Thomas Steller: Die Sidi Okba Moschee - Ursprünge der islamischen Gebetsarchitektur - eine Spurensuche in Kairouan. Seite 2
INHALT
I. EINLEITUNG 3
II. HAUPTTEIL 7
II.1 KONTEXT: ISLAMISCHE EXPANSION UND DIE ENTSTEHUNG VON KAIROUAN 7
II.2 GRUNDKONFIGURATIONEN ISLAMISCHER GEBETSARCHITEKTUR 10
II.2.1 BEDEUTUNG DER MOSCHEE 11
II.2.2 EINIGE WIEDERKEHRENDE BESTANDTEILE VON MOSCHEEN UND IHRE ENTWICKLUNGSLINIEN13
II.2.3 BESCHREIBUNG, DATIERUNG UND ANALYSE DER EINZELNEN BAUTEILE 16
II.3 SCHLUSSFOLGERUNGEN ZUR BEDEUTUNG DER SIDI OKBA MOSCHEE 24
III. RESUMÉE 26
IV. ABSTRACT 29
V. ANHANG 30
V.1 ZEITTAFEL ZUR SIDI OKBA MOSCHEE IN KAIROUAN 30
V.2 ABBILDUNGEN 32
VI. LITERATURVERZEICHNIS 38
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„A race of fanatics, nomads scarcely able to build walls, coming to a land
covered with the ruins left by their predecessors, picked up here and there
whatever seemed most beautiful to them, and, in turn, with these debris all of
one style and one order, raised, under the guidance of heaven, a dwelling for
their god, made of pieces torn from crumbling towns, but as perfect as the
purest conceptions of the greatest workers of stone.” 1
Einführung
Zu Beginn des siebten Jahrhunderts nach Christi Geburt bricht ein vergleichsweise gering entwickeltes Volk von (zum Teil nomadischen) Stämmen aus seiner angestammten Heimat, der Arabischen Halbinsel, auf. In weniger als einem Jahrhundert erobern die Araber ein Reich von zuvor ungekannter Ausdehnung. Geeint durch den Islam, kontrollieren sie um 730 ein zum Teil nur locker zusammenhängendes Herrschaftsgebiet vom Indus im Osten bis an die Pyrenäen im Westen. Die Konsolidierung und Festigung dieses Reiches, nach Innen wie nach Außen, setzte unmittelbar nach der Eroberung ein. In Folge erlebte dieses, nun von muslimischen Arabern beherrschte und zumindest zum Teil islamisierte Gebiet, ab Mitte des 8. Jahrhunderts und im 9. Jahrhundert ein so genanntes Goldenes Zeitalter. Insbesondere im ‚fruchtbaren Halbmond‘ 2 erreichen verschiedenste Wissenschaften und Künste, aber auch Architektur und Wirtschaft ein hohes Niveau. Eindrucksvolle Bauten wie die Große Moschee von Samarra, die Entwicklung der nashki- und kufi-Schrift und bedeutende Fortschritte in der Mathematik und Geometrie sind einige Zeugen für den hohen Stand der damaligen islamischen Kultur.
Beispielhaft für die kraftvolle Entwicklung der islamischen Kultur in dieser Zeit ist ihre Architektur. Wichtige Bauten des Islam stellen die Gebetsplätze dar, besonders die Freitags- bzw. Versammlungsmoscheen 3 (masdschid i dschuma bzw. dschami masdschid übersetzt bedeutet es etwa: ‚Ort des gemeinschaftlichen Niederwerfens vor Gott‘). Sie sind von zentraler Bedeutung für das religiöse und soziale Leben in der islamischen Kultur und als solche hervorragender Ausdruck ihrer Mentalität. Von der Gemeinschaft besonders geschätzt und gepflegt, blieben sie über Jahrhunderte erhalten und sind oftmals die einzigen noch
1 Maupassant in Sebag 1965, 22.
2 Fruchtbares Gebiet im Nahen Osten das halbmondförmig Teile von Syrien und Iraks umfasst. Speziell um die
Flüsse Euphrat und Tigris.
3 Auch genannt Große Moscheen in Unterscheidung zu einfacheren Stadtteil- oder gar Familienmoscheen. Eine
nähere Erläuterung folgt unten.
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erhalten gebliebenen Bauwerke. Zu allen Zeiten manifestierte sich in ihnen, zur Ehre Gottes, zum Nutzen der Gemeinschaft und des Stifters, die Blüte der islamischen Kunst. Im 8. bis 10. Jahrhundert entwickelte sich, den Bedürfnissen der Gemeinschaft und des islamischen Kultes folgend, die Hallen- oder Hypostylmoschee. Sie nahm dabei die Einflüsse verschiedener vorislamischer Kulturen auf. Dieser Moscheentyp war eine der maßgeblichen Matrizen, von der ausgehend sich die islamische Moscheenarchitektur in den folgenden Jahrhunderten weiterentwickelt hat. Gerade weil die islamische Kunst der ersten drei Jahrhunderte auch in späterer Zeit noch einen so fundamentalen Einfluss im Moscheenbau ausübte, stellt sich aus kunstgeschichtlicher Perspektive die Frage, wie genau die Genese der islamischen Architektur verlaufen ist. Das heißt: Ausgehend von der anerkannten These, das die Araber als Wüstenvolk bis zur Entstehung des Islam kaum eine entwickelte Architektur besaßen 4 , ist die Entwicklung der islamischen Architektur im ersten Jahrhundert nach Mohammed als Aufnahme der schon vorhanden Architekturtraditionen aus den von ihnen eroberten Räumen zu verstehen. Die frühe islamische Architektur ist also ein Kompositum unterschiedlicher Architekturtraditionen verschiedenster Kulturen. Sie ist eine ‚Kompositkunst‘ 5 . Vor diesem Hintergrund ist zu erforschen, ob und in welcher Form sich Charakteristika zusammengesetzter Kunst in einzelnen Bauwerken ermitteln lassen. Die Identifikation und Zuordnung von kulturellen Einflüssen eröffnet im Anschluss die Möglichkeit, weiterführende Aussagen über Austausch- und Anpassungsprozesse zwischen Kulturen zu treffen. Darüber hinaus ist gerade auch das Transformierte und das Nichtzuordenbare, also das Neue von herausragendem Interesse, denn gerade an diesen Stellen zeigt sich der Wille zur eigenen, selbstbewussten Schöpfung besonders deutlich.
Fragestellung
Einer der bedeutenden, großen Moscheebauten des 9. Jahrhunderts ist die ‚Große Moschee von Kairouan‘ 6 . Sie ist einer der Bauten des frühen Islam, an dem sich mehrere der genannten ‚Neuheiten‘ noch heute identifizieren lassen. In der Großen Moschee von Kairouan kristallisieren sich die architektonischen Entwicklungen Nordafrikas heraus. Hutt bestätigt dies: indem er über den Neubau des 8. Jahrhunderts sagt: „[…] it formed the kernel of Aghlabid Architecture.“ 7 Die Sidi Okba Moschee war und ist eines der religiösen Zentren der Muslime in Nordafrika. Gemeinsam mit anderen bedeutenden Vorbildern hat die Große
4 Unter Anderem folgende Autoren vertreten diese These: Creswell 1958, 1, Renz 1977, 38ff, Frishman 1995,
30, Hattstein & Delius 2000, 35, Sebag 1965, 65f.
5 Sebag benutzt den Begriff Kompositkunst zur Beschreibung der Enstehung der islamischen Kunst. „A
composite art it is often called, made up of many diverse elements.“ (Sebag 1965, 85).
6 Sie wird auch Sidi Okba Moschee - nach ihrem legendären Gründer Okba ibn Nafi - genannt.
7 Hutt 1977, 16.
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Moschee von Kairouan (Hauptbauzeit vom 8. bis Anfang des 10. Jahrhunderts durch die Dynastie der Aghlabiden) als Inspirationsquelle für die Baumeister der nachfolgenden Jahrhunderte gedient. Gerade da sie zum Vorbild für andere Moscheebauten wurde, ist es von besonderem Interesse zu entschlüsseln was die Große Moschee von Kairouan architekturgeschichtlich ausmacht, was sie charakterisiert. Den Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit bildet nachstehende These: Die islamische Architektur und ihre Ausgestaltung, wie sie sich in der Großen Moschee von Kairouan in ihrem Ausbau bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts manifestiert, ist nicht ausschließlich als reine Kompositkunst zu bezeichnen. Die Große Moschee von Kairouan ist als architektonische Manifestation eines selbstbewussten Islam 8 zu verstehen, der das Erbe anderer (älterer) Kulturen, den Bedürfnissen der jungen Glaubensgemeinschaft entsprechend, selektiv aufnimmt und sie, diesen Bedürfnissen entsprechend, kreativ umformt oder auch mehrere solcher Einflüsse miteinander kombiniert und synthetisiert. Auf diese Weise entsteht eine genuin islamische Kunst. Im Sinne der Übernahme und Angleichung von Elementen fremder Kulturen in die sich ausdifferenzierende Gemeinschaft des Islam ist von mehreren architektonischen - oder weiter gefasst - künstlerischen Akkulturationen des Islam im Mittelmeerraum und in Persien zu sprechen. In Folge dieser kulturellen Anpassungs- und Austauschprozesse entsteht in den ersten vier Jahrhunderten nach der hi÷ra 9 das, was als islamische Kunst beziehungsweise Künste anzusprechen ist. 10
Untersuchungsablauf
Die Große Moschee von Kairouan steht im Focus dieser Arbeit. Sie dient als prominentes Beispiel für den nordafrikanischen Entwicklungsstrang der islamischen Kunst. Anhand des Baukörpers der Sidi Okba Moschee werden Spuren dieser Entwicklungen aufgezeigt. Sie ist heute besonders gut für eine solche Untersuchung geeignet, denn „[…] the general arrangement of the building has scarcely changed, and looks today much as it did in the eleventh century.“ 11
8 Islam hier nicht nur religiös verstanden sondern als Kultur, das heißt als einheitliche, verbindliche und alle
Lebensbereiche umfassende und beeinflussende Verhaltenslehre. (Siehe auch weiter unten)
9 Der arabische Begriff hi÷ra bezeichnet den Auszug des Propheten aus Mekka im September 622 und damit den
Beginn der islamischen Zeitrechnung.
10 Der Begriff Islamische Kunst, als Bezeichnung für einen mehr oder minder einheitlichen Stil im islamischen
Herrschaftsgebiet, ist mit Einschränkungen nur für die ersten vier islamischen Jahrhunderte angemessen. Mit
dem fortschreitenden Zerfall des Abbasidenreiches und der zunehmenden Regionalisierung der
Herrschaftsräume etwa ab dem 10. Jh. setzt eine wesentlich stärkere Ausdifferenzierung der Stile ein. Diese sind
dann korrekterweise eher als regionale Stile unter islamischem Vorzeichen anzusprechen.
(Siehe insbes. Frishman & Khan 1995, 11ff).
11 Sebag 1965, 59.
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Im Hauptteil der Argumentation wird in einem Zweischritt verfahren. An erster Stelle steht eine doppelte kontextuelle Einbettung der Entstehung der Großen Moschee von Kairouan. Dies geschieht zum einen in Form einer kurzen Geschichte der islamischen Expansion nach Nordafrika. Dabei wird erläutert, werden welchen Einflüssen die islamischarabische Kultur während ihrer Expansionsbewegung ausgesetzt war, um dadurch die Art der Einflüsse zu eruieren. Zum anderen erfolgt eine Zusammenfassung der Bedeutung und Grundkonfiguration islamischer Gebetsarchitektur und ihrer bestimmenden Faktoren. Nachdem derartig der Bezugsrahmen abgesteckt wurde, ist die nächste Vorraussetzung für ein fundiertes Verständnis ihrer Entstehungsdeterminanten die gründliche Analyse des Baukörpers der Großen Moschee. Die Basis hierfür bildet eine komprimierte Beschreibung und Datierung der einzelnen Bauteile. Es folgen Analysen der baulichen Grundstruktur, der Bauform und ihrer Ausgestaltung sowie Betrachtungen zur Verwendung von dekorativen Elementen. Die einzelnen Bauelemente, in ihrer konkret vorliegenden künstlerischen Ausformung, werden dahingehend untersucht, was sie in Hinsicht auf erkennbare künstlerische Vorbilder preisgeben. Weiterhin ist die Herkunft der verwendeten Materialien von Interesse. Eine dritte Aussageebene erschließt sich bei der Betrachtung der übergreifenden Ordnung der Bauteile in Hinsicht auf mehrere feststellbare Großstrukturen. Bei diesen Betrachtungen wird auch die Frage nach der Rolle und Präsenz der Bauherren und der Baumeister von Bedeutung sein. Weiterhin wird untersucht, ob Hinweise vorhanden sind, die Auskunft geben können über intendierte Aussagen und Wirkungen.
Forschungstand und Literaturgrundlage
Die Forschungen zu islamischer Architekturgeschichte haben insbesondere in der westeuropäischen Forschung in den 1960er bis 1980er Jahren große Fortschritte gemacht. Leider sind nur wenige neuere aktuelle Publikationen vorhanden. Besonders was die archäologische und kunsthistorische Aufarbeitung und Publikation von bedeutenden Einzelmonumenten anbelangt ist die Forschungslage zum Teil noch mangelhaft. Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Großen Moschee von Kairouan ist durchwachsen. Diese Arbeit stützt sich daher, neben einer Anzahl von allgemeinen Werken 12 , auf die beiden einzigen Werke, die sich intensiv mit der Großen Moschee von Kairouan beschäftigen. Die wichtigste architekturgeschichtliche Publikation mit dem Titel „The Great Mosque of Kairouan“ stammt von Sebag aus dem Jahr 1965. Sie bietet eine sehr gute, wenn auch kompakte Beschreibung und Deutung der Gesamtanlage wie auch der einzelnen Bauteile
12 Einige allgemeine Werke konnten, da sie nur in Fremdsprachen (insbes. Arabisch) vorlagen, die dem Autor
nicht verständlich sind, nicht berücksichtigt werden. Die wesentlichen Informationen, soweit überhaupt
erforscht, waren jedoch zugänglich.
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der Großen Moschee. Sie vermag zum Teil auch Antworten auf die Frage nach der Herkunft bestimmter Architekturelemente geben. Sebags Buch nimmt jedoch nur ansatzweise eine kulturgeschichtliche Einordnung der Moschee, hinsichtlich ihrer Implikationen für und ihrer Aussagefähigkeit über die Entwicklung der islamischen Kunst vor. Eine ganze Reihe von neuen wichtigen Erkenntnissen in Bezug auf Detailfragen präsentieren Ewert und Wisshak in ihrer Untersuchung zu den Vorstufen der almohadischen Moschee aus dem Jahr 1981. Neben der detaillierten Bauaufnahme sind ganz besonders ihre Aussagen zur Verwendung antiker Spolien und deren Anordnung, in über die Moschee hinausverweißenden Mustern, äußerst bedeutungsvoll. Diese Erkenntnisse ermöglichen es erst, die Gesamtaussage der Moschee für die aghlabidische Zeit zu entschlüsseln und geben ferner Hinweise zur Verbindung der Aghlabiden-Dynastie zum abbasidischen Kalifat. Zum jetzigen Zeitpunkt existiert keine zusammenhängende Publikation, die alle Erkenntnisse zur Großen Moschee von Kairouan bündelt und reevaluiert. Die Notwendigkeit dafür besteht, da die verschiedenen Autoren in Einzelfragen zum Teil unterschiedliche oder gar widerstreitende Positionen vertreten 13 . Auch, und dies ist besonders zu bedauern, fehlt bisher die gründliche Aufarbeitung und Veröffentlichung der archäologischen Untersuchungen und Restaurierungen aus den 1970er bis 1980er Jahren. Es bleibt an dieser Stelle zu hoffen, dass die Zuerkennung des Status als Weltkulturerbe durch die UNESCO für die Medina von Kairouan im Jahr 1988 ein solche Publikation in Zukunft doch noch nach sich zieht.
II.1 Kontext: islamische Expansion und die Entstehung von Kairouan
Die Analyse der Architektur der Großen Moschee von Kairouan setzt die Kenntnis der Geschichte der Expansion des Islams und die Geschichte der Aghlabiden voraus, daher folgt hier ein knapper Überblick.
Die politische und kulturelle Ausgangsituation im Nahen Osten war zu Beginn der islamisch-arabischen Expansion im 7. Jahrhundert äußerst günstig für diese. Die beiden im Osten des Mittelmeeres verbliebenen Großreiche, Byzanz (Das Nachfolgereich des römischen Reiches) und die persischen Sassaniden, waren durch jahrelange Grenzkriege untereinander und durch Seuchen geschwächt. Im Westen des Mittelmeeres und in Nordafrika hatte die
13 Insbesondere Brandenburgs (Brandenburg 1971) Beitrag zur Großen Moschee von Kairouan weicht oft von
zeitgenössischen und aktuellen Beiträgen ab und ist stellenweise sehr kritisch zu betrachten. Creswells (Creswell
1958) einflussreiches Buch zur islamischen Architekturgeschichte ist stellenweise veraltet. Ähnliches gilt mit
Einschränkungen für Renz 1977 und Hutt 1977.
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Völkerwanderung vielerorts nur schwache oder ständig wechselnde Reichsgebilde hinterlassen. In diese Zeit fallen die Offenbarungen des Propheten Mohammed (~570 - 632) in Mekka. Unter dessen Führung beginnt in den 620er Jahren die Ausbreitung des Islam. Das rasche Vorwärtsdringen der Araber in den folgenden Jahren lässt sich durch verschieden Faktoren erklären. Motiviert und vorwärts gezogen von der Aussicht auf unermessliche Beute und erfüllt von einem Gefühl der Stärke, gewonnen aus ihrer neu gefundenen Einheit, verbunden mit religiösem Eifer, wurden sie gleichzeitig getrieben durch wirtschaftliche Not auf der arabischen Halbinsel. Die Aussicht auf bessere Lebensbedingungen und der wenig effektive Widerstand der gegnerischen Völker waren weitere Erfolgsfaktoren. Innerhalb von dreißig Jahren Expansion umfasste das islamisch-arabische Herrschaftsgebiet nicht nur die Arabische Halbinsel sondern auch das Zweistromland, das Gebiet des heutigen Syrien und Ägypten. 14 (Siehe Abbildung 1)
Nordafrika und Kairouan
Ab dem Jahr 647 stießen die Araber auch nach Ifriqiya 15 , der ehemaligen römischen Provinz Africa vor. Dieses reiche Gebiet war durch den Niedergang des Byzantinischen Reiches geschwächt und wurde nur mangelhaft verteidigt. Allerdings gelang es den Arabern erst unter der Führung des Feldherrn Sidi Okba ibn Nafi (622-683), sich dauerhaft in Afrika zu etablieren. Die Provinz war im folgenden Jahrhundert vom jeweiligen Kalifen abhängig. Dessen Stadthalter schafften es jedoch nie in Nordafrika dauerhaft Ruhe zu schaffen. 16 (Siehe Abbildung 2)
Die Geschichte der Stadt Kairouan beginnt 670 als Feldlager. Die sagenumwobene Gründung erfolgte durch Okba Ibn Nafi an strategischer Stelle. Der Standort der Stadt Kairouan geht wahrscheinlich nicht - wie viele andere Städte Nordafrikas - unmittelbar auf eine frühere römische Besiedlung zurück 17 , vielmehr handelt es sich vermutlich um die erste eigenständige islamische Stadtgründung in Nordafrika. Gleichwohl existierten in der Nähe ehemalige römische Siedlungen, die nächste Namens Jellula etwa 40 km entfernt am Fuße des Tell-Hochplateaus. Die Gründung Kairouans erfolgte in feindlicher Umgebung. Rebellische Berberstämme und später aufständige arabische Garnisionen verursachten immer wieder
14 Krämer 2005, 22-40.
15 Ifriqiya ist die arabische Bezeichnung für das Gebiet zwischen der Tripolitania und dem Atlantik.
16 Hattstein & Delius 2000, 130ff.
17 Es bestehen zu diesem Punkt unterschiedliche wissenschaftliche Positionen: Jervis sagt ausdrücklich das keine
Ansiedlung aus römischer Zeit an dieser Stelle bestand (Jervis, 1998, 40). Mazot spricht von der „[…] Nähe der
Ruinen einer antiken Stadt.“ ( in Hattstein & Delius 2000, 132). Sebag führt sich widersprechende Quellen an
und weißt auf die Möglichkeit eines byzantinischen Forts namens Qamuniya an diesem Ort hin (Sebag 1967,
16). Eine kompetente Entscheidung kann an dieser Stelle schwerlich getroffen werden. Sicher ist, das Africa in
römischer Zeit eine der am meisten verstädterten Landschaften mit einer hohen Bevölkerungsdichte war und
darum die Nähe frühere Siedlungen zum Gründungsort Kairouans nicht unwahrscheinlich ist.
Arbeit zitieren:
M.A. Thomas Steller, 2007, Die Sidi Okba Moschee , München, GRIN Verlag GmbH
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