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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Abk ürzungsverzeichnis
1 Einführung 4
1.1 Forschungsanliegen 4
1.2 Methodisches Vorgehen 5
2 Begriffe 6
2.1 Individuelle Pflegeprozessplanung 6
2.2 Standardisierte Prozesssteuerung 7
3 Planung und Steuerung in der Pflege im Kraftfeld zwischen Individualität und Standardisierung 9
3.1 Rahmenbedingungen für die Pflege 9
3.2 Individualität und Standardisierung in der Pflege 11
3.2.1 Individualität 11
3.2.2 Standardisierung 13
3.3 Planung und Steuerung durch die Pflege 16
3.3.1 allgemeine Prozesssteuerung 16
3.3.2 Pflegeprozessplanung 18
3.3.3 Versorgungs- und Behandlungspfade 21
4 Fazit 25
Literaturverzeichnis 26
Anhang 32
Abkürzungsverzeichnis
AWMF Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften e.V. ÄZQ Ärztliche Zentralstelle Qualitätssicherung DIMDI Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information DNQP Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege EbM Evidenzbasierte Medizin EDV Elektronische Datenverarbeitung ENP® European Nursing care Pathways EZB Elektronische Zeitschriftenbibliothek G-DRG German Diagnosis Related Groups INCP International Classification for Nursing Practice KrPflG Krankenpflegegesetz MDS Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkasse e.V. NANDA North American Nursing Diagnosis Association NIC Nursing Interventions Classification NOC Nursing Outcomes Classification LEP® Leistungserfassung in der Pflege PDCA Plan-Do-Check-Act-Zyklus PfWG Pflegeweiterentwicklungsgesetz PN Primary Nursing WHO World Health Organisation
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1 Einführung
1.1 Forschungsanliegen
In deutschen Krankenhäusern werden zu Beginn der neunziger Jahre durch Pflegende in Qualitätszirkeln und sog. Standardgruppen an vielen Orten hausspezifische Pflegestandards entwickelt. Diese Standards umfassen zunächst meist standardisierte Handlungsabläufe und dienen häufig als Bausteine und Formulierungshilfen für die durch den Pflegeprozess angestoßene individuelle Pflegeplanung. Seit Beginn dieses Jahrtausends erscheinen Pflegestandards erstmals „auf einer qualitativ neuen Ebene mit einem völlig anderen Qualitäts- und Wissensanspruch“ (Bartholomeyczik 2005: 21). Durch die Einführung von evidenzbasierten Expertenstandards wird eine Handlungsgrundlage für qualifizierte Pflegende geschaffen.
Vor allem durch den in den letzten Jahren verstärkten politischen Druck auf die Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialwesens in Bezug auf Qualitätssicherungsmaßnahmen und durch die Einführung des G-DRG-Systems scheinen sowohl die Verschlankung als auch die Beschleunigung der innerklinischen Prozesse bei hoher Qualität unausweichlich. Die momentan flächendeckend entstehenden Behandlungspfade haben sowohl das Ziel, die Kosten durch effektive Prozesssteuerung und Prozessgestaltung zu senken, als auch die Versorgungsqualität aus Patientenperspektive zu verbessern (vgl. Hellige u. Stemmer 2005: 176). Obwohl die Pflegewissenschaft in den letzten Jahren große Fortschritte erzielt hat, fällt auf, dass solche Behandlungspfade stark auf den Prozess der Diagnose und Behandlung fokussiert sind, kaum jedoch auf den Pflegeprozess und die Pflegenden, die als Kommunikationsknotenpunkt eine wesentliche Funktion im innerklinischen Prozess übernehmen. In Anbetracht der Rahmenbedingungen und der Tatsache, dass durch die rasante Entwicklung der Pflegewissenschaft, mit den daraus entstehenden evidenzbasierten Fachkenntnissen, eine begründete Abweichung von Standards erst möglich wird, scheint es hilfreich, die individuelle Pflegeprozessplanung der standardisierten Pflegeprozessteuerung nicht nur gegenüberzustellen, sondern auch zu fragen, ob und wie eine individuelle Prozessplanung im Rahmen einer standardisierten Prozesssteuerung möglich ist. Der Zweck dieser Literaturstudie besteht darin, den Stand der Diskussion zur individuellen Pflegeprozessplanung und zur standardisierten Prozesssteuerung in der neueren Literatur zu erheben. Es ist festzustellen, ob Ausschluss, Koexistenz oder Ergänzung zu beobachten sind und inwieweit derzeit kontroverse Diskussionen stattfinden. Zur Klärung dieser Fragen folgen nach einer Hinführung zum Thema und einer Beschreibung der methodischen Vorgehensweise zunächst Begriffserläuterungen zum allgemeinen Verständnis. Zur Erfassung der aktuellen Diskussion bezüglich individueller Pflegeprozessplanung und standardisierter Prozessteuerung wird ein integrativer Ansatz zu Planung und Steuerung in der Pflege im Kraftfeld zwischen Individualität und Standardisierung gewählt. Nach einer Einführung in die Rahmenbedingungen für die Pflege folgen Individualität und Standardisierung in der Pflege bevor eine vergleichende und abwägende Erörterung zur Steuerung und Planung durch die Pflege die aktuelle Diskussion verdeutlicht. Den Abschluss bildet ein zusammenfassender Überblick.
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1.2 Methodisches Vorgehen
Um den Themenbereich zu erfassen, werden gezielt, Begriffe aus dem Themenkreis Pflegeprozess, Pflegeplanung und Behandlungspfade mit ihren Synonymen in die Suche einbezogen. Die Auswahl der Begriffe basiert auf einem allgemeinen Brainstorming zu den Themen standardisierte Prozesssteuerung und individuelle Pflegeprozessplanung mit sukzessiver Eingrenzung. Dafür sind sowohl die unterschiedlichen Bezugsbereiche als auch die unterschiedlichen Bezugsgruppen ausschlaggebend. 1 Bei der anschließenden gezielten Suche im Bibliothekskatalog der FH Osnabrück, in der Elektronischen Zeitschriftenbibliothek (EZB) und in diversen Suchmaschinen werden synonyme Begriffe getrennt recherchiert und kombiniert. 2 Die Auswahl der Suchmaschinen geschieht nach der Spezifität der jeweiligen Begriffe. Gesucht wird in google, google scholar, Carelit, DIMDI Med sowie über das Literaturverwaltungsprogramm Citavi®. 3
Da die vorliegende Literaturstudie sich mit der aktuellen Literatur befasst, werden vor allem Veröffentlichungen der letzten zehn Jahre fokussiert. Zudem ist der Rahmen auf die stationäre Pflege im Krankenhaus begrenzt. Aufgrund der eingeschränkten zeitlichen und finanziellen Ressourcen geschieht die Literaturauswahl primär im Rahmen der Verfügbarkeit und erhebt somit keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
An die ausgewählte Literatur werden gezielte Fragen zum Themenbereich anhand eines Fragenleitfadens 4 gestellt, wobei die starke Bindung der Texte an Perspektive und Ziel von Autoren und Zielgruppe auffällt. 5 Es gibt nur wenig Literatur, die sowohl die pflegerische als auch die medizinische und ökonomische Seite von standardisierter Pflege- und Behandlungsplanung beachtet. Auch die individuelle Pflegeplanung, die die Individualität des Patienten in den Mittelpunkt stellt, ohne zugleich Möglichkeiten der Standardisierung zu nutzen, wird kaum diskutiert. Daher kann meist nur ein Teil der Fragen an die jeweiligen Texte gestellt werden.
Da ein einheitliches Verständnis der Begriffsbedeutungen Grundvoraussetzung für die Arbeit mit einem Frageleitfaden ist, werden die Begriffe individuelle Pflegeprozessplanung und standardisierte Prozesssteuerung zunächst in ihrer Wortedeutung erläutert.
1 Das zugrundliegende Brainstorming ist der Arbeit angehängt.
2 Eine Übersicht der recherchierten Begriffe und Kombinationen ist der Arbeit angehängt.
3 Die ausführlichen Bezeichnungen sind im Abkürzungsverzeichnis erläutert und eine detaillierte Liste der einbezogenen Datenbanken ist angehängt.
4 Der zugrundeliegende Frageleitfaden ist der Arbeit angehängt.
5 Da das Ziel der Arbeit in der Ermittlung des aktuellen Diskussionsstandes in der Literatur besteht, jedoch nicht zwingend die An- sicht der Verfasser widerspiegelt, wird versucht die Argumentation möglichst nah am originalen Wortlaut der Quellen zu gestalten.
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2 Begriffe
2.1 Individuelle Pflegeprozessplanung
Jeder Mensch in seiner Besonderheit ist ein Individuum. Dieses Wort kommt aus dem Lateinischen und beschreibt etwas Unteilbares. Was individuell entschieden wird, ist für einen Einzelnen bestimmt bzw. einen Einzelnen betreffend (vgl. Brockhaus 1999: 399). In den Wirtschaftswissenschaften wird unter einer Individualentscheidung die „Entscheidung eines aus einer Einzelperson bestehenden Entscheidungsträgers“ (Alisch 2005: 1450) verstanden, dessen Entscheidungsverhalten durch intraindividuelle Informationsverarbeitungsprozesse determiniert wird (vgl. ebd.: 1450). Durch eine „gedankliche Vorwegnahme der Mittel und Schritte, sowie deren Abfolge, die zur effektiven Erreichung eines Zieles notwendig scheinen“ (Brockhaus 1999: 78) kann durch Abschätzungen, Entwürfe und Entscheidungen festgelegt werden, auf welchen Wegen, mit welchen Schritten und in welcher zeitlichen und organisatorischen Abfolge ein zuvor gestecktes Ziel erreicht werden kann. Dabei ist Planung vor allem dann notwendig, wenn mit knappen Ressourcen in kurzer Zeit Entscheidungen getroffen und vorhandene Bedürfnisse befriedigt werden müssen (vgl. ebd.). Planung ermöglicht eine Verringerung der Komplexität und gewährleistet die notwendige Stabilität und Sicherheit für individuelle Entscheidungen.
Pflegerische Einzelfallentscheidungen bestehen nach Behrens und Langer (vgl. 2004: 22) aus mehreren Komponenten. Dazu gehören die Expertisen der Pflegenden, die Vorstellungen der Patienten, 6 die Umgebungsbedingungen und die Ergebnisse aus der Pflegeforschung, wobei die Ziele der Pflegenden entscheidend sind. Der Pflegeprozess unterstützt die pflegerische Entscheidungsfindung. Als „logischer, klientenzentrierter, zielgerichteter, universell anwendbarer und systematischer Denk- und Handlungsansatz, den Pflegende während ihrer Arbeit nutzen“ (Georg 2007: 514), ermöglicht er ein strukturiertes Vorgehen. 7
Bei der individuellen Pflegeprozessplanung entscheiden Pflegende, für welche individuellen Pflegeprobleme welche individuellen Pflegemaßnahmen geplant werden sollen. Sie wählen den eigenen Präferenzen entsprechende Interventionen und Abläufe aus und passen sie an den konkreten Fall an. Dabei sollen nach Georg (vgl. 2007: 523) aktuelle gesundheitliche Probleme der Patienten gelindert, gebessert oder gelöst und potenzielle Probleme verhindert werden. Da die gewünschte Zufriedenheit der Patienten, wie Döhr (vgl. 2002: 304) herausstellt, hauptsächlich von dem tatsächlichen Leistungsniveau, von der subjektiven Wahrnehmung der einzelnen Patienten und vom ihrem individuellen Anspruchsniveau abhängig ist, werden bei einer standardisierten Prozesssteuerung sehr hohe Anforderungen an die Anpassungsfähigkeit gestellt.
6 Zugunsten einer besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit durchgehend jeweils eine geschlechtliche Form eines Begriffes verwendet, obwohl die Tatsachen für beide Geschlechter Gültigkeit haben.
7 Auf das Pflegeassessment zur individuellen Einschätzung des Interventionsbedarfs folgt die Diagnosestellung als Ausgangspunkt für die Festlegung von Pflegezielen und die daraus resultierende Planung der zur Zielerreichung geeigneten Maßnahmen. Die Evaluation der durchgeführten pflegerischen Interventionen führt zu einer neuen Einschätzung des Interventionsbedarfes. Eine schematische Abbildung des Ablaufes zur Verdeutlichung ist im Anhang beigefügt.
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2.2 Standardisierte Prozesssteuerung
Bei einem Standard handelt es sich ganz allgemein um einen Maßstab, eine Norm, eine Richtschnur (vgl. Brockhaus 1999: 269) bzw. ein allgemeines Leistungs-, Qualitäts- und Lebensführungsniveau sowie einen anerkannten Qualitätstyp (vgl. Duden 1982: 724). In Bezug auf die Wirtschaftswissenschaften wird unter einer Standardisierung eine „Vereinheitlichung nach bestimmten Mustern“ (Alisch 2005: 2769), unter einer Standardisierungsstrategie eine Markt- bzw. Leistungspolitik verstanden, die „keine individuellen, sondern durchschnittliche Problemlösungen gleicher Art, unabhängig von der spezifischen Problemstellung des einzelnen Nachfragers“ umfasst (ebd.: 2769). In Bezug auf das Gesundheitswesen definiert die World Health Organisation (WHO) einen Standard als ein „professionell abgestimmtes Leistungsniveau“ (Bartholomeyczik 2005: 21), wobei die Definition des Deutschen Netzwerkes für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) Pflegestandards als „professionell abgestimmtes Qualitätsniveau, das den Bedürfnissen der damit angesprochenen Zielgruppe angepasst ist und Kriterien zur Erfolgskontrolle dieser Pflege mit einschließt“ (Schiemann u. Moers 2004: 43) versteht. Zapp et. al (2004: 154) beschreiben, dass sich abgesehen von der besonderen Betonung der Qualitätsentwicklung pflegerischen Handelns „ärztliche Leitlinien und pflegerische Standards in ihren Zielen, Anforderungen und Entwicklungsansätzen (bottom-up und top-down)“ gleichen, wobei in der Literatur überwiegend von ärztlichen und pflegerischen Leitlinien gesprochen wird. Ärztliche Leitlinien sind „systematisch entwickelte Entscheidungshilfen über die angemessene ärztliche Vorgehensweise bei speziellen gesundheitlichen Problemen“ (Bundesärztekammer - AWMF u. ÄZQ 2001: 5 zitiert in ebd.: 153), die als Orientierung dienen und somit Handlungs- bzw. Entschei-dungskorridore eröffnen, von denen in begründeten Fällen abgewichen werden kann und muss (vgl. Zapp et al. 2004: 153).
Ein Prozess beschreibt im Allgemeinen einen Vorgang, einen Verlauf oder eine Entwicklung (vgl. Brockhaus 1999: 219). 8 Jeder Prozess kann in eine Folge von Aktivitäten zerlegt werden, deren Abfolge auch Verzweigungen enthalten kann. Haubrock (2007: 172) beschreibt die Kennzeichen eines Prozesses als „systematisches Zusammenwirken von Menschen, Maschinen, Material und Methoden entlang der Wertschöpfungskette zur … Erbringung einer Dienstleistung.“ 9 Nach Zapp und Dorenkamp (vgl. 2002: 38) ist eine effiziente Prozesssteuerung durch das Zusammenführen der drei Leistungsparameter Qualität, Zeit und Kosten zu realisieren, wobei die Kundenzufriedenheit das maßgebende Ergebniskriterium darstellt. Durch die Prozesssteuerung werden die „erarbeiteten Planvorgaben in konkrete Aktivitäten umgesetzt“ (Alisch 2005: 2412), wobei die Prozesse entweder nach einem Zeit-, einem Weg- oder einem Ablaufplan gesteuert werden können (vgl. Brockhaus 1999: 202).
8 Nach Chrobok (1996: 190 zitiert in Haubrock 2007: 171) beschreibt ein Prozess in einer Organisation „eine Reihe von aufeinanderfolgenden Handlungen (Verrichtungen), die zu einem definierten Zeitpunkt oder durch ein definiertes Ereignis angeregt wird und zu einem definierten Ende und einem messbaren Ergebnis führt bzw. führen soll.“
9 Haubrock (vgl. 2007: 172) charakterisiert den Geschäftsprozess als System funktionsübergreifender Aktivitäten mit definiertem In- und Output. Da das Ergebnis des Geschäftsprozesses die Bedürfnisse Dritter, z.B. der Patienten, erfüllen soll, verliert ein Prozess seine Existenzberechtigung, wenn die Nachfrage nach dem Prozessergebnis nachlässt oder verschwindet.
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Eine standardisierte Prozesssteuerung im Krankenhaus umfasst somit eine Vereinheitlichung der Prozesse im Sinne eines abgestimmten professionellen Leistungs- und Qualitätsniveaus, dessen Steuerungsfunktionen in Bezug auf den Ablauf und die Gestaltung der Teilprozesse zum systematischen Zusammenwirken von Menschen, Maschinen, Material und Methoden zur Optimierung der Ergebnisse im Sinne der Patientenzufriedenheit beiträgt. Da an diesem Zusammenwirken im Krankenhaus immer Menschen mit ihrer Individualität beteiligt sind, befinden sich Planung und Steuerung in einem Kraftfeld zwischen Individualität und Standardisierung. 10
10 Eine Grafik zur Verdeutlichung dieses Kraftfeldes befindet sich im Anhang.
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3 Planung und Steuerung in der Pflege im Kraftfeld zwischen Individualität und Standardisierung
3.1 Rahmenbedingungen für die Pflege
Seit einigen Jahren gibt es große Veränderungen im ökonomischen und medizinischen Umfeld, aber auch im Bereich der Pflege selbst. Nichts scheint derzeit so selbstverständlich zu sein wie der stetige Wandel. Das gilt sowohl in Bezug auf wirtschaftliche als auch auf medizinische und pflegerische Komponenten der Patientenversorgung durch Krankenhäuser.
Als Folge der durch den Gesetzgeber im Jahr 2000 beschlossenen Änderung der Vergütungsform für die stationäre Patientenversorgung zugunsten eines Fallpauschalensystems anhand von G-DRG sind strukturelle Veränderungen bezüglich der Patientenversorgung in Krankenhäusern unausweichlich (vgl. Kahla-Witzsch u. Geisinger 2004: 9). Dahlgaard und Stratmeyer (vgl. 2005: 142) beschreiben als einzige Möglichkeit mit festen Preisen auszukommen, die Selbstkosten der Leistungserstellung durch Effizienzsteigerung der Prozesse unter diesen Preis zu drücken. Hierzu ist eine grundlegende Neugestaltung der Prozesse und der Kooperationsprozesse erforderlich. Mit dem gleichen oder mit weniger Personal muss immer mehr geleistet werden. Die Grenze zur Überlastung ist, so Roeder (vgl. 2002: 462), teilweise schon überschritten. Eine Studie der Universität Witten-Herdecke zeigt seit der Einführung der G-DRGs „unter anderem eine Zunahme der administrativen Tätigkeiten, Pflegetätigkeiten nehmen dagegen ab“ (Hausner et al. 2005: 125). 11
Durch die gesetzlich vorgeschriebene Verpflichtung zur Qualitätssicherung anhand eines einrichtungsinternen Qualitätsmanagements und der Optimierung von sektor- und berufsübergreifender Versorgung 12 (vgl. Hellige 2004: 85) bestimmt die von Donabedian aus der Industrie in das Gesundheitswesen vorgenommene Übertragung der Qualitätsdimensionen Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität zunehmend die Kategorisierung von Qualitätsaspekten (vgl. Stemmer 2005: 430). Auch in der Pflege selbst gibt es große Veränderungen. Moers und Schiemann (vgl. 2008: 320) beschreiben einen Paradigmenwechsel in der pflegefachlichen Diskussion und der Krankenpflegegesetzgebung der letzten Jahrzehnte. Durch den Wechsel von der Verrichtungsorientierung des biomedizinischen Modells, das von Krankheit, Diagnostik und Therapie bestimmt wird, hin zur Personen- bzw. Patientenorientierung, bei der die betroffene Person und ihr Umgang mit der Krankheit im Mittelpunkt steht, verschiebt sich der Fokus der Pflege „von der Krankheit zum krank sein [sic]“ (ebd.). 13
11 Dies deckt sich mit den subjektiven Angaben der Mitarbeiter, dass die Zeit für die Patienten seltener ausreiche, Beratung und Schulung von Patienten und Angehörigen deutlich abgenommen habe und die Patienten deutlich früher und kränker entlassen würden. Es sei zu einer Verdichtung des Arbeitsaufwandes gekommen, wodurch Pflegende weniger Zeit für elementare Bestandteile der pflegerischen Arbeit haben (vgl. Hausner et al. 2005: 129f.).
12 Das wird beispielsweise in § 17 b KHG, Abs. 2 „Wahrung der Qualität der Leistungserbringung“, aber auch § 135 a in Verbindung mit §§ 136 und 137 SGB V deutlich.
13 Auch im aktuellen Krankenpflegegesetz (§ 3 KrPflG) wird von der verantwortlichen Mitwirkung „insbesondere bei der Heilung, Erkennung und Verhütung von Krankheiten“ gesprochen. Die Pflege ist „unter Einbeziehung präventiver, rehabilitativer und palliativer Maßnahmen auf die Wiedererlangung, Verbesserung, Erhaltung und Förderung der physischen und psychischen Gesundheit der zu pflegenden Menschen“ auszurichten. Die unterschiedlichen Pflege- und Lebenssituationen sowie Lebensphasen und die Selbständigkeit und Selbst- bestimmung des Menschen sind dabei zu berücksichtigen (vgl. Moers u. Schiemann 2008: 321).
10
In der WHO-Aufgabendefinition wird auch eine salutogenetische Perspektive der Pflege sichtbar. Dabei werden die gesunden Potenziale gestützt und entfaltet, die jeder Mensch ungeachtet von Fähigkeitsstörungen hat. Pflege beschäftigt sich mit den Krankheitsfolgen des Einzelnen, aber auch mit den Angehörigen. Hierbei sind sowohl Prävention als auch Kooperation mit anderen Berufsgruppen als wesentliche Bestandteile zu nennen (vgl. Hellige 2004: 85). 14 Die Pflege unterscheidet sich demnach von der Medizin vor allem darin, dass das Handeln nicht primär auf das Erkennen, Verhüten, Heilen und Lindern von Krankheiten ausgerichtet ist, sondern auf das Kranksein. Patienten und deren Familien werden dabei unterstützt, auch unter gesundheitlicher Einschränkung und Pflegeabhängigkeit eine möglichst hohe Lebensqualität aufrechtzuerhalten (vgl. Stratmeyer 2007: 7). Hierbei gehört die Umsetzung des Pflegeprozesses nach geltendem Berufsrecht zu den Sorgfaltspflichten in der Pflege (vgl. Wipp u. Kamm 2005: 33). Nach Isfort (2002: 582) wird sich professionelle Pflege zukünftig darin zeigen, „ob die erforderlichen Leistungen und die erbrachten Leistungen übereinstimmen.“ Auch in Bezug auf die Organisation der stationären Pflege im Krankenhaus gibt es an vielen Orten einen Wechsel weg von der „traditionellen Funktionspflege, die den Menschen auf eine Summe von Pflegetätigkeiten reduziert, die von unterschiedlichen Mitarbeitern erbracht werden“ (Schaepe 2006: 425), hin zu einem Ganzheitspflegesystem mit Gruppen-, Zimmer-, Bereichs- oder Bezugspflege bzw. Primary Nursing (PN). 15 Für eine Qualitätsverbesserung sind jedoch nicht nur das Pflegesystem, sondern auch die inhaltstheoretische Ausrichtung von Pflege, d.h. die zugrundeliegende Pflegetheorie, und die individuelle Kompetenz, d.h. die Expertise und die Ausbildung, der Pflegenden wesentlich. Das ist bereits durch mehrere Studien bestätigt (vgl. Schaepe 2006: 425ff.).
Insgesamt stellt sich die Frage, wie die bereits geschehenen und noch zu erwartenden strukturellen und inhaltlichen Veränderungen der Pflege im Rahmen der gegebenen gesetzlichen und ökonomischen Möglichkeiten sinnvoll gestaltet werden können. Zukunftsweisend sind Innovations- bzw. Modernisierungskonzepte und Steuerungsinstrumente, die geeignet sind „den veränderten Anforderungen im Ge-sundheitssektor im Rahmen einer Optimierung des Pflegeprozesses gerecht zu werden“ (Görres et al. 2006: 161). Bei all dem gilt es jedoch auch zu beachten, dass Pflege immer an und durch Menschen im Kontext ihrer Individualität geschieht.
14 In der WHO-Aufgabendefinition wird festgehalten, dass es der gesellschaftliche Auftrag der Pflege ist, „dem einzelnen Menschen, der Familie und ganzen Gruppen dabei zu helfen, ihr physisches, psychisches und soziales Potenzial zu bestimmen und zu verwirklichen, und zwar in dem für die Arbeit vollen Kontext ihrer Lebens- und Arbeitsumwelt. Deshalb müssen die Pflegenden Funktionen aufbauen und erfüllen, welche die Gesundheit fördern, erhalten und Krankheit verhindern … Pflegende arbeiten auch partnerschaftlich mit Angehörigen anderer, an der Erbringung gesundheitlicher und ähnlicher Dienstleistungen beteiligter Gruppen zusammen“ (WHO 1993, zit. n. Hellige 2004: 85).
15 Die Organisationsform der Bezugspflege (PN) beschreibt ein Pflegesystem, „bei dem eine personell kontinuierliche Patientenbetreuung optimal gewährleistet ist. Dabei wird von vier bis acht Patienten in der Verantwortung der Primary Nurse ausgegangen … zur Unterstützung kommen ausgebildete pflegerische Assistenzkräfte … hinzu. In ihrer Abwesenheit wird [sie] … von der Associate Nurse vertreten, die ebenfalls eine erfahrene Pflegefachkraft ist“ (Moers u. Schiemann 2008: 329). Nähere Begriffserläuterungen sind im Anhang beige- fügt.
Arbeit zitieren:
Katja Damm, Bernhard Klink, 2009, Individuelle Pflegeprozessplanung versus standardisierte Prozesssteuerung, München, GRIN Verlag GmbH
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DOI
Durchführung einer Projektarbeit
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