1 Einleitung
Die Erzählung im Buch Tobit/Tobias soll keine Tatsachen widerspiegeln, sondern vielmehr „eine erbauliche theologische Lehrerzählung“ 1 sein. Der Glaube an Gott, wie auch die Hilflosigkeit im Glauben (alter Tobias), werden thematisiert. Das Buch hat sittliche und religiöse Unterweisungen zum Ziel. Es lehrt eine praxisorientierte Frömmigkeit, wie auch das Festhalten am Vertrauen zu Gott auch in Notsituationen, denn dies wird von Gott belohnt werden. Das Buch erzählt von einem vorbildlichen, idealtypischen Israeliten, welcher in der gefährlichen Situation des Exils auf eine Probe des Glaubens gestellt wird.
„Den Text des Buches Tobit überliefern […] die Septuaginta, die Vetus Latina […], die Vulgata […], die syrische Peschitta […], eine äthiopische Übersetzung, eine mittelalterliche aramäische sowie vier mittelalterliche hebräische Handschriften. Weiterhin sind fünf fragmentarisch erhaltene Handschriften in Qumran gefunden worden, vier in aramäischer, eines [sic!] in hebräischer Sprache“ 2 . Aufgrund der Vielfältigkeit der Überlieferungen, welche auch inhaltlich differieren, ist die Rekonstruktion eines Urtextes nicht möglich. Die Textgrundlage dieses Referats ist die Übersetzung nach Luther mit Apokryphen.
Zum besseren Verständnis werde ich in diesem schriftlichen Referat den alten Tobias als „Tobit“ bezeichnen und seinen Sohn Tobias nennen. Vater und Sohn, zwei der 4 Hauptfiguren, tragen in dieser Erzählung denselben Namen.
1 Stuttgarter Erklärungsbibel S. 1209
2 Rabenau, Merten: Studien zum Buch Tobit. Beihefte zur Zeitschrift für die alttestamentliche
Wissenschaft (Hrsg. Otto Kaiser). Bd. 220. Berlin 1994. S. 3.
2
2 Ein weiser Reisebegleiter - der Engel bei Tobit
2.1 Buch Tobit allgemein
Das Buch Tobit ist Bestandteil der geschichtlichen Bücher des Alten Testaments und gilt in der katholischen Kirche als deuterokanonisch und in der protestantischen Kirche als apokryph, wird jedoch nicht aus der Bibel ausgeschieden. Seit der Reformationszeit werden im Bereich der protestantischen Kirche diejenigen Bücher als apokryph (griech. ἀπόκρυφος „verborgen“) bezeichnet, die zwar in der griechischen und lateinischen Bibel enthalten sind, aber kein hebräisches Original haben. Solche Bücher sollten im Gegensatz zur katholischen Kirche nicht mehr Bestandteil des evangelischen Kanons sein. Immerhin hat Martin Luther diese Schriften als „der Heiligen Schrift nicht gleichzuhalten und doch nützlich und gut zu lesen“ bezeichnet. Auf dem Konzil von Trient (1546-1563) wurden die meisten der in der Septuaginta enthaltenen Schriften zusätzlich zu denen in der hebräischen Bibel offiziell zum Bestandteil des katholischen Kanons erklärt. Somit ist seit dem Trienter Konzil auch das Buch Tobit verbindlich in den katholischen Kanon aufgenommen worden. Der Entstehungszeitraum der Erzählung ist frühestens im Jahr 300 v.Chr., eher jedoch um das Jahr 180 v.Chr. anzusiedeln. Wenn die Datierung auf 300 v.Chr. richtig ist, ist diese Erzählung der früheste Beleg für einen Engel mit einem eigenen Namen. Im Buch Tobit selbst werden keine konkreten Daten oder Ereignisse genannt, aus welchen man folgern könnte, auf welchen Entstehungszeitraum es zu datieren ist. Der Entstehungszeitraum der Erzählung muss aus inneren Gründen, d.h. aus der Sprache und der Theologie, geschlussfolgert werden. Der Erzählungszeitraum des Buches beläuft sich auf die Jahre 750-600 v.Chr. Dies sind die letzten Jahre des Nordreichs vor seiner Zerstörung im Jahr 722 v.Chr. und die ersten Jahrzehnte der assyrischen Gefangenschaft seiner Bewohner, mit einem Ausblick auf die Zerstörung Ninives im Jahr 612 v.Chr. Das Buch wurde von einem unbekannten Juden geschrieben und ist in der jüdischen Diaspora in Mesopotamien entstanden. Die umfangreiche Überlieferung des Buches wirft Probleme auf. Das Tobitbuch wurde in der Antike viel gelesen und abgeschrieben; Es galt als pädagogisch sehr geeignete Hinführung zum Glauben. Bei seiner handschriftlichen Tradierung bildeten sich aber Differenzen heraus. So gibt es drei unterschiedliche Texttypen, die im Grundbestand zwar übereinstimmen, sich aber im Umfang und in der
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Theologie nicht unerheblich unterscheiden. So ist die Rekonstruktion des Urtextes nicht möglich. Die Einheitsübersetzung legt, wie die meisten deutschen Bibelausgaben, den griechischen Kurztext des Codex Vaticanus zugrunde. Durch die hebräischen und aramäischen Qumranfunde wird aber der so genannte Langtext des Codex Sinaiticus bestätigt, sodass der alte Streit, ob die Kurzform ursprünglich und die Langform eine sekundäre Ausweitung ist, oder ob die Langform das ältere Stadium und die Kurzform eine bewusst gestraffte Gestalt darstellt, im Sinne der zweiten Alternative entschieden scheint. Eine moderne neue Übersetzung der Langform bietet die Bibel „Die gute Nachricht“. Die Lutherbibel bringt eine Übersetzung der Vulgata, die vergleichsweise spät (aus dem späten 4. Jh. n.Chr.) datiert ist und typische Spuren von sekundärer Fortschreibung zeigt.
In 14 Kapiteln agieren die vier Hauptfiguren des Buches: Tobit, Tobias, Sara und der Engel Rafael. Die Titelgestalt Tobit lebt in der Diaspora, da sie zu den Israeliten gehörte, die mit der ersten Deportation in das assyrische Exil gekommen waren. Tobit ist ein frommer Jude, welcher auch in der Diaspora nach dem mosaischen Gesetz lebt.
2.1.1 Ort der Erzählung
Das Zentrum der Erzählung ist die assyrische Hauptstadt Ninive, in welcher Tobit mit seiner Familie in Gefangenschaft lebte. Zudem sind Hauptstationen der Reise des Tobias Medien, Ekbatana und Rages. Rages (heutiger Name: Šahr-e Ray) liegt im heutigen Iran nahe der Stadt Teheran und ist ca. 700km von Ninive entfernt. Ninive liegt am Oberlauf des Tigris im heutigen Irak. Ekbatana liegt in Medien und ist ca. 530 km entfernt von Ninive.
Die geographischen Angaben des Buches sind recht frei, da Rages von Ekbatana nur zwei Tagesreisen entfernt liegen soll, die Städte jedoch ca. 350km voneinander entfernt liegen. Aufgrund der damals fehlenden modernen Verkehrsmittel ist die Entfernung nicht in zwei Tagen zu bewältigen. In der Antike betrug ein Tagesmarsch zu Fuß ca. 35km.
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2.1.1.1 Karte zum Ort der Erzählung
[entnommen aus (ohne farbliche Markierungen): Lutherbibel für dich. Mit Apokryphen. S. 91]
2.1.2 Aufbau und Inhalt des Buches Tobit
Der Aufbau des Buches ist dreigeteilt: Schürzung des Knotens (Tob 1,1-3,23), Lösung des Knotens (Tob 3,24-12,22) und Abgesang (Tob 13-14) 3 .
Im ersten Teil (Tob 1,1-3,23) wird sowohl die Not Tobits, als auch die Not Saras geschildert. Diese Schilderung folgt einem parallelen Aufbau. Der Name Tobit kommt aus dem Hebräischen und bedeutet „Gut ist der lebendige Gott“. Tobit wird als ein sehr frommer Mann aus dem Stamm Naftali [der Stamm Naftali hat viel Gnade und ist voll Segen des Herrn (vgl. 5. Mose 33,23) „und bewohnt ein schmales Gebiet von Hazor im Norden, am See Genezareth entlang bis zu dessen Südende; Tobias stammt etwa aus der gleichen Gegend, in der später Jesus lebte“ 4 ] dargestellt, welcher durch Almosen auch Anderen in der Verbannung hilft. Er heiratete Hanna und zeugte mit ihr einen Sohn namens Tobias, welchen er von Jugend an lehrte Gott zu fürchten und Sünde zu vermeiden. Tobit kam dann mit Frau und Sohn in die Gefangenschaft nach Ninive, wo er Missionsarbeit betrieb und kam hierdurch auch in die Stadt Rages in Medien. Dort half er dem in
3 vgl. Gliederung auf S. 1209 in der Stuttgarter Erklärungsbibel
4 Stuttgarter Erklärungsbibel S. 1211
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Not geratenen Stammesgenossen Gabael mit einem erheblichen Kredit. Er lieh diesem zehn Talente Silber und nahm hierfür einen Schuldschein entgegen. Lange Zeit später ließ der König Sanherib (Regierungszeit von 704-681 v.Chr.), dem Israeliten verhasst waren, viele von ihnen töten. Tobit begrub diese aus Glaubenstreue und wurde hierfür von den Assyrern verfolgt. „Das Verbot die toten Juden zu bestatten war ein Gipfelpunkt des antiken Antijudaismus“ 5 , da diese Nicht-Bestattung als großes Unglück galt und als Kriegsstrafe oder Fluch Gottes sehr gefürchtet war. 6 Tobit beugte sich diesem staatlichen Druck nicht, sondern leistete unerschrocken Widerstand, indem er Tote weiterhin ehrenvoll begrub. Nachdem der König dies erfuhr, befahl er ihn zu töten.. Tobit musste fliehen. Doch bereits nach 45 Tagen konnte er zurückkehren und bekam sein gesamtes Vermögen zurück, da der König gestorben war. Er begrub trotz Verbot einen weiteren getöteten Juden.
In der folgenden Nacht erblindete Tobit durch den Kot einer Schwalbe. Er beklagte zwar sein Leid, dennoch fiel er nicht von Gott ab, sondern blieb ihm weiterhin treu und ehrte ihn (vgl. auch Hiob). Nach einem Streit mit seiner Frau Hanna betete er verzweifelt zu Gott und bat ihn sterben zu dürfen (Tob 1,1-3,6).
Sara, die Tochter eines Verwandten von Tobit, beklagte zur gleichen Zeit ihre Not, da der böse Geist Aschmodai nacheinander sieben ihr versprochene Männer getötet hatte. Sie wurde zuvor von einer Magd ihres Vaters geschmäht und gescholten (Tob 3,7-3,23).
Im zweiten Teil (Tob 3,24-12,22) erhörte Gott ihre Klagen und schickte den Engel Rafael als Hilfe. Rafael fungiert hier als Gebetsmittler. Er erhört die Gebete und bringt sie vor Gott. Tobit sendete seinen Sohn Tobias, angesichts des Todes, nach Rages in Medien, damit er das geliehene Geld von Gabael zurückhole. Vor Aufbruch des Tobias hielt er ihm eine moralische und ethische Belehrung und gab seine Lebensweisheit an ihn weiter. Als Reisebegleiter nimmt Tobias den jungen Mann Rafael mit. „Tobias braucht einen Reiseführer, der den langen und gefährlichen Weg durchs wilde Kurdistan sowie das Zagrosgebirge sowie die aufzusuchende Person kennt. Solche Aufträge zur Reisebegleitung sind in der Antike durchaus bezeugt.“ 7 Auf die Reise kommt der Hund des Tobias mit. Der
5 Stuttgarter Erklärungsbibel S. 1212
6 vgl. Stuttgarter Erklärungsbibel S. 1212
7 Stuttgarter Erklärungsbibel S. 1215
6
Hund als Reisebegleiter ist im Alten Testament unüblich, da er im Allgemeinen keinen guten Ruf hat. Der Hund steht hier symbolisch für den Abschied, den Aufbruch. 8 Kurz nach Antritt ihrer Reise versuchte ein großer Fisch Tobias Füße am Ufer des Tigris zu verschlingen, als sich dieser seine Füße waschen wollte. Rafael riet ihm diesen zu fangen, ihn auszunehmen und das Herz (Rauch vertreibt alle bösen Geister), die Galle (heilt Augen vom Star) und die Leber (Rauch vertreibt alle bösen Geister) als Heilmittel aufzubewahren, wie auch den restlichen Fisch zur Verpflegung für die weitere Reise mitzunehmen. In Ekbatana heiratete Tobias Sara, nachdem er den bösen Geist mit Hilfe von Rafael ausgetrieben hatte und erlöste Sara somit von ihrem Fluch. Tobias schickte Rafael alleine weiter nach Rages um das Geld zu holen, da er in Ekbatana zur vierzehntägigen Hochzeitsfeier bleiben musste. Nach der Rückkehr Rafaels reisten Tobias, Rafael und der Hund nach Ninive heim. Der Hund läuft bei der Ankunft abermals voraus und steht symbolisch für die Ankunft der Reisenden. Tobias Frau Sara kam mit ihrem ganzen Gesinde sieben Tage später nach. In der Zwischenzeit hat Tobias seinen Vater mit der Fischgalle geheilt und ihn wieder sehend gemacht. In Tob 12 findet die Selbstoffenbarung Rafaels statt und der Engel kehrt in die himmlische Welt zurück.
Im dritten Teil (Tob 13-14) hält Tobit einen Lobgesang und preist den Rettergott und spricht letzte Mahnungen aus.
2.2 Engel Rafael
„Raphael wurde im Mittelalter zum Inbegriff des Schutzengels, dargestellt mit den sechs Flügeln der Seraphen; er gehört aber gleichzeitig zu den Cherubim.“ 9 Seine Haupteigenschaften sind Furchtlosigkeit, Unerschrockenheit, Mut und Courage. Raphael ist einer der Erzengel und rapha´el bedeutet im Hebräischen „Gott heilt“. „Außerdem wird Raphael als der Engel der Heilung bezeichnet (das hebräische Wort für Mediziner ist rophe und teilt den Wortstamm mit Raphael). In der christlichen Tradition gilt er als Schutzpatron der Kranken, Apotheker,
8 Stuttgarter Erklärungsbibel S. 1216
9 URL: http://www.heiligenlexikon.de/BiographienR/Raphael.htm (letzter Zugriff: 27.11.2007)
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Arbeit zitieren:
B.A. Ann-Christin Graé, 2008, Ein weiser Reisebegleiter - Der Engel bei Tobit, München, GRIN Verlag GmbH
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