1 Einleitung
Der Untersuchungsgegenstand dieser Hausarbeit ist der fünfte Brief „Oenone an Paris“ der ovidischen Heroides. Im Vordergrund der Betrachtung sollen die Gefühle der Hauptfigur Oenone zu ihrem früheren Geliebten Paris stehen. Es soll unter anderem festgestellt werden, ob sich diese im Briefverlauf verändern oder konstant bleiben.
Es wurde dieser Brief ausgewählt, da die Liebesbeziehung zwischen Oenone und Paris, eine Jugendliebe, kaum bekannt ist im Gegensatz zu seinen späteren Liebschaften, wie zum Beispiel mit Helena.
Für ein besseres, umfangreicheres Verständnis des Briefes wird vor Beginn der Interpretation eine kurze Einführung in das Werk Heroides gegeben, dem auch dieser fünfte Brief „Oenone an Paris“ entnommen ist, und zudem knapp der Autor Ovid im Verhältnis zu diesem eingeordnet. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird der mythologische Hintergrund zu diesem Brief erschlossen werden, sodass der Zusammenhang von den Geschehnissen mit diesem Brief deutlich wird. Eine sehr kurze Wiedergabe des Briefinhalts soll einen ersten Überblick über den Inhalt geben. Im Anschluss hieran beginnt die eigentliche Interpretation des Briefes unter der oben bereits genannten Fragestellung, sodass der Inhalt des Briefes ausführlicher deutlich wird.
Der Interpretationsteil wird fein untergliedert, damit abschnittsweise die Gefühle Oenones betrachtet werden können.
Die bei der Interpretation verwendete lateinische Textausgabe ist die von Heinrich Dörrie (1971), da diese auch einen textkritischen Apparat enthält.
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2 Knappe Informationen zum Werk „Heroides“ und seinem Autor Die „Heroides“, auch „Epistulae heroidum“ genannt, sind ihrer äußeren Form nach fiktive Briefe mythologischer Frauengestalten an ihre abwesenden, in der Ferne verweilenden Männer oder Geliebten. Ihre innere Form ist die des inneren Monologs. Der Titel dieses ovidischen Werks ist nicht genau geklärt, da der Titel des Buches nicht überliefert ist 1 und der Titel nur eine sekundäre Hinzufügung der einzelnen Herausgeber ist. Sie enthalten vierzehn Briefe berühmter Heldinnen, jedoch lässt Ovid auch mythologische Nebenfiguren zu Wort kommen, einen Brief von Sappho (historisch greifbare Persönlichkeit: antike griechische Dichterin) an Phaon und drei Briefpaare männlicher Gestalten aus dem Mythos an ihre Frauen mit den Antwortbriefen ihrer Frauen. Die äußere Form der Heroides ist das elegische Distichon. Inhaltlich umfassen sie ein weites Spektrum der Liebe und der Leidenschaft. Mal steht die Sehnsucht im Vordergrund (Penelope an Odysseus), mal der Versuch der Rückgewinnung des Geliebten (Oenone an Paris), mal der Vorwurf der Treulosigkeit (Ariadne an Theseus). Die Briefe unterliegen ähnlichen Aufbauschemata und Inhalten, sodass sie nicht dazu geeignet sind in einem Zug gelesen zu werden. Je nach Stimmung des Lesers, kann ein Brief ausgewählt werden. Der Autor dieses Werkes Publius Ovidius Naso (kurz: Ovid) und sein Lebenslauf dürften als bekannt vorausgesetzt werden, sodass im weiteren Verlauf nur auf die Beziehung zu diesem Werk und seine Rezeption eingegangen wird. Verfasst wurden die „Epistulae heroidum“ vermutlich um das Jahr 2 n.Chr. herum. Die Heroides spiegeln seinen „psychologischen Scharfblick“ 2 wieder, insbesondere Ovids tiefgründiges Verständnis für die weibliche Psyche und zeigen abermals seinen spielerisch leichten Umgang mit dem Thema Liebe auf. Charakteristisch für den Schreibstil der Heroides ist seine Orientierung an antiken Vorlagen, jedoch wandelt er diese größtenteils ab, sodass ihm eine eigene Interpretation des mythischen Stoffes bzw. der jeweiligen Vorlage gelingt.
„Das unkonventionelle Werben der Frau um den Mann war eine noch ungewohnte Erscheinung in der römischen Gesellschaft“ 3 . Ovid greift somit sowohl inhaltlich fortschrittlich der Zeit der Antike voraus, als auch formal, denn die Heroides können
1 In der ältesten Handschrift „P“ ist kein Titel überliefert.
2 Holzberg, Niklas: Ovid. Dichter und Werk, S. 97.
3 Von Albrecht, Michael: Ovid. Eine Einführung, S. 120.
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als Vorläufer des inneren Monologs als eigene Gattung verstanden werden. Er scheint hiermit die konventionelle Gesellschaft schockiert zu haben. 4 Ovid hat die Rollen von Mann und Frau im Gegensatz zur römischen Liebeselegie umgekehrt und lässt die Frauen über Liebe sprechen. 5 In der Nachwelt erfreute sich jedoch die Literaturgattung Heroide „größter Beliebtheit“ 6 . Michael von Albrecht formuliert die dichterische Intention der „Epistulae heroidum“ „als Brennspiegel von Ovids Rezeption der bisherigen klassischen und hellenistischen Dichtung, seines dichterischen Selbstverständnisses und seiner eigenen bisherigen Werke“ 7 .
3 Fünfter Brief ‚Oenone an Paris’ der ovidischen Heroides
3.1 Mythologischer Hintergrund
Ovid greift in diesem Brief eine weniger bekannte Liebesgeschichte aus der Jugendzeit des Paris auf: seine Liebesbeziehung zu der Nymphe Oenone (Vater: Flussgott Kebren; Fluss in der Troas). Der mythologische Inhalt stammt aus dem trojanischen Sagenkreis. Paris wurde in den Wäldern des Ida (Berg in der Troas) als Säugling ausgesetzt, denn seine Mutter Hekuba (auch Hekabe) träumte kurz vor seiner Geburt, dass sie ein brennendes Holzscheit gebären werde. Sein Vater war der trojanische König Priamos. Somit ist Paris der Bruder des Hektor und der Kassandra. Hekubas Traum wurde symbolisch so gedeutet, dass Paris eine Gefahr für Troja darstelle und seinen Untergang herbeiführen werde (Inbrandsetzung Trojas). Nach seiner Aussetzung wurde Paris von einer Bärin gesäugt, bis ihn ein Hirte fand und ihn in seinem Haus großzog. Oenone verliebte sich in den Hirten/Sklaven Paris und heiratete ihn. Sie lebten in der phrygischen (Kleinphrygien: Landschaft im nordwestlichen Kleinasien) Bergwelt zusammen und hatten einen Sohn: Korythos. Im Parisurteil entschied er sich für Aphrodite und erhielt als Preis Helena zur Frau. In Troja nahm er an seinen eigenen Leichenspielen teil, wo seine Schwester Kassandra ihren längst für tot gehaltenen Bruder durch ihre wahrsagerischen Fähigkeiten erkannte. Paris wird wieder in die trojanische Königsfamilie
4 Vgl. Oppel, Eberhard: Ovids Heroides. Studien zur inneren Form und zur Motivation. Diss.,
Erlangen-Nürnberg 1968, S. 2.
5 Vgl. Von Albrecht, Michael: Ovid. Eine Einführung. Stuttgart 2003, S. 128.
6 Oppel, Eberhard: Ovids Heroides. Studien zur inneren Form und zur Motivation. Diss., Erlangen-
Nürnberg 1968, S. 2.
7 Von Albrecht, Michael: Ovid. Eine Einführung. Stuttgart 2003, S. 129.
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Arbeit zitieren:
B.A. Ann-Christin Graé, 2009, Interpretation des fünften Briefes 'Oenone an Paris' der ovidischen Heroides , München, GRIN Verlag GmbH
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Interpretation Ovid Amores 1,5
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