Marxismus Karin Borner
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1. Einleitung - Eine Kurzbiographie von Marx und Engels
Die Begründer der marxistischen Staats-, Gesellschafts- und Wirtschaftstheorie sind Karl Marx (1818 - 1883) und Friedrich Engels (1820 - 1895). Karl Marx wurde am 05. Mai 1818 als Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts in Trier ge-boren. Er studierte zunächst auf Wunsch seines Vaters Rechtswissenschaften, dann Geschichte und Philosophie in Bonn und Berlin. Nach der Fertigstellung seiner Dissertation über griechische Naturphilosophie bei Demokrit und Epikur (1841 in Jena) konnte Marx wegen seiner Zugehörigkeit zu den „linkshegelianischen Kritikern“ nicht auf eine akademische Laufbahn rechnen. Statt dessen übernahm er im Jahre 1842 die redaktionelle Leitung der liberalen „Rheinischen Zeitung“, und wurde so zum Publizisten. Durch seine Emigration 1843 nach Paris lernte Marx bekannte Sozialisten und Kommunisten kennen, und neben seiner Bekanntschaft mit Heinrich Heine kam es zum ersten engen Kontakt mit Friedrich Engels, aus dem sich eine lebenslange, enge Zusammenarbeit entwickelte 1 .
Friedrich Engels, der enge Freund und Mitarbeiter von Marx, wurde am 28. November 1820 als Sohn eines Textilfabrikanten in Barmen geboren. Auf Drängen seines Vaters brach er das Gymnasium vor dem Abitur ab und absolvierte statt dessen eine kaufmännische Ausbildung im elterlichen Betrieb. In seiner Freizeit begeisterte Engels sich jedoch schon früh für Literatur und Philosophie. Genau wie Karl Marx war auch er von der Philosophie Hegels beeindruckt, wohingegen Ludwig Feuerbach Engels Interesse am Sozialismus weckte. Während seines Aufenthaltes in der väterlichen Fabrik in Manchester (1842 -1844) studierte Engels die dortigen Lebens- und Arbeitsbedingungen der englischen Industriearbeiterschaft und setzte sich in seinen ersten Schriften mit den dadurch entstehenden sozialen Problemen auseinander 2 .
Marx und Engels wirkten also zu einer Zeit, als sich die infolge der industriellen Revolution und des knallharten Kapitalismus herausgebildete Arbeiterschaft, von ihnen in ihren Schriften meist nur als „Proletariat“ bezeichnet, nicht mehr nur zu einer leidenden, sondern auch zu einer kämpfenden, gesellschaftlichen Klasse entwickelte. So seien hier nur die Aufstände der Seidenweber von Lyon (1831 und 1834), die schlesischen Weberaufstände (1844) und der Kampf der ersten politischen Arbeiterbewegung, der britischen Chartisten und soziale Reformen (1835 - 1850) erwähnt 3 . Vor diesem Hin-tergrund und in Verbindung mit philosophischen Ideen des 18. und 19. Jahrhunderts entstanden die neuen wissenschaftlichen Theorien von Marx und Engels.
Die folgende Arbeit untersucht nun schwerpunktmäßig den dialektischen Materialismus, die materialistische Geschichtsauffassung („Historischer Materialismus“), sowie die ökonomischen Lehren von Marx und Engels, und versucht die entsprechenden „Fachterminologien“ zu erläutern.
1 Vgl. Lexikon-Institut Bertelsmann (Hrsg.), Band 12, Mark-Musg, S. 25.
2 Vgl. Lexikon-Institut Bertelsmann (Hrsg.), Band 5, Dos-Fau, S. 241.
3 Vgl. Schleifstein, J., Einführung in das Studium von Marx, Engels und Lenin, S. 1 ff.
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2. Der dialektische Materialismus
2. 1 Der philosophische Materialismus
Marx und Engels orientieren sich bei ihrem philosophisch-theoretischen Fundament des Marxismus vor allem an den Ideen von Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1804 - 1872). Wie bei allen anderen Philosophen auch, steht der Mensch im Mittelpunkt ihrer Betrachtungen. Die entscheidende Frage ist damit auch bei Marx und Engels, wer wen beeinflußt: Der Mensch die Natur, sprich seine Umgebung, oder umgekehrt. Bestimmt also das materielle Sein oder das menschliche Denken die Handlungen. Friedrich Engels formulierte in einer Schrift über die Thesen Ludwig Feuerbachs dazu knapp die Frage: „Was ist das Ursprüngliche, der Geist oder die Natur?“ Mit der Antwort auf diese Frage spalte sich die Philosophie in zwei Lager: diejenigen, die die Ursprünglichkeit des Geistes gegenüber der Natur behaupten, bilden das Lager der Idealisten, wohingegen diejenigen, die die Natur als das Ursprüngliche ansehen, als Materialisten zu bezeichnen sind 4 . Marx greift bei seinen Überlegungen die These Hegels auf, dass die menschliche Lebenswirklichkeit eine dynamische Entwicklung, ein Prozess der „Selbsterzeugung“ sei und fasst in seinem Werk „Das Kapital“ zusammen: „Wirkend auf die äußere Natur und verändernd, verändert der Mensch gleichzeitig seine eigene Natur“ 5 . Wie Hegel sieht auch Marx die Weltgeschichte als einen sich in Gegensätzen, Spannungen und Kämpfen entwickelnden, fortschreitenden Prozess in Richtung auf die Verwirklichung der Vernunft, der Gerechtigkeit und der Freiheit. Anders als Feuerbach, der den Materialismus nur auf das Gebiet der Naturwissenschaften begrenzen wollte, machen Marx und Engels den entscheidenden Schritt nach vorn, und wenden die materialistische Dialektik auch auf die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft an. Unter dialektischen Materialismus ist generell das Bemühen zu verstehen, durch die Überwindung von Widersprüchen zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Wie die Überwindung von Widersprüchen im Denken den Erkenntnisprozess weiterführt, so soll auch der Entwicklungsprozess der Wirklichkeit (sowohl der Natur, als auch der menschlichen Gesellschaft) durch das Auftreten und die Überwindung von Widersprüchen vorangetrieben werden. Als „Widerspruch“ ist in diesem Fall „ein Kampf von Gegensätzen“ anzusehen, so z. B. der Gegensatz von Bürgertum und Proletariat innerhalb der Gesellschaft 6 . Während Hegel im Sinne der Frage von Friedrich Engels nach dem Ursprünglichen als Idealist anzusehen ist, sieht Marx das Ideelle als nichts anderes als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle 7 . Marx holt damit, wie er selbst sagt, die Philosophie Hegels vom Himmel auf den Boden; er stellt sie für seine materialistische Dialektik vom Kopf auf die Füße. Zusammenfassend lassen sich diese Überlegungen in der Marxschen Aussage, dass das Bewusstsein nicht das Sein der Menschen, sondern ihr gesellschaftliches Sein das Bewusstsein bestimmt 8
4 Vgl. Lenin, W.I., Ausgewählte Werke, S. 31.
5 Vgl. Schack, H., Marx-Mao-Neomarxismus, S. 14 ff.
6 Vgl. Lexikon-Institut Bertelsmann (Hrsg.), Band 4, Che-Dor, S. 366.
7 Vgl. Lenin, W.I., a.a.O., S. 30.
8 Vgl. Schack, H., a.a.O., S. 14 ff.
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2.2 Die Dialektik und ihre Gesetze
In der marxistischen Philosophie bilden Materialismus und Dialektik eine unlösbare Einheit. Für Marx und Engels ist dabei die Welt nicht ein Komplex von fertigen Dingen, sondern ein Komplex von Prozessen, eine ununterbrochene Veränderung des Werdens und Vergehens. Die Dialektik ist daher die Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Gesellschaft und des Denkens. Da alle Gegenstände und Erscheinungen in mehr oder weniger festen, wechselseitigen Beziehungen stehen, sind sie auch bestimmten Gesetzmäßigkeiten unterworfen 9 . Engels, der die Dialektik auch als „Wissenschaft des Gesamtzusammenhanges“ bezeichnete, nennt in seinen Manuskripten zur „Dialektik der Natur“ drei Grundgesetze der Dialektik 10 :
Gesetz der Widersprüche
Den Kern der Dialektik bildet der Gedanke von den Widersprüchen, oder dem Kampf der Gegensätze. Triebkraft einer jeden Entwicklung und Bewegung sind demnach die allen Erscheinungen und Prozessen innewohnenden Widersprüche. Der Kampf dieser Gegensätze gibt den Anschub und führt zu einem Anschwellen der Widersprüche. Diese Widersprüche lösen sich zu einem bestimmten Zeitpunkt auf, indem das Bisherige verschwindet und etwas Neues entsteht. Paradebeispiel für diese Gesetzmäßigkeit ist nach Marx der entstehende Klassenkampf zwischen Proletariat und den Kapitalisten, an dessen Ende nach Beseitigung der Gegensätze eine neue Gesellschaftsordnung stände 11 .
Gesetz der Sprünge
Sowohl quantitative als auch qualitative Merkmale unterscheiden Sachen und Gegebenheiten. Quantitative Merkmale beziehen sich auf erfassbare und messbare Grössen, wie z. B. Gewicht, Grösse oder Anzahl der Personen. Qualität dagegen ist nicht greifbar, sondern meint die Gesamtheit bestimmter Charakteristika. Das Gesetz der Sprünge besagt nun, dass sich ein Entwicklungsprozess durch das langsame Umschlagen quantitativer in qualitative Veränderungen und umgekehrt sprunghaft entwickelt. Veranschaulichen lässt sich dies ganz banal am Wechsel des Aggregatzustandes z. B. von Wasser ab einer bestimmten Temperatur oder der Tatsache, dass wenn bei der Erhitzung ein kritischer Punkt überschritten ist, Metall vom festen in den flüssigen Zustand übergeht 12 .
9 Vgl. Lexikon-Institut Bertelsmann (Hrsg.), Band 4: Che-Dor, S. 366.
10 Vgl. Schleifstein, J., Einführung in das Studium von Marx, Engels und Lenin, S. 47 ff.
11 Vgl. ebd., S. 53.
12 Vgl. ebd., S. 53.
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Gesetz der Negation der Negation
In der Natur, aber auch in der Gesellschaft lässt sich häufig beobachten, dass die Entwicklung von Niederen zu Höheren in Zyklen fortschreitet, wobei das höhere Stadium des Zyklus zu wesentlichen Merkmalen des Ausgangsstadiums zurückkehrt, aber auf einer höheren Stufe. Die Negation ist also sowohl die Aufhebung eines bestehenden Zustandes, als auch die spätere „Negierung“ des neuen Zustandes (Negation der Negation) 13 . Lenin beschreibt die marxistische Dialektik als eine Entwicklung, die die bereits durchlaufenden Stadien gleichsam noch einmal durchmacht, aber anders, auf höherer Stufe 14 .
13 Vgl. Schleifstein, J., Einführung in das Studium von Marx, Engels und Lenin, S. 54.
14 Vgl. Lenin, W.I., Ausgewählte Werke, S. 34.
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Dipl.-Betriebswirtin Karin Peters, 2003, Untersuchungen zum Marxismus, München, GRIN Verlag GmbH
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