mehrverbrauch von 1.200 kcal/Woche ausgeht. Dies entspricht in etwa drei 5 km Läufen oder 2,5 Stunden sonstige moderate aber kontinuierliche Aktivitäten pro Woche. Der täglich durchschnittliche Ruheenergieverbrauch liegt nach Müller MJ et al. (2005) bei deutschen Männern aktuell bei 1636 kcal und bei Frauen bei 1410 kcal. Dementsprechend würden sich die Werte auf täglich ~ 1800 kcal bei Männern und ~ 1580 kcal bei Frauen erhöhen. Die tatsächliche durchschnittliche Kalorienaufnahme lag 1995 jedoch etwa bei 2.000 kcal, der Verbrauch deutlich darunter (Seemüller, 2000; Mensing, 1999). Dieses Ungleichgewicht zu Ungunsten der Gesundheit ist beachtlich.
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Für die Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen Aktivität und Gesundheit liegen für verschiedene Erkrankungen, verschiedene nachgewiesene Modelle vor (Abb. 1). Bei einer kurvenlinearen Beziehung (gestrichelte Linie) sinkt das Erkrankungsrisiko bis zu einem gewissen Aktivitätsniveau und steigt dann wieder an. Dies scheint für Schlaganfälle, und bei vielen Autoren für die Gesamtmortalität zu gelten. Eine lineare Beziehung (gerade Linie) bedeutet, dass sich das Risiko der Morbidität und Mortalität verringert je mehr Aktivität stattfindet. Dies scheint bei koronaren Erkrankungen gesichert zu sein. Eine ebenfalls positive, wenn auch etwas geringere Evidenz liegt bei Untersuchungen zu Dickdarm- und Brustkrebs vor (Schlicht & Brand, 2007, S. 62 f.).
Um den individuellen Energieverbrauch verschiedener Aktivitäten beschreiben zu können, muss der individuelle Energieumsatz beachtet werden, der u. a. vom Ruheumsatz im Verhältnis zum Körpergewicht abhängt. Die Klassifizierung relativer Intensitäten von körperlichen Aktivitäten, wird in metabolischen Äquivalenten (MET) angegeben. 1 MET entspricht dabei dem Kalorienverbrauch von 1 kcal je Kilogramm Körpergewicht pro Stunde bzw. dem Umsatz von 3,5 ml Sauerstoff pro Kilogramm Körpergewicht pro Minute bei Männern, und 3,15 ml/kg/min bei Frauen (Ainsworth et al., 2000; Löllgen, 2000). Da der Energieumsatz individuell unterschiedlich ist, eignet sich der Vergleich von Aktivitäten mittels MET nur für den relativen Vergleich des Energieverbrauches einer Person. Für eine Einteilung in drei Aktivitätskategorien gilt:
Leichte körperlich-sportliche Aktivitäten - sind Aktivitäten mit einer Intensität weniger als 3 MET (z. B. Gehen langsamer als 4 km/h, Yoga). Moderate körperlich-sportliche Aktivitäten - erfordern 3-6 MET (z. B Gehen oder Walking bei 4-7 km/h, Tanzen, Gymnastik, Tai-Chi und Tennis). Schwere körperlich-sportliche Aktivitäten - erfassen Aktivitäten, die aus energetischer Sicht mehr als 6 MET verbrauchen (z. B Joggen, Ballsportarten, Kampfsportarten und Squash).
15
(Center of Disease Control and Prevention (CDC), 1996). Die Kalorienberechnung erfolgt nach der Formel: MET x kg x Stunden = kcal. Als Fazit lässt sich feststellen, dass jede Zunahme von Lebensstilaktivität gesundheitsförderlich ist. Egal ob es täglich 30 Minuten sind, jeden zweiten Tag 10 Minuten oder nur am Wochenende eine Stunde (Brand & Schlicht, 2007, S. 65).
1.2 Traditionelle Sportarten
Strukturierte körperliche Aktivitäten können modellhaft als Sport im engeren Sinne und Sport im weiteren Sinne aufgeteilt werden (Güldenpfennig, 2000). Das erste beschreibt dabei solche Sportarten die auch als traditioneller Sport bezeichnet werden können. Unter diesen Begriff fallen sämtliche auf Wettkampf und zur Unterhaltung von Zuschauern ausgerichtete Sportarten und Disziplinen. Es wird eine messbare Leistung erbracht (wenn z. T. auch nur subjektiv, z. B. durch Punktrichter), die sich von der Leistung (immer) vorhandener Konkurrenten hervorheben soll. Dafür bedarf es Regeln und Organisationsformen. Diese Formen des Sports finden sich in sämtlichen Kulturkreisen in allen Epochen. Für die westlichen Gesellschaften sind die antiken griechischen „Spiele“ der Ursprung für das Verständnis traditioneller Sportarten. Heutzutage wird dafür i. d. R. der Begriff Leistungssport gebraucht, egal ob im Breiten, Amateur- oder professionellen Spitzensport.
Als Sport im weiteren Sinne, werden u. a. die Aktivitäten verstanden, die ohne Regelwerk, Organisationsabläufe, Wettkampf und Konfliktaustragungsformen auskommen. Güldenpfennig (2000, S. 191) bezeichnet diese „[…] Derivate des Leistungssports als eliptischen [oder] Freizeitsport 4 “. Diese Sportarten zeichnen sich dadurch aus, dass sie mehr oder weniger den „Vorbildern“ des Leistungssports entspringen, sie aber alleine, also ohne fremde Beteiligung/Hilfe durchgeführt werden können (z. B. Skifahren, Tauchen, Joggen und Schwimmen). Bewegungstätigkeiten mit unscharfen Grenzen zu (nichtsportlichen)
Alltagsbewegungen, wie z. B. Wandern, Baden, Radeln, gelegentliches Federball-spiel etc. werden als alltagskultureller Sport zusammen gefasst. Die Unterscheidungsmerkmale einer weiteren Unterkategorie, nämlich des instrumentellen Sports, beziehen sich weniger auf die Art der körperlichen Aktivität, sondern auf den Sinn. Instrumenteller Sport findet in außersportlich-gesellschaftlichen Institutionen wie der Schule, Gesundheitseinrichtungen, der Polizei und dem Militär statt.
4 Wobei er darauf hinweist, dass der Begriff „Freizeitsport“ umstritten ist.
16
Diese bisher genannten im engeren und im weiteren Sinn körperlich-sportlichen Aktivitäten, werden in dieser Untersuchung als eine Gruppe zusammengefasst. Ihre Auswirkung auf die physische und psychische Gesundheit wurde im vorigen Kapitel näher dargestellt. Ihnen (und auch den haushaltsbezogenen Aktivitäten) gemein ist ihre kognitive Fokussierung auf extra-physische Prozesse (Moegling, 1988). Die Leistungserbringung ist Zielgerichtet (Ball ins Tor treffen, weiter Springen, länger laufen, dies oder jenes schneller vollbringen etc.) und erfordert - unterschiedlich gewichtet - gewisse konditionelle Fähigkeiten (Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit, Schnelligkeit, Koordination, psychische Voraussetzungen) (Weineck, 1996).
1.3 Alternativer Sport bzw. Introspektive-Aktivitäten
Den traditionellen Sportarten gegenüber stehen alternative Sportarten, die entweder keine Regeln oder kein Leistungsdenken besitzen. Dazu werden die asiatisch inspirierten Konzentrations- und Bewegungsformen wie Yoga, Tai-Chi, Qigong ebenso dazu gezählt, wie auch das Jonglieren, Skateboard fahren, Parcours-Klettern u. ä. Wobei die Bezeichnung der asiatisch inspirierten Bewegungsformen als Sport von vielen Autoren in Frage gestellt wird, sie aber keine Alternativen anbieten (Moegling, 1988; Güldenpfennig, 2000). Eine exakte Einordnung der Aktivitäten Yoga, Pilates, Feldenkrais, Qigong und Tai-Chi ist mir nicht bekannt, selbst im Sport-Brockhaus (2007) wird Yoga unter Fitness und Wellness klassifiziert. Für diese Untersuchung ist jedoch ihre gemeinsame internale Fokussierung von Bedeutung, die sich auf kognitive Aspekte des Einzelnen bezieht, leistungsfrei und mit einer besonderen Bewusstheit und inneren Haltung verbunden ist. Im weiteren Text werden diese Aktivitäten als Introspektive-Aktivitäten bezeichnet. Sicher existieren auch bei dieser Aufteilung Überschneidungen. So ist vielen Joggern der meditative Charakter beim Laufen bekannt und jemand der Pilates betreibt hat evtl. eine Körperstraffung zum Ziel. Ebenso konzentriert sich ein Bodybuilder stark auf seine Körperfunktion, jedoch mit dem Ziel, eine von extern gestellte Aufgabe (Gewicht/Last) zu bewältigen. Dieser Unschärfe-Umstand kann nicht gänzlich vermieden werden, er wird aber auf den noch kommenden Seiten berücksichtigt.
Für die Fragestellung dieser Abschlussarbeit werden diese Aktivitäten dahingehend interessant, da sie zunehmend Einzug in den physiotherapeutischen Alltag finden.
Yoga
Das aus Indien stammende Yoga, beinhaltet verschiedene geistige und körperliche Übungen, die insgesamt den Übenden zu einem höheren Bewusstseinszustand bzw. zur Erleuchtung führen sollen. Van Lysebeth (1982) spricht in seinem Buch Yoga von
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einer psychosomatischen Disziplin. Neben den vor allem in der westlichen Zivilisation bekannten Asanas, den Körperhaltungen, umfassen die unterschiedlichen philosophischen und praktischen Yoga- Strömungen noch weitere Disziplinen/Glieder (Ashtangas), wie die Atmung (Pranayama), die Konzentration (Dharana), die Meditation (Dhyana) und diverse Bewusstseinszustände (Pratyahara, Samadhi). Einige Yoga-Formen legen ihren Schwerpunkt auf die geistige Konzentration, einige mehr auf körperliche Übungen und andere wiederum auf die Stimulierung der Lebensenergie (Kundalini) in den Chakren (Energiezentren). Bei allen Yoga-Richtungen spielt die Internalisierung des Bewusstseins eine tragende Rolle, welches durch intensives Üben, das reflektierende Denken zeitweise ausschalten und so eine Ganzheitserfahrung ermöglichen soll (Polet-Kittler, 1985). Das auch in Deutschland sehr verbreitete Hata-Yoga, hebt die physischen Aspekte von Körperhaltungen, Bewegungsabläufen, inneren Konzentrationspunkten und Atemführung stärker hervor, weshalb es zunehmend Einfluss in den physiotherapeutischen Alltag findet (Prakash, 2004; Spamer, 2006).
Pilates
Dass von Joseph Hubert Pilates (1880-1967) entwickelte und nach ihm benannte ganzheitliche Körpertraining, entsprang seinen Studien zum Yoga, der Zen-Meditation und dem Tanz. Es basiert aber auch auf trainingswissenschaftlichen Grundlagen. Die meisten Übungen können ohne weitere Hilfsmittel oder Übungspartner durchgeführt werden. Obwohl es zunehmend als therapeutische Methode bei der Rehabilitation oder zur Leistungssteigerung angewandt wird, also leistungsorientiert und zielgerichtet ist, zähle ich es wegen der elementaren Pilates-Prinzipien eher zu den introspektiven Aktivitäten.
Zu den Pilates-Prinzipien, gehört die: Absolut kontrollierte Ausführung aller Bewegungen. Vollständige Konzentration. Die Aufmerksamkeit soll ganz auf den Körper gerichtet sein.
Bewusste Atmung, die auch die Kontrolle über den Körper erhöhen soll. Zentrierung der Körpermitte.
Bewusste Entspannung, die Verspannungen auflösen soll. Fließende Bewegung. (Ungaro, 2004)
Feldenkrais
Die Feldenkrais-Methode, benannt nach ihrem Begründer Moshé Feldenkrais (1904-1984), ist eine körperorientierte Lernmethode, die den Ausübenden mehr über den
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Arbeit zitieren:
M.Sc. MQG Josef Galert, 2010, Steigerung des Kohärenzgefühls durch motorische Aktivitäten, München, GRIN Verlag GmbH
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