Inhaltsverzeichnis
1 Begründender Teil 3
1.1 Vorüberlegungen zur Themenauswahl und Zielsetzung der Arbeit 3
1.2 Einordnung des Themas in den Lehrplan und Lernziele 5
1.3 Theoretische Erkenntnisse zur französischen Jugendsprache 6
1.4 Herleitung der empirischen Gesamtplanung und experimentelle
Fragestellungen 9
1.4.1 Vorüberlegungen zu den situativen Voraussetzungen 9
1.4.2 Vorüberlegungen zum inhaltlichen Vorgehen 9
1.4.3 Vorüberlegungen zum methodisch-didaktischen Vorgehen 11
1.4.4 Vorüberlegungen zu Medien und Lehrmitteln 11
1.4.5 Vorüberlegungen zu Ergebnissicherung und Lernerfolgskontrollen. 13
1.4.6 Experimentelle Fragestellungen 14
2 Darstellung der empirischen Untersuchung 15
2.1 Beschreibung des Verlaufs der Unterrichtsreihe und genaue
Darstellung zweier Unterrichtseinheiten 15
2.2 Gesamtüberblick über den Unterrichtsversuch in tabellarischer For 24
3 Ergebnisse der empirischen Untersuchung 27
3.1 Erreichen der Lernziele 27
3.2 Auswertung der experimentellen Fragestellungen 29
3.2.1 Zum inhaltlichen Vorgehen 29
3.2.2 Zum methodisch-didaktischen Vorgehen 29
3.2.3 Zu angewandten Medien und Lehrmitteln 30
3.2.4 Zu gewählten Formen der Ergebnissicherung und Lernerfolgs-
Kontrollen 31
3.3 Schlussfolgerung für die Arbeit des Lehrers und Ausblick über mögliche
Alternativen 32
Literaturverzeichnis
2
1 Begründender Teil
1.1 Vorüberlegungen zur Themenauswahl und Zielsetzung der Arbeit
Jugendliche egal welcher Herkunft sprechen ihre eigene Sprache, eine Sprache mit deren Hilfe sie sich von anderen abgrenzen und ihre eigene, gerade im Entstehen begriffene Identität unterstreichen. Sie wirken dabei kreativ und spielen mit Worten und Silben, kombinieren wie im Bereich der Mode oder Musik bereits vorhandene Elemente neu oder schaffen gänzlich Neues. In Frankreich ist dieses Phänomen besonders ausgeprägt, was neben populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen wie
Comment tu tchatches von Goudaillier 1 oder Le vrai langage des jeunes expliqué aux parents von Girard und Kernel 2 sowie Internetseiten für Lernwillige auch zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema belegen.
Eine unterrichtliche Behandlung der tchatche des jeunes 3 bietet sich demnach sowohl aus linguistischer als auch aus interkulturell-soziologischer Perspektive an.
Französische Jugendsprache begegnet uns nicht nur in den Pariser banlieues, wo sie vorrangig entstand, sondern auch auf den Straßen der Provence oder Bretagne sowie flächendeckend in Film, Fernsehen, Musik, Zeitschriften oder Internet. Hinzu kommt, dass mit den Sprechern der Jugendsprache nicht etwa nur Jugendliche bis 18 Jahre gemeint sind, sondern sich durchaus auch Erwachsene jugendsprachlicher Elemente bedienen, wenn es die Gegebenheiten erlauben, sodass die tchatche des jeunes als diastratische und diaphasische Varietät des Französischen beschrieben werden kann. Viele ihrer Elemente sind zudem längst Teil des français familier oder
français courant geworden 4 . Eine klare Grenze zwischen verschiedenen Sprachregistern kann ohnehin nicht gezogen werden. Fest steht, dass Kenntnisse
1 Goudallier, Jean-Pierre (2008): Comment tu tchatches: dictionnaire du français contemporain
des cités. Paris : Maisonneuve et Larose, 2001
2 Girard, Eliane / Kernel, Brigitte (1996): Le vrai langage des jeunes expliqué aux parents.
Paris: Albin Michel.
3 Termini wie le parler jeune, le langage des jeunes / de la cité, la tchatche de la banlieue, le
FCC (Français Contemporain des Cités) und andere sind ebenso gebräuchlich.
4 « Le cheminement semble simple à suivre: nés chez les jeunes, ces mots et ces tournures
syntaxiques sont repris par la publicité, qui les répand sur les murs, dans les magazines et sur
les ondes. Ils commencent par choquer les moins jeunes, qui pourtant les entendaient déjà
chez leurs enfants. Mais leur fréquence d’apparition en fait peu à peu des expressions
familières. Ainsi mis en condition, les adultes ne sont alors pas loin d’être prêts à les adopter à
leur tour.“ Walter (1998:385).
3
der französischen Jugendsprache für eine umfassende Kommunikationsfähigkeit in authentischen Situationen, zu der eben auch die Rezeption nicht-standardsprachlicher Texte gehört, unabdingbar sind. Umso mehr verwundert es, dass ihr nicht mehr Raum in Lehrplänen oder Bildungsempfehlungen zuteil wird.
Um Französischlernern also für den Fall einer Begegnung mit französischen Jugendlichen die Enttäuschung zu ersparen, von einer scheinbar unbekannten Sprache kaum etwas zu verstehen, aber auch um ihnen zu zeigen, wie viel Spaß das Spiel mit dieser Sprache machen kann, bietet sich eine systematische Behandlung im Unterricht an. Durch die Nähe zur eigenen Lebenswelt der Schüler, die sich in dieser Lebensphase ebenso in Frankreich wie auch in Deutschland oder anderen Ländern vorrangig um Freunde, Feiern, Probleme mit dem anderen Geschlecht, Eltern, Schule oder anderen Autoritäten und dem damit verbundenen Austesten von Grenzen dreht, sind beste Voraussetzungen geschaffen, das Interesse der Schüler zu wecken, authentische Sprachsituationen zu schaffen und lernerzentriert zu arbeiten. Hauptziele des vorliegenden Unterrichtsversuches sind demnach neben kognitiven Zuwächsen im Bereich des Wortschatzes und der Erweiterung der Kommunikationsfähigkeit die Motivierung und Aktivierung der Schüler. Letztere stellen in sofern eine besondere Herausforderung dar, da es sich bei der Lerngruppe um eine eher unwillige, leistungsschwache und dem Französischunterricht abgeneigte 11. Klasse handelt, deren größter Teil das Fach nach eigenen Aussagen abgewählt hätte, wenn dies möglich gewesen wäre 5 .
5 Laut §7 (1) der neuen Oberstufenverordnung von 2007 muss eine zweite Fremdsprache bis
zum Abitur fortgeführt werden.
4
1.2 Einordnung des Themas in den Lehrplan und Lernziele
Der Lehrplan Sachsen sieht für den dreistündigen Grundkurs in der Jahrgangsstufe 11/12 im Lernbereich 3 die Anwendung von Sprach- und Sachwissen zum Thema Jugendkultur und Jugendkult vor. Neben Unterthemen wie Graffiti und Mode kommt hier der Sprache ein besonderer Stellenwert zu. Darüber hinaus soll das Thema banlieue in Zusammenhang mit Immigration und Integration in Alltagsleben und Gesellschaft behandelt werden. 6 Des Weiteren gehört Jugendsprache im Zusammenhang mit modernen Sprachtendenzen zu den möglichen Wahlpflichtthemen 7 .
Im Rahmen der Entwicklung einer differenzierten Kommunikations- und Handlungskompetenz sollen die Schüler den wesentlichen Gehalt eines französischen Ausgangstextes sinngemäß übertragen oder zusammenfassen können. Sie sollen sich zudem „spontan und fließend verständigen können, damit ein normales Gespräch mit einem Muttersprachler gut möglich ist“ 8 . Hierfür ist die Kenntnis gebräuchlicher jugendsprachlicher Wendungen unabdingbar, zumindest was das Verstehen von Redebeiträgen oder authentischen nicht-standardsprachlichen Texten anbelangt, worunter auch neue Telekommunikationsmedien wie Emails und SMS oder der von Jugendlichen mehr und mehr genutzte Austausch über soziale Netzwerke wie facebook oder myspace fallen.
Übergeordnetes, affektives Lernziel der hier vorgestellten Unterrichtsreihe ist die (Re-)Aktivierung und Motivierung der teilweise schon resignierten Schüler mit Hilfe eines für sie relevanten und lebensnahen Themas. Sie sollen den Spaß an der Arbeit mit Sprache wieder finden, aktiv am Unterricht teilnehmen und durch kleine Lernerfolge zur Weiterarbeit angeregt werden.
Im Bereich der kognitiven Lernziele sollen sich die Schüler 1.) eine Auswahl an Grundwortschatz jugendsprachlicher Ausdrücke verstehen und aktiv anwenden können, d.h. rezeptiv und produktiv beherrschen, sie sollen 2.) deren standardsprachliche Entsprechungen kennen und sich der Anwendung der verschiedenen Sprachregister bewusst werden sowie ferner 3.) ihre Kenntnisse über Probleme französischer banlieues vertiefen.
6 Lehrplan Sachsen S. 58
7 Lehrplan Sachsen S. 59
8 Lehrplan Sachsen S. 56
5
1.3 Theoretische Erkenntnisse zur französischen Jugendsprache
Um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen, wird sich an dieser Stelle hauptsächlich auf Ausführungen des französischen Sprachwissenschaftlers, Professors an der Pariser Sorbonne und Verfassers mehrerer Werke zum Thema Jugendsprache Jean-Pierre Goudaillier beschränkt. Nach diesem sind zunächst drei Funktionen der tchatche des jeunes zu unterscheiden: eine identitätsstiftende, eine kryptische sowie eine ludische Funktion. Jugendliche nutzen also eine eigene Sprachvarietät um sich von anderen (primär Erwachsenen, aber zum Beispiel auch anderen Gruppen von Jugendlichen) abzugrenzen, um unverstanden zu bleiben (gerade wenn es um Themen wie Drogen oder Kriminalität geht), aber auch aus dem
einfachen Grunde, sich zu amüsieren und kreativ tätig zu werden. 9 Ursprünglich vor dem Hintergrund der prekären und aussichtslosen Situation Jugendlicher in Pariser
Vororten entstanden 10 , hat sich die tchatche des jeunes oder eben auch le parler jeune, la tchatche de la banlieue, Le Français Contemporain des Cités, le langage téci oder le parler des cités mit Hilfe von Musik, Kino und der neuen Medien in ganz Frankreich ausgebreitet. Sie ist also weder topographisch klar einzugrenzen (wenn auch es immer noch starke Unterschiede zwischen dem Sprachgebrauch eines beispielsweise Pariser Vorstadtjugendlichen und einem jungen Bretonen ländlicher Herkunft festzustellen sein werden), noch kann eine stikte altersmäßige Grenze gezogen werden.
Goudaillier betont, dass es sich bei der tchatche des jeunes keineswegs um eine minderwertige Sprachvarietät handelt, die jene sprechen, die des „richtigen“ Französischs nicht mächtig sind: „Les jeunes des quartiers savent faire fonctionner une langue et jouer avec les structures linguistiques du français. Ils en ont une certaine connaissance pour pouvoir faire des aphérèses, des apocopes, opérer des
troncations, verlaniser des termes. Ceci temoigne d’une technique langagière 11 . Vielmehr muss eine Sprache bis zu einem gewissen Grade beherrscht werden, bevor man mit ihr spielen kann. Unter diesem Gesichtspunkt ist eine systematische Behandlung des Themas erst im Fortgeschrittenenunterricht ratsam, was natürlich
9 Goudaillier (2008:10)
10 Goudaillier spricht von einer fracture sociale, die eine fracture linguistique nach sich zog und
so aus wirtschaftlichen Ghettos Sprachghettos entstehen ließ (2008:8)
11 Benloulou/Goudaillier (1998:1)
6
nicht heißt, dass Elemente der Jugendsprache nicht schon eher inzidentiell vermittelt
werden können 12 .
Was sind nun aus linguistischer Sicht die Besonderheiten der französischen Jugendsprache? Goudaillier stellt folgende Merkmale heraus:
- Metaphern, zum Beispiel cramé (verbrannt) für betrunken, unter Drogen
stehend oder bombe (Bombe) für eine gut aussehende Frau,
- Metonymien wie bleu für Polizist oder casquette für Kontrolleur
- Verlan 13 , eine auf Silben- oder auch nur Lautvertauschung beruhende
Sprachvariation wie ouf für fou, keum für mec, meuf für femme, laisse béton für laisse tomber,
- Wortkürzungen in Form von Apokopen: (biz für bisness < business) und Aphäresen (blème für problème oder zic für musique)
- Verdopplung nach einer Aphärese: ziczic oder zonzon
- Resuffigierungen nach Wortkürzungen: clodo für clochard, gratos für gratuit
- Entlehnungen aus anderen Sprachen, vorrangig dem Angloamerikanischen
(looker für schauen, cash für Bargeld), dem Arabischen (arhnouch für Polizist oder maboul für verrückt) und Zigeunersprachen (bédo für Joint, chafrav für arbeiten)
- Die Schaffung neuer Polysemien: chépo oder choper für a) attraper, b) voler,
c) draguer, d) frapper
Auch Walter weist auf eine Vielzahl von Sinnentstellungen bereits bekannter Lexeme hin, so beschreiben beispielsweise die Adjektive terrible und mortel etwas Positives, „tu m’étonnes“ heißt soviel wie „je m’y attendais“ und „C’est pas evident“ steht für „ce n’est pas facile“.
12 Wie dies im Übrigen auch in den meisten Lehrbüchern umgesetzt wird, S. beispielsweise A
plus 2 (2005:35)
13 Allein das Verlan (selbst schon eine Silbenumkehrung von l’envers - verkehrt herum) hätte
eine mehrseitige Ausführung verdient, wöllte man genauer auf seine zahlreichen Variations-möglichkeiten (z.B. askom, kom as, as meuk, as keum für comme ça), Ursprünge (so nutzte
bereits Voltaire, als Airvault geboren, diese Sprachvariation für seine Künstlernamensfindung)
oder Weiterentwicklungen (das veul als erneute Umkehrung bereits verlanisierter Wendungen,
wie meureu < reum < mère) eingehen. Da jedoch auch den Schülern nur die wichtigsten
Beispiele vermittelt werden sollen, von denen einige im Übrigen auch Einzug in das
Dictionnaire der Académie Française Einzug hielten, wird an dieser Stelle auf eine
ausführlichere Betrachtung verzichtet.
7
Arbeit zitieren:
Nadine Seidel, 2010, La tchatche des jeunes - Motivationssteigerung und Schüleraktivierung durch Einbeziehung der Jugendsprache, München, GRIN Verlag GmbH
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